Die Situation für Geschwister von Menschen mit Trisomie 21. Chancen und Herausforderungen im Alltag


Bachelorarbeit, 2017

135 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschwister und ihre Bedeutung füreinander
2.1 Erläuterung des Begriffs „Geschwister“
2.2 Funktionen von Geschwisterbeziehungen
2.3 Die Geschwisterkonstellation
2.3.1 Die Geschwisterposition
2.3.2 Das Geschlecht
2.3.3 Der Einfluss der Eltern

3. Die Situation der Geschwister von Menschen mit Trisomie
3.1 Darstellung der Begriffe „Behinderung“ und „Trisomie 21“
3.2 Die Geschwisterkonstellation im Hinblick auf die besondere Situation
3.2.1 Geschwisterposition und Geschlecht
3.2.2 Der Einfluss der Eltern
3.2.3 Art und Schwere der Behinderung
3.3 Risiken und Belastungen
3.4 Das soziale Umfeld
3.5 Potenziale und Chancen
3.6 Auswirkungen auf den persönlichen Lebenslauf
3.7 Institutionelle Unterstützung für die Geschwister von Menschen Trisomie
3.8 Resümee und Fragestellung der Forschung

4. Methode und Vorgehensweise
4.1 Grundannahmen und Fragestellungen
4.2 Methodischer Zugang und Erhebungsmethode
4.3 Durchführung der Untersuchung

5. Ergebnisse der Datenerhebung
5.1 Stichprobenbeschreibung
5.2 Subjektiv erlebte Chancen und Belastungen
5.3 Zeichnungen: Familie als Tiere dargestellt
5.4 Überprüfung der Grundannahmen
5.5 Einordnung der Ergebnisse in den aktuellen Forschungsstand

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Eidesstattliche Erklärung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gruppe 1, Befragte im Alter von 6-8 Jahren (Kinder)

Tabelle 2: Gruppe 2, Befragte im Alter von 13-17 Jahren (Jugendliche)

Tabelle 3: Fortsetzung Gruppe 2, Befragte im Alter von 13-17 Jahren (Jugendliche)

Tabelle 4: Gruppe 3, Befragte im Alter von 19-20 Jahren (junge Erwachsene)

Zusammenfassung

Geschwister stellen als primäre Bezugspersonen bedeutsame Einflussfaktoren für die Entwicklung eines Menschen dar. Ziel der Bachelorarbeit ist es, die möglichen Chancen und Herausforderungen eines Geschwisters in seinem Alltag und seiner Entwicklung aufzuzeigen, wenn es mit einem Bruder oder einer Schwester aufwächst, der/die die geistigen Behinderung ‚Trisomie 21‘ hat.

Als Grundlage dafür werden zunächst einige Ergebnisse der Forschungsliteratur vorgestellt. Darauf aufbauend wurden im Rahmen einer qualitativen Forschungsmethode elf leitfadenorientierte Interviews mit Geschwistern im Alter von sechs bis zwanzig Jahren durchgeführt. Der Fokus lag dabei auf den subjektiv wahrgenommenen positiven und negativen Aspekten des gemeinsamen Aufwachsens.

Die Aussagen der Geschwister decken sich nur zum Teil mit den Ergebnissen aus der Forschungsliteratur. Sie äußerten sich insgesamt deutlich positiver über ihre Beziehung zum Bruder oder zur Schwester mit Trisomie 21. Dies lässt vermuten, dass die Forschung hierzu in Teilen noch immer zu defizitorientiert arbeitet. Jedoch benannten die befragten Geschwister auch einige Schwierigkeiten, denen die Soziale Arbeit mit zum Beispiel Geschwisterseminaren begegnen könnte.

Abstract

Siblings can have a significant impact on the development of a person. The aim of this bachelor thesis is to indicate possible chances and challenges for a sibling in his or her everyday life and development, if he or she grows up with a brother or a sister, who has the mental handicap ‘trisomy 21’.

The presentation of selected research literature provides a theoretical basis for this thesis. Further, eleven guided narrative interviews with six to twenty years old siblings provide recent qualitative research results. The interviews focus mostly on the subjective experienced positive and negative aspects of growing up together in a family.

It is to outline that in the interviews for this study the siblings emphasize more positive aspects in their relation to their siblings with trisomy 21 than the research literature assumes. These findings lead to the assumption, that researches in this field are still deficit-orientated. Further, the interviewed siblings also name some difficulties, which the Social Work could work on in future as for example supporting seminars for siblings.

1 Einleitung

„Wilde Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife – Geschwister können beides.“ (Tucholsky)

Für viele sind Geschwister die Menschen, mit denen sie in ihrer Kindheit und Jugend eine Menge gemeinsame Zeit verbracht und zahlreiche Erfahrungen geteilt haben. In Deutschland wachsen etwa 80% der Kinder mit mindestens einem Geschwister auf (vgl. Hackenberg, 2008, S. 13). Aber was macht eine Beziehung zwischen Geschwistern aus? Die Geschwisterbeziehung ist eine der dauerhaftesten im Leben. Sie beginnt in der frühen Kindheit und reicht oftmals bis ins hohe Alter. Wie auch die Eltern-Kind-Beziehung ist sie eine Primärbeziehung. Jedoch verbringen 3- bis 5-Jährige doppelt so viel Zeit mit Geschwistern wie mit ihrer Mutter. Sie ist daher eines der intensivsten und frühesten Lernfelder und trägt damit maßgeblich zur grundlegenden Persönlichkeitsentwicklung bei. Diese Beziehungserfahrung bildet die Basis für den (späteren) Umgang mit Nähe und Vertrautheit, Konkurrenz, Ablehnung, Konflikten und Versöhnung, da alle Merkmale in der Geschwisterbeziehung abwechselnd vorhanden sind. Geschwister bedeuten Chancen wie Risiken füreinander. Wenn das Positive überwiegt, können sie eine lebenslange Ressource füreinander sein. So stellte Tucholsky treffend fest: „Wilde Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife – Geschwister können beides.“ (vgl. Frick, 2015, S. 22-31).

Was ist nun das Besondere an einer Geschwisterbeziehung, wenn eines der Geschwister die Behinderung Trisomie 21 hat? Der Frage soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. In Deutschland leben etwa 50.000 Menschen mit Trisomie 21 (vgl. Spiegel Online (Hrsg.) (2014). Ein 8-jähriges Mädchen, welches im Rahmen dieser Forschung interviewt wurde, sagt dazu folgendes: „Mein Papa hat mir dann erklärt, […] [dass] wenn wir jetzt zum Beispiel aus Bausteinen sind, dann hat der Hendrik einen Stein weniger als wir.“ Diese bildliche Verdeutlichung macht die Trisomie 21 greif- und verstehbar – auch für die Geschwister. Die Behinderung eines Kindes beeinflusst die gesamte Familie, also neben den Eltern auch Geschwister (vgl. Hackenberg, 2008, S. 44).

