Interaktionistische Studien und Fremdheit


Seminararbeit, 2003

14 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Positionen des Interaktionismus
1. Bergmann
2. Reuter
3. Hirschauer
4. Gibt es eine gemeinsame Position?

III. Das Problem der Fremdheit im Interaktionismus

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Umgang des modernen deutschen Interaktionismus mit dem Problem der Fremdheit. Zu diesem Zwecke wurden drei in jüngster Zeit erschienene Aufsätze ausgewertet und in Hinblick auf bestimmte Kriterien analysiert.

Der Interaktionismus analysiert und interpretiert sinnhafte Handlungen von Personen zueinander. Diese Handlungen spielen sich in der Alltagswelt der jeweiligen Person ab und werden durch das Alltagsweltwissen[1] verstanden. Das Handeln erfolgt in Symbolen, die durch das Alltagsweltwissen der anderen interpretiert werden. Diesen Aspekt erforscht der Symbolische Interaktionismus von Mead und Blumer. Der moderne Interaktionismus spaltet sich auf –unter anderem- in die –eher linguistisch geprägte- Konversations-Analyse –hier durch Bergmann repräsentiert- und die aus der Ethnologie stammende Ethnomethodologie, die sich mit „Alltagsrezepten“ beschäftigt –hier durch Hirschauer vertreten.

Es gibt innerhalb des modernen Interaktionismus zwei völlig unterschiedliche Fremdheitskonzepte. Zum einen gibt es den innergesellschaftlichen Fremden, der in seiner eigenen Gesellschaft zum Fremden wird –beziehungsweise bereits ein Fremder ist-, zum anderen den außergesellschaftlichen Fremden, der erst mit dem Übergang in eine andere Gesellschaft fremd wird. (Mit inner- bzw. außergesellschaftlich ist hier der soziale Ausgangsort, bezogen auf die beobachtete Gesellschaft gemeint.)

Der erste Typ entsteht durch die „Generalisierung der Fremdheit in modernen Gesellschaften“[2], die darauf zurückzuführen ist, dass „alle Menschen nicht als Personen, sondern als Funktionsträger in die verschiedenen arbeitsteiligen Systeme integriert sind.“ So verschwindet die klassische Fremdheit des „Fremden, der heute kommt und morgen bleibt“[3], die durch den außer-gesellschaftlichen Fremden repräsentiert wird. In einer modernen Gesellschaft haben alle gleiche Rechte und Möglichkeiten, wodurch sie voll in die Funktionssysteme integrierbar sind. In den anonymisierten Teilsystemen werden schließlich alle zu Fremden. So ist in der modernen, funktional-differenzierten Gesellschaft jeder gleich –und jeder gleich fremd.

Somit ist die phänomenologische Definition, die den Fremden als „einen Erwachsenen unserer Zeit und Zivilisation, [...], der von der Gruppe, welcher er sich nähert, dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden möchte“[4] sieht, -wenigstens für diese zweite Fremdheitsdefinition- hinfällig.

II. Positionen des Interaktionismus

1. Jörg Bergmann

Jörg Bergmann geht in seinem Text „Kommunikative Verfahren der Konstruktion des Fremden“ anfangs vom Konzept des außergesellschaftlichen Fremden aus. Der Fremde kommt von außen, gehört (noch) nicht zur Gesellschaft, die betrachtet wird. Er schließt aber mit der innergesell-schaftlichen Fremdheit.

Fremdheit ist ein kollektive Konstruktion. In einem gemeinschaftlichen kommunikativen Prozess –in dem die eigene Reaktion auf die der anderen abgestimmt wird- wird eine Antwort und Interpretation auf etwas „aus dem Rahmen [F]allendes“[5] gegeben. Dieses macht die Ambivalenz und „Fremdheit“ des Fremden erforderlich.

