Willensfreiheit oder Determinismus


Seminararbeit, 2001
25 Seiten, Note: 1

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Gliederung

1. Einleitung

2. Der Text von Nagel

3. Historisches

4. Begriffsklärungen

5. Determinismus oder Indetermnismus

6. Das Determinismusproblem
6.1. Argumentation für den Determinismus
6.1.1. Allgemeine Erklärung der deterministischen Theorie
6.1.2. Der Determinismus bezogen auf den menschlichen Willen
6.2. Probleme bei Annahme der Theorie des Determinismus
6.2.1. Die Einstellung Anderen gegenüber
6.2.2. Die persönliche Reaktion
6.3. Kompatibilismus
6.4. Kritik am Determinismus
6.4.1. Zweifel am Determinismus
6.4.2. Zweifel an der Übertragbarkeit des Determinismus

7. Auswege und Alternativen
7.1. Alternative Erklärungskonzepte
7.2. Selbstorganisatorischer Wille

8. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung

Die meisten Menschen sind von der Freiheit ihres Willens und dem anderer Personen überzeugt. Sie glauben normalerweise schon daran, Entscheidungen selber herbeigeführt zu haben und sind über- zeugt, ihre Zukunft beeinflussen zu können. Gleichzeitig sind aber auch die meisten Personen davon überzeugt, dass jedes Ereignis eine Ursache hat, dass die Natur nach bestimmten unveränderlichen Gesetzen funktioniert und dass es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Behauptungen gibt, nämlich, dass Ursachen durch bestimmte Gesetze Wirkungen hervorrufen. Mit diesen Überzeugungen können sie auch gut leben und es ergeben sich im alltäglichen Leben keine Probleme damit. Bei genauerer Untersuchung dieser beiden Annahmen kann man jedoch zu der Überzeugung gelangen, dass sich die beiden Annahmen gegenseitig ausschließen, zumindest, wenn sie streng genommen werden und Allgemeingültigkeit besitzen sollen. Wenn wirklich alles Geschehen nach bestimmten Gesetzen abläuft und jedes Ereignis eine Ursache hat, dann kann man diesen Zusammenhang auch weiter ausdehnen und behaupten, auch die Ursache hat eine Ursache, die wiederum eine Ursache hat usw. Auch in die Zukunft kann man dies fortsetzen und behaupten, jedes Ereignis erzeugt eine Wirkung, welche wieder eine Wirkung erzeugt usw. So entstehen Ketten von Ursachen und Wirkungen, welche in einer durch die Naturgesetze bestimmten Art und Weise ablaufen. Diese Theorie nennt man den Determinismus. Laut Determinismus ist aber für die Willensfreiheit kein Platz mehr, da ja alles durch die Naturgesetze vorbestimmt ist.

Die Schlussfolgerung daraus ist, dass eine der anfangs erwähnten Behauptungen falsch sein muss. Das Einfachere ist zu behaupten, der Determinismus sei falsch. Schließlich ist die Willens- freiheit eine alltägliche Erfahrung, die man nicht einfach leugnen kann. So argumentieren die Verfechter der Willensfreiheit. Die Vertreter des Determinismus dagegen behaupten, mit Hilfe dieser Theorie lassen sich alle Vorgänge in der Natur erklären. Es gibt, abgesehen von Vorgängen auf der Teilchenebene, keine Phänomene in der Natur, die den Determinismus widerlegen. Der Mensch ist ein Teil der Natur, also muss der Determinismus auch für den Menschen gelten. Die Willensfreiheit ist nur eine Täuschung. Der Mensch glaubt nur, er sei frei, weil er nicht alle Naturgesetze und Gegeben- heiten kennt. Schließlich gibt es noch diejenigen, die behaupten, Willensfreiheit und Determinismus schließen sich nicht aus. Die Vertreter dieser These nennt man Kompatibilisten.

Thomas Nagel hat diesem Problem in seiner kleinen Einführung in die Philosophie ein Kapitel gewidmet.1 Nachdem ich dieses Kapitel kurz vorgestellt habe, möchte ich in dieser Arbeit jeweils einen Vertreter der beiden gegensätzlichen Positionen aus der jüngeren Zeit vorstellen. Dies ist zum einen Ted Honderich, welcher den Determinismus vertritt2 und zum anderen Steffan Ritzenhoff, der sich für die Freiheit des Willens einsetzt.3 Außerdem werde ich einen sehr kurzen historischen Abriss liefern, wie dieses Problem in der Geschichte der Philosophie behandelt wurde sowie einige Vertreter des Kompatibilismus mit ihren Thesen vorstellen. Natürlich könnte man noch sehr viel mehr Personen vorstellen, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben und dessen Arbeiten auf jeden Fall beachtenswert sind. In der neueren Forschung sind da beispielsweise Arbeiten von Hannah Arendt4 oder John Erpenbeck5 zu nennen. Dies würde allerdings zu ausführlich werden.

2. Der Text von Nagel

Zuerst zeigt Nagel anhand einer alltäglichen Situation die in jedem von uns tief verwurzelte Einsicht, dass man bei Handlungen, bei denen man unter keinerlei Zwang stand, sich auch hätte anders entscheiden können. Er erklärt anschließend, was das bedeutet, wenn jemand behauptet: ‚Ich hätte mich auch anders entscheiden können. Was geschieht, hängt ausschließlich von meiner eigenen Entscheidung ab.’ Dies bedeutet, dass derjenige genau zum selben Zeitpunkt, unter genau denselben Umständen hätte anders handeln können, eine andere Entscheidung hätte treffen können. Eine solche Fähigkeit gestehen wir Gegenständen, Pflanzen und den meisten Tieren nicht zu. Wenn wir sagen, ein Auto hätte den Berg hochfahren können, dann meinen wir lediglich damit, dass dieses Auto genügend Leistung hat um den Berg hochzufahren, nicht jedoch, dass es einfach so, von sich aus den Berg hätte hochfahren können. Sich einfach so für eine andere Handlung entscheiden, ohne dass vorher etwas anderes geschehen muss, können scheinbar nur Personen. Dies bedeutet, dass bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine Handlung geschieht, diese Handlung durch nichts festgelegt ist. Wie die Zukunft aussehen wird ist eine offene Möglichkeit, die von unseren Entscheidungen beeinflusst wird. Andere Abläufe in der Natur sind keine offenen Möglichkeiten. So ist es beispielsweise sicher, dass morgen die Sonne aufgehen wird. Es gibt keine Möglichkeit, dass die Sonne morgen nicht aufgeht. Dieses Geschehen ist von vornherein durch Naturgesetze festgelegt. Nur unsere eigenen Handlungen sehen wir als nicht von vornherein festgelegt an.

Im zweiten Teil seines Textes beschreibt Nagel Einwände gegen diese Behauptung. Die Vertre- ter dieser Einwände argumentieren vom Standpunkt des Determinismus aus. Sie behaupten, dass nichts möglich ist, was nicht von vorneherein festgelegt ist. Auch unsere Handlungen und Ent- scheidungen sind determiniert und unvermeidlich. Sie glauben, das Universum befolge bestimmte Gesetze, die auch auf den Menschen angewandt werden müssen. Nach diesen Gesetzen könne man prinzipiell den Verlauf des Universums vorhersagen. Durch diese Prognose werden jedoch die Ausgangsbedingungen verändert, was wiederum das prognostizierte Ergebnis verändern kann. Praktisch ist es somit nicht möglich, sämtliche Abläufe in unserer Welt vorherzusagen, selbst wenn man alle Naturgesetze und alle Ausgangsbedingungen kennen würde. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass unsere Handlungen vorherbestimmt und unausweichlich sind. Eine Entscheidung ist ausschließlich von der ihr vorhergehenden Situation determiniert und diese wieder durch die ihr vorhergehende usw.

Der nächste Abschnitt in Nagels Text beschreibt die Folgen, die sich durch die Annahme des Determinismus ergeben. Wenn wir nicht frei sind in unseren Entscheidungen, kann man uns auch nicht mehr für unsere Taten verantwortlich machen. Lob und Tadel sind moralisch nicht zu recht- fertigen und rücksichtsloses oder unehrliches Verhalten anderer müsste als eine Art Naturkatastrophe angesehen werden. Strafe wäre nur noch damit zu rechtfertigen, dass es als Erziehungsmaßnahme und zur Abschreckung dient.

Anschließend geht Nagel auf die Gegenposition des Determinismus, den Indeterminismus ein. Wenn unsere Taten durch nichts, weder durch unsere Wünsche, noch durch unsere Überzeugungen oder unseren Charakter vorherbestimmt wären, würden sie einfach so geschehen, ohne dass es dafür eine Erklärung gibt. Wenn es keine Erklärung für unser Verhalten gibt, können wir aber ebenfalls nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Mit der Entscheidung zwischen Determinismus und Indeterminismus gerät man also in eine Sackgasse: Wir sind für unsere Entscheidungen nicht verantwortlich, egal ob der Determinismus wahr oder falsch ist.

Im letzten Abschnitt stellt Nagel deswegen eine Alternative Herangehensweise vor, die besagt, dass eine Handlung aufgrund von Ursachen, die im Menschen selber zustande kommen zu einer persönlichen Handlung wird, für die er verantwortlich ist. Diese Erklärung nennt er die psycho- logische Erklärung.

3. Historisches

In der Philosophie der Antike stellte sich das Problem der Willensfreiheit nicht, da man zu dieser Zeit keinen Begriff des Willens, wie wir ihn heute haben, kannte. Erste Ansätze zu diesem Thema sind bei Aristoteles, der den Willen als ein vernunftgemäßes bzw. durch Gründe bestimmtes Streben sah, und in der Philosophie der Stoa, welche von wohlbegründeten Streben sprachen, zu finden. Als ersten Philosoph des Willens kann man Augustinus bezeichnen, welcher im Willen eine eigenständige Instanz zur Orientierung des Handelns und des Lebens, neben und unabhängig von Verstand und Vernunft, sah. Im Mittelalter wird der Wille hinsichtlich seines Verhältnisses zum Verstand untersucht. Die beiden gegensätzlichen Positionen vertreten Thomas von Aquin und Duns Scotus. „Während Thomas den Primat der Vernunft bzw. des Intellekts lehrt, wonach Wille nicht selbst vernünftig ist, sondern die Vernunft den Willen vernünftig macht, ist für Duns Scotus die Vernunft nur eine Teilursache des Willens.“6 Der Wille Gottes ist bei beiden jedoch die erste Ursache alles Seins.

