Leitbilder der Raumordnung: von den "zentralen Orten" zum "Städtenetz"


Seminararbeit, 2003

22 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zentrale Orte
2.1 Zentrale Orte – Definition
2.2 Kritik am Konzept der Zentralen Orte
2.3 Die Zentrale-Orte-Theorie in der Wissenschaft 1933 - 1990
2.4 Das Zentrale-Orte-Konzept in der Raumplanung 1960 - 1990
2.5 Das Zentrale-Orte-Konzept in der Raumplanung heute

3. Städtenetze
3.1 Definition des Begriffs "Städtenetz"
3.2 Klassifikation von Städtenetzen
3.3 Voraussetzungen von Städtenetzen
3.4 Kritik an Städtenetzen
3.5 ExWoSt – Programm
3.5.1 Das Städtenetz "MAI"
3.5.2 Das Sächsisch-Bayerisches Städtenetz

4. Raumordnung heute und in Zukunft
4.1 Städtenetze und Raumordnung
4.2 Zentrale Orte und Städtenetze

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Nachdem die Zentralitätsforschung in den 80er Jahren, u.a. aufgrund einer Vielzahl von Kritikpunkten, einen Abschwung erlebt hat, gibt es heute kaum noch Bemühungen um eine Weiterentwicklung der Zentrale-Orte-Theorie.

Statt dessen hat sich die Aufmerksamkeit der Raumordnungsplaner und auch der –wissenschaftler auf andere Bereiche verlagert. Nachdem in den späten 70ern und 80ern als Ablösung der Zentralen-Orte-Forschung Entwicklungszentren und Entwicklungsachsen als raumplanerische Instrumente entstanden, wurde in den 90ern Städtenetze als wichtigste Neuerrungenschaft in der Raumordnung "entdeckt".

Erstmals bedeutende Erwähnung finden Städtenetze (engl. "urban networks") in dem 1991 von der EG-Generaldirektion für Regionalpolitik, veröffentlichtem Dokument "Europa 2000" (Danielzyk, R. u. A. Priebs). Der Raumordnungspolitische Orientierungsrahmen des Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (BMBau) Ende 1992 brachte die Städtenetze erstmals in die deutsche Raumordnungsplanung ein.

Seither findet eine rege Diskussion um Städtenetze statt, und es wurden experimentelle Forschungsprojekte gestartet.

Dieses Referat soll nun versuchen, die Besonderheit von Städtenetze darzustellen und die Erwartungen, Möglichkeiten und auch Gefahren von Städtenetzen aufzuzeigen. Es soll des weiteren versucht werden einen Einblick in die Diskussion um die Verträglichkeit von Städtenetzen mit anderen Instrumenten der Raumordnung, zu denen immer noch das Konzept der Zentrale Orte zählt, zu geben.

Um dies alles sinnvoll ausführen zu können, wird zunächst die Zentrale-Orte-Theorie kurz dargestellt, worauf sich eine Beschreibung der Bedeutung der Zentralen Orte, in zeitlichem Kontext, in der Wissenschaft und der Praxis gegeben werden soll.

Anschließend wird das Konzept der Städtenetze erläutert und an zwei Beispielen dargestellt.

Im letzten Punkt soll auf die Verträglichkeit von Städtenetzen mit der Raumordnung und des Zentrale-Orte-Konzepts eingegangen werden.

2. Zentrale Orte

2.1 Zentrale Orte – Definition

Die klassische Theorie der Zentralen Orte stammt von Walter Christaller aus dem Jahre 1933. Er hat damit versucht, ökonomisch "die Verteilung unterschiedlich großer Siedlungen bzw. Zentraler Orte zu erklären und Regelhaftigkeiten ihrer räumlichen Anordnung nach Größenkategorien zu erfassen." (H. Heineberg, S. 81).

Dabei ging Christaller von der Überlegung aus, dass Produkte unterschiedlich oft in Anspruch genommen werden. So werden z.B. Lebensmittel fast täglich neu benötigt, während andere Produkte wie z.B. Bekleidung seltener gekauft werden. Christaller folgert daraus, dass z.B. Produkte des täglichen Bedarf für den Kunden leichter erreichbar sein müssen bzw. auf der Angebotsseite diese Produkte einen größeren Absatz haben und daher ein geringeres Einzugsgebiet brauchen, um rentabel zu wirtschaften. Dahingegen benötigen Produkte mit geringerem Absatz (z.B. Bekleidung) ein größeres Einzugsgebiet. Diese Überlegungen lassen sich auch auf andere Bereiche, z.B. Dienstleistungen, übertragen.

Dazu hat Christaller zum einen den Begriff "Zentraler Ort" neu geprägt, zum anderen sehr starre Annahmen formuliert:

zentraler Ort: Bezeichnung für eine Siedlung, die einen Bedeutungsüberschuss über die Versorgung der eigenen Bevölkerung hinaus besitzt (relative Zentralität). Diese Definition birgt Probleme vor allem in Verdichtungsräumen oder auch in Großstädten. So spricht z.B. Bobeck von einer absoluten Zentralität, die sich nicht an einem Bedeutungsüberschuss, sondern an der Anzahl aller zentralen Einrichtungen an einem Ort messen lässt. (nach H. Heineberg)

Annahmen:

(1) Anbieter und Konsumenten besitzen vollständige Informationen bzgl. Erfolg ihres wirtschaftlichen Handelns sowie der Handlungsalternativen
(2) Der Mensch als homo oeconomicus: Konsumenten streben maximalen Nutzen an, Anbieter streben maximalen Gewinn an
(3) ⇒ es gibt so wenig zentrale Orte wie nötig, jedoch soll kein Gebietsteil unversorgt bleiben
(4) räumliche Ausgangsbedingungen sind: nahezu alles ist konstant über den Raum verteilt (gleichmäßig verteilte Bevölkerung, Bodenfruchtbarkeit, natürliche Ressourcen und gleichförmiges Verkehrsnetz), die Transportkosten steigen proportional zur Entfernung

(nach J. Deiters, 1976)

Weiter unten formulierte Annahmen leiten sich aus den oben genannten ab.

