Franz Fühmann - Im Berg - Vom Prozeß zum Fragment


Seminararbeit, 2002

22 Seiten, Note: 2 (gut)


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Inhalt

Vorangestelltes Zitat

Entstehung – Vorgeschichte und Konzeption

Inhalt des Fragments – „Im Berg – Bericht eines Scheiterns“

Analyse – „Scheitern als Chance“

Literaturnachweise

„Sa A 21 [30.5.]

IM STREB ALLEIN –

Die glatte glänzende Sohle –

Mehrschichtige Nacht – sie ist schwarz, und wird schwärzer, da der Schein der Lampe hineinfällt, weil sich das Dunkel vor der Hellzone (hinter ihr natürlich) tiefer abhebt – Da man so allein sitzt, beginnen sich Bilder einzufinden – noch nicht greifbar, aber im Prozess

Lampe wirft einen Schein um dich = dein Daheim, dein Kreis – dahinter Mauern aus Dunkelheit, etwas Samtartiges, ein Innenraum ohne sichtbare Mauern – daher dieses Anheimelnde, da ist es!! Soweit das Licht scheint, schiebt sich diese Mauer lautlos zurück und naht dann wieder, so schwebt die Erde im All, so schwebt das Bewusstsein im Unbewussten – und dieses runde Bällchen Erde, dieser Kosmos, bist jetzt du, dies Stück Bewusstsein - jeder müsste sein Stück Erdinnres haben, darein er sich zurückziehen kann-...“ aus : Bergwerk. Tagebücher und Briefwechsel, 4/74 – Ende 75

(Tagebuch 1975) , Franz-Fühmann-Archiv[1]

Im Dezember 1982 beginnt Franz Fühmann mit der Arbeit an einem Buch, dessen Arbeitstitel „Bergwerk“ auf einem Themenkomplex „unter Tage“ verweist. Die Vorarbeiten dafür haben zu diesem Zeitpunkt fast zehn Jahre gedauert, den Schriftsteller zu mehreren Exkursionen und Arbeitsaufenthalten von zum Teil mehrwöchiger Dauer in Kupfer- und Kalischächte im Mansfelder Land und Thüringen veranlasst, in denen er mit den Brigaden einfährt und zum Teil selbst mitarbeitet, reichhaltiges Material wie Tagebuchaufzeichnungen, Photographien, Dokumente, umfangreiche Notizen zum Stoff und seiner Strukturierung und neben dem Briefwechsel mit den dort arbeitenden Bergleuten auch ein einziges abgeschlossenes Zeugnis seiner Erlebnisse im Berg, den Aufsatz „Schieferbrechen und Schreiben“, hervorgebracht.

Im letzten Brief an einen der Kumpel vom 31.05.1984, wenige Wochen vor seinem Tod, die Arbeit an dem Buch längst abgebrochen, schreibt Franz Fühmann:

„...- also Bergwerk ist nichts mehr. Kommt hinzu, dass mein Projekt gescheitert ist, trotz aller Bemühungen, ich habe ca. 150 Seiten geschrieben, und die Anlage ist völlig verfehlt, und auch nicht mehr ausbesserbar. Ich kann Dir nicht erklären, warum; nimm es als Fakt. Ich werde sicher – so ich überhaupt kann – noch manche Geschichte aus der Bergmannswelt schreiben, mehr aus einer phantastischen als aus einer realen – aber das große Projekt ist tot. – Drei Kreuze; und das Leben muss weitergehen.“[2]

Das Entstehen seiner Faszination für dieses Terrain, diesen Ort, ist zeitlich schwer einzugrenzen. Ob es in diesem Zusammenhang ein Zufall ist, dass seine 1952 geborene Tochter den Namen der Schutzheiligen der Bergleute „Barbara“ trägt, bleibt fraglich.

In dem autobiographischen Text „Den Katzenartigen wollten wir verbrennen“, zuerst erschienen 1981 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, beschreibt er ausführlich wie er als Volksschüler mit Freunden plante, auf dem Grundstück seines Vaters einen Schacht zu graben, um darin einen missliebigen Mitschüler zu verbrennen. Zwar scheitert die absurde Idee am Mangel an Sprengstoff, um den begonnenen Schacht voran zu treiben. Jedoch spricht der Stolz, den der Erzähler beim bis zur Erschöpfung führenden Hacken verspürt, Bände: „Der Schacht, den wir durch den Fels niedertrieben, maß im Quadrat einen halben Meter, so dass jeweils nur einer arbeiten konnte; wir hatten ja nichts als Hacke und Schaufel. Quarz; ich höre ihn heute noch knirschen.“[3]

Der am 15.01.1922 in Rochlitz an der Iser im Riesengebirge geborene Apothekersohn Franz Antonia Josef Rudolf Maria Fühmann immatrikulierte sich, nach Besuchen der Volksschule Rochlitz, des Jesuitenkonviktes Kalksburg bei Wien, verschiedenen Schulwechseln und dem Eintritt in den Deutschen Turnverein nach Bestehen des Abiturs 1941 an der Universität Prag in der Fachrichtung Mathematik. Im selben Jahr erfolgte die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst nach Ostpreußen und damit die Teilnahme am Kriegsbeginn gegen Sowjetrussland. In den Kriegsjahren war Franz Fühmann als Fernschreiber der Luftnachrichtenzentrale der Wehrmacht tätig, wobei 1942 die erste Gedichtveröffentlichung in „Das Gedicht“ und drei 1944 in der Wochenzeitschrift „Das Reich“ erschienene Gedichte entstanden. Während der sowjetischen Kriegsgefangenschaft nutzte er die Möglichkeit der Teilnahme an Umerziehungskursen auf einer Antifa-Schule bei Moskau, wo er nach eigenen Angaben Marxismus/Leninismus „orgiastisch“ studierte.

Entlassen aus der Kriegsgefangenschaft im Dezember 1949 trat er in der DDR in die Nationaldemokratische Partei Deutschlands ein und wurde dort kulturpolitisch tätig.

Nach der Heirat mit Ursula Böhm 1950 begann seine publizistische Tätigkeit zunächst in den Partei-Organen „National-Zeitung“ und „Die Nation“. Auf erste Nachdichtungen 1951 folgend erscheint 1953 „Die Fahrt nach Stalingrad“. Zwischen 1954 und 1959 erhielt Franz Fühmann den Heinrich-Mann-Preis, den Nationalpreis und den Vaterländischen Verdienstorden unter anderem für die Kriegserzählung „Kameraden“ und wurde neben seinen schriftstellerischen und verschieden kulturellen Tätigkeiten auch ergebnislos als Geheimer Informant des Ministeriums für Staatssicherheit geführt. Seit der Aufgabe seiner hauptamtlichen Parteifunktion 1958 arbeitete Franz Fühmann als freier Schriftsteller in Märkisch-Buchholz. Nach einem längeren Arbeitsaufenthalt in der Warnow-Werft in Rostock erschien 1961im Hinstorff-Verlag die Reportage „Kabelkran und Blauer Peter“, die als Standardwerk des Bitterfelder Weges gilt.

