Exegese Jesaja


Seminararbeit, 2003

13 Seiten, Note: befriedige


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0. Einleitung

Die visionäre Gewissheit des Propheten Deuterojesaja, dass der neue Exodus der deportierten Israeliten aus dem Exil unmittelbar erfolgte, wurde nach dem Fall Babyloniens Wirklichkeit. Aber ein Wiedererstehen des israelitischen Großreiches wie zu Zeiten Davids blieb Utopie.

1. Geschichtlicher Überblick

1.1. Ägypten zur Zeit des ersten Exodus

Unter Ramses II (um 1300 v. Chr.) erlebte Ägypten wiederum einen Aufstieg mit reger Bautätigkeit. Hebräische Stämme wurden unterworfen und zu Frondiensten gezwungen, weshalb es zu wiederkehrenden Aufständen kam. In diese Zeit fiel vermutlich der erste Exodus.

1.2. Die Geschichte Israels

Zwischen 1400 und 1200 v. Chr. wanderten Nomadenstämme aus den Wüstenregionen in das fruchtbare Palästina ein und wurden dort sesshaft. Um 1000 v. Chr. erfolgte unter dem judäischen König David der Zusammenschluss der beiden Südstämme Judas mit den zehn Nordstämmen Israels. Unter König Salomo, dem Sohn Davids, erreichte Israel seine Blütezeit und Jerusalem mit dem neu erbauten Jahwetempel wurde Zentrum des Reiches. Danach zerfiel das Reich wieder in zwei Teile. Beide versuchten mit militärischen Übergriffen fortan das andere einzuschließen und ganz Israel zu repräsentieren. Juda wurde noch über 300 Jahre von der Daviddynastie regiert.

1.3. Die Eroberung Israels durch Assyrien

722 v. Chr. wurde Israel von dem inzwischen zum Großreich aufgestiegenen Assyrien erobert, ein Teil der Bevölkerung deportiert. Juda wurde Vasallenstaat Assyriens und übernahm den Namen Israel. Während des Untergangs Assyriens um 612 v. Chr. konnte es seine politische Selbständigkeit wiedererlangen.

1.4. Die Unterwerfung Israels durch Babylonien

Babylonien erlangte unter Nebukadnezzar II (605 – 562 v. Chr.) wieder Weltmacht. Israel wurde unterworfen und israelitische Aufstände hatten die Zerstörung Jerusalems um 587 v. Chr. und des Tempels zur Folge.

Trotz mehrerer Deportationen nach Babylonien verblieb in Teil der Bevölkerung in der Heimat. Um Aufstände zu vermeiden, wurde hauptsächlich die Oberschicht ausgetauscht, eine Praxis, die schon die Assyrer pflegten. In Babylonien erhielten die Deportierten das Gebiet Gola als Exil, wodurch ihr nationaler Zusammenhalt gewahrt blieb. 550 v. Chr. besiegte Kyros Babylonien und wurde erster König des persischen Reiches. 538 v. Chr. erließ er die Erlaubnis zur Rückkehr der Israeliten in ihre Heimat und zur Errichtung Jerusalems und zur Wiederaufbau des Tempels.

2. Religionsgeschichtliche Auseinandersetzung

2.1. Ägyptens Götterwelt

Ägyptens Götter hatten in der Frühzeit meistens die Gestalt von Tieren. Später entwickelte sich daraus die Vorstellung von Mischwesen aus Mensch und Tier, worin sich deren Gleichwertigkeit widerspiegelt[1]. Die ägyptischen Götter traten jeweils in wechselnden Gestalten auf. Sie trugen alle eine Vielzahl von Namen.

"Das tiefste Wesen Gottes bleibt auf diese Weise ein Geheimnis"[2].

Ihr Totenkult und ihre Jenseitsvorstellungen beherrschen die Religion.

Der Pharao Echnaton war der erste und einzige zu seiner Zeit, der alle bisherigen Götter durch den Sonnengott Aton ersetzte und damit den weltweit ersten Monotheismus entwickelte. Nach seinem Tode kehrte Ägypten zum Vielgötterglaube zurück.

