Die Etymologie von insbesondere Kölner Straßennamen


Hausarbeit, 1999

20 Seiten, Note: unbenotet


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Die Etymologie von insbesondere Kölner Straßennamen

1. Namenforschung

Es ist nicht lange her, da hätte man mit wissenschaftlichen Abhandlungen über Namenforschung wenig Interesse finden können. Wer solche zu produzieren und zu lesen und zu lesen geneigt war, gehörte zu einer in der akademischen Welt nicht gerade gearteten Spezies. Zu nah dachte man sich den Bezug zu angestaubter Volkskunde, zu Heimattümeleien über die uralt archaische Herkunft der Ortsnamen. Die Sprache der Politik, die soziale Schichtung der Sprache und die daraus abzuleitenden Folgen und erst einmal die naturwissenschaftlich orientierten Grammatiktheorien, die eine Auskundschaftung der kognitiven Voraussetzungen von Sprache überhaupt ermöglichen sollen - solche Themen hatten Priorität.

Nun deutet sich in jüngster Zeit ein Umbruch an. Die Sprachwissenschaftler entdeckten neue Dimensionen in fast allen Namensfragen und analysierten sie so intensiv und eindrucksvoll, daß auch in dem wohl gängigsten Lexikon der modernen Sprachwissenschaft resümiert wird: „In jüngerer Gegenwart treten soziolinguistische (Namengebung und -verwendung im Rahmen der Gesellschaft), psycholinguistische (Psychoonomastik und Namenphysiognomie), pragmalinguistische und textlinguistische Fragestellungen immer mehr in den Vordergrund."1

Solche Resümees sind sicherlich für den rein innerakademisch- fachwissenschaftlichen Diskurs geschrieben, und auch, daß es einem Wissenschaftler an der hiesigen Universität Köln, in zwei Publikationen über die Verfemung jüdischer Namen fast so etwas zustande zu bringen wie eine Geschichte des deutsch-jüdischen Verhältnisses2 , selbst das ist sicherlich ein Faktum, das die Öffentlichkeit nicht sonderlich beachtet und daher auch nicht zum Anlaß nimmt, die fundamentale Wichtigkeit von Namengebungsprozessen zu erkennen. Und doch hat gerade diese Öffentlichkeit in der letzten Zeit Ereignisse zur Kenntnis nehmen müssen, die eben die essentielle Wichtigkeit der Namengebung für die Selbstkonstitution von Sozietäten für jedermann deutlich machte. Denn es sahen ja alle am Bildschirm jene dramatischen Minuten, als Boris Jelzin 1991 - im Moment höchsten revolutionären Triumphes - die Emphase der Stunde in dem Zuruf konzentrierte: „Dieser Platz soll in Zukunft Platz des freien russischen Volkes heißen."

Wer von den Zuschauern ein wenig Erinnerungsvermögen besaß, bemerkte, daß er an derart sprachlicher Verarbeitung wichtiger historischer Ereignisse nicht zum ersten Mal teilgenommen hatte. An weltgeschichtlich viel kleineren Ort, aber in ähnlich extremer Grenzsituation, hatte der Arbeiterführer der Rheinhausener Bergleute, als sie in einem von weiten Teilen der Bevölkerung als tolerabel, ja als notwendig erachteten Gewaltakt die Rheinbrücken blockierten, ausgerufen: Diese Brücke wird in Zukunft Brücke der Solidarität heißen.

Und die Öffentlichkeit sah nicht nur diese Extrem- und Spontansituationen. Ganze Städte sah sie Abstimmungen (!) über Sprachfragen organisieren, als deren Ergebnis wir vor der Tatsache stehen, daß die Karl-Marx-Städter nunmehr wieder Chemnitzer, die Leningrader wieder St. Petersburger heißen. Fast täglich kamen 1991/92 Meldungen durch die Massenmedien, welche Straßen in den neuen Bundesländern und den ehemaligen Satelittenstaaten umbenannt werden sollen. Nach dem Tode Willy Brandts3 kam es unter den Städten geradezu zu einem zu einem Rennen, welche als erste eine ihrer markanten Straßen umgetauft hatte; und welch ein Skandal war es, als ausgerechnet das «linke» Frankfurt am Main, obwohl bei jenem Wettlauf in der Spitzengruppe, plötzlich wegen tölpelhafter Schildbürgerei am Pranger stand: Alle Zeitungen boten Bildberichte über das Scheitern des feierlichen Taufrituals; eine falsche Schreibung des Namens (Willi) ließ die Zeremonie mißlingen. Kurzum: Namengebung wird jetzt auch öffentlich als das erfahren, was sie in Wirklichkeit immer gewesen ist: Beileibe keine Nebensache, scheint sie eng mit den permanent gestellten Fragen verbunden: «Was wollen wir sein?», «Welche fundamentalen Vorstellungen sollen unsere Sozitäten strukturieren und tragen?», «Woran wollen wir uns nicht nur in dieser Generation, sondern über lange Zeit erinnern?»

Die letzte Frage birgt einen Hinweis, wieso Namenprobleme nun auch in der wissenschaftlichen Welt im Rang steigen. Im Zuge der Forschungen von Maurice Halbwachs, Jan und Aleida Assmann 4 sind Gedächtnisfragen zu einem Forschungszentrum geworden; hier scheint ein Nukleus gefunden, um den sich das gruppieren könnte, was bisher allzu konturlos «Kulturwissenschaft» genannt wurde. «Was dürfen wir nicht vergessen?» «Was soll in unserer Kultur permanente Präsenz haben?» «Durch welche Rituale können wir erwünschtes Gedächtnis festigen?» Offenbar können da Namengebungsprozesse eine Antwort geben: «Auf Straßennamensschildern, die doch jedem sichtbar und überdies jedem unentbehrlich sind, da müssen Kernelemente unserer Selbstinterpretation geschrieben stehen:

eben die denkwürdig unblutige Revolution gegen den Sowjetkommunismus, die Solidarität der existenzbedrohten Arbeiter, der Weltpolitiker Willy Brandt mit seinen umfassenden Friedensperspektiven.» Namenprobleme nun plötzlich als das Gegenteil von rein akademisch, praxisfern-nebensächlichen Kunstfragestellungen und auch als das Gegenteil von unumgänglich notwendigen, aber aufgrund ihrer Schwierigkeit eben nur wenigen zugänglichen Fragestellungen naturwissenschaftlicher Observanz.

Jetzt steht der Name plötzlich in anderem Licht. Er scheint den Begriffen viel näher verwandt als bislang geglaubt. In den Appellativa, vornehmlich jenen aus der politischen Kampf- und Turbulenzzone, meinte man ja, hinterlegten die Ideologien und Weltanschauungen ihre Interpretationen der Welt, und der «Kampf um Begriffe» war dementsprechend ein lange etabliertes und geachtetes Feld für Politologen, Philosophen und nicht zuletzt für Sprachwissenschaftler, die Begriffskämpfe beschrieben, zu keinem anderen Zweck als in ihnen ganze weltanschauliche Gebäude ansichtig werden zu lassen. Und eben dies scheint jetzt auch bei Namen geboten.

Gegen diese Aussicht spricht nun manches - speziell für Straßennamengebung. In völliger Übereinstimmung, so meinen wohl die meisten, und so brachte es auch Elisabeth Fuchshuber heraus, die als einzige über den Mann von der Straße und die Straßennamen systematisch gehandelt hat, in problemloser Übereinstimmung, ja fast Nichtachtung des Phänomens arrangieren sich die Menschen mit dem Namen ihrer Straße5. Dieses Urteil bedarf angesichts der jüngsten Ereignisse einer Korrektur. Sie arrangieren sich tatsächlich auf problemlose Weise, wenn ihnen damit nicht ein fremdes Bewußtsein aufgedrungen werden soll. Ansonsten belieben sie in der Tat reaktionslos, was eher heißt, daß sie die inhaltlichen Implikationen von Namensystemen als permanent anwesendes Hintergrundphänomen auf unbewußte Weise verinnerlichen. Erst wenn der selbstverständliche Hintergrund genommen werden soll, wacht der Bürger gleichsam auf und beginnt argumentativ aus sich herauszustellen, was er willig und unbewußt in sich hereingelassen hat.

Findet man für diese Behauptung Beispiele? Es ist da auf den nicht seltenen Kampf der Menschen um ihre alten Straßen- und Ortsnamen zu verweisen6. In Köln gibt es aus jüngster Zeit besonders lehrreiche, geradezu monströse Exempel: Drei prall gefüllte Aktenordner verwahrt das «Zentrale Straßennamenarchiv» der Stadt allein über den Kampf um die Benennung einer Heinrich-Böll-Straße. Nicht allein die Behörden traten 1985 in den Ring, wo schließlich kein geringerer als der Nordrhein- Westfälische Innenminister den Streit schlichten mußte. Weite Bevölkerungskreise involvierten sich, am energischsten die Juristen, als es nahe daran war, daß der Appellhofplatz den Namen des Nobelpreisträgers bekommen sollte. Appellhofplatz ? Was könnte wohl hier die Bewohner zur Verteidigung dieses Wortes anreizen, Bürger, die noch - falls sie nicht schlicht meinen, ein «Apfelhof» habe einst dort gestanden - meist an einen Hof denken werden, auf dem ein Appell stattfindet, daß hier der «Rheinische Appellhof» gestanden hatte, am 21. Juni 1819 gegründet als oberste Rechtsinstanz der Rheinprovinz7, damals schon Nukleus eines besonders liberalen, vom freiheitlichen Code Napoléon inspirierten Rechtsbewußtseins, welches Distanzstellung zu erringen bemüht war gegen jene autoritativere Rechtsauffassung der preußischen Zentrallande, die doch dem Rheinischen nicht nur geographisch so fernlagen. An dieser alten Grundvorstellung und ihrem Namensymbol ansetzend, schafften es die Bürger durch Diskussion in den Gremien, durch eine Presseschlacht, in Leserbriefen und durch Eingaben an die Behörden, das symbolische Löschen des Gedächtnisses an diese im Namen hinterlegte Tradition zu verhindern. «Mnemische Energie»8 (Jan Assmann) setzte sich also sogar gegen einen Nobelpreisträger durch. Und ähnlich war das Ergebnis, als man im Jahre 1993 - wie fast überall - eine Gelegenehiet zur Ehrung des verstorbenen Willy Brandt suchte. Die fast schon vergessenenen Landsmannschaften standen auf und verteidigten mit Erfolg ihren erinnerungsschwangeren Breslauer Platz gegen einen Nobelpreisträger mit weltweiter Reputation.