Er erhielt 1963 den Johannes-R.-Becher-Preis und 1964 für die Vertriebenen-Novelle „Böhmen am Meer“ den Kunstpreis des FDGB. Mit dem Austritt aus dem Vorstand des DSV 1966 wurden erste Differenzen mit der politischen Führung deutlich. Nach verschiedenen anderen Arbeiten und mehreren Ungarnreisen (1961, 1964, 1970, 1971) beendete Fühmann 1972 das innovative Ungarn-Tagebuch: „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“, welches 1973 veröffentlicht wurde und seine Rolle als Schriftsteller im sozialistischen Teil Deutschlands neu definierte. Sein Einsatz für den 1976 zwangsausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann stellte ihn neben anderen Künstlern ins Licht öffentlicher Kritik und unter Beobachtung durch das MfS.

In den folgenden Jahren engagierte sich Franz Fühmann neben seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit vornehmlich für Nachwuchsautoren wie Uwe Kolbe und Wolfgang Hilbig.

Von 1977 bis 1981 erschien im Rostocker Hinstorff-Verlag jährlich ein neuer von insgesamt neun Bänden der Werksammlung, die zwischen 1983 und 1988 komplettiert wurde. Neben früher Lyrik und Nachdichtungen umfasst Franz Fühmanns Werk Kinder- und Jugendbücher, epische und essayistische Prosa, Texte für Film, Funk und Fernsehen und Herausgaben anderer Autoren.

Franz Fühmann starb am 8.Juli 1984 an den Folgen einer Darmkrebserkrankung, die ihm das Arbeiten in den letzten Lebensjahren zunehmend erschwerte und ihn zu zahlreichen Operationen in der Berliner Charitè nötigte.

Angestoßen wurden die Kontakte nach Sangerhausen, wie sich der Franz Fühmann betreffenden Akte 3704/89 des Ministeriums für Staatssicherheit entnehmen lässt[4], von der Leiterin der Bibliothek des Thomas-Müntzer-Schachtes, mit der er seit einer Lesung im Jahr 1963 Briefverkehr unterhält. Diese kann Fühmann im Laufe dieses Briefwechsels dazu bewegen, in den Räumlichkeiten besagter Bibliothek im Juni 1973 eine Lesung aus dem schon fertiggestellten aber noch nicht erschienenen Buch „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ vorzunehmen. Als Honorar für eine weitere Lesung im Juni 1974 erbittet er sich eine Grubenbesichtigung, welche ihn am 6. Juni 1974 in die Stollen des Kupferbergwerkes im Thomas-Müntzer-Schacht Sangerhausen führt.

Dem resignierenden letzten Schreiben nach Sangerhausen gegenüber steht der Enthusiasmus und die mit diesem einhergehenden hochfliegenden Pläne zu diesem Projekt in der Phase des Erstkontakts mit dem Stoff.

Auf einer Postkarte vom 7. Juni 1974 an seine Frau bahnt sich die Überwältigung seiner ersten Einfahrt in den Thomas-Müntzer-Schacht Sangerhausen ihren Weg: „Ursula, ich war im Berg! Es ist für mich eine Offenbarung! Hier zieh ich her!“[5] Der Lektorin beim Kinderbuchverlag Berlin schreibt er: „Liebe Regina Hänsel, ich habe das Thema meines Lebensrestes: Im Berg!“[6] Die Intensität der unter Tage erfahrenen Eindrücke eröffnet Fühmann jäh eine neue und einzigartige Welt, die literarisch verarbeitet werden muss.

Die erste briefliche Erwähnung seines „Bergwerksprojektes“ in Franz Fühmanns Schreiben an Konrad Reich, den Verlagsleiter des Rostocker Hinstorff-Verlages, vom 1. Juli 1974 versucht, das Konzept in einer noch schemenhaften Art zu umreißen. Darin skizziert er sein Vorhaben, welches, „schon angefangen“, in Form und Genre vergleichbar sein soll mit den „`22 Tagen`, also lose Form , aphoristisch , tagebuchhaft , aber diesmal mit einer ganz losen Erzählfabel und einem Gegenspieler, ohne aber in die übliche Romanform zu rutschen“.[7]

Er plant darin die Hauptkomplexe thematisch/landschaftlich, philosophisch, die nationale Frage betreffend, Fragen der Tradition aufwerfend zu bearbeiten und zeigt sich „fest entschlossen, sich ganz darauf zu konzentrieren“. Andere Vorhaben sollen zugunsten dieses Projektes aufgegeben werden („die Libuscha“, eine Übersetzungsarbeit) oder hinein fließen („5 Reisen in der DDR – ETA Hoffmann“, „Kontaktaufnahme mit dem MdI wegen Strafvollzug“). Um weitere Einfahrten („Exkursionen“) vornehmen zu können, möchte er eine Kontaktaufnahme seitens des Verlages mit der IG Bergbau oder direkt dem ZK, um eine „Generalerlaubnis für Bergwerksstudien“ zu erhalten, welche ihm einzelne Verhandlungen mit den jeweiligen Betrieben ersparen soll.[8] Die erste Einfahrt hatte einen Eindruck hinterlassen, der eine „Wiederholung“ unausweichlich machte.

Mit einem Attest seines Berliner Hausarztes, der bescheinigt, dass bei ihm keinerlei Erkrankungen vorliegen, die einen Aufenthalt im Kali-Bergwerk ärztlicherseits verbieten würden[9], macht er sich Mitte Oktober 1974 auf, um in das Kali-Kombinat „Glückauf“ in Sondershausen einzufahren.