In der Neuzeit kam ein stärkeres Interesse an dem Willen und der Frage nach seiner Freiheit auf. René Descartes sah in dem Willen das Instrument des Menschen, das ihn dazu befähigt, sich zu Gottesähnlichkeit zu entwickeln, aber auch dasjenige Organ, welches die Möglichkeit des mensch- lichen Irrtums einschließt. Thomas Hobbes hatte nur einen negativen Freiheitsbegriff, für ihn war die Willensfreiheit also lediglich die Abwesenheit von Zwang. Auch die Idee des Determinismus entstand schon in der frühen Neuzeit, ihre konsequentesten Vertreter waren der Chemiker Joseph Priestley und der Mathematiker Pierre Simon de Laplace. Leibniz führt zur Rettung der menschlichen Freiheit, bei gleichzeitiger Determinierung der Welt, die Unterscheidung in absolute und hypothetische Not- wendigkeit ein. David Hume reduziert den Determinismus auf die statistische Wahrscheinlichkeit. Er ist einer der ersten Vertreter des Kompatibilismus. Er unterscheidet zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit. Willensfreiheit lehnt er ab, da dies Zufall wäre. Handlungsfreiheit gesteht er dem Menschen zu, als Möglichkeit, dem Willen gemäß zu handeln. Auf ihn geht auch die klassische Definition der Kausalität zurück, allerdings verwendete er sie nur als eine Art Arbeitshypothese.

Kant spricht vom Willen als Kausalität der Vernunft, womit die Fähigkeit gemeint ist, nach Prinzipien zu handeln. Für ihn sind der Determinismus und der Indeterminismus vereinbar. Sie verweisen auf das Verhältnis von Willensfreiheit und Kausalität, das nach der 3. Antinomie nur im Bereich der praktischen Philosophie zu lösen ist. Willensfreiheit des Individuums ist die Vorraus- setzung seiner moralischen Begabung und Verpflichtung. Kausalität ist für Kant ein reiner Verstan- desbegriff, der nur auf Erscheinungen anwendbar ist und Erfahrung erst ermöglicht. Während für Kant freier Wille also möglich ist, lehnt Schopenhauer diesen ab. Für ihn liegt zwar das Wesen des Menschen nicht im Denken oder Erkennen, sondern im Willen. Der Wille des Einzelnen ist jedoch unfrei und einem höheren Weltwillen untergeordnet, der die großen Zusammenhänge des Welt- geschehens lenkt. Nietzsche bezeichnet die Freiheit des Willens als einen Irrtum, welcher sich in dem Willen zur Macht gründet. Der menschliche Wille unterliegt seiner Meinung nach der Macht der Natur.

4. Begriffsklärungen

Um über Willensfreiheit und Determinismus reden zu können, müssen erst einmal einige Begriffe geklärt werden, die in diesem Zusammenhang auftauchen.

Der Determinismus ist die Lehre von der Bestimmtheit des ganzen Weltgeschehens, ein- schließlich aller menschlichen Lebensläufe. Es ist die Auffassung von der durchgängig gesetzmäßigen Bestimmtheit der Wirklichkeit. Er besagt, dass alle Ereignisse aus ihren Wirkursachen erklärbar und zukünftige Ereignisse grundsätzlich vorhersehbar sind. Im Bezug auf die Willensfreiheit kann man zwischen dem harten und dem weichen Determinismus unterscheiden. Der harte Determinismus schließt neben der Möglichkeit zu einer freien Entscheidung auch noch die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen aus. Der weiche Determinismus geht zwar davon aus, dass das Handeln des Menschen determiniert sei, glaubt aber, dass bei Abwesenheit von innerem und äußerem Zwang, der Mensch in einem Sinne frei sei, der ausreicht, um Verantwortlichkeit zu begründen und Belohnung oder Bestrafung zu rechtfertigen. Die extremste Form des Determinismus ist der Fatalis- mus, welcher ein bedingungsloser Determinismus ist, ein Schicksalsglaube, der jedwede Freiheit aus- schließt. Das Gegenteil des Determinismus ist der Indeterminismus. Das ist die Lehre von der kausalen Nichtbestimmtheit von Zuständen und Ereignissen, bzw., auf die Willensfreiheit bezogen, die Lehre von der Freiheit des menschlichen Wollens und Handelns.

Der Determinismus wird durch das Kausalprinzip begründet. Das Kausalprinzip sagt aus, dass zu jedem eindeutig beschreibbaren Zustand eine kausale Erklärung gefunden werden kann. Allgemein gesprochen heißt das: Jedes Ereignis hat eine Ursache. Die Kausalität bezeichnet allgemein das Verhältnis der Verursachung, die Relation von Ursache und Wirkung also. Aus dem Kausalitätsprinzip sind verschiedene Schlüsse gezogen worden. Zum einen gibt es das kausal-mechanistische Weltbild. Das ist eine Vorstellung von der Welt, nach der alles Geschehen kausal verursacht und gemäß den Gesetzen der (klassischen) Mechanik berechenbar ist. Dieses Weltbild führt zum Determinismus. Es erfuhr aber in der modernen Physik Einschränkungen im Bereich der Quantenphysik, und darin vor allem durch die Heisenbergsche Unschärferelation, nach der es unmöglich ist, Ort und Impuls eines Teilchens genau zu bestimmen. Zum anderen gibt es die Regularitätsthese von David Hume, welche besagt, der Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen bestehe nicht in Ursache und Wirkung, sondern resultiere aus einem psychischen Mechanismus der menschlichen Wahrnehmung. Aufgrund wiederholter Wahrnehmung entwickelt sich beim Menschen eine Erwartung, dass sich die Ereignisse auch weiterhin so verhalten werden. Daraus kann man keineswegs auf den Determinismus schließen, weil diese These die Kausalität nicht als ein Naturgesetz darstellt.

Im Gegensatz zu dem Determinismus steht die Freiheit. Die Klärung dieses Begriffes ist schwie- riger, als bei den eben aufgeführten und kann wohl auch nicht in endgültiger Form geschehen und schon gar nicht in dieser knappen Form. Es gibt zunächst die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit. Negative Freiheit bedeutet Freisein von Behinderung, wie Zwang, Kausalität oder Schicksal. Positive Freiheit ist die Freiheit zu einer bestimmten Sache, die Fähigkeit oder die Möglichkeit, etwas zu tun oder bleiben zu lassen, eine Art schöpferische Freiheit. Laut Hume kann man zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit unterscheiden. Die Willensfreiheit im Sinne von Freisein von allen Bedingungen führt dazu, dass keinerlei Motive, Wünsche oder Charakterzüge die Entscheidung beeinflussen und ist für ihn unmöglich. Die Handlungsfreiheit ist die Fähigkeit und das Vermögen zum bewussten und freiwilligen Tun, entsprechend den eigenen Fähigkeiten und Möglich- keiten im Hinblick auf die gegebenen Umstände. Sie ist das Handeln nach dem eigenen Wollen ohne äußere Fremdbestimmung. Rousseau sieht in der Freiheit die anthropologische Grundbestimmung des Menschen. Sie ist das Fehlen einer instinkthaften und damit naturhaften Determination des Menschen. Für die Existenzialisten ist Freiheit die ontologische Grundbestimmung des Menschen. Die Willens- freiheit ist die Freiheit des Menschen von inneren Fremdbestimmungen, wie Leidenschaften, Affekten, Trieben oder Neigungen. Sie kann als das Streben des Willens des Menschen beschrieben werden, wobei das Ziel ausdrücklich gewusst und aus Freiheit von der wollenden Person selbst intendiert wurde. Der Wille ist also ein bewusstes Streben nach einem Ziel, das seinen Ursprung in der Spon- taneität des Menschen hat. Wobei der Wille ausschließlich als freier Wille gedacht werden kann.

Die Theorie des Determinismus und der Anspruch der menschlichen Freiheit geraten in Konflikt miteinander. Diesem Problem kann man auf zweierlei Art und Weise begegnen. Der Kompatibilismus ist eine Theorie, wonach Entscheidungen, Beschlüsse und Handlungen sowohl frei, als auch determi- niert sein können; ‚frei’ und ‚determiniert’ sind nach dieser Theorie logisch vereinbare Begriffe. Dabei kann man zwei Arten des Kompatibilismus unterscheiden. Zum einen den Schein-Kompatibilismus, welcher sagt, der Widerspruch zwischen Determinismus und Freiheit sei ein Scheinproblem, beides kann nebeneinander existieren, ohne miteinander in Konflikt zu geraten; die Geltungsbereiche der Definitionen der beiden Begriffe überschneiden sich nicht. Andererseits gibt es den ‚wohlverstandenen Kompatibilismus’. Die Anhänger dieser Ansicht geben die Unterschiedlichkeit beider Konzepte zwar zu, versuchen aber bei geltenden Determinismus so viel Freiheit wie möglich geltend zu machen. Das Gegenteil des Kompatibilismus ist der Inkompatibilismus, nach dem es nicht möglich ist, dass beide Konzepte, das der Freiheit und das des Determinismus, gleichzeitig gelten.

Weitere Begriffe, welche im Zusammenhang mit dem Determinismus auftreten, sind Ent- scheiden und Handeln. Entscheiden heißt, sich angesichts alternativer Möglichkeiten auf eine bestimmte Handlungsweise festzulegen. Eine Handlung ist ein zielgerichtetes, sinnvolles Tun. Motive für Handlungen oder Entscheidungen können soziale oder psychologische Ursachen oder geschicht- lich-epochale Ursachen sein, sie können aber auch durch einfache physikalisch-chemische oder bio- chemische Ursachen bedingt sein.

5. Determinismus und Indeterminismus

Bezüglich des Determinismus gibt zwei Extrempositionen. Zum einen kann man der Über- zeugung sein, der Determinismus treffe zu auch in Bezug auf die menschliche Entscheidungsfreiheit. Der Mensch ist nicht frei zu tun, zu entscheiden oder zu wollen, was er will. All unser Handeln und Denken ist vorherbestimmt und unausweichlich. Somit kann niemand für sein Tun verantwortlich gemacht werden.