Außerdem definiert Christaller bzgl. der Reichweite zentraler Güter zwei weitere Begriffe:

obere Grenze der Reichweite: die maximale Entfernung, die die Bevölkerung bereit ist, zurückzulegen, um ein Gut zu beziehen. Jenseits dieser Grenze sind die Fahrtkosten entweder zu hoch oder ein nähergelegenerer Ort ist günstiger zu erreichen.

untere Grenze der Reichweite: minimale Größe eines Gebietes, welches genügend Kunden für den rentablen Absatz eines Gutes enthält.

Aus Abb. 1 geht hervor, dass es unter den gemachten Annahmen zu einer hexagonalen Aufteilung der zentralörtlichen Bereiche kommt.

Zieht man nun verschiedene Güter mit unterschiedlichen Zentralitäten (und dementsprechend unterschiedlichen Reichweiten) in die Betrachtung ein, so ergeben sich, wie auch in Abb. 2 zu erkennen, weitere Eigenschaften:

- Zentrale Orte bilden ein hierarchisches System, wo Zentrale Orte verschiedener Zentralitäten unterschieden werden. Zentrale Orte höherer Ordnung bieten alle Güter der Zentrale Orte niederer Ordnung an, zusätzlich aber noch Güter mit einer höheren Zentralität. Sie besitzen daher eine größere Vielfalt.
- Zentrale Orte höherer Ordnung haben ein größeres Einzugsgebiet als Zentrale Orte niederer Ordnung. Zentrale Orte niederer Ordnung sind in den Ergänzungsgebieten der Zentralen Orte höherer Ordnung enthalten. Letztgenannte haben einen größeren Abstand zueinander und kommen seltener vor.
- Aufgrund der zuvor gezeigten hexagonalen Aufteilung der Einzugsgebiete der Zentralen Orte ergibt sich, dass ein Einzugsgebiet eines Zentralen Ortes höherer Ordnung drei mal so gross ist wie dass Einzugsgebiet eines Zentralen Ortes niederer Ordnung.

Auf weitere Details der Zentrale-Orte-Theorie soll hier verzichtet werden, da dies a) den Rahmen dieses Referates sprengen würde, und b) nicht besonders relevant für das restliche Referat ist.

2.2 Kritik am Konzept der Zentralen Orte

Kritik an dem Konzept der Zentralen Orten gibt es viel und auch vielfältig. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen Kritik an der Theorie als solches und Kritik an der Umsetzung in die Praxis. Die Kritik soll an dieser Stelle aufgeführt werden, da sie die Grundlage für den Bedeutungsverlust des Konzepts der Zentralen Orte in der Raumordnung darstellt.

Beginnen möchte ich mit der Kritik an der Theorie der Zentralen Orte. Sie stellt natürlich auch die Handlungsfähigkeit in der Praxis in Frage.

Die Theorie der Zentralen Orte setzt den Homo oeconomicus sowie den vollkommenen Markt voraus. Diese beiden Annahmen sind ohne Zweifel nicht der Realität entsprechend.

Auch weitere vorausgesetzte Sachverhalte bzw. Annahmen der Zentrale-Orte-Theorie haben heute nicht mehr die Bedeutung wie zu Christallers Zeiten oder waren von Anfang an wirklichkeitsfern:

- "Konsumenten fragen ein bestimmtes zentrales Gut stets am nächstgelegenen Angebotsort nach": zum einen spielen durch die erhöhte Mobilität Distanzen heutzutage eine geringere Rolle, zum anderen gehört zum Einkaufen oftmals mehr als das reine Besorgen eines Produktes. Somit ist die Attraktivität des Ortes für das Einkaufsverhalten der Bevölkerung mit verantwortlich.
- "Mit jedem Einkaufsweg wird jeweils ein nur zentrales Gut eingekauft": diese Annahme war von Beginn an realitätsfern, da oftmals Versorgungskopplungen getätigt werden. Verschärft wird die Disparität zwischen Theorie und Praxis hier noch durch neue Erscheinungen wie Shopping-Center welche ganz gezielt mit diesen Versorgungskopplungen rechnen.
- Auch Annahmen zum Unternehmerverhalten, wie z.B. Unternehmen gehen nur in unversorgte Gebiete oder Unternehmen siedeln sich nur in Zentren mit bereits vorhandenen niedrigrangigeren Gütern an, sind wirklichkeitsfremd.

(nach Blotevogel 1996a und Deiters 1996a)

Versucht man jedoch diese realitätsfernen Annahmen der Realität anzupassen, so wird die Theorie laut Blotevogel (1996a) schnell sehr unübersichtlich und kompliziert.

Auf praktischer Seite, bzw. im Bereich der Raumplanung, gab es Probleme, die zentralörtliche Gliederung auf verdichtete Räume zu übertragen. Gründe dafür sind u.a.:

- die Zentralität wurde an der Umlandbedeutung gemessen, welche für Entlastungsorte natürlich sehr gering ist, obwohl die Stadt eine relativ hohe absolute Zentralität besitzen kann.
- die Grundversorgungsfunktion ist in verdichteten Gebieten, auch im suburbanen Raum, ohnehin gegeben, was eines der Hauptziele der Zentralen Orte für verdichtete Gebiete überflüssig macht.

(Deiters 1996a)

Bei der Ausweisung der Zentralitätsstufen, wie nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern, kam es zu einem interkommunalen Konkurrenzkampf, der letztenendes eher schädlich als förderlich war, v.a. für Verdichtungsgebiete (Deiters 1996a). Außerdem gibt es bei der Ausweisung von Zentralitätsstufen unzählige eben dieser sowie verschiedene Auswahl- u. Abgrenzungskriterien (Deiters 1996b).

