Redaktionsforschung - Theorie und Praxis einer Übung im Grundstudium


Hausarbeit, 2002
15 Seiten, Note: 1,0

Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1. AUFBAU UND HANDLUNGSWEISEN INNERHALB EINER ZEITUNGSREDAKTION NACH RÜHL
2.1.1. Einführung
2.1.2. Das soziale System der Redaktion
2.2 DIE ARBEITSHYPOTHESEN VON STEFAN WEBER
2.3. KLAUS-DIETER ALTMEPPENS UNTERSUCHUNG REDAKTIONELLER HANDLUNGSABLÄUFE
2.4. BERND BLÖBAUM UND DER JOURNALISMUS ALS SOZIALES SYSTEM

3. REDAKTIONSFORSCHUNG ÜBEN - STUDENTEN IN DEN PROZESS EINBINDEN
3.1. THEORIEVERMITTLUNG
3.2. VORSCHLÄGE FÜR EINE ÜBUNG

4. SCHLUSS

5. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Fragestellung der folgenden Arbeit ist, wie man eine Redaktionsforschungsübung mit dreißig Studenten gestalten kann, die einerseits die notwendigen theoretische Inhalte vermittelt und gleichzeitig das Interesse der Studierenden weckt.

Hierzu sollen im ersten Teil der Arbeit verschiedene Ansätze der Redaktionsforschung dargestellt werden. Es soll hier darum gehen, unterschiedliche Herangehensweisen aufzuzeigen, etwa wie Probleme der Redaktionsforschung formuliert, ausgearbeitet und untersucht werden können. Das Interesse der Redaktionsforschung gilt den Problemen der Herstellung medialer Inhalte. Wie diese Form von betriebssoziologischer Betrachtungsweise des Journalismus aussehen kann, soll anhand von verschiedenen Forschungsprojekten gezeigt werden. Dies ist von Belang für den zweiten Teil der Hausarbeit, in dem Ansätze eines Konzeptes für ein Redaktionsforschungsseminar dargestellt werden sollen.

Am ausführlichsten wird die Studie von Manfred Rühl behandelt, da dessen Beitrag aus dem Jahre 1969 als eines der wichtigsten Werke zur Redaktionsforschung erschien, dass auch in späteren Beiträgen, wenn auch modifiziert, starke Beachtung fand und zur Weiterentwicklung neuer Forschungsideen diente. Die übrigen Studien von Stefan Weber, Blöbaum und Altmeppen werden daher nur kurz skizziert, da es schon allein aus Platzgründen nicht möglich ist, jede Studie ausführlich abzuhandeln.

Im zweiten Teil dieser Arbeit wird ein Vorschlag für ein Seminar erarbeitet, dass sich einer- seits an den im ersten Teil dieser Arbeit dargestellten theoretischen Grundlagen orientiert und andererseits durch eine praxisorientierte Komponente vermeidet, dass die Studenten in Ber- gen von Theorien innerhalb dieser sehr differenzierten Forschungsdisziplin den Überblick verlieren. Der Vorschlag für das Seminarkonzept orientiert sich an folgendem Grobkonzept: Im ersten Schritt sollte die Disziplin der Redaktionsforschung möglichst kurz erklärt werden. Die wichtigsten Theorien sollten in einen forschungsgeschichtlichen Kontext gesetzt werden, damit deutlich wird, wie sich neben der journalistischen Arbeit auch die Beobachtung in der Redaktion entwickelt hat und welche Ziele sie dabei verfolgt. Dabei ist es wichtig, ein oder zwei relevante Studien vorzustellen, und dabei auch die möglichen Forschungsmethoden zu erklären. Mit dieser Grundlage ausgerüstet, könnte der „praktische“ Teil der Übung beginnen. Hierbei wäre die Simulation einer wissenschaftlichen Untersuchung denkbar, da es in einem kurzen Zeitraum und mit einer großen Gruppe kaum möglich sein wird, ein reales For- schungsprojekt durchzuführen.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Aufbau und Handlungsweisen innerhalb einer Zeitungsredaktion nach Rühl

2.1.1. Einführung

Im Folgenden sollen einige Theorien der Redaktionsforschung dargestellt werden. Besonders soll dabei auf Manfred Rühl und seine Untersuchung „Die Zeitungsredaktion als soziales System“1eingegangen werden, da sie mir als eines der relevantesten Werke zur Redaktionsforschung als besonders wichtig erscheint.