Die ersten längeren Studienaufenthalte folgen auf Bestreben Fühmanns sogleich zwischen dem 22. Februar und dem 1. März 1975 wieder im Thomas-Müntzer-Schacht, nochmals vom 17. bis 24. April 1975, zwischen dem 25. April und 4. Mai 1975 im Kombinat Kali in Sondershausen, dort nochmals ab dem 16. Mai 1975 und dann noch mal vom 22. Mai bis zum 02. Juni 1975 in Sangerhausen.[10]

In diesen Wochen ringt er mit der IG Bergbau und der Werksleitung um die Möglichkeit, mit den Brigaden einfahren zu dürfen, ohne ständige Begleitperson, ein ihm dringendes Anliegen, um seine Studien ungestört vorantreiben zu können. Dabei kommt es mit der Jugendbrigade „Wilmar Siebenhüner“ in Sangerhausen zum Entwurf eines „Freundschaftsvertrages“. Dieser 1976 unterzeichnete „Vertrag“ soll die Beziehung zwischen der Brigade und dem Schriftsteller definieren und „einen kleinen Beitrag [...] leisten, das Bündnis der Arbeiterklasse mit den Schriftstellern zu fördern“. Die Kumpel der Brigade geloben darin, „dem Schriftsteller Einblick in die Arbeit eines Bergmannes [zu] geben und [...] ihn deshalb als Mitglied in [ihre] Brigade auf [zu nehmen]“, „mit ihm schriftlichen Kontakt zu halten und ihm laufend die Kennziffern der Produktion [zu] übermitteln“, „ihm jede Unterstützung [zu] geben, die für seine Arbeit wichtig ist, vor allem vor Ort“. Fühmann sichert im Gegenzug zu, den Werktätigen „dafür Einblick in seine Arbeit [zu] geben und [ihnen]die Entstehung von Kunstwerken [zu] erklären“, „[ihnen zu] helfen, Zugang zu den Schätzen der Kultur zu finden und auch die Arbeit mit [der ihnen assoziierten] Patenklasse [zu] unterstützen“.[11]

In dem Brief an den Werksleiter des Glückauf-Schachtes in Sondershausen vom Juni 1975, in dem er sich für die gelungene Zusammenarbeit bedankt, wird allerdings ersichtlich, dass an ein dem „Kabelkran und Blauer Peter“ vergleichbares Werk nicht zu denken ist:

„Trotz allem bin ich mir natürlich klar, dass ich nichts anderes als den aller-allerersten Schritt in das unendliche Reich des Bergbaus getan habe, und nun, da ich vor meinen 500 Seiten Aufzeichnungen und Notizen aus Kali und Kupfer sitze, kommt mich doch Angst an, dem Stoff gerecht zu werden, auch wenn ich keinen Roman oder keine Reportage zu schreiben im Sinn habe und das Bergwerk nur eine Art Katalysator zum Aufschließen allgemeiner Kulturprobleme unserer Entwicklung sein sollte.“[12]

Im Mai 1976 erfolgt der nächste und vorerst letzte, diesmal dreiwöchige, Aufenthalt in Sangerhausen, jedoch schon unter veränderten Vorzeichen. Im Brief an die Brigade „Siebenhüner“ vom Jahresende 1975 erklärt er den Kumpeln sein Arbeitsprogramm, welches er für die kommenden Jahre im Voraus geplant hat:

„Meine Hauptarbeit der nächsten zwei Jahre, vielleicht sogar der nächsten drei Jahre wird die Fortsetzung und Beendigung meines Prometheus-Romanes. Für diese Zeit muß ich das „Bergwerk“ als unmittelbar konkretes Objekt zurückstellen. Ich möchte aber auf jeden Fall laufend Kontakt halten und es auch theoretisch weiter studieren. Das heißt, ich werde wie vorgesehen im Mai zu euch kommen.“[13]

Bereits im November 1975 hatte er dem Chef des Hinstorff-Verlages, Konrad Reich, angeboten, den Vorschuss für das „Bergwerk“ zurück zu zahlen, um sich der damit verbundenen vertraglichen Pflichten zu entledigen und ungestört am Prometheus weiterschreiben zu können.[14] Aus Sangerhausen schreibt er dann an Konrad Reich: „Ich habe das dunkle Gefühl, dass es im Bergwerk einen furchtbaren Knall geben wird.“ Er könne nichts machen, was mit einem konkreten Betrieb zu tun hat, da er allein zu verantworten hätte, was er seiner geliebten Umwelt zu sagen habe.[15] Die sich anbahnenden Konflikte mit der Obrigkeit der Schachtbetriebe werden durch den „Freundschaftsvertrag“ mit der Brigade und den gerade entstehenden Briefwechsel mit den Kumpeln nur notdürftig überspielt.

Am 4. Juli 1976 erscheint im „Sonntag“ zum Tag des Bergmannes der Essay „Schieferbrechen und Schreiben“, gewidmet der Brigade Siebenhüner. Darin beschreibt er die Beobachtungen, Erfahrungen und Einsichten eines Schriftstellers, der die Grube als seinen Ort begreift, montiert Textstücke aus dem Buch Hiob und Ludwig Tiecks „Der Alte vom Berge“ ein und zieht den Vergleich zwischen Bergmann und Schriftsteller:

„..., und jäh von einer noch nie gekannten Sicherheit eines Bewusstseins erfüllt, das ich, wenn es so etwas gäbe, Klassenbewusstsein eines Schriftstellers nennen würde, dachte ich, auch die Literatur sei ein Bergwerk, durch Jahrtausende Generationen befahren, und jeder Schriftsteller selbst sei eine Grube, und das Flöz, drin er haue, sei seine Erfahrung, Sediment seiner und eben seiner Jahre, und mir fiel ein, dass ein Metall namens Nickel jahrhundertelang verworfen wurde, weil man es für nutzlos hielt und es als Ärgernis sah, wenn es auftrat“.[16]

Er versucht eine Ortsbestimmung, sein Selbstverständnis als Schriftsteller in der DDR, seine „Teilfunktion“ näher zu charakterisieren:

„Wo war der Ort eines Schriftstellers meiner nichtproletarischen Herkunft, Tradition, Mentalität und Leistung in einer Gesellschaft, deren Führung sich in ihrer staatlichen Form als Diktatur des Proletariats versteht?“[17]

Die Differenzen mit den Funktionsträgern im Land lassen sich nach dem Erscheinen der „Erzählungen 1955-1975“ und den darin enthaltenen Kurzgeschichten „Spiegelgeschichte“ und „Drei nackte Männer“ auch unter den Kumpeln nicht mehr bagatellisieren.