Im deutschsprachigen Raum ist zu diesem Thema nur eine geringe Forschungsaktivität zu verzeichnen. Kritisch betrachtet werden kann zudem, so Waltraud Hackenberg, dass die meisten anderssprachigen Studien oft nur einzelne Bereiche der Geschwisterbeziehung aufgreifen, und nicht mehrere miteinander in Verbindung setzen. Die Repräsentativität wird ebenfalls gemindert, da oftmals aus einer Familie nur ein Geschwister von Allen befragt wurde. Insgesamt ist die Forschung jedoch weg von der defizitorientierten Beschreibung, die auf Entwicklungsstörungen und Gefährdungen der Geschwister gerichtet war, und zu einer breiteren Perspektive gelangt. Hier werden auch die positiven Aspekte beachtet (vgl. ebd. S. 79-81).

Im ersten Teil dieser Bachelorarbeit wird zunächst die Geschwisterbeziehung im Allgemeinen dargestellt. Betrachtet wird dabei die Geschwisterkonstellation unter drei wichtigen Faktoren: Geschwisterposition, Geschwisteranzahl und der Einfluss der Eltern. Anschließend erfolgt die Darstellung der Situation der Geschwister mit Blick auf das Aufwachsen und Zusammenleben mit einem Geschwister mit Trisomie 21. So kann ein Vergleich zwischen der Beziehung von Geschwistern mit und ohne Trisomie 21 erfolgen. Außerdem werden sowohl die Herausforderungen sowie die Chancen eines Kindes hinsichtlich des Aufwachsens mit einem Geschwister mit Trisomie 21 betrachtet. Im zweiten Teil erfolgt die Beschreibung des praktischen Teils der Forschungsarbeit. Es werden die Methode und die Vorgehensweise vorgestellt sowie die Grundannahmen, die aus der Literatur abgeleitet wurden. Inwieweit diese mit der Realität übereinstimmen, wird mit Hilfe der Interviewaussagen der Geschwister überprüft. Abschließend folgt die Einordnung der Ergebnisse in den aktuellen Forschungsstand. Im Fazit wird die Relevanz dieses Themas für die Soziale Arbeit verdeutlicht.

2 Geschwister und ihre Bedeutung füreinander

Geschwister wachsen in der Regel in ihrer Familie auf. Diese Familie ist ein mikrosystemischer Sozialisationskontext, durchwoben von wechselseitigen Einflussfaktoren. Zwischen den Eltern und Kindern herrschen aufgrund des größeren Altersabstandes und des deutlichen Entwicklungsunterschiedes vertikale Beziehungen. Zwischen Geschwistern bestehen horizontale Beziehungen, da sie sich auf einer Alters- und Entwicklungsebene befinden (vgl. Brock, 2015, S. 85). Faktoren, die einen Einfluss auf die Geschwisterbeziehung haben können, sind unter anderem die Geschwisterposition, das Alter der Geschwister, ihr Geschlecht, die Einstellungen bzw. die Aufmerksamkeitsverteilung der Eltern, die Familiengröße, der sozioökonomische Status sowie das soziale Umfeld der Familie (vgl. Kasten, 1993b, S.123-132). Einige bedeutsame Faktoren werden in den folgenden Absätzen näher betrachtet. So sagte schon Rudolf Dreikurs, ein Schüler Alfred Adlers, Begründer der Geschwisterforschung, dass kein Kind unabhängig von seinem Geschwister verstanden werden kann. Er kritisiert zudem, dass Geschwister und ihre Bedeutung füreinander ein noch immer vernachlässigter Faktor in der Forschung seien. Durch das tägliche Zusammenleben können Geschwister als „Sozialisationsagenten“ bezeichnet werden. Sie prägen sich von klein auf und spielen aufgrund ihres reichhaltigen Beziehungsfeldes eine herausragende Rolle für die individuelle Entwicklung. Dennoch muss festgehalten werden, dass (noch) keine absoluten Aussagen zwischen den einzelnen Faktoren und der persönlichen Entwicklung möglich sind. Dafür steckt die Forschung noch zu sehr in ihren Kinderschuhen. Allerdings können die Ergebnisse, die bereits vorliegen, eine Richtung aufzeigen (vgl. Frick, 2015, 32-35, S. 167-168). Diese wird in den folgenden Absätzen beschrieben.

2.1 Erläuterung des Begriffs „Geschwister“

Nach Erhebungen des Mikrozensus lebten im Jahr 2014 8,1 Millionen Kinder in Deutschland. 2014 wuchs beinah die Hälfte aller Kinder mit einem Geschwister auf (47%). Gut ein Viertel (26%) der Kinder hatte zwei oder mehr Geschwister (vgl. Statistisches Bundesamt, 2016). Was ist aber genau unter der Bezeichnung „Geschwister“ zu verstehen und wen schließt sie mit ein? Die Brockhaus-Enzyklopädie beschreibt Geschwister als „Personen, die von denselben Eltern abstammen. Man unterscheidet vollgebürtige oder leibliche Geschwister (Bruder, Schwester) und, wenn sie nur einen Elternteil gemeinsam haben, halbgebürtige Geschwister (Stiefgeschwister, Halbgeschwister, Halbbruder, Halbschwester)“ (Wissenmedia (Hrsg.) 2011, S. 251). Stephen P. Bank und Michael D. Kahn, die sich in ihrem Werk mit der Geschwisterbindung befassen, sprechen von einer „intimen wie öffentlichen Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern“ sowie von einer Zusammensetzung der Identitäten zweier Menschen. Ihre Bindung kann sowohl positiv wie negativ sein. Dennoch vermittelt die Beziehung immer ein „Gefühl für die eigene […] Persönlichkeit sowie ein Gefühl von Konstanz durch das Wissen um Bruder oder Schwester als berechenbarer Person“ (Bank/ Kahn, 1994, S. 21). Oder wie Hans Sohni es ähnlich ausdrückt: „Geschwister begleiten uns lebenslang, länger als Partner und Eltern. Geschwister sind in unsere Identität eingewoben, sie ‚stecken in uns‘ “ (Sohni in: Brock, 2015, S. 10). Diese Erläuterungen des Begriffs „Geschwister“ soll als Verständnisgrundlage für die Arbeit dienen.

2.2 Funktionen von Geschwisterbeziehungen

Nachdem nun der Begriff „Geschwister“ dargelegt wurde, werden im Folgenden die unterschiedlichen Funktionen einer Geschwisterbeziehung vorgestellt. Ein Faktor stellt beispielsweise die wechselseitige Regulierung in der Geschwisterinteraktion dar. Dies meint das schon erwähnte Übungsfeld, in dem die Geschwister austesten können, durch welches Verhalten welche Reaktion erwartet werden kann. Dieses Übungsfeld dient der Sicherheitsgewinnung im Hinblick auf soziales Verhalten, welches die Geschwister anschließend außerhalb der Familie anwenden können. Ziel hierbei ist es, möglichst positive soziale Effekte, wie Akzeptanz und Anerkennung zu erzielen. Auch die Übung aggressiven Verhaltens gehört dazu. Der stabile Kontext einer Geschwisterbeziehung erlaubt es, wichtige Erfahrungen in der Bewältigung und Kontrolle aggressiven Verhaltens zu bekommen. In zum Beispiel Freundschaftsbeziehungen besteht die Gefahr des Beziehungsabbruchs. Eine Geschwisterbeziehung hingegen kann nicht so einfach beendet werden. So müssen Geschwister lernen, sich immer wieder zu versöhnen. Wenn ihnen das gelingt, können sie eine Koalition bilden, um so beim Verhandeln mit den Eltern ein Gegengewicht darzustellen.

Die Geburt eines jüngeren Geschwisters ermöglicht dem/ den älteren Geschwisterteil/en neue Aufgaben. Sie schlüpfen in die Rolle der Pionierfunktion, indem sie Pfade für das jüngere Kind bereiten, die sie sich früher selber erkämpfen mussten. Dadurch hat es das jüngere Geschwister oftmals einfacher, vorher bestehende Regeln zu brechen. Die Eltern sind durch die Erfahrungen mit dem Erstgeborenen gelassener und erlauben es dem Jüngeren zum Beispiel abends länger wach zu bleiben.

Weitere Funktionen einer Geschwisterbeziehung sind die Identifikation mit und die Differenzierung vom Geschwister, die Bank und Kahn als Grundlage einer Geschwisterbeziehung ansehen (vgl. Bank/ Kahn, 1994, S. 194). Bei der Identifikation sieht ein Kind sich teilweise in seinem Geschwister wieder, indem es ähnliche Erfahrungen macht und dieselben Werte teilt. Im Gegensatz dazu steht die Differenzierung. Hier grenzt das Kind seinen eigenen Bereich zum Geschwister ab. Zum Beispiel sucht es sich eine Sportart aus, die noch kein anderes Geschwister betreibt. Darin muss es sich nicht mit ihnen vergleichen. Diese beiden Funktionen grenzen sich nicht aus, sondern koexistieren. Die Identifikation dient unter anderem dem Zugehörigkeitsgefühl, die Differenzierung etwa der gesonderten Aufmerksamkeit der Eltern.

Des Weiteren kann man Geschwister als Betreuer zweiter Ordnung bezeichnen. Sie haben eine wichtige Betreuungs- und Lehrfunktion füreinander. Die Betreuung des jüngeren durch das ältere Geschwister ist ein Phänomen, welches in so gut wie jeder Familie mit mehreren Kindern stattfindet. Auch die Hilfe bei den Schulaufgaben unter Geschwistern ist häufig. So unterstützen sich etwa 78% bei den Hausaufgaben bzw. beim Lernen. Eine weitere Ebene stellt die therapeutische Funktion dar, die die Geschwister füreinander übernehmen können. Geschwister sind oftmals toleranter als Eltern. Vor allem die älteren können den jüngeren Geschwistern aufgrund ihrer größeren Erfahrung und ihrem gleichzeitig geringeren Altersunterschied im Vergleich zu den Eltern oft gute unterstützende Möglichkeiten bieten. Die Geschwister ähneln sich in ihrer Lebenswelt mehr. Ihre Eltern können diese nicht immer verstehen. So können sich Geschwister unter anderem besser über Fragen bezüglich Freundschaften, Beziehungen, etc. austauschen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 59-62).

Auch das Modellverhalten kann als eine Funktion der Geschwisterbeziehung bezeichnet werden. Auf der einen Seite ahmen in der Regel die jüngeren ihre älteren Geschwister nach und können so von ihnen lernen. Auf der anderen Seite bemühen sich die meisten älteren Geschwister den jüngeren ein gutes Vorbild zu sein und lernen dadurch ebenfalls.

Insgesamt bietet eine Geschwisterbeziehung viele verschiedene Funktionen und Möglichkeiten des Lernens. Die mittlere (7. bis 10. Lebensjahr) und späte Kindheit (11. bis 14- Lebensjahr) sind die Phasen, in der die Auswirkungen der möglichen Funktionen sichtbar werden. Hier nehmen Ungleichheiten und Konflikte in der Beziehung immer mehr ab, da sich die Geschwister ebenbürtiger und in der Adoleszenz schließlich zu gleichberechtigten Partnern werden. Jedes Geschwister hat zu diesem Zeitpunkt seinen Platz in der Familie gefunden, wodurch sich eine zunehmend harmonisierende Beziehung zwischen den Geschwistern entwickelt (vgl. Kasten, 1993a, S. 40-47).

2.3 Die Geschwisterkonstellation

Die meisten Kinder wachsen in einer individuellen Geschwisterkonstellation und familiären Situation auf. Ein Kind kann ein Mädchen oder ein Junge, ein Einzelkind oder jüngstes, mittleres oder ältestes Geschwister sein. Eines der Geschwister kann eine Behinderung oder eine Erkrankung haben. Die Eltern können sich trennen und es kommt eventuell eine neue Frau als Mutter oder ein neuer Mann als Vater in die Familie und bringt vielleicht noch eigene Kinder mit in die Familie. Jedes Kind hat damit eine eigene Geschwisterkonstellation, in der es sich zurechtfinden muss. Keine Konstellation kann allgemein als besser oder schlechter eingeordnet werden. Jede hat sowohl Vor- als auch Nachteile und birgt gewisse Risiken aber auch Chancen. Ob und in wieweit diese zum Ausdruck kommen, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, die folgend näher betrachtet werden. Geschwister, die in derselben Familie aufwachsen, erleben ihre Umgebung in vielerlei Hinsicht verschieden. Prägend bleibt nicht die reale, sondern die individuell empfundene, subjektiv gedeutete Geschwisterkonstellation bzw. -situation (vgl. Frick, 2015, S.52-58, S. 118). So kommt es dazu, dass sich Geschwister trotz gemeinsamer Gene und dem Aufwachsen in derselben Familie in vielen Merkmalen unterscheiden. Diese Unterschiedlichkeit wird auf den Bereich nicht gemeinsamer bzw. unterschiedlich wahrgenommener Umwelteinflüsse zurückgeführt. Die Einflüsse, die unterschiedlich wahrgenommen werden sind zum Beispiel das Verhalten der Eltern den einzelnen Kindern gegenüber, die Beziehung zu den Geschwistern und zu den Eltern, die Geschwisterposition und Ereignisse, wie Unfälle, Behinderungen, Trennungen oder der Tod eines Familienmitglieds. Die Verschiedenheit der Geschwister in ihrer Entwicklung wird somit von den unterschiedlich wahrgenommenen Umwelteinflüssen mitbestimmt (vgl. Hackenberg, 2008, S. 29-31). Einige dieser Faktoren werden nun näher erläutert. Vorab sei erwähnt, dass die folgenden Erläuterungen allgemein gehalten sind und nicht auf jeden Einzelfall zutreffen müssen.

2.3.1 Die Geschwisterposition

Einer dieser Faktoren, der in unterschiedlicher Weise auf Geschwister Einfluss nimmt, ist die Geschwisterposition. Sie schließt das Alter sowie die Anzahl der Geschwister und damit auch die Familiengröße mit ein. So beschreibt Frick, dass in Kleinfamilien eher die Gefahr besteht, dass die Erwartungen und Ansprüche der Eltern auf wenige Kinder gerichtet werden. Kinder können diese zu hohen Erwartungen als Druck empfinden. Für andere Kinder kann dies aber eine Chance auf optimale Zuwendung und Förderung darstellen. Dabei ist auch die Geschwisterzusammensetzung und mit ihnen die Geschlechtsrollenbilder der Eltern sowie deren bewusste und unbewusste Zuweisung von geschlechtsspezifischen Tätigkeiten von Bedeutung (siehe Kapitel 2.3.2) (vgl. Frick, 2015, S. 144-145).

Auch der Altersabstand spielt bei der Geschwisterposition eine wichtige Rolle. Bei Geschwistern mit einem geringen Abstand, das heißt von weniger als zwei Jahren, gibt es häufig eine besonders intensive Beziehung, die sich durch widersprüchliche Tendenzen auszeichnet. Sie spielen, aber streiten auch viel. Bei einem mittleren Abstand von drei bis sechs Jahren übernehmen die älteren Geschwister bereits Betreuungsaufgaben und werden von den Jüngeren als Vorbilder angesehen. Bei einem Altersabstand von mehr als sechs Jahren ist die Beziehung weniger konflikthaft, da es weniger gemeinsame Interessen gibt. Geschwister mit diesem großen Altersunterschied verbringen weniger Zeit miteinander, wodurch es kaum Konkurrenzsituationen gibt. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass ihre Beziehung emotional weniger intensiv wahrgenommen wird (vgl. Walper, 2009, S. 40).

Das älteste Kind einer Familie steht für einige Zeit im Mittelpunkt der elterlichen Aufmerksamkeit. Nachdem das zweite Kind geboren wurde, wird in der Literatur (Achilles, 2002; Frick, 2015, Hackenberg, 2008) von einer „Entthronung“ gesprochen, die das erstgeborene Kind erlebt, wenn es sich von den Eltern zurückgesetzt und benachteiligt fühlt. Wenn jedoch eine sichere Bindung zu den Eltern besteht und diese den Bedürfnissen des Älteren weiterhin ausreichend nachkommen, wirkt sich dies positiv auf die Geschwisterbeziehung aus. Das mittlere Geschwister nimmt den Vorsprung des Älteren als Anreiz und versucht ihm entweder nachzueifern oder ein neues Feld zu besetzen. Je nachdem, ob es von den Eltern als besonderes Kind oder als „Kleines“ übersehen wird, wirkt sich dies ebenfalls positiv oder negativ auf die Beziehung der Geschwister aus. Das jüngste Kind kann seine Situation aus zwei Blickwinkeln betrachten. Wenn es sich in der Froschperspektive sieht, in der alle Anderen größer und stärker wirken, wird es Schwierigkeiten haben, eine positive Beziehung zu den Geschwistern aufzubauen. Wenn die Älteren es jedoch unterstützen und es diese Hilfe auch annimmt, können sie gleichermaßen davon profitieren (vgl. Frick, 2015, S. 63-98).

2.3.2 Das Geschlecht

Auch heute noch neigen Eltern dazu Töchter und Söhne unterschiedlich zu behandeln, indem sie sie entsprechend ihren Geschlechtsrollenstereotypen bestimmten Aktivitäten zuordnen. So helfen zum Beispiel Töchter deutlich öfter der Mutter im Haushalt und in der Betreuung kleinerer Geschwister, während der Sohn eher seinen Vater bei handwerklichen Aufgaben unterstützt. Zudem kommunizieren Eltern mehr mit Töchtern. Söhne behandeln sie eher kontrollierend. Gleichgeschlechtliche Geschwister, egal ob Töchter oder Söhne, werden oft sich selbst überlassen, da sie ähnliche Interessen haben und somit weniger Anleitung seitens der Eltern benötigen. In Bezug auf das Lernen profitieren jüngere Geschwister von vor allem älteren Schwestern im verbalen und soziomoralischen Bereich und von älteren Brüdern im mathematisch-technischen sowie sportlichen Bereich. Mit zunehmendem Alter verhalten sich Jungen eher körperlich und Mädchen verbal aggressiv (vgl. Walper, 2009, S. 40-42). (Jüngere) Geschwister wenden sich häufiger an die ältere Schwester, wenn sie Hilfe brauchen. Ältere Schwestern sind im Allgemeinen fürsorglicher als ältere Brüder. Dieses versorgende Verhalten von Schwestern kann auf die gerade erwähnten Geschlechtsrollenstereotypen zurückgeführt werden (vgl. Kasten, 1993a, S. 25).

2.3.3 Der Einfluss der Eltern

Auch die Eltern haben Einfluss auf die Beziehung der Geschwister. So hat etwa der Erziehungsstil der Eltern eine bedeutende Auswirkung, da besonders die älteren Geschwister das beobachtete Erziehungsverhalten der Eltern übernehmen und es auf die Jüngeren übertragen. Sie können mit ihnen streng oder freundschaftlich umgehen. Der Erziehungsstil färbt sich damit unweigerlich auf die Geschwisterbeziehung ab. So auch die Partnerbeziehung zwischen den Eltern. Eine positive Partnerschaft bietet den Geschwistern ein wichtiges Beziehungsmodell zwischen Mann und Frau und zwischen Menschen im Allgemeinen, was sie als ihr Beziehungskonzept verinnerlichen. Somit hat es auch Auswirkungen auf die Beziehung der Geschwister untereinander. Des Weiteren hat die (subjektiv wahrgenommene) Bevorzugung oder Benachteiligung durch Eltern/-teile einen großen Einfluss darauf, wie sich die Geschwister vertragen (vgl. Frick, 2015, S. 145-154). Allerdings muss hier unterschieden werden: Einerseits ist eine elterliche Ungleichbehandlung natürlich, da jedes Geschwister andere Bedürfnisse hat. Diese notwendige Ungleichbehandlung können Kinder verstehen, wenn es ihnen erklärt wird. Auf der anderen Seite gibt es die elterliche Bevorzugung. Diese geht aktiv von den Eltern bzw. von einem Elternteil aus und beinhaltet eine eindeutige Wertung den Kindern gegenüber und damit eine Ungerechtigkeit. Diese kann kurzfristige Folgen wie ein verringertes Selbstwertgefühl oder Verhaltensprobleme verursachen und/ oder langfristige Folgen, zum Beispiel eine schlechtere soziale Anpassung und unsichere Bindungen im Erwachsenenalter. Wie stark ausgeprägt die Folgen sind, hängt von der erlebten Ungerechtigkeit der Benachteiligung ab. Eine als gerecht erlebte Ungleichbehandlung hat hingegen keine negativen Auswirkungen auf die Geschwisterbeziehung. Zum Beispiel erlebt es ein älteres Geschwister als gerecht, wenn sein jüngeres Geschwister mehr Zeit der Eltern in Anspruch nimmt, da es noch mehr Hilfe beim Essen, Anziehen, usw. benötigt (vgl. Walper, 2009, S. 58-59).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Geschwisterbeziehungen sehr komplex sind und von vielen Faktoren beeinflusst werden können. Jedes Geschwister fasst diese Einflüsse unterschiedlich auf und erlebt sie auf seine individuelle Weise. Das ist der Grund, warum sich Geschwister, obwohl sie in derselben Familie unter vermeintlich identischen Bedingungen aufwachsen, unterschiedlich entwickeln.

Im folgenden Kapitel werden die gerade erwähnten Faktoren nochmals mit Blick auf die besondere Situation – der Behinderung eines Geschwisters – betrachtet. Zudem kommen weitere Faktoren hinzu, die die Situation besonders machen.

3Die Situation der Geschwister von Menschen mit Trisomie 21

„Ich wünsche mir, dass wir so glücklich weiter zusammenleben können, wie bisher auch.“

Was ist das Besondere an Geschwistern von Menschen mit Behinderung bzw. mit Trisomie 21? Diese Geschwister wachsen in einem Umfeld auf, welches mehr oder weniger von der Pflege und Sorge des Kindes mit Behinderung geprägt ist. Somit sind spezifische Anforderungen an die Geschwister gestellt. Unter anderem sind sie oft in betreuende und haushälterische Tätigkeiten eingebunden, der elterliche Fokus liegt mehr auf dem Geschwister mit Behinderung und von ihnen wird eine hohe Rücksichtnahme gefordert (vgl. Brock, 2015, S. 250-252). Für einige Geschwister, so beschreibt es Udo Wilken, ist dies eine Bürde, die sie vermutlich lange mit sich tragen werden. Für Andere ist es eher eine Chance, durch die sie lebenspraktische Erfahrungen sammeln, sowie selbstständiger, sozial kompetenter, selbstbewusster etc. werden (vgl. U. Wilken, 2014, S. 36). Die Behinderung eines Kindes wirkt sich also in jeder Familie, auf jedes Geschwister unterschiedlich aus und führt nicht zwangsläufig zu negativen Effekten. Besonders wichtig dabei ist, welche Bedeutung ein Individuum dem Ereignis zuschreibt. Das heißt, ob es die Behinderung als Katastrophe deutet, oder, ob es sie konstruktiv annehmen und bewältigen kann (vgl. Kasten, 1993b, S. 113-115). Dies ist von unterschiedlichen Einflussfaktoren abhängig, die im Verlauf dieses Kapitels dargelegt werden.

Inwieweit sich eine Behinderung positiv auf ein Geschwister und seine Persönlichkeit auswirkt, darüber, so Ilse Achilles, gibt es bis heute kaum Literatur und nur wenige Studien. Früher lag der Fokus auf den möglichen Entwicklungsstörungen und Gefährdungen, denen ein Kind aufgrund einer Behinderung seines Geschwisters ausgesetzt zu sein schien. Grund für diese negativen Befunde war zum einen, dass die Studien mit Geschwistern durchgeführt wurden, die bereits aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsstörungen in Behandlung waren. Zum anderen kommt hinzu, dass die Forscher nur nach Problemen und Schwierigkeiten in Verbindung mit der Behinderung gefragt haben. Mögliche positive Aspekte wurden nicht berücksichtigt. Erst in neueren Studien (z.B Hackenberg, 2008) werden die charakterbildenden und förderlichen Aspekte, wie Toleranz und soziales Engagement, beachtet (vgl. Achilles, 2002, S. 32-33). Angemerkt werden kann, den früheren Studienergebnissen widersprechend, jedoch bereits jetzt, die Aussage einer interviewten Schwester: „Ich wünsche mir, dass wir so glücklich weiter zusammenleben können, wie bisher auch.“ (B04, S. 21, Z. 20-22). Daran lässt sich erkennen, dass ein Leben mit einem Geschwister mit Trisomie 21 durchaus positiven Seiten hat.

Im Folgenden wird nun die Behinderung „Trisomie 21“ näher beleuchtet. Anschließend wird die Geschwisterkonstellation mit ihren Einflussfaktoren im Hinblick auf die besondere Geschwistersituation betrachtet.

3.1 Darstellung der Begriffe „Behinderung“ und „Trisomie 21“

„Sie bringt mir ein bisschen gute Laune zurück.“

Der §2 Satz 1 des SGB IX sagt:

„Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“.

