Die Verehrung des Pestheiligen Rochus in Europa


Seminararbeit, 2001

31 Seiten, Note: sehr gut


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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Kurze Geschichte der Pest

3. Medizinische Angaben zur Pest

4. Die Pest als Strafe Gottes

5. Der Kult des Hl. Rochus
5.1. Vita des Hl. Rochus
5.2. Der Autor der Vita: Francesco Diedo
5.3. Motive in der Vita des Hl. Rochus
5.4. Der Umgang der Kirche mit dem Rochuskult

6. Darstellungen des Hl. Rochus
6.1. Darstellung als Pilger
6.2. Darstellungsmotive aus der Vita

7. Hilfe zwischen Magie und Religion
7.1.Reliquien
7.2. Amulette
7.2.1. Pilgerzeichen
7.2.2. Amulette in Kombination mit dem Zachariassegen
7.3. Andachtsbilder

8. Die Verehrung des Hl. Rochus in europäischen Städten
8.1. Montpellier / Frankreich
8.2. Venedig / Italien
8.3. Bingen am Rhein / Deutschland

9. Rochus - ein Heiliger der heute noch aktuell ist?

1. Vorwort

Der Hl. Rochus von Montpellier war von seinem Tod an für das Volk ein Heiliger und auch ein Held, der aufgrund seiner Taten, seiner Hilfsbereitschaft gegenüber Erkrankten und auch aufgrund seiner am eigenen Leibe erduldeten Krankheit, verehrt wurde. Sein Kult verbreitete sich schnell in Frankreich, Italien, Belgien, Deutschland und in vielen anderen Ländern auf der ganzen Welt.

Ärzte, Chirurgen, Apotheker, Pflasterer, Strumpfflicker, Totengräber und Sargschreiner verehren Rochus als Schutzpatron.

Städte, Seen, Hügel und Wälder tragen den Namen des Heiligen.

In dieser Arbeit möchte ich versuchen, den Kult des Hl. Rochus als Pestheiliger in Europa darzustellen.

Ich beginne mit einleitenden Information über die Krankheit Pest, die ich für notwendig finde, um überhaupt über einen Pestheiligen sprechen zu können. Zu diesen Erläuterungen gehört in meinen Augen auch die theologische Interpretation der Pest, welche die Bevölkerung im Mittelalter maßgeblich beeinflusste.

Danach folgt eine Beschreibung des Kultes des Hl. Rochus, wobei ich vor allem Wert auf die Entstehung dieser Traditionen lege. Das Erstellen und die Überlieferung einer Heiligenlegende ist hier von besonderer Bedeutung. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Ikonographie des Heiligen, die gewisse Konventionen bezüglich der Darstellung aufweist.

Als Pestheiliger hat der Hl. Rochus die Kraft, die Menschen vor der Seuche zu bewahren. Um dieser Kraft habhaft zu werden, bedient sich das Volk gewisser Gegenstände, deren Verwendung die Grenzen der Religion hin zur Magie überschreiten.

In vielen europäischen Städten wurde und wird der Pestheilige verehrt. Anhand von Montpellier, Venedig und Bingen soll die Art und Weise der Verehrung und ihre Entwicklung bis in unser Jahrhundert dargestellt werden.

In Krisensituationen sucht sich der Mensch immer einen „rettenden Anker“. Und diese Hilfe bot sich den Menschen in der Figur des Hl. Rochus und im Glauben an die göttliche Macht.

2. Kurze Geschichte der Pest

Um die Ausbreitung des Rochuskultes zu verstehen, ist es unerlässlich, sich auch die Pestepidemien in Europa zu vergegenwärtigen. Ich beziehe mich auf das Buch von Ruffie Jaques „Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit“. Sehr eindrucksvoll und vor allem verständlich wird hier die Apokalypse der Pest von ihren Anfängen bis in die Neuzeit dargestellt.1 Diese Angaben vervollständige ich mit Fakten herausgegeben von der WHO.2

Die Pest trat seit mindestens 3000 Jahren immer wieder epidemisch auf.

Das bedeutet, dass bereits vor unserer Zeitrechnung große Seuchen die Menschheit plagten. Wichtige Belege hierfür sind das „Alte Testament“ und die Beschreibung der Pest von Athen von Thukydides. Jedoch sind diese Seuchen nicht eindeutig als Pest ausgewiesen. Jegliche Krankheit, die ganze Völker auf ein Minimum dezimierte, wurde als Pest bezeichnet. Ca. 40 solcher Epidemien lassen sich anhand der historischen Quellen nachweisen.

Die erste große Pestepidemie unserer Zeitrechnung beginnt im Jahre 541. Sie erstreckte sich von Äthiopien bis nach Konstantinopel, wo 542 Justinian herrschte. Diese Seuchenwelle wurde deshalb auch als „justinianische Pest“ bezeichnet. Durch den regen Schifffahrtshandel breitete sich die Krankheit bis an den Rhein aus und verebbte erst im Jahre 544.

Jedoch hatte die Menschheit nicht sehr lange Zeit, sich zu erholen, denn bereits 557 tauchte die Pest erneut wieder auf. Wenn man sich nun die Daten der folgenden Pestepidemien bis zum 8.Jahrhundert vergegenwärtigt, erkennt man einen schaurigen Rhythmus. Ungefähr alle zwölf Jahre bricht eine neue Pestepidemie aus. Dies sind aber nur die durch Quellen bestätigten Seuchenzüge. Die Pest wirkte nicht nur epidemisch in großen Wellen, sondern auch endemisch, betraf dann nur einen geringeren Prozentsatz der Bevölkerung und wird in dieser Art ihrer Wirkung oft unterschätzt.

Ab dem 8. Jahrhundert verebbt die Pest für einen kleineren Zeitraum bis auf geringe Erscheinungen.

Der folgenschwerste Ausbruch der Pest vollzog sich im 14. Jahrhundert. Die einleitende Begebenheit für diese Epidemie möchte ich hier kurz schildern, denn daran lässt sich erkennen, dass Pest und Krieg und Pest und Handel oft in Verbindung zueinander stehen:

Die tatarischen Reiterhorden unter Khan Djam Bek belagerten das reiche genuesisches Handelszentrum Kaffa am Schwarzen Meer. Nach dem Ausbruch der Pest unter seinen Soldaten ließ der Khan die Pestleichen über die Stadtmauer in die Stadt katapultieren. Nach dem Abzug der Tartaren nahm Kaffa seinen Handel wieder auf, und der mörderische Vormarsch der Pest begann. Die Seuche wurde auf den Schiffen nach Europa gebracht und verbreitete sich von den Häfen aus über ganz Kontinentaleuropa.

Aufgrund ihres Krankheitsbildes, schwarzer Beulen am Körper, bekam diese Seuchenwelle den Namen „Schwarzer Tod“. Die Anzahl der Opfer stieg auf eine für unsere heutigen Verhältnisse unvorstellbare Zahl. Wissenschaftler gehen davon aus, das in Europa mindestens ein Drittel der Bevölkerung an der Pest starb. Diese Pandemie von 1348 -1352 hinterließ unauslöschbare Spuren in der Gesellschaft. Es kam zu einschneidenden sozialen und politischen Veränderungen und die Länder brauchten einige Zeit, um dieses Unglück zu überwinden. Eine solche große Katastrophe ereignete sich nie wieder, jedoch konnte die Pest erst am Beginn des 18. Jahrhunderts durch bessere Hygienemaßnahmen und Ausrottungsversuchen der Ratten eingedämmt werden. Trotzdem kam es immer wieder zu Ausbrüchen der Seuche, die auch nach Amerika verschleppt wurde. Bis heute ist die Pest als Krankheit existent. Sie tritt vereinzelt in Asien, Afrika, Südamerika und Australien auf. In den letzten 50 Jahren gab es drei Perioden, wo man ein vermehrtes Auftreten der Pest feststellen konnte (1966 - 1972; um 1975; Mitte der 90iger bis jetzt). Statistiken lassen erkennen, dass die Pesterkrankungen in den letzen Jahren zunehmen.3 Die größte Epidemie brach in Vietnam aus. Grund dafür war der Krieg.

Man kann also sagen, dass sich die Umstände einer Pestwelle seit dem Mittelalter nicht geändert haben. Krieg und Hunger begünstigen auch heute noch die Verbreitung dieser Seuche.

3. Medizinische Angaben zur Pest

Diese medizinischen Informationen entnehme ich dem „WHO Report on Global Sueveillanc of Epidemic - prone Infectious Diseases 2000“.4

Es ist wichtig, wenn man sich mit dem Rochuskult beschäftigt, auch medizinisch über die Seuche informiert zu sein, denn nur so kann man zum Beispiel die Ikonographie des Heiligen interpretieren.