2.2. Babyloniens Götterwelt

Im Babylonischen Schöpfungsmythos ergibt sich die Entstehung der Welt aus Götterkämpfen, aus denen Marduk als Sieger hervorgeht und zur höchsten Gottheit wird. Seine Gegnerin Tiamath spaltet er in zwei Teile, aus denen Himmel und Erde entstehen. Die anderen, sich dem Sieger unterordnenden Götter, werden zu Gestirnen[3]. Der Marduk-Tempel, Ort der Verehrung, befand sich in der Stadt Babylon auf einer Stufenpyramide, die wahrscheinlich mit dem legendären Turm zu Babel identisch ist[4]. Marduk repräsentierte die Macht der Herrschenden über die Menschen, die ihm gegenüber keine Recht, sondern nur Verpflichtungen hatten und ihn mit Opfergaben besänftigten[5].

2.3. Die Kanaanäische Götterwelt

Im Lande Kanaan ist der Schöpfergott El die oberste Gottheit. Mit seinem Sohn Baal, dem Sturm- und Fruchtbarkeitsgott[6], verbindet sich der Inbegriff von zerstörerischer Macht der Natur und der Herrschenden, dem die Menschen ausgeliefert sind[7].

2.4. Der Gott Israels

Im Gegensatz zu den Mythen der Nachbarvölker schafft Gott laut priesterschriftlichem Schöpfungsbericht Mann und Frau als sein Ebenbild sowie Ziel der Schöpfung und vertraut ihnen die Schöpfung auf Erden an[8]. Das war für die Babylonier eine Provokation[9]. Im alttestamentarischen Bericht zeigt sich dieser Gott Noah, dem Ahnherrn der Menschheit, Abraham, dem Erzvater Israels, sowie König David und schließt einen Bund mit ihnen.

In der Wüste auf dem Berg Horeb erscheint Gott auch Mose und stellt sich ihm als Gott der Väter vor. Auf Moses Frage nach seinem Namen erwidert Gott: "Ich bin, der ich bin". Diese Tautologie verweist auf die Unverfügbarkeit des Namens Gottes für den Menschen[10]. Jeder Versuch Gott als Person und Gestalt zu fassen, führt zum Götzenbild[11].

Während des Auszugs aus Ägypten auf dem Berg Sinai erscheint Gott Mose abermals. Es kommt zum Bundesschluss und zur Übergabe des Dekalogs. Ebenso erhält Mose Anweisungen zur Kultgründung. Dieses Geschehen verbindet Gott mit dem Volk Israel in gemeinschaftlichem Heil und in Treue. Doch die Israeliten wurden ständig mit der Götterwelt der Nachbarstaaten konfrontiert, besonders mit der der Kanaanäer, deren Baal-Kult sich als eine immer wiederkehrende Versuchung erwies[12]. Die deuteronomistischen Geschichtsschreiber ermahnen Israel deshalb ständig Jahwe die Treue zu halten[13].

Jerobeam (926-911 v. Chr.), der erste König des Nordreiches Israel wollte von Jerusalem als Kultstätte unabhängig werden und erhob die Jahwe-Heiligtümer Bet-El und Dan zu Kultstätten und stattete sie mit goldenen Stierbildern aus.

Nach der Reform König Joschijas (639-609 v. Chr.) durfte nur noch im Tempel von Jerusalem der Jahwe-Kult abgehalten werden. Das im Norden entstandene Urdeuteronomium erhob er zum Staatsgesetz.

3. Babylon und Zion-Jerusalem

3.1. Babylon

Babylon ist die älteste Stadt, die in der Bibel erwähnt wird. Ihre Gründung geht auf die Zeit um 3000 v. Chr. zurück. Sie beherbergte berühmte Bauwerke wie den Hochtempel des Marduk, die emailziegelgeschmückte Prozessionsstraße mit dem Ischtar-Tor und die sagenhaften hängenden Gärten der Semirames. Etwa 1000 Jahre später erlebte Babylon unter Nebukadnezzar II (605-562 v. Chr.) seine zweite Blüte. Die Turmbauerzählung des Alten Testaments zeigt die Stadt als Ort der bewunderten Zivilisation[14]. Nach dem Verlust der Selbständigkeit wurde diese Stadt für die Israeliten zum Symbol der bösen Macht und des gegen Gott gerichteten Hochmuts[15].

3.2. Zion - Jerusalem

Jerusalems älteste Ansiedlung lässt sich ebenso bis ins dritte Jahrtausend v. Chr. zurückdatieren. Sie wurde auf einem Hügel erbaut, dessen südöstlichen Teil den Namen Zion trägt[16]. Er galt als Gottesberg, Sitz des kanaanäischen Gottes El, und Berührungspunkt zwischen Himmel und Erde.