Des weiterem bemängelt Deiters, dass von der Raumplanung in dünn besiedelten Gebieten nicht Christallers "Markt- oder Versorgungsprinzip" (K-3-Netz) angewendet wird, sondern das "Absonderungs-" oder "Verwaltungsprinzip" (K-7-Netz) mit einer ausgeprägteren Stufung zentraler Orte. Dieses Verfahren hat eher strukturkonservierend gewirkt, da bei dem K-7-Netz z.B. die Einkaufsentfernungen größer ausfallen als bei einem K-3-Netz. Dieser Kritikpunkt ist auch einer der wichtigsten.

Die Umsetzung des Zentrale-Orte-Konzepts konnte die Unterversorgung ländlicher Gebiete laut Deiters weder verbessern noch vor einer Verschlechterung schützen. Teilweise wurde durch die Umsetzung in der Raum- und Regionalplanung die Unterversorgung noch verstärkt, indem v.a. Mittelzentren vor dem Hintergrund der Entwicklungspole in den 80ern vorrangig behandelt wurden.

2.3 Die Zentrale-Orte-Theorie in der Wissenschaft 1933 - 1990

Die Theorie der Zentralen Orte wurde, wie oben bereits erwähnt, 1933 von Walter Christaller aufgestellt. Zur damaligen Zeit wurde sie von der Geographie kaum richtig verstanden. Erst in den 60ern und 70ern wurde sie, dafür aber um so stärker, akzeptiert. Dies lässt sich u.a. dadurch erklären, dass sich die Geographie 1933 als Wissenschaft des Gelände-Empirismus (Blotevogel, 1996a) sah, und erst später sich zu einer theoriebildenen Wissenschaft wandelte.

Seit den späten 70ern und den 80ern verlor die Zentrale-Orte-Theorie wieder an Bedeutung. Am meisten Bedeutung hatte noch die Forschung nach der innerörtlichen Zentralität. Besonders im angelsächsischen Raum findet die Zentrale- Orte-Forschung zunehmend weniger Beachtung, und auch in der Raumplanung kam vermehrt Kritik auf.

Blotevogel vergleicht den Werdegang der Zentrale-Orte-Theorie in der Wissenschaft mit der Theorie der Langen Wellen. So teilt er den Verlauf in 5 (bzw. 4) Phasen:

1. Phase: Anfangsphase 1933 bis 1950
2. Phase: Wachstumsphase 1950 bis 1960
3. Phase: Reifephase 1960 bis 1975
4. Phase: Abschwungphase 1975 bis 1995 (oder heute?)

Vergleichbar ist der Werdegang der Zentrale-Orte-Theorie in der Raumplanung, nur liegen die Phasen zeitlich leicht verschoben (1933 – 1950, 1950 – 1965, 1965 – 1975, 1975 - ?). Darauf soll später detaillierter eingegangen werden.

2.4 Das Zentrale-Orte-Konzept in der Raumplanung 1960 - 1990

Wie bereits weiter oben erwähnt, lässt sich der Bedeutung des Konzepts Zentraler Orte in der Raumplanung in verschiedene Phasen einteilen. Interessant in diesem Zusammenhang wird es ab der 2. Phase:

in den Jahren 1963 und 1965 erschien erstmals die Terminologie der Zentralen Orte mit der Forderung einer Grundversorgung für ländliche Räume, oder wie es damals genannt wurde, für Räume mit "zurückgebliebenen Lebensbedingungen".

In der 3. Phase, also von ca. 1965 bis 1975, wurden das Zentrale-Orte-Konzept flächendeckend in die Raumordnung implementiert, und zwar mit der Unterteilung in Ober-, Mittel-, Unter- und Kleinzentren.

Dabei wurde in den 60er Jahren besonderer Wert auf die flächendeckende Grundversorgung, also auf Unter- und Kleinzentren gelegt, wohingegen sich die Aufmerksamkeit in den 70er Jahren, aufgrund der erhöhten Mobilität und der Erweiterung des Zentrale-Orte-Konzepts um die Entwicklungsfunktions (bzw. den Entwicklungsstandort), auf Mittel- und Oberzentren richtete.

Besondere Bedeutsamkeit erreichte das Zentrale-Orte-Konzept, als zwischen 1967 und 1975 in vielen Ländern kommunale Gebietsreformen durchgeführt wurden. In allen Ländern, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität und Auslegung, wurde das Zentrale-Orte-Konzept als Grundlage der Neuordnung genommen.

In den 80er Jahren erlebte das Zentrale-Orte-Konzept einen Abschwung; es wurden nur noch Überbleibsel beibehalten bzw. mitgeschleppt. Neue Instrumente, die vor allem ökologisch- (Deiters 1996a) und projektorientierter orientiert waren, traten in den Vordergrund.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands erfuhr das Zentrale-Orte-Konzept eine Art Renaissance durch die Raumordnungsplanung in Ostdeutschland. Vor allem die äußerst geringe Bevölkerungsdichte nördlich und östlich von Berlin, ein ausgeprägter Stadt-Land-Gegensatz sowie Ausstattungsdefizite von Klein- und Mittelzentren brachten die geeigneten Bedingungen für den Einsatz des zentralörtlichen Gliederungsprinzips (Deiters 1996a).