Die gefürchtete Pest tritt in zwei Arten auf: Beulen- oder Bubonenpest und Lungenpest. Erstere wird durch Rattenflöhe auf den Menschen übertragen5. Durch den Biss des Flohs gelangt der Erreger ins Lymphsystem und wandert dort zum nahegelegensten Lymphknoten. Die Beulenpest bricht nach einer Inkubationszeit von zwei bis zehn Tagen aus und ist gekennzeichnet von mehreren Symptomen. Zu den bekanntesten zählen folgende: Anschwellen der Lymphknoten, Durst, Schüttelfrost, Delirium und gänseeigroße schwarzblaue Beulen. Die Überlebenschancen betragen zumeist 40 - 50%. Wird diese erste Form nicht behandelt so tritt nach einigen Tagen die Lungenpest ein. Die Bakterien brechen aus den Lymphknoten aus und überschwemmen den ganzen Körper. Dabei produzieren sie das lebensgefährliche Toxin, wovon dann die Lungen befallen werden. Der Tod tritt durch Luftknappheit und Kreislaufversagen ein.

Die Lungenpest kann aber auch direkt von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektionen übertragen werden. Es fehlen dann die charakteristischen Beulen. Diese Art der Pest war früher unheilbar.

Heute können beide Formen mit Antibiotika behandelt werden.

Zur Erkenntnis der Ursachen der Pest gelangte man erst im vorletzten Jahrhundert. 1894 wurde das Pestbakterium von S. Kitasato, einem Schüler von Robert Koch und A. Yersin entdeckt.

4. Die Pest als Strafe Gottes

„Jetzt wollen wir drei Tagesmärsche weit in die Wüste ziehen und Jahwe, unserem Gott, Schlachtopfer darbringen, damit er uns nicht mit Pest oder Schwert straft.“ (Buch Exodus 5,3)6

„Wenn du nicht auf die Stimme des Herrn, deines Gottes hörst, indem du nicht auf alle seine Gebote und Gesetzte, auf die ich dich heute verpflichte achtest und sie nicht hältst, werden alle diese Verfluchungen über dich kommen und dich erreichen: [...] Der Herr heftet die Pest an dich.“ (Buch Deuteronomium 28, 15 - 22)7

„Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, der sagt zum Herrn: ‚Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue’Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten [...] nicht vor der Pest die im Finsteren schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag. Fallen auch tausend zu deiner Seite, dir zu Rechten zehnmal tausend, so wird es doch dich nicht treffen.“ (Psalmen 91)8

Alle diese Zitate stammen aus der Bibel, die bis heute zu den meist gelesensten und zitiertesten Büchern zählt. Wo sonst, wenn nicht in dieser Schrift, sollten die Menschen in einer Zeit, in der ihr Leben durch eine allesvernichtende Seuche bedroht wird, eine Antwort auf die immer wiederkehrende Frage nach dem „warum“ finden. Die Pest wurde als göttliche Heimsuchung verstanden, als Strafe für ein sündiges Leben oder als Prüfung für das Heil der Seele. „Die Krankheitsvorstellungen des Mittelalters stellten Gesundheit und Krankheit in ganz neuer Weise in die Zusammenhänge christlicher Lebensführung.“9

Die theologischen Interpretationen bezüglich der Ursachen der Krankheit wurden von der Bevölkerung leichtgläubig akzeptiert, weil die Religion ihnen als einzige „Wissenschaft“ eine plausible Erklärung geben konnte: Die Ursache war der sündige Mensch, der durch die Krankheit geläutert bzw. gezüchtigt werden sollte. Die Medizin war während der ersten großen Pestepidemien machtlos gegen diese Seuche. Weiters fanden sich in religiösen Sitten, Gebräuchen und Sakramenten die Mittel zur Abwendung der Seuche.10

Besonders die Aussicht auf eine Besserung der Situation ließ die Menschen bei der Kirche Schutz suchen. Präventive und konkrete Gegenmaßnahmen wurden von der Kirche bereitgestellt: Frömmigkeitsübungen aller Art (Gebete, Beichten), Wallfahrten, Prozessionen, Flagellantenzüge (später aufgrund ihres exzessiven Charakters verboten). Zusätzlich waren vor allem die Pestpatrone und religiös - magische Gegenstände (Amulette, Reliquien,...) für den Volksglauben von großer Bedeutung.11 Die Tatsache, dass es in Pestzeiten zu einem vermehrten Bau von prunkvollen Kirchen und zu häufigen Renovierungen von Gotteshäusern kam, lässt erkennen, dass der Bedeutungszuwachs der Religion während einer Krise der Kirche viele Vorteile brachte. Sie vertrat Gott auf Erden und konnte somit auch Schenkungen in aller Art in seinem Namen entgegennehmen. Die kirchlichen Institutionen wussten durchaus den Einfluss, den sie auf die Bevölkerung hatten zu ihren Gunsten auszunützen.

Auch der staatlichen Obrigkeit war ein solcher Verlauf der Entwicklungen recht, denn sie mussten weder die Verantwortung für die Ursachen noch für die Bekämpfung der Pest übernehmen. Die Schuld am Ausbruch konnte auf Sünder abgeschoben werden, die wirksamste Maßnahme gegen die Seuche war somit die Vertreibung der Schuldigen.

Als Sünde galten jene Dinge, die der staatlichen Führung sowieso zu wider waren, wie Judentum, Bettlerwesen und Zuwanderung von Ausländern. So fand der Staat in der theologischen Interpretation auch eine Begründung zur Verfolgung dieser Volksgruppen.

Weiters erließ der Staat zwar die Pestordnungen doch fast jeder dieser weltlichen Erlässe beinhaltet auch religiös begründete Punkte.12

In einer Zeit, in der man als Mensch einer Seuche wie der Pest hilflos gegenübersteht, sucht man nach der heilsbringenden Rettung und das war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit die Religion.

5. Der Kult des Hl. Rochus

5.1. Vita des Hl. Rochus

In Bezug auf die Nacherzählung der Vita folge ich den Studien von Roemer und Zeller, da mir die Originalschrift nicht zugänglich war.13

Rochus kommt 1295 in Montpellier / Frankreich zur Welt. Sein Vater, der Stadtfürst, und seine Mutter waren bereits sehr alt und es grenzte an ein Wunder, dass sie einen Sohn zeugen konnten. Rochus ist seit der Geburt mit einem roten Kreuz auf der Brust gezeichnet.

Die Eltern sterben, bevor Rochus das 20igste Lebensjahr erreicht. Rochus verschenkt seinen Besitz, überlässt das Regiment seinem Onkel und begibt sich auf eine Pilgerreise nach Rom.

In der italienischen Stadt Aquapendente heilt Rochus die Pestkranken.

In Rom heilt Rochus den Kardinal Britannicus von der Seuche, indem er ihm ein Kreuz auf die Stirn zeichnet. Er wird daraufhin dem Papst vorgestellt.

Nachdem er Rom verlassen hat, wandert Rochus durch Oberitalien, heilt in mehreren Städten Pestkranke, bis er in Piacenca selbst an der Seuche erkrankt. Um niemandem mit seinem Wehklagen zur Last zu fallen, zieht sich Rochus in den Wald zurück. Von einem Engel gepflegt und von dem Hund eines reichen Gutsbesitzers mit Brot versorgt, wird Rochus wieder gesund. Er heilt die Tiere des Waldes und die Kranken in Piacenca.

Daraufhin kehrt Rochus nach Montpellier zurück. Dort erkennt ihn niemand und er wird als vermeintlicher Spion in den Kerker geworfen.

Als er nach fünf Jahren Gefangenschaft stirbt, erstahlt seine Zelle in einem hellen Licht und neben dem Leichnam finden die Menschen eine Tafel, die auf sein Patronat verweist. Anhand des Kreuzes auf seiner Brust identifiziert man den Toten als Rochus von Montpellier.

Die Vita endet mit der Beschreibung des Konzils 1414 in Konstanz, währenddessen die Pest ausbricht. In dieser Krisenzeit erinnern sich die Bischöfe an den Hl. Rochus und halten eine Bittprozession ab. Nach kurzer Zeit verschwindet die Pest aus Konstanz.

5.2. Der Autor der Vita: Francesco Diedo

Es ist selten, dass man den Autor einer Vita so Genua bestimmen kann wie in diesem Fall und auch, dass die Legende mit einem Beweis für die heilenden Kräfte des Heiligen endet ist ungewöhnlich.

