Fontane, Theodor - Der Stechlin - Raum- und Dingsymbolik in Theodor Fontanes Roman


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

12 Seiten, Note: Gut


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Inhalt / Überblick

1. Einleitung

2. Das Symbol bei Fontane

3. Alt und Neu
3.1. Das Haus Stechlin
3.2. Kloster Wutz
3.3. Uhren und Wasser: Der Fluss der Zeit

4. Das Sterben des Alten und "Weiterführen der Tradition"
4.1. Eindringen des Neuen
4.2. Fruchtbarkeitssymbolik

5. Der Aufstieg des vierten Standes
5.1. Pflanzensymbolik und "Symbiose"
5.2. Farbsymbolik: Die Farbe Rot

6. Industrialisierung und Zukunftsvisionen

7. Zusammenfassung

Anmerkungen

Literatur

Einleitung

Der Stechlin ist Theodor Fontanes letzter Roman, mit dessen Niederschrift er 1895 begann. Er schreibt in einem Brief an Adolf Hoffmann, den Direktor des Verlages von „Über Land und Meer“, worin der Stechlin zuerst veröffentlicht wurde, dass es in dem Roman eigentlich keine Handlung gäbe und dass sich „[...] von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen [...]“ nicht findet.1

Es ist also nicht die Handlung, die im Vordergrund steht, sondern etwas anderes. Fontanes Roman unterscheidet sich hierin von anderen Romanen seiner Zeit. Alles, was geschieht, die Aussage des Romans wird den Dialogen der Hauptfiguren entnommen, welche ihre Umgebung, Zeitgeschehen und Einstellung zu den unterschiedlichsten Themen darstellen. Aber nicht nur durch die Gespräche der Charaktere erfährt der Leser etwas über die Hauptpersonen, Zeit, Politik, sondern auch durch eine Vielzahl von Symbolen, welche immer wieder auftauchen und den Szenen somit einen ganz bestimmten Charakter verleihen.

Das Symbol bei Fontane

„In der realistischen Literatur übernimmt das S[ymbol] die Funktion einer Verdichtung und Steigerung inhaltl[icher] Aussagen; es erhöht die Bildkraft von poet[ischen] Werken und unterstützt die künstler[ische] Verallgemeinerung bzw. Verdeutlichung der künstler[ischen] Idee. Für G. Lukács ist die symbol[ische] Gestaltung (S. als Ausdruck einer Besonderheit) ein Wesensmerkmal des künstler[ischen] Realismus überhaupt (Die Eigenart des Ä sthetischen). - In einem poet(ischen) Sinnzusammenhang übernimmt jedes Bild eine symbol[ische] Funktion, ohne in jedem Falle ein S[ymbol] zu sein; die Übergänge zwischen S[ymbol] und künstler[ischen] Bild oder Metapher sind fließend. [...] S[ymbol]e sind daher im Kontext der Rezeption und Kommunikation und deren Bedingungen, d. h. nach dem Grad ihrer Verständlichkeit ästhetisch zu bewerten.“2

Fontanes Symbolik fällt in der Literaturwissenschaft unter den Begriff der „bewussten Symbolik“.3 Das bedeutet, dass durch die Endlichkeit des Inhalts der Symbole in seinen Romanen ein Unterschied zur Allegorie und zum eigentlichen (trad.) Symbol, wie man es aus der Literatur bis dahin kennt, entsteht. Konkret heißt das, dass in den Symbolen des Realismus nicht mehr allgemeingültige Inhalte verdeutlicht werden sollen, sondern dass die Bedeutung des bewussten Symbols durch den Leser selbst und aus seiner individuellen Erfahrung erschlossen werden muss. Die Trennung zwischen Bedeutung und Gestalt, welche für das Symbol Voraussetzung ist, wird in der bewussten Symbolik aufgehoben und die Vermittlung zwischen sinnlicher Erscheinung und geistiger Bedeutung wird nur partiell hergestellt. Fontanes Symbolik ist somit „frei“ in der Verknüpfung ihrer Bildkomplexe. Trotzdem sind „[...]die sinnlichen Substrate ihrer Symbole [...] nirgends der Natur zuwider >erdichtet<.“4 „Die Bilder der bewussten Symbolik sind Zeichen, die auf das Gemeinte verweisen, es aber nicht sind.“5

Ob man ein Bild, welches im Roman vorkommt jetzt als Symbol für einen bestimmten Inhalt ansieht, oder nicht, bleibt somit oft dem Leser überlassen. Wofür man es als Symbol ansieht, ist ebenso Angelegenheit der Erfahrung und des Gespürs des Lesers. Man kann dem kleinsten Detail Bedeutung zukommen lassen, es schadet dem Verständnis der Handlung aber auch nicht, wenn man über einige „Kleinigkeiten“ hinwegsieht. Fontane selbst hat kein Objekt beliebig eingefügt. Für ihn hat alles eine Bedeutung. Er überlässt es aber dem Einzelnen zu entscheiden, ob es wichtig ist und wie weit man in der Interpretation gehen will. Dies wird selbst in den Dialogen des „Stechlins“ deutlich, vor allem in den Diskussionen zwischen Adelheid und Dubslav. Die beiden alten Leute sehen in vielen Dingen „Zeichen der Zeit“6, nur dass Adelheid in vielem mehr sieht, als der Rest ihrer Zeitgenossen. Dubslav fasst Fontanes Einstellung zur Symbolik passend in einem Satz zusammen: „Ein Zeichen ist alles. Wovon sind sie ein Zeichen? Darauf kommt es an.“7

Und welche Art von „Zeichen“ (Symbolen) vorkommen und in welcher Weise sie gedeutet werden können, soll im Folgenden näher betrachtet werden.