2.5 Das Zentrale-Orte-Konzept in der Raumplanung heute

Die Stellung der Zentrale Orte in der Raumordnung heute und vor allem in der Zukunft wird in der Wissenschaft unterschiedlich gesehen. Hier sollen kurz zwei Positionen dargestellt werden:

Trotz der Kritik an dem Konzept der Zentralen Orte, sowohl auf wissenschaftlicher als auch auf anwendungspraktischer Seite, enthält laut Stiens das System der Zentrale Orte einige Eigenschaften, die auch in Zukunft für die Regionalplanung von Bedeutung sein sollten:

- Die Sicherung der Mindest- oder Grundversorgung in dünn besiedelten Räumen , die vor allem durch die unterste Hierarchiestufe der Zentralen Orte gewährleistet wird.
- auch zukünftig sollte Landes- und Regionalplanung den Anspruch erheben, rechtlich fixierte und langfristige Zielsetzungen zu geben.

Auch Blotevogel (1996b) hält ein verändertes Zentrale-Orte-Konzept in der Raumplanung für funktionsfähig und auch für sinnvoll. Als Hauptmodifikationen sind hierbei v.a. eine Erweiterung nach Unten sowie eine Flexibilisierung zu nennen. Als wichtigste Gründe für die Beibehalten des Zentrale-Orte-Konzepts nennt Blotevogel der Sicherung wohnstandortnaher Versorgung, die Steuerung des großflächigen Einzelhandels und damit verbunden eine nachhaltige Siedlungsstrukurplanung, die durch eine Minimierung der Versorgungswege gegeben ist.

Dahingegen fordert Deiters (1996a) die Aufgabe des Zentrale-Orte-Konzepts als Basismodell der Raum- und Landesplanung. Diesbezüglich stellt er 3 Forderungen:

1. Abschaffung der Ausweisung von zentralörtlichen Systemen, da von diesen so gut wie keine Handlungsimpulse ausgehen.
2. Aufweichung des starren Zentrale-Orte-Systems, um auch bei kleineren Gemeinden (500 Einwohner), durch Zusammenlegung öffentlicher und privater Dienstleistungen sowie einen flexibleren öffentlichen Nahverkehr, sprich durch endogene Lösungen, die Grundversorgung zu sichern.
3. Anstelle flächendeckender Ordnungsmuster sollen Entwicklungsorientierte Strategien in Form von Städtenetzen treten. Damit soll nicht nur eine Grundversorgung gewährleistet werden, sondern auch sonstige Standortvorteile geschaffen werden.

3. Städtenetze

3.1 Definition des Begriffs "Städtenetz"

Den Begriff Städtenetz zu definieren ist nicht einfach. Es gibt viele Arten von Städtenetzen, die sich nach Art des Netzes und Größe bzw. Ausdehnung unterscheiden. In einem, für die Verbreitung bzw. der Anwendung von Städtenetzen, grundlegendem Dokument ("Europa 2000") der EG-Generaldirektion für Regionalpolitik, wurde ein Versuch der Definition vorgenommen, der aufgrund seiner Allgemeinhaltung mehr Verwirrung als Klarheit geschaffen hat. Die Definition läuft darauf hinaus, das Städte auf irgend eine Art und Weise untereinander vernetzt sein müssen, was heutzutage meist der Fall ist; somit wären Städtenetze nichts Neues (Danielzyk , R. u. A. Priebs).

Auch Brake räumt ein, dass als Städtenetz sowohl eine kleinräumige Kooperation von Gemeinden zum effektiveren Aufgabenmanagement zu bezeichnen sind, aber auch Bündnisse von Millionenstädten, z.B. zum Erfahrungsaustausch.

Im regionalplanerischen bzw. regionalpolitischen Zusammenhang wurden im Rahmen des ExWoSt – Forschungprogramms (dazu später mehr) 10 "Kriterien" aufgestellt, um der Nähe zur Beliebigkeit vorzubeugen, die zum großen Teil auch von mehreren Autoren (u.a. Brake) genannt werden:

1. Freiwilligkeit

Die beteiligten Akteure arbeiten aus freier Entscheidung an den Städtenetzen mit.

2. Gleichberechtigung

Die beteiligten Städte sind, unabhängig von ihrer Größe, gleichberechtigte Partner.

3. Gemeinsames Geschäftsziel

Städtenetze haben ein gemeinsames Geschäftsziel, auf das alle Städte hinarbeiten und von dem alle Städte Nutzen ziehen.

4. Interessenidentität

Jede Stadt erwartet von dem Städtenetz, dass sie in diesem ihre Aufgaben besser erfüllen kann.

5. Keine Nivellierung

Trotz der Kooperation auf vielen Gebieten gibt es immer noch Gebiete, auf denen Städte eines Städtenetzes weiterhin in Konkurrenz stehen. Dieser Fakt bereitet viele Probleme.

6. Mehrdimensionalität

Die Kooperation findet in mehreren Themenfeldern statt, womit sich die Städtenetze deutlich von zuvor vorhandenen Zweckverbänden abgrenzen.

7. keine neue Zuständigkeitsebene

Alle Aufgaben bleiben auch weiterhin in der Verantwortung der einzelnen Städte.

8. Konkrete Aufgaben

Es gibt konkrete Aufgabenfelder, die über den reinen Informationsaustausch hinaus gehen.

9. Raumbedeutsamkeit

Städtenetze bewirken Maßnahmen, die die Ausnutzung der Potentiale eines Raumes beeinflussen.

10. Regionaler Bezug

Städtenetze bestehen aus Städten aus eine Region; regionale Identität soll aufgebaut werden.

(BBR, 1999)

Um auf Brake zurückzukommen, so soll es sich in diesem Referat um regionale Städtenetze handeln, also Städtenetze in denen die interkommunale Kooperation am ausgeprägtesten ist. Dies scheint auch daher angebracht, da die hier dargestellten Städtenetze vergleichbar mit dem Konzept der Zentralen Orte sein sollen.

An dieser Stelle soll ein weiterer Begriff definiert werden:

Kooperativer Gesamtstandort: durch Arbeitsteilung und Kooperation mehrere Kommunen, sprich durch die Vernetzung, wird die Qualität eines höherwertigen Einzelstandortes erzeugt.

