Molières Misathrope im Wandel - Zur Rezeption der Alceste-Figur im 17. und 18. Jahrhundert


Seminararbeit, 2002

21 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltszusammenfassung

3. Alceste und sein Umfeld
3.1 Charakterisierung
3.2 Der Konflikt zwischen Alceste und Philinte
3.3 Der Konflikt zwischen Alceste und Célimène

4. Die Rezeption der Figur Alceste im Wandel
4.1 Molières Konzeption des Alceste
4.2 Höfische Werte: Alceste als komischer Charakter
4.3 Die Lehre der Kardinalsäfte: Alceste als Kranker
4.4 Der Wandel der Rezeption im 18. Jahrhundert

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

- Ce que je crois ? … Je crois que deux et deux sont quatre, Sganarelle, et que quatre et quatre sont huit » (Dom Juan)

Der unverhohlene Atheismus seines Helden Don Juan brachte 1665 Molière in erhebliche Schwierigkeiten; Nachdem bereits 1664 der Tartuffe verboten worden war und erst nach dreifacher Überarbeitung wieder aufgeführt werden durfte, musste er ein weiteres Mal der Kirche in Gestalt des Zensors allzu verfängliche Passagen opfern. Der öffentliche Streit um den Tartuffe, der besonders heftig von der religiösen „Compagnie du Saint-Sacrement“ geführt worden war, hatte seine Existenz als Schriftsteller bedroht, wovor ihn auch der König nicht hatte schützen können (vgl. Schwendemann 1976, S. 150). Die „querelle , die ein Jahr später um Dom Juan geführt wurde, trug nicht gerade zur Stabilisierung seiner Lage bei. Molière sah sich gezwungen, seine Komödienkonzeption ändern, um den polemisierenden Gegnern nicht noch mehr Angriffsfläche zu geben. Sein nächstes Werk, Le Misanthrope, weist einige Zeichen dieser Änderung auf. So rückt er hier von der Thematisierung allgemeiner gesellschaftlicher Probleme ab, besonders Religionskritik kommt in keiner seiner folgenden Komödien mehr vor (vgl. Stenzel 1987, S. 190 ff.).

Der Misanthrope markiert in Molières Schaffen einen Einschnitt (vgl. ebd., S. 203). Doch auch die Art der Konflikte, die zwischen dem Protagonisten Alceste und anderen Personen bestehen, hat eine ganz eigene Qualität. Hier gibt es nicht mehr die Figur, deren fehlerhaftes Verhalten von ihrem Umfeld in die richtige, d.h. den Konventionen entsprechende Richtung gelenkt wird. Denn Alcestes Hass richtet sich gegen eben diese Konventionen, und er lässt sich nicht dazu bewegen, diese anzuerkennen.

Die von ihm geäußerte Kritik machte ihn für die einen zur lächerlichen Figur, wenn auch mit hehren Idealen, für die anderen zum honn ê te-homme. Diese beiden Extremvarianten bestimmen die Rezeption des Alceste seit seiner Entstehung; In vorliegender Arbeit sollen Elemente der Interpretation aus der Sicht des 17. Jahrhunderts sowie deren Wandel im 18. Jahrhundert, besonders unter dem Einfluss Rousseaus, dargestellt werden.

2. Inhaltszusammenfassung

An den Beginn meiner Untersuchung möchte ich eine kurze Zusammenfassung des Inhalts stellen. In der Exposition werden der junge Adlige Alceste und sein Freund Philinte vorgestellt. Schnell gibt sich Alceste als Titelheld zu erkennen, und auch die Begründung für seinen Menschenhass kommt zur Sprache:

- J’entre en une humeur noire, et un chagrin profond,

Quand je vois vivre entre eux les hommes comme ils font; Je ne trouve partout que lâche flatterie, Qu’injustice, intérêt, trahison, fourberie » (V. 91-94) Alceste stößt sich an den schlechten Taten und Eigenschaften der Menschen, die aus seiner Sicht generell nur Verrat, Heuchelei und eigenen Vorteil im Sinn haben. Der Hass, den er empfindet, ist aber nicht gegen einzelne „schwarze Schafe“, sondern gegen alle Menschen gerichtet:

- Non: elle (l’aversion) est générale, et je hais tous les hommes » (V. 118)

Philinte hält dagegen:

- Mon Dieu, des mœurs du temps mettons-nous moins en peine, Et faisons un peu grâce à la nature humaine » (V. 145/46)

Er nimmt Rücksicht auf menschliche Schwächen und übt sich im Gegensatz zu Alceste in stoischer Gelassenheit:

- Je prends tout doucement les hommes comme ils sont

J’accoutume mon âme à souffrir ce qu’ils font » (V. 163/64)

Er kommt auf einen Prozess zu sprechen, der gegen Alceste geführt wird. Philinte rät ihm, sich für seine Freisprechung einzusetzen, stößt aber auf taube Ohren:

- Non; j’ai résolu de n’en pas faire un pas.

J’ai tort, ou j’ai raison. » (V.191/92)

Sollte es zu seiner Verurteilung kommen, so wäre dies für Alceste ein schönes Beispiel für die Schlechtigkeit der Gesellschaft. Der Höfling Oronte tritt auf und bittet ihn, ein von ihm verfasstes seichtes Sonett zu beurteilen. Alceste ist konsequent in der von ihm propagierten sinc é rit é, nach der jeder jedem gegenüber offen und ehrlich sein muss, und macht sich mit seinem Verriss Oronte zum Feind.