Eine Erklärung für diese Umstände liefert Michael Zeller in seiner Forschungsarbeit zum Rochuskult.14 Im folgenden fasse ich seine Ergebnisse zusammen. Francesco Diedo veröffentlichte die Legende 1478. Er war Stadthalter Venedigs in Brescia und als dort die Pest ausbrach, gelobte Diedo, nach Ende der Seuche die Legende des Pestpatronen zu verfassen.

Zeller vermutet nun, dass Diedo dieses Gelöbnis nicht nur aufgrund seines Glaubens an die Hilfe des Heiligen abgelegt hat, sondern, dass er als Staatsmann um die Ordnung innerhalb seiner Region fürchtete und durch die Inaussichtstellung der Hilfe durch den Patron seinen Untergebenen eine Orientierungsmöglichkeit bieten wollte. Durch die Beschreibung der Ereignisse in Konstanz bestärkt Diedo die Gläubigen in ihrer Hoffnung.

Zeller verweist weiters auf die Unstimmigkeiten innerhalb der Legende, die durch genauere Forschungen erkannt wurden.

Während des Konzils von Konstanz 1414, gab es keine Pesterkrankungen.

Rochus wurde nicht in Montpellier, sondern bereits in der Lombardei verhaftet.

Rochus starb angeblich um 1327. Zu einem umfassenden Ausbruch der Pest, wie er in der Legende bereits zu Lebzeiten des Rochus stattfand, kam es aber erst um 1348. So korrigierte die heutige Wissenschaft die Lebensdaten des Heiligen auf ca. 1350 - 1379.

Diedos Talente lagen also nicht in der Kenntnis der Historie, sondern als Philosoph und Schriftsteller lag sein Talent im Schreiben. Meiner Meinung nach wusste er genau, welche Inhalte ein solcher Text haben musste, um das Volk anzusprechen und ihm eine Orientierungsmöglichkeit in einer Krisenzeit zu bieten.

5.3. Motive in der Vita des Hl. Rochus

Wie bereits beschrieben war der Verfasser der Vita des Hl. Rochus ein gebildeter Mann. Er dürfte sich vor allem sehr gut über diverse Motive und Symbole informiert haben, die im katholischen Glauben, sei es durch die Bibel oder durch andere Heiligenlegenden tradiert wurden.

Ich selbst bin katholisch erzogen worden und kenne viele Heiligenlegenden und Geschichten mit religiösem Inhalt. Obwohl mir die Legende des Heiligen Rochus zuvor nicht bekannt war, kam es mir beim ersten Lesen so vor, als würde ich den Inhalt bereits kennen.

Die Vita des Rochus liest sich als Konglomerat vieler anderer Texte, da sich viele Motive auf bereits bestehende Erzählungen zurückführen lassen. Ich versuche im folgenden einige Motive der Vita des Rochus mit denen aus anderen Lebensbeschreibungen zu vergleichen, denn so erkennt man den topischen Charakter der Motive.

- Rochus wurde geboren, als seine Eltern bereits sehr alt waren und bis zum damaligen Zeitpunkt vergeblich Gott um Nachwuchs gebeten hatten. Nun ging ihre Bitte in Erfüllung.

Vergleich:

Sara, die Frau Abrahams gebärt ihren Sohn Isaak als alte Frau. Gott hat verfügt, dass sie im hohen Alter noch einen Sohn bekommen soll. (Buch Genesis 20,18; 20,21)15

- Rochus verschenkt seinen gesamten Besitz und begibt sich auf eine Pilgerreise.

Vergleich:

Der bekannteste Heilige, der seinen Besitz aufgab um in Armut zu leben, ist Franz von Assisi. Er verteilte zum Widerwillen seiner Eltern seine ganzen Besitztümer und verzichtete auch auf das elterliche Erbe.16

- Rochus verbirgt, als er an der Pest erkrankt im Wald. Dort bringt ihm ein Hund Brot und ein Engel lässt eine Quelle entspringen, aus der Rochus trinken kann. Vergleich:

Gott befahl Elija, dass er sich am Bach Kerit verstecken soll. Dort bringen Raben dem Propheten Brot und Fleisch und er trinkt das Wasser aus dem Bach. (1. Buch der Könige 17, 1-7)17

Ein weiteres, ebenfalls sehr interessantes Motiv, ist die Zeichnung des Kindes mit einem roten Kreuz auf der Brust.

Dies ist zum einen ein Hinweis auf das spätere Patronat des Rochus als Helfer und Schützer in Pestzeiten, denn Ärzte trugen in Venedig im 15. Jahrhundert auf ihren Gängen zu den Pestkranken ein solches Kreuz.18

Zum anderen ist diese körperliche Zeichnung auch im Zusammenhang mit dem religiösen Denken des Menschen im Mittelalters zu sehen. „Eine Konstante, die das ganze Mittelalter durchzieht, ist das Bedürfnis, Religiosität durch massiv materielle Zeichen und am besten durch den eigenen Körper auszudrücken.“19 So waren zum Beispiel Mönche sehr leicht an ihrem Haarschnitt, der Tonsur, zu erkennen, und auch Rochus wurde letztendliche durch das rote Kreuz auf seiner Brust wiedererkannt.

Wenn man nun diese Inhalte der Vita mit der Stellung des Francesco Diedo als Statthalter in einer von der Seuche heimgesuchten Stadt in einen Bezug stellt, so glaube ich, ist auch dies ein Beweis dafür, dass es dem Verfasser weniger um die historische Genauigkeit, als vielmehr um die Erbauung der Leser und Zuhörer der Vita ging. Er wusste, welche Motive er verwenden musste, um dem Heiligen zu einer Popularität zu verhelfen und ihn zu einem Beschützer des Volkes werden zu lassen.

5.4. Der Umgang der Kirche mit dem Rochuskult

Offiziell wurde Rochus von der Kirche nie heilig gesprochen. Um den streng geführten juristischen Prozess der Heiligsprechung bestehen zu können, fehlen die Beweise für sein Leben und Wirken, denn Voraussetzung für eine Heiligsprechung sind mindestens zwei bewiesene Wunder die auf die Fürbitte des Heiligzusprechenden bewirkt wurden. Wie bereits gezeigt wurde, beinhaltet schon die Legende des Rochus einige Unstimmigkeiten, sodass eine Heiligsprechung nicht möglich war. Es gibt aber in den frühen Regeln der Kirche auch eine Heiligsprechung durch das Volk und so wurde Rochus als volkstümlicher Heiliger unter dem Einfluss der großen Pestepidemien des frühen 17. Jahrhunderts 1629 von der Kirche approbiert. Besondere Förderer des Kultes war der volksnahe Franziskanerorden. Jedoch findet sich Rochus nicht in den Reihen der Heiligen, die von einem Papst kanonisiert wurden.20

Interessant ist der Umgang der Reformation mit diesem Heiligen. Die allgemeine Kritik der Reformation an der katholischen Kirche bezog sich auf die Heiligen und Bildverehrung. Jedoch mussten die Reformatoren erkennen, wie groß die Verehrung des Volkes gegenüber Rochus war und sie konnten gegen diese Popularität des Heiligen kaum etwas ausrichten. Dies ist bewiesen durch einen Konflikt in Nürnberg. Der Rochuskult wurde von dem Nürnberger Reformator Veit Dietrich direkt angesprochen. Verurteilt wird von ihm die Formulierung von Gebeten, in denen das göttliche Heil als Gegenleistung für die Verdienste des Heiligen gefordert wird.

Jedoch dürften solche Verurteilungen der Reformatoren innerhalb der Bevölkerung keinen allzu großen Anklang gefunden haben, denn viele Rochusbilder und Altäre blieben verschont.21

Aus diesen Tatsachen schließe ich, dass weder die katholische Kirche noch die Reformation es bewerkstelligen konnte, den Hl. Rochus aus den Köpfen hilfesuchender Menschen zu verbannen und so wurde sein Kult bis ins 21. Jahrhundert überliefert.

6. Darstellungen des Hl. Rochus

Die Darstellungen des Hl. Rochus sind in den Ländern, in denen er als Pestpatron verehrt wird, zwar unterschiedlich, doch haben sich bis zum 15. Jahrhundert mehrere ikonographische Konventionen ausgebreitet, die zum festen Charakteristikum der Bilder wurden und an denen Rochus im Gegensatz zu manch anderen Heiligen auch sehr leicht zu identifizieren ist.