3.2 Klassifikation von Städtenetzen

In dem Raumordnungspolitischen Orientierungsrahmen des BMBau von 1993 werden Städtenetze unterschieden in Städtenetze

- mit besonderem Entlastungsbedarf
- mit Ausbaubedarf
- mit besonderem Entwicklungsbedarf (in den neuen Bundesländern)

Städtenetze mit besonderem Entlastungsbedarf befinden sind laut Knieling in Verdichtungsräumen, wohingegen Städtenetze mit Ausbau- und mit besonderem Entwicklungsbedarf in verdichtungsraumfernen Gebieten liegen. Letztere sind in der Raumordnungspolitik nach Brake vor dem Hintergrund der Ausgleichsziele besonders relevant.

Knieling (und auch andere Autoren) untergliedert die Städtenetze in verdichtungs-raumfernen Gebieten weiter nach 3 Gebietstypen, woraus sich 3 Städtenetzmodelle ergeben:

- abgelegene, locker strukturiert und strukturschwache ländliche Räume

Auffang – Netze: Ziel ist es die Versorgungssituation der Bevölkerung zu sichern und zu verbessern; Vernetzungsbereiche sind Bildung / Kultur, Gesundheit / Sport und soziale Dienste.

- isolierte, gering verdichtete Räume mit industriellen Entwicklungsansätzen

Stabilisierungs – Netze: durch Synergie-Effekte soll neben der Versorgungssicherung ein Standortvorteil (Entwicklungsfunktion) geschaffen werden. Themenfelder: Infrastruktur, Bildung / Kultur, Gesundheit / Sport, Soziale Dienste, Vermarktung des Städtenetzes.

- Transiträume, stärker verdichtet, Wachstumstendenzen in außer-landwirtschaftlichen Bereichen

Aufhol – Netze: Verwaltungsmodernisierung, Lobbyarbeit, Verbesserung der Standortqualität, Marketing

Eine weitere, grundlegendere Klassifikation kommt von Priebs. Er unterscheidet Städtenetze wie folgt:

- Funktionale Städtenetze: diese Bezeichnung bezieht sich auf ein System vielfältiger funktionaler Vernetzung zwischen Städten. Einfaches Beispiel ist hierfür eine Stadtregion mit einer Kernstadt und mehreren Umlandkommunen.
- Strategische Städtenetze: hierbei handelt es sich um bewußt eingegangene Allianzen von mehreren Städten, um zum Einen netzinterne Vorteile, wie z.B. Synergieeffekte, zu erzielen, und zum Anderen durch ein gemeinsames Auftreten, z.B. zur Imagepflege oder gegenüber übergeordneten Administrationen, positive Effekte zu erzielen.
- Normative Städtenetze: von oben, z.B. von Landesebene, festgelegte Städtenetze. Sachsen ist bislang das einzige Bundesland, das die Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz / Zwickau dazu anhält, ihre Verflechtungen untereinander auszubauen (top down-Prinzip). An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass die Landesregierung darauf angewiesen ist, dass die betroffenen Städte dies akzeptieren und so das vorgegebene Städtenetz auch Früchte trägt.

Die vorherigen Klassifikationsversuche, sowie die Verwendung des Begriffs Städtenetz im weiteren Referat, bezieht sich auf die strategischen Städtenetze.

3.3 Voraussetzungen von Städtenetzen

Städtenetze sind aus dem Zwang heraus entstanden, die neuen Belastungen durch den globalen Wettbewerb, vor allem aber durch die Konkurrenz anderer europäischer Metropolen, zu bewältigen (u.a. Brake), wie dies besonders für das Städtenetz MAI zutrifft. Diese neuen Belastungen drücken sich neben den politischen Veränderungen aus in der "Flexibilisierung und Globalisierung marktwirtschaftlichen Agierens, die Maßstabsvergrößerung von Aktionsradien [...] [sowie] eine Neubewertung von Standortqualitäten" (Brake, S. 18).

Als weiterer Grund für die Entwicklung von Städtenetzen ist die angespannte Finanzlage, besonders bei den Kommunen, was zu der Überlegung der endogenen Entwicklungsstrategien führte.

Förderliche Voraussetzungen sind:

- Vernetzungsorientiere Verhaltensweisen der Bewohner / Unternehmen, wie er oft durch die, aufgrund des sozioökonomischen Strukturwandels, erhöhte Mobilität gegeben ist (Brake).
- Wichtig für den Erfolg der Vernetzung sind die Größe der Städte, die Lage zu Verdichtungsräumen sowie die Distanz zwischen den Städten. Als positive Voraussetzungen sieht Brake Städte mit rund 60.000 Einwohnern und einer größeren Entfernung zu Verdichtungsräumen, bei einer Entfernung zwischen den Städten von max. 20km. Die Städte sollten in etwa die gleiche Größe / Bedeutung haben.
- Unabdingbar ist die Freiwilligkeit der beteiligten Akteuren, womit der Handlungswille von unten (bottom up) einhergeht.

3.4 Kritik an Städtenetzen

Im folgenden sollen einige wenige, aber häufig zu findene, Kritikpunkte an Städtenetzen genannt werden. Diese beziehen sich auf die Auswirkungen von Städtenetzen in der Praxis.

Städtenetze verhalten sich selektiv; sie beachten weder den sektorübergreifenden Koordinationsanspruch noch den flächendeckenden Anspruch (⇒"Maschen" des Netzes werden ausgelassen) der Raumordnung, womit sie den Ausgleichsaspekt dieser nicht einhalten (nach Knieling). Anders ausgedrückt (ebenfalls nach Knieling): Städtenetze sind eine stadtbezogene Politik, wohingegen die übrige Raumordnung eine ausgleichsorientierte Politik betreibt. Daher stellt sich die Frage, inwieweit Städtenetze mit der bestehenden Raumordnung, besonders mit dem System der Zentralen Orte, "verträglich" sind.