Trotz vieler Versuche gelingt es ihm in der folgenden Zeit nicht, mit der Arbeit an dem Buch zu beginnen. Einem der Kumpel in Sangerhausen schreibt er Anfang 1977:

„Mir geht es da wie dem Löwen, weißt Du. Wenn der einmal abgesprungen ist, auf ein Opfer, und es verfehlt, dann gibt er es auf. Ein bisschen fürchte ich mich davor. So geht es mir immer: Ich brauche sehr lange, um den Absprung zu wagen, und dann ist es immer ein Absprung ins Ungewisse.“[18]

Entwürfe und Skizzen möglicher Handlungsabläufe, Kapiteleinteilungen und Manuskriptversuche entstehen und lösen einander ab.[19] Jedoch kommt ihm immer etwas dazwischen, drängen andere Unternehmungen, fühlt er sich noch nicht vertraut genug mit dem gesammelten Material. In den Briefen Fühmanns an verschiedene Personen seines Umfeldes der Jahre 1976 bis 1982 finden sich unzählige Verweise und Bezüge zu diesem „ungeheuren“ Projekt in denen: „das Bergwerk“ angefangen werden soll, es nicht weiter aufgeschoben werden kann, „nun [...]nichts mehr aufzuhalten“ sei, ´es ernst wird´, „endlich, und unvermeintlich das Bergwerk“ kommt und er „noch verzweifelt etwas fertig machen [will], um [...] dann völlig frei ins Bergwerk [zu] gehen“.[20]

In der Zwischenzeit entstehen, neben anderem, verschiedene kürzere Texte und Geschichten, die er beabsichtigt, im übergeordneten Bergwerkstext unter zu bringen; neben dem Nachfolge-Fragment „Die Glöckchen“(1984) die Erzählung „Das Ohr des Dionysos“, welche in das 12. Stück des vorliegenden Fragments Eingang gefunden hat und 1985 die Titelgeschichte der Nachgelassenen Erzählungen bildet.

Im Brief an seine Herausgeberin Ingrid Prignitz vom 24.01.1983 stellt er die ihm vorschwebende Konzeption des gerade begonnenen Buches detailliert dar.[21]

Es soll aus sieben Hauptstücken bestehen, die aus jeweils drei Großkapiteln zusammengesetzt sind. Diese wiederum sollen jeweils vier Unterkapitel enthalten von jeweils zwölf Seiten Länge. Zwischen die Hauptstücke beabsichtigt er, sechs unabhängige, dem Stoff nahestehende Erzählungen zu stellen. Rechnerisch ergeben sich dabei weit über eintausend Seiten, die nach seiner Selbsteinschätzung sieben Jahre Arbeit erfordern. Er veranlasst sie, da „sich das alles so zusammenstaucht“, einen Vertrag über dreihundertfünfzig bis vierhundert Seiten vorzubereiten.

Die Erzählhaltung werde, mit Ausnahme der eingeschobenen Erzählungen, in der Ich-Form und das Ganze als eine Art Bericht verfasst. Dem Erzähler solle kein Ehrgeiz anzumerken sein, Reportagehaftes verfassen zu wollen. Allerdings würden die Schilderungen der Arbeit in der Grube und die geologischen Angaben möglichst authentisch gestaltet. Schauplatz werde eine imaginäre Stadt sein, sowohl am Kyffhäuser gelegen, als auch in Grenznähe, also weder Sanger- noch Sondershausen. Der Kupfer- und Kalibergbau würden als zusammenhängender Komplex mit unterirdischen Verbindungen dargestellt, als „phantastisch-reales Reich historischer Strecken“, in denen die Kupferkönigin haust und der Ich-Erzähler sein Atelier hat.

Das erste Großkapitel im ersten Hauptstück umfasse die Exposition und den ersten Erzählstrang, wo die Umstände des Eintreffens des Schriftstellers im Schacht, die ersten Stunden und Tage vor Ort und seine Beweggründe geschildert würden, ferner seine Stellung zu Partei und Staat und der Grundkonflikt des Verdrängens seitens des Betriebes von Unfällen mit Todesfolge. Daraus ergebe sich der Konflikt zwischen Wahrheit und Parteilichkeit in der Beziehung zwischen dem Schriftsteller und der Betriebsleitung, welcher am Schluss zum Bruch führe. Ein zweiter Strang befasse sich mit dem „Phantastischen“ und der Kupferkönigin als Hauptfigur. Diese vertrete ein literaturtheoretisches Konzept, das als Parodie des sozialistischen Realismus erscheinen werde. Im dritten Strang versuche der Schriftsteller, in die Realität des Bergwerks einzudringen, es in seiner inneren Struktur zu übersehen und die Abschottungsversuche informeller Art gegen ihn zu überwinden. Der vierte Strang, sich ausspulend aus dem Dritten, behandle die historische Dimension des Bergwerks als eminent historischen Ort mit Bezügen zur Nationalen Frage in Form von Kaiser Rotbart und dem Kyffhäuser. Den fünften, sechsten und siebten Strang reißt Fühmann nur bruchstückhaft an. Sie würden erotisch unter Freudschen Gesichtspunkten, den Harz betreffend und den Bergmannsalltag vertiefend schildern.

Liest man diese Ausführungen vor dem Hintergrund des von Ingrid Prignitz 1991 herausgegebenen Fragments „Im Berg – Bericht eines Scheiterns“, ergeben sich weitreichende Übereinstimmungen: die ausführlichen Beschreibungen der ersten drei Handlungs- und Erzählstränge lesen sich wie eine Inhaltsangabe der später abgebrochenen Arbeit.[22]

Das vorliegende Fragment des Textes umfasst 124 Seiten, bestehend aus dreizehn, fortlaufend mit arabischen Ziffern versehenen, abgeschlossenen Kapiteln und dem vierzehnten, welches abrupt im Satz abbricht. Die zwölf ersten Kapitel bilden einen mit I überschriebenen Komplex, vermeintlich das erste der sieben angedachten Hauptstücke. Kapitel dreizehn und vierzehn unterstehen dem II. Komplex. Das erste Kapitel ist mit der Überschrift „Kupfer“ versehen, das zwölfte Kapitel, eine selbständige Erzählung, mit der Überschrift „Das Ohr des Dionysos“. Bis auf das erste, das siebte, das achte und das vierzehnte Kapitel sind alle mit Zitaten verschiedener, z.T. historischer Persönlichkeiten überschrieben. Neben Platon wären Novalis, Goethe, Brecht und Walter Ulbricht zu den bekannteren zu zählen. Dagegen erschließen sich die Identitäten von Georg Bauer (Georgius Agricola), Josef Bohdan Dszienkonski und Constantin Constantius, ein von Kierkegaard genutztes Pseudonym, selbst dem kundigen Leser nicht sofort. Nur die Inschrift des St.-Barbara-Altars zu Tullroda, dem fünften Kapitel vorangestellt, scheint eine Konstruktion des Autors zu sein. Diese Zitate stellen Motti zu den Kapiteln dar, deren Funktion im Verhältnis zum jeweiligen Text kommentierender, zusammenfassender oder provozierender Art ist.

