Yves Klein - Blau zwischen Monochromie und Immaterialität


Hausarbeit, 2000
15 Seiten, Note: 1,00

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Relevant erscheinende Aspekte aus der Lebensgeschichte Yves Kleins

3 Die Farbe Blau

4 Die blaue Periode Yves Kleins

5 Persönliche Anmerkungen und Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als Studierender mag man sich nach eingehender Beschäftigung mit der Lebensgeschichte und dem Lebenswerk des Künstlers Yves Klein dazu veranlasst sehen, den Versuch zu unternehmen, eine immaterialisierte Hausarbeit „abzugeben“.

Ein Auseinandersetzungsprozess hat stattgefunden, nur ist er nicht materiell sichtbar gemacht. Auf die Gefahr hin, dass Professoren einer immaterialisierten Hausarbeit mit einem immaterialisierten Leistungsnachweis begegnen oder diesen gar vor den Augen des Studierenden verbrennen oder anderweitig immaterialisieren, entsteht unter Berücksichtigung allgemein sachlicher Zwänge diese Hausarbeit. Wie soll sie aussehen, die Bildbeschreibung zu einem monochrom blauen Bild? Eine Bildbeschreibung kann in diesem Fall nicht im Vordergrund stehen, vielmehr die Frage warum diese Art von Bildern zu dieser Zeit entstanden ist und worin ihre Faszination liegt. Eine isolierte Farbe auf der Leinwand ist unbeeinträchtigt in ihrer Wirkung, jede Farbe spricht eine andere Sprache, die Farbe blau hebt sich durch ihre Wirkung auf den Betrachter in besonderer Weise ab. Eine Beschäftigung mit der traditionellen, kulturellen, psychologischen und symbolischen Wirkung der Farbe blau ist eine Form der Annäherung warum sich Yves Klein nach seiner allgemeinen monochromen Phase spontan für die Farbe blau entschieden haben könnte.

Farben lassen sich durch Worte umschreiben aber dadurch wenig spürbar machen, bzw. erleben. So ist das Schreiben über ein Bild ohne es zu sehen häufig nur wie der Versuch, einen Pantomimen während seiner Vorstellung zum Reden zu bringen. Keine leichte Aufgabe, besonders im Fall monochromer Bilder. Zum Verständnis monochromer „Vorschläge“ (dem Begriff der Malerei gegenüber ein von Pierre RESTANY bevorzugtes Wort für die Werke Yves Kleins) ist neben dem Erleben des Kunstwerks die Lebensgeschichte des Künstlers von besonderer Bedeutung und notwendig. Eine Fläche in bestimmter Weise in einer Farbe „anstreichen“ zu können behauptet jeder. Nicht jeder tat es, und schon gar nicht in der Art und Weise wie Yves Klein dies zu tun vermochte.

Yves Klein ging noch weiter, er ging auch weiter als Malewitsch indem er sich nach seiner blauen Periode der Abschaffung der Farbe und der Produktion von Leere widmete. Seine Ausstellung (Galerie Iris Clert, Eröffnung am 29.04.1958) mit dem Titel „Die Spezialisierung der Sensibilität im Zustand der Prima Materia als stabilisierte, pikturale Sensibilität“ erläutert er mit den Worten, die Sensibilität im Urzustand sei die in der Luft verstreute Energie, die vom Künstler im leeren Raum der Galerie „piktural stabilisiert“ wird und eine Zone immaterieller, pikturaler Sensibilität umfasst. Die pikturalen immaterialisierten Zonen verkaufte Yves Klein gegen Quittung an Interessenten für 20g Feingold pro Zone. Um dem Einwurf, er materialisiere das Immaterielle durch das Ausstellen einer Quittung zu begegnen, forderte er die Käufer auf, um nicht Besitzer eines Zettels (der Quittung) zu sein, diese öffentlich zu verbrennen. Eine eigene Prägung der immaterialisierten Zone war für den doppelten Preis möglich, in diesem Fall wurde im Beisein eines Notars, die Hälfte des bezahlten Goldes (Blattgold) auf unwiederbringliche Weise der Natur zugeführt- z.B. ins Meer geworfen. Danach gehörte die pikturale, immaterialisierte Zone unwiderruflich und ausschließlich dem Käufer.