Die zweite Extremposition ist der Indeterminismus. Die völlige Freiheit des Willens bedeutet, dass die Handlungen einer Person durch keinerlei Bedingungen vorhergesehen oder begründet werden können. Keinerlei Motive, Wünsche oder Charakterzüge könnten das Verhalten der handelnden Person einschränken, keinerlei soziale, psychologische oder geschichtlich-epochale Ursachen seines Handelns könnten gefunden werden, die dieses erklären. Sein Verhalten könnte weder durch gesellschaftliche Normen, noch durch seine bisherigen Taten, Verhaltensweisen oder Einstellungen abgeschätzt werden. Ein solcher Mensch wäre nicht frei, sondern, allenfalls, wenn überhaupt möglich, ein gemeingefähr- licher Narr. Er könnte auch nicht für seine Taten verantwortlich gemacht werden, da er überhaupt keine Gründe für sein Verhalten angeben kann. Verantwortung übernehmen heißt aber, seine Handlungsweisen begründen zu können.

Die Vertreter des Indeterminismus, wie die Vertreter des Determinismus müssen also ein- räumen, dass der Mensch für sein Tun nicht verantwortlich ist. Da wie eben gezeigt der völlig freie Mensch unmöglich ist, könnte man, um die Freiheit zu retten und eine Instanz zu schaffen, die verantwortlich ist, annehmen, dass der Mensch teilweise in seinen Entscheidungen frei ist und teil- weise durch bestimmte Gründe gebunden ist. Diese Einstellung läuft aber wieder auf den Indeter- minismus hinaus, da dann letztendlich doch ausschließlich der Teil, welcher frei ist, für die Entschei- dungen des Menschen verantwortlich ist und dieser Teil ist nicht begründbar. Es scheint so, als bliebe als einzige Möglichkeit nur der Determinismus. Im folgenden werde ich also den Determinismus genauer untersuchen.

6. Das Determinismusproblem

a. Argumentation für den Determinismus

i. Allgemeine Erklärung der deterministischen Theorie

Der Begriff des Determinismus wurde in den Naturwissenschften in der frühen Neuzeit ent- wickelt. Er geht von den zwei Annahmen aus: Erstens, dass jeder physikalisch erfassbare Zustand die Wirkung einer prinzipiell genau bestimmbaren Ursache ist und zweitens, dass die Natur keinen zufälligen Schwankungen oder willkürlichen Akten unterworfen ist, dass alle Prozesse mit Regel- mäßigkeit gemäß denen der Natur innewohnenden und unveränderlichen Gesetzen stattfinden. Die Mathematik bietet die ideale Darstellungsform für den Determinsmus. Der ‚Laplacesche Dämon’ drückt sehr gut diese Einstellung aus: „Eine Intelligenz, welche für einen gegebenen Augenblick alle in der Natur wirkenden Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammensetzenden Elemente kennte, und überdies umfassend genug wäre, um die gegebenen Größen der Analysis zu unterwerfen, würde in derselben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper wie des leichtesten Atoms umschließen; nichts würde ihr ungewiss sein, die Zukunft, wie die Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen.“7

Die Aussagen des Determinismus gelten aber nur in dem mathematischen Modell. Während bei dem mathematischen Modell alle Anfangsbedingungen bekannt sein müssen, um Aussagen zu treffen, kommen die Ergebnisse in der Realität durch Messungen zustande. Es muss eine Abbildungsvorschrift für die Übertragung der Messwerte in das mathematische Modell gefunden werden, um eine brauchbare physikalische Theorie entwickeln zu können.8

Die Annahme des Determinismus war also ein wichtiger Schritt, um der Form nach einheitliche Fragen an die Natur zu stellen. Mithilfe des Determinismus kann man sehr viele, sich in der Natur wiederholende Vorgänge vorhersagen. Er kann sogar überlebensnotwendig sein, um Gefahren vorher- sagen zu können, die immer nach dem gleichen Muster ablaufen. Der Determinismus leistete in den Naturwissenschaften einen entscheidenden Beitrag zur Erklärung physikalischer Phänomene und zu den Fortschritten, welche die technischen Errungenschaften in der Neuzeit erst ermöglichten.

Im zwanzigsten Jahrhundert wurden die Theorie der Quantenmechanik entwickelt, in welcher der Determinismus keine Gültigkeit hat. Dies hatte jedoch keinen Einfluss auf die Gültigkeit des Determinismus in seinem klassischen Anwendungsgebiet.

Zu der Anwendung und der Gültigkeit des Determinismus in den Naturwissenschaften ist noch anzumerken, dass dieser auf dem Kausalprinzip beruht. Das Kausalprinzip ist allerdings keine wissenschaftliche Theorie, da es die Bedingungen für die Falsifizierbarkeit nicht erfüllt.9 Es stellt lediglich eine Herangehensweise, eine Überzeugung dar, mit der man empirische Forschung betreiben kann. Es ist eine ‚a priori’ formulierte Norm oder ein Verfahren. Dieses Prinzip kommt unserer Erkenntnisweise über die Natur entgegen. Es sagt weniger etwas über die Natur aus, als über die Art und Weise, wie man mit ihr umgehen kann. Es kann eine Richtlinie für die Durchführung oder ein Bewertungsmaßstab für die Resultate der Forschung sein. In diesem Sinne ist es kein Naturprinzip, es stellt lediglich eine Handlungsmaxime bzw. eine Denkstrategie zur Verfügung.

ii. Der Determinismus bezogen auf den menschlichen Willen

Der Determinismus ist nun von dem Bereich der Naturwissenschaft in den Bereich der prak- tischen Philosophie übertragen wurden. Steffan Ritzenhoff stellt drei Annahmen zusammen, von denen die Vertreter des Determinismus in der Philosophie ausgehen:10 Als erstes wird ein determinier- tes Ereignis als ein verursachtes Ereignis definiert. Es untersteht dem Kausalprinzip. Ferner muss die Kontinuitätsbehauptung gelten, welche besagt, dass kein Ereignis für sich alleine steht, sondern immer im Zusammenhang mit anderen Ereignissen. Beide Aussagen, das Kausalprinzip und die Kontinuitäts- behauptung sagen aber noch nichts über die Eindeutigkeit des Zusammenhangs zwischen zwei Ereig- nissen aus. Als zweites wird behauptet, mit der Kenntnis der Anfangsbedingung und der Naturgesetze ein determiniertes Ereignis vorhersagen zu können. Die Naturgesetze sind in diesem Zusammenhang die Kausalgesetze. Während das Kausalprinzip nur das ‚dass’ des Zusammenhangs zwischen zwei Ereignissen angibt, sollen die Kausalgesetze das ‚wie’ der Ereignisfolge erklären. Die Kausalgesetze liefern also auch einen quantitativen Zusammenhang zwischen den Ereignissen und erlauben somit Prognosen. Diese Naturgesetze sollen eindeutig sein und folglich müssen eindeutige Prognosen zumindest prinzipiell möglich sein. Alles was geschieht, ist demnach notwendig und was nicht geschehen ist, ist auch real unmöglich. Als drittes wird schließlich noch ausgesagt, dass man deter- minierte Ereignisse dadurch verstehen kann, indem man die Gesetzmäßigkeiten, denen sie gehorchen, in einen größeren widerspruchslosen Zusammenhang einordnet. Möglichst viele Ereignisse sollen unter ein Muster subsummiert werden. Wir sollen die Natur und uns selber unter eine Prämisse stellen. Die Kausalität wird als alles beherrschendes Prinzip angesehen. Dazu ist jedoch anzumerken, dass dabei die Erkenntnisweise des Menschen und die Funktionsweise des Natur unter das gleiche Para- digma gestellt wird. Ein Arbeitsprinzip oder eine Erkenntnishilfe im Umgang mit der Natur wird zugleich als die Wahrheit über die Konstruktion der Natur verstanden.

Trotz dieses Problems bei der Übertragung des Determinismus in den Bereich der Philosophie hat diese These viele Anhänger gefunden. Eine klare Argumentation für den Determinismus möchte ich im folgenden vorstellen. Es ist die Arbeit von Ted Honderich, der zu diesem Problem klar Stellung für die Gültigkeit des Determinismus im Bezug auf den menschlichen Willen bezogen hat.11

Honderich erklärt den Determinismus prinzipiell so, dass Wirkungen von einem kausalen Bedingungskomplex notwendig hervorgerufen werden. Im Bezug auf menschliches Entscheiden und Handeln lautet die Formulierung seiner deterministischen Theorie folgendermaßen: „Jedes geistige Ereignis einschließlich der Entschlüsse oder Entscheidungen ist mit einem gleichzeitigen neuralen Ereignis verbunden, denn die beiden sind nomische Korrelate. Da das neurale Ereignis eingetreten ist, ist unabhängig vom übrigen Geschehen auch das geistige Ereignis eingetreten, und ohne das geistige Ereignis wäre das neurale nicht eingetreten. Jedes derartige psycho-neurale Paar ist die Wirkung einer Kausalreihe, deren erster kausaler Bedingungskomplex neurale und physische Anfangsereignisse sowie bestimmte Umweltereignisse enthält. Jede in einem allgemeinen Sinne des Wortes aufgefasste Handlung ist die Wirkung einer Kausalreihe, zu deren erstem Bedingungskomplex ein psychoneurales Paar gehört, das seinerseits eine aktive Absicht umfasst.“12

Das bedeutet, dass unsere Handlungen sowohl durch unsere Wünsche, Überzeugungen usw. als auch durch die neuralen Vorgänge in unseren Köpfen erklärt werden, also sowohl psychische, wie neurale Ursachen haben. Jedes dieser beiden Ereignisse, das psychische und das neurale, gehört zu einem kausalen Bedingungskomplex. Jede Entscheidung ist somit Wirkung einer Kausalkette, deren Elemente, sofern sie nicht am Anfang oder am Ende stehen, sowohl Ursache als auch Wirkung sind. Der Ausgangskomplex dieser Kausalkette sind neurale und physische Ereignisse, als auch Umwelt- einflüsse, die auf die betreffende Person wirkten, und zwar während des ganzen Lebens dieser Person. Somit kann für seine Entscheidungen der Mensch in keinem Sinne verantwortlich gemacht werden, da er für die Ereignisse und die Einflüsse keine Verantwortung trägt. Für Willensfreiheit und damit Verantwortlichkeit einer Person fordert Honderich einen Erstauslöser außerhalb dieser Kausalkette, den er sich allenfalls so vorstellen kann, dass dieser in einer nicht weiter zurückführbaren oder un- analysierbaren Relation zu der Entscheidung steht. Die Existenz dieser Erstauslöser bezweifelt er jedoch. Seine Annahmen stützen sich auf Erkenntnisse der Neurowissenschaft, die Belege liefert, welche die These des Determinismus stärken.