Von der Ich-Form weicht der Autor nur im zwölften Kapitel, wie vorgesehen, zugunsten eines auktorialen Erzählers ab. Dieses darbietende Ich tritt an verschieden Stellen aus dem berichtenden Text, um eine eigene Sichtweise darzulegen oder reflexive Stellungnahmen abzugeben. Das Ich ist handelnde, denkende, erinnernde, erzählende, berichtende Person und Persönlichkeit der Handlung in Einem. Die damit verbundenen Erzählhaltungen wechseln einander ab und durchdringen sich. Stellenweise ergeben unterbrochene Passagen und eingeschobene Gedanken, Abschweifungen und ausführende Reflexionen ein versatzstückartiges Bild das den fragmentarischen, unfertigen Charakter des Gesamttextes unterstreicht und verstärkt. An anderen Stellen sorgen ausführliche Beschreibungen z.B. der Umgebung unter Tage für vertiefte Anschaulichkeit und Verständlichkeit.

Mit der Preisgabe und Darlegung von den Ansichten, den übrigen Personen widerstrebender Gefühle, weiht das Ich den Leser in innere Vorgänge ein und lässt ihn auf komplizenhafte Weise teilhaben an einer gesellschaftlich subversiv wirkenden Gedankenwelt. Im Verlauf der ersten drei Kapitel gibt sich dieses Ich als ein, der Faszination des Bergwerks erliegender Schriftsteller zu erkennen, dessen Isolation als Fremdkörper in dem Betrieb mit der als Schriftsteller in Gesellschaft und Staat korreliert.

Im ersten Kapitel findet sich der Leser unvermittelt in der Grube, die Waggons mit den Bergleuten rumpeln zu den Arbeitsplätzen vor Ort.[23] Die Fahrt im Wagen, das Einsteigen, die wenigen Beschäftigungen unterwegs und die Eindrücke der Umgebung werden in allen Einzelheiten geschildert. Der Erzähler erfindet die Funktion des Fahrtenerzählers, der den Weg zum Arbeitsplatz über einen Zugfunk kurzweiliger gestaltet, indem er den normalerweise schlafenden Kumpeln Bergmannsgeschichten von E.T.A. Hoffmann, Ludwig Tieck, Johann Peter Hebel und anderen, vor allem Romantikern, erzählt.

Eingeschoben wird hier die Erfahrung der ersten Einfahrt des Schriftstellers mit dem Obersteiger Busse, der ihm freundlich reserviert den Besucherflügel zeigt und ihn dabei in die Bergmannssprache einführt. Darauf folgt ein Exkurs in den Kalibergbau und die dortigen Arbeitsbedingungen. Das Kapitel endet nach Beschreibungen der verschiedenen geologischen Strukturen, Gesteinsarten und –schichten mit dem Ankommen der Kumpel vorm Erz.

Das zweite Kapitel setzt mit der ersten Einfahrt fort, beginnt aber mit der Vorgeschichte, der vorangegangenen Lesung und einer Beschreibung der Besucherkauen.[24] Unter den ersten ernüchternden Eindrücken in der Grube trifft der Erzähler auf die Brigade. Dem Enttäuschtsein am Beginn des Kapitels steht die Feststellung am Ende entgegen: „Das war mein Ort.“

Während die ersten beiden Kapitel konkreter Natur sind und vor allem aus Erläuterungen der Umgebungsbeschreibungen bestehen, wird im dritten Kapitel eine abstraktere Ebene eröffnet.[25] In das Bekanntmachen mit den Bergleuten fließt eine surreale Traumsequenz von den Vorgängen in einer kollabierenden Schokoladenfabrik. Die Erzählstränge werden in einander geschoben. Während der Erzähler einerseits in der Lohnhalle des Schachtes, über Tage, auf den Betriebsleiter wartet, entspinnt sich unter Tage aus der Frage des Brigadiers, was er denn so schreibe ein von Selbstzweifeln durchsetzter innerer Monolog über den Sinn seiner schriftstellerischen Arbeit in der sozialistischen Gesellschaft. Er empfindet die Grube als günstigen Ort, um über Fragen nach zu denken, die ihn quälend bedrängen, um dort die Lösungsvorschläge praktisch zu erproben. Unter dem Druck, sich selbst erklären zu müssen, erkennt er für sich die Grube als Ort der Wahrheit und Selbstfindung, da dort keine Möglichkeit zum Ausweichen oder zur Flucht gegeben ist. Der Konflikt von aufgezwungener Kulturpolitik, seinem inneren Zensor und der schriftstellerischen Selbstbestimmung spitzt sich zu einem Oben und Unten zu, in dem die Frage nach dem Nutzen von Literatur für die Gesellschaft das ihn quälende Kernstück darstellt: „Braucht jemand einen Essay über Novalis?“ In der Lohnhalle weist ihn ein älterer Arbeiter darauf hin, dass in der Portraitgalerie unter den verdienten Aktivisten etwas fehlt. Was dort fehle, bleibt rätselhaft.

Während eines Arbeitsessens mit dem Betriebsgewerkschaftsvorsitzenden und dem für ihn zuständigen Kulturobmann, wird dem Schriftsteller im vierten Kapitel angeboten, weitere Einfahrten vornehmen zu können und dafür im Gegenzug Lesungen vor einzelnen Brigaden, einer Klasse von Patenschülern und den Lehrlingen des Betriebes zu machen.[26] Er erkennt darin die Gefahr, ein fremdem Willen unterworfenes Objekt zu sein, in der Illusion verhaftet, als Subjekt frei handeln zu können. Mit ähnlichen Erfahrungen auf einer Werft, auf Baustellen und in Maschinenfabriken verbindet er ein asymmetrisches Modell der Beziehung zwischen Betrieb und Schriftsteller, welches ihn einer individuellen Perspektive beraubt.

Das fünfte Kapitel beschreibt mit Tullroda die Stadt, in der sich der „Nappian-Neucke-Schacht“ befindet und die landschaftliche Umgebung.[27] Der Schriftsteller ist in einem heruntergekommenen Hotel untergebracht, das er verlässt um die Stadt und die Landschaft zu erkunden, nachdem er mit der Reinigungskraft aneinander geraten ist die seinen Raum reinigen möchte. Auf dem Weg durch die nebelverhangene Stadt erinnert er sich an eine Traumsequenz der Nacht in der ihm, allein im Bergwerk, beeindruckt von Stille und Dunkelheit, ungestalte Krüppel, verunglückte Bergmänner erschienen die vorbei krochen, was ihn zum eigenen Erstaunen gleichgültig unergriffen ließ. Die Stadtgeschichte wird beschrieben und Straßennamen erläutert.

Unterwegs im Nebel, werden im sechsten Kapitel die Ursprünge und die Geschichte des Kupferbergbaus im allgemeinen und im speziellen von Tullroda erklärt.[28] Der Erzähler wird abseits des Ortes auf einer Landstrasse von einer im dichten Nebel vorüberfahrenden Dampflokomotive überrascht, was ihn zu einer genaueren Differenzierung von verschiedenen Nebelqualitäten und damit zu einer philosophischen und kunstgeschichtlichen Ausschweifung über das Phänomen des Nebels bringt. Er gelangt mit einsetzender Dunkelheit und dickem Nebel nach Tullroda zurück, wo er um zu essen in einen Tanzpalast einkehrt.