Generell kann man diese Kennzeichen des Heiligen unterteilen in Motive, die allgemein zur Darstellung eines frommen Pilgers gehören und in Motive, die aus der Vita des Heiligen entlehnt wurden. Die folgenden Beschreibungen entnehme ich den Darstellungen des Ausstellungskataloges „Der Pestpatron“22. Die ausgestellten Exponate sind sehr vielfältig und trotzdem sind genau die zuvor beschriebenen ikonographsichen Konventionen fast bei jedem Einzelstück zu finden.23

6.1. Darstellung des Pilgers

Kleidung eines Pilgers ist zumeist eine einfache Reisekleidung bestehend aus einem Hut mit einer breiten Krempe , Mantel und festem Schuhwerk. Hier ist die Spannweite etwas größer als bei anderen Motiven der Rochusdarstellung, denn die Kleidung ändert sich zumeist je nach Zeit und Land der Darstellung und auch nach dem Stand, dem man dem Pilger zuschrieb. Der Stand ist auch ausschlaggebend dafür, ob Rochus auf der Darstellung als Wallfahrer zu Pferd oder als einfacher Wanderer zu sehen ist.

Fast immer ist Rochus als Pilger mit einer Tasche und einem Stab ausgestattet. Die Tasche verkörpert den ganzen Besitz des Pilgers, der seinen restlichen Reichtum zu Hause zurückgelassen hat. Der Stab dient als Zeichen eines Wanderers, der sich auf seinem beschwerlichen Weg auf seinen Stab stützen kann.

Als weiteres Charakteristikum ist die Figur des Rochus fast auf jeder Darstellung mit Pilgerzeichen versehen. Zwei verschiedene solcher Pilgerzeichen lassen sich erkennen. Zum einen findet sich eine Muschel, die sogenannte Jakobusmuschel (nach dem Pilgerzug zum Grab des Hl. Jakobus benannt), welche von Rochusugefü auf dem Gewand, dem Hut oder der Tasche getragen wird. Für jede absolvierte Pilgerfahrt wurde eine Muschel hinzgt. Das zweite Pilgerzeichen sind gekreuzte Schlüssel, die nur ein Rompilger tragen durfte.24

6.2. Darstellungsmotive aus der Vita

Das Zeichen, an dem man den Heiligen am ehesten erkennt, ist seinem Patronat gemäß die Pestbeule. Diese offene Wunde wird in der bildenden Kunst als eindeutiges Signum dieser Krankheit verwendet. Bei den Rochus - Darstellungen befindet sich die Beule zumeist etwas oberhalb des Knies. Medizinische gesehen ist dies untypisch, denn die ersten Beulen entstehen bei einer Pesterkrankung in der Leistenbeuge. Nun ist es aber verständlich, dass man bei der Abbildung eines Heiligen dessen Bein nicht bis zur Leiste entblößen kann, und so befindet sich die Pestbeule des Rochus aus Pietätsgründen weiter kniewärts.

Rochus wird nur selten alleine abgebildet. Zumeist ist einer seiner beiden Helfer, die ihn während seiner Krankheit pflegten bei ihm zu sehen.

Der Hund, der Rochus mit dem Brot seines Herren verpflegte, sitzt bei den meisten Darstellungen an Rochus Seite. Fast immer trägt das Tier einen Laib Brot im Maul. Ein weiterer wichtiger Begleiter des Rochus in der Ikonographie ist ein Engel. Er wird dargestellt, wie er Rochus Wunden pflegt, oder auch nur, wie er mit dem Zeigefinger auf die Beule hinweist. Weiters hat er in der bildlichen Darstellung die Funktion des Überbringers einer göttlichen Botschaft oder er steht Rochus in dessen Sterbestunde zur Seite. Manchmal trägt der Engel auch eine Tafel, mit dem überlieferten Hinweis auf Rochus Patronat: „Eris in peste patronus“.

Rochus und / oder der Engel sind sehr oft von einem hellen Lichtschein umgeben, der auf eine göttliche Wirkkraft hinweist.

Diese Motive haben eine unverkennbare Bildgestaltung zur Folge. Ich glaube, dass dieser Umstand wiederum in Bezug auf die Volkstümlichkeit des Heiligen interpretiert werden muss. Denn gerade eine solch unverwechselbare Gestaltung, die noch dazu in ganz Europa überliefert ist, trägt zu dem Bekanntheitsgrad eines Heiligen bei. Außerdem ist die Ikonographie sehr leicht zu interpretieren, was die Betrachtung des Bildes vereinfacht und das Wiedererkennen des Heiligen ermöglicht.

7. Hilfe zwischen Magie und Religion

Die Grenze zwischen Religion und Aberglaube war seit dem Mittelalter eine fließende und auch in klerikalen Kreisen wurden magische Praktiken nicht vollends abgelehnt.

„Magische Praktiken waren in allen Schichten gang und gäbe. Nur ihre Bewertung durch die herrschende religiöse Instanz, die katholische Kirche, wandelte sich, je nachdem, ob sie in ihr System integriert waren, oder sich auf nicht assimilierte Formen der Religiosität zurückgingen.“25

Die magischen Praktiken zur Pestabwehr bzw. zur Heilung von der Seuche fallen in den zuerst genannten Bereich. Sie waren, wie auch der gesamte Rochuskult, von der Kirche genehmigt, teilweise wurden solche Praktiken auch von Männern der Kirche angewandt.

Vor allem drei Gruppen religiöser Gegenstände spielen während des Mittelalters und der frühen Neuzeit eine große Rolle und sie sind auch aufs Engste mit dem Rochuskult verbunden. Dazu zählen Reliquien, Amulette und Andachtsbilder. „Jedesmal steht die Vorstellung dahinter, ein Gegenstand könne mit übernatürlicher Kraft ‚geladen’ werden und diese weitergeben.“26

7.1. Die Reliquien

Reliquien sind Überbleibsel von Heiligen. Der leichnah eines Heiligen oder Teile davon werden als primäre Reliquien klassifiziert. Gegenstände, die der Heilige Zeit seines Lebens verwendet hat, und Objekte, die mit dem Grab des Heiligen in Kontakt gekommen sind, stellen sekundäre Reliquien dar. Reliquien wurden schon früh in der Kirche verehrt. Nicht nur, um sich des Verstorben zu erinnern, sondern vor allem, um an der Wirkkraft der verehrten Person teilzuhaben.

1485 wurde ein Hauptteil der Reliquien des Hl. Rochus nach Venedig überführt. Die Dogen Venedigs hatten, da in ihrer Stadt die Pest ausgebrochen war, die Stadtfürsten Montpelliers darum gebeten, ihnen die Überreste des Heiligen zu überlassen. Der Legende nach geschah diese Übergabe ohne Umstände. Die neuere Forschung vermutet jedoch, dass es hier zu einem Reliquienraub gekommen sein dürfte. Denn es ist in Anbetracht des ökonomischen Wertes einer Reliquie ungewöhnlich, dass diese so einfach in andere Hände gegeben werden. Es war und ist eine Tatsache, dass je mehr und je wertvollere Reliquien eine christliche Kultstätte zu ihrem Schatz zählen kann, umso größer wird die Bedeutung der Lokalität.

Venedig wurde durch den Besitz der Reliquien des Rochus zu einem europäischen Zentrum der Rochusverehrung. Der Bischof von Montpellier verlangt einst die Reliquien zurück, doch hatte diese Forderung keinen Erfolg.27

Reliquienraub war im Mittelalter durchaus nichts Ungewöhnliches, weil dies eine der wenigen Methoden war, eine echte Reliquie zu erlangen. Mit dem Glauben des Volkes konnte man viel Geld gewinnen, denn in Krisenzeiten ist der Mensch dazu bereit, eine große Summe für das erhoffte Heil zu bezahlen. Und so wurde auch viel mit unechten Reliquien gehandelt.28

Für den Rochuskult sind vor allem die Reliquienkapseln von großer Bedeutung. Kleinst Teile der Reliquie des Heiligen, die Spannbreite reicht von Kleiderteilen bis Knochenteilen, werden in mehr oder weniger kostbarer Fassung gerahmt. Ebenfalls miteingefasst wird eine Cedula, ein kleiner Pergamentstreifen mit dem Namen des Heiligen, welcher der Identifizierung dient.29 Die Reliquienkapseln wurden in dieser Ausführung zumeist an einer Kette so nahe wie möglich beim Körper getragen.

7.2. Amulette

Amulette sind Gegenstände magischer oder volksmedizinischer Praktiken. Stellvertretend für den Heiligen oder dessen Reliquien werden sie zur Seuchenabwehr oder - bekämpfung eingesetzt. Folgende Praktiken waren häufig vorzufinden:

„Sie wurden auf erkrankte Glieder aufgelegt, gebärenden Frauen in die Hand gegeben; man tauchte Pilgerzeichen in Flüssigkeiten, die man trank, oder nahm Partikel, die davon abgeschabt wurden, in Speisen zu sich.“30

7.2.1. Das Pilgerzeichen

Es handelt sich bei dieser Art der Amulette um31 Gnadenpfennige oder Pilgermedaillen. Die Pilgerzeichen haben zum einen die Funktion, als Nachweis für die erbrachte Wallfahrt zu dienen. Zum anderen sind sie aber auch ein Andenken an den besuchten heiligen Ort.