Meine Meinung zu dieser These ist, dass sie auf recht wackligen Füßen steht, da die geistig- neuralen Paare, auf die er seine Argumentation aufbaut, Thesen sind und keine Fakten. Sie ent- stammen Theorien aus der Neurowissenschaft. Man kann sie nur indirekt feststellen oder theoretisch postulieren. Sie sind wahrscheinlich gute Hilfsmittel um Gedankenvorgänge im Rahmen der Neuro- wissenschaft zu erklären. Sie taugen aber nichts, um zu entscheiden, ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht.

b. Probleme bei Annahme der Theorie des Determinismus

i. Die Einstellung Anderen gegenüber

Auch wenn berechtigte Zweifel an der Übertragbarkeit des Determinismus auf das Gebiet der Philosophie angebracht sind, möchte ich in diesem Abschnitt annehmen, dass der Determinismus gilt und Überlegungen dazu anstellen, was die Konsequenzen davon wären. Zunächst möchte ich über die Konsequenzen sprechen, die sich in der Gesellschaft ergeben. Eine schon öfters erwähnte Konsequenz, die sich aus der Annahme der Richtigkeit des Determinismus ergibt, ist die, dass es nicht mehr möglich ist, jemanden für seine Handlungen verantwortlich zu machen. Wenn man Entschlüsse nicht mehr auf eine Person selber zurückführen kann, sondern sie lediglich als Ergebnis einer unendlich langen Kausalkette sieht, dann ist es nicht gerechtfertigt diese Person für ihren Entschluss oder für ihr Handeln verantwortlich zu machen. Der Schluss daraus ist, dass es auch keine moralische Begründung für Strafe mehr gibt. Strafe wäre nur noch durch die Begründungen Erziehung oder Abschreckung zu rechtfertigen. Durch Erziehung will man erreichen, dass sich die betreffende Person nicht noch einmal so verhält. Dies wäre allerdings vergleichbar mit der Erziehung oder, überspitzt ausgedrückt, mit der Dressur eines Tieres. Durch die Abschreckung will man ein Exempel an einer Person statuieren, damit die Mehrheit der anderen Personen davon abgehalten wird, sich ebenso zu verhalten. Beide Argumente können die Strafe der betreffenden Person selber gegenüber aber nicht rechtfertigen. Die Strafe bleibt gegenüber der Person ungerecht, da diese schließlich nichts für ihr Handeln kann, sie konnte nur so handeln. Die Strafe ist nur in einer utilitaristischen Theorie zu rechtfertigen, nach der durch die Strafe, das Glück einer größeren Menge erhöht wird, während man sich einer Person gegenüber ungerecht verhält.

Auch Ted Honderich lehnt als Rechtfertigung für Strafe die Vergeltungstheorie, welche durch den Wunsch der Gesellschaft nach Genugtuung begründet wird, ab, weil sie durch das Zutreffens des Determinismus ihre Legitimation verliert.13 Begründungen für Strafe, welche aussagen, Strafe wirke präventiv oder solche, die sich nach einer utilitaristischen Theorie richten, lässt er gelten. Seine Legi- timation für Strafe beruht jedoch darauf, dass Strafe gerechtfertigt ist, sobald sie mit dem moralischen Prinzip der Gleichheit im Einklang steht. Man solle dafür sorgen, dass es denjenigen, denen es schlecht geht, besser geht. Die Begründung für diese Rechtfertigung bleibt er dem Leser jedoch schuldig. Als weitere Auswirkungen des Determinismus in der Gesellschaft nennt er Haltungen, welche man ändern muss, wenn es darum geht, gesetzestreue Bürger zu belohnen, Einkommen und Reichtümer zu verteilen, Machtstellungen und Dienstgrade zu verleihen sowie offiziell Lob und Tadel auszusprechen.

In diesem Sinne kollidiert die Annahme der Richtigkeit des Determinismus auch mit den Grundprinzipien der demokratischen freiheitlichen Gesellschaft, in der wir leben. Diese Gesellschaftsordnung beruht darauf, dass jeder für sein Tun verantwortlich ist. Jeder kann frei entscheiden, was er tun möchte und muss dafür auch die Konsequenzen tragen. Der mündige Bürger ist sowohl im positiven Sinne für sein Tun verantwortlich, das heißt, dass er seine Zukunft frei gestalten kann, als auch im negativen Sinne, das bedeutet, dass er für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden kann. Wenn nun angenommen wird, dass diese Freiheit nicht besteht, sondern bloß Einbildung ist, oder lediglich in den Gesetzen geschrieben steht, besteht ein Konflikt, sowohl mit dem politischen Selbstverständnis unserer Gesellschaft, als auch mit der juristischen Praxis.

ii. Die persönliche Reaktion

Wenn man von den Auswirkungen des Determinsimus spricht, denken die meisten Leute wahrscheinlich zuerst an die gesellschaftlichen Auswirkungen; daran, dass Lob und Tadel sowie Strafe bei der Richtigkeit des Determinismus sinnlos wären und ihre Berechtigung verlieren würden. Die Auswirkungen, die die Annahme der Wahrheit des Determinismus auf das persönliche Leben jedes einzelnen hat, sind meiner Meinung nach jedoch wesentlich gravierender.

Honderich zählt vier Gebiete auf, in denen der Determinismus das persönliche Leben berührt.14 Das sind die Lebenshoffnungen, die persönlichen Gefühle, die moralischen Gefühle und die Er- kenntnisgewissheit. Gewöhnlich setzten wir voraus, dass die Zukunft etwas Offenes, Nicht-Fest- stehendes oder Veränderliches ist. Diese Zukunft will man verändern. Einen Grossteil unserer Lebens- energie verwenden wir auf die Gestaltung unserer Zukunft. Damit sind auch Hoffnungen verbunden, die darauf gerichtet sind, dass wir erreichen, was wir uns vornehmen, oder dass wir unsere Lage verbessern können. Diese Gefühle werden bei Zutreffen des Determinismus enttäuscht. Unsere Zukunft steht schon fest und wir können sowieso nichts mehr daran ändern. Ebenfalls vom Deter- minismus betroffen sind persönliche Gefühle, die wir anderen gegenüber hegen. Das können positive anerkennende oder negative entrüstete Gefühle sein. Auch moralische Gefühle sind, wie im vorigen Abschnitt beschrieben, vom Determinismus betroffen. Sie entbehren im Falle des Zutreffens des Determinismus jeglicher Grundlage. Unsere Einstellung in Bezug auf die Forschung wird ebenfalls im Falle des Zutreffens des Determinismus verändert. Bisher haben wir geglaubt, etwas Neues zu ent- decken und, dass wir selber beeinflussen können, was wir entdecken, dass das Ergebnis von unserer persönlichen Einschätzung und Beurteilung abhängig ist. Bei Richtigkeit des Determinismus ist die Forschung nur das stückweise Aufdecken schon vorher vorhandener Wahrheiten.

Als Reaktion auf dieses Eingreifen des Determinismus in unser persönliches Leben sieht Honderich zwei Möglichkeiten. Dies ist zum einen Bestürzung und zum anderen Unnachgiebigkeit. Die Bestürzung ist eine unangenehme Tatsache - Hoffnungen werden zerstört und persönliche Gefühle gehemmt, das Erfassen von Wirklichkeit wird in Frage gestellt, eine Form der moralischen Missbilligung unmöglich gemacht und eine Art von Selbstachtung bestritten. Unnachgiebigkeit bedeutet, dass ich zwar glaube, der Determinismus sei war, aber die Folgen davon würden mich nicht betreffen. Ich könnte so weiterleben, wie bisher, ohne dass die Erkenntnis, dass die Welt und auch mein Leben determiniert sei, Auswirkungen auf mich hat. Dabei erliegt man jedoch laut Honderich einer Täuschung.15 Man kann nicht einfach so weitermachen und tun, als wäre nichts geschehen. Falls man nun gelegentlich so und gelegentlich so reagiert, verwickelt man sich in Widersprüche und außer- dem beinhaltet diese Situation eine gewisse Instabilität. Man befindet sich also in einer mehrfachen Zwickmühle. Honderich schlägt daher eine dritte mögliche Reaktion vor, die Bejahung. Wir sollten versuchen, uns der Lage, in der wir uns befinden, der Tatsache der Wahrheit des Determinismus, anzupassen. Diesen Versuch bezeichnet Honderich als eine Lebensphilosophie. Dabei soll man mit dem Determinismus Unvereinbares aufgeben, teils, indem man den Wert dessen erkennt, was nicht aufgegeben werden braucht, teils, indem man jeden möglichen Ausgleich wahrnimmt, den der Deter- minismus zu bieten hat. Wie dies jedoch konkret zu realisieren ist, schreibt er nicht. Wenn er behaup- tet: „Nun haben wir die Aussicht, von den negativen oder entrüsteten Gefühlen Abstand zu nehmen (...) die auf andere Personen gerichteten positiven oder wohlwollenden persönlichen Gefühle“16 könne man jedoch beibehalten, kommt mir dieser Vorschlag wie eine Art Trostpflaster vor, der jedoch kaum realisiert werden kann.