Die Israeliten verbanden Zion mit dem Sitz Jahwes und erkoren ihn zum Wallfahrtsort aus[17]. Der Name Zion wurde auf das ganze Jerusalem übertragen und in der prophetischen Verkündigung zum Symbol der Heilshoffnung.

"Es ist auffallend, dass Deuterojesaja, ..., den Zion-Namen dort meidet, wo er von Israels Schuld und Sünde und von Jahwes Zorn redet."[18]

Jerusalem wurde 1050 v. Chr. unter König David Hauptstadt des vereinigten Reiches. Er überführte die heilige Lade aus dem alten israelitischen Tempel in Schilo nach Jerusalem. Salomo erweiterte die Stadt und erbaute um 960 v. Chr. den Tempel mit angrenzendem Palast.

4. Heilig und Profan – Rein und Unrein

4.1. Heilig und Profan

4.1.1. Heilig

Der Begriff heilig bezeichnet im Wesentlichen alles zur Sphäre Gottes gehörende[19]. Im Alten Testament ist auch alles Kultische heilig wie Stätten, Tempel, Geräte, Gott geweihte Zeiten, Priester und am Kult teilnehmende Laien[20]. Gottes Heiligkeit zeigt sich in wunderbaren Taten, aber auch in Strafen gegen den Ungehorsam[21]. In der Ausweitung des Begriffes wird auch das Volk Israel heilig.

4.1.2. Profan

Profan ist der Gegenbegriff zu heilig und bezeichnet Dinge, die in Beziehung zu Gott stehen. Im Alten Testament befindet sich der Begriff profan außerhalb des Gegensatzes von heilig/rein und unrein[22].

4.2. Rein und Unrein

Der Reinheitsbegriff ist in der Nähe des Begriffes heilig anzusiedeln[23]. Nur wer und was rein ist, darf mit dem Heiligen in Berührung kommen[24]. Der Kontakt mit Lebewesen, Dingen und Erscheinungen am menschlichen und tierischen Körper kann verunreinigen und ähnelt religionsgeschichtlich Tabuvorstellungen[25]. Reinheit ist die Voraussetzung zur Begegnung mit Gott[26].

Das gesamte kultische Wesen durfte nur für Jahwe gelten, alle Bräuche fremder Völker waren unrein und verboten[27]. Im frühen alttestamentarischen Texten bezieht sich die Bedeutung von rein und unrein eher auf Hygiene und Speisevorschriften; Während der Zeit der Propheten stellen sie eher religiös-sittliche Kategorien dar[28].

Im Leviticus werden detaillierte Reinheitsvorschriften und Heiligkeitsgesetze aufgezählt, die Jahwe durch Mose dem Volk Israel aufträgt. Am zehnten Tage jedes siebten Monats findet ein großes Reinigungsritual statt: Einem Ziegenbock wird symbolisch alle Schuld Israel aufgeladen; dieser wird dann als Sündenbock in die Wüste geschickt.

5. Tempel und Tempelgeräte

5.1. Tempel

Der Salomonische Tempel war unterteilt in drei hintereinander liegende Räume, der Vorhalle (Ulam), der Haupthalle (Hekal), und dem Allerheiligsten (Debir). In diesem Raum wurde die Lade aufbewahrt. Im Hekal befanden sich Räucheraltäre und Altäre für Schaubrote. Vor dem Ulam, am östlichen Eingang, standen zwei Bronzesäulen mit Namen Jachim und Boas, deren Bedeutung nicht mehr genau zu klären ist[29].

Außerhalb des Tempels lag die Hauptkultstätte, ein riesiger steinerner Brandopferaltar[30].

5.2. Tempelgeräte

Für andere Kulthandlungen gab es weitere Altäre mit entsprechenden Geräten wie z. B. Räuchergefäße für Weihrauch[31], Öllampen und Schaubrote[32].

Außerdem gehörten zehn goldene Leuchter zur Ausstattung[33].

Der wichtigsten Kultgegenstand war die Lade, ein tragbares Wanderheiligtum aus der Nomadenzeit, das Symbol für Gottes Thronuntersatz und seine Gegenwart[34]. Sie bestand aus einem mit Gold überzogenen Zedernholzkasten über dem zwei ebenfalls vergoldete Keruben ihre Flügel ausspannten[35].