In den Namen ist demnach Bewußtsein aufbewahrt, das wirkt, zumindest wieder aktiviert werden kann. Diese mnemische Potenz scheint der Name sogar zu behalten, wenn er schon mehr als eine Generation gelöscht ist; die Leningrader bewiesen das, als sie per Abstimmung wieder die St. Petersburger wurden und damit einen Neuund zugleich Wiederbeginn markierten.

Schaut man zurück, tut sich in der Straßennamenforschung ein breites, fruchtbares Feld auf, weitgehend unerforscht, weil das rein archivalische, etwas beschränkt heimatkundliche Interesse bisher dominiert und ein wirklich bedeutsamer Forschungsrahmen gefehlt hat. Jetzt aber ist ein günstiger Augenblick, weil ein neues Paradigma die «mnemische Energie» des Namens im wissenschaftlichen Denken notwendig in den Brennpunkt rückt9. Weitere umfassende Trendwenden im wissenschaftlichen Denken drängen überdies auf genau die Forschungsweisen, die gerade für Namen angemessen scheinen. Hier sei vor allem das Stichwort «Interdisziplinarität» erwähnt - sie markiert keinen zufälligen, sondern einen aus tiefen, systematischen Gründen ableitbaren Trend jedweder Geisteswissenschaft10, eine Forschungsweise übrigens, die bei den Namen seit je eine bedeutsame Rolle gespielt hat11. Zweitens: Teamarbeit - eine aus ebenso systematischen Gründen erwachsene Leitnorm moderner Wissenschaft.

2. Straßennamenforschung - ein vernachlässigtes Terrain

Ein berühmtes Beispiel ist die Verbindung psychologischen und archäologischen Denkens im Werk Sigmund Freuds. Am Beginn seiner Schrift über Das Unbehagen in der Kultur schildert er den schwer faßlichen Aufbau der Psyche (Zielpunkt seines ganzen wissenschaftlichen Denkens) mit Hilfe der Betrachtungsweisen der Archäologie (Mittelpunkt seiner privaten Passion). Er greift die Entwicklung der Ewigen Stadt auf, schildert ihr Wachsen und fragt,

«was ein Besucher, den wir mit den vollkommensten historischen und topographischen Kenntnissen ausgestattet denken, im heutigen Rom von diesen frühen Stadien noch vorfinden mag?»12

Es sind lückenhafte Reste, manche noch sichtbar über dem Boden, andere durch antike Trümmer, durch Ablagerungen der Renaissance, durch die Architektur des Barock und noch dichter durch die dramatische Bauentwicklung der Moderne überdeckt. So geschichtet ist auch die Struktur der Psyche, gebaut aus alten, meist unsichtbaren, seltener an der Oberfläche liegenden Erlebnisschichten früherer Zeit, eindimensional zwar für den ungeübten Blick, für den geübten aber ein Ansatzpunkt, die Tiefen auszuloten und sich die Person in ihrer Gesamtheit vors Auge zu stellen - samt ihren Stärken und Schwächen, bleibenden Grundstrukturen und flüchtigen Momenten.

Ein ähnlich gewachsener Gesamtorganismus ist das System der Straßennamen in Städten - in einigen Kernbereichen noch Substanz aus den Anfangszeiten bietend, aber oftmals von neueren Entwicklungen überlagert. Die neueren Entwicklungen können den Anfangssinn der Namen verdunkelt haben, so z. B. beim Appellhofplatz oder stärker noch im Fall des seltsam anmutenden Unter Sachsenhausen, wo der volksetymologische Trieb das unverständlich gewordene unter XVI huisern (dies der Name der Straße noch 1571 als Bezeichnung für 16 mietskasernenartige Reihen-, also angebaute Häuser) für ein neues Verständnis zurechtmodelte. Die semantisch noch problemlos verständlichen Namen können dennoch in Rätsel führen, so die Straße Am Duffesbach, wo der einen Bach Suchende zunächst ins Nichts geschickt zu sein scheint, historisch-geographische Erkundung aber sehr schnell den nunmehr unterirdisch fließenden Fluß wieder ans Tageslicht bringt. Und man darf vermuten, daß die wirklich verschwundenen Namen oft nicht ohne Respekt gelöscht sind. Reste bleiben also, die man erst beim Blick aufs vollkommen ausgeschiedene Wort als Folgen jenes einstmals Gewesenen erkennen kann. Nehmen wir die Mörsergasse, die bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts noch Mördergasse hieß. Die so benannte Straße bot Gelegenheit für Anschlußbenennungen: Elstergasse heißt heute noch eine benachbarte Straße, die, nach den krächzenden Galgenvögeln benannt, Verbindung zur Mördergasse zu bieten scheint13. Auch die verschwundenen Namen sind also nur scheinbar auf folgenlose Weise verschwunden. Früher waren sie wirkende Kräfte, deren gestaltende Macht die Züge schuf, die blieben oder ihrerseits wieder von neuem Namengebungswellen überdeckt worden sein können.

Oder begleiten wir, um weiter Rätselvolles, Staunens- und damit Erforschenswertes in den Blick zu bekommen, jenen Bürger, der in hohem Tempo über die Turiner -, die Tunis -, die Tel Aviver Straße (aufgrund der Städtepartnerschaft mit Köln bürokratisch verordnete Namen) fährt, und plötzlich nachdenklich wird, weil er doch, wie alle Kölner, seit je meinte, er sei über die Nord-Süd-Fahrt gefahren. Und am Ende dieser in aller Munde eben so genannten, offiziell aber gar nicht existierenden Nord-Süd- Fahrt wird ein ortsunkundiger Fahrer womöglich erschrocken auf die Bremse treten, weil er geschrieben sieht: Ulrich gasse; alsbald wird er aber entspannt das Tempo wieder erhöhen, weil er von einer Gasse gar nichts zu Gesicht bekommt, sondern merkt, daß er auf breitester Betonpiste weiterhin sechsspurig fahren kann. Der offiziell gewollte Name14 und der wirklich eingebürgerte und weiter: die im Namen angedeutete und die real entgegentretende Wirklichkeit (Gasse - Betonpiste) - das können, aus historisch sehr wohl erklärbaren Gründen, durchaus verschiedene Dinge sein. In der tief gestafelten Flucht der Straßennamen kann man also die Kulturgeschichte des ganzen städtischen Organismus wie in einem Vexierglas betrachten - ihre Historie, ihre Selbstinterpretation und ihre Zukunftsentwürfe, die man ja mit der Namengebung nach den Partnerstädten Turin, Tunis, Tel Aviv nicht weniger bindend gibt als mit dem Adenauerufer, der Eintrachtstraße und ähnlichem. Ziel dieser Arbeit ist es, die DaF-relevante Ergiebigkeit der Kulturgeschichte von Straßennamen zu prüfen. Die Ergebnisse, von denen hier nur die wichtigtsen dargeboten werden, zeigen deutlich, daß ein Arbeitsfeld entdeckt ist, das auf universitärer, aber nicht weniger schon auf schulischer Ebene außergewöhnliche Arbeitsintensität freisetzt. Es erlaubt nämlich eine Forschungsweise, die kühle Datenorientierung mit jener geistigen Befriedigung koppelt, die sich einzustellen pflegt, wenn man von harten Fakten ausgeht und dennoch zu bedeutsamen, hintergründigen, ja tiefsinnigen Gedanken kommt, die ganze historische Epochen erschließen. Ist dies erst einmal an einer Stadt wie Köln demonstriert, so wächst die Gewißheit, einen ähnlichen Ertrag auch bei anderen Städten zu erreichen. Insofern liegt der Zweck des Vorgetragenen auch in seiner anregenden Kraft.

Voraussetzung für die Beschreibung des städtischen Gedächtnisses in den Straßennamen ist natürlich eine gute Kenntnis der Geschichte einer Stadt (Kölns), und dies auf allen ihren Ebenen. Die Konturen des städtischen Gedächtnisses treten ja erst dann hervor, wenn das wirklich Festgeschriebene (memoire) mit der Masse des bloß faktisch Gewesenen (histoire) abgeglichen wird. Erst dann kann sich zeigen, was und warum es der Erinnerung oder eben dem Vergessen zugeschlagen worden ist. Günstig ist also die Ausgangslage, wenn eine alle Ebenen umfassende, wissenschaftlich gut fundierte Geschichte der Stadt vorliegt - was für Köln nicht der Fall ist15, sieht man von der Wirtschaftsgeschichte16 ab. Und die Quellen?