Im zweiten Akt kommt zum ersten Mal Célimène auf die Bühne, Alcestes großer Schwachpunkt. Sie ist seine Geliebte, vereinigt in sich aber einen Großteil der schlechten Eigenschaften, die Alceste anprangert. Sein Hauptvorwurf:

- votre humeur, Madame,

Ouvre au premier venu trop d’accès dans votre âme » (V. 456/57) Alceste verlangt von Célimène, ihre anderen Liebhaber auf Distanz zu halten; doch sie weicht ihm aus, wie auch seiner Forderung nach einem Liebesbeweis. Die Marquis Acaste und Clitandre treten hinzu, wie Oronte Konkurrenten Alcestes um die Gunst von Célimène, und ziehen mit ihr über andere Höflinge her. Alceste ist empört über ihre Tiraden, doch Philinte bemerkt:

- Mais pourquoi pour ces gens un intérêt si grand,

Vous qui condamneriez ce qu’en eux on reprend? » (V. 667/68) Er macht auf die Inkonsequenz von Alcestes Verhalten aufmerksam; Célimène führt das Argument fort, wirft ihm vor, nur aus Prinzip zu widersprechen, sogar gegen seine eigene Überzeugung:

- L’honneur de contredire a pour lui tant de charmes,

Qu’il prend contre lui-même assez souvent les armes ; Et ses vrai sentiments sont combattus pour lui, Aussitôt qu’il les voit dans la bouche d’autrui. » (V. 677-680) Im Zentrum des dritten Aktes steht der bissige Dialog zwischen Célimène und ihrer Freundin Arsinoé. Arsinoé gibt vor, um Célimènes Ansehen bei Hofe besorgt zu sein und rät ihr, ihren Lebenswandel zu ändern. Diese wirft Arsinoé ihrerseits vor, aus Frust über Alter und Jungferntum eine frömmelnde Sittenwächterin geworden zu sein. Arsinoé, die Alceste hoch schätzt und auch Gefühle für ihn hegt, will ihm die Augen öffnen für das Spiel, das Célimène mit ihren Liebhabern treibt.

Nach langen Verhandlungen vor Gericht hat sich Alceste dazu überreden lassen, seine Äußerungen über Orontes Sonett abzumildern. Das geht aus einem Dialog zwischen Eliante und Philinte im vierten Akt hervor, dessen Thema Alcestes Verhalten ist. Eliante gesteht, in Alceste verliebt zu sein, Philinte macht ihr seinerseits einen Antrag. Alceste kommt ein Brief Célimènes an Oronte zu. Er fühlt sich betrogen und stellt sie zur Rede; Doch sie spielt mit ihm, bestätigt zunächst seine Befürchtungen und macht ihm dann selbst Vorwürfe:

- Allez, de tels soupçons méritent ma colère,

Et vous ne valez pas que l’on vous considère » (V. 1409/10) Im fünften Akt fliegt dann schließlich Célimènes Wechselspiel auf: unter den triumphierenden Blicken Arsinoés präsentieren Acaste und Clitandre Briefe, in denen sie über den jeweils anderen Liebhaber herzieht. Die Marquis und Arsinoé kehren Célimène den Rücken zu. Nur Alceste bietet an, ihr zu verzeihen, allerdings unter der

Bedingung, dass sie ihn in seinem Rückzug aus der höfischen Gesellschaft ins reine und reinigende „désert1 “ begleitet; Doch sie lehnt ab, und er beschließt gekränkt, die ihm verhasste Welt allein zu verlassen. Philinte ruft Eliante schließlich dazu auf, diese Abkehr zu verhindern. Der Ausgang der Geschichte bleibt offen.

3. Alceste und sein Umfeld

3.1 Charakterisierung

Im Mittelpunkt der Komödie steht das Paar Alceste - Célimène, während sich die Aufmerksamkeit der übrigen Personen meistens auf Alceste richtet. Er ist ein junger Pariser Adliger, dem das am Hof Ludwigs XIV. verbreitete „cacher, observer, paraître“, das Verstecken der eigenen Interessen, Beobachten der Umgebung und Vorspiegeln von Gefühlen, verhasst ist. Für Alceste zählen Werte wie Offenheit (franchise) und Aufrichtigkeit (sinc é rit é):

- Je veux que l’on soit homme, et qu’en toute rencontre

Le fond de notre cœur dans nos discours se montre » (V. 69/70) Wie sich hier zeigt, vertritt er diese Werte mit viel Idealismus. Die Qualität seiner Ideale wird von einem Großteil der dramatis personae und wohl auch vom Publikum anerkannt, seine Kritik an den existierenden Umgangsformen ist nachvollziehbar und gerechtfertigt. Aber die Strenge, mit der Alceste seine Beurteilung der Gesellschaft nach diesen Kriterien durchführt, ist unangemessen. Außerdem wird sie problematisch dadurch, dass er die doch auf ein eingeschränktes soziales Umfeld, nämlich auf den Hof Ludwigs XIV., bezogene Kritik extrem ausweitet:

- et je hais tous les hommes;

Les uns, parce qu’ils sont méchants et malfaisants, Et les autres, pour être aux méchants complaisants » (V. 118-120) Die einen hasst er, weil sie böse sind, und die anderen, weil sie nichts gegen die Bösen tun. Mit dieser denkbar gröbsten Einteilung der Menschen büßt er einiges an Sympathie ein, die der Zuschauer in der Exposition aufgebaut haben mag (vgl. auch Jasinski 1983, S. 137). Er verliert auch an Glaubwürdigkeit, denn bei einem jungen Mann wie ihm kann nicht davon ausgegangen werden, dass er seine Verdrossenheit aus einer langen

Lebenserfahrung heraus entwickelt hat, nicht aus der Empirie, sondern aus dem raisonnement, das er auf den niedrigen Sockel einiger weniger schlechter persönlicher Erfahrungen aufbaut, wie beispielsweise auf seinen erfolglosen Prozess. Der Verlust des differenzierten Blicks macht den Gesellschaftskritiker Alceste zum Misanthropen. Misanthrope wird im Akademie-Wörterbuch von 1718 wie folgt definiert: „Ce mot est pris du grec, & signifie proprement, Qui hait les hommes. Il se dit d’un homme fascheux, & qui semble estre ennemi de la joye & de la société.“ Als misanthrope qualifiziert sich also nicht nur ein Mensch selbst, der die Gesellschaft hasst („Qui hait les hommes“), sondern auch die Gesellschaft kann einen Menschen als misanthrope qualifizieren, wenn dieser ärgerlich auffällt („homme fascheux“). „Misanthropie“ ist also eine Bezeichnung, die aus beiden Perspektiven angewandt werden kann. Alceste wird dieser Definition in zweierlei Hinsicht gerecht: Er selbst steht dazu, die ganze Menschheit zu hassen, und als ärgerlich wird er unter anderem von Célimène bezeichnet:

- Ce n’est qu’en mots fâcheux qu’éclate votre ardeur,

Et l’on n’a vu jamais un amour si grondeur. » (V. 527/28) Nach humoralpathologischen Kriterien, die weiter unten näher beleuchtet werden, kann außerdem Alcestes zügelloser Charakter dem eines Melancholikers zugeordnet werden, worauf auch der von Molière ursprünglich geplante Untertitel „L’Atrabilaire amoureux“, der verliebte Schwarzgallige, hinweist.