Im gleichen Zusammenhang wird u.a. von Brake darauf hingewiesen, dass ohnehin starke Städte eher Städtenetze eingehen (z.B. MAI), was ebenfalls dem Ausgleichsziel der Raumordnung widerspricht.

Ein weiterer Kritikpunkt besagt, dass Städtenetzen eine wenig fundierte und empirisch kaum bewiesene Theorie zugrunde liegt.

3.5 ExWoSt – Programm

1994 wurde, im Auftrag des Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (BMBau), im Rahmen des Experimentellen Wohungs- und Städtebaus (ExWoSt), das Forschungsfeld "Städtenetze" gegründet. Ziel des Forschungsfeldes "Städtenetze" war es, anhand von 11 (bzw. 12) Modellprojekten

- die beste Organisationsform von Städtenetzen zu ermitteln,
- Möglichkeiten der Initiierung neuer Städtenetze erarbeiten sowie
- Wirkungsmechanismen in Städtenetzen zu analysieren und zu optimieren.

(nach Fahrenkrug).

1995 wurden 11 Modellvorhaben ausgewählt, die die ganze Vielfalt der deutschen Siedlungsstruktur widerspiegeln (BBR 1999), und die 3 Jahre lang betreut und analysiert wurden. 1996 kam ein 12. Modell dazu ("HOLM").

Nach Beendigung dieses Projekts wurde das Forschungsfeld "Städtenetze" als "FORUM Städtenetze" fortgesetzt. Ziel ist dabei, die bestehenden Kooperationen beizubehalten, weitere Kommunen zur Kooperation zu motivieren und einen Erfahrungsaustausch anzubieten (nach FORUM Städtenetze) . Eine solche Plattform wird als nötig erachtet, da Kommunen bislang nicht zu Kooperationen gezwungen werden, gewillte Kommunen aber auf diesem Wege unterstützt werden sollen, v.a. durch Informationen und Erfahrungen.

Hier sollen nun 2 dieser Modellvorhaben, nämlich das "Sächsisch-Bayerische Städtenetz", welches sich durch die zu überwindende Ländergrenze auszeichnet, und das Städtenetz "MAI", welches als typisches Städtenetz mit Entlastungsbedarf anzusehen ist, beispielhaft dargestellt werden.

3.5.1 Das Städtenetz "MAI"

Bereits im Jahr 1992 gab es eine erste institutionalisierte Kooperation zwischen den Städten München, Augsburg und Ingolstadt, damals noch erweitert um die Städte Landshut und Rosenheim, in Form eines Arbeitskreises Südbayern. 1993 bekräftigten die Städte München, Augsburg und Ingolstadt ihren Willen zur Zusammenarbeit in einer Art Städtekooperation. 1995 wurde die Städtekooperation in einen eingetragenen Verein mit der Bezeichnung "Wirtschaftsraum Südbayern München, Augsburg und Ingolstadt (MAI)" umgewandelt, womit man sich gegenüber interessierten Kommunen, Gemeinden aber auch anderen Einrichtungen wie Kammern, Sparkassen und Unternehmen öffnete. Ausserdem wurde das Städtenetz als eines der Modellvorhaben der ExWoSt – Forschungsprogrammes angenommen.

München hat von der Wirtschaftskraft her, im Vergleich mit den anderen Städten, eine eindeutige Vormachtstellung.

Das Ziel der Kooperation war es, frühzeitig auf einen gewandelten Wettbewerb, u.a. hervorgerufen durch die Öffnung des europäischen Binnenmarktes, durch Stärkung der wirtschaftlichen Attraktivität und einer gemeinsamen Darstellung des Standortes nach außen, zu reagieren. Als Teilziele wurden formuliert:

- Erhaltung / Verbesserung der Wirtschaftskraft,
- Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen,
- Erhaltung / Verbesserung der Lebensqualität,
- Entwicklung eines Leitbildes für die Region,
- Aufbau einer gemeinsamen MAI-Identität,
- Entwicklung eines gemeinsamen, abgestimmten Handlungsrahmens und
- Aufbau eines prägnanten MAI-Imageprofils

(Hachmann, R. u. K. Mensing).

Als inhaltliche Arbeitsgebiete ergeben sich daraus die Handlungsfelder Marketing, Wirtschaftsförderung, Verkehr, Technologietransfer sowie Fremdenverkehr (Hachmann, R. u. K. Mensing). Der Grundgedanke bei der Gründung des Städtenetzes MAI war also rein wirtschaftlicher Natur.

3.5.2 Das Sächsisch-Bayerisches Städtenetz

Das Sächsisch-Bayerische Städtenetz, welches vor dem ExWoSt – Programm keinerlei Erwähnung fand, besteht aus 5 Oberzentren mit 53.000 bis 280.000 Einwohnern. Namentlich sind dies Chemnitz, Zwickau, Plauen (Sachsen), Hof und Bayreuth (Bayern). Diese 5 Städte liegen auf einer Linie im Raum. Die Besonderheit liegt darin, dass dieses Städtenetz ländergrenzenübergreifend arbeitet.

Als Ziele der Kooperation werden neben der Optimierung der Kosten und des Ressourceneinsatzes und dem Erzielen von Synergieeffekten (BBR 1999) genannt:

- Ausbau der Schienenverbindung einschl. Vernetzung mit ÖPNV
- Kooperation kultureller Einrichtungen (z.B. Theater)
- gemeinsame Förderung des Städtetourismus
- abgestimmte Errichtung von Technologiezentren

(BBR 1999).

Der Ausbau der Schienenverkehr hatte zumindest in der ersten Phase oberste Priorität. Zu diesen Zielen bildeten sich jeweils Arbeitskreise.