Die Ereignisse und Gespräche in diesem Tanzpalast bilden das siebente und das achte Kapitel.[29] Dort trifft der Schriftsteller auf den Grubenarzt Dr. Schmid, der ihm neben dem Eintritt ein Abendessen ermöglicht und ihm Gesellschaft leistet. Dieser berichtet ihm vom Schicksal eines verwahrlosten, durch den Tanzraum torkelnden Mannes, der von seiner dekadenten und genusssüchtigen Frau hintergangen und gedemütigt worden ist. Mit der Redakteurin des „Grubenechos“, des Organs der Betriebleitung vom Nappian-Neucke-Schacht, Marion Gietzsch, die den Schriftsteller um ein Interview bittet, begibt er sich auf die Tanzfläche. Auf ein von Dr. Schmid eingebrachtes Freud-Zitat vergleicht er die Literatur und damit seine schriftstellerische Arbeit als etwas „historisch Gewordenes“ und damit dem Bergbau Verwandtes. Nachdem es in dem Lokal zu einer Schlägerei kommt, begibt man sich nach hause.

Kapitel neun erzählt vom zweiten Tag in der Grube, der zweiten Einfahrt.[30] Diese findet in Begleitung des Arbeitsschutzbeauftragten Kuhn statt, dessen Biographie dem Autor Gelegenheit gibt über seine bisher geschriebenen Biographien nachzudenken, die er allesamt als verfehlt betrachtet. Da er nur Positives und Berufliches darin darstellte, sich den privaten und negativen Seiten der Persönlichkeiten verschlossen habe, seien sie grundweg langweilig, gescheitert. Er entdeckt als Störfaktor das Genre und erkennt die Unterschiede zu literarischen Figuren samt ihren Vorbildern und dem Herrscherlob, welches in Maßlosigkeit der Umschreibung schwelgt. Schließlich analysiert er das Minderwertigkeitsgefühl des Schriftstellers, der sich als Parasit der körperlich Arbeitenden empfindet, als Kern des Problems.

Im zehnten Kapitel wird[31], neben der Arbeit der Brigade, die der Arbeitsinspektor und der Erzähler aufsuchen, die Unmöglichkeit der Wiederholung des Urerlebnisses verdeutlicht. Der Erzähler kommt über Sagbares und Unsagbares zur Wortlosigkeit und dem ihr innewohnenden Todestrieb. Unter dem Aspekt der Wiederholung im Alltag vom entschwundenen Überwältigenden wird für ihn jedes Gelingen zum Scheitern. Unterdessen arbeitet die Brigade, die ihm unter dem Einfluss seiner Phantasie wie eine mythische Urgestalt vorkommt: „sechsköpfig, zwölfarmig, Lichter um den Panzer der Hunte schlagend“. Das Kapitel endet mit der Feststellung: „Ich war in der Grube. Ich war glücklich.“

Das elfte Kapitel bildet das Vorspiel zu Kapitel zwölf.[32] Der Schriftsteller und sein Begleiter, Herr Kuhn, kommen auf dem Weg zu einer Verbindungsstrecke durch ein Sperrgebiet, wo sie Ohrenzeugen einer Kaderbesprechung zwischen dem Parteisekretär, dem Kaderleiter und dem Grubendirektor werden. Als sie befürchten müssen, entdeckt zu werden, setzen sie ihren Weg fort und gelangen zu einer stillgelegten Verbindungsstrecke, die das Kupferabbaugebiet unter Tage mit alten Abbaugebieten, dem Kalibergbau und unter dem Harz hindurch vermeintlich auch dem Staatsgebiet der Bundesrepublik verbinden. Diese Strecke würde dem Begleiter zufolge nach ein paar hundert Jahren ein „Glitzern und Funkeln“ sein, ein „Märchenreich aus Salzen“.

Das zwölfte Kapitel erzählt eine vom bisher Berichteten unabhängige Geschichte und ist dazu passend mit „Das Ohr des Dionysos“ überschrieben.[33]

Dieses bezeichnet einen Felsspalt, der von einer in Granit gehauenen Grotte zu einer mehrere hundert Meter entfernten, unscheinbaren Öffnung reicht und leiseste Geräusche aus der Grotte zu hören ermöglicht. Dem diesen Effekt entdeckenden und geheimhaltenden Dionysos I. dient jene Grotte als Gefängnis, in dem er Widersacher aushorcht. Unter dessen Sohn Dionysos II. fällt das Geheimnis um die Grotte in verschwörerische Hände, was diesen seine Herrschaft und damit das Leben kostet. Einem dritten Dionysos ist es beschieden, nachdem er sich in geistiger Umnachtung nackt und allein über Nacht in die Grotte hat ketten lassen, um die dort vermeintlich hausende Göttin Iris zu empfangen, erstochen darin aufgefunden zu werden. In der Folgezeit wird die Grotte vor allem zu Unterhaltungszwecken genutzt, was auch im zwanzigsten Jahrhundert zu touristischen Zwecken noch Brauch sei.

Kapitel dreizehn, das erste Kapitel des zweiten Hauptstückes, zeigt den reflektierenden Schriftsteller in seinem Waldhaus zehn Jahre nach den Einfahrten bei der Arbeit an einem Buch über seine Erlebnisse unter Tage.[34] In diese Reflexionen vor dem gesammelten Material – Tagebücher, Notizzettel, Dokumente, Photographien, Briefe, Ansichtskarten, Broschüren, Bücher, Metalle, Gesteine, Kristalle, Bohrproben, Gläser mit Sanden und Tonen und Salzen, etc. - mischt sich der mit dem Ende von Kapitel elf unterbrochene Erzählstrang. In der Kantine, nach der Ausfahrt mit Arbeitsinspektor Kuhn, erscheint die Grubenechoredakteurin und überredet ihn zu einem Interview.

Das vierzehnte Kapitel unterstreicht den fragmentarischen Charakter des Buches durch das Abbrechen des Textes mitten im Satz.[35] Die zwei Seiten beschäftigen sich mit dem „Grubenecho“, seinem äußerlichen und innerlichen Aufbau und den personellen Strukturen der Redaktion. Der letzte Satz beginnt die „ehrenamtlichen Berater“ des Grubenechos aufzuzählen:

„...; die wichtigsten davon der Leiter des Bildungskabinetts der örtlichen Parteileitung, der FDJ-Sekretär, die Vorsitzende der Kreisorganisation des Demokratischen Frauenbundes, der Stellvertreter des Kampfgruppenkommandeurs,“

Der Titel des hier vorgestellten Fragments, „Im Berg – Bericht eines Scheiterns“, legt verschiedene Fragen bezüglich des Scheiterns nahe. Wer oder was scheitert woran? Sah der Autor den Fragment gebliebenen Text als gescheitert an? Bezieht sich das Scheitern auf die gesellschaftspolitisch literarische Position des Autors?