Alt und Neu

Thematisiert wird zum ersten vor allem das Nebeneinander und gleichzeitige Gegeneinander von Alt und Neu. Am deutlichsten wird dieser Konflikt in der Beziehung Dubslavs zu Adelheid und in der Darstellung Schloss Stechlins und Kloster Wutz. Beide Räume sind gegenüber Berlin, oder noch krasser: gegenüber England, weit hinter der Zeit zurück. Trotzdem wirkt Schloss Stechlin verglichen mit Kloster Wutz geradezu modern.

Das Haus Stechlin

Beide Gebäude waren während des 30 Jährigen Krieges zerstört worden. Schloss Stechlin8 war einmal ein „wirkliches Schloss, ein Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher Zeit her auch noch der Graben stammt [...].“9 Als es dann zerstört wurde, überließ man es erst seinem Verfall, doch kurz nach Regierungsantritt Friedrich Wilhelm I. wurden die Trümmer beseitigt und ein Neubau errichtet. Der „Soldatenkönig“ bestieg 1713 den Thron, somit ist das einfache „Corps de logis“ zur Zeit Dubslavs schon fast 200 Jahre alt.

Alterserscheinungen sind auch schon zu erkennen: von der Rampe, welche sich vor dem Haus hinzieht, fällt der Kalk „ schon wieder “ ab, was beinhaltet, dass die Wände schon des Öfteren renoviert wurden, aber wohl nicht dauerhaft genug.10 Dieses Haus spiegelt den Charakter Dubslavs wieder. Auch er gehört zu den pflichtbewussten Adligen, wie Friedrich Wilhelm I. sie wollte. Das zeigt sich in seiner Einwilligung, sich als Kandidat der Konservativen zur Wahl zu stellen, obwohl er eigentlich gar kein Interesse an Politik hat. Ansonsten hat er mit dem alten König wenig gemeinsam, denn er ist sehr menschenfreundlich, auch den unteren Ständen gegenüber. Er ist auch kein großer Befürworter von Militär und Kriegen,11 Barby gegenüber kritisiert er Friedrich den Großen sogar offen.12 Dubslavs Werte sind aber bereits überaltet. Er gehört zu den letzten, die sie verkörpern, zu den letzten „märkischen Junkern“ der alten Art. Noch existieren Werte, wie er sie vertritt, jedoch schwinden sie, wie man in dem Bild vom abbröckelnden Kalk schön sehen kann.

Kloster Wutz

Adelheid verkörpert dagegen Werte, die lange nicht mehr gelten. Sie hält starr an Moralvorstellungen fest, die seit - teilweise -Jahrhunderten überholt sind. Verkörpert Dubslav das Alte, so verkörpert Adelheid das Uralte. Schloss Stechlin wurde vor Jahren neu errichtet, Dubslav lebt auf relativ alten Fundamenten, Adelheids Kloster, welches zur gleichen Zeit zerstört wurde wie das Schloss, wurde nie neu errichtet. Die Klosterfrauen leben auf einem Trümmerfeld und „hausen“ in den Ruinen des alten Klosters.13 Das ist ein Symbol für ihre Werte und für ihre Einstellung der Gegenwart gegenüber. Sie sind überholt, schlimmer, sie haben keine Basis mehr, sie bestehen nur noch aus Trümmern eines alten Systems. Auch bei den Klosterfrauen zeigen bereits arge Verschleißerscheinungen.14 Wenn sie sterben stirbt auch das Kloster, obwohl sie jetzt schon den Anschein erwecken, es handle sich um Fossilien. Adelheid als Domina steht den anderen an Konservatismus und Altmodischkeit noch um einiges voran. Ihre Wertvorstellungen und Äußerungen steigern sich an einigen Stellen des Romans ins Groteske. Zum Beispiel in einem Gespräch mit ihrem Bruder über Gräfin Melusine.15

Uhren und Wasser: Der Fluss der Zeit

Die Raumsymbole Haus Stechlin und Kloster Wutz, welche symbolisch für das Alte gegen das Neue (Berlin/England) stehen, werden durch einige, mehrdeutige Dingsymbole ergänzt. An dieser Stelle werde ich zum Beispiel die Uhren anzuführen, welche in beiden Räumen zu finden sind. In Haus Stechlin steht eine Rokoko-Uhr. Diese ziert ein Zeitgott in der Gestalt eines „Hippenmanns“.16 Das ist auf der einen Seite ein Hinweis auf das Sterben Dubslavs, des Alten, auf der anderen Seite lege ich an dieser Stelle das Gewicht auf die Epoche, aus der die Uhr stammt: Rokoko. Sie ist also schon älter, keine moderne Uhr. Allerdings ist sie noch funktionstüchtig und zeigt die korrekte Zeit an. Sie stimmt noch mit der Gegenwart überein, Dubslav lebt zeitgemäß.