Die neuen Entwicklungen in der publizistischen Kommunikation hätten eine Reihe von Problemen hervorgerufen wie z.B. die Folgen der zunehmendem Gewalt im Fernsehen, schreibt Rühl in seinem Vorwort, und es gehe „ein Ruf an die Gelehrten“2, deren Ursachen, die zugrunde liegenden Zusammenhänge und ihre Folgen zu analysieren, Prognosen zu erstellen und Vorschläge für notwendige Maßnahmen zu unterbreiten. Rühl wollte in seiner Studie aus dem Jahre 1969 keine spezifische Fragestellung zu Grunde legen, sondern „anhand der theoretischen Konzeption des organisierten sozialen Systems eine Reihe von redaktionellen Forschungsproblemen aufzuzeigen“.3 Das soziale System der Redaktion soll dementsprechend nachfolgend dargestellt werden.

2.1.2. Das soziale System der Redaktion

Dieses von Rühl entworfene soziale „System der Redaktion“ geht davon aus, das die Leistung dieses Systems darin besteht, die Komplexität der Umwelt zu reduzieren, um seinen eigenen Fortbestand zu sichern.4Er greift dabei auf die Theorie von Niklas Luhmann zurück, der den bisher in der Organisationsforschung benutzten Ansatz der Trennung von formaler und infor- maler Organisation überspringt. Durch die Konstruktion der so genannten „Mitgliedsrolle“5 versetzt Luhmann den Forscher in die Lage, etwa den Organisationsbestandteil „Herrschaft“ auf die Kluft zwischen formaler Autorität und tatsächlicher Macht hin zu untersuchen.

Damit also ein Handlungssystem bestehen kann, müssen „Verhaltenserwartungen gebildet werden, (…), die mit einer gewissen Verlässlichkeit erfüllt werden“, nämlich die „sozialen

Rollen“.6Ein Teil der Mitgliedsrolle setzt sich aus den Verhaltenserwartungen zusammen, die an alle Rollenträger im System gestellt sind. Dabei handelt es sich um „einen Komplex spezi- fischer, von allen anderen abgesonderter und deutlich herausgehobener Erwartungen“.7 Die Anerkennung dieser Mitgliederrolle ist verpflichtend, wenn die Mitgliedschaft Aufrecht erhalten werden soll. Durch diese formalisierten Verhaltenserwartungen und die so entstande- ne Mitgliederrolle wird der Aufbau von formalen Organisationen gestützt und die Redaktion gefestigt.8Daher ist es notwendig, dass der Redakteur seine Rolle mit Eintritt in die Redakti- on annimmt und sich zu der Zwecksetzung innerhalb der Redaktion bekennt. Zu einer weite- ren notwendigen, mit der Mitgliederrolle gekoppelten Verhaltensweise gehört die „Anerken- nung des spezifischen Entscheidungsrechts der Redaktionsleitung“9, ebenso wie die Form, in der alle bereit gestellten Informationen zu bearbeiten sind.10Werden die Erwartungen nicht erfüllt, trennt sich das Mitglied von der Redaktion, entweder aus eigenem Wunsch oder als Sanktion.11

Weitere Verhaltenserwartungen an die Mitgliedsrolle „Redakteur“ stellen etwa die Identifika- tion des Redakteurs mit dem System, der Ausschluss der Mitarbeit an Konkurrenzmedien, die Wahrung der redaktionellen Diskretion und natürlich der Orientierung am relevanten Recht dar.12

Diese Mitgliedsregeln stehen als Strukturen in der Redaktion in einem interdependenten Zu- sammenhang, der es unmöglich macht, einige davon zu bejahen und die anderen abzulehnen. Gleichzeitig entlasten sie den Redakteur auch von persönlicher Verantwortung, eine Tatsache, di e redaktionelles Handeln überhaupt erst ermöglicht, so Rühl in einer Zusammenfassung.13

Neben der Mitgliedsrolle füllt der Redakteur gleichzeitig seine Arbeitsrolle aus, die allerdings eng mit der ersten Rolle verbunden ist. Während die Mitgliedsrolle den redaktionellen Verhal- tenserwartungen gerecht wird, füllt der Redakteur die Arbeitsrolle mit seinen individuellen Leistungen aus.14

Mit der Ausübung seiner Arbeitsrolle tritt der Redakteur in seiner Umwelt mit seinem spezifischen Rollenpartner und in der Redaktion mit bestimmten Kollegen in Verbindung.15Die Arbeitsrolle kann durch den Wechsel eines Ressorts verändert werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt in Rühls Untersuchung sind die so genannten „Subsysteme“.16