Ab 1130 sind Straßennamen in solcher Fülle in den Schreinsakten (Vorläufern des Grundbuchs) überliefert, daß man diesen Schatz als «ungehoben» bezeichnet17 hat. Wegen der tausendfachen Eintragungen 18 erschien mir für meine Zwecke ein anderes Dokument, der Mercator-Plan von 1571, geeigneter. Er zeigt die Stadt maßstabsgerecht aus der Vogelschau und hat auf dem Boden der Straßenzüge jeweils den Namen eingetragen. Ab 1795 setzen die Adreßbücher ein, die Bewohner straßenweise ordnen. Dann die Französisierung der Straßennamen - man bedenke das Besondere zahlreicher rheinischer Städte: Es gab eine Zeit, da kein einziger der seit langem und auch heute wieder gebrauchten Namen existierte, sondern alle französisch benannt waren. Dieser Status ist für Köln von dem Romanisten J.

Kramer untersucht worden 19. Nach der Jahrhundertwende sind dann in den Adreßbüchern vieler Großstädte (auch in Köln) den Straßennamen jeweils kurze etymologisch-historische Deutungen vorangestellt, so daß eine grobe, aber umfassende Orientierung gegeben ist. Große Städte zumindest haben ein Zentrales Straßennamenarchiv, das die Vergabe von Namen nach bestimmten Richtlinien lenkt. Es wacht auch auf immer striktere Weise über die Eindeutigkeit und damit über die «Orientierungsfunktion» (-tüchtigkeit) der Straßennamen, die ja für polizeiliche, postalische und nicht zuletzt ärztliche Belange (Unfallwagen) essentiell ist. In Köln findet sich in diesem Amt für jede Straße eine Akte, also derzeit 5550 einzelne Akten, die auch historisches Material liefern. Es genügt dieses Kurzverzeichnis der Quellen, denn es soll ja nur die Gewißheit stärken: Hier liegt und an anderen Orten liegt ebenfalls ähnliches Material, das ausreicht, Namenkorpora und historisch- kulturgeschichtliche Daten in erhellenden Kontakt zu bringen, auf daß das hinterlegte kommunale Gedächtnis gefaßt und analysiert werden kann.

3. Grammatische Fragestellungen

Es stellt sich die Frage, ob in einer solchen kulturwissenschaftlich orientierten Sprachwissenschaft grammatische Fragen eine Rolle spielen. Natürlich stehen sie nicht im Vordergrund. Man kommt überhaupt mit sehr einfachem grammatischem Rüstzeug aus, wenn man die angegebenen Ziele erreichen will. Genügt gemeinhin schon die Analayse in Grund- und Bestimmungswort, so würde man doch Wichtiges verdecken, dränge man nicht an bestimmten Stellen tiefer.

Das Wesen des Namens bestimmt sich u. a. dadurch, daß er grundsätzlich aus Begriffsworten abgeleitet wird -«Gesetz der appellativischen Herkunft» nennt Sonderegger das20. Aber es greift im Moment der Namengebung ein zweites Gesetz, das der «semantischen Isolierung»21: Der ehemals begriffliche Sinn wird aus dem Wort verdrängt, oft ganz vergessen und das auf den Namen Getaufte (sei es eine Person, sei es ein Ort) ergreift den Platz, in dem früher Begriffliches hinterlegt war, und versammelt dort seine individuelle Geschichte. So gewinnen die Namen Referenz und geben die begriffliche Bedeutung ab. Wenn das so ist, wie können dann in einem Straßennamenkorpus die augenfälligen topographischen Grundgegebenheiten (Flüsse, Berge, zentrale Gebäude), die Hochwerte einer Stadt, eben wichtige konstruktive Punkte ihres Selbstverständnisses hinterlegt sein? Diese müssen doch wohl begrifflich beschrieben werden: der Rhein und die Rheingasse, die Republik und der Platz der Republik, die beschworene Eintracht und die archivalische Interessen, beileibe keine umfassend kulurhistorischen mittels der Leitwissenschaft Toponomastik.

Eintrachtstraße ? Müßten Müßten denn nicht eigentlich gerade die begrifflichen Elemente aus dem Namen vetrieben sein?

Grammatische Forschung, die sich vor allem an den Arbeiten W. Fleischers orientiert, kann hier eine verblüffende Antwort geben. Grammatisch verhalten sich nämlich nicht alle Namentypen gleich. Man kann sie vielmehr auf eine gleitende Skala22 eintragen, die zwischen die Pole Appellativ und Proprium zu legen ist. Es gibt Namensorten, die stehen den Begriffsworten als ihrem fast perfekten Gegenstück diametral gegenüber; die Personennamen vor allem. Hingegen, Städtenamen und in besonders auffälliger Weise eben die Straßennamen verbleiben in der Nähe des Appellativs; sie behalten also sehr deutlich deren Eigenheiten. Ein Beispiel: Personennamen werden meist ohne Artikel gebraucht: «Ich sehe Klaus»; «ich sehe Rom».

Aber falsch wäre genau dieses Verfahren bei Straßennamen:*«Ich sehe Neumarkt»; *«Ich sehe Eintrachtstraße». Will man es richtig machen, so muß man hier dieselben Regeln anwenden wie bei den Appellativa: «Ich sehe den Hund»; «Ich sehe den Neumarkt/die Eintrachtstraße».

Solche Fälle, wo die Straßennamen, obwohl Namen, dennoch mit den Appellativa gehen, gibt es auf der graphematischen23 und morphosyntaktischen Ebene24 noch mehrere. Ich bin also bestärkt, daß ich auf einem guten Weg bin mit der Annahme, in den Straßennamen könnte die Geschichte und die Stadt in ihren Wertschätzungen aufgefunden werden. Die Sprache (sprich: das kollektive Bewußtsein) hält ja offensichtlich selber darauf, in den Straßennamen den semantischen Sinn nicht so vollkommen auszuschmelzen; ja, jede ideologische Straßennamengebung hofft geradezu darauf, daß sich der Sinn nicht verliere, sondern weiter wirksam bleibe.

4. Der Mercator-Plan 1571

Erforscht man unter dem Leitbegriff gedächtnisstiftender, ideologischer die Straßennamen Kölns im Mittelalter und an der Schwelle zur Neuzeit, so merkt man sehr bald, diese uns so selbstverständliche Kategorie streichen zu müssen. Gehen wir von den 198 Namen des Mercator-Plans von 1571 aus, den Kristiane Lückerath nach Grundwörtern und Bestimmungswörtern untersucht hat, so ist festzustellen, daß kein einziger eine ideologische Bedeutung besitzt; der sich dort manifestierenden Mentalität wäre ein Kaiserplatz, ein Eintrachtbüchel, ein Canossaplatz eine ebenso große Absurdität wie eine Barbarossastraße. Abstrakta kommen als Bestimmungswörter überhaupt nicht vor. Straßen nach Namen gibt es zwar, aber: die remers ga ß, die witsche ga ß, die oirtmanns ga ß - alle 21 dieses Typs leiten sich von Anwohnern her und nicht von Vorbildpersonen, deren Ehrwürdigkeit man als Verpflichtung instrumentalisierte. Selbst kirchliche Zentralfiguren (Maria, Apostel, Heilige u.a.) werden nicht auf «abstrakte» Weise ins Straßennamensystem eingefügt. Alle zwanzig Exemplare sind als Ortsverweise zu verstehen, indem Die apostel strai ß an der Apostelkirche, die S. Cicilien strai ß an der Klosterkirche St. Caecilien liegt.25

Wenn also staasrechtliche Begriffe, überhaupt Abstrakta, (politische) Respektspersonen und natürlich auch Namen nach Partnerstädten ausscheiden, was dominiert dann das Korpus von 1571? Grammatische Befunde geben deutliche Hinweise: 65 der 198 Namen, also genau ein Drittel, sind gebaut nach dem Typ: Präp + (Art) + (Adj) + N (N), also: Voir den vrouwenbruderen, An der eichen, Auff der hochpforts, Hinder dem alten dhom, Im viltzen graben. Jeder hat ein Plausibilitätsgefühl, daß dieser Namentyp heute viel seltener ist, daß also ein Funktionswandel, eine andere Mentalität Platz gegriffen haben muß.

Fürs Mittelalter gilt offensichtlich: Beschreibende Ortsangaben waren die Namen und blieben sie, solange die topographischen und baulichen Gegebenheiten dieselben blieben. Die in den Namen gebrauchten Begriffsworte und die Realität standen im 1:1-Verhältnis. Keiner brauchte in der Straße voir den sieben burgen vergebens nach sieben Anwesen Ausschau zu halten und sich resignierend an der Tatsache wärmen, daß doch die Straßennamen Altehrwürdiges bewahren und man durch das Gefühl historischer Geborgenheit für die Enttäuschung entschädigt sei, daß man nicht findet, was die Worte versprechen. Die apostrophierten sieben Gehöfte waren wirklich da.

1571 also: Nichts von kultiviertem, kultivierendem historischem Gedächtnis, sondern Abbildung der städtischen Gegeneheiten, wie sie faktisch waren. Und dieses Prinzip findet sich durchgängig. Die 30 Namen, die nach der Beschaffenheit des Ortes benannt sind, zeigen das Angedeutete tatsächlich, an der weyer strais lag der Weiher (heutige Weiherstraße), ging man off dem buchell (= Großer Griechenmarkt) stand man erhöht, der wech off Mullem führte nach Mülheim. Man versuche gleiches heute auf der Siebengebirgsallee, der Unkeler Straße, der Nonnenstrombergstraße oder, um von den meisten deutschen Städten zu reden: Man teste die Berliner Straße.

Um wie bei den Ortsangaben, so auch bei der Sozial- und Wirtschaftsstruktur: 22% der Namen sind 1571 diesem Bereich zuzuordnen: 26 den Berufsnamen, 13 dem Handel. Sieht man zunächst auf die gesellschaftliche Realität, so sind sich die Historiker einig, daß die Weber im mittelalterlichen Köln die dominante Kraft waren. Eben diese herausragende Bedeutung spiegelt sich in den Straßennamen: Allein neun sind vom Textilgewerbe abgeleitet. Es folgen Schmiede mit sechs Straßennamen, je einmal Töpfer, die Schildermacher, die Taschenmacher und die Wappensticker, dreimal Nahrungsgewerbe. Auch Minderheiten waren vertreten: die Judengasse und die Spielmannsgasse. Mit einem Wort: Die Namen auf dem Mercator-Plan sind im großen und ganzen nichts anderes als der Spiegel der Wirklichkeit in geographischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht.

Dürfen wir da Gleiches für das heutige Namenkorpus erwarten, also die dominanten Berufe und Produkte: die Softwarestraße, den DNS-Ring, die Steuerberaterzeile, den Elektronikerweg? Offensichtlich nicht - sagt man spontan und wird auf die Notwendigkeit gestoßen, nachzuschauen, wann vorfindliche Wirklichkeit und in Namen festgeschriebenes Gedächtnis sich voneinander gelöst haben. Was aber einstmals Beschreibung realer Lebenswelten war, ist es heute nicht obsolet und entbehrlich geworden: Der holts marckt, Die hasen gaß, Die kue gaß, Onder wapensticker ? Keineswegs, denn gerade die alten, eben altehrwürdigen Namen sind in vielen Kommunen zum besonders schützenswerten Bestandteil des Ortsgedächtnisses erklärt. 26 Niemand vermöchte den Kurfürstendamm, die Via Veneto, die Champs Elys é es, die Kölner Hohe Straße, die Schildergasse umzubenennen - nicht nur weil auch wirtschaftliche Reputation in diesen Namen aggregiert; unantastbar ist der älteste Straßenname Köln, die witsche gass, eben weil sie die älteste ist. Es scheint nämlich für Kommunen ein besonders hoher Wert, daß man aus tiefster Vergangenheit stammt. Dieses Faktum allen auf Namensschildern dauernd vor Augen zu halten und dadurch tief ins Gedächtnis einzuschreiben zählt offensichtlich als wesentlicher Faktor im Ringen um Festigkeit des Identitätsgefühls.

Für das Mittelalter ist also als bestimmend und offensichtlich von unserem Verständnis abweichend festzuhalten: Das Straßennamenkorpus hat die Funktion der Verweisung, und es leistet diese Festschreibungen mittels Beschreibung dominanter vorfindlicher Fakten. Überdies wird es nicht von berufenen Instanzen konstruiert und dann «gepflegt». Das Namenkorpus ist unreflektiertes Produkt der Alltagspraxis und hat viel mit täglichen Bedürfnissen und wenig mit «Gedächtnis» zu tun.

Den radikalen Wechsel in der Grundstellung bei der Straßennamenvergabe können wir uns besonders klar vor Augen führen, wenn wir nun einen großen Sprung tun - in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sicher wäre es interessant, einen Blick auf die Französisierung der Straßennamen zu werfen. Ich weise aber nur kurz darauf hin, 1. daß mit dem Einmarsch der Franzosen in Köln am 7.10.1794 der Neumarkt in Freyheitsplatz/Place de la Libert é, umgewandelt und damit eine neue, die ideologische Dimension eingeführt wurde; 2. daß Ferdinand Franz Wallraf (1748 - 1824), der 1813 mit der Französisierung der Straßennamen des jetzt zu Frankreich gehörenden Köln beauftragt wurde, zum ersten Mal mit einer gezielten Historisierung so etwas wie eine kalkulierte Gedächtnisbildung betriebn hat: Als Mann der Aufklärung trachtete er danach, das «finstere Mittelalter» aus dem Gedächtnis zu streichen, higegen die antike Vergangenheit Kölns in den Vordergrund des Bewußtseins zu bringen: Capitolstraße, Alte Brückenstraße (, wo er die alte Römerbrücke vermutete), Trajanstraße, Agrippa-Platz usw. - das waren seine Setzungen. Gleichzeitig sorgte er dafür, daß der krude Alltag, weil ohne erhebende Kraft, jede Präsenz im Namenkorpus verlor. Es verschwanden also: die Mördergasse, die Pißgasse, die Kühgasse, die Hosengasse, der Hunderücken wurde zum Hunnenrücken/Quartier des Huns und so fort.

5. Die Kölner Neustadt 1880 - 1890

Bei Wallraf ist der Bruch also schon deutlich: Wo gewachsene Geschichte ausgetrieben wurde, da sollte er konstruiertes, erwünschtes Bewußtsein einrücken. Die modernen Verfahrensweisen treten aber noch klarer hervor, wenn wir ins Jahr 1881 springen, ein für die Geschichte Kölns besonders wichtiges Jahr. Damals nämlich wurde der enge Rahmen gesprengt, den die Preußen der zu den Franzosen übergelaufenen Stadt 1816 gesetzt hatten. Denn Köln wurde nicht, wie erhofft, zu einer Verwaltungszentrale und Universitätsstadt ausgebaut. Die neuen Herren erklärten die Stadt zur Festung. Von der alten Mauer der Stadt, im Glacisbereich, wurde Bauverbot erteilt, so daß Köln an einer kontinuierlichen Ausdehnung gehindert wurde. Eingepfercht genau in dem Areal, das seit 1180 die Mauer umspannte, beherbergte Köln 1816 50 000 Einwohner (wenig mehr als im Mittelalter) und 1880 dann fast 150 000. Der Festungsring mußte gesprengt werden; nach mehreren Anläufen gelang es der Stadt am 5. Mai 1881, Preußen die alte Mauer und das vorgelagerte Gelände abzukaufen. Schon am 11. Juni 1881 wurde die erste Bresche geschlagen. Innerhalb eines Jahrzehnts entstand dann nach einem einheitlichen architektonischen Plan des Aachener Stadtbaumeisters Joseph Stübben die Kölner Neustadt27 mit ihren Ringen - ein 600 Meter breiter Gürtel rings um den sechs km langen Halbkreis der Altstadt gelegt, im ganzen 452 Hektar, also noch etwas mehr als die mittelalterliche Stadtfläche. 208 Straßen und 23 in der Altstadt gelegene bekamen in dieser Zeit Namen - ein einzigartiges Korpus, eben weil es nicht kontinuierlich gewachsen, sondern innerhalb eines Jahrzehnts aus einem Geist, in einem Guß, geschaffen wurde. Thomas Donga und Joachim Pagel sind hier, die Forschungen von Hiltrud Kier fortsetzend, zu einem eindrucksvollen Ergebnis gekommen.

Ortsverweisende Präpositionen: Ein Drittel waren es auf dem Mercator Plan. In dem um einige Straßen größeren Korpus der Neustadt sind sie fast nicht mehr vorhanden - gerade noch vier Exemplare (Am Bayenturm, Am Duffesbach, An der Münze, Im Klapperhof), d.h. 1,7%. Schon hier deutet sich der entscheidende Funktionswandel der Straßennamen an. Nicht mehr die Hilfestellung zur Orientierung steht im Vordergrund, nicht mehr Abschilderung der Lage im Raum dominiert, sondern etwas anderes. Man bekommt es in den Blick, wenn man auf die Namen der Ringe schaut, die als Prachtboulevards gebaut wurden, stadtauswärts längs der altenStadtmauer. Sie sind nach einem einheitlichen, nämlich historischen Prinzip benannt. Beginnt man am Rhein (am Bayenturm in der Südstadt) und schreitet den sechs km langen Halbkreis aus, so unterzieht sich der Wanderer einer chronolgisch exakten Führung durch die deutsche Geschichte, besser: durch eine bestimmte Art deutscher Geschichte. Er beginnt mit der germanischen Frühzeit am Ubierring und wandert dann die deutschen Herrscherhäuser entlang, sieht also zuerst den Chlodwigplatz, kommt zu den Karolingern (Ring), den Sächsischen Kaisern (die Ottonen auf dem Sachsenring), und nachdem er an die Salier (Ring) erinnert ist, steht er auf dem Barbarossaplatz, kommt, kontinuierlich am Zeitfaden geführt, zu den Hohenstaufen (Ring), den Habsburger (n) (Ring), steht auf dem Rudolfplatz, kann also an den Begründer dieser Dynastie denken, geht weiter zu den preußischen Hohenzollern (Ring), ist alsbald bei seinem gerade herrschenden Vertreter Kaiser Wilhelm (Ring), erreicht dann den Hansaring, der seinen Namen darbietet, um dem belehrungs- oder erinnerungsbedürftigen, zumindest aber erbauungswilligen Spaziergänger die alte Wirtschaftsmacht des Reiches vors Auge zu rücken und ist, jetzt wieder den Ring erreichend, schließlich auf dem Deutschen Ring genau an dem Ziel, auf das auch die deutsche Geschichte zusteuerte: bei der gerade zehn Jahre vorher erreichten deutschen Einigung.

Demnach stehen die Stadt und ihre Namen jetzt unter der Perspektive einer didaktischen Veranstaltung bzw. einer historischen Selbstfeier und weniger etwa die reale Beschreibung faktischer Verhältnisse. Die Namen sind Denkmälern28 gleich und die Bürger werden als educandi betrachtet oder mehr noch als Menschen, die alle Initiationsriten in die preußisch-deutsche Bürgerwelt hinter sich haben und nun Rituale 29 ableisten wollen und sollen. Diese bezwecken eine noch tiefere Beheimatung in der - spezifisch aufbereiteten - deutschen Geschichte, so daß die Bürger auf festem Grund stehen, wenn die aufziehenden Stürme des neuen Zeitalters von Industrie, Klassenkämpfen und Auseinandersetzungen der Nationalstaaten stärker werden.