Das Fremde ist anders, hebt sich ab. Es ist etwas Neues, das die Auf-merksamkeit auf sich zieht. So führt es zu einer Irritation aller Nicht-Fremden. Man weiß nicht, wie man darauf reagieren soll, das eigene Weltbild wird in Frage gestellt.

Die „normalen“, in der „relativ-natürlichen Einstellung“ –wie es Scheler nennt- lebenden Menschen fällen das Urteil darüber, wer ein Fremder ist meist intuitiv. So ist die Fremdheit festgesetzt –doch gleichzeitig geht von ihr ein seltsamer, ein zauberhafter Reiz aus –der „Reiz des Fremden“. Es –das Fremde- ist neu, unvertraut. Es schafft Alternativen zum Alltag und fällt aus dem Rahmen des Alltagsweltwissens. Es ist das Fremde, dass schon bei Park jeden wirklichen Fortschritt in der jeweiligen Gesellschaft auslöst.

Fremdheit ist eine Zuschreibung. Im Laufe eines Etikettierungsprozesses, in dem der Fremde auf ein Differenzmerkmal reduziert wird, wird ihm Fremdheit zugeschrieben. Das Fremde muss vergleichbar gemacht werden, um überhaupt verstanden werden zu können. Es muss auf eine greifbare Ebene gebracht, bestimmt gemacht werden.

Es wird in die eigene Kultur eingebunden mit Hilfe kultureller Ressourcen wie sprachlichen Mustern oder kulturellem Wissen. So verliert das Fremde tendenziell seinen Fremdheitscharakter. Dieser Prozess ist allerdings vorurteils-behaftet.

Die Komplexität der verschiedenen Einflüsse in zwischenmenschlichen Be-ziehungen wird im Alltag durch einen Vertrauensvorschuss reduziert. Durch impliziertes Wissen und Hintergrunderwartungen wird die Fiktion einer gemeinsamen Weltsicht erzeugt, die nie überprüft wird. Situationen, die diese Fiktion als eine solche erkennbar werden lassen, führen durch das gleichzeitige Vorhandensein von Nähe und Ferne (der andere ist nicht so, wie man immer glaubte) zu einer Krise[6]. Der Aufwand, eine solche Fiktion zu erzeugen, ist bei Fremden gesteigert, da noch weniger Übereinstimmungen in der Weltsicht vorausgesetzt werden können.

Die kulturelle Aneignung setzt bei den Merkmalen an, die „als Differenz-kriterien am deutlichsten von ihren eigenen Selbstverständlichkeiten abweichen“[7]. Diese Kriterien beziehen sich in der Regel auf etwas direkt Wahrnehmbares wie Aussehen oder Sprache. Durch eben diese Differenz-markierungen wird das unbestimmte Fremde –nach Simmel kein eigentliches „Fremdes“- überhaupt erst identifizierbar gemacht.

Durch diese Differenzmerkmale ist der Fremde eigentlich als Individuum hervorgehoben, aber Fremde werden „nicht als Individuen, sondern als die Fremden eines bestimmten Typs überhaupt empfunden“ . Denn die Differenz-kriterien sind nicht individuell, sondern treffen meist auf eine gesamte Ethnie oder Kultur zu. Weiterhin weiß man auf dieser Ebene nur typisches über den Fremden. Wenn man den Fremden aber kennen lernt, endet die Typisierung. „[J]eder individuell wahrnehmbare Fremde [ist] eine Ausnahme“. Somit kann man den Typisierungsprozess nur auf privater Ebene durchbrechen. „Die Fremdheitsbeziehung ist also von einer stark individualisierenden Tendenz gekennzeichnet“[8].