Günther Cloerkes (2007) erweitert diese Definition um einige wichtige Punkte. Nach ihm ist eine Behinderung eine „dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein negativer Wert zugschrieben wird.“ Die Dauerhaftigkeit unterscheidet hier die Behinderung von einer Krankheit. Mit „Sichtbarkeit“ ist das Wissen Anderer um die Abweichung gemeint. Weiter führt er aus, dass ein Mensch behindert ist, „wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und, wenn zweitens die sozialen Reaktionen auf ihn negativ sind.“ (vgl. Cloerkes, 2007, S. 4-8). Die Rolle, die einem Menschen mit Behinderung in unserer Leistungsgesellschaft beigemessen wird, ist meistens die eines Außenseiters (vgl. ebd. S. 102). Dazu bemerkt Dieter Hinze, dass eine geistige Behinderung negativer bewertet wird, als andere Formen der Behinderung. Die Intelligenz eines Menschen wird in unserer Gesellschaft als hohes Gut und damit als Voraussetzung für Anerkennung und Erfolg angesehen (vgl. Hinze, 1999, S. 17). So äußert sich auch Otto Speck. Er bemängelt zudem, dass oft die Bezeichnung „geistige Behinderung“ bzw. „geistig behinderter Mensch“ genutzt wird. Durch diese Substantivierung tritt der Makel in den Vordergrund und alles am Menschen erscheint defizitär. Deswegen plädiert er dafür, die Begrifflichkeit „Menschen mit (geistiger) Behinderung“ zu nutzen. Er argumentiert, dass die (geistige) Behinderung nur ein Teil des Menschen sei und sie ansonsten wie jeder andere Mensch zu sehen wären (vgl. Speck, 1993, S. 52).

Die Trisomie 21 wird auch „Down-Syndrom“ genannt. Sie wurde nach dem englischen Arzt John Langdon Haydon Down benannt. Dies sollte seiner Anerkennung dienen, da er Übungen und Fördermöglichkeiten für Menschen mit dieser Behinderung entwickelte. Die meisten der betroffenen Menschen lehnen den Begriff „Down-Syndrom“ jedoch ab, da mit „down“ (engl.: nieder, unten) eine negative Konnotation mitschwingt. Ein anderer, neutraler Begriff ist „Trisomie 21“ (vgl. E. Wilken, 2014, S. 11). Von Trisomie 21 wird gesprochen, da das 21. Chromosom bei den Betroffen drei- statt üblicherweise zweimal vorhanden ist. Die Ursache für diese Zellteilungsstörung ist bis heute noch nicht bekannt. Jedoch lässt sich Trisomie 21 überall auf der Welt und in allen Bevölkerungsschichten finden. In Deutschland leben etwa 40.000 Menschen, weltweit ca. 5 Millionen Menschen mit dieser Behinderung (vgl. Arbeitskreis Down-Syndrom Deutschland e.V. (Hrsg.) (2010)). Die meisten Betroffenen mit Trisomie 21 haben eine leichte bis mittlere Form der geistigen Behinderung. Einige können aber auch die Grenze zur Normalbegabung erreichen. Insgesamt gibt es im Vergleich zu nicht behinderten Kindern große zeitliche Abstände bezogen auf das Erreichen einzelner Entwicklungsschritte. Was diese Menschen jedoch auszeichnet ist ihre Freude an Musik und Rhythmik, ihre gute soziale Anpassungsfähigkeit, ihre Freundlichkeit, sowie ihre heitere und gutmütige Wesensart (vgl. E. Wilken, 2014, S.38-42). Von Letzterem erzählt auch eines der befragten Mädchen. Sie sagt, dass ihre Schwester ihr immer „ein bisschen gute Laune zurückbringt“, wenn sie diese mal nicht hat (B10, S. 46, Z. 42-43).

In der Fachliteratur wird oft von einer „Geschwisterproblematik“ im Zusammenhang mit Behinderung gesprochen (Seifert, 1989; Achilles, 2002; Hackenberg 1992, 2008). Cloerkes stellt daher die kritische Frage, ob Geschwister von Menschen mit Behinderung wirklich so große Probleme haben, dass sie sich deutlich von anderen Geschwistern unterscheiden und ob die Behinderung tatsächlich solch gravierend negative Auswirkungen auf das Geschwisterkind habe (vgl. Cloerkes, 2007, S. 293). Diesen Fragen wird im folgenden Teil des dritten Kapitels nachgegangen.

3.2 Die Geschwisterkonstellation im Hinblick auf die besondere Situation

„Sie haben von Anfang an gesagt, dass Emily etwas Besonderes ist.“

Durch die Behinderung eines Kindes erhält dieses besonders viel Aufmerksamkeit durch die Eltern. Seine Bedürfnisse bestimmen den Alltag der Familie zu großen Teilen. Ihre Geschwister sind also mit Besonderheiten in der Familien- und damit in der Geschwisterkonstellation konfrontiert. Diese können in unterschiedlicher Weise Einfluss auf ihr Leben nehmen – positiv oder negativ, stark oder nur geringfügig (vgl. Hackenberg, 2008, S. 72-76). Außerdem spielt die subjektive Interpretation eines jeden Geschwisters eine entscheidende Rolle bei den Reaktionen auf und der Auseinandersetzung mit der Behinderung (vgl. ebd. 1992, S. 23). So erzählte zum Beispiel ein interviewtes Mädchen, dass ihre Schwester „ Emily etwas Besonderes ist “ (B11, S. 55, Z. 25). Ob es bei den Geschwistern also letztendlich zu Belastungen oder Beeinträchtigungen kommt, hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab, die im Folgenden dargestellt werden.

3.2.1 Geschwisterposition und Geschlecht

„Für mich war klar, dass ich immer einen Tacken größer und selbständiger bin.“

Im zweiten Kapitel wurde die Bedeutung der Geschwister und ihr Einfluss aufeinander im Allgemeinen erörtert. Nun wird die Geschwisterbeziehung nochmals betrachtet – jedoch in Bezug auf die „besondere“ Situation, mit einem Geschwister, welches Trisomie 21 hat, aufzuwachsen.