Im Vorhof des Tempels standen beiderseits des Ehernen Meeres, einem riesigen Becken[36], fünf fahrbare Kesselwagen[37], mit deren Wasser die Priester nach dem Schlachtritus sich und das Opferfleisch wuschen.

6. Der erste Exodus

In der Wüste, während seiner Hirtentätigkeit, erscheint Gott Mose auf dem Gottesberg Horeb in einem brennenden Dornbusch und beauftragt ihn, den Pharao aufzufordern die Israeliten aus der Gefangenschaft zu entlassen, damit sie in das den Erzväter verheißene Land ziehen können.

Da der Pharao in deren Freiheit nicht einwilligt, schickt Jahwe zur Demonstration seiner Macht neun Plagen über das ägyptische Volk. Als der Pharao weiterhin seine Zustimmung verweigert, kündigt Jahwe Mose die zehnte und letzte Plage, die Tötung aller erstgeborener Ägypter für die kommende Nacht an. Zugleich beauftragt er ihn, den Israeliten den Auszug für die kommende Nacht anzukündigen und erteilt Anweisungen zur Vorbereitung. Sie sollen ein Opferlamm schlachten und die Türpfosten ihrer Häuser mit dessen Blut bestreichen, um vor der Tötung ihrer Erstgeborenen verschont zu bleiben. Ebenso sollen sie dazu ungesäuertes Brot verzehren, desgleichen während der nächsten sieben Tage und am jeweils ersten sowie siebten Tag keinerlei Arbeit verrichten. Dieses Passah-Opfer soll nun für alle Zeiten gelten und sie daran erinnern, dass Jahwe sie verschont hat.

Mose führte die Israeliten durch die Wüste und Jahwe zog mit ihnen, am Tage in Form einer Wolke und in der Nacht in Form einer Feuersäule.

Am Schilfmeer teilt Jahwe auf wunderbare Weise das Wasser und lässt die Flüchtenden gefahrlos durchziehen, während die nachfolgenden Ägypter in den Fluten ertrinken. Da die Vorräte nicht reichen, schickt Jahwe den Hungernden und Durstenden Wachteln und Manna -ein süßlich erstarrtes Sekret der Blätter des Tamariskenstrauches[38] - und lässt Wasser aus dem Felsen sprudeln. Das Manna sollte auf Jahwes Anweisungen am sechsten Tage für den siebten Tag mitgesammelt werden. Zum Gedächtnis dieser Ereignisse soll dieser Tag für alle Zeiten als Sabbat begangen werden. Diese "Gott durchwaltete"[39] Heilsgeschichte Israels endet mit der Rückführung aus Ägypten ins gelobte Land.

7. Jesaja Vers 52, 11 + 12

Deuterojesaja, der unmittelbar bevorstehenden Erlösung sicher, fordert die Exilierten zum Auszug aus Babylon auf[40]. Dabei bedient er sich kurzer knapper Imperative, die keinen Zweifel an seiner Überzeugung lassen.

Sie sollen das unreine Land und Volk verlassen und sich kultisch reinigen[41]. Wie damals die Moseschar die Lade durch die Wüste trug, sollen diesmal die Tempelgeräte, "die Gefäße des Herrn", mitgeführt werden.

Doch im Gegensatz zum fluchtartigen Auszug aus Ägypten, möge es diesmal ohne Hast[42] geschehen und einer "feierlichen Prozession"[43] gleichen.

Wie seinerzeit Gott die Israeliten in einer Wolken- und Feuersäule begleitete, wird er sie nun als Vor- und Nachhut beschützen[44].

Der neue Auszug ist "ein Geschehen, das von dem zentralen Anliegen veranlasst ist, die heiligen Geräte unter Jahwes unmittelbarem Schutz aus Babel herauszubringen[45]."

8. Jesaja 51, 9 + 16 und 52,1

8.1. Jesaja 51, 9

Dieser Vers ist der Gattung des Hymnus zuzuordnen[46]. Eingeleitet wird der Vers mit der eindringlichen Aufforderungen des Propheten an Jahwe nun endlich die langersehnte Gottesherrschaft anzutreten. Deuterojesaja erwähnt in diesem Zusammenhang frühere Taten Jahwes.

Vers 9 spielt mit der Wendung "Warst du es nicht der Rahab `zerschlug`" gleich auf zweierlei Ereignisse an: Zum Einen ist der Name Rahab für Ägypten gebräuchlich[47], bezieht sich im Kontext also auf den ersten Exodus, aber ebenso bezeichnet Rahab ein Meerungeheuer, das Jahwe in der Urzeit besiegt haben soll[48].