Das zentrale Strukturmerkmal der Fremdheitsrelation ist aber Abstraktion: „Die Wahrnehmung des Fremden ist in höherem Maß als andere soziale Beziehungen von Abstraktion gekennzeichnet“. Es findet ein analoger Vorgang von Abstraktion und Reduktion statt. Ein als relevant empfundenes Differenz-merkmal wird durch Etikettierung –die abstrahiert und reduziert- zu einem identitätsstiftenden Wesensmerkmal. Auf diese Weise repräsentiert plötzlich ein subjektiv ausgewähltes Merkmal das gesamte Wesen des so Etikettierten. Dieser Vorgang entsteht und besteht aber nur, wenn der Fremde nicht in funktional bestimmten Kontexten wahrgenommen wird. In ebensolchen „sind die Handelnden nämlich gezwungen, sich wechselseitig auch in arbeits-bezogenen Rollenidentitäten wahrzunehmen“. Der –vielleicht gefährliche- Fremde wird also zum Arbeitkollegen, Kunden oder gar Chef, wodurch er seinen Fremdheitscharakter und seine bedrohliche Wirkung zumindest zum Teil einbüßt. Deswegen ist es fatal, Asylbewerbern den Zugang zum Arbeits-markt zu versperren.

Die Konstruktion des Fremden über Typisierung, Entindividualisierung, Abstraktion und Reduktion ist –wie gezeigt- keinesfalls neutral. Diese Konstruktionsmittel dienen zur Herabstufung des Fremden in seiner moralischen Identität, er wird als Abweichler in der „Gastgebergesellschaft“ gebrandmarkt. Dies ist ein weit verbreitetes, wenn nicht universelles Phänomen. Und als solches notwendig um der „symbolische[n] Gefährdung der eigenen Weltdeutung“ begegnen zu können, die durch die Konfrontation mit dem Fremden entsteht. Weiterhin gibt es eine „Angestrengtheit der eigenen Existenz“, die dazu verleitet, das Fremde als etwas zu Überwindendes oder als „zivilisatorische Vorstufe“ zu betrachten.

Die Möglichkeit, das Fremde als Verlockung, als Bereicherung zu betrachten zeigt, dass die Konstruktion des Fremden nicht zwangsläufig auf die oben erläuterte Moralisierung festgelegt ist. Es ist offensichtlich „..., dass zwischen der Strukturlogik des Fremdheitsdiskurses und der Strukturlogik von moralischer Kommunikation eine hohe Affinität besteht“, da Moralisierung die leichteste und effektivste Methode der Bewertung ist. „Typisierung und [...] Abstraktion sind nun aber ganz allgemein für die vielfältigen Formen der moralischen Kommunikation [...] charakteristisch.“[9] Durch Moralisierung aufgebaute „Tatsachen“ sind nur sehr schwer –wenn überhaupt- zu widerlegen, erst recht, wenn man –wie jeder Fremde- nur wenige Vertraute in der ent-sprechenden Gesellschaft hat. Diese Nähe erzeugt ein Driften zwischen den Systemen, ein wiederholtes Abgleiten in den Moraldiskurs.

Dieser Prozess wird deutlich bei der Untersuchung ethnischer Schimpfwörter und diskriminierender Bezeichnungen, mit denen Fremde bedacht werden. Es ist eben ein moralischer Diskurs, wenn er auch durch eine generelle Rück-bezüglichkeit meist entschärft werden muss. Diese Entschärfung vergegen-ständlicht sich in Ironie oder Modalität der moralisierenden Sprache über Fremde. Ebenso darf man die gebrochenen Strukturen dieses abgerutschten Moraldiskurses nicht übersehen und die Bezeichnungen nicht de-kontextualisieren. Nur im Verwendungszusammenhang erschließt sich der Sinn.

Es gibt unterschiedliche Arten über Fremde zu kommunizieren. Zum einen die Nicht-Kommunikation, weil dem Fremden das Wesen nicht geraubt werden soll, oder weil es vielleicht gar nicht mitteilbar ist. Zum anderen kann man auf Vergleiche zurückgreifen, die ein „wichtiges [-vielleicht das Wichtigste] freilich moralisch kontaminiertes Medium“ sind. Allerdings sind sie nur im Kontext der individuellen Erfahrungen zu verstehen, wodurch es gerade bei überlieferten Fremdheitsdarstellungen ein Glaubwürdigkeitsvorbehalt gab und gibt. Ein weiterer starker Einfluss auf die Beschreibung und die Wahl der Vergleiche ist die Fremdheitserfahrung des Autors. So erklärt sich auch die tendenzielle Neigung zu Übertreibungen. Bezugsebene ist in diesem Fall nicht das übertriebene Objekt, sondern der Übertreibende selbst. Denken, Fühlen und Vorstellungen können „dazu dienen, das gesteigerte Erlebnis einer extremen Situation zum Ausdruck zu bringen“. So wird weniger der Fremde, sondern vielmehr die Ängste, Hoffnungen und Ansichten des Betrachtenden bzw. die Intensität und das überfordernde Wesen der Situation des Fremdheitskontaktes wiedergegeben. Die übersignifikante Repräsentation oder Überhöhung durch Ritualisierung dient der Verschärfung des Gegensatzes vom Fremden zum Nicht-Fremden. Folglich hat die Übertreibung Symbolbedeutung, die etwas über den Urheber aussagt und ist nicht nur Wahrheitsverzerrung.

Die Kommunikation über Fremde kann weiterhin über zwei interessante Formen laufen: das Stereotyp und der ethnische Witz. Stereotype sind „festgefügte, sozial geteilte, wertende und emotional gefärbte Vorstellungen über Personen und Gruppen“[10], die Typisierungsmuster liefern und so eine wichtige Ressource für die Konstruktion des Fremden darstellen. Sie haben –ebenso wie der ethnische Witz- einen stark moralisierenden Charakter. Beide haben expressiven Charakter und szenisch-situative Qualität. Beide reproduzieren Vorurteile –nicht immer harmlos- und werden selbst immer wieder –auch unfreiwillig- reproduziert. Glücklicherweise hat sich die „Fremdheitsrelation im Vergleich zu früheren Zeiten gewandelt...“. So sind weniger ethnische Schimpfwörter in den Wörterbüchern zu finden als im 19. Jahrhundert. Weiterhin scheint „der rassistische Gestus, der von der Differenz ethnischer Wesenheiten ausgeht, verschwunden zu sein“

Außerdem geht Bergmann auf das Konzept des innergesellschaftlichen Fremden ein. Fremdheit ist aus diesem Blickwinkel ein „allgemeines Los“, da die Menschen nicht als Personen, sondern primär als Funktionsträger in die verschiedenen Teilsysteme der Gesellschaft integriert sind. Es herrscht eine „Generalisierung von Fremdheit“, jeder kann fremd sein, auch ohne dafür das Umfeld ändern zu müssen.

In diesem „modernen“ Kontext gibt es zwei grundlegende Reaktionstypen auf Fremdheit. Zum einen kann „das Großstadtindividuum das Medium abstrahierender Betrachtung“ zwischen sich und die fremden Eindrücke legen. Es reagiert mit Gleichgültigkeit und Blasiertheit, um die Eindrücke verarbeiten zu können. Diese Blasiertheit bestimmt auch den Umgang mit dem Fremden, es wird nur ein sehr kontrollierter Zugang zur eigenen Erfahrungswelt gewährt. Am Anderen werden in erster Linie „objektivierbare Attitüden wahr-genommen.

Zum anderen kann das „habitualisierte Lächeln“, „eine Art „mimischer Stoß-Dämpfer“, der dafür sorgt, dass die vom Fremden ausgehenden Irritationen abgefedert werden“ dafür sorgen, dass das Fremde kontrollierbar wird. Diese Methode ist zwar „ein universell gültiger Verständigungsmechanismus“, der zu einer „Verzuckerung der Fremdheitsrelation“[11] beiträgt. Sie kann aber zu einer Falle der Verharmlosung werden, aus der zu entkommen nur durch Selbst-stigmatisierung der betroffenen Fremden möglich zu sein scheint.

2. Julia Reuter

In Julia Reuters Text „Sehen als soziale Praxis: Konstruktion des Fremden als Gegenstand einer visuellen Anthropologie“ wird explizit vom Konstrukt des außergesellschaftlichen, des „ethnologischen“ Fremden ausgegangen. Ihr Fremder stammt aus einer anderen Kultur und wird innerhalb seiner Kultur gesehen, der Betrachter ist der eigentliche Fremde. Ihre Position steht der Kulturanthropologie sehr nahe und ist auf das Sehen ausgerichtet. Es ist die Position der Visuellen Anthropologie.

Die Vorstellung des Fremden wird wegen der „Ordnung des Sichtbaren“ als Bild organisiert. Das Bild des Fremden, das man sich macht, spiegelt nicht nur das Fremde, sondern auch das Selbst wieder. So ist die Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremdem stark beobachterrelevant. Das Sehen bedingt den Prozess des „Othering“[12], der eine indirekte Positionierung und Distanzierung des Sehenden beinhaltet. Somit gilt auch in der Visuellen Anthropologie: „Fremdheit [...] wird gemacht“.

Das Sehen dient als Kommunikationsform bei der der Andere, der Fremde, das Objekt der Beobachtung ist. Es gibt spezielle „Praktiken der Konstruktion des Fremden“, die über Interpretationen zum Beispiel durch Ethnologen und Forscher angewandt werden. So verwenden „Bilder [...] Eigenes, um Fremdes sichtbar zu machen“. Dieses Eigene sind Erfahrungen, mit denen verglichen wird. Folglich wird das Fremde durch eine Umstrukturierung von Bekanntem dargestellt. So schafft eine eindeutige Selektion der Wahrnehmung das Fremde. Nach dieser Logik dient die Fremdheit als „Darstellungsraum“ für das Fremde, der erst durch die Darstellung des Fremden entstehen kann.

Ein objektives Beobachten ohne sich selbst zu sehen ist nicht möglich, die Wahrnehmung muss durch die Erfahrung gefärbt sein, sonst hätte sie keinen Sinn. Somit kann Beobachten nicht völlig objektiv sein. „[D]ie vermeintliche Übereinstimmung des Optischen mit dem Realen sollte eben nicht als genuine Korrespondenz betrachtet werden, vielmehr ist sie Ausfluß einer weitläufigen Kulturgeschichte des Sehens in der Moderne, ihrer technischen Apparaturen und der von ihnen mittransportierten Sehkonventionen.“[13] So spielt die geistige und materielle Kultur –eben durch die selektive Wahrnehmung und die Bezogenheit auf Erfahrungen- eine entscheidende Rolle beim –direkten oder durch technische Hilfsmittel „verbesserten“- Sehen. Den auch technische Wahrnehmung ist nicht neutral, da sie auf Selektion basiert. Die Authenzität von Film- und Fotobild ist also nur vermeintlich.

Für in einer Kultur lebende Menschen existiert eine „Hierarchie des Sichtbaren“, die bestimmt, welche der wahrgenommenen Eindrücke bedeutsam, welche zu ignorieren sind. Dieser Hierarchie entkommt der Außen-stehende, Kultur-Fremde. Er hat gelernt, die Dinge –und die entsprechende Kultur- anders zu sehen. Er hat sowohl den emischen –also innerkulturellen- als auch den etischen –also außerkulturellen- Blick oder Überblick.

Die Techniken des Sehens sind also –gerade bei der Betrachtung fremder Ein-drücke- an die jeweiligen Machtstrukturen gebunden. So bleibt „der Fremde [...] ein Konstrukt seines Betrachters“

3. Stefan Hirschauer

Der Aufsatz „Die Praxis der Fremdheit und die Minimierung von Anwesenheit. Eine Fahrstuhlfahrt“ von Stefan Hirschauer verwendet eindeutig das Konzept des innergesellschaftlichen Fremden. Der Fremde, der von außerhalb, aus einer anderen Kultur kommt, spielt nicht die geringste Rolle, wird nicht einmal erwähnt.