3.2 Der Konflikt zwischen Alceste und Philinte

Der melancholischen Hauptfigur steht der „honnête homme“ (vgl. Bahners 1985, S. 60) Philinte mit seinem Realismus gegenüber:

- Il faut, parmi le monde, une vertu traitable; A force de sagesse, on peut être blâmable; La parfaite raison fuit toute extrémité,

Et veut que l’on soit sage avec sobriété. » (V. 149-152) Er bildet den Gegenpart zu Alcestes Menschenhass, versteht die Vorwürfe Alcestes, zieht aber aus der selben Erkenntnis andere Konsequenzen. Er hält nichts von Klagen über und Abwendung von der Welt, sondern sieht im Kompromiss und im Arrangement mit der Umwelt die beste Form des Umgangs mit der Problematik. Eben wegen dieser Kompromissbereitschaft gehört auch Philinte für Alceste zu den „complaisants“ (V. 120). Die Spannungen zwischen den beiden Weltanschauungen sind zentral; Der

Zuschauer lernt Alceste ja schon von Anfang an als Kämpfer gegen die complaisance, das gegenseitige unbedingte Einvernehmen, kennen. Schon dort greift er in Philintes Verhalten höfische Umgangsformen an und erkennt ihm sogar die Freundschaft ab. Philinte reagiert auf den wütenden Schwall von Beleidigungen mit stoischer Ruhe: Er erfüllt die Anforderungen der biens é ance, des von Angehörigen des Adels erwarteten Anstands und der Wohlerzogenheit. Er präsentiert sich dem Zuschauer über das ganze Stück hinweg sympathisch, wiederum im Gegensatz zu Alceste, wobei seine Sympathie zu einem großen Teil auf seiner Intelligenz aufbaut. Denn Philinte ist offen für Erfahrungen und bereit, auf ihrer Grundlage eine differenzierte Weltanschauung zu entwickeln. Er stellt nicht seine Moral, in Alcestes Fall unzulässig legitimiert durch ein Konglomerat von vermeintlichem Wissen über das menschliche Wesen, über die Moral der Anderen. Sondern er verwendet seine Intelligenz, um mit Klarsicht ein Bild des Lebens zu erhalten, wie es ist (vgl. Jasinski 1983, S. 189). Doch er schwebt auch in der Gefahr, das Schlechte in der Welt und im Menschen hinzunehmen, ein Vorwurf, der ihm insbesondere in der Aufklärung gemacht wurde; und auch Alceste wirft ihm Kaltschnäuzigkeit vor:

- Mais ce flegme, Monsieur, qui raisonne si bien,

Ce flegme pourra-t-il ne s’échauffer de rien ? » (V. 167/68) Nach der Lehre der Säftepathologie steht dem Melancholiker Alceste der Phlegmatiker Philinte entgegen, der sich nur schwerlich erregt und gelassen reagiert. Die Rolle Philintes, wie auch die von Alceste, wurde in der Literaturwissenschaft auf zwei völlig gegensätzliche Weisen aufgefasst: Die eine Partei sieht in ihm den honn ê te homme, der in seiner vermittelnden Persönlichkeit wahre Klugheit und Tugend verkörpert; Ihre Gegner werfen Philinte vor, zu der großen Gruppe von Höflingen zu gehören, die ihre Augen vor den Problemen der Gesellschaft verschließt und das etablierte System aus Vetternwirtschaft und Korruption mit ihrer passiven Haltung zu unterstützen.

3.3 Der Konflikt zwischen Alceste und Célimène

Célimène ist die Kokette, die in ihrer Finesse die typische französische Hofdame des 17. Jahrhunderts repräsentiert (vgl. Jasinski 1983, S.165). Die Hauptursache für die Spannungen zwischen ihr und Alceste ist sein Verhalten: es ist ihm ein wichtiges Anliegen, Célimène von den Lastern zu befreien, die ihm die Menschen verhasst machen. Immer wieder spricht er von seinem Plan, sich gemeinsam mit Célimène ins d é sert zurückzuziehen, wo sie sich, wie er hofft, durch die Distanz zum Hof und durch sein positives Einwirken ändern wird:

- et sans doute ma flamme,

De ces vices du temps pourra purger son âme. » (V. 233/34) Alceste sieht sich als Heilsbringer, die Liebe zu Célimène ist für ihn ein Rettungsprojekt (vgl. Baader 1980, S.97). Er ist überzeugt davon, dass sie seine Liebe erwidert, auch wenn Philinte berechtigte Zweifel daran äußert. Aber Alceste verlässt sich stur auf seine raison:

- Je ne l’aimerais pas, si je ne croyais l’être (aimé d’elle). » (V. 237)

Philinte rät ihm, sich von Célimène abzuwenden und der solide und sinc è re Eliante zuzuwenden, die ja seinen moralischen Anforderungen genüge und sich auch zu ihm hingezogen fühlt. Als Alceste durch Célimènes Brief an Oronte seine Chancen auf Erfüllung seiner Sehnsucht schwinden sieht, geht er in seiner Verzweiflung sogar so weit, Eliante als Werkzeug seiner Rache missbrauchen zu wollen; sicher sein moralischer Tiefpunkt im Stück. Aber Célimène bleibt ihrerseits nicht untätig, ihn fest in ihrem Bann zu halten: Mit ihrer demonstrativen Unentschiedenheit nährt sie seine Eifersucht, benützt sie als Druckmittel, um ihn - und auch die anderen Liebhaber - gefügig zu halten. Zu ihrer Strategie gehört auch, dass sie mit Verweis auf die biens é ance ablehnt, einen Liebesbeweis zu geben. Im fünften Akt verweigert sie sich diplomatisch den drängenden Oronte und Alceste:

- Je trouve que ces mots qui sont désobligeants, Ne se doivent point dire en présence des gens ; …

Et qu’il suffit enfin que de plus doux témoins Instruisent un amant du malheur de ses soins. » (V. 1631-1636) Es liegt in ihrem eigenen Interesse, keine eindeutige Zusage zu geben. Denn könnte sich ein Liebhaber Ihrer Zuneigung sicher sein, so hätte sie keinen Einfluss mehr auf die anderen Werbenden, die sich bemühen, sie möglichst gut zu stimmen. Macht über ihre Umgebung hat sie nur solange, wie keiner der „amants“ ein Ja oder ein Nein gehört hat (vgl. Scheffers 1980, S.184).

