Defizite in der Krisenkommunikation am Beispiel der Beziehungen zwischen politischem System und den Medien im Falklandkonflikt


Hausarbeit, 2003
14 Seiten, Note: 1,7

Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundzüge der Informationspolitik

3. Die kommunikativen Beziehungen zwischen politischem System und den Medien
3.1.Kritik an der medialen Berichterstattung
3.2. Kritik an informationspolitischen Maßnahmen
3.3. Mögliche Ursachen gescheiterter Kommunikation

4. Medien und Öffentlichkeit

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Informationspolitische Maßnahmen spielen in Zeiten nationaler Krise eine bedeutende Rolle. Um Defizite in der Konfliktkommunikation und ihre Ursachen adäquat einschätzen und beurteilen zu können, müssen die wechselseitigen Beziehungen zwischen politischem System, Medien und Öffentlichkeit in die Betrachtung mit einbezogen werden. Die Medien stellen keineswegs ein System dar, welches vollständig autonom und unabhängig agiert. Es ist Einflüssen von anderen Systemen wie Politik und Öffentlichkeit ausgesetzt und muss auf diese angemessen reagieren, um fortbestehen zu können. Gerade in Perioden erhöhter Spannung wie zum Beispiel im Krieg können diese Zwänge zu Schwierigkeiten in kommunikativen Beziehung zwischen den einzelnen Akteuren führen.

Im folgenden soll am Beispiel des Falklandkonfliktes exemplarisch dargestellt werden, wie sich die unterschiedlichen Interessen der Akteure in Bezug auf die Einschätzung der Informationsvermittlung auf die Beziehungen zwischen den Systemen auswirkt. Es soll versucht werden, die Ursachen der Störung der Kommunikation zwischen Medien und Politik einzuschätzen und zu bewerten. Der Konflikt um die Falklandinseln ist für solch eine Betrachtung gut geeignet, da er sich in einem engen zeitlichen Rahmen abspielte – die Invasion dauerte lediglich wenige Monate im Jahr 1982 an. Zudem war dies einerseits der erste Krieg für Großbritannien, welcher die volle mediale Aufmerksamkeit erregte. Auf der anderen Seite waren die Möglichkeiten, die Medien zu kontrollieren mehr denn je gegeben, da sich der eigentliche Schauplatz der Kämpfe in großer geographischer Entfernung zu Großbritannien befand.

2. Grundzüge der Informationspolitik

Von Beginn der Operation an zeigten die Medien sehr starkes Interesse an der Entwicklung im Konflikt und dem Fortgang der Geschehnisse. Dies stellte das MoD[1] vor große Koordinationsprobleme, da keine klaren Richtlinien für den Umgang mit den Medien existierten. Zudem wurde die Reichweite der Bedeutung von stimmiger Informationspolitik für ein Gelingen der Operation als zu gering eingeschätzt.

Nur zögerlich erfolgte die Zulassung von Korrespondenten vor Ort, schließlich legte man die Zahl medialen Personals – Reporter, Techniker etc. – auf 21 Personen fest, welche vor allem in die Truppen der Royal Navy integriert wurden. Es erfolgte eine starke Reglementierung in Bezug auf die Art von Informationen, die vom militärischen Personal herausgegeben werden durften. Bei der Instruktion der Offiziere wurde vor allem betont, dass jegliche Art von Spekulationen über strategische Planung, Ausrüstung und Anzahl der Truppen zu vermeiden seien. Die Übermittlung des Materials erfolgte per Kommunikationstechnik des Militärs über Satellit direkt zum Defence Communications Centre des MoD, während Bildbeiträge und Filme jedoch später über konventionelle Wege per Schiff und Flugzeug versandt wurden, was eine starke Verzögerung und somit eine beschränkte Aktualität mit sich brachte. Alle Maßnahmen, welche den Informationsfluss beeinflussten – zum Beispiel die Kontrolle aller Beiträge vor der Veröffentlichung – basierten auf improvisierten Regelungen; eindeutige Bestimmungen existierten nicht.

In Großbritannien wurde der Großteil der Informationen durch `unattributable briefings´ vermittelt. Diese waren eine Art Pressekonferenz (off-the-record-sessions), in welchen von offizieller Seite Fragen der Journalisten beantwortet und kurze Statements gegeben wurden. Diese Art der Briefings lief auf relativ informeller Basis ab, da die Informationsquellen nicht preisgegeben wurden, sondern lediglich ungenau als „ senior defence sources“ angegeben wurden. Zusätzlich fanden ´ on-the-record-briefings ´ statt, an welche sich in den meisten Fällen eine kurze Frage-Antwort-Runde mit den Journalisten anschloss. Diese Briefings boten jedoch einen noch geringeren Informationsgehalt da sie zum einen sehr kurz gehalten waren und da zum anderen ein bürokratischer Stil vorherrschte. Im weiteren Kriegsverlauf wurden detailliertere Briefings fast gänzlich eingestellt und Informationen nur noch über formale Statements vermittelt.

Diese Art der Informationspolitik führte dazu, dass die Medien sich von offizieller Seite nicht ausreichend informiert fühlten. Für die Korrespondenten vor Ort lag der Hauptbeschwerdepunkt in den inkonsistenten Zensurbestimmungen sowie der Behinderung ihrer Arbeit durch das Militär und die PR-Offiziere des MoD. Durch diesen mangelnden Informationsfluss verstärkte sich zwangsläufig der Hang zur Spekulation über die Ereignisse.[2]

„[...] Unable to check on a number of facts and lacking any form of in-confidence briefing, the media reported all they saw and heard. Worse still they speculated. “[3]

3. Die kommunikativen Beziehungen zwischen politischem System und den Medien

“[...]what a powerful weapon it is; that since armies fight as people think, it is essential to control this thought.This means some form of managing the news [...]” [4]

Die öffentliche Meinung ist ein maßgeblicher Faktor für das Gelingen einer militärischen Invasion – es entspricht also der Logik, dass mediale Vermittlung durch ihr Mitwirken an der Konstituierung öffentlicher Meinung eine tragende Rolle spielt. Als Resultat üben Regierung und politisches System in Krisenzeiten erhöhten Druck auf die Medien aus – in einigen Fällen auch im Sinne einer Instrumentalisierung. Autonomiewahrung und objektive Berichterstattung erweisen sich in diesem Falle als äußerst schwierig, oft verengt sich die Berichterstattung in großem Maße. Im Konflikt um die Falklandinseln kam es nicht nur zu einer passiven Lenkung der Medien durch Kontrolle des Informationsflusses, zusätzlich verschärfte ein öffentlicher Diskurs um die mediale Berichterstattung und ihre Zulässigkeit die Situation. Die Art und Weise der Vermittlung rückte in den Fokus öffentlicher Kritik. Dies führte jedoch nicht zu medialer Anpassung, sondern zu einem Disput um die Informationspolitik des MoD und der Regierung im Allgemeinen; die Medien übten nun ihrerseits verstärkten Druck aus.

3.1. Kritik an der medialen Berichterstattung

Zu Beginn der militärischen Auseinandersetzungen übten Regierung und Militär nur sehr zögerlich Kritik an der medialen Vermittlung der Operation, teilweise waren sie sogar recht zufrieden mit Darstellung der Ereignisse. Es wurde lediglich verlangt, Filmbeiträge mit Quellenangaben zu kennzeichnen, also kenntlich zu machen, wenn es sich um argentinisches Material handelte.[5] Erste Anzeichen etwas schärferer Kritik kamen Ende April 1982 auf, als Missfallen über die mediale Vermittlung wurde sowohl von Seiten der Regierung und Politik, als auch vom Militär und der Öffentlichkeit geäußert wurde. Kritik betraf verschiedene Ebenen der Berichterstattung – zum Ersten wurde bemängelt, dass offiziellen argentinischen Verlautbarungen mehr Interesse entgegengebracht würde als Äußerungen von britischer Seite.[6] Doch selbst wenn man annimmt, dass dies den Tatsachen entsprach, ist diese Entwicklung nicht weiter verwunderlich, insofern sich Regierung und Militär in Bezug auf detaillierte Informationen relativ bedeckt hielten.

Der zweite Kritikpunkt betraf das Ausmaß, mit welchem militärische Details und Strategien in den Medien erörtert wurden, vor allem durch pensionierte Militärs- sogenannte „ armchairstrategists “. Aussagen aus diesen inoffiziellen Quellen wurden durch die potentielle Gefährdung der Operation und von Menschenleben als unhaltbare Situation aufgefasst. Alles was Kommentatoren auf diese Weise sagten, […] may put someones´s life in jeopardy[7], dieser Art war der allgemeine Standpunkt, besonders der der Regierung.

Am Beispiel der Angriffe auf die BBC, welche Anfang Mai 1982 begannen, lässt sich die Zuspitzung der damaligen Situation in geeigneter Weise diskutieren. Auslöser des Diskurses um die Berichterstattung der BBC, insbesondere um die Nachrichtensendung „Newsnight“ und „Panorama“ waren kritische Anmerkungen des konservativen Politikers John Page. Er bezeichnete sich selbst als aktiven Kritiker – an der Berichterstattung selbst und an Aussagen der verantwortlichen Journalisten[8]. Die BBC indes beharrte auf ihrem Standpunkt : „[…] we can only tend to give a lot more credence to the British version of events.“[9] Diese Einstellung verstärkte die Empörung unter den Politikern. Vorwürfe, die Medien unterstützten die Operation nicht ausreichend, verhielten sich nicht loyal und würden ihrer Aufgabe nicht gerecht, häuften sich. Auch die damalige Premierministerin Margret Thatcher setzte den heftigen Angriffen nichts entgegen:

„Judging by many of the comments I have heard from people who watch and listen more than I do, many people are very, very concerned idees that the case for our British forces is not beeing put over fully and effectively. [...] “[10]

“[...] In wartime, there used to be a phrase ´Careless talk costs lives´.It still holds” [11]

An diesem Punkt griff die britische Presse das Thema ´unpatriotische Berichterstattung´ auf, wobei in der Boulevardpresse eindeutig ein Einschwenken auf die Linie der Regierung zu verzeichnen war. Vor allem die „Sun“ attackierte die mediale Vermittlung der BBC auf das Heftigste, dies grenzte schon fast an Verleumdung.[12] Sprecher der BBC verwehrten sich jedoch gegen die wachsenden Vorwürfe, ebenso war ein Einlenken oder eine Veränderung in der Berichterstattung nicht festzustellen.

„[…] that in war truth shall not bet he first casualty […] Our reports are believed around the world precisely because of our reputation for telling the truth.“[13]

Rechtfertigungen seitens der BBC konnten die Situation jedoch nicht entschärfen – im Gegenteil, die Diskussion eskalierte zunehmend. Man fragte sich, wohin die einseitige und argentinisch-propagandistische Vermittlung des Konfliktes noch führen solle – „Has TV strayed too far into the enemy camp?“[14]. „ It is time the BBC came back to earth and remembered its responsibilities.”[15] – wurde gefordert.

Zweifel, ob diese Art der Berichterstattung dienlich sei, kamen jedoch nicht nur von politischer und medialer Seite, sondern auch vom Militär. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob zuviel militärische Details nicht eher dem Gegner helfen würden, als dass sie einen Gewinn für die Meinungsbildung und Information der Öffentlichkeit böten.

3.2. Kritik an informationspolitischen Maßnahmen

Nach Veröffentlichung zweier Umfragen zur öffentlichen Meinung schwächten Vorwürfe und Beschuldigungen deutlich ab. Die erste Umfrage wurde für die BBC durchgeführt, wobei 81% der Befragten angaben, dass die BBC eine in ihren Augen verantwortliche Berichterstattung betreibe. In der zweiten Umfrage für den Daily Telegraph befanden immerhin 66% der Teilnehmer die Berichterstattung für fair.[16] Diese Ergebnisse nahmen den Kritikern vorerst den Wind aus den Segeln und boten so den Medien - insbesondere der BBC- die Chance, sich zu wehren. Auch derjenige Teil der Presse, welcher nicht auf die Linie der Regierung einschwenkte, verteidigte die journalistische Arbeit der Kollegen.[17] Man ging dazu über, im Gegenzug die Informationspolitik und den Umgang der Regierung mit den Medien scharf zu kritisieren.

„ […] that the British public is sufficiently sophisticated to detect Argentine lies quite easily. I think it is also important that we should understand what is happening on the other side [...] When we speak the truth, this actually helps the Government.”[18]

Aus professioneller Sichtweise und aus Sichtweise der Öffentlichkeit war es durchaus angemessen und sinnvoll argentinisches Material zu verwenden, da dies zu einer mehrdimensionalen Vermittlung, Qualitätssteigerung und nicht zuletzt zu einer Wahrung der Autonomie der Medien beitrug. Wenn man einen kommerziellen Blickwinkel mit einbezieht, so wären Berichte ohne dieses Material wenig informativ und zudem sehr kurz ausgefallen, ungeachtet ihrer Objektivität. Da britische Aufnahmen aus dem Krisengebiet nicht oder kaum verfügbar waren, mussten die Medien letztendlich auf argentinisches Material zurückgreifen. Einer der Hauptkritikpunkte der Regierung hatte somit eine schwache Basis.

Auch die Beschwerden hinsichtlich der „ armchair stategists “ und ihren Ausführungen um strategische und militärische Details wurden nicht ohne Einwände hingenommen. Informationen dieser Art, so argumentierten die Sender, seien generell frei verfügbar. Außerdem stand argentinisches Militär vor dem Krieg in Kontakt mit den Briten, es war also insofern mit britischer Taktik vertraut. Weiterhin ist hinzuzufügen, dass aufgrund der miserablen Informationslage aus offiziellen britischen Quellen, Spekulationen nicht nur bei TV-Sendern weite Kreise zogen, sondern dass sich dies auch in der Presse nicht vermeiden ließ. Die BBC geriet vor allem unter schärfere Kritik als jeder andere Medienvertreter in diesem Konflikt, da sie einen traditionsreichen Sender Großbritanniens mit einem gewissen ´ standing ´ darstellt und damit eine große Rolle in der Informationsversorgung und Meinungsbildung der Öffentlichkeit spielt.[19]

Zusätzlich zu den Gegenargumenten, mit welchen sich die Medien zu rechtfertigen suchten, erfuhren sie nun auch Unterstützung von Seiten einiger Politiker.

„This House, having provided the BBC shall enjoy all the benefits of broadcasting on a basis of a compulsory levy on the public and in the context of a democratic society whose freedoms require to be defended if they are to endure […]“ [20]

Die sich ausbreitende Kritik änderte sich nun in ihrer Bedeutung und Tragweite. Schlecht organisierte und unübersichtliche Informationspolitik hatte zu einer Überreaktion in der Beurteilung der medialen Vermittlung geführt.[21] Diese Art der Informationskontrolle rückte nun ins Zentrum der Kritik – Vorwürfe, MoD und Regierung würden die Medien lenken, wurden lauter, vor allem in der Presse häuften sich Artikel, in welchen das MoD attackiert wurde.[22] Hinzu kam, dass mit Fortgang der Operation deren Gelingen immer zweifelhafter erschien. Nach dem Sinken der MS Sheffield am 04. Mai 1982 wuchs die Nervosität von Regierung und MoD – die Berichterstattung ließ sie in einem schlechten Licht erscheinen, der Ausgang der Operation war ungewiss. Man sorgte sich um den Rückhalt in der Bevölkerung. Diese Faktoren trugen einen nicht unerheblichen Teil zur Auseinandersetzung mit den Medien und ihrer Berichterstattung bei.

Die Beschwerden der Medien führten letztendlich zu einer Untersuchung des „handling [s] of press and public information“ [23]. Am 11. Juni verkündete das Defence Committee of theHouse of Commons[24] diese Entscheidung; die Untersuchung begann im Juli 1982.[25]

3.3. Mögliche Ursachen gescheiterter Kommunikation

In der Untersuchung kam man zu dem Schluss, dass die schlechte Organisation des Informationsflusses zu einem großen Teil der Arbeit der public relations officers zugeschrieben werden musste. Sie standen vor der fast unmöglichen Aufgabe, den Anspruch der Militärs auf eine behutsame PR-Politik mit der Forderung der Medien nach umfassender Information zu vereinigen, wobei zunehmender politischer Druck dies noch erschwerte. Zudem waren die PRO´s fast ausnahmslos zu jung und unerfahren, um genügend Autorität angesichts der hartnäckigen Presse aufzubringen. Weitere Probleme resultierten aus der Kurzsichtigkeit des MoD – die Informationspolitik war im Vorfeld nicht ausreichend durchdacht worden und Schwierigkeiten in Bezug auf die Technik oder die geographische Distanz zum Geschehen waren nicht einkalkuliert worden. Jedoch schrieb das HCDC die Schuld an der gescheiterten Kommunikation zwischen Medien und politischem System nicht allein dem MoD zu, sondern stellte fest, dass auch mangelnde Kooperationsbereitschaft der Korrespondenten vor Ort ihren Teil zu den Spannungen beigetragen habe. Die Vertreter der Medien hätten ein größeres Verständnis gegenüber notwendigen Restriktionen zur Sicherheit der Operation aufbringen müssen. Das Komitee stimmte dem Anspruch zu, dass die Öffentlichkeit umfassend informiert werden müsse und Informationen nicht allein deswegen zurückgehalten werden dürften, um mögliche Kritikpunkte vom öffentlichen Diskurs auszuschließen. Man zeigte aber auch auf, dass uneingeschränkte Information mit den Anforderungen der Sicherheitspolitik nicht in vollem Umfang vereinbar seien. Die Öffentlichkeit würde dies ebenso erkennen und trotz der Erkenntnis der Relevanz von freiem Diskurs mögliche Einschränkungen im Sinne des Erfolgs der Operation akzeptieren.[26]

Man kann die aufgetretenen Schwierigkeiten jedoch nicht einzig und allein auf organisatorische Fehlentscheidungen seitens des MoD und der Regierung bzw. auf mangelnde Kooperation der Medien reduzieren. Spannungen zwischen politischem System, Medien und Öffentlichkeit können in diesem Fall auch auf inhaltliche Aspekte zurückgeführt werden, welche zum Teil auf unterschiedlichen Zielen und Ansichten der beteiligten Akteure hinsichtlich auf Information und ihrer Bedeutung basieren.

Ein Hauptpunkt, welcher in der Berichterstattung zu bemängeln ist, war das Ausmaß an Spekulation über die Ereignisse. An diesem Beispiel lässt sich verdeutlichen, dass Beziehungen zwischen Medien und politischen Akteuren differenziert betrachtet werden müssen. Spekulationen waren jedoch nicht in jedem Fall ein vom MoD unerwünschter Effekt - in mehreren Fällen wurden sie begrüßt, bzw. sogar gefördert.[27] Informationen sickerten aus diversen offiziellen Quellen, so zum Beispiel über Minister und parlamentarische Lobby zu den Medien durch; mit dem Resultat, dass Ereignisse schon in der öffentlichtlichen Diskussion standen, bevor sie offiziell bekannt gegeben wurden. Unzureichende Organisation mag ihren Teil hierzu beigetragen haben, eine gewisse Informationsmanipulation seitens Politik und Regierung ist allerdings wahrscheinlicher. So wenig wie möglich Informationen herauszugeben war zudem eine klare Linie des MoD und auch durchaus eine gängige Praxis in Krisenzeiten. Diese beiden Elemente förderten Spekulationen in großem Umfang, obwohl vorrangig die Medien für das Ausmaß der Spekulationen verantwortlich gemacht wurden. Mit Information der Öffentlichkeit hat dies nicht mehr viel zu tun – weder die Öffentlichkeit, noch die Veröffentlichenden können Quelle und Qualität der Information einschätzen; als Resultat ergibt sich eine nicht unerhebliche Verunsicherung in der Bevölkerung. Zudem hat die Berichterstattung einen Einfluss auf die Soldaten vor Ort – sie werden verunsichert; das Gefühl, die Medien des eigenen Landes stünden nicht hinter ihnen hat eine demoralisierende Wirkung. Hinzukommt, dass Spekulationen über taktische Vorgehensweisen unnötige Änderungen strategischer Entscheidungen herbeiführen kann.[28] Als Fazit stellt sich heraus, dass genau diese Verunsicherung bzw. das Misstrauen der Öffentlichkeit und der Soldaten vor Ort weder zum Erfolg der Operation verhelfen, noch das Vertrauen in die Medien stärken – die Kommunikation zwischen den Akteuren muss als gescheitert betrachtet werden, wobei kein System allein eine ursächliche Verantwortung für diese Entwicklung trägt.

4. Medien und Öffentlichkeit

Eine der zentralen Aspekte in diesem Diskurs stellt die Frage dar, inwieweit die Öffentlichkeit in einer demokratischen Gesellschaft einen Anspruch auf uneingeschränkte Information hat. Wie schon beschrieben, sah das HCDC die Bereitschaft der Bevölkerung, ein gewisses Maß an Desinformation zu akzeptieren, wenn es dem Erfolg der Operation dienlich sei. Die Medien teilen dieses Verständnis von Informationspflicht und -recht in einer demokratischen Gesellschaft nicht:

„The first indeed, the paramount interest in a democracy must be to inform the public as soon as possible what is happening on ist behalf [...] [29]

Sie setzen aus prinzipiellen, kommerziellen und Gründen des Selbstverständnisses ihre Maßstäbe höher an. Es ist ein durchaus hehrer Anspruch, der Vermittler von Informationen zu sein, welche für die Öffentlichkeit relevant sind, da sie Entwicklungen und Entscheidungen betreffen, welche die Bevölkerung unmittelbar beeinflussen. Man muss jedoch besonders in Krisenzeiten genau abwägen, ob es den Belangen der Öffentlichkeit nicht dienlicher ist, bestimmte Informationen mit Vorsicht zu behandeln.[30] Es stellt sich in diesem Fall die Frage, wer die Entscheidungskompetenz trägt, wann Informationen zurückgehalten werden dürfen, da jeder Akteur in diesem Prozess seine eigenen Ziele verfolgt. Bei der Diskussion um Belange der Öffentlichkeit rückt ein Aspekt in den Fokus: Welche Rolle nehmen die Medien ein und wen repräsentieren sie? Im Gegensatz zu Politik und Regierung liegt die Aufgabe der Medien nicht darin, die Bevölkerung direkt zu vertreten, vielmehr tragen sie neben der Informationsvermittlung einen Großteil der Verantwortung für die „Demokratiefähigkeit“ der Bürger. Sie schaffen eine Basis für die Beurteilung politischer Entscheidungen und sind somit an der Bildung einer Grundkompetenz beteiligt. Um dieser Funktion gerecht werden zu können, müssen Medien einen professionellen Standard wahren, was ein gewisses Maß an Objektivität verlangt. Dies bedeutet nicht zwangsläufig die Einnahme einer unparteiischen Haltung – jedoch ist genaue Berichterstattung mit klarer Abgrenzung der verschiedenen Genres wie zum Beispiel Bericht und Kommentar unerlässlich. Oft lässt sich jedoch feststellen, dass Medien nicht in der Weise berichten, dass es den oft vorgegebenen hohen demokratischen Idealen entspricht. Viel eher kann man bei genauer Beobachtung zu dem Eindruck kommen, Medien arbeiteten unter Anwendung prosaischerer Prinzipien – dem kommerziellen Einfluss zum Beispiel. Dies mag einer hohen Professionalisierung entsprechen, hat mit Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit jedoch nichts zu tun.[31]

Im Konflikt um die Falklandinseln gingen die Aktivitäten weit darüber hinaus, Ereignisse zu vermitteln und zu kommentieren. Die Art und Weise der Kommentierung ging von einer analysierenden über eine spekulative zu einer vorgebenden über, Medien zeigten sich hier als eine Kraft, welche versuchte Entscheidungen und Prozesse zu beeinflussen. Es wurden Fragen gestellt wie „ What should Britain´s next move be?” und „ What should thegovernment decide to do? “.[32] Diese Themen stellten sich in ihrer gesamten Dimension oft als zu komplex dar, als das es möglich gewesen wäre, ihre ganze Tragweite im Fernsehen oder im Radio erschöpfend zu diskutieren.

Um jedoch stimmige, genaue und weitestgehend objektive journalistische Arbeit zu leisten, muss den Medien der Zugang zu diesen Informationen gwährt und damit die Grundlage für seriöse Berichterstattung geschaffen werden. In die Entscheidung, welche Informationen an die Öffentlichkeit dringen sollen, müssen Medien mit einbezogen werden. Diese Selektionskompetenz ist in den Verantwortungsbegriff integriert. Die beschriebenen Grundsätze und Maßnahmen böten eine akzeptable Basis für eine adäquate Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren einer Gesellschaft. Jedoch erweist es sich als schwierig, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Medien existieren nicht im luftleeren Raum, auch sie unterliegen Zwängen, die sie in ihrer Arbeit beeinflussen. Sie wirken zwar im Sinne der Meinungsbildung auf die Öffentlichkeit ein, bestimmen aber nicht generell die Richtung, in die sie sich entwickelt. Ein bestimmtes Medium muss gewisse Anforderungen seines Publikums erfüllen, sonst wird es innerhalb kürzester Zeit vom Markt verschwinden. Kommerzielle Prämissen schaffen den Rahmen, innerhalb dessen sich mediale Berichterstattung bewegt und hehre Prinzipien rücken auch und vor allem in Krisenzeiten in den Hintergrund.

[…] Firstof all, it was a big story the like of which i as a journalist and Weekend World as a programme might never see again. [...] [33]

5. Schlussbemerkung

Ziel einer jeden Informationspolitik in Krisenzeiten ist es, die geeignete Balance zwischen Kontrolle und Information zu finden. Im Falle des Falklandkonfliktes wäre es falsch anzunehmen, dass jegliche Informationsdefizite auf organisatorische und auf geringer Erfahrung basierende Schwierigkeiten zu reduzieren. Dies würde voraussetzen, dass Medien und Politik dieselben Zielstellungen verfolgen. Man muss erkennen, dass die britische Regierung, wie vermutliche jede Regierung im Kriegsfall, darauf bedacht war, so wenig wie möglich an Information an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Das Phänomen der Propaganda und Medienlenkung in Zeiten nationaler Krise ist in diesem Konflikt nicht neu entdeckt worden – es wurde vielleicht nur härter kritisiert und analysiert. Auch wenn man einschränkend sagen kann, dass in sich konsistente Leitlinien der Informationspolitik, welche schon in Friedenszeiten hätten ausgearbeitet werden müssen, einige Schwierigkeiten im ´handling´ der Medien hätten vermeiden können, so kann dies nur einen Teil der Kritik darstellen. Auf der anderen Seite muss aber auch realisiert werden, dass ein Teil der Medien die informationspolitischen Entscheidungen in diesem Fall mit trugen – dies unterstützte die Linie der Regierung und trug zu einem öffentlichen Klima bei, welches es einfacher machte, kritischere Medien anzugreifen und für ihre Berichterstattung zu verurteilen.

[…] the MoD could not have achieved what it did without some compliance from the British media; if fit was rape, then it was rape with contributory negligence.“[34]

6. Literaturverzeichnis

Direkt und indirekt zitierte Literatur:

Adams, Valerie: The Media and the Falklands Campaign. London 1986.

Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News

Reporting during the Falkland Conflict, London 1988.

Knightley, Phillip: The first Casualty. The War Correspondent as Hero and Myth-Maker from the Krimea to Kosovo. 2. Auflage, Baltimore/London 2000.

Ergänzende Literatur:

Femenia, Nora A.: National Identity in Times of Crisis: The Scripts of the Falklands- Malvinas War. New York 1996.

[...]


[1] MoD = Ministerium of Defence

[2] Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign.London 1986, S. 5ff.

[3] Hooper; Alan: The Military and The Media, Gower 1982, S.161, zitiert in: Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign.London 1986, S.??

[4] Knightley, Phillip: The first Casualty.The War Correspondent as Hero an Myth-Maker from the Crimea to Kosovo.2.Auflage, Baltimore/London 2000, S.478.

[5] Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign.London 1986, S.8f.

[6] Ebd.

[7] Mrs. Thatcher in :House of Commons, 29.April 1982, zitiert in: Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign.London 1986,S.9

[8] Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reporting during the Falklands Conflict. London 1988, S.228.

[9] Peter Snow, Journalist der BBC, zitiert in: Morrison, Dadid E./Tumber Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reprotzing during the Falklands Conflict.London 1988, S.228.

[10] Mrs. Thatcher in QuestionTime vom 7.Mai 1982, zitiert in: Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reporting during the Falklands Conflict. London 1988, S.229.

[11] House of Commons, 27. Mai 1982, zitiert in: Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.10.

[12] Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign.London 1986, S.10.

[13] George Howard zitiert in: Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reporting during the Falklands Conflict. London 1988, S.230.

[14] Schlagzeile des Daily Express vom 10.Mai 1982, zitiert in: Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reporting during the Falklands Conflict. London 1988, S.230.

[15] Kenneth Warren, Conservative MP, zitiert in: Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reporting during the Falklands Conflict. London 1988, S.231.

[16] Umfragen vom 13.5. 1982 und 16.5. 1982 / Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.12f.

[17] so zum Beispiel The Guardian, The Mirror, The Financial Times

[18] George Howard in The Observer vom 16. Mai 1982, zitiert in: Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.13.

[19] Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reporting during the Falklands Conflict. London 1988, S 244f.

[20] Mitglieder des MoD, zitiert in: Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reporting during the Falklands Conflict. London 1988, S.231.

[21] Morrison, David E./Tumber, Howard: Journalists at War. The Dynamics of News Reporting during the Falklands Conflict. London 1988, S.243.

[22] Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986,S.13.

[23] Ebd.

[24] Im Folgenden =HCDC

[25] Ebd, S.14f.

[26] Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.14ff.

[27] Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.184ff.

[28] Ebnd., S.187

[29] The Times vom 27.Mai 1982, zitiert in: Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.181.

[30] Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.181.

[31] Ebd, S. 182ff.

[32] Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.183.

[33] Hugh Pile, Editor of Weekend World, zitiert in: Adams, Valerie: The Media and The Falklands Campaign. London 1986, S.184.

[34] Knightley, Phillip: The first Casualty.The War Correspondent as Hero an Myth-Maker from the Crimea to Kosovo.2.Auflage, Baltimore/London 2000, S.481.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Defizite in der Krisenkommunikation am Beispiel der Beziehungen zwischen politischem System und den Medien im Falklandkonflikt
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Seminar: Medien in internationalen Konflikten
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V108486
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Defizite, Krisenkommunikation, Beispiel, Beziehungen, System, Medien, Falklandkonflikt, Seminar, Konflikten
Arbeit zitieren
Karoline Zanke (Autor), 2003, Defizite in der Krisenkommunikation am Beispiel der Beziehungen zwischen politischem System und den Medien im Falklandkonflikt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108486

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Defizite in der Krisenkommunikation am Beispiel der Beziehungen zwischen politischem System und den Medien im Falklandkonflikt


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden