Andreas Gryphius - An sich selbst


Seminararbeit, 2002

10 Seiten, Note: 1-


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1. Inhalt

2. Einleitung Seite

3. Metrische Analyse Seite
3.1 Reim Seite
3.2 Versbeginn, Versfüllung, Verslänge und Versende Seite
3.3 Versteilung Seite
3.4 Enjambements Seite
3.5 Zusammenfassung der metrischen Analyse Seite

4. Kurzbiographie von Andreas Gryphius Seite

5. Inhaltliche Interpretation Seite

6. Literaturverzeichnis Seite

2. Einleitung

Andreas Gryphius´ Gedicht „An sich selbst“ wirkt beim ersten Lesen auf mich sehr düster und depressiv. Da man es jedoch in der Literaturwissenschaft, wie in jeder anderen Wissenschaft auch, nicht beim ersten Eindruck belassen sollte, werde ich mit dieser Arbeit versuchen herauszufinden, mit welcher Absicht Gryphius das Gedicht verfasst hat, bzw. welche Aussage dahinter steckt.

Mein Schwerpunkt wird auf der Analyse der metrischen Struktur von Andreas Gryphius´ „ An sich selbst“ liegen. Im Anschluss daran werde ich einen kurzen biographischen Überblick über Gryphius´ Leben vermitteln. Auf diesen Informationen wird dann meine Interpretation des Gedichtes aufbauen. Ich werde dabei in kleinen Schritten vorgehen, um alles Geschriebene auch nachvollziehbar zu machen.

3. Metrische Analyse

Das Ziel einer metrischen Analyse ist es, Reim, Versbeginn, Versfüllung, Verslänge, Versschluss und Versteilung genau zu untersuchen und so die Versart sowie die Strophenform zu bestimmen. Eventuelle Auffälligkeiten können erkannt und benannt werden. Die metrische Struktur eines Gedichtes kann für dessen Aussage eine wichtige Rolle spielen.

3.1 Reim

Das Gedicht besteht aus 14 Zeilen. Betrachtet man die Endungen der einzelnen Zeilen, so ergibt sich daraus das Reimschema:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch das Reimschema lässt sich das Gedicht eindeutig in zwei Quartette und zwei Terzette einteilen. Die Quartette bestehen jeweils aus einem umarmenden Reim abba, die Terzette aus einem Schweifreim ccd eed. Dieses Reimschema ist typisch für die Strophenform des italienischen Sonetts, das immer aus zwei Quartetten und zwei Terzetten besteht.

Was den Grad der Gereimtheit angeht, so lässt sich feststellen, dass es sich vorwiegend um echte Reime handelt. Rührende Reime treten nur in den Zeilen 1 und 4 ( glieder- lieder ), 2 und 3 ( klufft- lufft ) sowie 6 und 7 ( rufft- grufft ) auf.

3.2 Versbeginn, Versfüllung , Verslänge und Versende

Durch lautes Vorlesen des Gedichtes kann man zunächst feststellen, welche Silben betont bzw. unbetont sind. Betonte Silben werden mit einem Schrägstrich markiert:

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1 Mir grauet vor mir selbst; mir zittern alle glieder,

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2 Wenn ich die lipp´ und nas´ und beider augen klufft,

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3 Die blind vom wachen sind, des athems sehwere lufft

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4 Betracht´ und die nun schon erstorbnen augen - lieder.

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5 Die zunge, schwartz vom brand, fällt mit den Worten nieder

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6 Und lallt, ich weiß nicht was; die müde seele rufft

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7 Dem großen tröster zu, das fleisch reucht nach der grufft,

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8 Die ärtzte lassen mich, die schmertzen kommen wieder.

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9 Mein cörper ist nicht mehr als adern, fell und bein.

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10 Das sitzen ist mein tod, das liegen meine pein.

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11 Die schenckel haben selbst nun träger wol vonnöthen.

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12 Was ist der hohe ruhm und jugend, ehr und kunst?

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13 Wenn diese stunde kommt, wird alles rauch und dunst,

/ / / / / /

14 Und eine noth muss uns mit allem vorsatz tödten.

Die einzelnen Zeilen des Gedichtes beginnen durchweg mit einsilbigem Auftakt, also mit einer unbetonten Silbe. Es folgt ein regelmäßiger Wechsel von Hebungen und Senkungen in jeder Zeile. Es handelt sich also durchweg um jambische Verse. Abweichungen vom Versmass finden sich keine. Die Versbewegung ist dadurch sehr gleichmäßig. Weiterhin kann man erkennen, dass es sich um Sechsheber, also um Langverse handelt. In jeder Zeile kann man sechs Hebungen zählen.

Außerdem können wir noch untersuchen, ob die Verse mit einer betonten oder unbetonten Silbe enden, also mit einer männlichen oder weiblichen Kadenz. Wie oben ersichtlich wird, kommen in „An sich selbst“ beide Arten von Kadenzen vor. Männliche Kadenzen finden sich in den Zeilen 2, 3, 6, 7, 9, 10, 12 und 13, weibliche Kadenzen in den Zeilen 1, 4, 5, 8, 11 und

14.

Auffällig ist dabei, dass die Kadenzen dem Reimschema des Gedichtes entsprechen. Die beiden äußeren Reime der umarmenden Reime in den Quartetten enden jeweils mit weiblichen Kadenzen ( also die im Reimschema mit „a“ gekennzeichneten Zeilen), ebenso die jeweils letzten Zeilen der Schweifreime in den Terzetten ( also die im Reimschema mit „d“ gekennzeichneten Zeilen).

Alle anderen Zeilen enden männlich ( also die mit „b“, „c“ und „e“ gekennzeichneten Zeilen).

3.3 Versteilung

Beim lauten Lesen des Gedichtes bemerkt man, dass die Versbewegung in „ An sich selbst“ immer wieder an der gleichen Stelle zum Stillstand kommt. Diese Teilung der Verse findet immer nach der dritten Hebung, bzw. der sechsten Silbe statt und ist in einigen Zeilen auch durch ein Satzzeichen erkennbar, z.B. in Zeile 1 durch ein Semikolon. Es befindet sich also eine männliche Zäsur in der Mitte jeder Zeile. Jambische Sechsheber mit Zäsur nach der sechsten Silbe bezeichnet man auch als „ Alexandriner“.

3.4 Enjambements

Enjambements, d.h. ein Weiterlaufen des grammatikalischen Satzes ohne Satzzeichen über die Zeilen hinweg, finden sich in diesem Gedicht in den Zeilen 3-4, 5-6 und 6-7. Alle anderen Zeilen enden mit einem Satzzeichen (mit Punkt oder Komma, Zeile 12 mit einem Fragezeichen).

3.5 Zusammenfassung der metrischen Analyse

Abschließend kann man die Ergebnisse der metrischen Analyse folgendermaßen zusammenfassen:

Bei dem Gedicht „An sich selbst“ von Andreas Gryphius handelt es sich um ein Sonett, bestehend aus zwei Quartetten ( umarmender Reim ) und zwei Terzetten ( Schweifreim ). Die einzelnen Zeilen bestehen aus Alexandrinerversen mit wechselnden Kadenzen. Es gibt keine Abweichungen vom Versmaß. Die einzige Unregelmäßigkeit in diesem Gedicht stellen die drei Enjambements dar.

4. Kurzbiographie von Andreas Gryphius

Andreas Gryphius wurde am 2.10.1616 in Golgau geboren. Er war das jüngste Kind aus der dritten Ehe seines Vaters. Von früher Kindheit an musste Gryphius sich mit Krankheit, Tod Bedrängnis auseinandersetzen. Seine Eltern starben beide relativ früh. Nach dem Tod seines Vaters heiratete seine Mutter erneut und bekam noch einmal sechs Kinder. Keines lebte jedoch lange über seine Geburt hinaus. Auch von Gryphius eigenen Kindern starben die meisten früh, eine Tochter war ab ihrem vierten Lebensjahr körperlich und geistig behindert. In seiner Jugend erlebte Gryphius den 30jährigen Krieg mit all seiner Grausamkeit mit. Er wurde Zeuge von Pestepidemien und Feuersbrünsten. 1628 floh er mit seinem Stiefvater auf Grund von konfessioneller Verfolgung aus seiner Heimatstadt. Erst 1632 konnte er im polnischen Frauenstadt ein Gymnasium besuchen und damit seine Schulbildung geregelt fortsetzen.1634 veröffentlichte er sein erstes Werk, ein lateinisches Herodesepos mit dem Titel „Herodis furiae, et Rachelis lachrimae“. Ab 1634 studierte er auf dem Akademischen Gymnasium in Danzig. Dort erschien auch 1635 die Fortsetzung seines Herodesepos´. Nebenbei verdiente er sich seinen Unterhalt mit dem Unterrichten Jüngerer. 1636 ging Gryphius nach Freystadt in Schlesien auf das Gut von Georg Schönborner Ritter zu Schönborn und verdient sich dort Geld als Hauslehrer der Söhne. Georg Schönborner förderte den jungen Gryphius und ernannte ihn 1637 zum Magister der Philosophie, krönte ihn zum Dichter und adelte ihn. In seiner Zeit auf dem Gut des Ritters schrieb Gryphius seine erste Sammlung deutscher Gedichte zu Ende, das Buch „Sonnete“. 1638 begleitete Gryphius zwei Söhne seines inzwischen verstorbenen Gönners nach Holland. Dort studierte und lehrte er 6 Jahre lang an der Universität von Leiden. Er konnte in dieser Zeit seinen Ruf als Universalgelehrter und Dichter festigen. Seine Lyrik wurde über deutsche Grenzen hinaus bekannt.1639 veröffentlichte er in Leiden seine „ Sonn- und Feiertagssonette“, vier Jahre später folgten Oden, Epigramme und weitere Sonette. 1644 begann Gryphius seine Bildungsreisen als Begleiter eines wohlhabenden Stettiner Kaufmanns. Bis November 1645 hielt er sich in Frankreich auf, im April 1446 erreichte er Italien. Auf dem Rückweg verweilte er sich bis Mai 1647 in Straßburg und schloss Kontakte zu Gelehrten der Universität. Im Oktober 1646 veröffentlichte er dort auch sein erstes Trauerspiel „Leo Armenius“. Seine Reise führte ihn weiter über Amsterdam und Stettin, wo er ein weiteres Trauerspiel abschloss, und endete schließlich 1647 in Fraustadt. Gryphius nutzte diese lange Reise nicht nur um neues Wissen und Erfahrungen zu sammeln, sie half ihm auch seinen guten Ruf weiter zu verbreiten.

Nach über 9jähriger Abwesenheit kehrte Gryphius als großer Dichter und Gelehrter in seine Heimat zurück.1650 nahm er eine Stelle als Syndikus des Fürstentums Golgau an. Er verstarb schließlich in Golgau am 16.7.1664 im Alter von 47 Jahren.

( Alle biographischen Angaben aus: NDB, 1966, 242-246)

5. Inhaltliche Interpretation

Im ersten Teil des Gedichtes „An sich selbst“ beschreibt das lyrische Ich seinen körperlichen Zustand. Es betrachtet sich selbst und wird dabei in Schrecken versetzt ( „ Mir grauet vor mir selbst; [...]“, Andreas Gryphius, 1961,125)Der körperliche Zustand ist nicht sehr gut. Die Glieder zittern, die Augen sind eingefallen und erblindet ( „[...] und beider Augen klufft,/ die blind vom wachen sind, [...]“, Andreas Gryphius, 1961, 125 ). Das Atmen fällt ihm nicht leicht ( „[...] des athems sehwere lufft [...]“, Andreas Gryphius, 1961, 125 ). Das lyrische Ich leidet ebenfalls unter Fieber, dass offensichtlich sehr hoch sein muss, denn das lyrische Ich beschreibt den Zustand des Fieberdeliers, das nur bei hohen Temperaturen auftritt. Es redet wirre Dinge und ihm schwinden die Sinne ( „ Die zunge, schwartz vom brand, fällt mit den worten nieder/ Und lallt, ich weiß nicht was; [...]“, Andreas Gryphius,1961,125 ). Im folgenden beschreibt das lyrische Ich den geistigen Zustand. Seine Seele verlangt nach Ruhe und „rufft/ Dem großen tröster zu [...]“ (Andreas Gryphius, 1961, 125). Sie sehnt sich nach dem Trost, die sie durch Gott, den großen Tröster, finden wird. Der Tod erscheint dem lyrischen Ich nicht mehr fern. Er ist seiner Meinung nach eng mit seinem Körper verbunden ( „[...]; das fleisch reucht nach der grufft,/ [...]“, Andreas Gryphius,1961,125 ). Jede Hoffnung auf medizinische Hilfe scheint dem lyrischen Ich versagt, da die Ärzte es aufgegeben haben ( „ Die ärtzte lassen mich,[...]“, Andreas Gryphius,1961, 125 ). Es muss Schmerzen ertragen, hat einen starken Gewichtsverlust erlitten und kann nur mit großen Qualen eine liegende Körperhaltung einnehmen. Sitzen oder gar stehen sind unmöglich ( „[...], die schmertzen kommen wieder./ Mein cörper ist nicht mehr als adern, fell, und bein./ Das sitzen ist mein tod, das liegen meine pein./ Die schenckel haben selbst nun träger wol vonnöthen.“, Andreas Gryphius,1961,125 ).