Als positiver Gegenpol zu Célimènes Unwesen könnte Arsinoé wirken. Aber es wird schnell deutlich, dass ihre - zudem reaktionäre und übertriebene - Moral nur eine

Zuflucht vor der Welt ist, in der sie der weiblichen Konkurrenz am Hof unterliegt. Außerdem lebt sie ihre Moral nicht konsequent und ist daher unglaubwürdig. So bleibt nur Alceste; Doch der ist von seiner Liebe geblendet und auch zu egozentrisch: Er prangert lediglich ihre Untreue ihm selbst gegenüber an und vergisst dabei, dass auch andere Menschen von der Situation betroffen sind (Akt II, Szene 1). Alceste könnte sich viel Frust ersparen, wenn er Philintes Rat nachkommen würde. Aber er ist, wie er selbst erkennt, machtlos gegen seine Schwäche für Célimène:

- En dépit qu’on en ait, elle se fait aimer » (V. 232)

Er kann sich seine Liebe nicht erklären und ist in seiner Ratlosigkeit nicht allein: Auch der Zuschauer versteht, wenn auch primär wegen fehlenden Wissens über die Vorgeschichte des Paares, das Zustandekommen dieser Beziehung nicht. Natürlich macht gerade die Kombination von ähnlichen Gefühlen einerseits und konträren Ansichten andererseits bei dem ungleichen Paar den Reiz des Theaterstücks aus. Zudem ist Célimène die Einzige, die an Alceste herankommt und die ihn indirekt zum Überdenken seiner Situation und zu Reflexion zwingt. Von den übrigen Personen lässt sich Alceste nichts sagen, im Gegenteil: Vom Handeln und von den Worten der Marquis und auch Philintes abgestoßen, sieht er sich in seiner Meinung bestätigt und bemüht sich eher noch mehr, sich von ihnen abzugrenzen.

Insgesamt kommt Célimène im größten Teil literaturwissenschaftlicher Interpretationsversuche als „Inkarnation unzuverlässiger und vergnügungssüchtiger weiblicher Koketterie“ (Stenzel 1987, S. 194) menschlich und moralisch sehr schlecht weg. Jedoch muss ihr Handeln im Kontext ihrer sozialen Position betrachtet werden: Als junge Witwe (in V. 1774 spricht sie von sich als „âme de vingt ans“) ist sie darauf angewiesen, mit möglichst vielen einflussreichen Höflingen gut zu stehen, um trotz ihrer schwachen Stellung handlungsfähig zu bleiben. Unter diesem Vorzeichen erhellt, dass ihr „unmoralisches“ Handeln weniger charakterlich bedingt als vielmehr eine Notwendigkeit zur Erhaltung ihrer Stellung ist (vgl. ebd., S. 194) und aus damaliger Sicht sogar als tugendhaft bezeichnet werden kann (vgl. Scheffers 1980, S. 186).

Die beiden Hauptkonflikte, in die Alceste involviert ist, sind für eine Analyse seiner Figur von großer Bedeutung; Denn im Kontakt mit Philinte und Célimène äußert er eigene Vorstellungen und Ideen, und deren Bemerkungen und Reaktionen auf sein Verhalten lassen Rückschlüsse auf die Intention des Autors und auch auf die Sichtweise des zeitgenössischen Publikums ziehen. Für Pensom wird der hohle „Hampelmann“ Alceste gar erst durch die Konfrontation mit der Lasterhaftigkeit einerseits und der Tugend andererseits zu einem echten Charakter. Er spricht von einer „Interferenzzone“ in Alceste, die zwischen der Zone des Lasters von Célimène und der Zone der Tugend Philintes vermittelt (vgl. Pensom 2000, S. 73). Ein „echter“ Charakter wird er so deshalb, weil dann in ihm, wie in jedem Menschen, beide Pole vorhanden sind und einen dauernden Kampf führen, dessen Ausgang jeweils abhängig ist von seinen Bedürfnissen und der jeweiligen Situation.

Im Folgenden soll die zeitgenössische Rezeption des „Misanthrope“ im Hinblick auf den Charakter Alceste näher betrachtet sowie die Rezeption in der Aufklärung und der Interpretationsansatz von Rousseau dargestellt werden.

4. Die Rezeption der Figur Alceste im Wandel

4.1 Molières Konzeption des Alceste

Besonders der Titelheld des „Misanthrope“ bietet heute wie vor rund 340 Jahren Raum für Deutung. Wie bereits erwähnt, wurde die Rolle Philintes auf zwei gegensätzliche Weisen interpretiert; Als Antagonist der Titelfigur hängt aber seine Interpretation wiederum primär davon ab, wie die Figur Alceste aufgefasst wird: Ist er der wirklichkeitsfremde Nörgler, ist Philinte der honn ê te homme und vielleicht auch das Sprachrohr Molières. Das Verhältnis kehrt sich um, wenn Alceste als der klarsichtige Vertreter wahrer Tugend gesehen wird: Philinte muss dann als unkritischer Opportunist betrachtet werden (vgl. Jasinski 1983, S. 123).

Zwischen den beiden Extremen schwanken die Sichtweisen der Forschung, die sich besonders mit der Frage nach der Identifikation Molières mit seinen Figuren auseinandersetzt. Eine Antwort auf diese Frage ist allerdings essenziell für eine möglichst genaue Interpretation seiner Komödien, und stellt die Forscher vor große Probleme; Denn eine eindeutige Identifikation des Autors kann im Misanthrope, anders als bei früheren Komödien Molières, nicht nachgewiesen werden (zitiert nach Bahners 1985, S. 61). So wichtig das Thema für die Molièredeutung ist, birgt es doch die Gefahr der projizierenden Interpretation: H. Stenzel warnt in diesem Zusammenhang vor „psychologisch-biographischen Spekulationen“ (Stenzel 1987, S. 192), zu denen insbesondere die Belegung der Rollen bei der Erstaufführung im Jahr 1665 verführen kann2. Damals stellte Molière selbst den Alceste dar, seine untreue Frau Armande gab die Célimène. Jedoch ist die Célimène zu typisch, um ein Portrait sein zu können, und Alceste weist fundamentale Unterschiede zu seinem Schöpfer auf: Molière „stand dem menschlichen Leben, dem höfischen insbesondere, nicht als schroffer Feind ... gegenüber, sondern als eindringlicher Beobachter, als humoristischer Kritiker“ (Marenholtz 1881, S. 218). Die Kritik, die er Alceste in den Mund legt, ist gewiss ernst gemeint; im Alltag verarbeitet hat er sie aber wohl eher wie Philinte. So hat man bei Philintes Ausspruch gegen Ende des Stücks fast den Eindruck, Molière wende selbst das Wort an Alceste:

- Tous ces défauts nous donnent dans la vie Des moyens d’exercer notre philosophie:

C’est le plus bel emploi que trouve la vertu » (V. 1561-1563)

Eine tröstliche Sicht auf die höfischen Verhältnisse, die bestimmt von Molière vertreten wurde. Die Folgerung, dass also Philinte sein Substitut sein muss, geht ebenfalls zu weit (vgl. Marenholtz 1881, S. 219). Desgleichen rät Stenzel davon ab, als bestimmendes Ziel Molières das Zeichnen eines nicht auf den zeitgenössischen sozialen Kontext beschränkten Typus anzunehmen (vgl. Stenzel 1987, S. 192). Wenn dies auch nicht seine Hauptintention war, so war Molière dennoch klar, dass der Typus des Menschenfeindes in nahezu jeder Gesellschaft vor dem Ancien Régime vertreten gewesen war und dass er in kommenden Gesellschaften gleichermaßen vertreten sein wird; Insofern kann meines Erachtens davon ausgegangen werden, dass er in die Alceste-Figur durchaus überzeitliche Elemente eingearbeitet hat.

Zumindest über einen Aspekt der Figur lässt sich kaum mehr streiten: Ihre Komik. Zwar erschließt sich diese dem heutigen Publikum nicht mehr sofort. Im 19. Jahrhundert wurde sie dem Stück gar abgesprochen (vgl. Jasinski 1983, S. 292), der Inhalt des „Misanthrope“ als tragisch bezeichnet (vgl. Baader 1980, S. 75). Aber es gibt eindeutige Hinweise auf Molières komische Konzeption des Alceste.

4.2 Höfische Werte: Alceste als komischer Charakter

Einen ersten Anhaltspunkt bietet ein Blick auf die Rollenbesetzung von Molières Aufführung des „Misanthrope“ im Palais-Royal: Er war es selbst, der den Alceste spielte. Da er in jeder seiner Komödien die lächerliche Figur verkörperte, zuletzt den Argan im „Malade imaginaire“, konnte Alceste ebenfalls nur ein lächerlicher Charakter sein (zitiert nach Bange 1985, S. 52). Das bestätigt eine wichtige Quelle, der Brief des zeitgenössischen Kritikers Donneau de Visé3:

- Cette … comédie commence par le Misanthrope qui, par son action, fait connaître à tout le monde que c’est lui, avant même d’ouvrir la bouche » (Molière : Œuvres complètes, S. 133)

Molière machte offenbar noch vor den ersten Worten durch seinen Habitus klar, dass er den Misanthropen darstellt. Das Publikum kann aber nur dann schnell erkennen, wie eine Figur zu verstehen ist, wenn kein facettenreiches Portrait4 transportiert werden soll, sondern wenn auf bekannte Klischees zurückgegriffen wird. Klischees wirken wiederum immer komisch, wenn sie sich in einer Person manifestieren. Donneau de Visé schreibt auch:

- Je pourrais vous dire … que, son intention étant de plaire, les critiques ne peuvent pas dire qu’il ait mal fait » (ebd., S. 131)

Es ist nichts Neues, dass Molière mit seinen Komödien erheitern wollte; nur spielt dieser Aspekt bei der Interpretation des Alceste eine besonders wichtige Rolle. Das bedeutet, dass Molière neben dem instruire ein Quantum echter Komik eingebaut hat, das nicht allein von den traditionell lächerlichen Marquis und der lächerlich-prüde Arsinoé getragen werden kann. Da Philinte, Eliante und Célimène per se keine komischen Personen sind, bleibt als Träger der Komik nur Alceste.

Die Hauptursache seiner Lächerlichkeit liegt in seiner Unfähigkeit zur Anpassung an die Umgangsformen seines soziales Umfeldes (vgl. Scheffers 1980, S. 155), in der er zu allem Übel noch f â cheux ist. Problematisch wird sein Abweichen dadurch, dass er sich in aristokratischen Kreisen bewegt; Denn er verstößt so gegen eine ganze Reihe von Regeln, denen jeglicher Kontakt zwischen Mitgliedern der Aristokratie unterworfen ist. „Was vernünftig ist, sagt die convenance und beweist sich in der biens é ance. Wer sich in sie nicht schickt, ist unvernünftig, daher lächerlich“ (ebd., S.176). Der eitle Marquis Acaste gibt zu Beginn des dritten Aktes in seiner Selbstbeschreibung einen Einblick in die Liste der Eigenschaften, die ein Mitglied des Adelsstandes erfüllen musste, um anerkannt zu werden. Conditio sine qua non war natürlich die gehobene Abstammung (rang, naissance, race), des weiteren zählten gutes Aussehen (air, bonne mine), Vermögen und ein gewisser Einfluss bei Hofe. Auf welch unterschiedliche Weise sich ein Höfling unmöglich machen konnte, wird in der vierten Szene des zweiten Aktes umfassend dargestellt: Acaste und Clitandre tragen Célimène Namen von Höflingen zu, über deren Peinlichkeiten sie sich dann lustig macht. Die Bandbreite der aufgezählten Verfehlungen reicht von schlechten Manieren bis „bizarreries“, von einfallsloser Geschwätzigkeit über Wichtigtuerei bis hin zu angestrengter Witzigkeit. Dabei fällt auf, dass die verlachten Eigenschaften in abgeschwächter Form nicht nur nicht lächerlich, sondern für eine erfolgreiche Positionierung innerhalb der höfischen Hierarchie sogar notwendig waren.