Dieses intendierte, das durch keine an Industrie und Arbeiterklasse assoziierenden Namen irritiert wird, erhält noch weitere Abstützung. Richtet man nämlich den Blick auf die keilartigen Sektoren, die durch die dominanten Radialen gebildet werden, die die Ringe genau an den Stellen schneiden, wo sie ihren Namen wechseln, so bemerkt man, daß die Namen in diesen Sektoren zu den jeweiligen Ringnamen passen, diese also arrondieren:

zum Ubierring die Trajan-, Titus-, Teutoburger-, Claudiusstraße usw.,

zum Karolingerring die Merowinger - und Rolandstraße u.a.,

zums Hohenstaufenring die Dassel - und Engelbertstraße (staufische Reichskanzler/- verweser und Erzbischöfe von Köln) u.a.,

zum Kaiser-Wilhelm-Ring die Kameke - (Kriegsminister, Verkäufer der alten Stadtmauer), die Werderstraße (General) u.a.,

zum Hansaring die Hamburger, Lübecker, Bremer Straße etc.,

zum Deutschen Ring die Sedan - und die Wörthstraße (Siege über die Franzosen im Krieg 1870/71) usw.

Kontrastierend muß man im Gedächtnis behalten, daß Personen als Straßennamenpaten im Mercator-Plan nur im Falle von Anwohnern vorkamen. Rechnet man aber die 231 Namen der Neustadt hoch, so zeigt sich, ortsverweisende Namen machen etwas mehr als die Hälfte aus (vor allem das belgische Viertel mit der Brabanter-, Brügger-, Antwerpenerstr. usw.) und für etwas weniger als die Hälfte sind Personen gewählt - alle um der Ehre und das heißt auch um der ideologischen Gedächtnisbildung willen. Der verbleibende kleine Rest sind meist Ereignisnamen (25).

Von den Personennamen seinen die mit B beginnenden aufgezählt: Balthasar, Barbarossa, Beethoven (2mal), Bismarck, Boisseree, Bruno. Man sieht: Religiös bestimmte Persönlichkeiten, Kulturheroen, Politiker treten auf. Rechnet man ihre Provenienzen hoch, so kommen von den Personen 30% aus dem kulturellen, 28% aus dem politischen Bereich, 19% aus dem konfesionellen, 11% aus dem ökonomischen und 10% aus dem militärischen. Wäre man geneigt, aus den 10% auf eine maßvolle Präsenz des Militärs zu schließen, so ließe einen die Tatsache zögern, daß von den Ortsbeziechnungen allein 38% einen militärischen Bezug haben, von den Ereignissen fast dreiviertel der 25 Fälle.

Wollte man die neue Grundstellung bei der Straßennamenvergabe in ihren wesentlichen Punkten festschreiben, so müßte man sagen: Nicht das reale gesellschaftlich-ökonomische Leben, nicht die vorfindliche Topographie der Stadt bilden sich im Namenkorpus ab, sondern ein ideologisches Konstrukt: eine Selbstinterpretation, die in gezielt ausgewählter Vergangenheit Identität gewinnen will. Das Namenkorpus soll Erinnerung festschreiben und so Zeugnis ablegen, wo man seine historischen Quellen und Kräfte sieht, wer man jetzt ist, wozu man künftig stehen will. Daß hierbei alles verdrängt wird, was - in Köln - nicht ins Konzept eines katholisch-zentrumsorientiert-nationalliberalen Bewußtseins paßt, ist kein Zufallsprodukt, denn das Vergessen wird ebenso gesteuert wie das Erinnern: Keine Straßennamen nach Frauen, keine Lutherstraße, keine Repräsentanz der modernen sozialen Bewegungen und kein Echo auf die kruden Realitäten der aufkommenden Industriekultur.

Dabei mauß man betonen, daß die Verbeugung vor der die Epoche bestimmenden Macht und Denkart Preußens maßvoll, wenn nicht gar etwas verhalten, eben «rheinisch» ausfiel. Bei einer Geegenüberstellung im Namenkorpus der preußischen Personen gegen die Kölner Bischöfe und Heiligen sieht man die Kölner Mentalität dominieren: Neun (evangelische) Preußen gegen 17 Weihrauchumwölkte. Aber auch zur «feindlichen» französischen Seite hielt man Distanz, bewahrte da Solidarität zu Preußen. Wenn man auch offen zugab, mit den boulevardartigen Ringen und der ganzen Neustadt die Pariser Bauart nachahmen zu wollen, wenngleich ins weniger Pomphafte abgeflacht - keine einzige der stattlichen Alleen der Neustadt heißt Allee, zu welchem Grundwort man sicher auch wegen seiner französischen Provenienz Abstand hielt.

6. Die Weimarer Republik

Nunmehr dürfte es sich als interessant erweisen, die Namengebung während der Weimarer Republik zu analysieren 30, wo ja nach dem Zusammenbruch des Wilhelminischen Staates mit seiner Weltmachtattitude und seinem nationalen Geschichtskult eigentlich die Beförderung eines neuen, demokratisch orientierten Bewußtseins auf dem Programm stand. Gleichzeitig bekam die politische Auseinandersetzung um Straßennamen durch die Etablierung demokratischer Institutionen eine neue Qualität. Selbst Rolf Zerlett31 hat in seiner knappen, bloße Daten liefernden Köln-Geschichte verzeichnet, daß es am 6. Juli 1922 wegen Straßenbenennungsproblemen in der Stadtverordnetenversammlung soagr zu Prügelszenen kam.Rechnet man ab, was durch die Eingemeindung von Worringen hinzugekommen ist, so unterhält man im Untersuchungszeitraum von 1920 bis 1932 ein Korpus von 370 neuen Namen, an dessen Erarbeitung Marion Werner maßgeblichen Anteil hatte. Allein die hohe Zahl deutet stärker hervortretende Fuktion von Straßennamen im Rahmen eines Leit- und Orientierungssystems im urbanen Großraum Köln hin, dessen Größe durch Stadterweiterungen um ein Vielfaches gewachsen war. Das Problem der onomastischen Strukturierung versuchte man durch Clusterbildung in den Griff zu bekommen (Dichterviertel, Bäumeviertel usw.). Als besonders günstig erwiesen sich Toponyme. Sie stellten einerseits ein fast unerschöpfliches Reservoir zur Deckung des quantitativen Bedarfs dar, andererseits boten sie zusätzliche Orientierungskapazität durch Abbildung der Lage der namenspendenden Orte auf das Weichbild der Stadt: südlich gelegene in ihren Süden, westliche in den Westen usw.32 ; insgesamt wurden 38% der Straßen nach Toponymen benannt.

Doch wie es stand es um die deskriptive Qualität der neuen Namen? Die Betrachtung der Präpositionen gibt ihrerseits einen wichtigen Hinweis: Strak vertreten im Jahr 1571, kaum zu finden in der Neustadt, machen sie nun immerhin 11% aus - jene sprachlichen Elemente, die eine Ortsbeschreibung signalisieren. Insgesamt 41 Straßen erhielten einen Präpositionalnamen, wobei an/am (19) und in/im (12) die Liste anführen. Sollte das also einen Ruck in Richtung neuerlicher Realitätshaltigkeit und Deskription des faktisch Vorhandenen andeuten? Man kommt der Beantwortung der Frage durch die Kenntnisnahme näher, daß dieser Namentyp vor allem in den zentrumsfernen Außenbezirken vorkommt und dort mit besonderen Grundworten korreliert. Findet man in zentrumsnahen Bezirken die Grundwörter - straße und - platz in absolut dominierender Stellung, so tauchen die - wege, die - Äcker und hecken vor allem in den stadtfernen Außenbezirken auf: in Bickendorf, Longerich, Poll, Holweide. Die sogenannte Gartensiedlung Bickendorf sowie die Siedlung Poll bekamen überdies jeweils 50% Straßennamen mit Präpositionen. Sicherlich kann man sofort deuten: Da draußen gab es tatsächlich noch Wege, Stege und traditionsgewachsene Ortsangaben, in Bickendorf z.B. Unter Kirschen, Am langen Stein, Am Haselbusch. Aber viele dieser Namen liegen eben in den neuangelegten, auf dem Reißbrett entworfenen Siedlungen, in denen nicht Büsche und Bäume, sondern monotone Häuserreihen an winklig gezogenen Straßen dominieren. In Bickendorf und Poll beispielsweise werden 19 Naturnamen vergeben (davon acht mit Präpositionen), die jeder deskriptiven Qualität entbeheren. Dies vor Augen, drängt sich einem eine andere Interpretation auf. Hier deutet sich eine Kampf- und Verdrängungsmentalität gegen die Realitäten des modernen Industriezeitalters an. Was es realiter in den Städten nicht mehr gibt: die gewundenen Wege, die Kirschgärten, die Stege, die Hecken, die Marder, die Iltisse - sie werden in den Straßennamen konserviert, um seelische Beheimatung wenigstens in einem onomastisch-fiktionalen Raum möglich zu machen. Kaninchen gibt es in Überfälle auch in der Stadt; viele Vorstädter hielten sich zahme, um in den wirtschaftlichen Desastern der zwanziger Jahre das Überleben zu sichern - die Konsequenz: Das putzige, feinfellige Tier wird als unwürdig, weil der Illusionserzeugung entgegenlaufend, aus dem Kreis der potentiellen Namenpaten ausgeschlossen.33

Solch weitgehende Interpretationen können aber durch viele Argumentationen abgestützt werden. Die etwas problematische, eben ideologische Seite der Naturnamengebung ist nämlich schon in der Weimarer Zeit angesprochen worden. 1921 stattete man die Siedlung Bickendorf vor allem mit Naturnamen aus: Unter Birnen, Unter Bergamotten. Der DDP-Stadtverordnete Falk ironisierte das Verfahren mit dem Zusatzvorschlag, Unger Krönzele (=Stachelbeeren) nicht zu vergessen. Bei der erneuten Beratung beharrte die Siedlungsgesellschaft auf den Namen, indem sie auf Parallelbezeichnungen in der Altstadt verwies (Unter Käster, was allerdings «Kastenmacher» heißt; man brachte folgende Argumente vor:

"Erstens sind es planmäßige Bezeichnungen, die für die gesamte Bürgerschaft das Auffinden der Straßen außerordentlich erleichtern; zweitens sind sie deutsch und kurz; drittens sind sie echt kölnisch, entsprechen dem Charakter der Gartensiedlung und geben Gelegenheit, Bezeichnung und Bepflanzung in Einklang zu bringen."