"Jahwe, der einst das Schilfmeer und die Ägypter überwand, hat auch jetzt Macht genug, einen neuen Auszug aus Babel zu ermöglichen."[49]

Die Merkmale des Lobhymnus setzt Deuterojesaja gezielt ein, um Jahwe, dessen Zögern er sich nicht erklären kann, zu schnellem Handeln zu bewegen.

8.2. Jesaja 51, 16

Dieser eindeutig nicht von Deuterojesaja stammende[50] Vers hat nicht den Charakter der Aufforderung, sondern eher den der Erzählung. Er vermittelt im Wesentlichen eine Botschaft, die Bekräftigung des Bundes von Seiten Jahwes. Er spricht zu Zion: `Du bist mein Volk!`.

Zahlreiche Zitate Deuterojesajas belegen die starke Anlehnung an seine Prophetie. Wie bei ihm vermittelt der Vers eine große Zuversicht in die Beständigkeit und Gültigkeit des Bundes und damit in die Erwartung des Heils.

Die ersten beiden Zeilen könnten auch zu einem verschollenen Gottestknechtslied gehören[51].

8.3. Jesaja 52, 1

Auch dieser Vers beginnt wie Vers 51,9 mit dem verdoppelten Imperativ `Reg(e) dich`. Es scheint so, als wolle sich dieser Vers direkt an 51,9 anschließen und legt die Vermutung nahe, er stamme vom gleichen Verfasser[52]. Doch während sich Deuterojesaja in 51,9 an Jahwe wendet, dessen Ankunft und Eingreifen er erwartet, so richtet sich der Verfasser von 52,1 an Jerusalem. Nicht Gnade und Erlösung von Seiten Jahwes sind sein Thema, vielmehr fordert er Zion zu Wiederentdeckung ihres Stolzes und zur Abgrenzung von Nichtgläubigen auf.

9. Jesaja 52, 7-10 + 52, 13-15

9.1. Jesaja 52, 7-10

Bei diesen Versen handelt es sich wieder um ein Loblied, welches voller Jubel die Rückkehr Jahwes nach Jerusalem ankündigt. Anschaulich schildert Deuterojesaja das Heraneilen des Siegesboten, die Beobachtungen und Freude der Wächter.

Trotz ernüchternder Voraussetzungen -die Stadt liegt in Trümmern, ihre Einwohner sind "verschleppt, getötet oder geflohen"[53] - durch zieht euphorische Freude das Lied. Selbst die Trümmer, Sinnbild von Hoffnungslosigkeit und Zerstörung, fordert er zum Jubel auf, denn Deuterojesaja hat den "großen Umschwung der Dinge"[54] vor Augen. Von Seiten Jahwes ist von nun an Trost und Erlösung zu erhoffen, mehr noch, er wird sich wie schon bei Schöpfung und Exodus mit Macht und Kraft vor den Augen der Welt für sein Volk einsetzen.

9.2. Jesaja 52, 13-15

Dieser Textabschnitt ist der Gattung des Gottesknechtsliedes zuzuordnen[55]. Stil und Wortwahl lassen nicht auf Deuterojesaja als Verfasser schließen[56]. Vielmehr beschreibt ein anderer Deuterojesajas Gottesknechtschaft, sein Leben, Leiden und Sterben und seine Rehabilitation[57]. Eingeleitet werden diese Verse von einem Gotteswort, Jahwe bekennt sich seinem Knecht und versichert im Voraus dessen Erfolg. So werden den nachfolgende Zeilen die Deuterojesajas Ausgrenzung und Verachtetsein beschreiben, die Härte genommen.

"Gott weist auf seinen Knecht hin. Er steht als der Eine den Vielen gegenüber, als der wahrhaft Gerechte denjenigen, die die Gerechtigkeit benötigen."[58]

Deuterojesaja, der sich als Zeitzeuge einer Wende zum Heil begriff, stieß zu Lebzeiten auf wenig Gehör. Sein Kranksein wurde als Strafe Gottes missdeutet, sodass er für potentielle Zuhörer keine prophetische Autorität darstellte. Das vorliegendes Gottesknechtslied stellt diese leidvolle Periode in der Biographie Deuterojesajas in einen ganz anderen Zusammenhang. Seine Qual und sein Tod sind der Beginn eines Weges, der mit einer Erhöhung durch Gott enden soll. Er übernimmt als Gottesknecht eine Stellvertreterfunktion für das Volk Israel.