Die Pfennige und Medaillen werden zumeist aus billigem, leicht schmelzbaren Metall hergestellt und am Gnadenort verkauft, seltener verschenkt.

Da sie von einem heilsträchtigen Ort stemmen, dort gesegnet, mit der Reliquie oder dem Gnadenbild in Berührung kamen, wird dieses billige Stück Metall zum Träger des Heils, das vor der Pest schützen oder heilen sollte.

7.2.2. Amulette in Kombination mit dem Zachariassegen

Abbildungen des Pestheiligen Rochus wurden sehr oft mit Zachariassegen kombiniert, um die Heilsfähigkeit zu verdoppeln.

Zacharias war um 10 n. Chr. Bischof von Rom. Der Zachariassegen ist eine Abwehrformel gegen die Pest, bestehend aus Buchstaben und Zeichen. Folgende Legende wird dazu überliefert:

„Es bezeuget Herr Franciscus Solarius, Bischoff zu Salamanca, dass im Concilio zu Trient anno 1547 über zwanzig Bischöfe und Ordens - Generalen an der Pest gestorben da habe der Patriarch zu Antiochia allen angerathen folgende Buchstaben, so vom h. Zacharia, Bischoffen zu Jerusalem mit ihrer Auslegung und Beschwörung hinterlassen worden als ein gewisses Mittel gegen die Pest bey sich zu tragen. [...] + Z. + D. + I.A. + B. + I.Z. + S.A.B. + Z.H.G.P. + B.F.R.S.“32

Der Segen wurde offiziell durch Papst Gregor XIII 1582 bestätigt. Diese Tatsache bekräftigt die zuvor getätigte Annahme, dass gewisse magische Praktiken auch von der Kirche gutgeheißen werden, solange sie nicht gegen die Regeln des Katholizismus verstoßen.

Obwohl ich nicht herausfinden konnte, was diese Zeichen bedeuten, so erscheinen sie mir doch sehr eindrucksvoll bzw. geheimnisvoll. Und genau dieser Umstand ist es wahrscheinlich, dem die Buchstaben ihre Verbreitung innerhalb des Volkes verdanken. Der Mensch neigt dazu, geheimnisvollen Dingen eine besondere Bedeutung zuzuschreiben. Die Bestätigung durch den Papst vergrößert diese Wirkung abermals.

Wenn nun der Spruch mit einem Bild des Heiligen Rochus verbunden wird, so hat das Amulett eine zweifache göttliche Wirkung gegen die Pest.

7.3. Andachtsbilder

Diese Art Bild wird beim Vollzug 33einer individuellen Andacht verwendet. In einem persönlichen Rahmen entsteht eine Beziehung zwischen Betrachtung und Gebet, wobei der Vermittler eben dieser Bild ist.

Die Varianten der Andachtsbilder sind so zahlreich, dass sie in diesem Zusammenhang nicht alle genannt werden können. Es kann jedoch ein grober Unterschied zwischen Massenwaren und aufwendiger Handarbeit getroffen werden. Massenartikel werden hergestellt aus Holz oder Papier. Unter den Handgefertigten Andachtsbildern finden sich Stickereien, Teigdrucke und Hinterglasmalerei. Ebenso vielfältig wie die Materialien sind auch die abgebildeten Motive. Im Zusammenhang mit dem Heiligen Rochus wird fast immer eine Szene aus dem Leben des Heiligen dargestellt.

Die Bilder werden mit erklärenden oder meditativen Texten kombiniert.

Gerade durch die vermehrte Produktion dieser Bilder beginnen sie sich von der Funktion innerhalb der individuellen Andacht zu lösen und bekommen zunehmend den Stellenwert, den auch Pilgerzeichen haben. Andachtsbilder werden nun zu Wallfahrtsbildern und frommen Geschenken. Sind diese dann zusätzlich noch geweiht, werden sie wie Amulette für magische Praktiken verwendet.34

8. Die Verehrung des Hl. Rochus in europäischen Städten

In vielen europäische Städten ist Rochus seit dem Mittelalter als Heiliger präsent. Die wichtigsten Städte des Rochuskultes sind Montpellier, Venedig, Nürnberg, Düsseldorf, Antwerpen und auch Bingen am Rhein. Für diese Seminararbeit wähle ich drei Städte aus, über die ich einerseits die meisten Informationen erhalten konnte und die ich im Zusammenhang mit der Verehrungstradition am interessantesten finde. Die meisten Unterlagen über die Traditionen der Städte stammen aus dem Internet und aus Foldern der diversen Tourismusbüros, denn Sekundärliteratur zu diesem Thema ist nur sehr spärlich zu finden.

8.1. Montpellier / Frankreich

Die Geburtstadt eines Heiligen ist immer auf besondere Art und Weise mit diesem Menschen verbunden und zumeist entwickelt sich diese Stadt zu einem Pilgerzentrum. Dies war beim Hl. Franz von Assisi, beim Hl. Antonius von Padua und auch beim Hl. Rochus von Montpellier der Fall.

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, besitzt Montpellier nur einen geringen Teil der Reliquien des Heiligen (wichtigstes Reliquie: Pilgerstab), weil andere Teile der Überreste auf mehr oder weniger mysteriöse Weise der Stadt abhanden gekommen sind. Aber etwas wird Montpellier nie verlieren: das Geburtshaus und den dazugehörigen Brunnen, in dem sich Wasser mit Heilungskraft befinden soll. So pilgern jährlich tausende Menschen in den Wallfahrtsort.

In Montpellier wurde die „Association internationale de St. Roch“ gegründet. Diese Bruderschaft hat mehrere Aufgaben, die dazu dienen sollen, dass Rochus nicht in Vergessenheit gerät. Sie organisieren Schauspiele, Konferenzen, Wallfahrten und sehen sich als Bindeglied zwischen allen Städten der Rochusverehrung, Laien- und religiösen Bruderschaften, anderen Institutionen und Gruppierungen im Namen des Hl. Rochus auf der ganzen Welt. Mit anderen Worten sollte sich die Geburtsstadt des Heiligen nicht zu einem einfachen Wallfahrtsort entwickeln, sondern auch ein internationales Zentrum des Kultes werden.

Eine weitere Hauptaufgabe der Association ist die Bewahrung des Rochusbrunnen, die Verteilung des Wasser an die Pilger und die Organisation der „Fete la Saint Roch“ im August jedes Jahres.35

Als interessantes Beispiel für die heutige Art der Verehrung des Heiligen kann das Jahr 2000 dienen, denn da wurde in Montpellier der 650igste Geburtstag des Heiligen mit einem großen Fest gefeiert, an dem 20.000 Personen aus der ganzen Welt teilnahmen. Die wichtigsten Festaktivitäten möchte ich hier kurz beschreiben: Die auch sonst während des ganzen Jahres üblichen Führungen zum Thema Hl. Rochus wurden ausgedehnt. Besonders beliebt war die Stadtführung unter dem Titel „Auf den Spuren es Hl. Rochus von Montpellier“, im Zuge derer die wichtigsten Stätten des Heiligen besucht wurden.

Um die damalige Lebenswelt wiedererstehen zu lassen, wurde die ganze Stadt in eine lebenden Interpretation des Mittelalters verwandelt. Besonders hervorgehoben wurden hier Präsentationen der mittelalterlichen Handwerke, Geschichtenerzähler und Präsentationen mittelalterlicher Musik.

Weitere große Spektakel waren die Darstellungen der „Sbandieratori di Palmanova“ und die Show „Rochus, Kind von Montpellier“.

Unter den geistlichen festen sind Folgende von Bedeutung:

Für die Pilger besonders wichtig war die Verteilung des Wasser aus dem Rochusbrunnen.

Während der großen Festmesse wurden am Rochusbrunnen Brote geweiht.

Den ganzen Tage über konnte man an Rosenkranzandachten und an der Verehrung der Reliquien teilnehmen.

Eine große Prozession durch die ganze Stadt wurde ebenfalls abgehalten, bei der die Reliquien des Heiligen mitgetragen wurden.36

Ich glaube, dass bei diesem Fest jedoch die weltlichen Spektakel die kirchlichen Feierlichkeiten überragten und ich bezweifle, dass jeder der Besucher nur wegen dem Heiligen Rochus nach Montpellier gekommen war. Daran erkennt man wieder den hohen ökonomischen Wert eines Heiligen, der heutzutage in Folge des Kampfes um Touristen erst recht von den Städten ausgenutzt wird, um internationale Besucher anzulocken. Kirchliche Feste wären zu wenig, um auf Gäste attraktiv zu wirken, erst das ganze „Drumherum“ lässt ein solches Fest für die Besucher zum Erlebnis werden.