Das Städtenetz erfährt eine wissenschaftliche Betreuung der TU Chemnitz-Zwickau.

Nach dem Ende des ExWoSt – Programms haben die Städtenetzpartner ihre Kooperation in Eigenregie fortgesetzt und beteiligen sich auch an dem "Forum Städtenetze" .

4. Raumordnung heute und in Zukunft

Eine häufig gestellte Frage, und für das Thema dieses Referates quasi die Gretchen-Frage, ist, ob Städtenetze das klassische Gefüge der Raumordnung inklusive der Zentrale-Orte-Theorie eher gefährden oder aber sich eingliedern lassen und das Gefüge Raumordnung erweitern.

In diesem Zusammenhang gilt es natürlich ebenfalls zu klären, ob das Zentrale-Orte-Konzept überhaupt noch als Raumordnungskonzept haltbar ist. Auch dort gibt es verschiedene Meinungen, die weiter oben unter dem Punkt "Zentrale Orte in der Raumplanung heute" bereits angeschnitten wurden.

4.1 Städtenetze und Raumordnung

Hier sollen einige Meinungen zu diesem recht kontrovers diskutierten Thema dargestellt werden:

Städtenetze fungieren im Sinne der Dezentralisierung, einem modernen Aspekt der Raumentwicklung. Sie ergänzen bewährte Ansätze der Raumordnung um Dynamik, sie liefern eine zeitgemäße Öffnung (Brake).

Städtenetze fungieren, vor allem Städtenetze "mit besonderem Entlastungsbedarf", im Sinne der "dezentralen Konzentration". Hierbei werden Funktionen und Produktionen aus den zu entlastenden Räumen in "Entlastungsorte" und "Entlastungskonzentrationen" verlagert (Stiens).

Städtenetze können laut Brake einen "kooperativen Entwicklungsschwerpunkt" bilden, der in das Konzept der Entwicklungsschwerpunkte und –achsen der Raumordnung passt.

Laut Priebs eckt das Konzept der Städtenetze an das der Zentralen Orte dahingegen eher an. So hebt er z.B. hervor, dass Zentrale Orte auf einer hierarchischen Struktur basieren, während bei Städtenetze die Gleichberechtigung von Städten eine Voraussetzung ist.

Städtenetze basieren auf dem "bottom-up" Prinzip, was im Konflikt mit dem "top-down" Prinzip der meisten Raumordnungskonzeptionen steht (Brake). Ebenso haben Städtenetze einen akteurs- und aktionsbezogenen Charakter, wohingegen die meisten Raumordnungskonzeptionen deskriptive und statische Zielformulierungen besitzen.

Stiens, aber auch andere Autoren wie z.B. Priebs, weist darauf hin, dass Städtenetze neue Disparitäten schaffen bzw. bestehende verstärken und sie somit dem Ziel der Raumordnung, gleichwertige Lebensbedingungen zu schaffen, entgegenstehen. Dies begründet er mit dem Hinweis darauf, dass sich a) Netzmaschen bilden, und die darin befindlichen Zentren einen zumindest relativen Bedeutungsverlust erfahren werden, und b) sich Städtenetze am ehesten aus den stärkeren Städten zusammen setzen werden und somit ohnehin schwache Städte eine weitere Abwertung erfahren werden.

4.2 Zentrale Orte und Städtenetze

An dieser Stelle soll nun ein direkter Vergleich bzw. eine Gegenüberstellung des Konzeptes der Zentralen Orte und von Städtenetzen gegeben werden:

Tabelle 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Priebs, 1996, S. 685

Wichtig ist bei der Betrachtung dieser Tabelle, dass es sich hierbei um strategische interregionale Städtenetze handelt. Die Abgrenzung zwischen Zentralen Orte und normativen Städtenetzen ist dahingegen wesentlich schwieriger: hierbei funktionieren auch die Städtenetze nach dem "top-down" – Prinzip und arbeiten nun auch auf der formellen Ebene.

Es soll noch hinzugefügt werden, dass Städtenetze die flächendeckende Einteilung in Zentrale Orte überlagern. Die Einteilung in die verschiedenen Zentralitätsstufen ist für die in einem Städtenetz beteiligten Städte nicht mehr relevant, ebensowenig wie Verwaltungsgrenzen.

Um einen kurzen Einblick in die kontroverse Diskussion zu geben, sei hier ein Beispiel genannt:

Dem Gedanken, dass Städtenetze auf der Zentrale-Orte-Konzeption aufbauen, widerspricht Deiters (1996a) mit der Begründung, dass bei der Theorie zentraler Orte Orte gleicher Zentralität in keiner Beziehung zueinander stehen, was bei den Städtenetze jedoch eines der Grundkriterien ist. Dahingegen verweist Blotevogel in seinem Aufsatz "Zur Kontroverse um den Stellenwert des Zentrale Orte – Konzepts in der Raumordnung heute" darauf, dass sich Zentrale Orte und Städtenetze in diesem Punkt nicht widersprüchlich, sondern komplementär zueinander verhalten. So können sich Zentrale Orte unterschiedlicher oder auch gleicher Stufen untereinander vernetzen.

5. Fazit

Städtenetze stellen grundsätzlich eine interessante, aber eine ebenso komplizierte und noch nicht voll ausgereifte Erweiterung der bestehenden Raumordnung dar.

Städtenetze (im interregionalen Maßstab) heben sich im Bezug auf die bisherige Raumordnungsplanung dadurch hervor, dass sie aus endogenen Kräften entstehen, womit sie, so Brake, Ausdruck eines gewandelten Planungsverständnisses sind. Sie sind aus veränderten Rahmenbedingungen und aus neuen Herausforderungen entstanden (z.B. aufgrund der erhöhten Konkurrenz durch den geöffneten europäischen Binnenmarkt), mit dem Ziel, Synergieeffekte zu erzielen bzw. einen kooperativen Gesamtstandort zu bilden.