Anders ist es mit der Klosteruhr in Wutz. Diese geht 5 Minuten nach. Laut Czako gehen alle Klosteruhren 5 Minuten nach, hier hat es aber eine symbolische Bedeutung und stützt die Deutung des verfallenen Klosters, dass es in der Zeit zurückliegt, dass man dort nicht mehr zeitgemäß lebt. Man lebt nicht in der Gegenwart, man liegt „5 Minuten“ zurück.17 Der „Fluss der Zeit“ kann im Kloster Wutz nicht fließen, wie an den restlichen Handlungsorten. Alle anderen Orte sind am Wasser gelegen: Haus Stechlin liegt am Stechlinsee, das moderne Stadthaus der Barbys am Kronprinzenufer an der Spree, dies ist eine Steigerung der Gegenwartsbezogenheit, denn während der Stechlinsee sich nur hin und wieder bewegt, bei „großen Ereignissen“ oder bei Wind, fließt die Spree immer, ist ständig „im Fluss“. In Kloster Wutz jedoch gibt es gar keine Bewegung. Es ist nicht am Wasser gelegen und somit vom „Fluss der Zeit“ abgeschnitten, bleibt hinter dem Rest der Welt zurück.18

Das Sterben des Alten und „Weiterführen der Tradition“

Fontane ging es nicht nur darum, zu zeigen, wie sich das Neue gegen das Alte stellt und dass diese beiden Gegensätze unvereinbar sind. Er beschreibt vielmehr den Prozess, wie das Alte immer mehr schwindet, Verbildlicht im Sterben Dubslavs, und das Neue immer stärker in den alten Raum eindringt, Leben mitbringt und Veränderungen bewirkt. Das Neue hält Einzug in das Haus Stechlin, aber auch in die Gesellschaft des ausgehenden 19. Jhd. In diesem Kapitel werde ich mich daher mit der Familie Stechlin befassen, im darauffolgenden betrachte ich den Aufstieg des Vierten Standes etwas näher.

Eindringen des Neuen

Dass das Alte in Haus Stechlin keinen Bestand haben wird und Veränderungen schon „unterwegs“ sind, kann man an der Szene erkennen, in der Woldemar seinen Besuch in Stechlin per Telegramm ankündigt.

Zwar sollte sein Besuch ja eigentlich ein Grund zur Freude für seinen Vater sein, so recht scheint der sich aber nicht darüber zu freuen. Ebenso steht es mit Adelheid, der Woldemar seinen Besuch ebenfalls per Telegramm ankündigt. Keiner von beiden, weder Dubslav noch Adelheid, äußern sich negativ über Woldemars baldiges Eintreffen, sie äußern sich jedoch negativ über das Telegramm als Verschlechterung gegenüber Dingen der Vergangenheit oder nutzen das Telegramm als Anlass über andere moderne Errungenschaften zu klagen. Dubslav sieht das Telegramm als Verlust der Höflichkeitsformen, da es sich durch Kürze und Unverbindlichkeit auszeichnet. Für ihn liegt im Telegrammstil ein Mangel an Respekt. In Wahrheit scheint er aber nicht in der Lage sein, den neuen kurzen Stil richtig zu lesen und zu interpretieren. Im Hause Barby trifft während Woldemars Englandreise auch ein Telegramm ein, in dem Woldemar weniger Persönliches schreibt, als dass er eine Reihe von Orten aneinander reiht, die Auskunft über seine Eindrücke und sein Befinden geben sollen. Barby wertet Woldemars Telegramm als „ein sehr gutes Telegramm, weil ein richtiges Telegramm“.19

In beiden Situationen geht das Telegramm Woldemars Ankunft voraus. Nachdem Dubslav das Telegramm erhalten hat, sind es nur noch wenige Stunden bis zum Eintreffen des Sohnes, die Barbys erhalten das Telegramm drei Tage vor Woldemars Rückkehr. In beide Familien wird Woldemar „Einkehr“ halten, d.h. er wird später auf Schloss Stechlin Einzug halten, in die Barbysche Familie einheiraten. Dadurch wird eine neue Zeit anbrechen. Herr von Barby akzeptiert die Veränderungen und passt sich an. Dubslav jedoch macht diesen Schritt nicht mit. Noch weniger Adelheid. Sie weigert sich sogar, die Bezeichnungen für die neuen Dinge zu verwenden, kann sie angeblich nicht aussprechen.

Damit der Fortschritt auch auf Stechlin Einzug halten kann, und somit in die Familie, müssen die alten, starren Elemente weichen. Veränderungen zum Neuen hin während das Alte dort noch existiert ist nicht möglich.

Somit ist der Tod Dubslavs am Ende des Romans vorprogrammiert. Das wird, wie schon früher erwähnt, durch das Symbol des Todes in Form des Hippenmanns auf der Rokoko-Uhr angedeutet. Die Frage stellt sich: vermögen Woldemar und Armgard wirklich, den Fortbestand der Stechline zu sichern und die Tradition fortzuführen? Die Antwort muss ja sein, denn es gibt eine Stelle, die verdeutlicht, dass der Tod nicht gewonnen hat. Als nämlich die Brautleute bei ihrem Weihnachtsbesuch auf Stechlin in die große Halle treten, schlägt die Uhr und der Hippenmann schaut „wie verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste“.20 Eine neue Stunde schlägt, eine neue „Zeit“ beginnt und der Lebenszyklus wird weitergehen.