Die mit dem letzten Punkt anvisierte Realität bliebn aber aus. In der Presse (!) wurde nach vier Jahren der Hiat zwischen den Namen und dem Wirklichkeitsversprechen beklagt:

"Bei der Siedlung Bickendorf ist man auf eine scheinbar absurde Idee verfallen, die anfänglich großen Widerspruch hervorrief. Dort wurden Obstsorten für Straßennamen gewählt (Unter Bergamotten). Die Obstbäume sucht man aber vergeblich."

Man sieht: Eine volkstümlich gehaltene, aber doch klare Kritik an einer realitätsverzerrenden Taufpraxis, die Zukunftsversprechen auf eine 1:1- Entsprechung von Name und Wirklichkeit macht und das Versprochene doch nicht einhält.

Also mußten die Arbeiter wohl oder übel auf die Bergamotten und Birnen verzichten. Und auch Iltisse, Marder, Igel und ähnliche Tiere werden die Bewohner solcher Siedlungsstraßen selten, immer weniger oder nie gesehen haben. Was aber sahen/sie sie denn nun wirklich - in den Fabriken, an den Fließbändern, im Verkehrsgewühl der Städte? Um den kurzen Weg zu gehen: Von dem, was ihren Alltag faktisch bestimmte, fanden sie fast nichts auf den Straßenschildern! Lediglich vier der 370 Neubenennungen kommen aus dem Bereich Industrie und Gewerbe. Als man im industriell geprägten Ehrenfeld drei zusammenhängende Straßen nach Eisen, Kohle und Öl benannte, kam es obendrein noch zu Protesten: Ein Zeitungskommentar vom 25. April 1928 beklagte die geistige Armut, die in Wahlen wie Eisenstraße und Ö lstraße hervortrete. "Es fehlen nur noch Knochen -, Lumpenstraße, Kadaverweg, Gummigeruchsgasse und Am duftenden Gaswerk."

Man muß es nicht unbedingt tadeln, man kann es vielmehr einfach feststellen, daß sich eine allseits gewünschte «symbolische Ortsbezogenheit» 34 über negative, bedrückende Namen offensichtlich schwer herstellen läßt. Aber auf Straßennamen als Hilfsmittel in globalen Vergessens- und Verdrängungsprozessen muß man gleichermaßen sein Augenmaß richten. Zu einer deutlichen Warnung wird es vor allem dann kommen müssen, wenn mehrere Verdrängungsmechanismen in dieselbe Richtung laufen und gegensteuernde Kräfte ausgeschaltet werden. Solch gegensteuernde Kraft könnte in der Tatsache gefunden werden, daß in Buchforst ein ganzes Straßennamencluster mit 17 Naturwissenschaftlern gebildet, in Kalk drei Straßen in Diesel-, Lilienthal - und Eythstraße umbenannt wurden. Das heißt aber auch: Nicht in unmittelbarem Hinweis, nur in der Apostrophierung ihrer wissenschaftlichen Pioniere durften die lebensbestimmenden Industrie-strukturen auftauchen. Bedenkt man, in welch heroischer Gloriole diese Pioniere gemeinhin gesehen wurden, so wird man auch hier ebensoviel Verzerrung der Wirklichkeit vermuten. Dieser Verdrängungsprozeß erfaßte jedoch nicht nur die industriellen, sondern auch die politischen Realitäten. Die Führer der deutschen Arbeiterbewegung wurden kaum belacht. Hingegen mußten die Figuren der Nibelungensage und germanische Gottheiten als Ersatz für die Glorifizierung deutscher Geschichte in der wilhelminischen Ära herhalten, und durch Nutzung von Toponymen aus den im Weltkrieg verlorengegangenen Gebieten versuchte man die großdeutsche Landkarte bewußt zu halten; allein in Neu-Ehrenfeld richtete man ein Siebencluster nach nunmehr dänischen Städten ein.

"Es war ein denkwürdiger Tag für die Stadtverordnetenversammlung, jener 6. Juli 1922, an dem sich die Kölner Ratsherren um ein Haar eine Saalschlacht geliefert hätten. Der Anlaß scheint geringfügig: Die Spd-Fraktion hatte den Antrag gestellt, den Kaiser-Wilhelm-Ring und den Hohenzollernring in Walter-Rathenau-Ring und Erzberger-Ring umzubennen - in Würdigung der beiden von Nationalisten ermodeten Politiker der Weimarer Republik.

Auf der Rechten rief dieses Ansinnen Proteste hervor, das Zentrum versuchte zu vermitteln. Zu Handgreiflichkeiten wäre es dann fast gekommen, als der kommunistische Abgeordnete Neuhauser vorschlug, entschädigungshalber die Kammachergasse in Hohenzollernstraße umzubennen. Der Oberbürgermeister - sein Name: Konrad Adenauer - sahsich gezwungen, die Sitzung abzubrechen. Der Grund für die Aufregung: Die Kammachergasse war Kölns Bordellgasse.

Für Erzberger und Rathenau wurden schließlich «Ausweichquartiere» (Königin- Luise-Platz und Königsplatz) gefunden, die es an Standort-Prominenz mit den von der SPD vorgeschlagenen Straßen nicht aufnehmen konnten. Neben diesen beiden Umbennungen gab es in der Weimarer Zeit nur noch einen gezielt republikfreundlichen neuen Straßennamen: Der heutige Ebertplatz, bis 1922 Teil des Deutschen Rings, hieß seinerzeit Platz der Republik. Straßenbenennungspraxis als politischer Indikator, in diesem Fall für die permanente Schwäche der Weimarer Demokratie - scheinbar Unspektakuläres gibt tiefere Bedeutungen frei, vermag der historischen Erkenntnis den Weg zu weisen.

Große Teile der Bevölkerung akzeptierten übrigens den Platz der Republik nicht. Schaffner kündigten die Haltestelle weiterhin mit Deutscher Ring an, und die Verwaltung versäumte es - angeblich aus Kostengründen -, die Aufschriften auf den Straßenbahnen zu ändern. Hatte es die Demokratie nicht geschafft, sich in den Straßennamen zu manifestieren, so gelang dies der Diktatur mühelos und umfassend.35

7. Der Nationalsozialismus

Von Anne wurde das 375 Namen umfassende Straßennamenkorpus aus der Zeit von 1933 bis 1945 erstellt und untersucht; Ergebnis: Viele alte Bennenungsgepflogenheiten blieben, im Politischen aber kam es zu einem radikalen Bruch, der vor allem mit der schwächlich-unpolitischen Weimarer Republik kontrastiert. Präpositionale Fügungen gingen auf die Häfte zurück, vielleicht auch, weil die Nationalsozialisten nicht lange nach Straßennamen suchen mußten. Militärs rückten immer wieder nach vorn. Alle nationalsozialistischen «Martyrer» mußten zum Zuge kommen.

Gleich nach der Machtübernahme kam es zu scharfen Eingriffen. Schon auf der ersten Stadtverordnetenversammlung, am 30. März 1933, nimmt dieses ehedem weitgehend souveräne Kommunalparlament folgende Änderungen «zur Kenntnis»: Der Platz der Republik wird Adolf-Hitler-Platz, der Rathenauplatz Horst-Wessel-Platz, der Erzbergerplatz wieder Königin-Luise-Platz, der Bebelplatz heißt Dietrich-Eckart- Platz, die Lassallestraße nunmehr Prinz-Heinrich-Straße. Anspielungsreich erhält der Platz an der neuen Universität den Namen Langemarckplatz. Hindenburg und Hitler bekommen das Ehrenbürgerrecht - eine nichtsprachliche Verbeugung vor dem Geist, der auch in Straßennamen dominierte und kaum zwölf Jahre später das deutsche Volk in den Ruin geführt hatte.

Am 23. Mai 1933 kam schon die nächste Namengebungswelle. Der Rudolfplatz firmierte als Schlageterplatz, und damit wurde ein nationalsozialistischer Keil mitten in jenen Ring deutscher Geschichte getrieben. Die Steinstraße, der Hansaplatz und die Eintrachtstraße am Eigenstein bekamen Namen von NS-«Martyrern» aus der Kölner Kampfzeit: Heister, Spangenberg und Winterberg. Alsbald begann die Entfernung von Straßennamen, die Juden ehrten.