8.2. Venedig / Italien

Venedig wurde im Laufe der Jahrhunderte 37mehrmals von der Pest heimgesucht. Grund dafür war Venedigs Position als Handelsstadt, wodurch der Pesterreger zumeist über die Handelswege eingeschleppt wurde.

1478 wurde in Venedig die Bruderschaft zum Heiligen Rochus gegründet und sie gehörte ab 1489 zu den Scuole grande in Italien. Diese Scuole waren Laienbruderschaften unter dem Patronat eines Schutzheiligen. Sie kümmerten sich um die Interessen bestimmter Handels- oder Berufsgruppen, aber auch um die Versorgung der Kranken. So hatte die Scuola grande di San Rocco, wie die Bruderschaft genannt wurde, die Aufgabe, den Opfern von Epidemien unter der Aufsicht ihres Schutzpatrons Rochus Hilfe zu leisten. Sie gehörte zu den dauerhaftesten und mächtigsten Einrichtungen Venedigs und war ein Selbstverwaltungsorgan der Bürger gegenüber dem regierenden Adel und dem Klerus.

Wie bereits erwähnt erwarb Venedig 1485 die Reliquien des Hl. Rochus. Die Bruderschaft hatte diesen Kauf im Angesicht der großen Pestepidemie in Venedig veranlasst.

Das Gebäude der Scuole gehört zu den charakteristischen Gebäuden Venedigs und steht neben der Kirche San Rocco am Campo di San Rocco. Die Faszination des Gebäudes liegt darin, dass dessen ursprüngliches Ambiente bis heute erhalten blieb und dass es mit dunkel - suggestiven, mystischen Gemälden Tintorettos ausgestattet ist. Der venezianische Maler Jacobo Tintoretto ( 1518 - 1594) dekorierte das Gebäude mit einem einzigartigen Zyklus aus 56 Gemälden, an denen er von 1564 - 1587 arbeitete. Zuvor hatte er einen, von der Scuole für die künstlerische Innenausstattung des Hauses ausgeschriebenen Wettbewerb mit dem Gemälde „Die Apotheose des Hl. Rochus“ gewonnen.

Besondere Beachtung verdienen auch die Gemälde entlang des Treppenhauses, die von Antonio Zanchi gestaltet wurden. Venedig wurde 1576 und 1660 wieder von der Pest heimgesucht und die Bilder geben Zeugnis von der dramatischen Situation in der Stadt.

In diesem Zusammenhang ist auch das Gemälde von Antonio Canaletto von 1735 interessant, welches den Titel „Besuch des Dogen in der Kirche San Rocco“ trägt38.

Der Doge kam jedes Jahr am Namenstag des Hl. Rochus (16. August) zur Kirche San

Rocco, um dem Heiligen für die Befreiung der Stadt von der Pest zu danken. Danach besuchte der Doge den Künstlermarkt auf dem Platz vor der Scuole. Solche Prozessionen waren für die Scuole auch eine Möglichkeit der Selbstpräsentation. Sie nahmen an dem Zug mit ihrer eigenen Musikkapelle teil, führten die Insignien ihrer Bruderschaft und ihre Repräsentationsbanner mit. Auch der Reliquiensarg wurde während der Prozession zur Schau gestellt. Die große Mühe Venedigs, dem Hl. Rochus einen angemessenen Platz der Verehrung zu bieten, hat sich durchaus gelohnt. Die Gebäude, die zu Ehren des Heiligen so prunkvoll ausgestattet wurde, werden auch heute noch von vielen Touristen besucht. Diese kommen aber seltener wegen dem Hl. Rochus, sondern eher wegen der Künstler, die sich an der Innenausstattung beteiligt haben. Jedoch gilt Venedig bis heute als ein sehr wichtiges Zentrum der Verehrung des Heiligen und hat seine Bedeutung vor allem dadurch erlangt, dass der Kult des Heiligen sich von dieser Stadt aus verbreitete.

8.3. Bingen am Rhein / Deutschland

In Amsterdam wütete 1663 die Beulenpest in der Stadt. 39Der Pesterreger wurde über die europäischen Schifffahrtsverbindungen von Holland aus nach Deutschland verschleppt und 1666 brauch in Bingen am Rhein die Pest aus.

Der Mainzer Domherr und Binger Amtmann Johann Ernest Baron Frey von Dehren schlug den Bau einer Kapelle zu Ehren des Hl. Rochus vor, da er wusste, dass in Deutschland und Italien bereits mehrmals solche Gelöbnisse angeblich eine Stadt von der Seuche befreit hatten. Und wie durch ein Wunder verebbte die Seuche tatsächliche, als die Kapelle fast fertiggestellt war. Die Bevölkerung Bingens gelobte, jedes Jahr am Tag des Hl. Rochus (16. August) eine feierliche Prozession zur Kapelle abzuhalten.

Die Beliebtheit der Wallfahrten zum Hl. Rochus nahm von Jahr zu Jahr zu.

In Bingen befindet sich auch eine Rochus - Reliquie. 1732 schenkte der Fürstabt von Fulda seinem Hof- und Leibarzt Dr. Gischet eine Reliquie des Hl. Rochus, die aus einer größeren beglaubigten Reliquie stammte. Gischet übergab die Reliquie der Kapelle in Bingen und der Mainzer Weihbischof genehmigte die Verehrung.

Die Kapelle wurde im Napoleonischen Krieg zerstört. Doch als die Stadt nach dem Krieg von Typhus befallen wurde, erinnerte man sich an den Schutzheiligen und baute die Kirche wieder auf. Maßgeblich an dem Wiederaufbau beteiligt, war die 1754 gegründete Rochusbruderschaft. Bei dem Einweihungsfest des neuen Gotteshauses (16. August 1814) war auch Johann Wolfgang von Goethe anwesend, der die Feierlichkeiten in einem Aufsatz beschrieb.

Nach einer neuerlichen Zerstörung durch Blitzschlag 1889 erbaute man die heutige, dreischiffige, spätgotische Kirche mit Außenchor.

Die Kirche ist auch heute noch Mittelpunkt des Rochusfestes. Dieses Fest beginnt alljährlich am Wochenende nach dem Namenstag des Heiligen mit einer Prozession und dauert dann acht Tage. Daher wird das Fest auch „Rochusoktav“ genannt. Während dieser Zeit werden Messen, Andachten und Gottesdienste im Freien und in der Kapelle abgehalten.

In den letzten Jahren bekamen die Feierlichkeiten einen zunehmenden volkstümlichen Charakter. In großen Weinzelten präsentieren die Binger Winzer, Bäcker und Metzger ihre Waren und die Menschen verweilen oft länger in den Zelten als bei den kirchlichen Feiern.

Da man heute nicht mehr direkt mit einer solchen Seuchengefahr konfrontiert ist, verschwindet im Glauben der Bevölkerung auch zunehmend der ursprüngliche Charakter der Prozession.

8.3.1. Goethes Aufsatz „Sankt Rochus Fest zu Bingen“

Goethe unternahm 1814 mit Freunden eine Ausflug von 40Wiesbaden aus durch das Rheinland. Dabei kam die Reisegesellschaft auch nach Bingen, wo gerade die Kapelle des Hl. Rochus fertiggebaut worden war und am Tag des Heiligen eingeweiht werden sollte. In dem Aufsatz „Sankt Rochus Fest zu Bingen“ beschreibt Goethe die Ereignisse dieses Tages.

Vom anderen Rheinufer aus, betrachtet Goethe in aller Frühe den Aufstieg der Wallfahrer:

„Drüben , am Ufer her, sieht man Scharen ziehen, Wagen fahren, Schiffe aus den oberen Gegenden landen daselbst. Den Berg aufwärts wimmelt’s bunt von Menschen, auf mehr oder weniger gähen Fußpfaden, die Höhe zu ersteigen bemüht.“41

Auch Goethe selbst begibt sich über den steilen Pfad zur Kirche. Dort drängt die Menge in den Innenraum zum Hochaltar, wo sich ein Glassarg mit der Reliquie des heiligen befindet. Goethe beschreibt dieses Szenario so:

„Man betastete den Kasten, bestrich ihn, segnete sich und verweilte solange man konnte; aber einer verdrängte den anderen.“42

Goethe fragt sich beim Besuch des Gotteshauses, warum sich in einer zerstörten Kapelle eine alte, unversehrte Kircheneinrichtung befindet. Ihm wird erklärt, dass das protestantische Kloster Eibingen am anderen Rheinufer aufgelassen worden war. Die Binger Rochusbruderschaft erwarb die Einrichtung für die neue Kapelle von dem Kloster. Die Bürger Bingens gelobten, die Gegenstände eigenhändig herüberzutransportieren. Dieser Zug wird ebenfalls von Goethe beobachtet und folgend beschrieben:

„Dabei genoss man das angenehme Gefühl, dass jeder unter seiner Last und bei seiner Bemühung, Segen und Erbauung sein ganzes Leben hoffen durfte.“43 Von einer körperlichen Anstrengung zu Ehren des Heiligen erhofften sich die Menschen also eine heilsbringende Wirkung. Solche körperlichen Züchtigungen sind durchaus nichts unübliches. Sie sind zum Beispiel auch bei den Flagellantenzügen zu finden, die sich mit einer Geißel die Haut blutig schlugen.