Die perfekte Beherrschung der Etikette und damit die Erfüllung der biens é ance erforderten eine ausgewogene Mischung aus gutem Geschmack (vgl. ebd., S.176), Esprit und Höflichkeit. Als oberstes Gebot galten das se conna î tre, das Bewusstsein um die eigenen Position in der aristokratischen Hierarchie (vgl. ebd., S.150), und die Selbstbeherrschung; Auf keinen Fall durfte man ridicule werden (vgl. ebd. S.152). Besonders an Selbstbeherrschung mangelt es Alceste, was er bereits zu Beginn der Eingangsszene demonstriert. Philinte weist ihn auf den direkten Zusammenhang seiner emportements und dem Gelächter der Gesellschaft hin:

- Je vous dirai …

Qu’un si grand courroux contre les mœurs du temps Vous tourne en ridicule auprès de bien des gens. » (V. 105-108) Doch Alceste ist sich völlig im Klaren darüber, dass über ihn gelacht wird, und auch darüber, warum. Dennoch ist er nicht bereit, sich zu ändern. Im Gegenteil, er sieht das Gelächter seiner „Feinde“ als Bestätigung für die Richtigkeit seiner Linie. Wie im verlorenen Prozess offenbart sich für ihn in den Lachern die Ungerechtigkeit und das

Unrecht der Welt (vgl. Scheffers 1980, S.177), was er in folgender Replik auf Philintes Hinweis deutlich macht:

- Tant mieux, morbleu! Tant mieux, c’est ce que je demande,

Ce m’est un fort bon signe, et ma joie en est grande » (V. 109/10) Und es ist auch der selbe Masochismus, der ihn dazu zwingt, sich aktiv zur Zielscheibe des Gespötts zu machen. Dass sich im Misanthrope die Handlung nur unter Adligen (mit Ausnahme der Nebenrollen der Diener Basque und Du Bois) abspielt, zeigt seine Ausnahmestellung unter Molières Komödien: In den meisten anderen Stücken treten vor allem Personen der bürgerlichen Schicht, eventuell in Kombination mit Adligen wie im Bourgeois gentilhomme, und in familiärer Umgebung auf (vgl. ebd., S.149 f.). Die so häufige Rolle des/der scharfsichtigen Bediensteten, der/die die Entgleisungen in der Familie aufdeckt und der Handlung zu einem guten Ende verhilft, ist im Misanthrope nicht vertreten. Wer sonst kann also Alceste davor schützen, sich dem Gelächter der „honnêtes gens“ preiszugeben? Auf Philinte und Eliante hört er nicht, Célimène interessiert sich nicht für seine Probleme, und den Höflingen als Konkurrenten bringt seine Lächerlichkeit nur Vorteile. Er muss sich unausweichlich lächerlich machen, wenn er sich nicht aus eigenem Antrieb von seiner Melancholie befreien kann.

Es sind eben jene höfischen Umgangsformen, die Alceste an den Menschen kritisiert, gegen die er notwendigerweise verstoßen muss. Durch die ständigen Regelbrüche macht er sich lächerlich und wird ausgegrenzt, worauf er seinerseits mit Distanzierung und lautem Protest gegen die Konventionen reagieren muss: ein Teufelskreis, den er bis zum Ende nicht durchbrechen kann. Das Resultat entspricht nicht seinen Plänen: Am Ende trifft nicht er die Entscheidung, sich zurückzuziehen, sondern seine Freunde entziehen sich dem Zugriff seiner störenden Person. Parallel dazu wird auch aus dem zunächst lautstark herbeigesehnten d é sert sein letzter Zufluchtsort: Er hat nicht mehr die Wahl, auszuwandern oder zu bleiben (vgl. Jasinski 1983, S.156).

4.3 Die Lehre der Kardinalsäfte: Alceste als Kranker

Weiter oben wurde bereits der zunächst geplante Untertitel des Misanthrope, L ’ Atrabilaire amoureux, erwähnt. Hinter der Bezeichnung des „Schwarzgalligen“ steht eine einflussreiche medizinische Ideologie mit jahrhundertelanger Tradition; die Rede ist von der Lehre der Kardinalsäfte. Sie wurde von dem griechischen Arzt Galen (129 - 199 n. Chr.) aus einer Vielzahl von bereits vorhandenen medizinischen Erklärungsmustern destilliert. Aus Galens Humoralpathologie entwickelte sich später die Lehre der vier Kardinalsäfte, nach der die Gesundheit und psychische Verfassung des Menschen von dem Gleichgewicht zwischen Schleim, Blut, gelber und schwarzer Galle abhängt. Alle Krankheiten gingen demnach auf ein Missverhältnis der Säfte im menschlichen Körper oder eine Veränderung deren Qualität zurück, die warm, kalt, trocken oder feucht sein konnte. Man leitete davon die Unterteilung der Gemütszustände in die Temperamente (lat. „temperare“ mäßigen) des Sanguinikers, Phlegmatikers, des Cholerikers und Melancholikers ab, die auch heute noch im alltäglichen Sprachgebrauch vorhanden sind (vgl. home.t-online.de/home/uwe.biesen/ galen.htm). Die Lehre der Kardinalsäfte war bis ins 17. Jahrhundert als gültig anerkannt und verlor erst im Zuge der Aufklärung durch neue Erkenntnisse in Chemie und Medizin an Einfluss (vgl. www.josefsklinik.de/script/geschichte.htm).