"Der Knecht hat die Sünden, die Strafgründe, die Schuldleiden übernommen, und diese übernehmen umgekehrt seine Schuld- und Straflosigkeit, das Heil."[59]

Somit ist er Wegbereiter für die positive Wende des Schicksals Israels.

10. Deuterojesaja

10.1. Prophetie in Israel

Als im 8. Jahrhundert v. Chr. Assyrien Israel bedrohte, traten erstmals Propheten im Lande auf, die kommendes Unheil und die Vertreibung aus dem von Jahwe geschenkten Land verkündeten. Der Grund dafür lag ihrer Meinung nach in dem Abfall von Jahwe durch falschen Götterkult[60]. Die Schriftpropheten des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr. haben das religiöse Denken Israels tiefgreifend verändert. Während ihr Kult sich bisher an der Heilsgeschichte der Vergangenheit orientierte, beginnt nun die Ankündigung zukünftigen Heils.

Aus Propheten, die das unabwendbare Unheil der Deportierten in Babylonien vorhersagten, werden Propheten, die zur Umkehr im Glauben mahnen, um dem Untergang zu entkommen. Die Hoffnung auf eine Erneuerung des Bundes mit Jahwe und die Rückkehr in ein neuerstandenes Jerusalem mit wiedererbautem Tempel setzt ein, um bei Deuterojesaja zum alleinigen Thema zu werden[61].

10.2. Das Jesajabuch

Das Jesajabuch in heutiger Form enthält drei Prophetenbücher, das Buch des Jesaja des 8. Jahrhunderts v. Chr., das die Verse 40-55 umfassende Buch des zweiten Jesaja (Deuterojesaja) und das Buch des dritten Jesaja (Tritojesaja) [62].

Die Schriftprophetie ist ein "sekundärer Akt"[63] der weiterhin mündlichen Verkündigung; sie wurde teils zu Lebzeiten niedergeschrieben, teils später ergänzt und ist eine Sammlung von Sprüchen, die notdürftig in einem literarischen Zusammenhang wurde[64].

10.3. Deuterojesajas Lebens und Wirken

Deuterojesaja wirkte zwischen 546 und 539 v. Chr. während der Exilszeit der Israeliten in Babylon bis zur Eroberung Babylons durch Kyros. Vermutlich wurde er von den Babyloniern verfolgt und hingerichtet, da seine Verkündigung sich gegen die Machthaber wandte[65].

10.4. Deuterojesajas Heilserwartung

Deuterojesaja verkündet eine eschatologische Heilsbotschaft[66]. Diese unterscheidet zwischen zwei Zeitaltern. Deuterojesaja sieht sich am Ende des einen, auf der Schwelle des anderen. Die Zeit der Schuld und Not -so Deuterojesaja- ist vergangen und die der Erlösung und des Heils hat begonnen[67].

Der Untergang Judas und das babylonische Exil sind einmalige geschichtliche Ereignisse, denen nun eine ewige Heilszeit folgt[68].

Die Theologie Deuterojesajas geht davon aus, dass es nur den einen Gott gibt. Israel ist allein Jahwe verpflichtet[69] und verneint auch die Existenz anderer Götter. Wenn also nur ein Gott existiert, dann lenkt er folglich auch alle Geschehnisse von der Schöpfung bis zur Endzeit des ewigen Heils[70]. Damit hat Deuterojesaja die Weichen für die kommenden Propheten und die religiöse Entwicklung Israels gestellt.

Deuterojesaja kündigt die Befreiung Israels aus dem babylonischen Exil als neuen Exodus an. Für ihn ist Kyros ein Werkzeug Gottes, die Babylonier zu besiegen und Israel zu befreien[71].

Ein wesentliches Merkmal Deuterojesajas Prophetie ist die Psalmensprache[72].

Seine bezeichnendste Form der Heilsworte ist die Heilszusage oder das Heilsorakel. Sie ist die Antwort auf die Einzelklage aus dem Volke und eigentlich eine Erhörungszusage Gottes. Eingeleitet wird sie mit einem imperativen Ruf z. B. "Fürchte dich nicht!". Ihm folgt eine perfektische Botschaft z. B. "Ruft ihr zu, dass vollendet ist ihr Frondienst!", weil die Entscheidung Gottes bereits gefallen ist. "Die Wende zum Heil ist Faktum"[73].