Soziale Systeme, die eine bestimmt Größe erreicht haben, haben die Tendenz, sich zu diffe- renzieren. Sie bilden dazu „Subsysteme“ als Leistungseinheiten aus, um sich zu stabilisieren und selber Systemcharakter zu gewinnen. So bildet etwa eine Redaktion Ressorts aus, um sich sowohl gegenüber anderen Abteilungen als auch gegenüber der Umwelt abzugrenzen. Um jedoch systemschädigendes Autonomiestreben der Ressorts zu vermeiden, hat die Redaktion entsprechende Gegenmechanismen entwickelt. In der Mitgliedsrolle etwa verfügen die Redaktionsangehörigen über ein Mindestmaß an gemeinsamer Orientierung.

Ein weiterer Integrationsmechanismus sind die „Intermediärsysteme“.17Die Redaktionskonferenz beispielsweise ist ein solches System, die Bilderkonferenz usw. In sie sind die Redakteure in ihrer Arbeits- als auch in ihrer Mitgliedsrolle verflochten. Ohne diese integrativen internen Kommunikationssysteme würde sich die Selbstständigkeit der einzelnen Systeme schnell in einem dysfunktionalen Sinne entwickeln.

Ein anderer strukturbildender Prozess innerhalb der Redaktion ist das „Entscheidungshan- deln“18, das sich analytisch in drei Phasen gliedern lässt: die Kollektion, die Selektion und die Kondensation von Informationen.19Aus den unüberschaubaren Informationen aus der Um- welt wählt die Redaktion anhand einer bestimmten Typik bestimmte Berichte aus. Diese fasst sie zu bestimmten Formen zusammen (Glosse, Reportage usw.), wobei sie sich an den Anfor- derungen der Umwelt orientiert. Diese Informationskomplexe stellt sie für die technologische Produktion und somit für die Umwelt bereit. Diese bearbeiteten Informationen bilden eine neue Wirklichkeit, die von der Umwelt in der Regel alsdieWirklichkeit anerkannt wird.20

Da die Informationsbeschaffung in einer Redaktion fast immer defizitär ist, d.h. das es nie- mals möglich ist, alle Informationen zu einem Thema zu erhalten, muss jede Redaktion Krite- rien erstellen, nach denen diese in ihrer Natur unvollständigen Informationen als brauchbar bewertet werden können. Diese Grundlage der Informationsverarbeitung, das redaktionelle Entscheidungsprogramm, ist auf den Informationsfluss zwischen Redaktion und Umwelt aus- gerichtet.21Dieses Entscheidungsprogramm unterteilt sich in das Zweck- und in das Konditionalprogramm.

Das Konditionalprogramm ist auf die „Wenn-dann-Formel“ festgelegt. Das bedeutet, wenn bestimmte Ursachen oder Ereignisse auftreten, reagiert die Redaktion nach den Prämissen, die sie vorher dafür festgelegt hat.22Jedes Subsystem nimmt entwickelt dabei sein eigenes Kondi- tionalprogramm.

Das Zweckprogramm hingegen orientiert sich an der Wirkung, die die von der Redaktion bearbeiteten Informationen auf die Umwelt haben23. Als redaktionsinternes Zweckprogramm führt Rühl die Redaktionsschlusszeiten an, als redaktionsexternes Zweckprogramm dient die Orientierung am „Gemeinwohl“.

Durch die informationsverarbeitende Funktion übernimmt die Zeitung eine wesentliche ge- sellschaftliche Funktion. Dieses Entscheidungshandeln bringt eine große Verantwortung mit sich. Dem Redakteur stehen grundsätzlich niemals alle Informationen zu einem Thema zur Verfügung, und so können niemals alle Unsicherheiten behoben werden. Für diesen Informa- tionsüberschuss, den die Zeitung an die Umwelt abgibt, übernimmt die Redaktion die Ver- antwortung, um ihnen so Verbindlichkeit zu geben. Durch die Verbindlichkeit erwirbt eine Zeitung das Vertrauen ihrer Leser.