Laut Knieling bieten Städtenetze eine gute und auch notwendige Chance, Entwicklungspotentiale eine Region auszuschöpfen und so eine großräumige Konkurrenz zu errichten, wie es ohne eine Kooperation bzw. Vernetzung nicht möglich wäre.

Doch trotz dieser Vorteile muß die Frage geklärt werden, ob Städtenetze den Leitvorstellungen der Raumplanung, v.a. der Sicherung der Grunddarseinsfunktionen im ländlichen Raum, eher im Wege stehen oder diese stützen. Dabei ist besonders an die Gebiete der sogenannten Netzmaschen zu denken, die in die Gefahr einer Benachteiligung geraten. Etwas abstrahierter ausgedrückt muß die Raumordnung insgesamt einen richtigen Mittelweg zwischen "langfristiger Ordnung" und "flexiblem Engagement" finden (Priebs).

Auch soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass Städtenetze das Ziel einer langen Reise auf der Suche nach der perfekten Raumordnung sind. Deiters weist z.B. darauf hin, dass Städtenetze erst noch mit theoretischem und empirischem Gehalt gefüllt werden müssen. Ebenso wird es auch in Zukunft mit aller Wahrscheinlichkeit neue Konzepte geben.

6. Literatur

- Allkämper, D. u.a. (1998²): Geographie 12/13. Gymnasium Oberstufe. (Cornelsen Verlag) Berlin.
- BBR: Bundesministerium für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.) (1999): Modellvorhaben "Städtenetze". Neue Konzeption der interkommunalen Kooperation. Bonn.
- Blotevogel, H.H. (1996a): Zentrale Orte: Zur Karriere und Krise eines Konzepts in der Regionalforschung und Raumordnungspraxis. In: Informationen zur Raumentwicklung, H. 10, S. 617 – 630.
- Blotevogel, H.H. (1996b): Zur Kontroverse um den Stellenwert des Zentrale-Orte-Konzepts in der Raumordnungspolitik heute. In: Informationen zur Raumentwicklung, H. 10, S. 647 – 658.
- BMBau: Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.) (1995): Raumordnungspolitischer Handlungsrahmen
- Brake, K. (1996): Städtevernetzung. Aspekte einer aktuellen Konzeption regionaler Kooperation und Raumentwicklung. In: Geographische Zeitschrift, 86. Jg., H. 1, S. 16 – 26.
- Danielzyk, R. u. A. Priebs (1996): Städtenetze als Raumordnungsinstrument – eine Herausforderung für Angewandte Geographie und Raumforschung! In: Danielzyk, R. u. A. Priebs (Hrsg.): Städtenetze – Raumordnungspolitisches Handlungsinstrument mit Zukunft? Materialien zur Angewandten Geographie (MAG), Band 32, Bonn. S. 9 – 18.
- Deiters, J. (1976): Christallers Theorie der Zentralen Orte. In: Engel, J. (Hrsg.): Von der Erdkunde zur raumwissenschaftlichen Bildung. Theorie und Praxis des Geographieunterrichts. Bad Heilbrunn. S. 104 – 115
- Deiters, J. (1996a): Die Zentrale-Orte-Konzeption auf dem Prüfstand. Wiederbelebung eines klassischen Raumordnungsinstruments? In: Informationen zur Raumentwicklung, H. 10, S. 631 - 646.
- Deiters, J. (1996b): Ist das Zentrale-Orte-System als Raumordnungskonzept noch zeitgemäß?. In: Erdkunde, Bd. 50, H. 1, S. 26 – 34, Bonn.
- Fahrenkrug, K. (1996): Städtenetze als Forschungsfeld im Experimentellen Wohnungs- und Städtebau des Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. In: Danielzyk, R. u. A. Priebs (Hrsg.): Städtenetze – Raumordnungspolitisches Handlungsinstrument mit Zukunft? Materialien zur Angewandten Geographie (MAG), Band 32, Bonn. S. 47 – 54.
- FORUM Städtenetze (2002): Konzepte, Ziele, Erwartungen. Abrufbar unter: http://www.staedtenetzeforum.de/site1.html, 04.01.2003
- Hachmann, R. u. K. Mensing (1996): Städtekooperation MAI – Ein Beitrag zur Profilierung des Wirtschaftsraumes Südbayern. In: Danielzyk, R. u. A. Priebs (Hrsg.): Städtenetze – Raumordnungspolitisches Handlungsinstrument mit Zukunft? Materialien zur Angewandten Geographie (MAG), Band 32, Bonn. S. 75 – 82.
- Heineberg, H. (2001²): Grundriß Allgemeine Geographie: Stadtgeographie. (UTB) Paderborn, München, Wien, Zürich.
- Knieling, J. (1997): Städtenetze und Konzeption der Raumordnung. In: Raumforschung und Raumplanung, Heft 3, S. 165 – 175.
- Priebs, A. (1996): Zentrale Orte und Städtenetze – konkurrierende oder komplementäre Instrumente der Raumordnung? In: Informationen zur Raumentwicklung, H. 10, S. 675 – 690.
- Stiens, G. (1996): Einführung. In: Informationen zur Raumentwicklung, H. 10, S. I – IV.

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Leitbilder der Raumordnung: von den "zentralen Orten" zum "Städtenetz"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Unterseminar Anthropogeographie
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V107973
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit wurde nicht benotet, der Vortrag dazu wurde aber mit einer "1 bis 2" bewertet. Lediglich die Einleitung ist etwas knapp geraten.
Schlagworte
Leitbilder, Raumordnung, Orten, Städtenetz, Unterseminar, Anthropogeographie
Arbeit zitieren
Philipp Recha (Autor), 2003, Leitbilder der Raumordnung: von den "zentralen Orten" zum "Städtenetz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107973

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