8. Zusammenfassung

Das Straßennamenkorpus einer Stadt ist beileibe kein ordnungsloses, aus Zufällen entstandenes Chaos, sondern vielmehr ein System, dessen einzelne Elemente man historisch abschichten, analysieren und dann so betrachten kann, daß daraus wesentliche Teile der urbanen Gesamtgeschichte wie in einem Spiegel hervortreten. Dabei ist natürlich das, was im Spiegel nicht erscheint, was also gezielt oder zufällig dem Vergessen zugeschrieben wird, ähnlich wichtig für die Konstrukton eines kommunalen Gedächtnisses wie das, was als namenwürdig angesehen wird.

"Bemerkenswertestes Ergebnis dieser Seminararbeit dürfte der schlüssige Nachweis des historisch begründeten Funktionswandels von Straßennamen im Ablauf der Jahrhunderte sein. Im mittelalterlichen Köln, das noch der Mercator-Plan «konserviert», hatten Straßennamen noch keinerlei kulturelle Gedächtnisfunktion. Sie orientierten sich - in einer Grauzone zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit - an den Namen dort wohnender Besitzbürger, benachbarter Sakralbauten und am jeweiligen Gewerbe, das in den betreffenden Straßen zentriert war. Sie dienten somit der pragmatischen Verständigung, waren Wegweiser im kommunikativen Alltagshandeln der Bürger.

Die sozialgeschichtliche Dimension mittelalterlicher Straßennamen erschließt sich eindrucksvoll in dem Nachweis, daß komplette Straßenzüge die einzelnen Stationen der Tuchherstellung markieren - vom Eintrieb der Schafe durch Die schaeffens pforts bis zur Tuchfärbung in onder blaefer. Demgegenüber inszenierte Ferdinand Franz Wallraff mit seiner Straßenumbenennungsaktion zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Stadt als Museum. Der in den Straßennamen dokumentierte Bezug auf die lange Geschichte der Stadt zeugt von jenem historischen Bewußtsein, das den entschiedenen Bruch mit Mittelalter und früher Neuzeit herbeiführt und zu einem Leitparadigma des 19. Jahrhunderts avancieren wird. Während Wallraff historische Wirklichkeit aufdecken wollte, begab sich die Wilhelminische Zeit an die Konstruktion von Geschichte. Ablesbar wird dies zumal an der Folge der Ringstraßennamen; vom Ubierring bis zum heutigen Theodor-Heuss-Ring, den früheren Deutschen Ring, sedimentiert sich in den Straßennamen der Mythos einer lückenlosen, zielgerichteten Nationalgeschichte, aus dem Unerwünschtes -die Reformation, die Arbeiterbewegung - rigoros ausgeblendet wird. Vom Geist der Zeit kündet auch die militaristische Ausrichtung der Straßennamen in der damals - nach dem Abriß der mittelalterlichen Stadtmauer -entstehenden Neustadt. Die «kriegerische» Benennungspraxis erlebte ihre Höhepunkte dann vor dem Ersten Weltkrieg und in der NS-Zeit 36, während die Weimarer Jahre und die Periode nach 1945 diesbezüglich Tiefpunkte bedeuten. Indes können Straßennamen nicht nur über politische, sondern ganz allgemein über gesellschaftliche Entwicklungen Auskunft geben - wie Werner etwa anhand der Cluster-Benennung (Blumen, Orte, Künstler usw.) zeigt. Klangvolle Namen in Chorweiler wie Pariser Passage, Stockholmer Allee und Bozener Steig bieten Projektions- und Assoziationsflächen, die quasi als fiktives Gegenbild zur Monotonie der Hochhauswüste fungieren. Straßennamensgebung als Kompensat für die Zumutungen der Moderne? In eine ähnliche Richtung weist auch die Bevorzugung von Tiernamen, deren Träger kaum jemand in natura zu sehen bekommt. Am Zaunkönigweg wohnt man halt gerne, während man schon im vergangenen Jahrhundert offenbar ungern in der Hundegasse lebte. Aufgrund zahlreicher Eingaben der Anwohner benannte der Stadtrat am 22. Oktober 1891 diese Straße in Färbergasse um."37

Vergleichende Studien über die Korpora verschiedener Städte werden mit Gewißheit außer den stadteigenen Strukturen abstrakte Grundbilder von Straßennamensystemen zutage bringen, so daß unter dem stadt-individuellen onomatischen Weichsystemen ein allgemeines tiefenstrukturelles System geortet werden kann: «die Stadt in unserem Kopf»38, das meint: kaum eine Stadt ohne Adenauer -, ohne Goethe -, ohne Bahnhofstraße; keine Stadt ohne Radiale, die nichtnach den Orten benannt sind, zu denen sie führen, also alle Straßennamenkorpora Realisierungen eines abstrakten «zugrundeliegenden» Schemas und daher auch nicht vollkomene Desorientierung in einer unbekannten Stadt, sondern ein mehr oder minder einfaches Abgleichen der realen Gegebenheiten mit jener - auch sprachlich festgeschriebenen - «Stadt in unserem Kopf».

Um eine so gerichtete Forschung in Gang zu setzen, scheint es notwendig, Bearbeitern bestimmter Geschichtsepochen einer Stadt ein verpflichtendes Grundraster von inhaltlichen Analysekategorien vorzugeben. In ihnen muß genau bestimmt sein, nach welchen Kategorien zu sortieren ist. Die Ergebnisse solcher nach gleichem Raster verfertigter synchroner Schnitte lassen Entwicklungskurven noch deutlicher hervortreten und animieren zum Vergleich des Gedächtnisses mehrerer Städte.39

9. Quellenangabe

9.1 Bibilographie

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[...]


1 Hadumod Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, Stuttgart ²1990, S. 511.

2 Dietz Bering, Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag 1812 - 1933, Stuttgart ³1992 (Greif-Buch); idem, Kampf um Namen. Bernhard Weißgegen Joseph Goebbels, Stuttgart ²1992.

3 'Willy Brandt findet Platz an der Köln-Arena - Alle Fraktionen der Bezirksvertretung Innenstadt stimmten zu - "Ausstrahlung über Köln hinaus"'; Kölner Stadtanzeiger Nr. 20 vom 24.1.1997 von Martin Lehrer: 'Seltene Einmütigkeit in der Bezirksvertretung Innenstadt. Als gestern die Umbenennung der Opladener Straße vor der Köln-Arena in "Willy-Brandt-Platz" zur Sprache kam, waren alle Fraktionen voll des Lobesfür den SPD-Antrag. Besonders freute die Bezirkspolitiker, daß der Rat das Entscheidungsrecht an die Bezirksvertretung abgegeben hatte. Die Frage, wer für Umbenennungen von Plätzen und Straßen in der Innenstadt zuständig sei, hatte immer wieder zu Konflikten zwischen dem Rat und dem Bezirksgremium geführt. Karl Zumsteg erinnerte an die Diskussionen um Breslauer Platz und Friesenplatz: "Wir haben gelernt, daß es schwierig ist, den Namen eines Platzes zu ändern." Der jetzt ins Auge gefaßte Platz werde 'Ausstrahlung über Köln hinaus' haben. Er riet jedoch davon ab, auch das künftige Technische Rathaus an dieser Stelle nach dem früheren Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger zu benennen. Dem CDU-Fraktionschef Bernhard Mevenkamp wäre es zwar lieber gewesen, wenn die DEutzer Brücke umgetauft worden wäre,: "Das hätte symbolischen Wert gehabt, schließlich hat Willy Brandt versucht, Ost und West zu verbinden." Dennoch schloß sich die CDU dem SPD-Ansinnen mit dem Standort Köln-Arena an. Als 'vorbildlichen Politiker und Menschen' würdigte Klaus Krug (Grüne) den Kanzler der Ostverträge. Die junge Generation verdanke ihre Heranführung an die Politik in gewissem Maße Willy Brandt. Er richtete eine Mahnung an die Bezirksvertreter, daß hier ein Platz benannt werde, den es noch gar nicht gibt. Dies sei 'Anspruch und Aufforderung', das Projekt so zu gestalten, daß für Willy Brandt ein würdiger Rahmen entstehe. Er sei froh, daß die Suche nach einem geeigneten Ort jetzt zu einem Ende komme.'

4 Aus der Masse der Publikationen einige wichtige Titel: Halbwachs, Maurice, Das kollektive Gedächtnis; Frankfurt/Main 1985; Jan Assmann/Tonio Hölscher, Kultur und Gedächtnis, Frankfurt/Main 1988; Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992 (mit umfassender Bibliographie); Aleida Assmann/Dietrich Harth (Hrsg.) Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, Frankfurt/Main 1991; Dietz Bering, Das Gedächtnis der Stadt. Neue Perspektiven der Straßennamenforschung in Akten des 18. Internationalen Kongresses für Namenforschung (Trier 1993), 1994; weitere Literatur unter Fußnote 53.

5 Elisabeth Fuchshuber, "Der Mann von der Straße und die Straßennamen. Regionalismus, Namenforschung und Deutschunterricht" in Der Deutschunterricht, XXXV (1983), S. 22-36, hier S. 24- 26.

6 Bisher gesammelt behandelt nur von Rudolf Schützeichel, "Ortsnamenwechsel", Bamberger Symposium vom 1. bis 4. Oktober 1986 (=Beiträge zur Namenforschung, NF, Beiheft 24).

7 Helmut Signon, Alle Straßen führen durch Köln, Köln ²1982, S. 57.

8 Assmann/Hölscher (wie Fußnote 27), S.12 mit der Erklärung: «In kultureller Formgebung kristallisiert kollektive Erfahrung, deren Sinngehalt sich in der Berührung blitzartig wieder erschließen kann, über Jahrtausende hinweg.»

9 Dies geht zwar als notwendige Folge und damit dringendes Desiderat aus der gesamten Gedächtnistheorie hervor, ist aber von ihr selber noch nicht erkannt worden, wie eindeutig die Denklinien auch auf diesen Punkt zulaufen. Nur eine kurze Bemerkung des Cambridger Kulturhistorikers Peter Burke thematisiert den hier breit aufgerollten ZUsammenhang. Er macht in seinem Aufsatz über Geschichte als soziales Gedächtnis (in: Assmann/Harth, wie Fußnote 27, S. 300) darauf aufmerksam, daß «zahlreiche revolutionäre und konterrevolutionäre Regierungen [...] den Bruch mit der Vergangenheit in der Umbenennung von Straßennamen» symbolisieren.

10 Vgl. z.B. Jürgen Kocka (Hrsg.), Interdisziplinarität. Praxis - Herausforderung - Ideologie; Frankfurt/Main 1987.

11 Sie sind ja Zeichen von «schier grenzenloser Bedeutsamkeit», wie Stefan Sonderegger in der Laudatio auf den letzten Preisträger der Henning-Kaufmann-Stiftung gesagt hat.

12 Sigmund Freud, Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt/Main 1974, S. 201.

13 So die - freilich mit allem Vorbehalt dargebotene - Meinung von Signon (wie Fußnote 30, S. 90)

14 Vgl. Werner Kany, Inoffizielle Personennamen. Bildung, Bedeutung und Funktion; Tübingen 1992.

15 Veraltet und für die Neuzeit kümmerlich ist Arnold Stelzmann/Robert Frohn, Illustrierte Geschichte der Stadt Köln; Köln ¹¹1990. Die allerorten aus dem Boden schießenden «Chroniken» sind vor allem faktenorientiert und streben Analyse kaum an, z. B. Peter Fuchs (Hrsg.), Chronik zur Geschichte der Stadt Köln, 2 Bde; Köln 1990.

16 Zwei Jahrtausende Kölner Wirtschaft, hrsg. von Hermann Kellenbenz, 2 Bde., Köln 1975.

17 Hermann Jacobs, Namenkundliches zum Kölner Stadtbild im Frühmittelalter, in: Rolf Bergmann, Heinrich Tiefenbach, Lothar Voetz (Hrsg.), Althochdeutsch, Bd. 2; Heidelberg 1987, S. 1433 - 1454, hier 1433.

18 Das monumentale Werk von Hermann Keussen: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, 2 Bde.; Bonn 1910, Nachdruck Düsseldorf 1986, bietet zwar schon ein großes Namenkorpus, verfolgt aber

19 J. Kramer, Straßennamen in Köln zur Franzosenzeit, Würzburg 1984.

20 Namengeschichte als Bestandteil der deutschen Sprachgeschichte, in: Werner Besch, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger, Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Bd. 2; Berlin/New York 1985, S. 2040 ff.

21 Ebd., S. 2040 ff.

22 Zuerst vorgeschlagen von Wolfgang Fleischer, Zum Verhältnis von Name und Appellativ im Deutschen; in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, 1964 H. 2, S. 369 - 378, hier 369.

23 Es ist vielfach ausgezählt worden: Bei Personennamen finden sich sehr häufig divergente Schreibungen zum homophonen Appellativ, z. B. im Kölner Telefonbuch mehr als 1700mal Becker, hingegen nur 65mal Bäcker. Bei 49 kontrollierten größeren Städten (A - L) hatten - umgekehrt - 18 Straßennamen das Bestimmungswort Bäcker - und nur 7 die Schreibung Becker -.

24 Zum Beispiel beim Appellativ bieten sich im Fall der Genitivendung Allomorphe an: «des Weges» oder «des Wegs», was bei Personennamen nicht gegeben ist: Hartmuts vs. * Hartmutes, bei Straßennamen aber: am Ende des Bäckerwegs und am Ende des Bäckerweges. Ähnlich die Pluralbildung: bei Personennamen Bildung durch besondere oder sonst seltene Morpheme: z. B. - s (Müllers); die Straßennamen halten sich aber an die appellativische Bildungsweise: «Bäckergassen», «Krumme Straßen». Die für Personennamen reservierten Suffixe - ts (Fritz), -o (Hanno), -a (Hilda) sind für Straßennamen blockiert usw.

25 Als Faktum schon erwähnt von Artur Hoffmann, Die typischen Straßennamen im Mittelalter und ihre Beziehung zur Kulturgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Ostseestädte; Königsberg 1913 (Diss.).

26 vgl. z.B. die Tatsache, daß das Land Bayern am 21.9.1982 ausdrücklich eine Vorschrift erlassen hat, die alten Flurnamen zu schützen. Verschiedene Stadtverwaltungen äußerten sich auf schriftliche Anfrage so: "Gewannennamen bevorzugt" (Freiburg i. Br.); "Besonderer Wert ist darauf zu legen, die Ortsgeschichte lebendig zu erhalten" (Dortmund); alte Flurnamen stehen, vor fünf anderen Kategorien, dem Rang nach ausdrücklich an erster Stelle (Paderborn); im Falle des Ausmerzungszwanges einer Namendoublette schrieb die Stadt Köln vor, daß die ältere Straße Schutz verdiene.

27 Die Baugeschichte ist von Hiltrud Kier; Die Kölner Neustadt, Planung, Entstehung, Nutzung. 2 Bde.; Düsseldorf 1978, auf profunde Weise dargestellt. Über das spannungsreiche Neben- und Gegeneinander von Köln und Preußen kann man sich nirgends auf hohem analytischem, aber mehrfach auf narrativ getöntem Niveau Unterrichten, z.B.: Adolf Klein, Köln im 19. Jahrhundert. Von der Reichsstadt zur Großstadt; Köln 1992; Georg Bönisch, Köln und Preußen. Kultur- und sozialgeschichtliche Skizzen des 19. Jahrhunderts; Köln 1982.

28 Um die frappante Nähe zur Theorie vom «kulturellen Gedächtnis» zu spüren, lese man Aleida Assmann, Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee; Frankfurt/Main/New York 1993, besonders die S. 47-66, und ersetze einfach, was dort über steinerne Denkmäler gesagt ist, durch das hier über Straßennamen Vorgetragene. Es ist vollkommen strukturidentisch.

29 Geanu dieses Festschreiben und Wachhalten in Ritualen ist ein wesentliches, immer wieder betontes Merkmal des «kulturellen Gedächtnisses», vgl. z.B. Jan Assmann, 1992, S. 56: «Ritus und Fest als primäre Organisationsformen des kulturellen Gedächtnisses».

30 Die Quellenzitate dieses Kapitels sind detailliert nachgewisen in dem umfangreichen Aufsatz von Klaus Großsteinbeck/Dietz Bering: « Unger Krönzele » oder: « Nennen Sie doch die Kammachergasse Hohenzollernstraße! », Kölner Straßennamen in der Zeit der Weimarer Republik; 1994, Jahrbuch des Kölner Geschichtsvereins.

31 Köln von den Römern bis heute, Historische Daten; Köln 1990.

32 Zum Beispiel im südlichen Zollstock: Namen aus dem südlich gelegenen Vorgebirge (Roisdorfer Straße, Bornheimer Straße), im nördlichen Niehl Städte der Nordseeküste und des niederen Rheinlaufs (Bremerhavener Straße, Emmericher Straße) usw.

33 Das ist im obligaten Korpus für Straßennamen nahezu festgeschrieben: Keine der vier größten Städte Deutschlands (Berlin, Hamburg, München, Köln) hat eine Kaninchenstraße /einen Kaninchenweg usw. (Berlin nur eine Kaninchenfarm), higegen ist der Hase (viele Stadtkinder haben nie einen gesehen) dort 32mal zu Ehren gekommen.

34 Dieser Begriff der Stadtsoziolen (z.B. bei F. Lenz-Romeiß, Die Stadt - Heimat oder Durchgangsstation; München 1970, S. 79) wird bei künftigen Straßennamenforschungen eine wichtige Rolle spielen.

35 Auszug aus einem Artikel des Kölner Stadtanzeigers Nr.21 vom 25./26. Januar 1997 unter der Rubrik "Kultur": Bordellgasse sollte nicht nach den Hohenzollern benannt werden, Markus Schwering.

36 Großsteinbeck spricht von «symbolischer Kriegsvorbereitung»

37 Vgl. Fußnote 59.

38 Von anderen Ansätzen aus ist zu vergleichbaren Ergebnissen gekommen: Dietrich Hartmann, Das Bild der Stadt in unseren Köpfen. Zur Organisation des Wissensüber städtische und andere Raumtypen aus kognitiv-linguistischer und soziolinguistischer Sicht; in: Jahrbuch der Deutschdidaktik 1987/88, hrsg. von Harro Müller-Michaels; Tübingen 1988, S. 32-72; allgemein zum Thema kognitives Kartieren: Roger M. Downs/David Stea, Kognitive Karten. Die Welt in unseren Köpfen; New York 1982 (UTB 1126)

39 Vgl. die ersten vergleichenden Ergebnisse in den Akten des 18. Internationalen Kongresses für Namenforschung, Trier 1993.

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Details

Titel
Die Etymologie von insbesondere Kölner Straßennamen
Note
unbenotet
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V106298
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wie der Titel bereits sagt, zur Entstehungsgeschichte von Straßennamen, besonders im Kölner Stadtgebiet. Eignet sich auch bestens zur Didaktisierung im Landeskundeunterricht!
Schlagworte
Etymologie, Kölner, Straßennamen
Arbeit zitieren
Guido Oebel (Autor), 1999, Die Etymologie von insbesondere Kölner Straßennamen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106298

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