Durch die Verantwortung der Redakteure wird die Unsicherheit absorbiert, die bei der Informationsabgabe an die Umwelt entstehen. Damit aber ein Redakteur dazu in der Lage ist, diese Verantwortung und damit die Erwartungen an ihn zu erfüllen, müssen in den Informationsverarbeitungsprozess auch Informationen aus der Vergangenheit mit einfließen, also aus seinem Gedächtnis und durch seinen Willen gesteuert. Diese beiden Faktoren sind, ebenso wie die Verantwortung, Leistungen der Redaktion.24

Zu jedem formalisierten Sozialsystem gehört die Ausübung von Autorität.25Die Autorität der Rollenträger setzt sich dabei aus dem persönlichen Einfluss, der an die Person des Redakteurs gebunden ist und aus der Autorität, die durch die Redaktion formalisiert und auf jedes Redak- tionsmitglied begrenzt ist, zusammen. Dabei wird der persönliche Einfluss als Qualität in die Redaktion mit eingebracht.26Die Autorität eines Mitgliedes hängt mit dem Status in der Redaktion eng zusammen.

Doch keine Formalisierung kann Konflikte vermeiden, die durch unterschiedliche Wertvorstellungen in sozialen Systemen entstehen können. Konflikte in der Redaktion orientieren sich an den formalen Mitgliedsregeln, werden innerhalb der Redaktion ausgetragen und unterliegen den Kontrollen durch die formale Autorität im System, die jedoch die Funktion hat, das System gleichzeitig zu einigen.27Die Redaktionsstruktur führt dazu, dass um Einfluss im System, und nicht gegen das System gekämpft wird.

2.2 Die Arbeitshypothesen von Stefan Weber

In seinem Beitrag zur Journalismusforschung beschreibt der Autor den aktuellen Wandel, der durch die inhaltliche Öffnung des Journalismus zu Marketing, Unterhaltung, PR in den Me- dien statt gefunden hat.28Die Annahme eines sich selbst steuernden, autonomen und autopoi- etischen Systems erscheint Weber dabei auf allen Ebenen (Texte, Inhalt, Organisationen usw.) revisionsbedürftig.

Um seine Hypothesen zur Autopoietisierung, also zur zunehmenden mehrheitlichen Schließung, Selbst-Reproduktivität und zirkulären Logik der journalistischen Produktion auf der Ebene der Redaktion, der Inhalte und der Funktionssysteme, zu untersuchen, wurden über 500 Journalisten in Österreich befragt.29

Die Hypothese der „Themen-Rekursitivität“30besagt, dass sich journalistische Themen zunehmend aus journalistischen Quellen generieren. Gleichzeitig werden auch zunehmend Zitate als Referenzen aus journalistischen Quellen genutzt.31

Eine weitere Hypothese ist die so genannte „Endo-Orientierung“32, d.h. dass sich journalisti- sche Akteure zunehmend an anderen Journalisten und nicht am Publikum orientieren. Gleichzeitig steigt die „Meta-Beobachtung“33, also die steigende Berichterstattung von jour- nalistischen Medien über journalistische Medien. Des Weiteren stellt Weber drei so genannte „Heteropoietisierungs-Hypothesen“34auf, die ebenfalls Indikatoren für die zunehmende Fremdsteuerung des Systems Journalismus durch die Umwelt darstellen:

1. Die Entgrenzung von Redaktion, Marketing und Werbeabteilung

2. Die Entkoppelung von Journalismus und Politik, der Rückgang der Politikberichter- stattung in den neunziger Jahren.

3. Rigide ökonomische Koppelung, Steuerung der Redakteure durch ökonomische Vor- gaben.

2.3. Klaus-Dieter Altmeppens Untersuchung redaktioneller Handlungsabläufe

In seiner Studie über „Redaktionen als Koordinationszentren“35untersucht Altmeppen die so genannten „organisatorisch-dispositiven“36Tätigkeiten von Journalisten, also die Koordination journalistischer Arbeit. Anhand von Beobachtungen in Redaktionen fünf privater Radiosender wurden mit Hilfe standardisierter teilnehmender Beobachtung die Arbeitsabläufe von Journalisten in ihren Ausprägungen und ihrer Dauer erfasst.

Unter Koordination fasst er dazu „alle Formen von Interaktion und Kommunikation, die in journalistischen Organisationen von den Journalistinnen und Journalisten zur wechselseitigen Absprache und Abstimmung über tätigkeitsrelevante Handlungsschritte eingeleitet werden“37 zusammen.

Altmeppen stellt fest, dass auf der Ebene der Organisationsprogramme differenzierte Strukturen durch grobgliederige abgelöst werden. So wird die Arbeit der Journalisten flexibler, sie können sich nicht mehr auf die Zuordnungen zu festen Ressorts und Rollen verlassen. Die Definition journalistischer Arbeit von Aufgaben kann nicht bis ins Detail vorgeschrieben werden, die zu erstellenden Programme bilden nur einen Korridor, der keine eng definierten Vorgaben enthält.38Ohne Koordination ist journalistisches Handeln nicht möglich, sie sind - mit Ausnahme der Redaktionskonferenz- nicht institutionalisiert.39

Wenn die Vorgaben für journalistisches Handeln abnehmen, nimmt der Anteil der koordinie- renden Handlungen zu. Zusätzlich steigt der Koordinationsaufwand mit der Anzahl der in der Redaktion arbeitenden Personen. Die häufigste Form der Koordination ist das Einzelgespräch.