In sozialen Situationen mit gewollt unsozialem Kontext versuchen die Akteure eine wechselseitige Unbekanntheit durch civil unattention („eine Kompetenz, Desinteresse ohne Missachtung zu signalisieren“[14] ) aufrecht zu erhalten, um nicht zu sozialen Kontakten gezwungen zu werden. Die Unbekanntheit ist hier ein Aspekt der Fremdheit der „noch nicht „zu einem kompakten sozialen Objekt verdichtet“ wurde“. Also ist der Unbekannte der untypisierte Fremde, ein Ausdruck ursprünglicher Fremdheit. Am Unbekannten ist nicht die Randposition wegen zugeschriebener Eigenschaften, nicht das Unver-ständliche, das die „Krisis“ auslöst, fremd; ebenso wenig die Enttäuschung der Verstehensfiktion zwischen Menschen oder die sachliche Indifferenz der Exklusion. Fremd ist „die radikale Entwertung der mit ihrer bloßen Anwesen-heit gegebenen Kontaktchancen“[15]. Kopräsenz wird als Kontaktchance bedeutungslos, was auf die gesteigerte Mobilität und Urbanisierung der vergangenen 150 Jahre zurückzuführen ist. So entstehen in momentanen Begegnungen, die nicht auf Zukunft oder Vergangenheit verweisen, „insignifikante Andere“. Die Bedeutung von Beziehungen wird völlig umgedeutet, sie „gewinnen erst auf dem Hintergrund einer massenhaften Beziehungslosigkeit ihren Sinn“. Sonst hätte der moderne Stadtmensch vor lauter Freunden keine Freunde mehr, die Beziehungen würden durch ihre Vielzahl endgültig verflachen.

Diese nötige Beziehungslosigkeit muss in indifferenten Situationen interaktiv aufrecht erhalten werden. So wird Fremdheit praktisch vollzogen, indem sich Personen konstant als Fremde behandeln. „Fremdheit [ist] eine Leistung der Darstellung von Indifferenz.“ Sie dient der Erhaltung von Individualität, die ja nichts anderes als emotionale und kognitive Selektion ist.

In diesen indifferenten Situationen sind die Betroffenen mit einem schwer-wiegenden Problem konfrontiert. „Wer anwesend ist, kann nicht nicht kommunizieren“, baut Hirschauer auf Watzlawick auf. Also wird „Verhalten [...] unvermeidlich als Kommunikation aufgefasst, wenn es im Kontext reflexiver Wahrnehmung auftaucht und auf sie eingestellt interpretiert werden kann.“ Diese Regel zwingt die Handelnden dazu, nicht zu handeln –bzw., da das nicht möglich ist, „neutral“ zu handeln. Dies führt in den meisten Fällen zu Missverständnissen oder völliger Inaktivität.

4. Gibt es eine gemeinsame Position?

Die vorliegenden Texte haben bei aller Verschiedenheit herausstechende Gemeinsamkeiten. So stimmen alle Verfasser überein, dass Fremdheit konstruiert ist. Diese Konstruktion findet allerdings sehr unterschiedlich statt. Sie kann –wie bei Hirschauer- „freiwillig“ und wechselseitig sein, oder –wie bei Bergmann- unilateral und unbedingt. Alle drei stimmen darin überein, dass diese Konstruktion nicht objektiv oder gar neutral ist. Sie hängt jeweils stark vom Betrachter, seinen Erfahrungen und Vergleichsmöglichkeiten und seinen Intentionen ab. Diese Konstruktion wird weiterhin –auf verschiedenste Weise-kommuniziert. Die Kommunikation der Konstruktion kann mit anderen Nicht-Fremden geteilt und abgestimmt werden. Wenn das Fremde aber erst angeeignet, fremd gemacht wurde, ist es auf seine spezielle Fremdheit festgelegt und kann daraus nur durch individuellen Kontakt oder langfristige Assimilation entkommen.