Im Weltbild der Menschen, vor denen 1665 der Misanthrope aufgeführt wurde, war demnach die Säftelehre noch fest verankert. Der aufbrausende, pessimistische Charakter Alcestes war für sie eindeutig auf ein Ungleichgewicht seiner Säfte zurückzuführen, verursacht durch die schwarze Galle (gr. „melaina chole“), „deren Übermaß ... eine Fülle körperlicher und geistiger Störungen im Gefolge hat“ (Horstmann 1985, S. 14) . Seine Misanthropie entsprach also dem Krankheitsbild eines Melancholikers, sein auffälliges Verhalten wurde als Symptom der Krankheit Melancholie betrachtet (vgl. auch Scheffers 1980, S. 170). Philinte zählt sich selbst zu den Phlegmatikern:

- Mon flegme est philosophe autant que votre bile. » (V. 166)

Phlegma und Galle sind hier nicht als Metaphern zu interpretieren, sondern sie stehen für tatsächliche physiologische Zustände (vgl. Jasinski 1983, S. 129). Der humoralpathologische Hintergrund hat fundamentale Auswirkungen auf die zeitgenössische Rezeption des Alceste: Er ist ein Gefangener seiner Melancholie, kann gar nicht anders, als sich daneben zu benehmen und gegen die biens é ance zu verstoßen. Die Krankheit, kombiniert mit der Lächerlichkeit, hat neben der Unterhaltungsfunktion den Zweck, Molière vor Sanktionen der kritisierten Gruppen zu schützen. Denn die Kritik, die er in Alceste äußert, richtet sich zwar ganz allgemein gegen „les mœurs du siècle“ (Rat, S. 132); doch natürlich geht es ihm besonders um die Moral des Hofes, dessen höchste Instanz und letztlich Schöpfer Ludwig XIV. ist. Um auch nur indirekte und implizite Kritik an seinem mächtigen Schirmherren ausüben zu können, war Molière gezwungen, Alceste eine „Narrenkappe“ aufzusetzen (vgl. Scheffers 1980, S. 178). Es ist also nicht Alcestes subjektives Erleben der Welt als Sündenpfuhl lächerlich, sondern seine „unvernünftige“ Reaktion auf die schlechten Erfahrungen.

Bei der Betrachtung von Alcestes moralischen Idealen fällt eine gewisse Nähe zu Werten ins Auge, die im 18. Jahrhundert in die bürgerliche Schicht Einzug fanden (vgl. ebd., S.185 f.). Die Aufklärung sah daher in Alceste einen Vorkämpfer, der an den verkommenen Moralvorstellungen im Staat des Roi-Soleil tragisch scheitert. Hat Molière seinen Menschenfeind so vorausschauend konzipiert, dass die Aufklärer und ihre Nachfolger mit ihrer Interpretation recht hatten, oder war ihr Blick durch den Zeitgeist getrübt?

4.4 Der Wandel der Rezeption im 18. Jahrhundert

Die Rezeption des Misanthrope im Jahrhundert Molières ist also, wie die eines jeden Werkes, im Kontext einer komplexen Kombination aus soziologischen, politischen und historischen Faktoren zu betrachten. Es ist demnach zu erwarten, dass sich die Interpretation eines Werkes nach einem größeren Einschnitt oder einer weitreichenden Veränderung in einer Gesellschaft verschieben kann. Eben dieses Phänomen ist beim Misanthrope gut zu beobachten, und zwar im Rahmen des Wertewandels, der im Zuge der Aufklärung in Frankreich stattgefunden hat.

Besonders Jean-Jacques Rousseau hat sich mit dem „Misanthrope“ befasst und mit seiner Lettre à Mr. D ’ Alembert die Interpretation nicht nur seiner Zeit nachhaltig beeinflusst. Sein besonderes Interesse an der Figur Alceste mag mit einer gewissen Ähnlichkeit zusammenhängen, Rousseau lebte selbst eher zurückgezogen. Doch die Hauptursache seines Engagements war wohl die Anklage der schlechten Gesellschaftsmoral, die auch er vertrat (vgl. Scheffers 1980, S. 192).

Für Rousseau ist Alceste vor allem nicht lächerlich, sondern ein ernstzunehmender Kritiker seiner Zeit:

- Qu’est-ce donc que le Misantrope de Moliere ? Un homme de bien qui déteste les mœurs de son siècle et la méchanceté de ses Contemporains ; » (Fuchs 1948, S.49)

Auch die Bezeichnung „Misanthrope“ sei nicht gerechtfertigt: wahre Menschenfeindlichkeit sei in Realität monströs, und wenn sie existierte, so gäbe sie weniger Anlass zu Gelächter als zu Abscheu (vgl. ebd.). Alceste sei kein Feind der Menschen, sondern Feind ihrer B ö sartigkeit (vgl. ebd., S. 50). Ihm genügen zwei Tatsachen, um die Ungeheuerlichkeit von Molières Tatbestand zu zeigen:

- … l’une, qu’Alceste … est un homme droit, sincere, estimable, un véritable homme de bien ; l’autre, que l’Auteur lui donne un personnage ridicule. » (ebd., S.48)

Das sei genug, um Molière unentschuldbar zu machen: Er mache sich über die wahre Tugend, von Alceste verkörpert, lustig, gebe sie dem Gelächter des Parterre preis (vgl. ebd., S. 54). Doch damit nicht genug: Molière stellt dem einzigen tugendhaften Charakter in Philinte einen dieser „ehrenwerten“ Männer gegenüber, „dont les maximes ressemblent beaucoup à celles des fripons ; de ces gens si doux, si modérés, qui trouvent toujours que tout va bien, parce qu’ils ont intérêt que rien n’aille mieux“ (ebd., S. 51), und verstärkt durch den Kontrast noch mehr seine Lächerlichkeit (vgl. ebd., S. 52). Und diese unverzeihliche Vorgehensweise nur aus dem niederen Motiv heraus, dem Publikum gefallen zu wollen (vgl. ebd., S. 48).

Für den Theatergegner Rousseau (vgl. Scheffers 1980, S. 193) war der Misanthrope ein gutes Beispiel für den besonders schlechten Einfluss der Komödie; Zumindest legte er das Stück für seine Zwecke passend aus. Wenn auch der Misanthrope aus seiner Sicht „de toutes les Comédies de Molière la meilleure et la plus saine morale“ (Fuchs 1948, S. 59) enthält und auch sonst Molières chef d ’œ uvre repräsentiert (Hausmann 1985, S.43), so ist die darin vermittelte Lehre dennoch schädlich:

- … il leur persuade que, pour être honnête-homme, il suffit de n’être pas un franc scélérat. » (ebd., S. 60)

Molière habe Alceste nicht aus einem Versehen heraus so lächerlich gezeichnet, sondern absichtlich mit dem Ziel des faire rire, und damit den edlen Charakter verfälscht (vgl. ebd., S. 54), der eigentlich anstelle von Philinte zur Nachahmung geeignet sei.

In der „missverständlichen“ Interpretation Rousseaus manifestiert sich ein Problem, das sich bei jeglicher Analyse eines Werkes aus einer anderen Epoche (so schwer zu definieren sie auch ist) stellt: das der Befangenheit des Betrachters am jeweiligen „historischen Ort“ (vgl. Scheffers 1980, S. 198). Rousseau, und mit ihm der Großteil der Aufklärer, konnte nicht anders, als den Misanthrope aus seiner Perspektive zu bewerten, die eine Verurteilung der höfischen Konventionen zwingend erforderte (vgl. ebd.). So musste er Alceste als tragische Figur sehen, die in ihrer moralischen Reinheit und „soif d’absolu“ (Jasinski 1983, S. 143) an dem scheitert, was sie zu verbessern sucht.

5. Zusammenfassung

Ein Blick auf die Masse der Interpretationsversuche, die über die Figur Alceste - und damit über die Zielrichtung des gesamten Misanthrope - angestellt worden sind, macht vor allem eines deutlich: dass Molière mit seinem Menschenfeind einen Charakter entworfen hat, der wie kaum ein anderer Laien und Wissenschaftler polarisiert hat und wohl auch weiterhin polarisieren wird. Jedoch ist klar, dass die „richtige“ Interpretation eine Perspektive möglichst nah an der des Publikums im 17. Jahrhundert voraussetzt. Von dieser war Rousseau offensichtlich weit entfernt. Eine Annäherung an die zeitgenössische Sichtweise, zu der René Jasinski maßgeblich beigetragen hat, wird in der moderneren Molière-Exegese angestrebt. Das Erzielen möglichst großer „Objektivität“ ist aber von essentieller Bedeutung, wie die Geschichte zeigt. Schließlich gab es seit der Entstehung des Misanthrope bereits zwei größere interpretatorische Neuorientierungen: In der Aufklärung als tragischer Vorkämpfer der Tugend und damit als progressiver Charakter gesehen, wandelte er sich ein Jahrhundert später zum konservativen Vertreter bürgerlicher Moralvorstellungen. Für Hartmut Stenzel ein Anzeichen dafür, dass für Molières Konzeption des Alceste die tatsächlichen gesellschaftlichen Umstände weniger bedeutend waren (vgl. Stenzel 1987, S. 202). Wollte er mit dem Menschenfeind also doch einen über die Zeit aktuellen Menschentypus beschreiben? Diese Variante wäre auf jeden Fall unverfänglicher und mehr von Komik geprägt; Alceste dagegen als einen Mann zu zeichnen, der der Gesellschaft den Spiegel hinhält, hätte Molière nur tiefer in die querelle mit seinen einflussreichen Gegnern gebracht. Und damit hätte er genau das erreicht, was er nach der Auseinandersetzung um Tartuffe und Dom Juan vermeiden wollte.

Meines Erachtens spricht daher vieles für eine Betrachtung des Alceste unter dem Aspekt, dass Molière tendenziell einen weniger brisanten Charakter auf die Bühne bringen wollte.

Literaturverzeichnis

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Hausmann, Frank-Rutger (1985): „Melancholie und Misanthropie im 17. und 18.

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Horstmann, Ulrich (1985): Der lange Schatten der Melancholie. Essen, Verlag Die Blaue Eule. 1. Auflage.

Jasinski, René (1983): Moli è re et Le Misanthrope. Paris, Librairie Nizet.

Krauss, Werner (1952): „Molière und das Problem des Verstehens in der Welt des 17. Jahrhunderts“. In: Baader, Renate (Hrsg.) (1980): Moli è re. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 75-101.

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Verarbeitete Internetseiten: home.t-online.de/home/uwe.biesen/galen.htm home.arcor.de/mangobej/medizin.html www.fred-koenig.de/humoralmedizin/humoralmedizin.html www.josefsklinik.de/script/geschichte.htm

[...]


1 Das „désert“ ist nicht buchstäblich als „Wüste“ zu verstehen. Das Furetière-Wörterbuch gibt an: « On le dit encore d’un homme qui aimant la solitude, a fait bâtir quelque jolie maison éloignée du commerce du monde pour s’y retirer. »

2 Wie u.a. zu finden bei Hösle, 1987, S. 210.

3 Die Quelle ist für die Erforschung der Rezeption des „Misanthrope“ von großer Bedeutung, da sie von Molière selbst anstelle eines Vorwortes der Druckausgabe vorangestellt wurde. Es kann also davon ausgegangen werden, dass Molière dem Inhalt des Briefes zustimmte. Zudem ist das Dokument kurz nach der Erstaufführung entstanden und gibt daher einen unmittelbaren Eindruck wieder (vgl. Stenzel 1987, S. 195).

4 Tragische Charaktere zeichnen sich durch eben dieses facettenreiche Portrait aus; ein solches ist notwendig, um in der Tragödie möglichst starke Identifikation des Zuschauers mit der Figur zu erzielen, die in der Komödie nicht im Vordergrund steht.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Molières Misathrope im Wandel - Zur Rezeption der Alceste-Figur im 17. und 18. Jahrhundert
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V106993
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Molières, Misathrope, Wandel, Rezeption, Alceste-Figur, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Simon Martin (Autor), 2002, Molières Misathrope im Wandel - Zur Rezeption der Alceste-Figur im 17. und 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/106993

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