Altmeppen zieht die Schlussfolgerungen, dass „bestimmt[e] Formen von Koordinationen in den Programmen selbst angelegt sind“40. Arbeitsteilige Organisationsstrukturen hierarchisieren auch die Koordination, die von oben nach unten verläuft und für deren Funktion es institutionalisierter Instanzen bedarf. Die offenen Organisationsstrukturen bedeuten für die Journalisten, dass sie wechselnde Rollen einnehmen (z. B. dass sie sowohl als Sprecher als auch als Moderator arbeiten, oder dass sie vom einfachen Redakteur zum Chef vom Dienst wechseln und umgekehrt), sich auf unterschiedliche Themen einstellen und unterschiedliche Verfahrensweisen in den Redaktionsbereichen beherrschen müssen.

Die Strukturierung der Organisations- und Arbeitsprogramme ist an die ökonomische Orientierung geknüpft. Die privaten Rundfunksender bieten ihre Programme an, die sie über Werbepreise und Hörerzahlen verkaufen müssen. Die so ausgehandelten Preise bilden die Grundlage für die zeitlichen und finanziellen Ressourcen, die den Redaktionen zur Verfügung stehen. Die wirtschaftliche Rentabilität ist das „Drehbuch“41der privaten Rundfunksender, das den Fehler enthält, dass eine journalistische Leistung nicht eben nur eine ökonomische, sondern auch eine kulturelle Leistung sein sollte.

2.4. Bernd Blöbaum und der Journalismus als soziales System

„Der Journalismus ist unübersichtlicher geworden“42, schreibt Bernd Blöbaum in seiner Studie „Journalismus als soziales System“. Daher erscheint es sinnvoll, Strukturen des Journalismus zu identifizieren und aktuelle Entwicklungen beschreibbar zu machen. Dabei definiert er „Journalistische Organisationsformen“43, wie etwa Zeitung und Zeitschrift, Hörfunk, Fernsehen und Nachrichtenagenturen.

Die Ausbildung von journalistischen Programmen sind die Standards, Routinen, Formen und Techniken, die auf die journalistische Funktion zugeschnitten sind. Sie werden im Laufe der Zeit von Journalisten als routinisierte Entscheidungs- und Handlungsprogramme eingeübt und weitergegeben. Ihre Leistung besteht darin, die Journalisten durch die Routine zu entlasten. Im Journalismus differenzieren sich fünf Programmtypen aus:

1. Rubriken und Ressorts als Ordnungseinheiten, die den Informationsfluss kanalisieren. Dieser interne Differenzierungsvorgang bündelt die Informationen in grobe Einheiten.

2. Programme zur Darstellung von Informationen. Diese Darstellungsprogramme sind Textformen und Techniken der Präsentation.

3. Programme zur Generierung und Sammlung von Informationen. Sie erschließen Quel- len und dienen der Umweltbeobachtung.

4. Selektionsprogramme, die in Form von Entscheidungs- und Handlungsroutinen, mit denen Informationen bearbeitet werden Sie steuern die Auswahl der Informationen.

5. Prüfprogramme, die eng mit den Selektionsprogrammen zusammenhängen. Sie prü- fen Informationen nach dem Kriterium „richtig/falsch“.44

3. Redaktionsforschung üben - Studenten in den Prozess einbinden

3.1. Theorievermittlung

Um eine Übung „Redaktionsforschung“ effizient und interessant zu gestalten, ist es in meinem Erachten wichtig, auf die in Kapitel 2 dargestellten Theorien einzugehen. Dabei geht es nicht darum, in dieser Hausarbeit eine valide Auswahl der wichtigsten Themen der Redaktionsforschung für mich zu beanspruchen, sondern anhand der verschiedenen Studien zu demonstrieren, wie eine Untersuchung einer journalistischen Arbeitsweise oder eines journalistischen Betriebes aussehen könnte.