Ansonsten spiegeln die drei Autoren die ganze Bandbreite des modernen Interaktionismus wieder, wobei sie von sehr unterschiedlichen Punkten ausgehen und auf sehr unterschiedliche Punkte –und Fremdheitskonzepte- abzielen.

III. Das Problem der Fremdheit im Interaktionismus

Es gibt unterschiedliche Ideen von Fremdheit innerhalb des Interaktionismus. Neben der schon in der Einleitung erläuterten Unterscheidung zwischen inner- und außergesellschaftlicher Fremdheit gibt es noch die Konzepte von Unbekanntheit und ethnologischer Fremdheit. Unbekanntheit ist als eine „Vorstufe“ zur Fremdheit zu verstehen. Damit das Fremde zum Fremden werden kann –darin sind sich alle Interaktionisten einig- muss es typisiert, mit den Erfahrungen übereingebracht, oder durch sie beschrieben werden. Das untypisierte „Fremde“ aber ist das Unbekannte. Es steht am Anfang jeder Auseinandersetzung mit der Außenwelt und fällt somit aus den Konzepten von Schütz und Simmel.

Der ethnologische Fremde schneidet sich gerade mit der Definition von Schütz, er stammt eben aus einer „primitiven Kultur“ und kann so –nach Schütz- kein Fremder sein. Des weiteren muss er nicht seine Kultur verlassen, vielmehr ist der beobachtende Forscher oder Ethnologe der Fremde im eigentlichen Sinne, was auch nötig ist, um näher an die Objektivität zu kommen[16]. Nur so kann der Forschende sowohl den emischen als auch den etischen Blick haben, also die betrachtete Kultur sowohl von innen als auch von außen sehen.

Fremdheit ist konstruiert. Sie wird konstruiert, in dem Augenblick, da der „Unbekannte“ zum „Fremden“ wird –oder in dem Anstrengungen unternommen werden, ihn eben unbekannt zu lassen-, also eigentlich in dem Augenblick, in dem der Unbekannte gesehen wird. Er wird dann nämlich sofort mit den Erfahrungen verglichen, was nur durch eine Typisierung, eine Reduktion auf das auffälligste Differenzmerkmal, geschehen kann. So wird er greifbar, verstehbar gemacht.

Dieser Prozess ist „natürlich“, zumindest notwendig, die Flut fremder Eindrücke zu verarbeiten, um nicht von ihr überwältigt zu werden. Nur ist er –kann er nicht- neutral sein, der Fremde wird in dem Moment, da er zum Fremden wird, bewertet –meist zu seinen Ungunsten, was wiederum geschieht, den Wertenden zu schützen, um die Krisis des Nicht-Fremden zu überwinden. Es muss Angst machen, jemandem zu begegnen, den man nicht nur nicht versteht –zumindest sein Handeln-, der noch dazu besser zu sein scheint als man selbst. Indem man ihn einem typisierenden, wertenden, abstrahierenden und moralisierenden Prozess unterwirft, kann man diese Angst besiegen.

Die Typisierung bleibt nur in den meisten Fällen –zumindest für die Masse von einem „Typ“ Fremder- lange Zeit bestehen. Nur indem er –der Fremde- in den Teilsystemen der modernen Gesellschaft aktiv wird –also der generalisierten Fremdheit unterworfen wird- kann er als Arbeitskollege oder Kunde wahr-genommen werden und nicht mehr in erster Linie als Türke oder Russe. Die generalisierte Fremdheit der modernen Gesellschaft, die besagt, dass jeder fremd ist –eine, die Art des innergesellschaftlichen Fremden-, löst die „alte“ Art von Fremdheit –die außergesellschaftliche Fremdheit-, zumal unter Berücksichtigung von Phänomenen wie der Globalisierung, zunehmend ab. In den entstehenden hybriden Kulturen wird Fremdheit völlig neu definiert. In naher Zukunft wird nur noch die individuelle Fremdheit, die Verlorenheit in der funktionalen Differenzierung, der jeder unterworfen ist, und nicht mehr die „Fremdheit durch Abstammung“ von Bedeutung sein.