Insgesamt kann man nun daraus schließen, dass der Körper des lyrischen Ichs in einem sehr schlechten Zustand ist. Er leidet unter schweren Symptomen wie Fieber und Schmerzen, Gewichtsverlust und Schwäche, die wohl beim lyrischen Ich zum Tode führen werden. Die Ursache dieser Symptome wird im Text nicht genannt.

Weiterhin kann man aus den Beschreibungen schließen, dass es sich beim Lyrischen Ich um einen christlichen Menschen handelt. Er beschreibt, dass seine Seele Gott zuruft. Dies ist wieder ein Hinweis darauf, dass er dem Tode nahe ist und seine Seele sich nach dem Tod sehnt. Gott wird als Tröster bezeichnet, also eine positive Bezeichnung. Im christlichen Glauben wird davon ausgegangen, dass man Gott im Tode am nächsten ist und das der Tod die Erlösung von allen irdischen Qualen bringt.

Im letzten Teil des Gedichtes kommt nun der eigentliche Punkt, den das lyrische Ich uns vermitteln will. Es stellt irdische Werte, wie Ruhm, Jugend, Ehre und Kunst, in Frage, indem es sie dem Tod gegenüber stellt. Es stellt die Vergänglichkeit dieser Werte bildlich dar, um sie noch verständlicher zu machen ( „ Was ist der hohe ruhm und jugend, ehr und kunst?/ Wenn dises stunde kommt, wird alles rauch und dunst,/ und eine noth muss uns mit allem vorsatz tödten.“, Andreas Gryphius,1961,125). Es versucht uns damit zu sagen, dass vor dem Tod alle gleich sind. Alles, was wir im Leben erreicht haben, nutzt uns nichts mehr, wenn wir kurz vor dem Tod stehen. Jeder Mensch muss an irgendetwas sterben und kein Mensch kann das, was er im Leben erreicht hat mit in den Tod nehmen. Die irdischen Werte sind vergänglich. Einzig der Glaube an Gott kann in dieser letzten Stunde noch helfen, da er Trost spendet und Hoffnung gibt. Diese Interpretation deckt sich auch mit Gryphius´ Lebenslauf. Gryphius hat wie oben beschrieben schon früh Leid Not und Tod miterlebt und so die im Gedicht „ An sich selbst beschriebene Einstellung „erlernt“. Er musste mit ansehen ,wie viele Menschen aus seiner näheren Umgebung starben. Dabei bemerkte er, dass es keinen Unterschied macht, ob die Menschen alt, jung, arm, reich, gebildet oder ungebildet waren. Vor dem Tod waren alle gleich. Diese Lebenserfahrung hat Gryphius offensichtlich in seinem Gedicht „ An sich selbst“ in poetische Worte gefasst.

6. Literaturverzeichnis

Quellen:

Andreas Gryphius. Lyrische Gedichte. Hrsg. von Hermann Palm. Bd.3. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1961.

Forschungsliteratur:

Grimm, Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 2. Leipzig: Verlag von

S. Hirzel 1860.

Neue Deutsche Biografie. Hrsg. von der historischen Kommission bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 7. Berlin: Duncker und Humblot 1966.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Andreas Gryphius - An sich selbst
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Einführungsseminar Literaturwissenschaft
Note
1-
Autor
Jahr
2002
Seiten
10
Katalognummer
V107185
ISBN (eBook)
9783640054596
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Andreas, Gryphius, Einführungsseminar, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Susanne Rittig (Autor:in), 2002, Andreas Gryphius - An sich selbst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107185

Kommentare

  • Gast am 13.8.2015

    Analyse von Metrik, Reim, etc. sind ok. Inhaltliche Analyse, und inhaltliche Interpretation sind sehr schwach. Zeitgenössische Einordnung, Bezug zu Barock, Sonettform etc. fehlen vollständig in der Interpretation. Für die Schule reicht es allemal, fürs Germanistik-Studium eher nicht.

  • Gast am 7.9.2008

    kommentar.

    sehr ausführlich, doch fehlen die rhetorischen mittel wie z.b. metapher, und deren bedeutung...

  • Gast am 11.1.2004

    super, jedenfallls fürs 1. semester!

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