Zu den beiden Faktoren Geschwisterposition und Geschlecht gibt es unterschiedliche Befunde. Einige sprechen davon, so Achilles, dass jüngere Geschwister grundsätzlich mehr unter der Behinderung eines Geschwisters leiden als ihre älteren Geschwister. Ältere Geschwister haben zumindest ein paar Jahre vor der Geburt des Geschwisters mit Behinderung mit ihren Eltern allein verbringen können. Ihnen wird zudem mehr über die Behinderung erzählt, da die Eltern der Meinung sind, sie können die Erklärungen besser nachvollziehen, im Gegensatz zu den jüngeren Geschwistern, mit denen eher wenig darüber gesprochen wird. Achilles berichtet aber auch von dem entgegenstehenden Studien, die aussagen, dass ältere Geschwister es besonders schwer hätten. Gründe dafür seien zum einen die bereits thematisierte Entthronung, die sie erleben. Zum anderen können sie verunsicherte Eltern erleben, die zunächst lernen müssen, wie sie mit der Behinderung ihres Kindes umgehen. Ein weiterer Punkt ist die Aufmerksamkeit. Da ältere Kinder in der ersten Zeit nach der Geburt eines Kindes sowieso schon mit weniger elterlicher Zuwendung zurechtkommen müssen, kann sich diese durch die Behinderung nochmals verringern (vgl. Achilles, 2002, S. 49). Ob nun ältere oder jüngere Geschwister besser mit dieser Situation umgehen können, hängt von weiteren Faktoren ab.

So spielt zudem die Geschwisterzahl eine entscheidende Rolle. In einer Familie können zum Beispiel viele oder nur zwei Kinder leben. Es ist also auch abhängig von der Geschwisteranzahl bzw. von der Familiengröße, die auch im Kapitel Zwei angesprochen wurde. Bei einer Zwei-Kind-Familie verteilen sich die Erwartungen der Eltern jedoch nicht auf beide Kinder, sondern auf das ohne Behinderung. Dies kann zu einer Überforderung führen. In größeren Familien ist eine bessere Aufgabenverteilung möglich. Hier wird vor allem von den älteren Schwestern verlangt, dass sie intensiv mit in die Betreuung des Geschwisters mit Behinderung einsteigen (vgl. Seifert, 1989, S. 17-20). Dazu eine Interviewaussage einer 20-jährigen Studentin : „Für mich war klar, dass ich immer ein Tacken größer und selbstständiger bin.“ (B10, S. 50, Z. 21-22). Sie muss sich als älteste von vier Schwestern am meisten um ihre 11-jährige Schwester mit Trisomie 21 kümmern, fasst dies aber nicht als Benachteiligung auf. Dazu bemerkt Hartmut Kasten, dass die Einbindung in Betreuungs- und Versorgungsaufgaben sich nicht automatisch negativ auf die Beziehungsqualität der Geschwister und damit auf ihre Entwicklung auswirken muss. Wenn die Eltern die Geschwister in einem angepassten Maße miteinbeziehen, können sie sich dementsprechend mit ihrem Geschwister und mit der Behinderung auseinandersetzen und ebenfalls lernen, mit ihr umzugehen. So zeigen Befunde (Stoneman, 1991) dass Geschwister, die in einem nicht zu überfordernden Maße in die Betreuung und Versorgung miteinbezogen werden, sich seltener negativ über ihr Geschwister mit Behinderung äußern und weniger negative Gefühle sowie Verhaltensweisen zeigen. Auch das Geschlecht spielt eine gewisse Rolle. Insgesamt bestehen in der frühen und mittleren Kindheit besonders bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern eine konfliktreichere Beziehung. In der späten Kindheit und der Adoleszenz kann die Geschwisterbeziehung schwieriger werden, wenn das Kind mit Behinderung männlich ist (vgl. Kasten, 1993b, S. 123-137).

Einer der wohl markantesten Unterschiede dieser besonderen Situation ist die Asymmetrie der Geschwisterbeziehung. Die Geschwister ohne Behinderung leiten mehr an, sind aktiver und helfen ihren Geschwistern mit Behinderung deutlich mehr und schneller, als Kinder, die kein Geschwister mit Behinderung haben. Besonders auffällig ist die Asymmetrie, wenn das Kind mit Behinderung das ältere der Geschwister ist. Hier drehen sich die Rollen um - das jüngere Geschwister nimmt die Rolle des Anleiters, Lehrers, Unterstützers, etc. ein. Wenn es das Geschwister mit Behinderung dann in seiner Entwicklung eingeholt hat, nimmt es die dominierende Stellung ein (vgl. Hofer, 2002, S. 212).

3.2.2 Der Einfluss der Eltern

„Sie schimpfen mehr mit mir.“

Neben den in Abschnitt 2.3.3 bereits genannten Faktoren, nimmt auch die Persönlichkeit und mit ihr das Verhalten der Eltern Einfluss auf die Geschwister. Sie prägen das Verhältnis der Geschwister maßgeblich mit sowie auch ihren Charakter und ihre Wertvorstellungen. So ist es für die Kinder zum Beispiel leichter die Behinderung zu akzeptieren, wenn es ihre Eltern auch können. Auch das schon erwähnte Verhältnis der Eltern zueinander ist von Bedeutung. Dies kann unter der Behinderung leiden, da sie ihren Alltag den Bedürfnissen des Kindes unterordnen müssen. Eine 1978 durchgeführte Untersuchung zeigt, dass es eine erhöhte Scheidungsrate bei Paaren mit einem Kind, welches Trisomie 21 hat, gibt. Gleichzeitig konnten jedoch durch diesen Härtetest gute Ehen gefestigt werden. Die Behinderung erscheint demnach nicht der alleinige Grund für die Scheidungen zu sein. Die Zeiteinteilung spielt diesbezüglich im Alltag eine wichtige Rolle. Die Eltern müssen sich als Paar bewusst Zeit nehmen, damit die Behinderung nicht die dominante Position einnimmt. Auch die bewusste Hinwendung zu den anderen Kindern ist wichtig, damit sie ein Gefühl für ihren eigenen Wert vermittelt bekommen. Sie müssen weiterhin als Person wahr- und in ihren Bedürfnissen und Interessen ernstgenommen werden (vgl. Achilles, 2002, S. 91-97). So spricht auch Kasten davon, dass die Partnerbeziehung der Eltern sich auf die Bewältigungsfähigkeiten der Kinder auswirkt. Eltern, die mit ihrer Beziehung zufrieden sind, sind im Umgang mit stressinduzierenden Faktoren kompetenter.