Literaturverzeichnis:

-Berger, Peter und Luckmann, Thomas, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt/M. 1980

-Bergmann, Jörg, Kommunikative Verfahren der Konstruktion des Fremden, in: Bohn, Cornelia et al. (Hrsg.): Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive. Konstanz 2001, S. 35-57.

-Hahn, Alois, Die soziale Konstruktion des Fremden, in: Sprondel, Walter (Hrsg.): Die Objektivität der Ordnung und ihre kommunikative Konstruktion.

Frankfurt/M. 1994, S. 140-163.

-Hirschauer, Stefan, Die Praxis der Fremdheit und die Minimierung von Anwesenheit. Eine Fahrstuhlfahrt, in: Soziale Welt 50 (1999), H. 3, S.221- 245.
- Park, Robert, Human Migration and the Marginal Man, in: The American Journal of Sociology 33 (1928), H. 6, S. 881-893
-Reuter, Julia, Sehen als soziale Praxis. Konstruktionen des Fremden als Gegenstand einer Visuellen Anthropologie, in: Sociologia Internationalis 39 (2001), S. 251-273.
-Schütz, Alfred, Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch, in: Ders., Gesammelte Aufsätze. Bd. 2: Studien zur soziologischen Theorie, Den Haag 1972, S. 53-69 [1944].
-Simmel, Georg, Exkurs über den Fremden, in: Ders., Soziologie. Gesamt- ausgabe Bd. 11. Frankfurt/M. 1995, S. 764-771 [1908].

[...]


[1] Berger, Peter und Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt/M. 1980, S. 27

[2] Hahn, Alois: Die soziale Konstruktion des Fremden, in: Sprondel, Walter M. (Hrsg.): Die Objektivität der Ordnung und ihre kommunikative Konstruktion. Frankfurt/ M.1994, S.162

[3] Simmel, Georg; Exkurs über den Fremden, in: Ders., Soziologie. Gesamtausgabe Bd. 11. Frankfurt/M. 1995

[4] Schütz, Alfred: Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch, in: Ders.: Gesammelte Aufsätze. Bd. 2: Studien zur soziologischen Theorie, Den Haag 1972, S. 53 [1944]

[5] Bergmann, Jörg: Kommunikative Verfahren der Konstruktion des Fremden, in: Bohn, Cornelia et al. (Hrsg.): Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive. Konstanz 2001, S. 39

[6] vgl. Simmel, Georg: Exkurs über den Fremden

[7] Bergmann, 39, 40

[8] Bergmann, S. 40-43

[9] Bergmann, S. 43, 46/47

[10] Bergmann, S. 49-53.

[11] Bergmann, S. 53

[12] Reuter, Julia, Sehen als soziale Praxis. Konstruktionen des Fremden als Gegenstand einer Visuellen Anthropologie, in: Sociologia Internationalis 39 (2001), S. 251, 254/255, 257, 262/263

[13] Reuter, S. 262/263, 269

[14] Hirschauer, Stefan, Die Praxis der Fremdheit und die Minimierung von Anwesenheit. Eine Fahrstuhlfahrt, in: Soziale Welt 50 (1999), H. 3, S.239/240

[15] Hirschauer, S. 240, 242

[16] vgl. Park, Robert, Human Migration and the Marginal Man, in: The American Journal of Sociology 33 (1928), H. 6

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Interaktionistische Studien und Fremdheit
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Proseminar: Soziologie des Fremden
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V108157
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interaktionistische, Studien, Fremdheit, Proseminar, Soziologie, Fremden
Arbeit zitieren
Philipp Altmann (Autor), 2003, Interaktionistische Studien und Fremdheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108157

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