Goethe beschreibt auch die anderen Unterhaltungsmöglichkeiten, die anlässlich des Kirchweihfestes aufgebaut wurden, wie Buden, Zelte usw.

Besonders interessant ist in meinen Augen Goethes Darstellung der Prozession. Diese ist geteilt in kleiner Züge, ausgehend von umliegenden Orten und einen Hauptzug von Bingen aus.

Die kleineren Züge gestalteten sich folgend:

„Sie zogen mit Angesang und Antwort, Fahnen flatterten, Standarten schwankten, eine große und größere Kerze erhob sich Zug für Zug. Jede Gemeinde hatte ihre Mutter Gottes, von Kindern und Jungfrauen getragen neu gekleidet, mit vielen rosafarbenen, reichlichen, im Winde flatternden Schleifen geziert.“44

Als letztes folgte die Hauptprozession, bei der an der Spitze eine Statue des Hl. Rochus getragen wurde.

Von besonderer Bedeutung ist meiner Meinung nach die zweite Gruppe dieses Zuges:

„Mittlere Knaben in kurzen schwarzen Pilgerkutten, Muscheln auf Hut und Kragen, Stäbe in den Händen.“45 Es ist unverkennbar, dass diese Knaben in ihrer Verkleidung Pilger darstellen und an das Leben des Hl. Rochus erinnern sollen. Ich glaube, dass auch die Alterstufe „mittlere Knaben“ bewusst gewählt wurde, da Rochus der Legende nach mit zwölf Jahren allen Überfluss von sich ablegte und noch nicht zwanzig war, als er sich auf die Pilgerreise begab.

Im Zuge des Festes wird Goethe auch die Legende des Heiligen erzählt. Er kommt dabei zu der Erkenntnis, dass hier das Wesen der Sage sichtbar, denn die Erzählungen der Menschen weisen Unterschiede auf, welche die verschiedenen Gewichtungen der Personen auf Ereignisse, Handlungen und Orte bezüglich des Heiligen darstellen.

Ich glaube, dass dieses Fest Goethe durchaus beeindruckt haben dürfte, denn sonst hätte er nicht so ausführlich darüber berichtet. Der Text ist bis heute ein gute Quelle für den Ablauf eines Festes zu Ehren des Hl. Rochus.

9. Rochus - ein Heiliger, der noch heute aktuell ist?

In unserer Wohlstandsgesellschaft ist das Wirken von Heiligen oft nur mehr Beiwerk zu den vielen anderen Möglichkeiten auf dieser Welt das Wohlergehen zu erlangen. Zumeist sind es nur Stoßgebete, die wir an irgendeinen Heiligen, der uns aus dem Religionsunterricht der Schule oder den Erzählungen der älteren Generation noch in Erinnerung ist, richten, wenn wir uns in einer Notlage befinden. Doch wirkliche Hilfe erhofft sich der Großteil der Bevölkerung dadurch nicht. Ich glaube, dass in unserer Gesellschaft der Glauben an die solch übernatürliche Kräfte verlorengegangen ist, weil wir zu sehr rational denken. Vor allem in Fragen Vorsorge und Heilung von Krankheiten verlassen wir uns heute lieber auf die Medizin als auf ein Wunder.

Trotzdem pilgern immer noch viele Menschen zu den Verehrungsstätten des Heiligen Rochus, doch, wie man an den von mir angeführten Beispielen deutlich erkennen kann, haben diese Pilgerfahrten ihre ursprüngliche Funktion beinahe zur Gänze verloren.

Aber der Hl. Rochus ist keineswegs in Vergessenheit geraten. Durch die neuen Seuchen, die seit den letzten Jahrzehnten die Menschheit belasten, hier meine ich vor allem Aids und Hepatitis C, hat der Pestpatron eine neue Aufgabe bekommen. Aber auch in diesem Zusammenhang wird er meiner Meinung nach seine Popularität, die er im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatte nicht mehr zurückerlangen. Dies ist wie bereits erwähnt eine Begleiterscheinung unserer Wohlstandsgesellschaft und auch der derzeitigen Glaubenskrise. Man muss sich nur die Zahlen der aus der Kirche ausgetretenen Personen vor Augen halten, um zu erkennen, dass nicht nur die Heiligen, sondern die ganze Kirche ihre Wirkkraft verliert.

Doch dies sind die Tatsachen unserer Gesellschaft. In anderen Ländern, vor allem in ärmeren Gebieten, zeigt sich eine veränderte Situation.

Ich möchte diese Arbeit mit einem aktuellen Beispiel der Rochusverehrung beenden. Obwohl das Beispiel nicht aus Europa stammt, möchte ich es doch in das Schlusswort meiner Arbeit aufnehmen, da es sehr schön zeigt, dass es noch Gesellschaften gibt, die auf das heilsbringende Wirken eines Heiligen vertrauen.

Pater Franz Helm kam 1991 als Kaplan nach Sao Roque. Dies ist ein Stadtteil von Sao Paulo in Brasilien. Kein Wohlstand zeigt sich dort dem Betrachter sondern Bretterhütten, Arbeitslosigkeit und Gewalt dominieren das Bild.

Die wenigen treuen Kirchenbesucher wünschten sich nichts sehnlicher als eine schönere Kirche und einen Ortsheiligen. Der Kaplan hätte lieber asphaltierte Straßen, eine Schule und vor allem aus Gründen der Hygiene einen Kanal gebaut, doch er stimmte zu. Passend zum Namen des Viertels wurde Rochus als Heiliger gewählt und es wurde Geld für eine Statue des Heiligen gesammelt, welches für den Kauf einer Gipsstatue ausreichte. Feierlich wurde die Statue begleitet von zwanzig Personen durch den Ort getragen. Der Prozession46 schlossen sich mehrere Menschen an, denen an diesem Tag zum ersten Mal bewusst wurde, wo sich in ihrem Ort eine Kirche befand. Spontan wurde beschlossen, den Namentag des Heiligen mit einem Fest zu feiern. Über 200 Gläubige nahmen an dem Fest teil. Der Hl. Rochus wurde für die Bevölkerung der Stadt zu einem Symbol, das die Kraft hatte, sie miteinander zu verbinden. Während der Festmesse wurden Gebetsmeinungen genannt, wie zum Beispiel:

„Der Hl. Rochus möge die Stadtverwaltung bewegen, dass sie einen Kanal baut, damit unsere Kinder nicht so leicht krank werden.“47

Wenige Zeit später erreichte die neugegründete Wohnviertelvertretung die Zusage der Stadtverwaltung für den Bau eines Kanals und auch einer Schule. Pater Franz Helm meint dazu:

„Es war der Hl. Rochus, der alle diese Wunder wirkte. Und das obwohl er nur in der Form einer billigen Gipsfigur auf seinem Altar in der mittlerweile schön hergerichteten Kirche stand.“48

In dem Sprichwort „Der Glaube kann Berge versetzten“ liegt also doch ein gewisses Maß an Wahrheit. Obwohl man natürlich auf Medizin und Wissenschaft nicht verzichten kann und auch nicht soll, könnten diese Formen der Krankheitsvorsorge und -heilung auch heute noch von dem Glauben an der Hl. Rochus unterstützt werden.

10. Literaturverzeichnis

(1) Bergdolt, Klaus: Der schwarze Tod in Europa: die große Pest und das Ende des Mittelalters. München 1994.

(2) Der Pestpatron. Rochus, Roque, Rocco, Roch. Die Sammlung Engeler, Zürich. Hrsg. v. Christoph Mörgeli. Ausstellungskatalog. Zürich 1987.

(3) Die Bibel. In der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Hrsg. v. Interdiözesanen Katechetischen Fonds. Wien 1986. (Vollständige Schulausgabe).

(4) Dinzelbacher, Peter: Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen. (Kröners Taschenbuchausgabe; Bd. 469). Stuttgart 1993.

(5) Huizinga, Johan: Der Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und den Niederlanden. Stuttgart 1975.