Des Weiteren bestimmen die Werteorientierungen und Weltanschauung der Eltern, die (teilweise) durch die Gesellschaft hervorgerufen werden, mit, wie sich die Geschwister gegenüber dem Kind mit Behinderung verhalten. Dies ist unter anderem von der sozialen und ökonomischen Schichtzugehörigkeit, im Sinne vom anerkannten und finanziellen Stand in der Gesellschaft, abhängig. Eltern aus der oberen Schicht empfinden die Geburt eines Kindes mit Behinderung als eine tragische Krise. Sie kann das Ergebnis der Verletzung elterlicher Erwartungen an das neue Familienmitglied sein, welches später den hohen familiären Anforderungen bezüglich Leistungen nicht gerecht werden kann. Die Geschwister übernehmen diese negative Einstellung der Eltern und können so innerlich die Grenzen und Beeinträchtigungen ihres Geschwisters kaum akzeptieren (Modellverhalten). Für sozial und ökonomisch niedriger gestellte Eltern bedeutet es eher eine organisatorische Krise, da das Kind täglich Betreuung und Pflege benötigt. Diese Aufgaben werden teilweise an die, vor allem älteren, Geschwister abgegeben (vgl. Kasten, 1993b, S. 123-129). Die Folge dieser übermäßigen Pflicht kann Überforderung sein. Einige Geschwister fühlen sich zudem verpflichtet, besonders gute Leistungen in der Schule, im Sport, etc. zu erbringen. Dies kann den Druck auf sie weiter erhöhen (vgl. Hinze, 1999, S. 71).

Ein anderer Faktor, der die Persönlichkeit der Kinder beeinflussen kann, ist die Gleich- bzw. Ungleichbehandlung durch die Eltern. So ist im Werk von Udo Wilken die Rede davon, dass der Fokus der Familie auf dem Kind mit Behinderung liegt und die Eltern Rücksichtnahme erwarten. Jedoch sagt er auch, dass es richtig sei, Kinder unterschiedlich zu behandeln, da jedes unterschiedliche Bedürfnisse habe, wonach es behandelt werden müsse. Ungleichbehandlung ist also normal und in Ordnung, und wird erst zur Gefahr, wenn sie ständig zu Lasten derselben Individuen geht (vgl. U. Wilken, 2014, S. 36). Allgemein ist das Sich-Einfühlen-Können der Eltern in die Situation der Geschwister wichtig, da die Eltern dann entsprechend auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen und ihnen Hinweise im Umgang mit der Behinderung bzw. mit ihrem Geschwister mit Behinderung geben können (vgl. Hackenberg, 2008, S. 96, 104). Einige Eltern reagieren dagegen bei Wut oder Ärger gegenüber dem Kind mit Behinderung weniger tolerant. Sie akzeptieren es, im Gegensatz zu Eltern, die kein Kind mit Behinderung haben, deutlich seltener, wenn ihre Kinder sich streiten. Dies berichtete auch ein 8-jähriges Mädchen in einem Interview: „Sie schimpfen mehr mit mir.“ (B01, S. 3, Z. 17) Dies kann dazu führen, dass die Geschwister die elterlichen Normen und Erwartungen internalisieren und sie ihren Ärger bald nicht mehr offen gegenüber dem Geschwister mit Behinderung zeigen. Auf einige Geschwisterbeziehungen kann sich dies negativ auswirken (vgl. Seifert, 1989, S. 22).

3.2.3 Art und Schwere der Behinderung

„Ich sehe nicht, dass sie eine Behinderung hat.“

Ein weiterer und entscheidender Faktor, die sich auf die Entwicklung eines Geschwisters auswirkt, ist die Art und Schwere der Behinderung.

Eine Trisomie 21 ist eine angeborene Behinderung. Die Geschwister eines Betroffenen sind früh mit ihr konfrontiert. Sie müssen lernen Rücksicht und Verantwortung zu übernehmen. Das Wissen über die Behinderung spielt daher eine entscheidende Rolle. Wenn die Eltern von Beginn an offen mit den Geschwistern darüber reden, können Verunsicherungen und Ängste der Geschwister abgebaut werden. Sie entwickeln zudem die Kompetenz, erklärend auf ihre Mitmenschen zugehen zu können (vgl. U. Wilken, 2014, S. 40-41). Da vor allem kleine Kinder ihre Ängste noch nicht verbalisieren können, ist es hier besonders wichtig, dass die Eltern ihnen die Behinderung altersgerecht erklären, zum Beispiel mithilfe eines Aufklärungsbuches. Des Weiteren können Geschwister mit einer Behinderung, die deutlich sichtbar ist, besser umgehen. Zum Beispiel bekommt ein Kind mit Trisomie 21 mehr Sympathien, als ein Autist. Wenn die Öffentlichkeit eine Behinderung sieht, kann sie besser darauf reagieren und die Geschwister stehen nicht ständig unter den Blicken anderer (vgl. Achilles, 2002, S. 108-109).

Insgesamt schätzen Geschwister von Kindern mit einer leichten Behinderung ihre Beziehung als positiver und wärmer, aber auch als konfliktbelasteter ein, als Geschwister von Kindern, die eine schwere Behinderung haben. Der Grund dafür ist, dass eine leichte Behinderung mehr der Beziehung von zwei Geschwistern, von denen keiner eine Behinderung hat, ähnelt. Sie wird also als normaler angesehen. So berichtete zum Beispiel eine 19-Jährige im Interview: „Ich sehe […] nicht, dass sie Behinderung hat. (B06, S. 25, Z. 6). Sie nimmt die Behinderung ihrer Schwester nicht als solche wahr, da sie der Beziehung zu ihrer anderen Schwester ohne Behinderung ähnelt. Sie nimmt also keinen großen Unterschied wahr und bezeichnet die Beziehung zur Schwester mit Trisomie 21 als „normal“.

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Ende der Leseprobe aus 135 Seiten

Details

Titel
Die Situation für Geschwister von Menschen mit Trisomie 21. Chancen und Herausforderungen im Alltag
Hochschule
Hochschule Osnabrück
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
135
Katalognummer
V1061404
ISBN (eBook)
9783346474629
ISBN (Buch)
9783346474636
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Erhalt des StudyUp-Award - ein Förderpreis für hervorragende Leistung der Hochschule Osnabrück (2018)
Schlagworte
Geschwister, Geschwisterbeziehung, Trisomie 21, Down-Syndrom, geistige Behinderung, Soziale Arbeit, Chancen, Herausforderungen, Alltag, Geschwisterseminar, Geschwisterkonstellation, Geschwisterposition, Eltern, Behinderung, institutionelle Unterstützung, quantitative Forschung, Familie als Tiere
Arbeit zitieren
Sara Gierse (Autor), 2017, Die Situation für Geschwister von Menschen mit Trisomie 21. Chancen und Herausforderungen im Alltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1061404

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