Ich finde, Honderich geht mit den Folgen des Determinismus etwas zu lax um, er verharmlost die persönlichen Reaktionen auf die These. Er glaubt, es sei im Sinne der Unnachgiebigkeit möglich, mit dem Bewusstsein der Richtigkeit des Determinismus zu leben, ohne Konsequenzen zu ziehen. Ich bin da anderer Meinung. Ich glaube, der Determinismus ist mit unserem alltäglichem Leben, welches wir führen, mit unserer Lebenspraxis nicht vereinbar. Es ist lediglich denkbar, den Determinismus als abstrakte Theorie zu akzeptieren, aber keineswegs vorstellbar ihn bei lebenspraktischen Entschei- dungen zu berücksichtigen. Die Motivation für unsere Gefühle, Hoffnungen oder Absichten, unsere Kommunikation untereinander und unser soziales Miteinander, wird nur dadurch möglich, dass wir der festen Überzeugung sind, wir haben, zumindest im Prinzip, einen freien Willen, wir können die Zukunft verändern und unsere Leben ist nicht vorherbestimmt. Eine andere Überzeugung wäre uner- träglich und in all seinen Konsequenzen gar nicht praktisch auslebbar. Zwar kann der freie Wille durch alle möglichen Zwänge, seien es äußere von anderen Personen ausgehende oder von einschränkenden Gegebenheiten der Umwelt herrührende oder innere, seien es psychische oder durch Kollision mit anderen Wünschen stammende, begrenzt sein, aber prinzipiell muss der freie Wille in unserer Lebens- konzeption vorkommen. Ohne die Überzeugung, wir können die Zukunft verändern, wären alle unsere Taten sinnlos.

c. Kompatibilismus

Ted Honderich hat behauptet, es gibt keine Willensfreiheit, sie sei eine Illusion. Der Deter- minismus schließe die Willensfreiheit aus. Die Unvereinbarkeit von freien Willen und Determinismus hat auch Peter van Invagen anhand von Konditionallogik bewiesen.17 Andere Philosophen sind jedoch nicht dieser Ansicht. Für sie ist Determinismus und freier Wille sehr wohl vereinbar. Diese Position nennt man Kompatibilismus. Die ersten Vertreter dieser Ansicht waren Thomas Hobbes und David Hume.18

An die Argumentation des letzteren schließt George Edward Moore an.19 Er verweist auf die zwei Bedeutungen der Ausdrücke „können“ bzw. „nicht können“. Zum einen wird „können“ ver- wendet in der Bedeutung von „die Fähigkeit zu etwas“ zu besitzen, als Abgrenzung zu etwas, wozu man nicht in der Lage ist. Als Beispiel dafür sagt er: Ich hätte heute morgen zwei Kilometer in zwanzig Minuten gehen können, aber ich hätte zweifellos nicht vier Kilometer in fünf Minuten laufen können. Wenn der Ausdruck in dieser Bedeutung benutzt wird, ist gemeint, ich hätte anders handeln können, wenn ich mich anders entschieden hätte. In diesem Sinne gibt es einen freien Willen; man hätte sich anders verhalten können, wenn man sich anders entschieden hätte. Diese Tatsache ist laut Moore keineswegs unvereinbar mit dem Prinzip, dass alles eine Ursache hat. In diesem Prinzip kommt die zweite Bedeutung des Ausdrucks „können“ vor, nämlich, dass nichts hätte jemals anders ge- schehen können, als es geschehen ist.

Dadurch, dass auf zwei Anwendungsfälle von „können“ verwiesen wird, ist es also möglich, dass Determinismus und freier Wille gleichzeitig bestehen. Unbeantwortet bei dieser These ist allerdings die Frage, wovon meine Entscheidung, welche Handlung ich begehe, abhängt. Es ist lediglich festgestellt worden, dass ich mich anders hätte entscheiden können, nicht ob diese Entscheidung durch einen freien Willen erzeugt wird.

Moritz Schlick hat die Frage nach der Vereinbarkeit von Determinismus und Willensfreiheit sehr deutlich als Scheinproblem beschrieben.20 Schlick setzt das Kausalprinzip auch im Bereich des menschlichen Verhaltens voraus. Um diese Aussage mit der Annahme von Willensfreiheit zu verein- baren, führt er eine ganze Reihe von Verwechslungen auf, denen die Vertreter der Annahme, dass Kausalität und Willensfreiheit unvereinbar sind, erlegen sind. Zunächst verweist er auf die zwei Bedeutungen des Wortes ‚Gesetz’: In der einen Bedeutung bezieht sich das Wort auf ein Gesetz, welches ein Staat erlässt und welches für die Bürger dieses Staates, aufgrund der Sanktionen bei Nichteinhaltung dieses Gesetzes, einen Zwang darstellt. Zum anderen gibt es die Naturgesetze. Diese üben keinen Zwang aus, sondern beschreiben nur Abläufe und Zustände in der Natur. Mit der Aussage, der Wille gehorcht einem Gesetz, ist nicht gemeint, dass er einem Zwang unterworfen wird, sondern dass er einem Naturgesetz gehorcht, welches die Wünsche und Motive beschreibt. Ebenso verhält es sich mit dem Begriff ‚Notwendigkeit’. ‚Ein Gesetz gilt notwendig’ beschreibt eben nicht irgend einen unentrinnbaren Zwang, sondern sagt lediglich aus, dass ein Naturgesetze allgemein gilt, das heißt, dass es keine Ausnahme gibt. Eine weitere Verwechslung sieht Schlick in der Art, wie einige Leute das Verhältnis von Ethik zu der Frage des Determinismus oder des Indeterminismus auffassten. Bezüglich dieser Frage interessiert die Ethik nur die Gesetze des Handelns und inwieweit sie der Kausalität unterliegen. Die moralische Freiheit des Menschen hat nichts mit dem Determinismusproblem zu tun. Freiheit ist, laut Schlick, das Gegenteil von Zwang, die Möglichkeit nach den eigenen Wünschen zu handeln. Für ihn ist der Mensch selbstverständlich für sein Handeln verantwortlich. Zwar reicht die Kausalkette weit in die Vergangenheit zurück, aber „‚Täter’ heißt derjenige, an dem die Motive hätten einsetzen müssen, um die Tat sicher zu verhindern (bzw. hervorzurufen)“.21 Um Verantwortlichkeit zu rechtfertigen, schließt er Indeterminismus aus, da die Begründung seiner Taten notwendig für verantwortliches Handeln ist.

Ebenfalls als Scheinproblem bezeichnet Max Planck die Debatte um die Willensfreiheit. Er vertritt den sogenannten epistemischen Indeterminismus. Planck nimmt an, dass der Determinismus gilt und dieser auch auf den menschlichen Geist übertragbar sei. Der menschliche Wille ist also kausal determiniert. Planck unterscheidet aber das Erkennen und das Wollen. Es ist zwar prinzipiell möglich, den Willen in seiner ganzen Determiniertheit zu erkennen, aber nur von einem völlig unbeteiligten objektiven Beobachter mit einer göttlichen Intelligenz. Dieser müsste sich vollkommen passiv ver- halten, da er sonst die Willensentscheidung beeinflussen würde. Um die eigenen Willenshandlungen vorauszusehen, müsste sich das Bewusstsein in zwei Teile spalten: Das erkennende Ich und das wollende Ich. Das erkennende Ich müsste unabhängig gegenüber dem wollenden Ich sein, da es dieses sonst beeinflussen würde. Durch die Einbeziehung dieser Beeinflussung in die Überlegungen des erkennenden Ichs käme es zu einem unendlichen Regress. Dies Trennung ist aber zumindest bei zukünftigen Willensentscheidungen nicht möglich. Entscheidungen werden also laut Planck nicht rein aufgrund seiner Verstandestätigkeit getroffen, da diese nie zu einem endgültigen Schluss kommen kann. Irgendwann wird die Kette der Schlussfolgerungen durchbrochen und eine Entscheidung gefällt. Die Freiheit des Willens beruht nach Plancks Meinung „auf dem Umstand, daß der Wille eines Menschen seinem Verstande vorgeht, (...) daß sein Charakter mehr wiegt, als sein Intellekt. Der Wille lässt sich vom Verstand wohl beeinflussen, aber niemals völlig beherrschen.“22 Der Gegensatz zwischen Determinismus und Willensfreiheit ist für ihn nur ein scheinbarer, da die Frage, ob der Wille kausal gebunden ist vom Standort abhängt. „Von außen, objektiv betrachtet ist der Wille kausal gebunden; von innen subjektiv betrachtet ist der Wille frei.“23 Beide Betrachtungsweisen stehen für ihn gleichberechtigt nebeneinander. Sir Peter Frederick Strawson vertritt gleichfalls die Auffassung, Determinismus und Willens- freiheit seien vereinbar.24 Auch er setzt voraus, dass der Determinismus wahr ist. Allerdings zeigt er die völlige Irrelevanz der nicht näher bestimmten deterministischen These für unsere zwischen- menschlich-teilnehmenden und moralischen Haltungen. Er unterscheidet menschliche Reaktionen in solche, die durch eine teilnehmende Haltung zustande kommen und solche, die durch eine objektive Haltung zustande kommen. Die teilnehmende Haltung ist die Haltung, die man normalerweise Anderen, voll verantwortlich Handelnden, gegenüber einnimmt. Entschuldigungen wie ‚Er wollte nicht’ oder ‚Er konnte nicht anders’ werden zwar zugelassen, aber sie stellen keinen Grund dar, beispielsweise eine Kränkung nicht als eine solche anzusehen. Die reaktiven Haltungen werden durch Gefühle, wie Zorn, Liebe oder Dankbarkeit begleitet. Eine objektive Haltung dagegen nimmt man gegenüber Personen ein, welche nicht voll zurechnungsfähig sind, wie kleinen Kindern oder psychisch Kranken. Ihnen gegenüber werden die gewöhnlichen reaktiven Haltungen außer Kraft gesetzt. Gelegentlich ist es auch möglich, gegenüber dem Verhalten der Normalen und Reifen die reaktiven Haltungen durch die objektiven Haltungen zu ersetzen. Dies ist allerdings nicht für längere Zeit denk- bar. Man kann die reaktiven Haltungen nicht ganz außer Kraft setzen. Die teilnehmenden oder reaktiven Haltungen weichen der objektiven Haltung in dem Maße, wie der Handelnde als einer gesehen wird, der durch psychische Abnormalität oder dadurch, dass er noch ein Kind ist, von gewöhnlichen menschlichen Beziehungen ausgeschlossen ist.