So hielte ich es für interessant, die Aufforderung Max Webers auf dem ersten Soziologentag aus dem Jahre 1910 zu erwähnen, in der er den Soziologen dazu rät, Redaktionen zu untersu- chen.45Ein kurzer kulturgeschichtlicher Überblick über diese Form der Berufsforschung, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts immer stärker differenziert hat, ließe die Redaktionsfor- schung in ihrem wissenschaftlichen Kontext erscheinen und wäre deshalb als Grundlage für eine solche Übung geeignet.

An diesem Punkt sollte der Dozent bereits versuchen, mit den Studenten eine Diskussion darüber zu beginnen, welche Phänome im aktuellen Journalismus sie untersuchen würden und wie man diese Fragestellungen formulieren könnte.

Lassen sich beispielsweise berufliche Qualifikationskriterien für den schnellen Aufstieg in der Redaktion definieren? Gibt es unterschiedliche Erwartungen an die Geschlechter? Wie sieht die Situation der freien Journalisten aus, die sich auf einem immer enger werdenden Arbeits- markt engagieren müssen? Sicherlich gibt es viele Fragen über die „Produzentenseite“, die innerhalb des Kurses aufgegriffen und im Gespräch weiterentwickelt werden können.

Nach diesem Gespräch hielte ich es für sinnvoll, ein oder zwei Studien genauer vorzustellen. Ob dies durch den Dozenten oder durch einen Studenten geschieht, erscheint mir dabei nicht wichtig. Relevant ist in meinen Augen, dass dem Kurs grundsätzlich der Kontext bekannt ist, die Motivation die zu einer solchen Untersuchung geführt hat und vor allem: welchen Nutzen solche Untersuchungen für die Journalisten haben können. Als Grundlage böte sich die Unter- suchung Rühls über die Zeitungsredaktion als soziales System an, die, in Anlehnung an die Luhmann’sche Systemtheorie, dazu dient, redaktionelle Abläufe in einem strukturierten Rah- men zu betrachten. Wie in Kapitel zwei dieser Arbeit dargestellt, wirft Rühls Analyse eine Reihe interessanter Fragestellungen auf, die sich so auch im Seminar ergeben würden.

Grundsätzlich sollten natürlich nicht nur auf die untersuchten Hypothesen, sondern auch auf die jeweilige Methode Rücksicht genommen werden. So etwa benutzt Stefan Weber für seine Hypothesen die Methode der Befragung von 500 Journalisten, während Klaus-Dieter Altmeppen die Methode der nicht teilnehmenden Beobachtung gewählt hat, um die Handlungsstrukturen von privaten Radiosendern zu untersuchen.

3.2. Vorschläge für eineÜbung

Nach dem der theoretische Teil der Redaktionsforschung bereits in den ersten Stunden des Semesters vermittelt wurde, soll es nun darum gehen, zusammen mit den Studenten eine Ü- bung zu erstellen, die sowohl in einem halben Jahr, als auch mit einer Gruppe von über drei- ßig Leuten ausführbar ist. Dabei sollte meines Erachtens das klassische Muster „Vor- trag/Hausarbeit“ aufgebrochen werden, auch wenn es leicht zu organisieren und durchzufüh- ren ist und einen Leistungsnachweis mit sich führt. Dabei wird zu wenig Wissen vermittelt, und in der Regel kennen Studenten nur das Thema, über das sie ihr Referat gehalten haben. So fehlt der Blick für den Zusammenhang, und auch das Interesse ist - gerade bei besonders theoretischen Themen- sehr schwierig zu wecken, respektive aufrechtzuerhalten.

Auch wenn ein reales Forschungsprojekt in einem Semester nicht durchführbar ist, Sinn der Übung bleibt doch auch etwas zu üben, also zu simulieren und keine für die Forschung brauchbaren Ergebnisse zu produzieren. Es geht hierbei nicht darum, ein Forschungsprojekt im Maßstab eins zu eins wiederzugeben, sondern die gedankliche Auseinandersetzung mit kommunikationswissenschaftlichen Fragestellungen zu fördern und einen Einblick in die Arbeit der Redaktionsforschung zu gewinnen.

Aus diesem Grund hielte ich es für effektiver, ein fiktives Forschungsprojekt zu erstellen. Hierbei erscheint es mir sinnvoll, den Kurs in kleinere Gruppen einzuteilen, die jeweils zu viert oder zu fünft die Aufgabe erhalten, ein Forschungsprojekt zu simulieren und ihre Arbeit in mehreren Schritten zu dokumentieren. Beispielhaft böten sich Fragestellungen an, wie etwa „Bilden Nachwuchsjournalisten eine eigene, homogene soziale Gruppe, die zu einer einseitigen Selektion und Darstellung von Informationen neigt“.