Im letzten Interview, am 16.05.1984 in Butzbach mit Schülern, von Hans-Joachim Müller, Hans-Jürgen Schmitt und Uwe Wittstock geführt, geht Fühmann auf die abgebrochene Arbeit ein.[36] Über seine Pläne gefragt antwortet er:

„Meine nächste Arbeit sollte etwas werden, das „Das Bergwerk“ heißt. In dem „Katzenartigen“ habe ich mich darüber geäußert. Es sollte eine Auseinandersetzung werden mit der Doktrin und der Ästhetik des sozialistischen Realismus. Das Projekt ist gescheitert. [...] Im nachhinein baue ich da Türen auf, durch die ich längst gegangen bin, um sie demonstrativ wieder zuzuschlagen. Eigentlich nur eine Lehrschau. Über diese Sachen bin ich hinaus. Ich konstruiere da einen Ich-Erzähler, von dem jeder merkt, dass das meine Person ist, der sich aber in einer Position, einer Naivität der Fragestellung befindet, die es eigentlich seit meiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft nicht mehr gegeben hat. Das merkt man. Einerseits war das Bergwerk für mich ein ungeheures Erlebnis, landschaftlich, existentiell, ich habe sehr hart daran gearbeitet, habe Stöße von Dokumenten durchgearbeitet, habe bestimmte Erfahrungen und Kenntnisse von dem, was man so Arbeitswelt nennt, die wahrscheinlich kein anderer Kollege in dieser Intensität hat. Dann habe ich aber eingesehen, dass das keinen Sinn hat. Das ganze war auf 800-1000 Seiten konzipiert, es hätte 5-6 Jahre gedauert. Da habe ich es begraben.“[37]

Die frühen Verfechter des sozialistischen Realismus hatten sich in erster Linie gegen verschiedene, unter dem Überbegriff Formalismus zusammengefasste, Stilrichtungen in Malerei, Musik und eben auch Literatur gewandt. Als pazifistisch, kosmopolitisch, dekadent und antisozialistisch wurden Werke gebranntmarkt, deren „düstere, bedrückenden und pessimistischen Charaktere“ dem sozialistischen Fortschrittsglauben entgegen zu stehen schienen, so beispielweise von Autoren der modernen Weltliteratur wie Franz Kafka, James Joyce, Marcel Proust, Sigmund Freud, Alfred Döblin und anderen.[38]

Dagegen sollte der Künstler „das Leben kennen, es nicht scholastisch, nicht tot, nicht als >objektive Wirklichkeit<, sondern als die objektive Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung darstellen. Dabei muss die wahrheitsgetreue und historisch konkrete künstlerische Darstellung mit der Aufgabe verbunden werden, die werktätigen Menschen im Geiste des Sozialismus ideologisch umzuformen und zu erziehen“.[39]

Den in ihm schon länger schwelenden „Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin“ beabsichtigte Fühmann aufzubrechen in einer literarischen Auseinandersetzung mit der Ästhetik des sozialistischen Realismus. Erhellend ist in diesem Zusammenhang, neben der Wertschätzung und dem Eintreten für das Werk Franz Kafkas durch Fühmann, eine Bemerkung im bereits erwähnten Brief an Ingrid Prignitz, in dem er das geplante Buch in die Nähe von James Joyce` „Ulysses“ stellt, wohl weniger in der strukturellen Konzeption als eher in Umfang oder Intention. Während er sich im Rahmen des „Bitterfelder Weges“ mit „Kabelkran und Blauer Peter“ noch durchaus bewusst im Kontext der politischen Anschauung bewegte ließ sich für ihn, zunehmend gegen Ende der sechziger Jahre und bereits deutlich in „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“, die eigene Vorstellung von wahrer Poesie und ihrer Rolle in der Öffentlichkeit nicht mit den Maßgaben des sozialistischen Realismus vereinen. Im 1982 erschienenen Essay „Vor Feuerschlünden. Erfahrungen mit Georg Trakls Gedicht“ - eine der Arbeiten, die das Bergwerksprojekt immer wieder verschoben - heißt es: „Der Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin war unvermeidlich: beide waren in mir verwurzelt, und beide nahm ich existentiell. Es war mir ernst mit der Doktrin, hinter der ich noch durch die verzerrtesten Züge das Gesicht der Befreier von Auschwitz sah, und es war mir ernst mit der Dichtung, in der ich jenes andere ahnte, das den Menschen auch nach Auschwitz nicht aufgab, weil es immer das andere zu Auschwitz ist. – Ein Ernstnehmen wog das andere auf. [...] Mein Konflikt brach von innen aus, nicht von außen, also war er nicht vermeidbar. Sein Ende ist noch nicht abzusehen“.[40]

Uwe Schweickert fügt den bisher genannten Aspekten vom Scheitern des Bergwerkprojektes in „’Hin zu einer Literatur ohne Ufer` - vom Scheitern Franz Fühmanns“ verschiedene andere hinzu: „In den Entwürfen deutet sich das hypertrophe, weil letzten Endes unvollendbare Vorhaben eines All- und Universalbuches an, für das sich in der jüngeren Literaturgeschichte kein vergleichbares Beispiel findet“.[41] An anderer Stelle: „ Mit dem Bergwerk hatte er sich ein Vorhaben aufgeladen, das in entgegengesetzter Richtung, aber mit nicht weniger radikaler Konsequenz als die Romantiker, die Welt poetisieren wollte, ein Werk, dem das Scheitern wohl von vornherein eingeschrieben war.“[42]

Während die Vorarbeiten ungeheure Ausmaße angenommen hatten, das gesammelte Material sich im Arbeitsraum türmte und die Gesamtkonzeption wie ein Schwamm alle elementaren und grundsätzlichen Stimmungen, Meinungen, Erkenntnisse und Ideen aufsog, war an eine Ausarbeitung nicht zu denken, da andere Projekte drängten.