Die Annahme der deterministischen These müsste nun dazu führen, jedermann ausschließlich in dieser Weise, aus der objektiven Haltung heraus, anzusehen. Dazu ist der Mensch aber scheinbar nicht in der Lage, selbst wenn der Determinismus einen theoretischen Grund dafür abgäbe. Somit zieht Strawson zwei Schlüsse: „...der erste ist, dass wir, wie wir sind, uns nicht ernsthaft vorstellen können, wir könnten infolge theoretischer Überzeugung von der Wahrheit des Determinismus eine durch- gehende Objektivität der Haltung anderen gegenüber annehmen; und der zweite ist, dass, wenn wir faktisch eine solche Haltung in einem besonderen Fall annehmen, dies nicht die Folge einer theore- tischen Überzeugung ist (...), sondern eine Folge davon, dass wir die gewöhnlichen interpersonalen Haltungen aufgegeben haben, aus Gründen, die von Fall zu Fall verschieden sind.“25 Die eigentliche Frage ist laut Strawson also nicht die, was oder warum wir etwas wirklich tun, sondern, was eine vernünftige Handlungsweise wäre, eine Frage nach einer vernünftigen Rechtfertigung unserer Hand- lungen. Vernünftig Handeln können wir aber nur durch die Abschätzung der Gewinne und Verluste für unser oder anderer Leben; die Wahrheit oder Falschheit der These des Determinismus, der den allgemeinen Bezugsrahmen menschlichen Lebens darstellt, hätte keine Relevanz für die Vernünftig- keit dieser Wahl. Auf ironische Weise versucht er dies klar zu machen, indem er sich erinnert, „dass für jene, die überzeugt sind, dass die Wahrheit des Determinismus nichtsdestoweniger wirklich eine Wahl vernünftig machen würde, immer die unüberwindliche Schwierigkeit bestand, in einsichtigen Ausdrücken zu erklären, wie seine Falschheit die entgegengesetzte Wahl vernünftig machen würde.“26 Die beiden Positionen, die sich bei der Annahme des Determinismus ergeben, versucht er, durch die Darlegung der Irrelevanz dieser Theorie für die zwischenmenschlichen Beziehungen zu vereinen. Auf der einen Seite stehen die Pessimisten, welche behaupten, dass, wenn der Determinismus wahr wäre, moralische Verpflichtung und Verantwortlichkeit in Wirklichkeit keine Verwendung haben und die Praktiken des Strafens und Tadelns ungerechtfertigt sind. Diese fordert er zur Aufgabe ihrer Meta-physik auf und zu dem Zugeständnis, dass es für reaktive Haltungen irrelevant ist, ob der Determinis-mus stimmt oder nicht. Auf der anderen Seite stehen die Optimisten, welche in den Praktiken des Lobes und der Strafe ein wirksames Mittel für die Steuerung sozialen Verhaltens sehen und diese auch bei geltenden Determinismus rechtfertigen. Die Lücke in ihrer Argumentation, die Tatsache, dass diese Reaktionen nur von Nützlichkeitserwägungen und keineswegs von Moral gerechtfertigt sind, versucht Strawson zu schließen, indem er behauptet, dass diese Praktiken Ausdruck unserer mora-lischen Haltungen sind und nicht nur Mittel, die man zu Steuerungszwecken verwendet.

d. Kritik am Determinismus

i. Zweifel am Determinismus

Alle Kompatibilisten zweifeln nicht an der These des Determinismus. Einen anderen Weg jedoch geht Steffen Ritzenhoff, um die menschliche Willensfreiheit zu begründen. Er versucht zu beweisen, dass der Determinismus nicht stimmt, dass er eine Theorie ist, die man nicht auf die Erklä- rung des menschlichen Verstandes anwenden kann. Dies scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein, denn wenn der Determinismus als Theorie wiederlegt ist, muss man, falls keine andere Theorie da ist, mit dem vorlieb nehmen, was man durch Erfahrung nicht anzweifeln kann, und das ist die empirisch erfahrbare Willensfreiheit.

Zum einen beschreibt Ritzenhoff die Grenzen und die eingeschränkte Anwendbarkeit des Determinismus.27 Wie ich oben bereits angedeutet habe, ist der Determinismus eine Vereinfachung der Realität. Mit Hilfe des Determinismus kann man komplexe Zusammenhänge in der Natur erklärbar und verstehbar machen. Der Determinismus stellt ein Denkschema dar, er liefert uns ein denk- ökonomisches Prinzip, um Ereignisse in der Natur erfassen zu können, um sie in Theorien und Vor- stellungen einordnen zu können. Damit verbunden ist allerdings auch eine Vereinfachung der Ereig- nisse und der Zusammenhänge. Um komplexere Zusammenhänge beschreiben zu können, ist man in den modernen Naturwissenschaften vom Determinismus abgewichen. Es wurden alternative Theorien entwickelt, wie die Chaostheorie, mit der man das Unvorhersagbare, scheinbar unkontrollierbare untersuchen kann. Auch hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die Norm, die theoretische Abstrak- tion in den deterministischen Modellen, eigentlich eine kaum oder nie beobachtbare Ausnahme ist, während die Abweichung von diesen starren Modellen der Normalfall ist.

Abgesehen davon, dass in der modernen Physik, in der Quantenmechanik, der Determinismus sowieso nicht gilt, gibt es auch schon bei Problemen der klassischen Mechanik, dem ‚Geburtsort’ des Determinismus, Einschränkungen für die Anwendung dieser Theorie. So lässt sich schon ein einfaches System, in dem drei Körper in Wechselwirkung zueinander stehen, nicht mehr auf analytischem Weg beschreiben. Ein weiteres Beispiel für eine Einschränkung der Wirksamkeit der deterministischen Theorie ist die Lösung von nichtlinearen Differentialgleichungen. Differentialgleichungen sind die beschreibenden Gleichungen des mathematischen Modells des Determinismus. Bei nichtlinearen Differentialgleichungen führt das Anwachsen eines Parameters zur überproportionalen Veränderung des Ergebnisses. Schon einfache nichtlineare Differentialgleichungen können nichtstabile Lösungen, eine chaotische Abfolge von Zuständen, hervorbringen. Die meisten Zustände in der Natur werden aber von komplexen, mehrfach gekoppelten nichtlinearen Differentialgleichungen beschrieben, da sich Zustände in der Natur nicht auf ein einziges Gesetz beschränken, sondern unterschiedliche Aspekte berücksichtigt werden müssen. Somit sind chaotische Bedingungen eher die Regel als die Ausnahme. Auch in der Theorie der nicht-trivialen Maschinen stößt der Determinismus an seine Grenzen. Nicht- triviale Maschinen sind Systeme, die nicht nur durch einen Input einen Output produzieren (triviale Maschinen), sondern solche, bei denen durch den Input auch der innere Zustand, also die Eigen- schaften des Systems, verändert wird. Selbst nicht-triviale Maschinen, bei denen die Möglichkeiten des Inputs und Outputs auf eine sehr geringe Anzahl begrenzt sind, reagieren unvorhersagbar.

Somit kann man das Fazit ziehen, dass der Determinismus bei komplexen Systemen unbrauch- bar ist. Der Determinismus versagt schon bei den meisten Fällen in der Naturwissenschaft, auch in dem Gebiet, aus dem diese Theorie stammt, der klassischen Mechanik. In noch viel stärkeren Maße muss der Determinismus bei sozialen Systemen, in denen die Randbedingungen noch weit unschärfer formuliert werden können, als in den Naturwissenschaften, versagen. Um komplexe Systeme zu beschreiben, welche mit ihrer Umwelt reagieren, ist der Determinismus also nicht geeignet.

ii. Zweifel an der Übertragbarkeit des Determinismus

Um den Determinismus aus dem Gebiet der Philosophie zu verbannen, zeigt Ritzenhoff die Unmöglichkeit der Übertragbarkeit dieser These.28 An der Übertragbarkeit des Determinismus aus dem Gebiet der Naturwissenschaften in das Gebiet der Philosophie sind in dieser Arbeit schon mehr- fach Zweifel geäußert worden. Dies möchte ich jetzt noch etwas konkretisieren. Der Determinismus ist im Prinzip nur ein mathematisches Modell und gilt nur im Bereich der Mathematik. Durch empirische Bestätigung des Determinismus kann seine Wahrheit nicht bewiesen werden. Da weder das Kausal- prinzip noch das Kausalgesetz verifiziert werden können und das Kausalprinzip als eine All-Aussage nicht einmal falsifiziert werden kann, sind sie metaphysische Annahmen, also Glaubenssätze.

Theorien in der Physik beanspruchen nicht, wie Theorien in der Philosophie, wahr zu sein. Sie werden nur nach ihrer Brauchbarkeit bewertet. Wenn eine Theorie akzeptable Ergebnisse liefert, wenn sie hilft, Erkenntnis zu gewinnen, dann ist sie eine brauchbare Theorie. Dies leistet der Determinismus auf vielen Gebieten in der Physik. Eine Theorie wie der Determinismus ist somit der Ausdruck eines vorherrschenden Denkstils. Man kann nicht behaupten, der Determinismus sei wahr, sondern nur, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Ein weiteres Faktum, was in den Naturwissenschaften akzeptiert wird, ist, dass es keine Theorie gibt, die alles mit einheitlichen Methoden beschreibt. Ein wichtiges Kriterium für die Brauchbarkeit ist ihr Verhältnis zur Wirklichkeit. Die Schlüsse, die man aus der Anwendung einer Theorie ziehen kann, müssen mit der Wirklichkeit übereinstimmen und nicht andersherum. Der Determinismus stimmt jedoch bezogen auf die menschliche Willensfreiheit nicht mit der von uns beobachtbaren Wirklichkeit überein, da wir uns nicht als von Naturgesetzen gesteuer- te, unfreie, lediglich funktionierende ‚Maschinen’ ansehen. Statt vom Determinismus auszugehen, wie es die Vertreter dieser Theorie tun, und einen Widerspruch zur Willensfreiheit, welche als empirisch erfassbare Wirklichkeit empfunden wird, zu finden, ist es ebenso legitim, von der Willensfreiheit aus- zugehen und einen Widerspruch zum Determinismus zu finden. Indem die Deterministen behaupten, etwas mit Hilfe des Determinismus nicht Erklärbares ist einfach noch nicht erklärbar, wird der Deter- minismus zu einem Selbstläufer. Er ist somit nicht falsifizierbar. Damit geraten sie Verfechter dieser Auffassung in den Verdacht, eine Metaphysik zu vertreten, einen metaphysischen Rahmen zu schaffen, der noch über der Naturwissenschaft liegt. Dies steht im Gegensatz zu der Behauptung der meisten Vertreter des Determinismus, die sich bei der Begründung des Determinismus ja gerade darauf berufen, dass sie lediglich die Naturgesetze anerkennen und zur Geltung bringen wollen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Stilisierung des Determinismus zu einem univer- sellen Prinzip, das allgemein gilt, nicht statthaft ist, da man sich dabei in Widersprüche verwickelt und die Theorie, weil sie keine brauchbaren Ergebnisse liefert und mit der Realität in Widerspruch steht, ihre Gültigkeit verliert. Der Determinismus kann also nicht auf das Gebiet der Philosophie übertragen werden. Es ist nicht möglich, mit Hilfe des Determinismus zu beweisen, dass die menschliche Willensfreiheit nicht existiert.

7. Auswege und Alternativen

a. Alternative Erklärungskonzepte

Damit ist allerdings auch noch nicht bewiesen, dass die Willensfreiheit existiert. Zur Erklärung des menschlichen Willens benutzt Ritzenhoff daher ein anderes Modell als den Determinismus. Dieses lehnt sich an neuere Erklärungsmodelle aus den Naturwissenschaften an.29 Diese Modelle aus den Naturwissenschaften sind komplexe dynamische Systeme, die auf dem Prinzip der Selbstorganisation beruhen.

Komplexe Systeme sind mathematische Modelle zeitabhängiger Prozesse. Damit werden dynamische Systeme beschrieben, deren langfristiges Verhalten entweder extrem stark von den Anfangsbedingungen abhängt oder bei denen es Singularitäten, d. h. unstetige Zustandsänderungen, gibt.

Unter Selbstorganisation versteht man das spontane Entstehen von neuen räumlichen und zeit- lichen Strukturen in dynamischen Systemen, das auf das kooperative Wirken von Teilsystemen zurückgeht. Selbstorganisation ist ein Vorgang zur Entstehung von Ordnung und Komplexität aus einem System von selbst heraus. Selbstorganisation kann in offenen Systemen auftreten, die sich in einem Zustand weit ab vom thermodynamischen Gleichgewicht befinden und denen aus der Um- gebung Energie zugeführt wird. Theoretische Konzeptionen für Selbstorganisation sind dissipative Strukturen, Synergetik und Autopoiese.

Das Forschungsgebiet der Synergetik befasst sich mit der spontanen Bildung räumlicher, zeit- licher, raumzeitlicher oder funktionaler Strukturen in komplexen Systemen. Diese bestehen aus mehre- ren oder vielen gleichen oder verschiedenen Teilen (Elementen oder Komponenten), die selbst wieder komplex sein dürfen. Da diese ohne spezifische Eingriffe von außen entstehen, spricht man von Selbstorganisation. Die komplexen Systeme sind offenene Systeme, deren Funktion nur durch einen Energie- oder Materietransport aufrecht erhalten werden kann. Die Systeme werden durch unspezi- fische Kontrollparameter beeinflusst. Bei bestimmten Werten kann das System seine Stabilität ver- lieren. Anwendungsbeispiele für Synergetik sind Lasertechnologie oder Flüssigkeitsmechanik, Teil- bereiche der Chemie, Biologie, Ökologie oder Informatik, aber auch Soziologie oder Ökonomie.

Autopoiese ist eine Bezeichnung der Eigenschaft bestimmter Systeme, die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst zu produzieren und zu reproduzieren. Autopoiese kann im Bereich der Neurobiologie angewandt werden oder kann zur Beschreibung von chemischen Systemen als Modell für Lebensprozesse dienen.

Dissipative Strukturen geben eine Bezeichnung für solche thermodynamischen Systeme und Vorgänge, die sich nicht mehr in der Nähe des thermodynamischen Gleichgewichts befinden bzw. dort ablaufen, sondern in einem nur unter fortschreitenden Stoff- und Energieaustausch mit der Umgebung bestehenden vom thermodynamischen Gleichgewicht weit entfernten stabilen Zustand existieren, der sich aus einem ursprünglich instabilen Zustand entwickelt hat, nach einer gewissen Zeit aber stationär, oder auch räumlich und zeitlich periodisch ist und dabei dann eine ‚höhere’ Ordnung aufweist.

Ritzenhoff übernimmt diese Modelle für seine Theorie, zur Beschreibung des Willens nicht, sondern er hat sich lediglich durch diese Theorien inspirieren lassen.30

b. Selbstorganisatorischer Wille

In seiner Theorie des Willens stellt Ritzenhoff den Willen als komplexes Geschehen dar.31 Er verzichtet auf Erklärungsweisen des Determinismus, die auf linearer Kausalität beruhen. Stattdessen hat er sich bei seinem Erklärungsmodell von Selbstorganisation und Autopoiese inspirieren lassen und setzte zirkulare Kausalität, d. h. sich gegenseitig beeinflussende Komponenten, voraus. Mithilfe dieser Modelle kann er die Willensfreiheit beweisen und somit eine brauchbare Theorie liefern.

Zunächst zeigt er, dass der Wille nicht als unfrei gedacht werden kann. Da ein unfreier Wille ein Zwang wäre, könnte man nicht mehr von Willen sprechen. Bei einem unfreien Willen wäre das Ich nur noch ein unbestimmter, höchstens technischer Ausdruck, der die physikalischen und biologischen Grenzen beschreibt. Das Ich würde auf eine Durchgangsstation einer Kausalkette beschränkt und Selbstwahrnehmung wäre lediglich eine Reflexion der Gesetzmäßigkeit. Wir sähen uns ausschließlich im Horizont gesetzesartiger Prozesse und würden uns somit auch immer als schon festgelegt erfahren. Es gäbe keinen Spielraum für Erklärungen, Deutungen oder Auslegungen des eigenen Verhaltens und des Verhaltens der anderen. Dies widerspricht aber der Selbsterfahrung, dem Eindruck, den wir von unserem Selbst haben. Daraus zieht Ritzenhoff den Schluss, dass Wille und Freiheit aufeinander bezogen sind. Einerseits kann der Wille nicht als unfrei konstruiert werden, andererseits ist Freiheit ohne den Willen nicht denkbar. Ein unfreier Wille wäre ein Widerspruch in sich selbst.32

Aus diesem Grund lehnt Ritzenhoff den Determinismus ab. Er lehnt seine Vorstellung vom freien Willen an die Theorie der komplexen dynamischen Systeme an, da sie eine Ähnlichkeit mit dem Problem des menschlichen Willens zeigt, zum einen deswegen, weil sie sich auf ein System beziehen kann, ohne es auf den Ablauf universalistischer Gesetze zu reduzieren, zum anderen, weil die zirkulare Kausalität die starren Strukturen linearer Begründungszusammenhänge löst und die Notwendigkeit einer Gottesperspektive vermeidet und drittens entstehen mit dieser Theorie eigengesetzliche Systeme, deren Verhalten nur aus dem jeweiligen besonderen System zu verstehen ist. Ein weiterer Grund für die Annahme des freien Willens ist für ihn die Feststellung, dass ein Wille immer ein menschlicher Wille ist und als menschliches Sein kann dieser nicht mit Mitteln der Ereigniskausalität beschrieben werden. Freiheit ist in diesem Sinn nicht in der Bedeutung eines mathematischen Freiheitsgrades gemeint, sondern verweist auf die Selbstbestimmtheit des Menschen. Selbstbestimmtheit des Menschen kann nur im gegenseitigen sozialen Miteinander der Menschen bestimmt werden. Dies ist nur durch gegenseitiges Zuschreiben und Übernehmen von Veränderungen, also mit Verantwortungs- übernahme möglich.

Als nächstes definiert Ritzenhoff den Willen, indem er seine Grenzen setzt. Er stellt zunächst fest, dass sich der Wille in der Tat äußert. Jedoch nicht jede Tat lässt auf einen Willen schließen. Der Wille braucht einen Widerstand, an dem er sich formieren kann. Er setzt dem Willen eine untere Grenze unterhalb derer es keinen Widerstand gibt und die Tat nur eine rein mechanische Handlung ist und eine obere Grenze, oberhalb derer das Wollen nicht mehr gelingen kann; dann sprechen wir nicht mehr von Wollen, sondern von Wünschen. Auch das Wissen wirkt auf den Willen, zu viel Wissen schließt das Wollen aus, da ohne Unsicherheit sich der Wille nicht mehr bilden kann. Ebenso schließt zuwenig Wissen das Wollen aus, da ohne das Wissen um die Realisierbarkeit das Wollen wieder zum Wünschen wird. Wollen ist also ein komplexer Prozess, in dem mehrere Ebenen zusammenwirken, die unterschiedlichen Beschreibungs- und Erklärungsmodellen angehören. Er unterscheidet, genauso wie Erpenbeck, zwischen Antriebswille und Entscheidungswillen.33 Im Entscheidungswillen äußert sich Spontaneität, welche er ebenso wie Heckhausen mit der Metapher des Überschreiten des Rubikons beschreibt.34 Diesseits sind wir in einer Phase der Bildung des Willens. Wir leben in Motiven. Jenseits ist man in einer Phase der Entschlossenheit. Es kommt zu einer konkreten Realisierung der Motive. Darin sieht Ritzenhoff eine Analogie zu den komplexen dynamischen Systemen. Diesseits hat das ‚unentschlossene’ System keine Ordnung, ist ohne Ausrichtung. Durch kleine Änderungen kann es dann in einen bestimmten geordneten Zustand gebracht werden.

Den vermeintlichen Widerspruch, den die Vertreter des Determinismus in der Willensfreiheit entdeckt zu haben glauben, dass das Subjekt der Willensfreiheit eine logische Unmöglichkeit darstellt, weil es einerseits nicht determiniert sein darf und andererseits, wenn es als freies Individuum, für seine Entscheidungen verantwortlich gemacht werden soll, es seine Entscheidungen begründen muss und sich somit wieder in den Rahmen der Kausalität stellt, löst Ritzenhoff mit einem Verweis auf die Akteurskausalität. Danach beginnen und enden die Kausalketten im Menschen. Die Ursachen der Handlung eines Menschen sind auf ihn zurückzuführen und nicht weiter. Er sieht den Mensch als ein selbstorganisiertes System, auf dem Ursachen von außerhalb wirken können, diese können es aber nicht bedingen oder determinieren. Es ist ein eigenverantwortliches System.