Diese Essays, die sich nach dem Aufbau des Forschungsprojektes gliedern, sollten keine Vor- schriften bezüglich der Länge haben. Am Ende des Semesters bilden sie den Leistungsnach- weis für den Scheinerwerb. Allerdings sollten sie nicht frei herbeiassoziiert werden, sondern nachvollziehbar gestaltet werden, etwa durch den Gebrauch von Fußnoten und wissenschaftli- cher Literatur. Da die Studenten bereits in den ersten Semestern zahlreiche Veranstaltungen zu sozialwissenschaftlichen Methoden besucht haben, kann der Dozent davon ausgehen, dass die unterschiedlichen Möglichkeiten, eine Untersuchung zu gestalten, zumindest grob bekannt sein dürften. Deshalb sollte jede „Forschungsgruppe“, nachdem sie ihre Hypothese für eine wissenschaftliche Untersuchung formuliert haben, ebenso dezidiert in einem Essay darstellen können, für welche Methode sie sich dabei entscheiden würden. Dabei sollte die Methoden- wahl begründet und ihre Nachteile abgewogen werden.

So sollte einer Gruppe, die eine großzügig angelegte Befragung unter Redakteuren plant, ebenfalls um die Kosten ihres Projekts wissen, andere, die eine nicht teilnehmende Beobachtung als Methode wählen, sollten über die Schwierigkeiten wissen, die es für einen Forscher gibt, der plötzlich den Redakteure bei ihrer Arbeit zuschauen möchte.

So könnte mit dem Kurs der gesamte Ablauf einer Studie besprochen und so weit wie möglich nachempfunden werden. So wird ohne Daten natürlich keine Datenauswertung stattfinden, doch in meinen Augen ist es wichtiger, die Studenten zur Mitarbeit zu bringen. Stellenweise birgt dies die Gefahr, dass aus der Perspektive des reinen wissenschaftlichen Anspruchs das Niveau gesenkt wird. Doch in vielen Fällen erscheinen Kompromisse an dieser Stelle sinnvol- ler, als an jeder Stelle in die Tiefe zu gehen und damit das meiste Wissen an den Studenten und dem Kurs vorbeirauschen zu lassen. Deshalb halte ich für wichtiger, etwa einen Fragen- bogen entwickeln zu lassen und vielleicht nur eine Person zu befragen, um so „Musterantwor- ten“ zu erhalten und zu erkennen, ob die Fragen überhaupt funktionieren.

Eine Gruppe, die die Beobachtung als Methode gewählt hat, soll versuchen, einen Redakteur eine Stunde lang zu beobachten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Menschen sich unter solchen Umständen verhalten usw.

So könnte der Kurs, so weit es möglich ist, ein Forschungsprojekt nachvollziehen. Zwar sind die fünf Hauptphasen46- 1. Formulierung und Präzisierung des Forschungsproblems, 2. die Planung und Vorbereitung der Erhebung, 3. die Datenerhebung, 4. die Datenauswertung und

5. die Berichterstattung - nicht immer realisierbar. Dennoch könnten die Schritte, die nicht praktisch ausgeführt werden, zumindest noch mal in der Theorie besprochen werden. Dabei erscheint es mir sinnvoll, sich auf andere Studien aus der Redaktionsforschung zu beziehen und dabei zu zeigen, wie andere Forscher vorgegangen sind.

In den letzten Stunden des Semesters sollten die Gruppen ihr Projekt vor dem Kurs so professionell wie möglich präsentieren, dass heißt bei ihrem Vortrag mit ins Auge fassen, dass sie für jede Forschungsarbeit auch einen überzeugten Partner brauchen, der ihr Vorhaben finanzieren möchte. Diese Präsentation wird ebenfalls bewertet und bildet zusammen mit den Essays die Gesamtnote für den Kurs, die sich nun aus mehreren schriftlichen und einer mündlichen Leistung zusammensetzt. Dies hätte gleichzeitig den Vorteil, dass die Studenten auch lernen, ihre Ideen und ihre Konzepte überzeugend vorzustellen, eine Eigenschaft, die in jedem Beruf, der eine kreative Leistung erfordert, dringend notwendig ist.

4. Schluss

Fragestellung dieser Arbeit war es, auf Basis der theoretischen Grundlagen der Redaktionsforschung ein taugliches Seminarkonzept zu entwickeln. Der erste Teil der Arbeit stellte den theoretischen Hintergrund der Redaktionsforschung dar, der auch in ein jedes Seminar Eingang finden muss. Der zweite Teil der Arbeit unterbreitete Vorschläge für die Vorgehensweise innerhalb eines Seminars zur Redaktionsforschung.