Hans Richter präzisiert dies, wenn er schreibt: „Man muss die verschiedentlich geäußerten vorgreifenden Auskünfte des Autors über das geplante Werk kennen, um hinreichend erahnen zu können, welcher gedankliche und künstlerische Reichtum das erträumte „Bergwerk“-Buch auszeichnen sollte. Ihm war wohl insgeheim der Rang (nicht die Form) eines Romans und die Stellung eines krönenden Hauptwerkes zugedacht“.[43]

Dass das Scheitern verschiedene Ebenen erfasst hatte, wird an einem Brief Fühmanns an die Kumpel in Sangerhausen vom 2. Januar 1981 deutlich: „Für mich hat die Entwicklung der letzten Zeit Klarheit in zweifacher Hinsicht gebracht: einmal, dass ich nun endlich, aber jetzt auch tatsächlich, mit meinem BERGWERK, dem meinen, beginnen werde, und zum zweiten die Klarheit, dass ich, bevor ich noch zu schreiben beginne, in mancher Hinsicht gescheitert bin. Wahrscheinlich ist es nur ein Punkt, und der betrifft eben das Verhältnis zwischen uns. Das ist nicht persönlich gemeint. Es ist das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Arbeiter. [...] Ich bin ja auch so gern bei euch gewesen, man kann ruhig sagen: auf eine gewisse Weise bin ich zu euch geflohen. [...] Mit dem Buch, wenn`s fertig ist, will ich mich gern vor euch verantworten; ich lasse mich dann von euch zur Rede stellen, das kann dann sehr hart sein, denn ihr habt ebenso selbstverständlich wie ich das Recht auf eure Meinung. Bloß bis dahin lasst mich allein sein und allein stehen. Es geht nicht anders.“[44]

Literatur:

Fühmann, Franz: Im Berg - Bericht eines Scheiterns / hrsg. von Ingrid Prignitz 2.Auflage. Rostock: Hinstorff Verlag 1993

Fühmann, Franz: Den Katzenartigen wollten wir verbrennen: e. Lesebuch. 1.Auflage. Hamburg: Hoffman und Campe 1983

Fühmann, Franz: Briefe 1950-1984. Eine Auswahl / hrsg. von Hans-Jürgen Schmitt. 1.Auflage. Rostock: Hinstorff Verlag 1994

Fühmann, Franz: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten Und Briefen / hrsg. von

Barbara Heinze. 1.Auflage. Rostock: Hinstorff Verlag 1998

Fühmann, Franz: Vor Feuerschlünden. Erfahrungen mit Georg Trakls Gedicht.

Anhang: Dichtungen und Briefe Georg Trakls 1.Auflage. Rostock: Hinstorff Verlag 1984

Sekundärliteratur:

Richter, Hans: Franz Fühmann: ein deutsches Dichterleben - Biographie 1.Auflage. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2001

Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR, erw. Neuausgabe 1. Auflage. Leipzig: Kiepenheuer 1996

Schweickert, Uwe: „Hin zu einer Literatur ohne Ufer“ - vom Scheitern Franz Fühmanns. In: Jeder hat seinen Fühmann“: Herkunft - Prägung - Habitus: Potsdamer literaturwissenschaftliche Studien und Konferenzberichte ; Zugänge zu Poetologie und Werk Franz Fühmanns. hrsg. von Brigitte Krüger et al. 1.Auflage. Frankfurt a.M.: Lang 1998

Internet:

„Ich bin nicht in allem ein orthodoxer Freudianer.“ – Franz Fühmann im Gespräch mit Berliner Lehrerinnen und Lehrern.

http://www.dickinson.edu/departments/germn/glossen/heft4/fuehmanngespraech.html

[...]


[1] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen , S.325

[2] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, S. 352

[3] Fühmann: Den Katzenartigen wollten wir verbrennen, S. 175

[4] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, S. 353

[5] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, Abb. S. 319

[6] Richter: Franz Fühmann, S. 438

[7] Fühmann: Briefe 1959-1984 , S. 143

[8] Ebd., S. 143,144

[9] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, Abb. S. 318

[10] Prignitz: Zu dieser Ausgabe. In: Fühmann: Im Berg , S. 310 , Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, S. 318 - 328

[11] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, S. 332

[12] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, S. 329

[13] Ebd., S. 334

[14] Fühmann: Briefe 1959-1984, S. 177

[15] Vgl. Ebd., S. 183,184

[16] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, S. 317

[17] Ebd., S. 317

[18] Ebd., S. 337

[19] Fühmann: Im Berg, S. 131-150

[20] Fühmann: Briefe 1959-1984, S. 182 - 449, Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, S. 337-347

[21] Fühmann: Im Berg, S. 150-155

[22] vgl. Fühmann: Im Berg, S. 150-155 und Ebd., S. 6-129

[23] vgl. Fühmann: Im Berg, S. 6-16

[24] vgl. Ebd., S. 17-24

[25] vgl. Ebd., S. 25-39

[26] vgl. Fühmann: Im Berg, S. 40-46

[27] vgl. Ebd., S. 47-54

[28] vgl. Ebd., S. 55-65

[29] vgl. Fühmann: Im Berg, S. 66-77 , 78-84

[30] vgl. Ebd., S. 85-99

[31] vgl. Ebd., S. 100-109

[32] vgl. Fühmann: Im Berg, S. 110-114

[33] vgl. Ebd., S. 115-122

[34] vgl. Ebd., S. 123-127

[35] vgl. Fühmann: Im Berg, S. 128-129

[36] vgl. dazu auch „Ich bin nicht in allem ein orthodoxer Freudianer.“ – Franz Fühmann im Gespräch mit Berliner Lehrerinnen und Lehrern.

[37] Fühmann: Briefe 1959-1984, S. 593

[38] vgl. Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 119

[39] Ebd., S. 120

[40] Fühmann: Vor Feuerschlünden, S. 180

[41] Schweickert: Vom Scheitern Franz Fühmanns, In: Potsdamer literaturwissenschaftliche Studien und Konferenzberichte, hrsg. Krüger, S. 103

[42] Ebd. S. 105

[43] Richter: Franz Fühmann, S. 20

[44] Fühmann: Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, S. 344-346

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Franz Fühmann - Im Berg - Vom Prozeß zum Fragment
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Franz Fühmann - Leben und Werk
Note
2 (gut)
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V108196
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Prinzip eine Recherche-Arbeit, inhaltlich etwas dünn gestrickt, dafür mit vielen Details und Hintergründen aus dem Arbeits- und Schreibprozeß "Bergwerk". Als Anregung zur weiteren Beschäftigung mit diesem Schaffensbereich im Werk Franz Fühmanns durchaus geeignet (man müßte sowieso viel mehr Franz Fühmann lesen!).
Schlagworte
Franz, Fühmann, Berg, Prozeß, Fragment, Leben, Werk
Arbeit zitieren
Martin Enderlein (Autor), 2002, Franz Fühmann - Im Berg - Vom Prozeß zum Fragment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108196

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