Auch in der alltäglichen Zuschreibungspraxis sieht Ritzenhoff eine Bestätigung seines Modells. Ein wahrhaft gesprochenes „Weil ich es wollte“ reicht im alltäglichen Umgang der Menschen aus, um Handlungen jemandem zuzuschreiben. Diese Aussage ist normalerweise die nicht mehr hinterfragbare Letztbegründung einer Tat. Die Ansprüche, des sozialen Umfelds an eine Entscheidung wollen auch gar keine vollständige Rationalität. Um eine gelingende, wechselseitige Beziehung aufzubauen, muss man dem Anderen die Freiheit der Willensentscheidung einräumen. In diesem Zusammenhang führt er die zwei Instanzen, die Tugendhat für die Willensbildung angenommen35, auf: Die vorletzte Instanz bei der Willensbildung muss seiner Meinung nach die Fähigkeit sein, überlegt handeln zu können, um die für die soziale Interaktion wichtigen Mindestanforderungen an Verlässlichkeit zu gewährleisten. Die letzte Instanz darf jedoch nicht die Vernunft sein, sondern der persönlichkeitsschaffende, spezi- fisch subjektive Wille, um eine Individualität zu schaffen. Der Wille ist also eine Vorraussetzung für das Ich, genauso, wie das Ich eine Voraussetzung für den Willen ist. Diesen Zusammenhang be- schreiben die zwei Aspekte des Willens von Waismann gut: Der persönlichkeitsgeladene und der persönlichkeitsschaffende Wille.36

8. Schluss

Dass ich persönlich eher der Meinung von Steffan Ritzenhoff bin, konnte man dieser Arbeit wohl schon anmerken. Trotzdem finde ich das Buch von Ted Honderich interessant. Es beschäftigt sich mit Aspekten, die bei der Behandlung dieses Problems nicht außer acht gelassen werden sollten. Er hat eine klare Argumentation für den Determinismus geliefert und dessen Folgen aufgezeigt. Er hat Argumente geliefert, mit denen man sich in diesem Zusammenhang auseinandersetzen muss. Schließ- lich hat noch niemand bewiesen, dass der Determinismus falsch ist und dies kann auch gar nicht so einfach bewiesen werden. Die Haltung gegenüber dem Determinismus könnte man als eine Glaubens- frage bezeichnen, zumindest aber hängt sie mit der Art und Weise zusammen, wie man an ein Problem herangeht. Somit ist der Determinismus eine Position, die auch in Zukunft von vielen Leuten vertreten werden wird. In diesem Sinne ist Honderichs Buch sinnvoll und bietet wertvolle Argumente zu diesem Thema.

Auch wenn Ritzenhoff sehr überzeugend gegen den Determinismus argumentiert hat, konnte er die Frage, die Thomas Nagel stellte - Hätte ich unter denselben Umständen etwas anderes tun können, als ich tat? - nicht beantworten. Aber es wurde nachgewiesen, dass diese Frage irrelevant ist. Es ist empirisch nicht möglich eine Antwort darauf zu finden. Es gibt keinen Versuch, mit dem nachge- wiesen werden könnte, unter haargenau denselben Umständen gleich zu handeln oder nicht, da es unmöglich ist, genau dieselben Umstände zu erzeugen. Theoretisch, als Hypothese, ist diese Frage falsch gestellt. Es darf nicht heißen - Hätte ich unter denselben Umständen etwas anderes tun können, als ich tat? -, sondern - Woher kam die Entscheidung, so zu handeln und bin ich der Urheber dieser Entscheidung? - Darauf hat Ritzenhoff eine klare Antwort gegeben, nämlich, dass wir für unsere Entscheidungen, zumindest prinzipiell, verantwortlich sind. Außerdem hat er erfolgreich die Einspruchsmöglichkeit des Determinismus, einer Theorie aus der Naturwissenschaft, in Bezug auf die Willensfreiheit widerlegt und somit die praktische Philosophie aus der „unverdienten Verteidigungs- stellung gegenüber der naturwissenschaftlichen Methodik“37 geholt.

Mit dem Beweis, dass der Determinismus nicht auf dem Gebiet der Willensfreiheit gilt, ist der Determinismus aber nicht wiederlegt. Die Hauptaussage dieser Theorie, und zwar die, dass alle Ereig- nisse eine Ursache haben und auch selber Ursachen für andere Ereignisse darstellen, ist trotzdem wahr. Aber der Schluss, den die Vertreter des Determinismus in der Philosophie daraus gezogen haben, dass der Mensch keinen freien Willen hat, ist nicht zulässig. Der Determinismus ist eine Verfahrensbeschreibung für die Naturwissenschaft und findet seine Anwendung, um physikalische Phänomene zu entschlüsseln und zu erklären. Er steht aber nicht als oberstes Gesetz über den Phäno- menen, sondern ist nur ein Modell, welches seine Gültigkeit besitzt, solange man damit die Natur sinnvoll beschreiben kann. Er ist nicht dazu in der Lage, alles auf der Welt zu erklären, andere Erklärungsmodelle sind gelegentlich sinnvoller. So ist das Modell der zirkularen Kausalität und der komplexen dynamischen Systeme für viele Anwendungen günstiger. Bei der Übertragung dieser Modelle zur Erklärung der Willensfreiheit könnte man zwar auch die gleichen Einwände wie beim Determinismus erheben. Auch diese Modelle stammen aus den Naturwissenschaften und stellen somit etwas ähnliches dar, wie der Determinismus. Damit kann man allerdings das Phänomen der mensch- lichen Entscheidungen und Handlungen wesentlich besser beschreiben als mit dem Determinismus, der die Willensfreiheit leugnet. Ein schlagkräftiger Beweis für die Willensfreiheit sind diese Theorien aber auch nicht. Ritzenhoff hat zwar bewiesen, dass der Einspruch des Determinismus bezüglich der Freiheit des Willens nicht zulässig ist, bei dem Beweis dieser kann man ihm jedoch einen Zirkel- schluss vorwerfen: Er geht von einem freien Willen aus, und sucht unter vielen möglichen das Erklä- rungsmodell aus, welches diesen bestätigt. Das Problem, dass die Möglichkeit besteht, dass der Mensch nur glaubt, einen freien Willen zu besitzen, ist damit aber noch nicht gelöst. Denn die Theorie Ritzenhoffs hat, genauso wie die Theorie des Determinismus, keinen Anspruch wahr zu sein. Ritzen- hoff geht genauso vor wie Forscher in den Naturwissenschaften. Er beurteilt die Theorie nach ihrer Brauchbarkeit und nicht nach ihrem Wahrheitsgehalt. Die Philosophie sucht aber traditionell nach der Wahrheit. Wenn man allerdings einen so hohen Anspruch an die Lösung dieses Problems stellt, wird es endgültig wohl nie zu lösen sein, so dass sich auch in Zukunft noch Generationen von Philosophen damit beschäftigen können.

Bibliographie:

Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. Das Denken. Das Wollen. München 1998.

Erpenbeck, John: Wollen und Werden. Ein psychologisch-philosophischer Essay über Willensfreiheit, Freiheitswillen und Selbstorganisation. (Konstanzer Bibliothek, Bd. 18) Konstanz 1993.

Heckhausen, Heinz; Gollwitzer, Peter M.; Weinert, Franz E. (Hgs.): Jenseits des Rubikon: Der Wille in den Humanwissenschaften. Berlin 1987.

Honderich, Ted: Wie frei sind wir? Das Determinismus-Problem. Stuttgart 1995.

Hume, David: Eine Untersuchung über den Menschlichen Verstand.( Philosophische Bibliothek, Bd. 33) Hamburg 1973.

Inwagen, Peter van: Die Unvereinbarkeit von freiem Willen und Determinismus. In: Pothast 1978.

Laplace, Pierre Simon de: Philosophischer Versuch über die Freiheit. In Meyenn 1990.

Meyenn, Karl von: Triumph und Krise der Mechanik. Ein Lesebuch zur Geschichte der Physik. (Lust an der Erkenntnis) München 1990.

Mittelstraß, Jürgen: Der arme Wille: Zur Leidensgeschichte des Willens in der Philosophie. In Heck- hausen 1987.

Moore, George Edward: Grundprobleme der Ethik. (Beck’sche schwarze Reihe, Bd. 126) München 1975.

Nagel, Thomas: Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie. Stuttgart 1990.

Planck, Max: Vom Wesen der Willensfreiheit. In: Pothast 1978.

Pothast, Ullrich(Hg.): Seminar: Freies Handeln und Determinismus. Frankfurt 1978.

Ritzenhoff, Steffan: Die Freiheit des Willens. Argumente wider die Einspruchsmöglichkeit des Determinismus. München 2000.

Schlick, Moritz: Wann ist der Mensch verantwortlich? In: Pothast 1978. Strawson, Peter Frederick: Freiheit und Übelnehmen. In: Pothast 1978.

Tugendhat, Ernst: Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung. Sprachanalytische Interpretationen. Frankfurt 1979.

Weischedel, Wilhelm: Skeptische Ethik. Frankfurt 1976.

[...]


1 Siehe Nagel 1990. S. 41ff

2 Siehe Honderich 1995.

3 Siehe Ritzenhoff 2000.

4 Siehe Arendt 1979.

5 Siehe Erpenbeck 1993.

6 Mittelstraß 1987. S. 36.

7 Laplace 1990. S. 378.

8 Vgl. Ritzenhoff 2000. S.31ff.

9 Vgl. ders. S. 39.

10 Vgl. ders, S. S. 41ff.

11 Siehe Honderich 1995.

12 ders. S. 80.

13 ders. S. 172ff.

14 Vgl. ders. S. 117ff.

15 Vgl. ders. S. 155ff.

16 ders. S. 168f.

17 Vgl. Inwagen 1978.

18 Siehe Hume 1973.

19 Vgl. Moore 1975.

20 Vgl. Schlick 1978.

21 ders. S. 164.

22 ders. S. 283.

23 ders. S. 284.

24 Vgl. Strawson 1978.

25 ders. S. 216.

26 ders. S. 224.

27 Vgl. Ritzenhoff 2000. S. 84ff.

28 Vgl. ders. S. 72ff.

29 Vgl. ders. S.99ff.

30 Vgl.ders. S. 121.

31 Vgl. ders. S. 119ff.

32 Vgl. auch Arendt 1998. S. 253.

33 Siehe Erpenbeck 1993. S. 21.

34 Siehe Heckhausen 1987. S. 6f.

35 Vgl. Tugendhat 1979. S. 242.

36 Vgl. Waismann 1983. S. 76.

37 Ritzenhoff 2000. S. 169.

25 von 25 Seiten

Details

Titel
Willensfreiheit oder Determinismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Proseminar: Grundfragen der praktischen Philosophie
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V106143
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Willensfreiheit, Determinismus, Proseminar, Grundfragen, Philosophie
Arbeit zitieren
Klaus Ullrich (Autor), 2001, Willensfreiheit oder Determinismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106143

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