(6) Helm, Franz: Die Wunder des Hl. Rochus. In: Alle Welt. 3 (2001) S. 12 - 13.

(7) Goethe, Johann Wolfgang v.: Sanct Rochus Fest zu Bingen. In Goethes Werk. Hrsg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. Bd. 34/1. Weimar 1890. S. 468 - 497.

(8) Oberthaler, Britta Sigrid: „... bißweilen muß Gott an den bösen Leuthen Rach nehmen ...“ Die sozialdisziplinierenden Auswirkungen der Pest als „Strafe Gottes“. Dipl. Arb. Wien 1991.

(9) Pober, Martha: Spurensuche: Die Pest in Österreich. Zusammenfassende Darstellung des Auftretens der Pest von 1348 - 1716. Dipl. Arb. Wien 1990.

(10) Roemer, Werner: St. Rochus. Die Verehrung des Heiligen in Kunst und Geschichte. Kevelaer 2000.

(11) Ruffie, Jaques: Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit. Stuttgart 1987.

(12) Vasold, Manfred: Pest, Not und schwere Plagen: Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute. München 1991.

(13) Zeller, Michael: Die Pest und ihr Patron. Nürnberg 1989.

(13) http://www.heiligenlexikon.de

(14) http://perso.wanadoo.fr/association.st-roch.montpellier/presentation.htm

(15) http://www.who.int/emcdocuments/surveillance/docs/whocdscsrisr2001.html/plague

(16) http://perso.wanadoo.fr/association.st-roch.montpellier/presentation.htm

(17) Unterlagen der Tourismusbüros von Bingen, Montpellier und Venedig.

Anhang

Abbildung 1

Der Überträger der Pest: ein Rattenfloh

Abbildung 2

Anzahl der Pesterkrankungen, gemeldet der WHO , 1954 - 1997

Abbildung 3

Pilgerdarstellungen

Abbildung 4

Darstellungsmotive aus der Vita

Abbildung 5

Reliquienkapseln

Abbildung 6

Pilgerzeichen

Abbildung 7

Andachtsbilder

Abbildung 8

„Besuch des Dogen in der Kirche San Rocco“

Abbildung 9

Prozession in Sao Roque mit der Gipsstatue des Hl. Rochus

Abbildungsverzeichnis

1) http://www.who.int/emcdocuments/surveillance/docs/whocdscsrisr2001.html/plague

2) Zeller, Michael: Die Pest und ihr Patron. Nürnberg 1989.

3) Der Pestpatron. Rochus, Roque, Rocco, Roch. Die Sammlung Engeler, Zürich. Hrsg. v. Christoph Mörgeli. Ausstellungskatalog. Zürich 1987.

4) Der Pestpatron. Rochus, Roque, Rocco, Roch. Die Sammlung Engeler, Zürich. Hrsg. v. Christoph Mörgeli. Ausstellungskatalog. Zürich 1987.

5) Der Pestpatron. Rochus, Roque, Rocco, Roch. Die Sammlung Engeler, Zürich. Hrsg. v. Christoph Mörgeli. Ausstellungskatalog. Zürich 1987.

6) Der Pestpatron. Rochus, Roque, Rocco, Roch. Die Sammlung Engeler, Zürich. Hrsg. v. Christoph Mörgeli. Ausstellungskatalog. Zürich 1987.

7) Der Pestpatron. Rochus, Roque, Rocco, Roch. Die Sammlung Engeler, Zürich. Hrsg. v. Christoph Mörgeli. Ausstellungskatalog. Zürich 1987.

8) http://www.magicmirror.de/maler/canaletto/canaletto.htm

9) Helm, Franz: Die Wunder des Hl. Rochus. In: Alle Welt. 3 (2001).

[...]


1 Vgl.: Ruffie, Jaques: Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit. Stuttgart 1987. S. 17 - 63.

2 http://www.who.int/emc-documents/surveillance/docs/whocdscsrisr2001.html/plague/plague.htm; 26.08.2001.

3 Siehe Anhang: Abbildung 1.

4 http://www.who.int/emc-documents/surveillance/docs/whocdscsrisr2001.html/plague/plague.htm; 26. 08. 2001.

5 Siehe Anhang: Abbildung 2.

6 Die Bibel. In der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Hrsg. v. Interdiözesanen Katechetischen Fonds. Wien 1986. (Vollständige Schulausgabe). S. 69.

7 Ebenda: S: 210.

8 Ebenda: S. 662.

9 Dinzelbacher, Peter: Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen. Stuttgart 1993. (Kröners Taschenbuchausgabe; Bd. 469). S. 195

10 Vgl.: Oberthaler, Britta Sigrid: „... bißweilen muß Gott an den bösen Leuthen Rach nehmen ... „ Die sozialdisziplinierenden Auswirkungen der Pest als „Strafe Gottes“. Dipl. Arb. Wien 1991. S. 9.

11 Vgl.: Pober, Martha: Spurensuche: Die Pest in Österreich. Zusammenfassende Darstellung der Pest von 1348 - 1716. S. 40 - 43.

12 Vgl.: Oberthaler, Britta Sigrid: Spurensuche. S. 10

13 Vgl.: Roemer, Werner: St. Rochus. Die Verehrung des Heiligen in der Kunst und Geschichte. Kevelaer 2000. S. 17 - 18. Zeller, Michael: Die Pest und ihr Patron. Nürnberg 1989. S. 7 - 15.

14 Vgl.: Zeller, Michael: Rochus. S. 13 - 21.

15 Die Bibel. S. 30 - 33.

16 http.// www.heiligenlexikon.de; 24.08.2001.

17 Die Bibel. S. 360.

18 Der Pestpatron. Rochus, Roque, Rocco, Roch. Die Sammlung Engeler, Zürich. Ausstellungskatalog. Hrsg. v. Christoph Mörgeli. Zürich 1987. S. 9.

19 Dinzelbacher, Peter: Europäische Mentalitätsgeschichte. S. 124.

20 http://www.heiligenlexikon.de; 24.8.2001.

21 Roemer, Werner: Sankt Rochus. S. 23.

22 Vgl.: Der Pestpatron. Ausstellungskatalog. S. 25 - 96.

23 Siehe Anhang: Abbildung 3.

24 Siehe Anhang: Abbildung 4.

25 Dinzelbacher, Peter: Europäische Mentalitätsgeschichte. S. 122.

26 Ebenda: S. 122.

27 Vgl.: Roemer, Werner: Sankt Rochus. S. 20.

28 Vgl.: Der Pestpatron. Ausstellungskatalog. S. 12.

29 Siehe Anhang: Abbildung 5.

30 Der Pestpatron. Ausstellungskatalog. S. 13.

31 Siehe Anhang: Abbildung 6.

32 Pober, Martina: Spurensuche. S. 51. Zitiert nach: H. Hochenegg: Gebetsformen gegen Zauberei, Pest und jähen Tod. In: Tiroler Heimatblätter, 42 (1967) S. 68.

33 Siehe Anhang: Abbildung 7.

34 Der Pestpatron. Ausstellungskatalog. S. 13 - 14.

35 Vgl.: http://perso.wanadoo.fr/association.st-roch.montpellier/presentation.htm; 10. 09. 2001.

36 Vgl.: http://perso.wanadoo.fr/association.st-roch.montpellier/anniversaire.htm#fete; 10. 09. 2001

37 Die Informationen über die Scuola Grande di San Rocco stammen aus dem Tourismusbüro in Venedig.

38 Siehe Anhang: Abbildung 8

39 Die für diese Arbeit verwendeten Informationen stammen vom Tourismusbüro Bingen, die mir freundlicherweise mehrere Folder und Kopien zum Thema zukommen ließen.

40 Vgl.: Goethe, Johann Wolfgang v.: Sanct Rochus - Fest zu Bingen. In: Goethes Werke. Hrsg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. Bd. 34/1. Weimar 1890. S. 468 - 497.

41 Ebenda: S. 477.

42 Goethe, Johann Wolfgang von: Sankt Rochus - Fest. S. 478.

43 Ebenda: S. 479.

44 Ebenda: S. 480.

45 Goethe, Johann Wolfgang von: Sankt Rochus - Fest: S. 481.

46 Siehe Anhang: Abbildung 9.

47 Helm, Franz: Die Wunder des Hl. Rochus. In: Alle Welt. 3 (2001) S. 13.

48 Ebenda. S. 13.

31 von 31 Seiten

Details

Titel
Die Verehrung des Pestheiligen Rochus in Europa
Hochschule
Universität Wien
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
31
Katalognummer
V106045
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verehrung, Pestheiligen, Rochus, Europa
Arbeit zitieren
Astrid Janesch (Autor), 2001, Die Verehrung des Pestheiligen Rochus in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106045

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