In diesem Rahmen ist es schwerlich möglich, ein detailliertes Konzept für eine Übung zu erstellen, aber das erscheint auch nicht unbedingt nötig. Hier ging es hauptsächlich darum, Alternativen aufzuzeigen und um den Versuch, sowohl theoretische als auch einen praktischen und vor allem praktikablen Aspekt miteinander zu verbinden. Wie die unterschiedlichen Gruppen ihre Konzepte entwickeln, und wie das den Unterricht steuert, wird sich letztendlich nur in der Praxis herausstellen.

Ob die Idee der einzelnen Forschungsgruppen, die einen Forschungsansatz nachspielen und gleichzeitig präsentieren, tatsächlich umsetzbar ist, wird sich wohl erst im Laufe des Seminars zeigen. Und obwohl ich wenig pädagogische Erfahrung habe, so bin ich doch davon über- zeugt, dass Gruppenarbeit und Rollenspiele, wie etwa die Präsentation, zur Dynamik des Un- terrichts beitragen und auch hilfreich für die Stundenten sind. So könnte etwa der Kurs dazu angehalten werden, während der Präsentation die Rolle des Geldgebers zu übernehmen und dem Vortrag äußerst kritisch gegenüber zu stehen. Und selbst auf die Gefahr hin, dass das Niveau aus wissenschaftlicher Perspektive „verflacht“, so glaube ich doch, dass es wichtiger ist, von strengen wissenschaftlichen Kriterien abzuweichen und ein wenig mehr Dynamik in die Veranstaltung zu bringen.

5. Literaturverzeichnis

Altmeppen, Klaus-Dieter: Redaktionen als Koordinationszentren, Opladen 1999. Blöbaum, Bernd: Journalismus als soziales System, Opladen 1994.

Diekmann, Andreas: Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen, Reinbek 1995.

Rühl, Manfred, Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System, Bielefeld 1969. Weber, Stefan: Was steuert Journalismus? Konstanz 2000.

[...]


1Rühl, Manfred: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System, Bielefeld 1969.

2Ebd. Seite 7.

3Ebd. Seite 191.

4Siehe ebd. Seite 11.

5 Ebd. Seite 154.

6Ebd. Seite 154

7Ebd.

8Siehe ebd. Seiten 155, 164.

9Ebd. Seite 158.

10Ebd. Seite 159.

11Ebd. Seite 160.

12Siehe ebd. Seite 161-164.

13Siehe ebd. Seite 165.

14 Siehe ebd.

15Siehe ebd. Seite 167.

16Ebd. Seite 169.

17Ebd. Seite 173.

18Ebd. Seite 174.

19Siehe ebd.

20 Siehe ebd. Seite 175.

21Siehe ebd. Seite 176.

22Siehe ebd. Seite 177.

23Ebd. Seite 178.

24Siehe ebd. Seite 184.

25 Siehe ebd. Seite 185.

26Siehe ebd. Seite 187.

27Siehe ebd.

28Weber, Stefan: Was steuert Journalismus? Konstanz, 2000.

29Siehe ebd., Seite 93.

30Ebd. Seite 95.

31Siehe ebd. Seite 97.

32Ebd.

33 Ebd. Seite 99.

34Ebd. Seite 100.

35Altmeppen, Klaus-Dieter: Redaktionen als Koordinationszentren, Opladen 1999.

36Ebd. Seite 11.

37Ebd. Seite 177.

38Siehe ebd. Seite 181.

39 Siehe ebd. Seite 178.

40Ebd. Seite 179.

41Ebd. Seite 186.

42Blöbaum, Bernd: Journalismus als soziales System, Opladen, 1994. Seite 11.

43 Ebd. Seite 194.

44Siehe ebd. Seite 220 ff.

45 Journalismus als soziales System, siehe Seite 13.

46 Diekmann, Andreas: Empirische Sozialforschung, Reinbek 1995. Seite 162.

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Redaktionsforschung - Theorie und Praxis einer Übung im Grundstudium
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Übung
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
15
Katalognummer
V107147
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Redaktionsforschung, Theorie, Praxis, Grundstudium
Arbeit zitieren
Henriette Kuhrt (Autor), 2002, Redaktionsforschung - Theorie und Praxis einer Übung im Grundstudium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107147

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Redaktionsforschung - Theorie und Praxis einer Übung im Grundstudium


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden