Spekulationsphänomene im Telekommunikationsmarkt - dargestellt am Beispiel UMTS


Diplomarbeit, 2003

135 Seiten, Note: 1,3


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Inhalt

MANAGEMENT

SUMMARY

BILDVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 SPEKULATIONSBASIERTE MÄRKTE
2.1 Beispiele aus der Geschichte
2.1.1 Das große Tulpenfieber von 1633 bis 1637
2.1.2 Die französische Mississippi-Kompagnie
2.1.3 Die große Eisenbahnspekulation
2.2 Unabdingbare Elemente eines spekulativen Überschwangs
2.3 Ist UMTS ebenfalls ein Hype?

3 EVOLUTION DER TELEKOMMUNIKATION
3.1 Bedeutung der Telekommunikation
3.2 Anfänge der Telekommunikation
3.3 Technische Evolution der mobilen Telekommunikation
3.3.1 Mobilfunknetze der ersten Generation
3.3.2 Mobilfunknetze der zweiten Generation
3.3.2.1 GSM
3.3.2.2 HSCSD
3.3.2.3 GPRS, CDPD und EDGE
3.3.3 Mobilfunknetze der dritten Generation
3.3.3.1 Der Weg zum IMT-2000 Standard
3.3.3.2 Universal Mobile Telecommunication System (UMTS)
3.4 Technologien rund um Mobilfunk
3.4.1 SMS
3.4.2 WAP
3.4.3 Bluetooth

4 ENTWICKLUNG DER ERWARTUNGSHALTUNG
4.1 Explosion des Marktes
4.2 Wandel von Postbehörden zu Aktiengesellschaften
4.3 New Economy, E-Commerce und der Glaube an nicht enden wollendes Wachstum
4.4 Das Internet wird mobil
4.4.1 Vorbild i-mode
4.4.2 Prognosen für das Wachstum des mobilen Internes in Europa
4.4.3 Neue Einnahmenquellen dank M-Commerce
4.5 Lukratives Oligopol

5 VERSTEIGERUNG DER DEUTSCHEN UMTS-LIZENZEN
5.1 Reglement und Vorgaben
5.2 Entwicklungen im Vorfeld der Auktion
5.3 Auktionsverlauf
5.4 Ergebnisse weiterer Auktionen in Europa

6 KONSOLIDIERUNG DES TELEKOMMUNIKATIONSMARKTES
6.1 Platzen der Illusionen
6.1.1 Der Zusammenbruch der New Economy lässt die Stimmung umschwenken
6.1.2 Mobile Commerce auf dem Prüfstand
6.1.3 Ein Ende des Marktwachstums absehbar
6.1.4 Erosion der Einnahmen
6.1.5 Das SMS-Wunder und das Scheitern von WAP, HSCSD und GPRS
6.1.6 Der Konkurrent WLAN droht lukrative Einnahmequellen zu besetzen
6.1.7 Die Entwicklung von 4G hat bereits begonnen
6.2 Die Krise findet ihre Opfer
6.2.1 Der Kapitalmarkt straft Telefongesellschaften ab
6.2.2 Sparzwang für die Lizenzinhaber
6.2.3 Das Ende von Quam
6.2.4 Die Telekom-Ausrüster tragen einen Gutteil der Lasten
6.3 Aufbau der Netze und Start der Dienste
6.3.1 Kleinere Testnetze
6.3.2 3G in Italien
6.3.3 Die ersten Netze in Österreich
6.3.4 UMTS im Großraum London
6.3.5 Status des Aufbaus in Deutschland
6.3.6 Verfügbarkeit von Endgeräten

7 CASE-STUDIES VON MARKTBETEILIGTEN
7.1 Deutsche Telekom AG
7.1.1 Das Unternehmen
7.1.2 Die Wachstumsstrategie
7.1.3 Das Jahr der Investitionen
7.1.4 Machtkämpfe und rigider Sparkurs ab 2002
7.1.5 Fazit zur Deutschen Telekom
7.2 MobilCom AG
7.2.1 Das Unternehmen
7.2.2 Die Strategie
7.2.3 Der Aufbau eines eigenen Netzes scheitert
7.2.4 Fazit zu MobilCom

8 ERGEBNIS: „HYPE ODER NICHT HYPE?“

9 AUSBLICK
9.1 Hemmt der Schuldengrad die Innovationskraft?
9.2 Wie kann UMTS ein Erfolg werden?

10 LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS

Management Summary

Im Laufe des Jahres 2000 und Anfang 2001 wurden in ganz Europa Li- zenzen für die neueste Generation der mobilen Telekommunikation ver- geben. Alleine in Deutschland kam bei Versteigerung von sechs Mobil- funknetzen eine Auktionssumme von 50,4 Milliarden Euro zustande.

Die beteiligten Telekommunikationsunternehmen waren zum Zeitpunkt der Auktion von der entscheidenden Bedeutung einer UMTS-Lizenz für ihre eigene Zukunft überzeugt. Sie blickten auf eine beeindruckende Pha- se des Wachstums zurück, die jedoch zuletzt von einem zunehmenden Wettbewerb und sinkenden Margen gekennzeichnet war. UMTS ver- sprach durch die Verknüpfung der Zukunftsmärkte Internet und Mobilfunk neue Einnahmequellen durch M-Commerce, die Beseitigung von Kapazi- tätsengpässen sowie die Bereitstellung von Breitbandzugängen ins Inter- net. Dank der staatlichen Vergabe der Frequenzbereiche an nur wenige Anbieter bot sich für Neueinsteiger eine Chance zur Teilhabe am Mobil- funk-Oligopol. Für die etablierten Anbieter waren die Lizenzen der Schlüssel zur Absicherung der eigenen Marktanteile und die Gewinnung von Wettbewerbsvorteilen. Rationale Bewertungsmassstäbe wurden aus- gehebelt und vom ohnehin überbordenden Überschwang rund um die New Economy erfasst.

Bei der Auktion in Deutschland wuchs die Versteigerungssumme in schwindelerregende Höhen, da die etablierten Anbieter das Wettbewerbs- feld klein halten und die Newcomer auf keinen Fall bei der Vergabe leer ausgehen wollten. So stellt die deutsche Auktion auch einen Scheide- punkt in der öffentlichen Stimmungsentwicklung rund um das Thema UMTS dar. Nach Bekanntgabe des Auktionsergebnisses wuchs die Kritik an der gewaltigen Geldsumme, die von den beteiligten Unternehmen für die Lizenzen gezahlt wurde.

Die Telekommunikationsbranche rutschte im Jahr 2001 in eine umfas- sende Konsolidierung. Die Erfolgsaussichten von M-Commerce, mobilen Datendiensten und den meisten anderen Möglichkeiten des neuen Mobil- funks wurden vermehrt kritisch gesehen. An Stelle von ehrgeizigen Ex- pansionsplänen wurden Kostensenkung und Schuldenabbau zur Kern- strategie der meisten Telefonfirmen. Kleinere Anbieter mussten ange- sichts erdrückender Finanzverbindlichkeiten aufgeben.

Der Aufbau der neuen UMTS-Angebote verlief bisher nur schleppend. In Deutschland werden die verbliebenen Anbieter erst Ende 2003 ihre

Management Summary – Seite XI

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

neuen Netze starten. Die kleineren Anbieter werden mit dem Abbau ihrer Schulden große Schwierigkeiten haben. Die großen Marktführer können sich die horrenden Lizenzgebühren dank eines stark positiven Cash- Flows leichter leisten. Es ist jedoch nicht absehbar, ob UMTS mit den hohen Anlaufkosten jemals ein wirtschaftlicher Erfolg sein wird.

Bildverzeichnis

Bild 1: Tulpenart Semper Augustus

Bild 2: Optisches Telegraphensystem von Claude Chappe

Bild 3: A-Netz Autotelefon

Bild 4: Entwicklung der Anzahl von Kanälen in Festnetz und Mobilfunk in Millionen zwischen 1990 und 2001

Bild 5: Entwicklung der Verbreitung von Mobiltelefonen in Deutschland zwischen 1992 und 2001 mit einer Einteilung der Diffusionsphasen

Bild 6: Zeitraum zur Erreichung von weltweit 50 Millionen Teilnehmern

Bild 7: Vergleich der weltweiten Diffusion von Mobiltelefonen, Personal-Computern und des Internets (in Millionen)

Bild 8: Entwicklung der Wertschöpfungsanteile der Informations- und Kommunikationswirtschaft in ausgewählten Ländern

Bild 9: Minimalpreise im Festnetz für ein Nationales Ferngespräch (in Cent pro Minute)

Bild 10: Entwicklung des NASDAQ Composite Index und Dow Jones Industrial Average zwischen 1971 und Ende 2000

Bild 11: Prognostizierte Entwicklung des Pro-Kopf-Umsatzes mit E-Commerce von 1997 bis 2002

Bild 12: Einige der wichtigsten Akteure der Telekommunikationsbranche auf dem Höhepunkt der New Economy

Bild 13: Durchschnittliche monatliche Einnahmen pro Kunde von NTT DoCoMo

Bild 14: Prognostizierte Entwicklung der Nutzer von Mobilen Internet-Diensten in Europa zwischen 1999 und 2005 (in Millionen)

Bild 15: Prognosen für die Entwicklung der weltweiten Anzahl von Nutzern des drahtlosen Internets (in Millionen)

Bild 16: Prognose über die durchschnittlichen monatlichen Einnahmen pro Mobilfunkkunden zwischen 1999 und 2005

Bild 17: Prognose über die Verteilung der Einnahmenquellen für

Mobilfunkbetreiber zwischen 2002 und 2011

Bild 18: Unterschiedliche Wertschöpfungsstufen bei Netzbetreibern und Service Providern

Bild 19: Entwicklung der Bietersummen in den 173 Runden der Auktion

Bild 20: Endstand der Lizenzvergabe in Runde 173 (Bildschirmfoto des Bietungsprogramms)

Bild 21: Entwicklung des NASDAQ Composite Index und Dow Jones Industrial Average zwischen 1971 und Anfang 2003

Bild 22: M-Commerce Wertschöpfungskette.

Bild 23: Verteilung des deutschen Mobilfunkmarktes hinsichtlich Kundenzahl und Marktanteilen

Bild 24: Entwicklung des Anteils von Prepaid-Karten zwischen 1998 und 2002

Bild 25: Preisentwicklung für Telefondienstleistungen zwischen 1995 und 2002 in Deutschland

Bild 26: Prognostizierte Entwicklung der durchschnittlichen Minutenpreise und des monatlichen Minutenverbrauch pro Teilnehmer für Sprachtelephonie in deutschen Mobilfunknetzen

Bild 27: Zahl der in Deutschland versendeten SMS-Nachrichten zwischen 1998 und 2002

Bild 28: Räumliche Abgrenzung der Technologien WLAN, UMTS und GPRS

Bild 29: Veränderung der Börsenkurse der beteiligten Bieter

Bild 30: Innenansicht der Münchner Zentrale von Quam.

Bild 31: Der übersichtliche UMTS Informationsstation von E-Plus auf der CeBIT 2003

Bild 32: Erste funktionsfähige Prototypen für UMTS-Endgeräte

Bild 33: Umsatzentwicklung ausgewählter Sparten der Deutschen Telekom in den Jahren 1998 bis 2000

Bild 34: Entwicklung von Umsatz, Investitionen, Konzernüberschuss und Finanzverschuldung der Deutschen Telekom in den Jahren 1997 bis 2002

Bild 35: Entwicklung der Divisionen der Deutschen Telekom zwischen 2000 und 2002

Bild 36: Länder in denen die Deutsche Telekom über UMTS-Lizenzen verfügt

Bild 37: Telekom-Vorstände Sommer, Sihler und Ricke

Bild 38: Entwicklung der Bilanz-Aktiva der Deutschen Telekom zwischen 1998 und 2002

Bild 39: Entwicklung der Bilanz-Passiva der Deutschen Telekom zwischen 1998 und 2002

Bild 40: MobilCom-Gründer Gerhard Schmid

Bild 41: Aktienchart der MobilCom AG zwischen 1998 und 2003

Bild 42: Logo der „neuen mobilcom“

Bild 43: Motive der etablierten Marktteilnehmer und Newcomer für ihr Interesse an UMTS

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Preise in den Vereinigten Niederlanden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Tabelle 2: i-mode Dienste und ihr Anteil an der Gesamtnutzung

Tabelle 3: Technische Anforderungen der RegTP an die Einführung von Mobil- funknetzen der Dritten Generation

Tabelle 4: Zugelassene Teilnehmer der UMTS-Auktion in Deutschland mit Inhaberstruktur zum Zeitpunkt der Zulassung

Tabelle 5: Lizenzkosten für Mobilfunksysteme der dritten Generation im Vergleich

Tabelle 6: Prognostizierte Entwicklung der durchschnittlichen ARPU pro Jahr in ausgewählten europäischen Staaten zwischen 2000 und 2005

Tabelle 7: Preise für 3G in Italien

Tabelle 8: Preise für 3G in Österreich

Tabelle 9: Die zehn größten Telekommunikationsunternehmen nach Umsatz in Milliarden USD

Tabelle 10: Ausgewählte Kennzahlen der MobilCom AG zwischen 1997 und 2002

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Im August 2000 war eine ehemalige Kaserne in Mainz der Schauplatz einer der spektakulärsten Auktionen in der Wirtschaftsgeschichte. Sechs Unternehmen ersteigerten für rund 50,4 Milliarden Euro das Recht zum Betreiben eines Mobilfunknetzes der dritten Generation.

Wie kam es dazu, dass die beteiligten Telekommunikationsunterneh- men bereitwillig rund 611 Euro pro Bundesbürger zahlten, um einen Teil des Frequenzspektrums für sich zu reservieren? Auf welche Chancen und Möglichkeiten spekulierten sie? Rechtfertigen die Chancen rund um das Mobilfunksystem UMTS diese gewaltige Summe? Hatte dies alles noch mit rationalen Erwägungen zu tun?

Diese Arbeit möchte einen weiten Bogen über das Thema spannen, angefangen bei Beispielen aus der Wirtschaftsgeschichte für irrationale Wirtschaftsentwicklungen. Danach soll die Entwicklung der Telekommuni- kation und ihrer Industrie dargestellt werden. Rund um die Auktion im August 2000 soll dann geklärt werden, welche Erwartungen die Beteilig- ten davor hegten, wie sie sich während der Versteigerung verhielten und ob ihre Pläne und Hoffnungen erfüllt wurden.

Im Rahmen von zwei kurzen Case-Studies wird hierbei gezielt noch einmal auf die Unternehmen Deutsche Telekom und MobilCom eingegan- gen.

Schließlich soll am Ende die Frage geklärt werden, ob die UMTS- Versteigerung eine irrationale Spekulation war oder nicht.

2 Spekulationsbasierte Märkte

Zu den grundlegenden Erkenntnissen der Volkswirtschaft gehört, dass sich auf einem offenen Markt aus Angebot und Nachfrage schließlich ein Preis ergibt. Es wird hierbei davon ausgegangen, dass Anbieter und Nachfrager ökonomisch sinnvoll und rational handeln. Der Nachfrager wird sich daher nur dann für den Erwerb eines Gutes interessieren, wenn er eine sinnvolle Verwendung hierfür hat. Umgekehrt wird der Anbieter nur dann ein Gut verkaufen, wenn er einen für ihn vorteilhaften Preis er- wirtschaften kann.

In der Praxis sorgen mehrere Faktoren dafür, dass die einleuchtende und einfache Theorie von Angebot und Nachfrage meist nur eine verein- fachte und modellhafte Theorie bleibt. Das wirtschaftliche Verhalten der Marktteilnehmer ist weitaus schwieriger zu erklären. Die entscheidenden Faktoren hierbei sind Zeit und mangelnde Transparenz.

Die Herstellung eines Gutes benötigt in der Regel Zeit. Soll also zum Beispiel ein entsprechendes Angebot zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung stehen, muss vor Entstehen der Nachfrage bereits mit der Herstellung begonnen werden. Auf den meisten Märkten tummelt sich eine unüberschaubare Anzahl von Anbietern und Nachfragern. So kann es zum Beispiel passieren, dass ein Anbieter keinen Nachfrager findet oder Preise nicht wirklich ausgeglichen sind. Für die einzelnen Marktteil- nehmer ist dieser Markt keineswegs transparent – sie haben also keinen Überblick über alle Anbieter und Nachfrager.

Marktteilnehmer können somit keineswegs von einer sicheren Fakten- lage ausgehen, da niemals alle Informationen vorhanden sind und stets mehr oder weniger Unwägbarkeiten bleiben. Bei der Steuerung ihres An- gebots und ihrer Nachfrage sind sie auf Spekulationen angewiesen. Unter Spekulationen versteht man über die bloße Erfahrung hinausgehendes

Denken. Abwertend bezeichnet man damit oft auch eine unbewiesene Annahme oder bloße Einbildung.[1]

2.1 Beispiele aus der Geschichte

Im Jahre 1811 schrieb Meisner in seinem Buch „Die Spekulationswissen- schaft für denkende Geschäftsmänner“: Spekulant ist derjenige, welcher nach wahrscheinlichen Berechnungen des Erfolgs Unternehmungen wagt, deren Ausgang noch das Dunkel der Zukunft umhüllt, deren Erfolg noch von der Zukunft abhängt“.[2]

In der Geschichte hat es mehrfach Beispiele gegeben, wo Spekulatio- nen Märkte und ganze Volkswirtschaften beeinflusst haben obwohl sich dies im Nachhinein als furchtbarer Fehlschlag erwiesen hat. So unter- schiedlich Auslöser, Art und Inhalt der Spekulationen sein können, hin- sichtlich Ablauf und Auswirkungen ähneln sich die Ergebnisse häufig frappierend. Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich also, um die Merk- male eines spekulationsbasierten Marktes besser kennen zu lernen.

2.1.1 Das große Tulpenfieber von 1633 bis 1637

Im 17. Jahrhundert erlebte die Republik der Vereinigten Niederlande ihre goldene Zeit. Mit Fleiß und Ehrgeiz hatte das kleine Land in wenigen Jahrzehnten eine entscheidende Bedeutung in Europa erlangt. Amster- dam war der bedeutendste Umschlagsplatz für Waren aus der gesamten Welt. An der Börse wurden seit 1602 die Aktien der Ostindischen Kom- pagnie gehandelt, die ein Monopol auf den Handel mit zahllosen Ländern in Übersee hatte. Die stete Aufwärtsentwicklung der Aktie kann als Sym- bol für den Erfolg Hollands genommen werden.

Im benachbarten Deutschen Reich tobte der Dreißigjährige Krieg. Die Fronten zwischen Katholiken und Protestanten verliefen kreuz und quer über den Kontinent. Trotzdem konnte sich die Republik der Vereinigten Niederlande im Wesentlichen aus den Konflikten heraus halten und das Augenmerk auf den Ausbau der eigenen Wirtschaft legen. Im Gegensatz zu seinen Nachbarländern waren Rang und Geburt keine entscheidenden Kriterien für den Erfolg. Der klassische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär konnte in den Niederlanden geträumt werden. Zahlreiche Regen- ten hatten als kleine Handwerker oder Bauern begonnen und waren stolz auf ihre „niedere“ Herkunft. Einflüssen des Calvinismus ist es wahrschein- lich zu verdanken, dass die Niederländer bei ihren Nachbarn als streb- sam, ehrgeizig aber auch furchtbar knauserig bekannt waren. Prunk und Verschwendungssucht waren allgemein verpönt. Gewinne wurden in neue Geschäfte reinvestiert oder für schlechtere Zeiten gespart.

Irgendwann Ende des 16. Jahrhunderts kamen die ersten Zwiebeln ei- ner bisher unbekannten Blumenart aus dem osmanischen Reich in die Niederlande. Für die Türken hatte die Tulpe eine besondere Bedeutung. Sie hatten die wilden Tulpen aus ihrer ursprünglichen Heimat im russi- schen Pamir an den Bosporus gebracht. Die Blume galt als Sinnbild der Ewigkeit und der aufrichtigen Liebe. Mit ihrem gebeugten Haupt verkör- perte sie zudem die Bescheidenheit vor Gott und wurde manchmal sogar als Blume Gottes bezeichnet.[3]

In Europa fand die elegante Tulpe schnell zahlreiche Anhänger. Für die oberen Schichten der Gesellschaft war es schick geworden, seltene und erlesene Pflanzen zu sammeln und kunstvolle Gärten anzulegen. Die Gärtner tauschten untereinander Tulpenzwiebeln und versuchten durch die Kreuzung unterschiedlicher Arten immer neue Farbkompositionen zu schaffen. Die Tulpe entwickelte sich zu einer Modeblume und immer mehr stolze Kaufleute wollten ihre Gärten mit einer der spektakulären Neuzüch- tungen schmücken. Die meisten Tulpenzwiebeln bringen jedoch im Jahr nur zwei bis drei Brutzwiebeln hervor, und dies auch nur ein paar Jahre lang, bis die Mutterzwiebel sich erschöpft hat und abstirbt[4]. Im besten Fall standen nach vier Jahren also sechzehn Zwiebeln einer neuen Sorte zur Verfügung. Es dauerte damit oft ein bis zwei Jahrzehnte, bis eine gefragte Neuschöpfung allgemein am Markt verfügbar war. In der Folge stiegen die Preise für schöne Sorten schon recht früh auf ansehnliche Preise. Zu- nächst blieb der Tulpenhandel jedoch eher das Metier von begeisterten Botanikern und Hobby-Züchtern. Die Aussicht auf Gewinne zog jedoch bald Glücksritter an.

Der Handel mit Tulpenzwiebeln wurde ab 1634 immer professioneller. Das Gewicht der Zwiebeln wurde in „Assen“ bewertet und mit Goldwaa- gen bemessen. Auf großen Auktionen fanden Verkäufer und Käufer zu- einander. Die Regeln und Kniffe von Auktionen hatte man sich an der Amsterdamer Börse abgeschaut und mit teilweise etwas skurrilen Ritua- len vermengt, die vor allem Herausforderungen an die Trinkfestigkeit der Teilnehmer stellten. Tulpen wurden jedoch niemals an der Börse direkt gehandelt. Vielmehr wurden die Hinterzimmer von Gasthöfen in fast je- dem größeren Ort in turbulente Handelsräume umfunktioniert.

Der Wert legendärer und sehr seltener Tulpenzüchtungen stieg stetig in immer abenteuerlichere Höhen. So steigerte sich der Preis für die Tulpe- art Generael der Generaelen van Gouda zwischen Dezember 1634 und Dezember 1635 um zwei Drittel, dann in sechs Monaten zwischen De- zember und Mail 1936 um weitere 50 Prozent. Danach verdreifachte sich ihr Wert noch einmal zwischen Juni 1636 und Januar 1637. In nur zwei Jahren stieg der Preis also von ohnehin schon teueren 100 Gulden auf 750 Gulden. Die berühmteste aller Tulpen mit Namen Semper Augustus kostete im Jahre 1633 rund 5.500 Gulden. Auf dem Höhepunkt des Wahns im Jahre 1637 musste für eine einzige Zwiebel 10.000 Gulden gezahlt werden.[5] Zu dieser Zeit konnte man sich für diesen Geldbetrag eines der größten und schönsten Stadthäuser in bester Lage in Amster- dam kaufen. Hierbei sei zu erwähnen, dass zu dieser Zeit Häuser nir- gendwo in Europa so teuer waren, wie in der niederländischen Hafen- stadt.

Tabelle 1: Preise in den Vereinigten Niederlanden in der ersten Hälfte des 17. Jahr- hunderts[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[7]

Die steigenden Preise für Zwiebeln machten den Einstieg kleiner Hand- werker oder Tagelöhner in das lukrative Tulpengeschäft immer schwieri- ger. Immer mehr Marktteilnehmer stürzten sich daher ab 1608 auf Ter- minkontrakte, die angesichts des ständigen Anstiegs der Preise großen Profit bei kleinem Einsatz und geringem Risiko versprachen. So konnte ein Zwischenhändler (ein so genannter Florist) mit einem Kapital von nur 50 Gulden für ein Mehrfaches Kontrakte abschließen. In den Jahren 1621, 1623, 1624, 1630 und 1636 wurden zwar Gesetze erlassen, die diese Termingeschäfte für Tulpen verboten. Alleine an der Tatsache, dass sechs Mal Verbote erlassen wurden, kann man jedoch ablesen, dass diese nicht weiter beachtet wurden.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Tulpenart Semper Augustus

Legendärer Höhepunkt der Tulpenmanie war eine große Auktion in der Stadt Alkmaar. 1637 versteigerte die Stadt 120 Tulpenzwiebeln zugunsten eines Waisenhauses der Gemeinde. Interessenten reisten aus der gan- zen Republik an. Die Polizei musste die Massen gewaltsam unter Kontrol- le halten, da die Käufer in einem wilden Durcheinander schon während der Auktion ihre ersteigerten Zwiebeln wieder an die nächsten gierigen Interessierten verkaufen wollten. Das Waisenhaus konnte sich am Ende des Tages über Einnahmen von 90.000 Gulden freuen.[9]

Wenige Tage nach der Auktion in Alkmaar nahm die Tulpenspekulation ihr schnelles und dramatisches Ende. Immer weniger Käufer konnten sich Preise von 2.000 oder gar 3.000 Gulden pro Zwiebel leisten. Die Nachfra- ge flaute ab und ließ unter den Züchtern und Floristen Panik aufkommen. Immer mehr Marktteilnehmer versuchten ihre Tulpenzwiebeln schnellst- möglich zu veräußern, da Kredite und fällige Terminkontrakte ihre Zah- lungsfähigkeit bedrohten. Das gesamte Kartenhaus brach innerhalb kür- zester Zeit zusammen, da niemand mehr Tulpen kaufen wollte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde in den gesamten Vereinigten Nieder- landen. Auch in London und Paris, wohin die Spekulation schließlich auch noch übergegriffen hatte, sank die Stimmung auf den Nullpunkt. Verzwei- felte Händler versuchten durch große Marketingkampagnen die Schönheit und den hohen Wert der erlesenen Tulpen anzupreisen. Die Tulpen blie- ben aber, was sie waren, einfache Gartenblumen.[10]

Die Niederlande litten noch Jahrzehnte unter den Nachwehen des gro- ßen Spekulationsfiebers. Vorsichtig geschätzt dürften in der Republik kaum weniger als 5.000 Züchter und Floristen direkt in den Tulpenhandel involviert gewesen sein. Dies mag auf den ersten Blick bei einer Gesamt- bevölkerung von zwei Millionen Bürgern nicht sehr viel gewesen sein. Entscheidend waren jedoch die gigantischen Geldbewegungen, die mit dem Tulpenhandel zusammen hingen. Im Höhepunkt des Tulpenwahns wechselten die Zwiebeln oft bis zehn Mal am Tag den Besitzer. Alleine in der Stadt Haarlem dürften in der Zeit von Anfang Oktober 1636 bis Ende Januar 1637 rund sieben Millionen Gulden mit Tulpen umgesetzt worden sein. Vorsichtig geschätzt dürfte der nominelle Umsatz des niederländi- schen Zwiebelhandels in den letzten vier Jahren vor dem Zusammen- bruch nicht weniger als vierzig Millionen Gulden betragen haben. Zum Vergleich: Die übermächtige und monopolistische Holländische Ostin- diengesellschaft verfügte zu diesem Zeitpunkt über ein Kapital von sechs- einhalb Millionen Gulden. Auf den Konten der großen Bank von Amster- dam summierten sich die gesamten Einlagen von Tausenden von vermö- genden Händlern auf insgesamt dreieinhalb Millionen Gulden.[11] Folglich war das wirtschaftliche Chaos nach dem Zusammenbruch des Blumen- handels unvorstellbar und betraf auch die Menschen, die sich eigentlich nicht von der Euphorie hatten anstecken lassen.

2.1.2 Die französische Mississippi-Kompagnie

Nach dem Tod des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. am 1. Sep- tember 1715 ächzte die Nation unter der Last überbordender Schulden. Regiert wurde das Land durch den Herzog von Orleans, da der Nachfol- ger des verstorbenen Monarchen noch minderjährig war. Mehr als die Hälfte der gesamten Staatseinnahmen mussten für Zinszahlungen aufge- wendet werden. An einen Abbau des gigantischen Schuldenberges von 2,5 Milliarden Livre war überhaupt nicht zu denken.

In dieser Situation reiste der Schotte John Law nach Paris. Er kannte den regierenden Herzog von Orleans bereits seit Jahren vom Spieltisch. Er konnte daher auf die Unterstützung des Herzogs bei der Gründung einer neuen Bank in der Hauptstadt bauen. Am 2. Mai 1716 nahm die Banque Generale mit einem Anfangskapital von sechs Millionen Livre ihre Geschäftstätigkeit auf. Drei Viertel des Kapitals wurde in Form von Staatsanleihen aufgebracht.

Die Banque Generale druckte Banknoten, die den Inhabern einen ent- sprechenden Gegenwert in Goldmünzen verbrieften. Das neue Zah- lungsmittel war beliebt, da bei größeren Geldsummen nicht mehr so gro- ße Probleme mit dem Transport des schweren Goldes auftraten. Schnell verbreiteten sich die Geldscheine im ganzen Königreich und selbst der Staat verzichtete bald bei Steuereinnahmen auf das unpraktische Edel- metall. Die Einlagen der Kunden vergab die Bank zu günstigen Konditio- nen als Kredite an Handwerker und Kaufleute. Zuvor hatten Wucherer oft 30 Prozent Zinsen verlangt. John Law etablierte ein Zinsniveau zwischen drei und vier Prozent und förderte somit nachhaltig die zuvor siechende Wirtschaft.

Der Erfolg der Bank gab John Law das Selbstvertrauen, um ein weit größeres Projekt in Angriff zu nehmen. Im August 1717 erwarb er eine Konzession mit einer Laufzeit von 24 Jahren zur beliebigen Ausbeutung der französischen Kolonie Louisiana im Süden der heutigen USA. Zu die- sem Zweck wurde die Compagnie d’Occident gegründet. Die neue Ge- sellschaft wurde als Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 100 Millionen Livre ausgestattet. Für den Erwerb von Aktien musste man zu- nächst Staatanleihen kaufen und mit diesen dann den Gegenwert der Aktien bezahlen. Der Staat erhielt so das Geld und die Gesellschaft die Staatsanleihen. Law vernichtete jedoch die Anleihen und erließ dem Kö- nigreich somit die Rückzahlung. Im Gegenzug erhielt er die Konzession für Louisiana und eine jährliche Zahlung des Staates von vier Millionen Livre.

Zunächst entwickelte sich die Nachfrage nach den Aktien der Compag- nie d’Occident, die im Volksmund einfach Mississippigesellschaft genannt wurde, nur sehr schleppend. Inzwischen war die Bank Laws, die Banque

Generale, zur Banque Royale ernannt worden, die selbst staatlich garan- tierte (tatsächlich königlich garantierte) Banknoten herausgeben durfte.[12] Ab 1719 bekam seine Mississippigesellschaft für die Zahlung von 50 Milli- onen Livre zusätzlich das Münzrecht übertragen. Law konnte damit nach

eigenem Belieben Geld drucken und somit einen niemals versiegenden Geldstrom für seine Unternehmungen schaffen.

Zusätzlich investierte er große Summen in Werbekampagnen, um po- tentiellen Investoren die Renditeaussichten mit der Louisiana-Konzession in schillernden Farben auszumalen. Die Gesellschaft versprach Anlegern und Siedlern sagenhafte Gewinne. Eine regelrechte Flut von Berichten, Analysen und Flugblättern wurde veröffentlicht, um die ferne Kolonie als Garten Eden und Eldorado voller Gold- und Silbervorkommen zu be- schreiben. In der Folge konnte die Gesellschaft immer größere Trupps mit Auswanderern verschicken. Zahlungswillige Anleger spülten mit zahlrei- chen Kapitalerhöhungen zunehmend Geld in die Kassen Laws. Gleichzei- tig stieg der Kurs der Compagnie d’Occident auf immer neue Höchststän- de und bestätigte den Investoren den Erfolg ihrer Geldanlage.

Auf dem Höhepunkt dieser beispiellosen Geldschöpfung bot die Com- pagnie d’Occident dem Regenten die Übernahme aller Schulden des französischen Staates an. Für das Riesendarlehen von 1,5 Milliarden Livre sollte der Herzog von Orleans jährlich drei Prozent Zinsen zahlen. Zur Finanzierung wurden 300.000 Aktien zum Nennwert von 500 Livre aufgelegt.

Der Erfolg der Aktienemission war unvorstellbar. Die begeisterten An- leger zahlten durchschnittlich 5.000 Livre pro Aktie. An den Schaltern der Mississippigesellschaft sollen sich tumultartige Szenen abgespielt haben. Gerüchte gingen um, dass sogar einige Menschen in der Menge erdrückt wurden und ihre Kaufabsicht mit dem Leben bezahlten. Spekulanten scheuten noch nicht einmal Wucherzinsen von einem Prozent pro Stunde, um Geld für den Kauf von Mississippiaktien aufzubringen. Zwischen 1718 und 1719 stieg der Kurs um rund 3.000 Prozent und machte zahllose Spekulanten in kurzer Zeit reich. Dies weckte natürlich die Gier immer weiterer Anleger. Ein klassischer Schneeballeffekt, der für einen steten Zustrom von neuem Geld in den Teufelskreis sorgte.

Skeptiker gab es schon recht früh. So wird zum Beispiel der Herzog Saint-Simon zitiert, der sagte: „Seit der Fabel von Midas habe ich noch von niemandem gehört, der alles, was er anfasste, in Gold verwandelte. Ich glaube, dass auch Law diese Kraft nicht besitzt.“[13] Der Herzog von

Savoyen fasste seine Meinung über den Kauf von Mississippiaktien in den Satz „Ich bin nicht reich genug, um mich zu ruinieren.“[14]

Law war tatsächlich kein König Midas. Er besaß aber eine ähnlich un- beschwerliche Form der Goldvermehrung: seine Banque Royale druckte Tag und Nacht Geldscheine. Zwischen Juli und Dezember 1719 gab die Bank 890 Millionen Livre in Papiergeld aus. Diese Flut von neuem Geld heizte den Aktienmarkt weiter an, ließ Mieten und Löhne steigen. In Paris kam es dank der vielen neuen luxuriösen Kutschen der Spekulanten häu- fig zu Verkehrsstaus.

Auf der am 30. September 1719 stattfindenden ordentlichen General- versammlung erhöhte Law die Dividende der Mississippigesellschaft von 12 auf 40 Prozent.[15] 1720 wurde er zum französischen „Generalkontrol- leur der Finanzen“ ernannt und erhöhte zeitgleich die Dividende seiner

Gesellschaft auf utopische 200 Prozent. Die Compagnie d’Occident setzte zu diesem Zeitpunkt schätzungsweise 90 Millionen Livre jährlich um. Bei 200 Prozent Dividende auf die Einlagen hätte die Gesellschaft 600 Millio- nen Livre an ihre Anleger ausschütten müssen.

Law suchte sein Heil in der weiteren Ausgabe neuer Geldscheine. Im Januar 1720 waren Banknoten im Gegenwert von drei Milliarden Livre im Umlauf. Der Kurs der Compagnie d’Occident lag bei etwa 20.000 Livre. Dies entsprach dem 130fachen des Gewinns pro Aktie.[16] Es war kein neuer Zündstoff, kein neuer Impuls für neue Kursgewinne in Sicht. Alle potentiellen Investoren hatten bereits in die Aktien investiert und es konn- te keine großartige Nachfrage mehr geben.

Zu diesem Zeitpunkt kehrten die ersten Auswanderer aus Louisiana zu- rück. Ihre Berichte über die ferne Kolonie waren zwar viel versprechend, da das Land weitläufig und fruchtbar war. Von Bergen aus Silber und Gold hatten sie jedoch nichts gesehen. Das versprochene Eldorado er- wies sich somit als Hirngespinst.

Innerhalb kürzester Zeit fiel der Kurs der Mississippi-Aktie von 20.000 auf 15.000, dann 12.000. Bei 9.000 Livre versuchte John Law den Kurs durch Stützkäufe aufzufangen. Die Anleger flüchteten mit ihrem Geld je- doch lieber in Edelmetalle, Immobilien und Schmuck. Immer mehr Bank- kunden verlangten die Auszahlung des auf den Geldscheinen verbrieften Gegenwertes in Gold. Schnell wurde offenbar, dass die Banque Royale zu viele Geldnoten ausgegeben hatte. Der Staat versuchte zu intervenie- ren und verbot den Privatbesitz von Gold und Silber. Das Tragen von Schmuck und der Terminhandel mit Aktien wurden untersagt. Schließlich wurde der gesamte Aktienhandel aufgehoben und per königlichen Erlass die Aktien der Mississippigesellschaft in Stufen von 8.000 auf 5.000 Livre herabgesetzt. Die Gesellschaft musste 430.000 ihrer etwa 600.000 An- teilsscheine zum Preis von 9.000 Livre zurückkaufen. Mit dieser Maß- nahme wollte der Regent die angeheizte Stimmung in den Straßen abküh- len – und er konnte sich selbst auch zu einem guten Preis von 100.000 Anteilen trennen, die sich noch in seinem privaten Depot befanden. All diese Eingriffe durch den Staat konnten jedoch nicht verhindern, dass das weit verbreitete Papiergeld praktisch seinen gesamten Wert verlor und eine horrende Inflation das Land ergriff.

Law floh im Dezember 1720 vor einem aufgebrachten Mob, der ihn er- morden wollte, in den Palast des Regenten. Kurz darauf verließ er mit ganzen 800 Livre die Stadt und hielt sich bis zu seinem Tod 1729 in Lon- don und Venedig mühsam als Spieler und Spekulant über Wasser.

Die Mississippigesellschaft überstand die Wirren des Jahres 1720 und wurde noch bis 1772 an der Pariser Börse[17] geführt. 1723 trat sie mit dem Erwerb eines umfassenden Monopols auf den Tabak- und Kaffeeverkauf wieder in den Mittelpunkt des Anlegerinteresses. Der Kurs stieg in dieser

Phase von seinem Tiefststand von 155 Livre für einige Zeit wieder auf stattliche 3.000 Livre.

2.1.3 Die große Eisenbahnspekulation

Zu gleichen Zeit, wie die große Mississippi-Spekulation in Frankreich, wurde in England mit einer Erfindung der Grundstein einer technischen und wirtschaftlichen Revolution gelegt.

Im Jahre 1705 entwickelte Thomas Newcome die erste praktisch an- wendbare Dampfmaschine. Ab 1769 verbesserte James Watt die Dampfmaschine durch eine Reihe von Innovationen. Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der kohlebetriebenen Maschinen wurde erhöht und somit der Weg für ihren Siegeszug in der Wirtschaft geebnet. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts gelang es dem britischen Ingenieur und Erfinder Richard Trevithick und seinem amerikanischen Kollegen Oliver Evans, eine Hochdruckdampfmaschine zu konstruieren. Mit den kompakteren Hochdruckmaschinen konnte erstmals auch an eine mobile Nutzung der Dampfkraft gedacht werden.

Im Jahr 1825 fuhr mit der „Locomotion No. 1“ der erste offizielle Perso- nenzug mit mehreren Hundert Reisenden. Schnell erkannte man die Vor- teile der „Eisenrösser“, die schon in den Anfängen deutlich günstiger und schneller arbeiteten als ihre Konkurrenten mit vier Beinen. In der Folge verbreitete sich die Eisenbahn in einem atemberaubenden Tempo über den gesamten Globus.

1825 wurde in England die erste Strecke von Stockton nach Darlington eröffnet.[18] Schon im Jahr 1850 existierte weltweit ein Streckennetz von

40.000 Kilometern. Bis 1880 vervielfachte sich das Eisenbahnnetz sogar auf 380.000 Kilometer.

In der Volkswirtschaft wird die Entwicklung der Eisenbahn als klassisches Beispiel für einen Kondratieff-Zyklus[19] herangezogen. Die so genannte

„Theorie der langen Wellen“ besagt, dass sich die Konjunktur langfristig in Wellen mit einer Dauer von 45 bis 60 Jahren zwischen Auf- und Ab- schwung bewegt.[20] Auslöser sind langfristige technologische, wirtschaftli- che, soziale und kulturelle Entwicklungen, die zu einem Reorganisations- prozess der gesamten Gesellschaft führen.[21] In den letzten 250 Jahren der westeuropäischen Wirtschaftsentwicklungen konnten bisher fünf Kondratieff-Zyklen entdeckt werden. Die Dampfmaschine spielte hierbei im ersten und zweiten Zyklus eine entscheidende Rolle. Zwischen 1800 und 1850 schuf sie die Grundlange für die maschinelle Fabrikfertigung und markierte damit das Ende der handwerklich orientierten Manufaktur- fertigung. Im zweiten Zyklus ließ sie zwischen 1850 und 1900 in der Ges- talt der Eisenbahn Entfernungen zusammenschmelzen. Durch die Eisen- bahn wurde Massenfertigung überhaupt erst möglich. Die Kosten für Lo- gistik sanken drastisch und sorgten in der Folge für eine starke Zentrali- sierung und Spezialisierung der Fertigung. Rund um die großen Konzerne entstanden die ersten Industriereviere.

Wie bereits erwähnt wurde der Vorteil der Eisenbahn gegenüber dem Pferdewagen sehr schnell erkannt. Die umwälzenden Auswirkungen die- ser bisher nicht für möglich gehaltenen Vereinfachung und Verbilligung der Logistik waren ebenfalls sehr früh ersichtlich. Das Schnaufen und Schnauben der Dampfmaschine wurde zum Synonym für Arbeit. Lokomo- tiven wurden zum Symbol für Fortschritt und Aufschwung.

Der rasante Aufbau der weltweiten Eisenbahnnetze erforderte gewalti- ge Investitionen. Nach den anfänglichen Erfolgen der ersten Bahnlinien wollten immer mehr Investoren auf den sprichwörtlich fahrenden Zug mit aufspringen. Finanziert wurde der Aufbau der neuen Gesellschaft über die Emittierung von Aktien oder Anleihen. An einem einzigen Tag, dem 16. Juli 1845, wurden in England 65 Eisenbahngesellschaften mit einem Kapi- tal von über 13 Millionen Pfund und 600 Meilen Streckenlänge konzessio- niert.[22]

Ein Großteil der Kosten beim Betrieb einer Eisenbahngesellschaft ent- steht beim Aufbau des Gleisnetzes. Die Baukosten für Trassen, Schienen, Brücken und Tunnel erfordern große Investitionen bevor überhaupt der erste Zug fahren kann. Die laufenden Kosten für Kohlen, Wasser, Perso- nal und normale Instandhaltungen repräsentieren in der Regel nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten. Es dauert unter Umständen Jahrzehnte, bis die Anfangsinvestitionen durch die Einnahmen für Zugtickets und Transportgebühren wieder eingespielt werden.

Mit der zunehmenden Zahl von Eisenbahngesellschaften wurden die lukrativen freien Strecken für Neubauten immer knapper. Ein Gleisan- schluss wurde häufig als Schlüssel für den wirtschaftlichen Aufstieg und die Prosperität einer Stadt gesehen. Sehr oft wurde diese Hoffnung je- doch enttäuscht. Ein Eisenbahnanschluss war bald kein direkter Wettbe- werbsvorteil mehr, da inzwischen fast jede größere Gemeinde einen Zu- gang zum Schienennetz hatte. Die Kapazitäten bei den Bahnen stiegen schneller als die Nachfrage der Wirtschaft.

Die Folge war, dass bald erste Gesellschaften ihre Zinsen nicht mehr zahlen konnten. Eine Welle von Pleiten erfasste ab 1847 Großbritannien und zog zahllose Banken aber auch private Investoren mit in den Ab- grund. In manchen Regionen stieg die Arbeitslosigkeit auf über fünfzig Prozent.

Die Wirtschaftskrise des britischen Empires pflanzte sich auf dem eu- ropäischen Kontinent fort und ruinierte die Träume von einem niemals enden wollenden Aufschwung. Den Erfolg der Eisenbahn an sich hat die Krise von 1847 jedoch nicht aufhalten können. Auch die große Börsenka- tastrophe an der Wall Street im Jahre 1857, die sich ebenfalls um über- bordende Spekulationen um Eisenbahnaktien drehte, verlangsamte den Volldampf fahrenden Zug nicht mehr. Die Technologie hatte sich durch- gesetzt und war ein essentieller Teil des Wirtschaftslebens geworden. Anleihen und Aktien von Eisenbahngesellschaften haben sich jedoch niemals mehr erholt und spielen bis heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Viele teuer erbaute Trassen, Tunnel und Brücken verfielen bald. Der Kapitalmarkt musste schließlich erkennen, dass die Investitionstätig- keit in Eisenbahnen einfach völlig aus dem ökonomischen Rahmen gelau- fen war.

2.2 Unabdingbare Elemente eines spekulativen Überschwangs

Die Beispiele aus der Finanzgeschichte belegen, dass der Glaube an das wirtschaftlich rationale Verhalten des Menschen oftmals ein Irrglaube sein kann. Neben kühler Berechnung scheinen auch diverse psychologische, demographische und soziologische Einflüsse bedeutend zu sein.

Fehleinschätzungen sind nicht unbedingt das Ergebnis menschlicher Dummheit, sondern begründen sich meistens im Charakter der menschli- chen Intelligenz mit allen Stärken und Schwächen.[23] Jeder Marktteilneh- mer versucht das Richtige zu tun. Jedoch kann die individuelle Sicht auf

das Richtige vom objektiv Richtigen abweichen. Da die Informationsbasis für Entscheidungen fast nie umfassend gesichert ist, muss der Anleger zwischen zahllosen Variablen abwägen – er muss spekulieren. Bei der Entscheidungsfindung kann man folgende Haltepunkte feststellen.

Ein quantitativer Anker umfasst die Bewertung von Zahlen und anderen Informationsquellen. Das Problem hierbei ist jedoch, dass die Informatio- nen in der Regel unvollständig oder gar falsch sind.

Der moralische Anker umfasst die intuitive und emotionale Bewertung der Argumente für oder gegen eine Entscheidung. Oft festzustellen ist hierbei das Bedürfnis nach einfachen Argumenten – einer „story“.[24]

Menschen tendieren oft zur Selbstüberschätzung und glauben, sie wüss- ten mehr, als faktisch der Fall ist.[25] Es bedarf meist einiger Zeit oder star- ker Reizeinflüsse, um diese Selbstsicherheit hinsichtlich der Richtigkeit der eigenen Entscheidung nachhaltig zu erschüttern.

Gekoppelt wird dies mit einer Erwartungshaltung hinsichtlich der Wie- derholung von Mustern. Lottospieler tendieren zum Beispiel dazu, über Jahre hinweg immer die gleiche Zahlenkombination zu spielen. Sie unter- liegen hierbei dem Irrglauben, dass dadurch die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns mit der Zeit steigt. In Wirklichkeit bleibt die Wahrscheinlichkeit jedoch gleich. Diese Erwartungshaltung drückt sich auch darin aus, dass Menschen häufig davon ausgehen, dass einmal erfolgreiche Investments oder allgemein Projekte beim nächsten Mal auch gelingen werden – ob- wohl sich die Bedingungen vielleicht in der Zwischenzeit komplett geän- dert haben.

Jetzt könnte man natürlich davon ausgehen, dass sich die individuellen Fehlentscheidungen in der Masse der Marktteilnehmer gegenseitig aus- gleichen. In der Finanztheorie spricht man bei diesen Überlegungen von effizienten Märkten. Wenn Aktien in einem offenen Markt sind, kann der Wert den sie erzielen, als Urteil der besten mit ihnen befassten Köpfe verstanden werden.[26] Intelligenz ist hier jedoch wieder relativ zu sehen: auch Entscheidungen von mehreren Spezialisten, mit allerdings natürlich trotzdem subjektiven Anschauungen, können objektiv falsch sein.

Der Herdentrieb kann zur Folge haben, dass Menschen, die häufig mit einander kommunizieren, auch ähnlich denken.[27] Vermeintlich gute Ideen verbreiten sich umso schneller, je einfacher sie sind.

In einem Konformitätsexperiment wurde eine Versuchsperson vor sie- ben bis neun Personen gesetzt, die alle vorher mit bestimmten Hand- lungsanweisungen instruiert wurden. Die Versuchsperson schloss sich bei der anschließenden Befragung in einem Drittel aller Fälle der Mehrheit an

– obwohl diese nicht Recht hatte.[28]

Neben Hörensagen und Gerüchten spielen beim Herdentrieb die Me- dien und die über sie verbreiteten Meinungen eine große Rolle. Sie sor- gen dafür dass aus an sich individuellen Handlungen eine konzertierte Entwicklung wird.

Bei einer Kombination aller bisher aufgelisteten Einflussfaktoren und ihrer Auswirkungen spricht man gemeinhin von einem Irrationalem Über- schwang bzw. Irrational Exuberance.

Kürzer ist ein Begriff aus der englischen Umgangssprache: Hype. Das Wort stammt ursprünglichen vom griechischen hyper ab und bedeutet wörtlich über, über [etwas] hinaus, übermäßig. Im allgemeinen Sprach- gebrauch kann man Hype mit dem künstlichen Hochjubeln von Produkten

oder Ereignissen bezeichnen.[29] Ein Hype ist die Folge eines irrationalen

Überschwangs und der dadurch verursachten Überbewertung und über- triebenen Beachtung und Wertschätzung. Als Resultat kann etwas wert- voller oder bedeutsamer sein, als dies objektiv eigentlich vertretbar wäre.

Allen zuvor dargestellten Beispielen für spekulative Märkte waren folgen- de Kennzeichen gemeinsam:

- Eine neue Geschäftsidee oder Technologie heizte die Phantasie und Erwartungshaltung der Öffentlichkeit an.
- Rationale Bewertungsmaßstäbe wurden ausgehebelt oder in positiver Erwartungshaltung übergangen.
- Aus einem anfänglichen gesunden Marktwachstum entwickelte sich eine Eigendynamik um ihrer selbst willen. Wachstum entstand nur durch die Erwartung, dass es Wachstum geben werde und nicht durch eine tatsächliche steigende Nachfrage.
- Nach einer Phase des überhitzten Interesses folgten nach dem Er- wartungshöhepunkt eine Ernüchterung und eine anschließende Pha- se der empfindlichen Konsolidierung gepaart mit Stagnation.

2.3 Ist UMTS ebenfalls ein Hype?

In den vergangenen Jahren hat die Verschuldung des Telekommunikati- onssektors drastisch zugenommen. Allein die acht größten Betreiber ha- ben nach letztem Stand in den vergangenen zwei Jahren Nettoschulden von über 250 Milliarden Euro angehäuft, deutlich mehr als das Bruttoin- landsprodukt von Österreich oder Schweden.[30]

Ein Großteil dieser Schulden entstand durch eine Serie von Versteige- rungen in ganz Europa und den daraus resultierenden Zahlungsverpflich- tungen für die Bieter. Gegenstand des Interesses waren Lizenzen, die den Erwerbern für einen bestimmten Zeitraum die Nutzung eines Fre- quenzbereichs für Dienstleistungen im Bereich Mobilfunk erlauben. Allei- ne in Deutschland flossen dem Finanzminister rund 50,4 Milliarden Euro aus den Kassen der Bieter zu. Nur für ein Stück Papier und den damit konzessionierten Teil des Wellenspektrums waren Konzernlenker bereit, die höchste Versteigerungssumme in der europäischen Wirtschaftsge- schichte zu zahlen und ihre Unternehmen auf Jahre hinweg tief zu ver- schulden. Aktionären und Geldgebern wurde eine goldene Zukunft dank einer mobilen Revolution versprochen. Die neue Technologie würde sei- nen Anbietern einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Wettbewerb geben und den gesamten Mobilfunkmarkt neu gestalten.

Schon alleine die Höhe der Geldbeträge in diesem Spiel rund um UMTS lässt erste Zweifel aufkommen. Können ein paar Frequenzen so viel Geld wert sein? Haben sich die Bieter ähnlich zu den holländischen Floristen zu einer Spirale des gegenseitigen Überbietens anstacheln las- sen? Ist das staatlich garantiere Oligopol auf den Mobilfunk der Zukunft ähnlich verklärt worden, wie das Monopol auf den Handel mit der Provinz Louisiana?

Finanzminister Eichel wäre sicherlich nicht erbaut über einen Vergleich mit dem Herzog von Orleans. Der Vergleich der Deutschen Telekom mit der Mississippigesellschaft wäre wohl eine Beleidigung. Ein erneuter Blick auf die Geschehnisse rund um die große Eisenbahnspekulation verunsi- chert aber. Firmen haben sich damals bis an die Grenze ihrer Leistungs- fähigkeit verschuldet, um an der neuen Technologie teilzuhaben und mög- lichst schnell die besten Strecken zu sichern. Ihre Hoffnungen auf bestän- diges Wachstum und selbstinduzierende Erwärmung der Wirtschaft durch die schiere Verfügbarkeit von Gleisstrecken wurde jedoch enttäuscht. In der Folge wurden eine ganze Branche und der mit ihr eng verknüpfte Kapitalmarkt für Jahrzehnte gelähmt.

3 Evolution der Telekommunikation

3.1 Bedeutung der Telekommunikation

Eine Voraussetzung der menschlichen Gesellschaft ist die Kommunikati- on untereinander. Sie dient im Wesentlichen dem Austausch von Informa- tionen oder auch nur als Mittel zum Aufbau und dem Erhalt sozialer Bin- dungen.

Die Verfügbarkeit oder Nichtverfügbarkeit von Informationen zum richti- gen Zeitpunkt am richtigen Ort kann unter Umständen eine entscheidende Bedeutung haben. Schon der chinesische Stratege Sunzu schrieb circa 500 v. Chr., dass „Vorherwissen“ für den Erfolg entscheidend ist.[31] Dieses

„Vorherwissen“ kann nur durch die schnelle und möglichst vollständige Kenntnis der Pläne des Feindes gewonnen werden.

Der Bankier Rothschild erfuhr durch sein eigenes System von Brieftau- ben drei Tage vor der offiziellen Verkündigung vom Sieg Wellingtons über Napoleon am 18. Juni 1815. Er konnte diesen Informationsvorsprung nutzen, um in der herrschenden Unsicherheit an der Londoner Börse mit englischen und französischen Anleihen erfolgreich zu spekulieren.

Während des zweiten Weltkriegs konnten Forscher der Alliierten den Code des deutschen Verschlüsselungssystems Enigma knacken. Dank einer computergestützten Entschlüsselung hatten die Alliierten den Klar- text schneller vorliegen, als die eigentlichen Adressaten. Bewegungen der deutschen Marine und Angriffsbefehle konnten so bereits vorweggenom- men werden.

Es gibt also zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit, die die überra- gende Bedeutung von Informationen belegen.

Stimme und Hörvermögen des Menschen haben nur eine sehr einge- schränkte Reichweite. Der Austausch von Informationen über Sprache ist somit auf einen sehr kleinen Radius beschränkt. Durch schriftliche Nach- richten lässt sich die räumliche und zeitliche Begrenzung durch die menschliche Stimme überwinden. Die Frage danach, wie diese schriftli- chen Aufzeichnungen nun jedoch von einem Kommunikationspartner zum anderen kommen sollen, lässt sich durch die Schrift alleine nicht beant- worten.

Bei der Überwindung von räumlichen Distanzen bei der Kommunikation kommt der Begriff Telekommunikation ins Spiel. Das Wort Telekommuni- kation bedeutet „Verständigung über eine weite Distanz“[32]. Der Begriff an sich ist sehr jung und dürfte zum ersten Mal Mitte des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Erfindung der Telegraphie aufgekommen sein.

3.2 Anfänge der Telekommunikation

Die Nutzung von Boten zur Übermittlung von Nachrichten erlaubt die Distribuierung an mehrere Adressaten gleichzeitig. Bei einer mündlichen Übermittlung durch Boten ist jedoch mit Informationsverlusten oder Über- mittlungsfehlern zu rechnen. Das alte Kinderspiel „Stille Post“ verdeutlicht die Schwierigkeiten, die bei einer mündlichen Übermittlung entstehen können.

Mit Erfindung der Schrift lassen sich Informationen zum ersten Mal di- rekt transportieren, vervielfältigen und archivieren. Unverändert bestand jedoch das Problem, dass Nachrichten auch in Schriftform allenfalls mit der Geschwindigkeit eines berittenen Boten verbreitet werden konnten.

Griechen und Römer besaßen schon sehr früh ein Übermittlungssys- tem auf Basis von Nachrichtentürmen, die nachts über Fackeln Informati- onen austauschten. So verbreitete sich im Jahre 1184 v. Chr. in Griechen- land die Kunde vom Fall der Stadt Troja über Fackelsignale.

In den folgenden 2.500 Jahren wurden die Boten-, Post und Signalsys- teme für die Informationsübermittlung marginal weiterentwickelt. Den evo- lutionären Höhepunkt dieser Entwicklung stellte wahrscheinlich das 1794 in Frankreich eingeführte optische Telegraphensystem von Claude Chap- pe dar. Es funktionierte über ein enges Netz von Stationen, die über me- chanische Arme Signale auf Basis eines grafischen Alphabets mit 196 Zeichen verschicken konnten. Eine Nachricht konnte so zum Beispiel in unter einer Stunde von Lille nach Paris über 22 Stationen übermittelt wer- den. Für die 250 Kilometer Distanz hätte ein berittener Bote vermutlich anderthalb Tage gebraucht.[33]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Optisches Telegraphensystem von Claude Chappe

Die erste wirkliche Revolution in der Telekommunikation begann mit der Erfindung des elektrischen Telegraphen. 1809 entstand durch die Arbeit von Samuel Thomas Soemmerring der erste elektrochemische Telegraph. Ab 1820 wurden die ersten elektromagnetischen Telegraphen entwickelt, die sich durch ihre unkomplizierte und verlässliche Technik schnell durch- setzten. Für die Nachrichtenübermittlung wurde ein fest definiertes Sys- tem langer und kurzer Signale verwendet. Das später im Jahr 1937 vom US-Amerikaner Samuel F. B. Morse entworfene und nach ihm benannte Morse-Alphabet gilt bis heute als Standard für die Telegraphie.

In einem rasanten Tempo wuchsen Länder und Kontinente durch das Telegraphensystem zusammen. Nachrichten konnten erstmal über Hun- derte von Kilometern innerhalb von Sekunden ohne Verluste übermittelt werden. 1849 wird in Deutschland die erste Langstreckenverbindung zwi- schen Berlin und Frankfurt eingeweiht. 1850 wird das erste Seekabel zwischen England und Frankreich gelegt. Nach mehreren Anläufen wird schließlich im Jahr 1900 sogar das erste transatlantische Seekabel zwi- schen Europa und den USA in Betrieb genommen. Die drahtlose Telegra- phie über Funk wird 1896 durch den Italiener Guglielmo Marconi erfun- den.

Im Jahr 1861 bahnte sich eine erneute revolutionäre Entwicklung in der Telekommunikation an. Philipp Reis präsentierte zum ersten Mal ein Sys- tem, das Töne über eine Membran in elektrische Signale umwandeln konnte. Die über ein Kabel übermittelten Signale konnten durch einen Empfänger ebenfalls wieder mit einer Membran in Töne umgewandelt werden. Das Potential seiner Erfindung wurde jedoch nicht erkannt und er erhielt kein Patent für das erste Telefon in der Geschichte.

[...]


[1] wissen.de (2003), Begriff „Spekulation“

[2] Martin, P. N., Hollnagel, B (2002), Seite 58

[3] vgl. Dash, M (2001), Seiten 26-31

[4] vgl. Dash, M (2001), Seiten 80-81

[5] vgl. Dash, M (2001), Seiten 136-137

[6] vgl. Dash, M (2001), Seite 10

[7] Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669) galt schon zu Lebzeiten als einer der herausragendsten Künstler seiner Zeit. Er hinterließ ein Lebenswerk von rund 600 Gemälden, 300 Radierungen und 1.400 Zeichnungen.

[8] vgl. Dash, M (2001), Seite 148

[9] vgl. Martin, P. N., Hollnagel, B. (2002), Seiten 61-62

[10] vgl. Martin, P. N., Hollnagel, B. (2002), Seite 62

[11] vgl. Dash, M. (2001), Seiten 190-196

[12] vgl. Martin, P. N., Hollnagel, B. (2002), Seite 68

[13] vgl. Martin, P. N., Hollnagel, B. (2002), Seite 71

[14] vgl. Martin, P. N., Hollnagel, B. (2002), Seite 65

[15] vgl. Wolter, R. (2002)

[16] vgl. Martin, P. N., Hollnagel, B. (2002), Seite 74

[17] Die Pariser Börse entstand im September 1724 per königlichem Dekret, um das wilde Treiben in der Rue Quincampoix zu kanalisieren.

[18] vgl. Martin, P. N., Hollnagel, B. (2002), Seite 107

[19] Benannt nach Nikolai Dmitrijewitsch Kondratieff (1892-1939), der im Jahre 1926 mit seinem Artikel „Die langen Wellen der Konjunktur“ die Grundlage für eine gänzlich neue volkswirtschaftliche Forschungsrichtung schuf.

[20] Plogmann, S. (2002), Seite 16-19

[21] Nefiodow, L. A. (2000), Seite 4

[22] vgl. Martin, P. N., Hollnagel, B. (2002), Seite 110

[23] Shiller, R. J. (2000), Seite 160

[24] vgl. Shiller, R. J. (2000), Seite 164

[25] vgl. Shiller, R. J. (2000), Seite 166

[26] Shiller, R. J. (2000), Seite 198

[27] vgl. Shiller, R. J. (2000), Seite 173

[28] vgl. Shiller, R. J. (2000), Seite 174

[29] vgl. wissen.de (2003), Begriff „Hype“

[30] vgl. Picot, A., Doeblin, S. (2003), Seite 47

[31] vgl. Clavell, J. (1999), Seiten 151-153

[32] Das Wort „tele“ entstammt der griechischen Bezeichnung têle und bedeutet „weit fern“. Das Wort „Kommunikation“ stammt vom lateinischen Begriff communicatio ab und bedeutet „Mitteilung, Verständigung“.

[33] vgl. The FHTE Web History of Telecommunications (2001)

135 von 135 Seiten

Details

Titel
Spekulationsphänomene im Telekommunikationsmarkt - dargestellt am Beispiel UMTS
Hochschule
Hochschule Aschaffenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
135
Katalognummer
V108295
ISBN (eBook)
9783640064922
Dateigröße
973 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spekulationsphänomene, Telekommunikationsmarkt, Beispiel, UMTS
Arbeit zitieren
Stefan Plogmann (Autor:in), 2003, Spekulationsphänomene im Telekommunikationsmarkt - dargestellt am Beispiel UMTS, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108295

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