Fruchtbarkeitssymbolik

Dass Armgard und Woldemar Kinder haben werden, ist nicht nur wegen der Jugend der Braut wahrscheinlich, es kommen bestimmte Singsymbole vor, welche man, will man sie sinnvoll interpretieren, nur als „Fruchtbarkeitssymbole“ bezeichnen kann. Sie sind so ungewöhnlich und fallen so sehr ins Auge, dass eine derartige Deutung auf der Hand liegt. Das deutlichere von den kleinen Symbolen ist der mächtige Mistelzweig, der bei der Ankunft der jungen Leute am Weihnachtstag in der Halle hängt.21 Er ist ein Zeichen vom Untergang des Alten und von der Erneuerung, die danach bevorsteht. Die Tradition, sich zur Wintersonnenwende (im christlichen Glauben: Weihnachten) einen Mistelzweig ins Haus zu hängen, leitet sich aus der nordisch-germanischen Mythologie ab.22 Mistelzweige dienen zudem dem Schutz vor bösen Geistern, wenn sich zwei Liebende unter dem Mistelzweig küssen, so soll es ihnen Glück und reiche Nachkommenschaft bringen. Im Norden Deutschlands findet man den Brauch auch heute noch, dass er in der Grafschaft Ruppin verbreitet war, ist wahrscheinlich, da er in diesem Roman erwähnt wird. Fontane kannte den Brauch mit dem Mistelzweig auf jeden Fall aus England. Durch den Mistelzweig in der Halle des Hauses Stechlin, soll die Familie Stechlin, Armgards und Woldemars, mit Fruchtbarkeit gesegnet werden.

Ein eher ungewöhnliches Symbol für Fruchtbarkeit sehe ich in der Porzellanpuppe, welche in dem Zimmer steht, in dem erst Czako und Rex übernachten, dann Armgard und Melusine. Die erste Szene ist dabei wichtig, weil in ihr diese “Meißner Figur“ beschrieben wird: „ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend“.23 Es ist also eine weibliche Figur, die etwas Frivoles an sich hat.

Sie steht in dem Zimmer, das eigentlich Melusine zugedacht ist. Melusine und das Püppchen haben einiges gemeinsam. Nicht, dass Melusine so offen mit ihren Reizen spielt. Sie weiß jedoch sehr gut, wie sie diese einzusetzen hat und spielt mit den Männern. Sie ist eine „Femme fatale“ und setzt auf ihre Sexualität.

Melusine tauscht mit ihrer stillen und um einiges unscheinbareren Schwester das Zimmer.24 Sie tauschen die Positionen. Armgard wird in dem Zimmer mit dem Symbol für Verführung und weiblicher Sexualität schlafen, dem Zimmer mit dieser Puppe, Melusine wir in dem schlichteren und kleineren Zimmer schlafen. An dieser Stelle wird Armgard sozusagen zum ersten Mal in die Rolle der erwachsenen Frau gedrängt, welche ihren Teil zur Weiterführung der Tradition einbringen muss: ihre Sexualität, Sinnlichkeit, Weiblichkeit. Es reicht nicht aus, nur die pflichtbewusste und keusche Partnerin zu sein. Melusine, die schon einmal verheiratet war und zudem das Elementare und Natürliche verkörpert, weiß das.

Doch so ganz fügt sich Armgard nicht. Sie geht nicht so weit, wie Melusine es erwarten würde. Sie findet die Puppe „sonderbar“, fürchtet sich in der fremden Umgebung und bittet um die Bibel, welche auf dem Regal unter der Puppe liegt.25 Die Bibel ist die „Moral“, das, was den Menschen Regeln für das Zusammenleben gibt. Armgard gibt sich nicht ganz der Natur hin, sondern bewahrt noch ein gewisses Maß an Zurückhaltung und menschlicher Kontrolle.26 Indem sie Woldemars Frau wird, gelangt ein Stück menschlicher Einfluss in die natürliche Gegend um den Stechlin zurück. Es geschieht etwas, verändert sich etwas durch menschliches Handeln, wo vorher Passivität, Resignation und Stillstand war.

Der Aufstieg des vierten Standes

Im Stechlin ist nicht nur ein Wechsel zwischen den Generationen nachzuvollziehen, auch zwischen den Ständen verändert sich das Gleichgewicht. Der Adel, welcher bis dahin der herrschende Stand war, verliert mehr und mehr an Einfluss. Er ist verarmt, wie man an Dubslav gut sehen kann. Er muss sich Geld borgen, damit er sein „Schloss“ in Stand halten kann. Auch bezeichnet er sein „Schloss“ schon lange nicht mehr so, sondern eher als „Haus“, was ein weiteres Zeichen für die „Verweltlichung“ des Adels ist. Sie passen sich immer mehr dem Lebensstandard der „normalen“ Bürger an. Das Gewöhnliche and Gemeine dringt in den höheren und exklusiveren Lebensbereich ein.

Dass der vierte Stand eine größere Rolle spielt, als früher, an Einfluss gewinnt, sieht man am Ausgang der Wahl im 19. Kapitel. Die Sozialisten gewinnen mit großen Vorsprung gegenüber den konservativen adligen Kandidaten. Hier könnte man fast sagen, „Rot“ verdrängt „Schwarz“.

Deswegen werde ich diesen Punkt in zwei Abschnitte gliedern. Den ersteren Aspekt, in welchem der Adel den stärker werden Einfluss des „Gemeinen“, Einfachen zu spüren bekommt, werde ich an der Symbolik der Pflanzen erläutern, welche im Roman an mehreren Stellen vorkommt, den zweiten Aspekt unter der Überschrift „Farbsymbolik“, wo ich die Bedeutung der Farbe „Rot“ und die mit ihr verbundenen Dinge näher betrachten werde.

5.1. Pflanzensymbolik und „Symbiose“

Dass der Adel nicht bloß den stärker werdenden Einfluss des vierten Standes dulden muss, sondern sogar von diesen Menschen abhängig ist, sieht man in dem Bild der kranken Aloe und dem Wasserliesch, welches ganz zu Anfang des Romans beschrieben wird. Dubslav versucht, die Rampe vor seinem Haus, welche schon vom Verfall gezeichnet ist, mit Hilfe mehrerer exotischer Pflanzen „zu etwas Besonderen“ zu machen.27 Aloes stammen aus dem Mittelmeerraum und sind in unseren Breiten nur als seltene Importpflanzen anzutreffen, bei Leuten die sich diesen Luxus leisten können. Sie stellen hier ein Symbol für den Adel dar, der sich ja auch als etwas Besonderes sah, eine seltenere „Gattung“ Mensch, etwas Besseres. Die Lieblingsaloe Dubslav ist eine kranke Pflanze, welche in absehbarer Zeit ganz absterben wird. Sie ist, wie Dubslav in dem Roman, dem Tode geweiht.

In den Kübel dieser kranken Aloe ist ein Samenkorn des Wasserlieschs gefallen, welcher aus dem nahegelegenen Burggraben stammt. Er ist eine gemeine Pflanze, die man in allen Feuchtgebieten vorfinden kann. Somit steht sie symbolisch für den vierten Stand. Die Aloe steht nur noch mit Hilfe des Wasserlieschs in Blüte, lebt praktisch in „Symbiose“ mit dem Wasserliesch. Sie selber blüht nicht mehr, bedarf dieser Pracht der Hilfe des einfachen „Unkrauts“. Genauso geht es Dubslav am Ende seines Lebens. Er ist bereits von Krankheit gezeichnet. Mit Hilfe der Buschen und ihrer Enkeltochter Agnes, beide Angehörige des mit weißen Lilien (siehe Stechlin, S. 19). Lilien sind das Symbol für Reinheit und dieses Sofa steht in de Zimmer, das Armgard zugedacht war. Armgard ist also die „Reine“. vierten Standes, verläuft sein Lebensende erträglich. Die Medikamente und Besuche seiner Bekannten und Standesangehörigen verschaffen seinem Leiden keine Linderung.28 Auch in Kloster Wutz vermischen sich zwei Pflanzen. Im Klostergarten bildet ein Holunderstrauch zusammen mit Ebereschensträuchern eine Laube.29 Holunder ist eine alte Heilpflanze und wird in vielen Klostergärten - vielmehr in den meisten - kultiviert. Ebereschen sind dagegen Pflanzen, die überall wild wachsen - nichts Besonderes. Diese beiden Sträucherarten sind hier miteinander verwoben und bilden so ein Dach, ergänzen sich gegenseitig. Sogar in Kloster Wutz ist der Einfluss des vierten Standes nicht aufzuhalten und wird zunehmen.

5.2. Farbsymbolik: Die Farbe Rot

Die Deutung der Pflanzensymbolik ist jedoch unvollständig, vernachlässigt man die Farbsymbolik. In beiden Fällen nämlich zeichnet sich die einfachere und gemeinere der beiden Pflanzen dadurch aus, dass sie entweder rote Blüten hat (der Wasserliesch) oder rote Beeren (die Eberesche), welche den „edleren“ Pflanzen als zusätzlichen Schmuck dienen.30 Die Farbe Rot wird oft als Farbe der Revolution interpretiert, z.b. bei Andreas Amberg „Zur Revolutionsfarbe ‚rot’ im Roman sei nur folgendes Paradigma des Aszendenten erwähnt: roter Hahn, rote Dächer von Globsow, rote Strümpfe des Arbeiterkindes Agnes, rote Sozialdemokratie, rote Flicken an schwarz-weißer Preußenfahne, schließlich - und hier deszendent - das Abendrot, Zeichen für Dubslavs Lebensabend, den Untergang einer adligen Ära.“31.

Im Stechlin gibt es jedoch keinen Grund, revolutionäre Tendenzen mit der Farbe Rot zu verbinden. Zwar kommt diese Farbe auch in Verbindung mit politischen Hintergründen vor, zum Beispiel am Anfang des Romans, wo Engelke versucht, die preußische Fahne durch Anbringen eines roten Streifens in die Fahne des deutschen Reiches umzuwandeln,32 oder in der Krawatte des Arztes Moscheles, welcher laut Dubslav „nach Sozialdemokratie schmeckt“33 Im ersten Fall versucht hier Engelke, mit der Zeit zu gehen und sich den neuen Umständen anzupassen, stößt aber auf den Widerstand Dubslavs, im zweiten Fall drückt Dubslav mit seinem Hinweis auf die Sozialdemokratie seine Abneigung gegen den neuen und jüngeren Arzt aus. Dubslav mag keine Veränderungen. In den anderen Fällen ist sie eher ein Zeichen für den Umbruch - was nicht unbedingt negativ ist, oder für Leben. Die Argumente für die Farbe „rot“ als Farbe der Revolution lassen sich leicht widerlegen. Am besten am Beispiel des „roten Hahns“, durch den der Stechlin-See in den Ruf eines Revolutionärs gekommen ist. Zwar steigt der rote Hahn immer dann auf, wenn es irgendwo auf der Welt „rumort“, er k ü ndet aber eher von Veränderungen, als dass er sie forciert. Neuhaus lehnt den Interpretationsansatz - der rote Hahn als Symbol der Revolution - schon deswegen ab, weil Fontane hier ein Motiv aus der Volksmythologie der Gegend verwendet hat, in der die Farbe bereits verwendet wird.34 Der „rote Hahn“ ist also lange vor den Zeiten des Umbruchs entstanden, welche im Roman geschildert werden.

Auch die anderen „roten“ Symbole können schwerlich als Zeichen revolutionärer Tendenzen interpretiert werden. Zum Beispiel Agnes rote Strümpfe, über die sich Adelheid so aufregt, und die ihrer Meinung nach „ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit“35 sind. Sie spielt damit auf die uneheliche Geburt des Kindes an und das unmoralische Leben der Mutter. Parallelen zwischen den roten Beinen Agnes und Storchenbeinen werden auch des öfteren gezogen, womit dem Kind eine ähnliche „Karriere“ wie ihrer Mutter prophezeit wird. Eric Miller sieht die Farbe „rot“ eher als Lebensprinzip, als Zeichen der Vitalität.36 Agnes bringt Dubslav in seinen letzten Tagen Freude, bringt Leben in das Haus zurück. Die Aloe blüht und versprüht den Anschein von Leben und Gesundheit durch die roten Blüten des Wasserlieschs, das konservative Schwarz, welches durch die dunklen Holunderbeeren verbildlicht wird, wird durch die leuchtenden roten Ebereschenbeeren ergänzt, verschönert.

6. Industrialisierung und Zukunftsvisionen

Ein Symbol, das man zumindest kurz erwähnen muss, welches sowohl in den Bereich der Raum- als auch in den Bereich der Dingsymbolik fällt, ist das der „grünen Glashütte“37, wo Retorten aus grünem Glas hergestellt werden. Im Bild der Glashütte wird die Idylle, welche bisher aufrecht erhalten wurde, zerstört. Hier sieht man, dass Stechlin und Globsow nicht das „Paradies“ sind, wo alle Menschen in Frieden und Harmonie miteinander leben, wo die Welt noch in Ordnung ist und die alten Werte gelten. Hier löst sich das Bild auf, welches in den ersten Kapiteln des Romans geschaffen wurde: „ ‚Die grüne [Glashütte]? Das klingt ja beinah wie aus `nem Märchen.’ ‚Ist aber eher das Gegenteil davon.[...]"’“38

Zum einen stehen die Gasbläsereien für die Industrialisierung, welche nicht mehr aufzuhalten ist und welche anorganische Technik in den natürlichen organischen Raum um den Stechlin- See bringt. Die Natur wird dadurch gestört und verliert das Gleichgewicht. Aber nicht nur die Natur gerät aus dem Gleichgewicht, auch das soziale Gefüge der Menschen, welches bisher ein Zusammenleben der Leute gewährleistete, wo es allen gut ging, gerät durcheinander. Zum anderen werden in Anbetracht der Fabriken und der Massenproduktion auch Probleme vorhergesehen, welche die „alte Welt“ noch mehr aus den Fugen bringen wird. Durch Fabrikarbeit und die Billiglöhne wird sich eine neue Schicht herausbilden, die noch unter dem jetzigen vierten Stand stehen wird. Das soziale Ungleichgewicht wird zunehmen, es wird dadurch zu „wirklichen“ (= gewaltsamen) Revolutionen kommen. Dubslav erkennt das, sieht die „große Generalweltanbrennung“39 schon anbrechen. Er unterstützt deswegen auch die „Neulandtheorie“, weil er weiß, dass das jetzige System, in dem der Adel noch herrscht, nicht mehr zu halten ist und deswegen mit diesem „Kompromiss“ Schlimmeres verhindert werden kann, die Verarmung ganzer Massen.40

Ist Kloster Wutz der Ort, wo das Uralte noch besteht, Haus Stechlin ein Ort, wo man noch nach alten Werten lebt, so ist die Globsower Glashütte und die Arbeitersiedlung mit ihren roten Dächern (wieder die Symbolfarbe „rot“ als Zeichen des Neuen) ein Hinweis auf die Zukunft, ein Ort der Visionen dessen, was kommen wird.

Glaskugeln, die in der Globsower Glashütte hergestellt werden, findet man sowohl im Garten von Stechlin, als auch in Kloster Wutz. Das Moderne dringt damit auch in diese Bereiche ein. Beide Orte sind schon von starken und fortschreitendem Verfall gekennzeichnet bzw. liegen schon in Trümmern. Sie werden, wenn sie sich nicht anpassen können, bald ganz verschwinden und dem Modernen Platz machen.

7. Zusammenfassung

Obwohl „Der Stechlin“ über keine wirkliche Handlung verfügt, d.h. es geschieht nicht viel im Verlauf des Romans, passiert auf der Symbolebene eine ganze Menge. Symbole verknüpfen Szenen miteinander und rücken sie somit in ein neues Licht, zum Beispiel die Szenen, in denen erst Czako und Rex, dann Armgard und Melusine in den Gästezimmern übernachten und sich die Gespräche in beiden Fällen zumindest teilweise um gleiche Themen drehen, z.b. um die Porzellan-Puppe.

Es werden Bögen gespannt zwischen Elementen des Romans, in denen ähnliche Objekte vorkommen, welche in gleicher Art und Weise dargestellt werden. Beispiele hierfür sind die Pflanzen, bei denen sich jeweils eine gewöhnliche mit einer besonderen Pflanze verbindet. Auch wird eine Verbindung zwischen Elementen hergestellt, indem ihnen dieselben Eigenschaften zugeordnet werden, wie wir es zum Beispiel in der Farbsymbolik vorfinden (roter Hahn, rote Dächer, rote Strümpfe, etc.). Kontraste werden verdeutlicht, indem man Objekte miteinander parallelisiert und dadurch auf die Unterschiede zwischen ihnen hinweist, z.b. Kloster Wutz gegen Haus Stechlin.

Das sind die Methoden, durch welche die Symbole dargestellt werden. Dadurch ist aber auch das Problem deutlich geworden, welches damit zusammen hängt. All diese Elemente fallen in die Kategorie der „bewussten Symbole“ des Realismus. Sie sind nicht allgemeingültig und haben keine fest zugewiesene Bedeutung. Sie werden aus dem Kontext heraus interpretiert, soweit der Leser sie als Symbole erkennt.

Diese Unverbindlichkeit macht es fast unmöglich, manche der Symbole einem festen Bereich zuzuordnen. Sie sind vielseitig interpretierbar. Wie man sehr gut an der Diskussion erkennen kann, die sich um die Deutung des „roten Hahns“ als Revolutionssymbol entwickelt hat, streiten sich auch die Wissenschaftler, in welche Richtung man tendieren sollte. Oft sind mehrere Ansätze möglich und auch plausibel erklärbar.

In meiner Erörterung der Punkte habe ich mich letztendlich für eine Deutungsmöglichkeit entschieden, weil sie mir dem Kontext nach und meinem Gefühl und Hintergrundwissen her sinnvoll erschien. Dabei habe ich aber nicht aus den Augen verloren, dass auch die andere Seite, welche in der Sekundärliteratur erwähnt wurde, nicht unbedingt abwegig sein muss.

Eine eindeutige Interpretation ist nicht möglich und sicherlich auch nicht in der Absicht des Autors. Deswegen ende ich ende hier mit Fontane:

„Ein Zeichen ist alles“.

Die Frage ist nur, wofür? - Und wie man es begründet.

Literatur

Theodor Fontane: Der Stechlin. Roman, Mit einem Nachwort von Hugo Aust. Stuttgart 1978 (= Reclams Universal Bibliothek Nr. 9910)

Andreas Amberg: Poetik des Wassers. Theodor Fontanes „Stechlin“: Zur protagonistischen Funktion des See-Symbols. In: ZfdPh. 115. Band. Viertes Heft. 1996. S. 481-559.

G. K. Lehmann: Symbol. In: Wörterbuch der Literaturwissenschaft. Hrsg. von Claus Träger. Leipzig 1986

Eric Miller: Die roten Fäden des roten Hahns. Zu einem Motivkomplex im Stechlin. In: Fontane Blätter. Heft 67. 1999. S. 91-105

Stefan Neuhaus: Still ruht der See. Revolutionäre Symbolik und evolutionärer Wandel in Theodor Fontanes Roman Der Stechlin. In: Fontane Blätter. Heft 57. 1994. S. 48-77.

Helmuth Nürnberger: Fontane. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1968.

Hubert Ohl: Bild und Wirklichkeit. Studien zur Romankunst Raabes und Fontanes. Heidelberg 1968.

[...]


1 Zitiert nach: Helmuth Nürnberger: Fontane. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1968. (Künftig zitiert: N ü rnberger) S. 157.

2 G. K. Lehmann: Symbol. In: Wörterbuch der Literaturwissenschaft. Hrsg. von Claus Träger. Leipzig 1986. S. 504.

3 Vgl. Hubert Ohl: Bild und Wirklichkeit. Studien zur Romankunst Raabes und Fontanes. Heidelberg 1968. (künftig zitiert: Ohl). S. 242 ff.

4 Ohl, S. 243. Ebenso fasst der vorangehende Abschnitt dieses Punktes die wesentlichen Aussagen des Kapitels „Symbolik und Endlichkeit“ zusammen.

5 Ohl, S. 243.

6 Lieblingsausspruch des Dubslav von Stechlin, der an verschiedenen Stellen vorkommt, u.a. in: Theodor Fontane: Der Stechlin. Roman, Mit einem Nachwort von Hugo Aust. Stuttgart 1978 (= Reclams Universal Bibliothek Nr. 9910). (Künftig zitiert: Stechlin). S.26.

7 Stechlin, S. 415.

8 Ich werde dazu übergehen, wie Dubslav „ Haus Stechlin“ zu sagen.

9 Stechlin, S. 4.

10 Stechlin, S. 5. (Hervorhebung von mir: D.N.)

11 „Seine Jahre bei den Kürassieren waren im Wesentlichen Friedensjahre gewesen; nur anno vierundsechzig war er mit in Schleswig, aber auch hier, ohne ‚zur Aktion’ zu kommen. ‚Es kommt für einen Märkischen nur darauf an, überhaupt mit dabei gewesen zu sein; das andre steht in Gottes Hand.’“ Stechlin, S. 7.

12 „Ja, der alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch genug stellen; nur ein einem Punkte find ich trotzdem, dass wir eine falsche Position ihm gegenüber einnehmen, gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns wie wir immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. Er war für sich und das Land oder, wie er zu sagen liebte, >für den Staat<. Aber dass wir als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten, das ist eine Einbildung.“ Stechlin, S. 359.

13 „Das meiste, was sie sahen, waren wirr durcheinandergeworfene, von Baum und Strauch überwachsene Trümmermassen. [...] In der Tat, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, seltsamlich genug, die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren, zunächst die größere der Domina, daneben die kleineren der vier Stiftsdamen, alles an der vorderen Langseite hin.“ Stechlin, S. 88/89.

Stefan Neuhaus interpretiert sowohl diesen Aspekt als auch den der nachgehenden Klosteruhr (siehe Punkt 2.3.) in gleicher Weise in seinem Aufsatz. Stefan Neuhaus: Still ruht der See. Revolutionäre Symbolik und evolutionärer Wandel in Theodor Fontanes Roman Der Stechlin. In: Fontane Blätter. Heft 57. 1994. S. 48-77. (Künftig zitiert: Neuhaus) S. 61 ff. „Adelheid ist die Vertreterin des Uralten, Dubslav des Alten. Woldemar und Armgard verkörpern das Zeitgemäße, Neue und Agnes steht für die noch unbekannte Zukunft.“ Neuhaus, S. 62.

14 Eine ist stocktaub, eine zittrig, eine dumm und die letzte ist nicht ganz ernst zu nehmen. Vgl. Stechlin, S. 110.

15 Stechlin, S. 332/333: Zum Beispiel in der Diskussion über Frauen und das Rauchen, wo Adelheid Rauchen als männlich hinstellt, wogegen Dubslav ihr vorhält, dass sie schlachtet. Die Komik kommt in einem Wortwechsel besonders gut zum Vorschein: Dubslav sagt: „ ‚[...] Ich gelte schon für leidlich altmodisch, aber du, du bist ja geradezu petrefakt.’ [daraufhin sie] ‚Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, dass es etwas ist, dessen du dich nicht zu schämen hast. Es klingt sonderbar genug. Aber ich weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiss auch (und hast so deine Vorstellung dabei) den Namen Melusine.’“ Adelheid interpretiert die Situationen stets auf ihre Weise und treibt ihre Unterstellungen dabei meistens auf die Spitze. Hier ist es Melusine gegenüber, an späterer Stelle gibt es eine ähnliche Diskussion, in der es um Agnes und ihre roten Strümpfe geht.

16 Die Uhr wird zum ersten Mal im Stechlin auf S. 9 erwähnt, taucht aber in der folgenden Handlung immer wieder auf.

17 Siehe Stechlin, S. 87.

18 Die gleiche Deutung der Wassersymbolik findet man an folgender Stelle: „Im Bannkreis von ‚Kloster Wutz’ gibt es, einzigartig in den neun Romanteilen, kein Wasser, sondern ausschließlich sein Gegenteil: starres Mauerwerk, ‚Trümmermassen’ (79), Verfall statt Aufstieg, Trennung statt Verbindung, ‚märkische Enge’ (82) statt Offenheit, Adelheid statt Dubslav. [...] Der Neue wird am Wasser bauen. So erreicht die Wassersymbolik doch noch Kloster Wutz, auf dem Umweg des vierten Stands, wenn die Domina sagt: ‚Unser Klostergarten ist eigentlich das Beste, was wir hier haben. Nur der unseres Rentmeisters ist noch gepflegter und größer und liegt auch am See.’ (83f.).“ Andreas Amberg: Poetik des Wassers. Theodor Fontanes „Stechlin“: Zur protagonistischen Funktion des See-Symbols. In: ZfdPh. 115. Band. Viertes Heft. 1996. S. 481-559. (künftig zitiert: Amberg). S. 553. Zum Eindringen des Neuen in die „alten Räume“ in Gestalt des Vierten Stands siehe Punkt 5 „Der Aufstieg des Vierten Standes“, wo ich näher auf die Symbole eingehen werde, welche den verstärkten Einfluss der unteren „Klasse“ verdeutlichen.

19 Stechlin, S. 274.

20 Stechlin, S. 295.

21 Stechlin, S. 295.

22 Nach welcher das Schicksal der Götter vom Gott Balder abhing. Sollte dieser sterben, so seien auch die anderen Götter dem Untergang geweiht. Freya hatte deswegen allen Lebewesen den Eid abgenommen, Balders Leben zu schützen. Loki hat jedoch mit Hilfe des Mistelzweigs, dem dieser Eid nicht abgenommen worden war, den blinden Hödur ungewollt zu Mörder Balders gemacht. Balders Tod bedeutet das Ende der Götter. Die Welt wird danach erneuert und ein neuer Zyklus beginnt mit der gemeinsamen Rückkehr Balders und Hödurs.

23 Stechlin, S. 18.

24 Stechlin, S. 303/304.

25 Stechlin, S. 305.

26 Die Verbindung zur Reinheit und Keuschheit wird zusätzlich durch das Rokokosofa hergestellt, welches wie die Uhr hinweisend auf Verborgenes ist. Die Uhr ist Symbol für das Sterben. Das Rokokosofa hat einen Bezug

27 Stechlin, S. 5.

28 Siehe Stechlin, S. 373-440.

29 Stechlin, S. 108.

30 Vgl. Eric Miller: Die roten Fäden des roten Hahns. Zu einem Motivkomplex im Stechlin. In: Fontane Blätter. Heft 67. 1999. S. 91-105. (Künftig zitiert: Miller). S. 94/95.

31 Amberg, S. 553.

32 Stechlin, S. 12.

33 Stechlin, S. 390.

34 Vgl. Neuhaus, S. 64.

35 Stechlin, S. 415.

36 Miller, S. 96.

37 Stechlin, S. 62.

38 Stechlin, S. 62.

39 Stechlin, S. 77.

40 Stechlin, S. 77.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Fontane, Theodor - Der Stechlin - Raum- und Dingsymbolik in Theodor Fontanes Roman
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Theodor Fontane: Erzählprosa
Note
Gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
12
Katalognummer
V107007
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nichts und niemand ist perfekt, auch mir unterlaufen Fehler, genießt deswegen alles mit Vorsicht. Ich hoffe, bei dem Versuch, alles als eine Datei abzuspeichern sind mir keine Fehler unterlaufen.
Schlagworte
Fontane, Theodor, Stechlin, Raum-, Dingsymbolik, Theodor, Fontanes, Roman, Theodor, Fontane, Erzählprosa
Arbeit zitieren
Dorothee Niemann (Autor), 2002, Fontane, Theodor - Der Stechlin - Raum- und Dingsymbolik in Theodor Fontanes Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107007

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