Im Gegensatz zur Heilszusage richtet sich Deuterojesajas Heilsankündigung gegen die Volksklage und ist futuristisch[74] z. B. "Ich öffne aus den Kahlhöhen Ströme und Quellen inmitten der Gründe".

Die Heilsankündigungen Deuterojesajas können auch in Form einer Bestreitung erfolgen und somit indirekt sein.

So bestreitet er z. B. die Klage Zions und verheißt den Wiederaufbau und die Rückkehr der Exilierten[75].

Deuterojesaja beabsichtigt das Volk Israel aus seiner Lethargie zu reißen; seine Botschaft soll Freude erwecken und zum Jubel und Gotteslob aufrufen[76].

"Seine Reden verkünden nicht nur das Heil; sein prophetisches Wort selbst ist das Heil, weil es dies nicht nur verkündet, sondern schafft[77]."

Münster, den 22. März 2003,

[...]


[1] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 131

[2] Baltzer, Fachdidaktik, 131

[3] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 130

[4] vgl. Reclams Bibellexikon, 323

[5] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 130

[6] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 135

[7] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 138

[8] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 130

[9] ebd.

[10] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 140

[11] ebd.

[12] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 134 f.

[13] vgl. Baltzer, Fachdidaktik, 135

[14] vgl. Reclams Bibellexikon, 60

[15] ebd.

[16] vgl. Baltzer, Deuterojesaja, 41

[17] vgl. Reclams Bibellexikon, 246

[18] Baltzer, Deuterojesaja, 42

[19] vgl. Reclams Bibellexikon, 206 f.

[20] ebd.

[21] ebd.

[22] vgl. Reclams Bibellexikon, 406

[23] vgl. Reclams Bibellexikon , 429 f.

[24] ebd.

[25] ebd.

[26] ebd.

[27] vgl. Noth, Leviticus, 7

[28] vgl. Reclams Bibellexikon, 429 f.

[29] vgl. Reclams Bibellexikon, 500 f.

[30] vgl. Reclams Bibellexikon, 29

[31] vgl. Reclams Bibellexikon, 297

[32] vgl. Leviticus 24, 1-9

[33] vgl. Reclams Bibellexikon, 309

[34] vgl. Reclams Bibellexikon, 300 f.

[35] ebd.

[36] vgl. Reclams Bibellexikon, 117

[37] vgl. Reclams Bibellexikon, 273

[38] vgl. Noth, Exodus, 107

[39] Reclams Bibellexikon, 108

[40] Fohrer, Buch Jesaja, S. 157

[41] vgl. Baltzer, Deuterojesaja, 179

[42] vgl. Baltzer, Deuterojesaja, 7

[43] Fohrer, Buch Jesaja, 157

[44] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 157

[45] Baltzer, Deuterojesaja, 7

[46] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 146

[47] vgl. Reclams Bibellexikon, 421

[48] ebd.

[49] Baltzer, Deuterojesaja, 15

[50] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 148

[51] vgl. Westermann, Jesaja, 198

[52] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 154

[53] Fohrer, Buch Jesaja, 156

[54] ebd.

[55] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 160

[56] ebd.

[57] ebd.

[58] Fohrer, Buch Jesaja, 161

[59] Fohrer, Buch Jesaja, 164

[60] vgl. Reclams Bibellexikon, 407

[61] vgl. Reclams Bibellexikon, 408

[62] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 1

[63] Reclams Bibellexikon, 407

[64] vgl. Reclams Bibellexikon, 407

[65] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 11

[66] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 4

[67] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 7

[68] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 8

[69] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 9

[70] ebd.

[71] vgl. Fohrer, Buch Jesaja, 2 f.

[72] vgl. Westermann, Jesaja, 11

[73] Westermann, Jesaja, 13

[74] vgl. Westermann, Jesaja, 15

[75] ebd.

[76] vgl. Westermann, Jesaja, 13 f.

[77] Baltzer, Deuterojesaja, 130

12 von 13 Seiten

Details

Titel
Exegese Jesaja
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Proseminar
Note
befriedige
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V107941
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Jesaja, Proseminar
Arbeit zitieren
Marie Wandschneider (Autor), 2003, Exegese Jesaja, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107941

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