Sind es esoterische oder religiöse Gedanken, welche Yves Klein zu solchen Handlungsmustern und Gedanken bewegen oder wie mancher Zeitgenosse behauptete gar nur eine bequeme Art, Geld im wahrsten Sinne des Wortes für nichts einzunehmen? Yves Klein scheint vielmehr erkannt zu haben, das es das „Nichts“ nicht gibt bzw. die Menschen es sich nicht wirklich vorstellen können.

„Yves le monochrome“ wie er sich scherzhaft nannte bevorzugte nach einer mehrfarbigen monochromen Phase unbeirrt die Farbe blau. In der kunstgeschichtlichen Ikonographie die Farbe der Transzendenz und seit der Romantik Ausdruck für die Sehnsucht nach dem Unendlichen.

Yves Klein zitiert Gagarin mit den Worten: „ Vom Weltraum aus gesehen ist die Erde blau...“

2 Relevant erscheinende Aspekte aus der Lebensgeschichte Yves Kleins

Yves Klein wurde am 28.04.1928 in Nizza geboren und starb bereits am 6.06. 1962 an einem Herzinfarkt in Paris. Yves Kleins Vater war gegenständlicher Maler, seine Mutter abstrakte Malerin. Klein stellte sich schon früh die Frage, auf welche Weise die Farbe in ihrer ganzen vitalen Energie festgehalten werden könne.

Kleins Anfänge sind in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu finden - einer Zeit des Neubeginns, auch in den Künsten. Viele Künstler der Generation von Klein und Tinguely, welche Freundschaft schlossen, suchten in diesen Jahren nach einer eigenen Sprache, welche die Vorherrschaft der gestischen Abstraktion beenden sollte, denn diese wurde zunehmend als selbstbezogen und akademisch empfunden wurde. Ausgehend von seiner intensiven Beschäftigung mit der ostasiatischen Kultur, insbesondere dem Judo sowie mit der synkretistischen und esoterischen Lehre des Rosenkreuzertums entwickelte Klein seine monochrome Malerei als "Idee einer absoluten Einheit in perfekter Ruhe”.1

Ein bizarrer Tagtraum (1949) mit Blick in den wolkenlosen blauen Himmel inspirierte ihn, zu dem Gedanken die andere Seite des Himmels zu signieren, ein Vogelschwarm am Himmel störte sein Bild: „An diesem Tag begann ich die Vögel zu hassen, die kreuz und quer am Himmel flogen, denn sie versuchten Löcher in mein schönstes und größtes Werk zu machen“. Diese Aussage könnte blasphemisch anmuten, ist allerdings vor dem Hintergrund einer bizarren Gläubigkeit Yves Kleins zu verstehen.

Yves Klein erlangte besonders mit monochromen blauen Bildern schon bald grosse Aufmerksamkeit. Er rückte Ende der Fünfzigerjahre mit seinen Werkschöpfungen, Projekten, Collaborationen und Aktionen ins Rampenlicht des zeitgenössischen Kunstgeschehens. Die Entscheidung für die Farbe als reine Ausdrucksform frei schwebender Sensibilität im Raum prägte schon früh den künstlerischen Entwurf von Yves Klein, der jede Linie oder Zeichnung als Begrenzung und Einkerkerung in formale und psychologische Denkvorgänge im Gegensatz zu spirituellen Wahrnehmungen ablehnte.2

1955 organisierte Yves Klein in den Räumen der Editions Lacoste eine Ausstellung mit monochromen Bildern, die Kosten der Ausstellung hatte er selbst zu tragen. Die Ausstellung fand fast keine Resonanz, vielmehr wurden Scherze über die monochromen Bilder Kleins gemacht. Der anerkannte Kunstkritiker Pierre Restany war jedoch von der Kraft eines monochrom blauen und orangefarbenen Bildes sehr angetan. Eine zweite Ausstellung mit (Unterstützung von Restany) stieß ebenfalls auf wenig Verständnis bei den nun recht zahlreich erschienen Besuchern. In der Konsequenz beschränkte Yves Klein sich auf eine einzige Farbe: blau. Unter den verschiedenen Blauwerten entschied er sich für ein sehr gesättigtes Ultramarinblau. 1956/57 entdeckte Yves Klein ein synthetisches Bindemittel, das ihm ermöglichte, die Leuchtkraft des reinen Pigments zu bewahren. Das industriell gefertigte ultramarinblaue Pigment wurde zu seinem Marken- und Erkennungszeichen. Die Farbe nannte er später I.K.B., International Klein´s Blue.

Am 26.02.1956 stellte er auf seiner zweiten großen Pariser Ausstellung in der Galerie von Colette Allendy zum ersten Mal monochrom blaue Vorschläge aus. Die Auseinandersetzung mit nur einer einzigen Farbe drang in das Bewusstsein der Pariser Kulturszene.

Klein führte die Malerei über die gestische Abstraktion der Fünfzigerjahre hinaus und machte sie zum Medium gänzlich neuer Erfahrungen. Klein wandte sich in der Folge immer mehr vom herkömmlichen Tafelbild ab und stattdessen anonymen und gleichzeitig unmittelbareren Formen der Bildproduktion zu: Die Anthropometrien, Kosmogonien und Feuerbilder tragen die Spur einer malerischen Aktion, bei welcher der Künstler kaum mehr Hand anlegt, sondern höchstens die Vorbereitungen trifft oder als Regisseur der Bildwerdung auftritt. Durch diese Konsequenz seines Wirkens wurde Klein für Tinguely und für viele andere Künstler und Künstlerinnen Inspirator und Motor. Tinguely war tief beeindruckt von Kleins Wagnis, 1958 in den weissgestrichenen, leeren Räumen der Galerie von Iris Clert in Paris "Le Vide” als Ausstellung zu präsentieren, andere waren empört. Klein scheute den Einsatz moderner Kommunikationsmittel wie Film, Fernsehen, Auftritte an der Sorbonne oder als Judokämpfer (nach Judoka-Ausbildung in Tokio der erste Europäer mit drittem Dan welcher in Japan verliehen wurde) nicht, um sich selbst zum Kunstwerk zu stilisieren.

Jean Tinguley befasste sich zu dieser Zeit unter anderem mit kinetischen Reliefs. Von den Arbeiten und Ideen des Yves Klein war er sehr fasziniert. Die beiden Künstler wurden Freunde, woraus sich eine künstlerische Zusammenarbeit ergab. Sie organisierten 1958 eine gemeinsame Ausstellung „Reine Geschwindigkeit und monochrome Stabilität“ bei Iris Clert. Kleins Einmaligkeit hat auch nach dessem frühem Tod unter anderem Tinguely immer wieder beschäftigt. 1967 notiert er manifestartig: "Yves Klein der Monochrome ist ein superber Angreifer, ein Meteor, ein Pulverisator des Gegebenen, ein wunderbarer Megalomane, der beste mir bekannte Provokateur, ein grosser Erfinder, logisch und absurd, effizient und menschlich, ein guter Maler, ein grosser Bildhauer”.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich der Blick auf das Werk zunehmend in Richtung eines kosmischen Bewusstseins entwickelte. Der Farbe in ihrer Vielfalt folgt die Konzentration auf die Farbe Blau und als weiterer logischer Schritt das Konzept der Leere. Die blaue Periode ist allerdings mehr als eine Art Zwischenstufe in der kurzen aber intensiven Schaffenszeit Yves Kleins zu verstehen. Ein Blick auf die Eigenschaften der Farbe Blau erklärt vielleicht, warum er gerade diese Farbe gewählt hat. Wer einmal mit dem Pigment des Ultramarin gemahlt hat, hat neben der theoretischen Erörterung zur Farbe Ultramarinblau sicherlich schon selbst erlebt, welche Faszination diese Farbe auf ihren Betrachter und Anwender ausübt.

3 Die Farbe Blau

Blau. Blau ist nach neuesten Untersuchungen3 die beliebteste Farbe. 40% der Männer und 36% der Frauen bezeichnen blau als ihre „Lieblingsfarbe“. Blau scheint so beliebt zu sein, weil es viele gute Eigenschaften symbolisiert. Es ist die Farbe der Sympathie, der Harmonie, der Freundlichkeit und der Freundschaft. In bezug auf die psychologische und symbolische Wirkung der Farbe blau mag der Satz „Blau ist die Farbe der unbegrenzten Dimension“ sehr zutreffend sein. Farben können die Illusion von Perspektive schaffen, warme Farben wirken nah, und eine Farbe um so entfernter, je kälter sie ist. Blau entsteht in der Vorstellung durch die unendliche Vervielfältigung des Transparenten (Himmel/Luft, Wasser), so ist blau die Farbe der großen Dimensionen.

Treue ist eine weitere Eigenschaft welche in Beziehung zur Farbe blau steht. Treue hat mit Ferne zu tun, so sind zahlreiche blaue Blumen Symbole der Treue (Veilchen, Männerteu, Vergissmeinnicht etc.). Der Volksmund sagt, dass der blaue Saphir am Finger eines Untreuen seinen Glanz verliere.

Die blaue Blume ist Inbegriff der Dichtung in der Romantik. Noch heute ist die Sehnsucht blau , denn wie die Treue ist sie mit der Ferne verwandt. Dabei sind kulturelle Unterschiede in der Farbsymbolik zu beachten. „Blau machen“ und „blau sein“ sind beispielsweise deutsche Redensarten.

Blau als Komplementärfarbe zu Orange bedeutet auch Kälte, Kühle und ist die Hauptfarbe der Tugenden der Arbeit und des Geistes.

Die traditionelle Wirkung der Farbe blau ist sehr eng mit den frühen Möglichkeiten des Färbens von Kleidern verbunden. Waid und Indigo als Oxidationsfarbstoffe stellten lange Zeit (der Zeit vor Entdeckung chemischer Farbstoffe) die einfachste und kostengünstigste Möglichkeit dar, Kleidung zu färben. Blaue Kleidung wirkt bis heute unauffällig und für jede Gelegenheit passend. Sogar die Redewendung des „blau machen“ und „blau sein“ hat sich bis heute gehalten (der Urin betrunkener Männer eignete sich besonders gut im Färbeprozess). Rot war im Mittelalter die Farbe der Adligen, blau durfte jedermann tragen, doch desto leuchtender es war, umso teurer war es und damit der gesellschaftliche Status derer die es trugen. Das schönste blau war das „Königsblau“.

In der Malerei ist der Stellenwert der Farbe blau von jeher ein anderer. Ultramarin („von jenseits des Meeres“) aus dem Habedelstein Lapislazuli hergestellt war die Farbe der höchsten Werte (mehr Wert als Gold) und damit der höchsten Verehrung. Die chemische Herstellung von Farben hob die Hierarchien von Farben welche durch ihren Preis entstanden, z.T. wieder auf. Götter leben im Himmel, so ist blau die Farbe die sie umgibt. In seiner symbolischen Wirkung ist die Farbe blau daher auch oft als göttlich gesehen.

Das IKB als chemisch erzeugtes ultramarin ist eine sehr dominante Farbe. Wer einmal mit dieser reinen Farbe gemalt hat verspürt entweder das Bedürfnis, der Farbe mehr Fläche auf der Leinwand einzuräumen oder aber sie in reiner Form zu meiden, weil sie im Gemälde sehr dominant wirkt.

4 Die blaue Periode Yves Kleins

Soweit Yves Klein für die Umsetzung seiner Ideen noch auf eine Farbe zurückgreifen musste, weisen die Charakteristika der Farbe Blau darauf hin, das diese Farbe im besonderen für seine Zwecke geeignet erscheint.

Yves Klein hat „seine“ Farbe gefunden. Nach seiner Ausstellung der monochromen Vorschläge mit ungerahmten blauen Leinwänden in Maßen von 78x56cm war er mit den provozierten Reaktionen und dem Ergebnis der Ausstellung zufrieden. Folgendes Zitat kennzeichnet seine Wahrnehmung:

„Die leidenschaftlichen Kontroversen, die diese Ausstellung bewirkt hat, haben mir die Bedeutung dieses Phänomens und die wirklich tiefe Verwirrung jener arglosen Menschen gezeigt, die sich so wenig bewusst sind, dass sie sich passiv verhärteten, erlernten Vorstellungen und etablierten Gesetzen unterworfen haben.

Ich bin glücklich, dass ich trotz meiner Fehler und meiner Naivität und trotz der Utopien, in denen ich lebe, mit der Erforschung eines aktuellen Problems beschäftigt bin. Das Atomzeitalter, in dem alles Materielle plötzlich verschwinden und Platz für die abstraktesten Dinge schaffen wird, die man sich vorstellen kann, legt es nahe, die folgende Geschichte aus dem alten Persien zu erzählen.

Ein Flötenspieler begann eines Tages, nur einen einzigen, langanhaltenden Ton zu spielen. Als er dies nun an die zwanzig Jahre getan hatte, gab ihm seine Frau zu bedenken, das alle anderen Flötespieler mehrere, harmonische Töne und Melodien spielten und das dies doch vielleicht interessanter und abwechslungsreicher sei.

Darauf entgegnete der ´monotone` Flötenspieler, es sei nicht sein Fehler, das er den Ton bereits gefunden habe, den alle anderen noch immer ´suchten`!“4

Dieses Zitat zeigt neben dem starken Glauben an die Sensibilität und eine Farbe eine gewisse Schicksalhaftigkeit seiner Kunst an. Unter anderem von den Neuerungen in der Atomphysik und ihrem gewaltigen Einfluss auf die Gesellschaft inspiriert stößt sein Werk an eine bis heute natürliche Grenze. KRAHMER (1974, 150) beschreibt eine Ironie im Stück Dürrenmatts „Portrait eines Planeten“ (Uraufführung 1970): Dort kommt ein Greis zu Worte, ein neunzigjähriger Kunstmaler, der auf seine Vergangenheit zurückschaut: Erst malte er Landschaften und Portraits, dann nur noch Äpfel, später nur noch Farbkompositionen - Kreise, Linien, Vierrecke-, endlich ließ er seine Leinwand leer, um schließlich nur noch den Rahmen beizubehalten. Und siehe da, er verkaufte besser und besser! Eines Tages ging er noch weiter: Er gab die Rahmen und das Malen auf, begnügte sich mit der reinen Leere. Und was geschah? Er konnte das was er nicht malte, auch nicht verkaufen! Yves Klein hat es mit seiner Überzeugung allerdings soweit gebracht, immaterialisierte sensibilisierte Zonen zu veräußern. Sein Ansatz war, nicht Gemälde sondern Atmosphären zu schaffen, welche Klein beschrieb als „Klimazonen der Sensibilität, außerordentliche Seinszustände und eine besondere Natur, die Dinge wahrnehmbar, aber nicht fassbar, gleichzeitig beweglich und statisch ist und jenseits der Phänomenologie der Zeit schwebt.5 In den unterschiedlichen Kaufpreisen für die blauen Monochrome sieht Yves Klein eine Erkenntnis der Käufer für „malerische Sensibilität“.

Die Bedeutung der Farbe ist gleichzeitig enorm und doch nur Mittel zum Zweck.

In einer unveröffentlichten Schrift „Das monochrome Abenteuer“6 hat Yves Klein der Faszination Ausdruck gegeben, welche die Farbe auf ihn ausübte. Eine fixierte Farbe verlor allerdings an Faszination, weil sie durch das Bindemittel eingekerkert werde. Das reine Pigment verblich und büßte seine Farbkraft ein. Ein von ihm entwickeltes Verfahren zur Auftragung der Farbe mit nahezu gänzlicher Verdunstung eines sehr flüchtigen Bindemittels erlaubt die Kraft des reinen Pigments nahezu unbeeinträchtigt auf die Leinwand zu bringen. Das Ultramarin sollte zwar als Erkennungszeichen dienen, doch fehlt den Bildern jede Spur des Persönlichen und sie waren in großen Mengen verfügbar. Sie strahlen gleichzeitig die Wirkung von Gleichheit und Verschiedenheit aus. Der Farbauftrag ist nie in genau der gleichen Weise möglich. Bezeichnungen wie Original und Kopie verloren an Bedeutung. Der Wert des Originals ist unsichtbar, vergleichbar der Aura eines Künstlers.

Der Einsatz des I.K.B. blieb nicht auf die flache Leinwand beschränkt. Während der Arbeit mit Schwämmen entdeckte Yves Klein die Wirkung eines mit blauer Farbe getränkten Schwammes, so dass er das Material auf die Leinwand aufbrachte und blaue Schwammreliefs schuf. Daraufhin entwickelte er Schwammskulpturen. Klein schuf Hunderte von blauen Schwammskulpturen mit und ohne Sockel. Die freien Formen der Schwämme wecken dabei Assoziationen zu menschlichen Figuren und einige von ihnen nannte Klein I.K.B.-Leser und I.K.B.-Wächter: „Durch die Schwämme -lebendiges, wilde Material- konnte ich Portraits der Leser meiner Monochromien schaffen, die, nachdem sie durch das Blau meiner Gemälde gereist sind, ebenso wie die Schwämme vollständig imprägniert sind von der Sensibilität“.7 Auch in den Anthropometrien spielt die Farbe blau die bedeutenste Rolle.

Seine planetarischen Reliefs mit Gipsabgüssen nahc den Vorlagen von Originalkarten färbte er zumeist mit der Spritzpistole in blau ein, die Formen der Länder sind dabei noch zu erkennen, allerdings schafft die monochromatische Einfärbung eine Universalität und hebt geographische Trennungen weitgehend auf.

Nach der Rückkehr des Kosmonauten Jury Gargarin zur Erde hatte dieser geäußert, dass die Erde eine wundervolle blaue Farbe habe. Klein schrieb daraufhin in einem Brief an Arman selbstherrlich und voller Stolz, die Imprägnierung der Erde sei also vollzogen und Gargarin habe Kleins Vernissage im All besucht. Der Aspekt zunehmender Selbstverherrlichung wird auch durch das Einfärben von Figurkopien aus dem Louvre wie der Venus, des Sterbenden Sklaven und der Nike von Samothrake deutlich. Damit nahm Klein große Kunstwerke in sein eigenes Reich auf und schuf durch „seine“ blaue Farbe markante Verbindungen zu seiner Person.8

Restany sieht das weiniger als Selbstverherrlichung als vielmehr ein weiteres Zeichen zur Erkennung der „neuen Realität“. Die Serie der geplanten Porträt-Reliefs war als Symbol dieser geistigen Familie gedacht. Von Claude Pascal (Jugendfreund Yves Kleins zur Zeit seines blauen Tagtraums) bis Restany sollten Gipsabdrücke des Künstlerkreises Yves Klein und ihres Theoretikers gefertigt werden und blau vor goldenen Hintergrund installiert werden, mit Yves Klein in Gold vor Blau in der Mitte. Vor Yves Kleins Tod wurde allerdings nur der Abdruck von Arman fertiggestellt. In einer Art Vorahnung seines Todes kreierte Yves Klein bereits 1960 ein Monogold-Tafel mit einem blauen Kranz aus Schwämmen und künstlichen Rosen, welche schräg aufgestellt an ein Grab erinnert. Schmerzen in der Herzgegend untermauern scheinbar die mystische Vorahnung seines Todes.

Nachdem er sich in Cannes im Zuge eines Remakes der berühmten Körperabdruckszene hatte feiern lassen wollen, war der Streifen als eine Art Karikatur seines Aktions-Schauspiels zusammengeschnitten worden. Er erlitt sicherlich auch im Zuge der Aufregung darüber seinen ersten Herzinfarkt. Sein dritter Herzinfarkt in der Nacht vom 5. zum 6. Juni war schließlich tödlich.9

5 Persönliche Anmerkungen und Schlussbetrachtung

Wie hätte sich das Lebenswerk Yves Kleins weiterentwickelt, wäre er nicht von einem relativ frühen Tod heimgesucht worden. Tod im Leben und Leben im Tod, sind die Worte Yves Kleins. Ein Fortgang seiner Lebensgeschichte hätte früher oder später einen Bruch mit seinem Lebenswerk bedeuten können, so möchte man annehmen. Andeutungen dafür sind bereits die positiven und negativen Körperabdrucke.

Yves Klein ist der Sohn von sehr unterschiedlich malenden Eltern und von Geburt an mit den Konflikten in der Kunst konfrontiert. Ein Stück Lossagung von der erlebten Kunst der Eltern mag eine Rolle gespielt haben. Yves Kleins Monochromie stellt weniger den Versuch dar, einen Malewitsch zu übertrumpfen, die Werke mögen sich äußerlich ähneln, Yves Klein selbst lebte allerdings das von ihm entwickelte Spiel und identifizierte sich offensichtlich bis zu einer gewissen Ausweglosigkeit damit.10 Es war mehr als ein intellektuelles Spiel, er selbst war „gläubiger Spieler“.

Yves Klein wollte die Farbe aus den Formen in die sie eingesperrt sei befreien, dabei ist jedoch festzustellen, das bspw. die Schwammreliefs oder auch die bloße Leinwand bereits eine Form vorgeben. Es mutet illusorisch an Form und Farbe zu trennen. Selbst ein einzelnes blaues Farbpigment besitzt eine individuelle Form. Der Himmel hat eine Form, wenn auch nur schwer erfassbar. In starker Vergrößerung würden die Farbpigmente geradezu eine ungeheure Formenvielfalt aufbieten. Für Yves Klein gab es nur ein Regieren entweder der Farbe oder der Form. Für ihn zählte das „Mysterium“ der Farbe -im besonderen des Blau. Tatsachen bringen gewisse Dinge oftmals zurück auf den Boden. Die Schwämme der blauen Reliefs in Gelsenkirchen fielen so oft aufgrund der Schwerkraft aus dem Bild, dass sie ein Handwerker, welcher es Leid war sie immer wieder anzukleben letztendlich z.T. angenagelt hat.

Ein Mysterium ist letztlich so lange mystisch wie es nicht be- greifbar ist. Gäbe es für die Nachwelt nur die Informationen durch den Kunstkritiker und Kleins Freund Restany übermittelt wäre das Bild des Künstlers Yves Klein ungleich nur positiv und man hätte z.B. nicht erfahren, das der Gedanke des „Löcher in den Himmel stoßenden Vogelschwarms“ von Mallarmé zugeflogen war. Unkritischer Kritiker. Den Trend zur Entmaterialisierung setzt Klein bis zur Immaterialsierung fort, welches utopisch-existentielle Implikationen aufwirft. Viele seiner Freunde sehen mit den Körperabdrücken nach der „Leere“ einen Bruch im Lebenswerk Kleins`, er befasst sich mit dem Schaffen von identifizierbaren Spuren seines Lebenswerkes.

Mit den Monochromen Yves Kleins scheint die Malerei als Malerei weiter in die Defensive geraten zu sein.11

Die Besonderheit im Fall Kleins ist das er weniger ein bewusstes Spiel mit dem Ernst der Kunst getrieben hat, wie dies beispielweise die Dadaisten taten.

Sein Lebenswerk erscheint vor dem dargestellten Hintergrund nachvollziehbar. Blaue Farbe oder nichts. Die Faszination und das Prinzip der Sensibilität, welche durch sie zum Ausdruck gebracht wird ist sehr wirkungsvoll.

Eine absolute Verbreitung Kleins` Stils wäre für die Kunst allerdings fatal, sie würde in einer Art von Gleichmacherei, welche es eigentlich zu verhindern und zu kritisieren galt, untergehen.

Der „bloße“ gedankliche Prozess als Auseinandersetzung mit dem Lebenswerk eines Künstlers ist in nicht materieller Hinsicht sicherlich wertvoller als der komprimiert auf weißes Papier gedruckte Text in Form einer Hausarbeit -das allein kann sie aber in einer nach wie vor materiellen Welt nicht „einfach“ ersetzen.

Yves Kleins Lebenswerk bietet letztlich zahlreiche wertvolle Denkanstöße und sein Nachlass sehr atmosphärische Bilder in einer nach wie vor sehr materiellen Welt, einer Zeit in welcher man den Atomen schon bis auf ihre „Haut“ schauen kann.

6 Literaturverzeichnis

INSTITUTE FOR THE ARTS, RICE UNIVERSITY: Yves Klein. Houston 1982.

KRAHMER, C.: Der Fall Yves Klein, Zur Krise der Kunst. München 1974.

RESTANY, P.: Yves Klein, Le Monochrome. Übersetzung von R. Kimming. München 1982

STICH, S.: Yves Klein. Düsseldorf 1994.

WEITEMACHER, H.: Yves Klein. Köln 1994.

[...]


1 KLEIN 1955).

2 WEITEMACHER 1994

3 HELLER 1999, 23

4 STICH 1995, 81

5 STICH 1995, 85

6 KRAHMER 1974

7 KLEIN 1957

8 STICH 1995, 245

9 eine sehr ausführliche Chronologie Yves Kleins wurde durch das „Institute for the Arts“ im Rahmen einer Ausstellung 1982 herausgeben

10 KRAHMER 1974, 22

11 KRAHMER 1994, 136

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Yves Klein - Blau zwischen Monochromie und Immaterialität
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Kunstwissenschaft
Note
1,00
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V106700
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Immaterialität ist im wahrsten Sinne so schlecht fassbar. Hier nur ein Versuch.
Schlagworte
Yves, Klein, Blau, Monochromie, Immaterialität, Kunstwissenschaft
Arbeit zitieren
Frank Dunschen (Autor), 2000, Yves Klein - Blau zwischen Monochromie und Immaterialität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106700

Kommentare

  • Gast am 22.7.2002

    Deine Meinung.

    Und wie findest DU ein völlig blaues Bild, wenn Du es in einer Ausstellung siehst?
    Ich finde, Du hast Dich sehr intensiv und ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt; ein schwieriges Thema, das Du wirklich gemeistert hast.

  • Frank Dunschen am 1.9.2002

    Re: Deine Meinung.

    |
    |Alex schrieb:
    ||Und wie findest DU ein völlig blaues Bild,
    ||wenn Du es in einer Ausstellung siehst?
    ||Ich finde, Du hast Dich sehr intensiv und
    ||ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt;
    ||ein schwieriges Thema, das Du wirklich gemeistert
    ||hast.

    Ich denke zum einen auch blaue Bilder können sehr unterschiedlich sein, dass die Ausstellung anderer rein blauer Bilder nach der Yves Klein Ära nur keinen Sinn mehr macht, der Prozess an sich sehr wichtig war und durchaus über scheinbare "Abstrusitäten" nachdenken läßt.

    Herzlichen Gruß
    Frank Dunschen

  • Gast am 3.3.2010

    Eine sehr gute Arbeit - auch wenn mir der Kontext oder zumindest ein Hinweis zur Bedeutung von Kleins Monochronie in Gold fehlt. Dies gilt ganz besonders vor dem Hintergrund der Enträtzelung seines unvollendet gebliebenen Werks von 1962, wo er blaue Körperabgüsse für Arrangements mit monochromen Goldtafeln schufHenry Bren d' Amour

  • Gast am 7.1.2014

    Herzlichen Dan für diese tolle Hausarbeit!!!! Ich habe grade eine Hausarbeit über Kleins Erbe in heutiger Zeit schreiben, der aber NIX mit "Kunst" zu tun haben darf! Nur seine Philosophie soll umgesetzt sein! Dein Text hat mir sehr geholfen!! Wer Interesse an meiner HA hat kann sich gerne melden!

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