Argumentationstheorie und Alltagsargumentation - Untersucht an einer Rede Konrad Adenauers


Hausarbeit, 2003

30 Seiten, Note: 1-


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die fünf Produktionsstadien der Rede

3. Argumentationstheorie
3.1 Definitionen
3.2 Voraussetzungen
3.3 Argumentationssituationen
3.4 Argumentationsschritte
3.4.1 Enthymemargumentation
3.4.1.1 Das dreigliedrige Argumentationsmodell nach Aristotels
3.4.1.2 Charakteristika des Enthymems im alltagsargumentativen Gebrauch
3.4.1.3 Das fünfgliedrige Argumentationsschema von Stephan Toulmin
3.4.2 Beispielargumentation
3.4.2.1 Induktive Beispiele
3.4.2.2 Illustrative Beispiele
3.5 Topik
3.5.1 Schlussregel- benutzende Argumentationsschemata
3.5.1.1 Einordnungsschemata
3.5.1.1.1 Definitionsschemata
3.5.1.1.2 Genus-Spezies-Schemata
3.5.1.1.3 Ganzes-Teil-Schemata
3.5.1.2 Vergleichsschemata
3.5.1.2.1 Gleichheitsschemata
3.5.1.2.2 Verschiedenheitsschemata
3.5.1.2.3 Mehr oder Minder- Schemata
3.5.1.3 Gegensatzschemata
3.5.1.4 Kausalschemata
3.5.1.4.1 Ursache und Wirkung
3.5.1.4.2 Grund und Folge
3.5.1.4.3 Mittel und Zweck
3.5.2 schlussregel- etablierende Argumentationsschemata
3.5.3 Argumentationsschemata, die weder Schlussregeln benutzen noch Schlussregeln etablieren
3.5.3.1 Illustrative Beispielargumentation
3.5.3.2 Analogieargumentation
3.5.3.3 Autoritätsargumentationen

4. Argumentationsanalyse
4.1 Kommentierter Katalog der Leitfragen nach Klaus Bayer
4.2 Analyse eines Auszugs aus der Bundestagsrede Konrad Adenauers anlässlich des Baus der Berliner Mauer am 18.August 1961

5. Die Aktualität des Aristoteles

6. Bibliographie

7. Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Argumentationstheorie, die innerhalb der Rhetorik eine entscheidende Rolle spielt. Dabei wird sich dem Thema in zwei Schritten genähert. Im ersten Teil der Arbeit wird die Argumentationstheorie Aristoteles’ vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung dargestellt. Hauptsächlich dienten dabei die Autoren Ottmers[1] und Kienpointner[2] als Informationsquellen. Um die Aufgaben der Argumentation innerhalb der Rhetorik erklären zu können, muss zunächst der klassische Fünfschritt zum Erstellen einer Rede, wie ihn auch Ueding[3] beschreibt, aufgezeigt werden. Im Folgenden werden dann Grundsätzliches zur Argumentationstheorie und die Argumentationsmuster, hier Argumentationsschritte genannt, präsentiert. Mit der Vorstellung der verschiedenen Topoi (Suchschemata) soll der erste Teil der Arbeit beendet werden. Dieser Abschnitt soll vor allem dazu dienen´, eine erste Frage zu beantworten: Wie sind Argumentationen aufgebaut? Der zweite Teil dieser Arbeit stellt die Vorgehensweisen der Argumentationsanalyse vor. Dabei werden zunächst allgemeine Verfahrensweisen aufgezeigt und diese dann an konkreten Beispielen angewandt. Da sich die Argumentationsanalyse wie sie beispielsweise von Bayer vorgestellt wurde, hauptsächlich mit der Alltagsargumentation beschäftigt, ist es möglich anhand einer politischen Reden beispielhaft eine Analyse durch zuführen. Diese Analysen sollen helfen zentrale Fragen der Arbeit zu beantworten. Entsprechen die Alltagsargumentationen den Argumentationsmustern, wie sie schon Aristoteles konstruierte?

Als Gegenstand der Analysen wählte ich einen Ausschnitt aus einer Rede von Konrad Adenauer zum Bau der Berliner Mauer, die er am 18. August 1961 im Bundestag hielt. Schwierigkeiten ergaben sich im Vorhinein vor allem durch die Fülle an Literatur, die sich zu diesem Thema finden lies. Der ungeplante Umfang dieser Arbeit erforderte allerdings ein klares Aussortieren einiger Schriften und eine Konzentration auf einige mir wichtig erschienende Werke. Diese Arbeit kann daher keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Auch ist die Analyse, vergleicht man sie mit Analyse, denen eine vollständige Erarbeitung der Theorie zu Grunde liegt, natürlich nicht als vollständige Argumentationsanalyse zu werten. Dies ergibt sich vor allem auch durch den Umstand, dass aus Gründen des Umfangs hier nur ein Ausschnitt der Rede untersucht werden konnte, eine vollständige Analyse aber einen Text als gesamtes zum Gegenstand haben muss.

2. Die fünf Produktionsstadien der Rede

Die fünf Produktionsstadien der Rede bilden das wichtigste systematische Einteilungsprinzip der Rhetorik. Im Folgenden werden die fünf Stadien benannt und kurz erläutert. Dabei habe ich mich an den Ausführungen Uedings[4] orientiert.

Der erste Produktionsstadium „Inventio“ beinhaltet im klassischen Sinn eine Zuordnung des Themas zu einer der drei klassischen Redegattungen (Gerichtsrede, Politische Rede, Festrede). Außerdem zählt das Auffinden aller zur wirkungsvollen Behandlung des Gegenstands nötigen Argumente und Materialien zu diesem Arbeitsschritt. Zu deren Erforschung hat die Rhetorik ein eigenes System von Suchkategorien ausgebildet, die alle möglichen Fundorte für Argumente, Beweise oder sonstige Belege erschließen. Diese Suchkategorien nennt man Topoi.

Das zweite Produktionsstadium nennt man Dispositio. In diesem Arbeitsstadium muss der Autor die Gliederung festlegen. Dabei muss die Gliederung der Sache und dem Publikum angemessen sein. Mit der Lehre von den vier Redeteilen hat die Rhetorik systematische Hilfestellungen für diese Aufgabe entwickelt. Die vier Redeteile bestehen aus Einleitung, Darlegung des Sachverhalts, Argumentation, Beweisführung und Redeschluss, der auch Konklusion genannt wird.

Die Elocutio bildet nun den dritten Arbeitsschritt. Sie umfasst die sprachlich-stilistische Produktion der Rede. Die Elocutio ist das differenzierteste Teilgebiet der Rhetorik. Es umfasst die Figuren und Tropen sowie den Wortgebrauch und die Satzfügung. Sprachrichtigkeit, Deutlichkeit, Angemessenheit an Inhalt und Zweck der Rede, Redeschmuck und Vermeidung alles Überflüssigen sind die obersten Stilpriorität. Um allen Intentionen gerecht zu werden, hat die Rhetorik zum Teil sehr komplizierte Stillehren entwickelt. Der Stil sollte bei einer Rede außerdem der Zeit angemessen sein. Dabei sollte der Redner versuchen sein Publikum für sich zu gewinnen. Der Redner muss dabei alle rhetorischen Register ziehen und soll die Zuhörer mitreißen. Er versucht dabei auf die Entscheidung und praktische Veränderung aufgrund der zuvor durch Darlegung und Argumentation erreichten Einstellungsveränderung oder -sicherung einzuwirken.

Das vierte Stadium, Memoria genannt, konzentriert sich auf das Einprägen der Rede ins Gedächtnis mittels memotechnischer Regeln, wie zum Beispiel das Erzeugen von Bildern.

Das letzte Produktionsstadium „Actio“ beschäftigt sich mit der Verwirklichung der Rede durch den Vortrag, die Mimik, die Gestik und sogar die Handlungen des Redners. Die Rhetorik entwickelte eine ausgefeilte Sprechtechnik, Regeln zur körperlichen Beredsamkeit und in neuerer Zeit eine Rhetorik der Präsentation mittels der medialen Darbietung.

3. Argumentationstheorie

Neben der Stiltheorie und der Figurenlehre bezeichnet Ottmers die Argumentationstheorie als eigentliches Herzstück der Rhetorik. Die Argumentationstheorie wird dabei den Produktionsstadien „inventio“ und „dispositio“ zugeordnet. Dabei sollen im Stadium „inventio“ passende Argumente gefunden werde, wobei danach im Stadium „dispositio“ diese Argumente zu einer überzeugenden Argumentationskette verbunden werden.

3.1 Definitionen

Was ist eine Argumentation?

„Argumentationen sind mehr oder weniger komplexe Sprachhandlungen, mit Hilfe derer die Zuhörer oder Gesprächspartner überzeugt werden sollen.“[5]

„In einer Argumentation wird versucht, mit Hilfe des kollektiv Geltenden etwas kollektiv Fragliches in etwas kollektiv Geltendes zu überführen.“[6]

3.2 Voraussetzungen

Für Aristoteles, den Begründer der Argumentationslehre, gab es drei wichtige Voraussetzungen für eine Argumentation. Zum Ersten ist hier der „strittige Sachverhalt“ zu nennen. Dieser Terminus beschreibt die grundlegende Strittigkeit eines Themas. In der Antike wurde dieser Punkt als questio bezeichnet. Dabei ist die Strittigkeit eines Themas oder Sachverhaltes deshalb von entscheidender Wichtigkeit, da ohne eine solche Strittigkeit eine Argumentation sinnlos ist und nicht zu einer Konklusion gelangen kann. Die Klärung eines solchen strittigen Sachverhalts setzt Aristoteles an den Anfang einer jeden Argumentation.

Diese Strittigkeit wird allerdings eingeschränkt, denn so Ottmers: „Es muss zumindest ein ungefährer Konsens darüber bestehen, was nicht in Zweifel gezogen werden, was nicht strittig gemacht werden kann.“[7] Ottmers beschreibt damit eine gemeinsame Basis der beiden Argumentierenden, ohne die ein Erfolg der Argumentation undenkbar ist. Ein zweiter Punkt, der als Voraussetzungen für eine Argumentation gilt, ist die Annahme, dass unterschiedliches Meinungs- und Erfahrungswissen einer Einigung im Wege stehen kann. Wobei dies vom Grad der Unterschiedlichkeit abhängt. Dazu muss man wissen, dass dieses Meinungs- und Erfahrungswissen in erster Linie das „kollektive Wissen einer Kulturgemeinschaft“[8] beschreibt und die Unterschiedlichkeiten dieses Wissens im unterschiedlichen kulturellen Hintergrund der beiden Beteiligten begründet ist. Ein ähnliches Meinungs- und Erfahrungswissen stelle also ebenfalls eine Voraussetzungen für eine erfolgreiche Argumentation dar. Als dritte Voraussetzungen stellt Ottmers fest, dass zu einem strittigen Sachverhalt mindestens zwei unterschiedliche Positionen und Meinungen vorhanden sein müssen. Er beruft sich dabei auf Aristoteles, der die beiden Sprecher, die diese Positionen vertreten, Proponenten und Opponenten nennt.

3.3 Argumentationssituationen

Aristoteles fügt den Aussagen zur Konstellation der Proponenten und Opponenten hinzu, dass es sich dabei um unterschiedliche Situationen handeln kann. Dabei können beispielsweise mehrere Proponenten gegenüber einem Opponenten erscheinen, man nennt dies eine „kontroverse Situation“[9], oder auch beide Positionen von einer Person vertreten werden, man spricht hier von einer „konvergente Argumentationssituation“[10].

Eine kontroverse Situation wäre also dann eine Diskussion oder eine Debatte. Eine konvergente Situation wäre dann in einer Rede oder einem Text zu finden.

Doch nicht nur die Anzahl der beteiligten Personen unterscheidet die konvergente von der kontroversen Argumentationssituation. Viel wichtiger für die Argumentation selbst ist die Tatsache, dass die Strittigkeit eines Sachverhaltes in einer kontroversen Situation direkt zu Tage tritt, wobei die Strittigkeit des Themas in einer konvergenten Situation nur indirekt zu erkennen ist. Durch das Bestreiten einer Äußerung durch den Opponenten verlangt die kontroverse Situation also viel direkter Argumente, die die strittige Aussage des Proponenten belegen. Die konvergente Situation einer Rede bietet dagegen kaum Gelegenheiten um die Aussagen des Redners direkt anzugehen. Der Redner argumentiert allerdings prophylaktisch. Dabei ist es ihm nur teilweise möglich für sich selbst die Reaktion des Rezipienten zu simulieren. Er hat also die Aufgabe diese imaginären Reaktionen zu beachten, will er die Zuhörer sachlogisch überzeugen. Insofern muss der Argumentierende sowohl in der kontroversen wie auch in der konvergenten Situation seine Argumentation so aufbauen, dass sie eventuelle Einwände schon voraus sieht und ihnen Argumente entgegen setzt. Hinsichtlich der Komplexität dieser beiden Situationen ist natürlich die kontroverse Situation die weitaus anspruchsvollere, da hier meist auch spontan ein passendes Argument zum jeweiligen Einwand gefunden werden muss. Doch auch die konvergente Argumentationssituation ist meist in eine kontroverse Situation eingebunden, da der Redner meist auf die Reden anderer Redner eingeht oder antwortet. Diese Tatsache hatte auch schon die klassische Rhetorik erkannt. Belegt wird diese Annahme vor allem durch den ständigen Bezug der klassischen Rhetorik zur Gerichtsrede, in der zwar weite Teile innerhalb spezieller Monologe absolviert werden, diese jedoch stets im Dialog mit dem Gegenüber stehen. Ottmers begründet damit die „dialogische Grundstruktur der Argumentation“ [11]. Damit wird die Unterscheidung dieser beiden Situationen für die weitere Beschreibung und Analyse der Argumentationsschritte hinsichtlich des prinzipiellen Funktionierens von Argumentationen relativ unwichtig. Allein für die Bedeutung für eine allgemeine Analyse einer Argumentation, wie sie später im Text noch erfolgt, ist diese Unterscheidung von Bedeutung.

3.4 Argumentationsschritte

Da weiterhin vor allem das Funktionieren von Argumentationen untersucht werden soll, ist hier eine Konzentration auf die so genannten Argumentationsschritte oder auch Argumentationsmuster unabdinglich. Die Rhetorik spricht im Bezug auf Argumentationsmuster nur von zwei unterschiedlichen Teilbereichen. Dabei wird zum einen die Enthymemargumentation benannt und zum anderen von der Beispielargumentation gesprochen.

3.4.1 Enthymemargumentation

3.4.1.1 Das dreigliedrige Argumentationsmodell nach Aristotels

Die Enthymemargumentation ist charakterisiert durch das Heranziehen einer unstrittigen Aussage um die strittige Aussage zu etablieren oder auch gänzlich zurückzuweisen. Diese unstrittige Aussage wird als Argument bezeichnet. Das Argument bedient sich dabei der so genannten Schlussregel, die das Argument stützt und somit die strittige Aussage in eine Konklusion führt. In eine Konklusion führen bedeutet hier, die strittige Aussage in eine unstrittige Aussage zu verwandeln. „In der Argumentation wird ein Argument (A) eingesetzt, um eine strittige Aussage glaubhaft, d.h. plausibel zumachen und sie so in eine Konklusion (K) zu überführen.“ [12] Das folgende Schema verdeutlicht diesen Prozess.

Abb.1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Beispiel soll nun dieses Schema erläutern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Lehrer macht folgende Aussage: „Stefan wird es weit bringen!“ Wird diese Aussage akzeptiert, ist die Aussage unstrittig und bedarf somit keiner weiteren Argumentation. Doch stellt ein Gegenüber diese Aussage in Frage, muss der Lehrer ein Argument heranziehen. Er sagt beispielsweise: „Stefan ist ein guter Schüler.“ Die Schlussregel, die er dabei anwendet lautet: Wer ein guter Schüler ist, hat auch gute Chancen im Berufsleben. Damit wird die einstig strittige Aussage zu einer unstrittigen Aussage. Dieses dreigliedrige Schema geht auf Aristoteles zurück und wird seit jeher als Enthymem bezeichnet. Dieses Schema beschreibt den absolut klassischen Fall. In seiner alltagssprachlichen Verwendung weißt das Enthymem jedoch fünf weitere Charakteristika auf.

3.4.1.2 Charakteristika des Enthymems im alltagsargumentativen Gebrauch

Zum ersten ist zu erwähnen, dass die formale Struktur des Enthymems in seiner alltagsargumentativen Gestalt nicht festgelegt ist, also die Reihenfolge der Teilbereiche variierbar ist. Das zweite Charakteristikum ist die Tatsache, dass nicht alle Schritte explizit gemacht werden. Fast immer muss sich der Zuhörer die Schlussregel selbst denken, sichtbar werden meist nur Argument und Konklusion. In der Alltagsargumentation findet sich also meist: Wenn das Argument (A) gilt, dann gilt auch die Konklusion (K). Aber auch andere Varianten treten auf. Es lassen sich zwei weitere Varianten der enthymemischen Verkürzung isolieren. Es können Argument und Schlussregel ausgeführt und Konklusion ausgelassen sein. Es kann aber auch das Argument ausgelassen werden, wobei dann Konklusion und Schlussregel benannt werden. Auf diese drei Varianten lassen sich fast alle alltagssprachlichen Argumentationen zurückführen. Doch gerade im Extremfall kann neben der oft fehlenden Schlussregel auch die Konklusion fehlen. Es wird dann nur mittels des Arguments argumentiert. Man findet diesen Extremfall oft in der Werbung. Ottmers erstellt eine Regel für diese enthymemischen Verkürzungen:

„In der Regel kann man davon ausgehen, dass je unstrittiger die herangezogenen Prämissen, Schlussregeln und Konklusionen sind, um so >verkürzter< kann das Enthymem in Erscheinung treten; umgekehrt bedeutet dies, dass die einzelnen Argumentationsschritte bei wenig bekannten, nicht allgemein akzeptierten oder sehr komplexen Inhalten entsprechend ausführlich dargestellt werden müssen.“[13]

Das dritte Charakteristikum des Enthymems zeigt sich in einer inhaltlichen Besonderheit. Das enthymemische Argumentationsverfahren basiert auf der Wahrscheinlichkeit des gezogenen Schlusses, also auf seiner Plausibilität. Es wird deshalb auch als verkürzter oder rhetorischer Syllogismus[14] bezeichnet.

Das vierte Charakteristikum beschäftigt sich mit dem Status des Arguments. Dabei geht es darum, dass das Argument dazu dient, die strittige Aussage in eine unstrittige umzuwandeln. Dazu muss das Argument eine unstrittige Aussage sein. Diese Unstrittigkeit resultiert dabei aber nicht aus einer allgemein unwiderruflichen Wahrheit, die nicht hinterfragt oder gar zurückgewiesen werden kann, sondern begründet sich auf ein Meinungs- und Erfahrungswissen jedes Einzelnen. Dieses Erfahrungs- und Meinungswissen begründet sich hauptsächlich, wie der Name schon sagt, auf die Erfahrungen die eine Person im Laufe seines Lebens gemacht hat. Dieses Wissen unterscheidet sich in unterschiedlichen Kulturkreisen. Ob der Opponent die Argumente des Proponenten akzeptiert, hängt also davon ab, ob sein Meinungs- und Erfahrungswissen dieses Argument ebenfalls als stichhaltig auszeichnet. Dabei ist dies natürlich wahrscheinlicher, wenn der Proponent aus dem gleichen Kulturkreis stammt wie der Opponent.

Das fünfte Charakteristikum betrifft die Schlussregel. Die Schlussregel ist für die Plausibilität der Argumentation von großer Bedeutung. Obwohl die Schlussregel nicht immer ausgesprochen wird, darf sie keinesfalls beliebig sein. Sie muss zwischen Argument und Konklusion einen möglichst plausiblen Zusammenhang herstellen. Der Erfolg oder Misserfolg einer Argumentation ist also zwingend mit der Plausibilität der Schlussregel verbunden.

3.4.1.3 Das fünfgliedrige Argumentationsschema von Stephan Toulmin

Das dreigliedrige Schema von Aristoteles wurde[15] in den Siebzigerjahren von Toulmin zu einem fünfgliedrigen Schema erweitert. Er erweiterte das Schema um die Komponenten „backing“ und „rebuttal“, also Stützung und Ausnahmebedingung. Die Stützung stützt die Schlussregel. Die Ausnahmebedingung dagegen tritt in Verbindung mit der Konklusion auf. Sie beschreibt eine Ausnahme bei der die Konklusion nicht plausibel ist.

Abb.2[16]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kehren wir zu dem vorher benutzen Beispiel zurück.

„Stefan wird es vermutlich weit bringen, denn er ist ein guter Schüler. Wenn seine Leistungen bis zum Abitur nicht nachlassen, hat er beste Startchancen für seinen weiteren beruflichen Werdegang, wie Statistiken über den Zusammenhang von schulischer Leistung und Berufschancen belegen.“ Schlüsseln wir nun diese Aussage nach Toulmins Schema auf, entsteht folgendes Diagramm.

Abb. 3[17]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.4.2 Beispielargumentation

Neben dem Enthymem wurde schon in der Antike auch das Beispiel als Überzeugungsverfahren beschätzt. Schon Aristoteles kannte zwei Arten von Beispielen. Dabei sind die induktiven von den illustrativen Beispielen zu unterscheiden.

3.4.2.1 Induktive Beispiele

Das induktive Beispiel sieht im Vergleich zum enthymemischen Dreischritt kein grundsätzlich anderes Verfahren vor, zeichnet sich jedoch durch eine etwas komplexere Struktur aus. Das induktive Beispiel kommt zum Einsatz, wenn die Schlussregel keinen plausiblen Schluss vom Argument auf die Konklusion zulässt. Das Beispiel stützt also das Argument und macht damit die Konklusion erst möglich. Ottmers beschreibt das Konstrukt „Induktives Beispiel“ hinsichtlich seiner Aufgabe mit den folgenden Worten: „ Das induktive Beispiel dient zur Glaubhaftmachung, wenn die Schlussregel strittig oder zumindest nur wenig wahrscheinlich ist.“ [18] Ein Beispiel soll auch hier wieder den Komplex erhellen.

Ein Reporter der Badischen Zeitung sagt: „Der SC Freiburg wird in diesem Jahr sicherlich nicht absteigen, denn er hat 17 Punkte am 10. Spieltag. Letzte Saison stand es an diesem Tag ähnlich und der SC stieg nicht ab.“

Das induktive Beispiel ermutigt dabei dazu, von einer einzelnen Begebenheit auf eine allgemeine Gesetzmäßigkeit zu schließen. Die Schwachstelle einer solchen Argumentation mittels induktiver Beispiele liegt darin, dass die Beispiele meist nur scheinbar das Argument stützen können. Wird ein Gegenbeispiel gefunden, ist die Argumentation all ihrer Argumente beraubt. Auch werden diese induktiven Beispiele nur benutzt, wenn wirklich treffende und schlagkräftige Argumente fehlen. So kommt es also dazu, dass, sollte jemand ein solches induktives Beispiel benutzen und das Gegenüber dieses induktive Beispiel bemerken, klar wird, dass derjenige keine stichhaltigen Argumente für diese Argumentation hat.

3.4.2.2 Illustrative Beispiele

Schon Aristoteles war der Meinung, dass das illustrative Beispiel kein autonomes Argumentationsverfahren ist. Es dient lediglich dazu, die Argumentation zu festigen oder auch die gebrauchten Argumente zu veranschaulichen. Genau wie bei den induktiven Beispielen müssen die Beispiele treffend und typisch sein. Die Qualität des Beispiels ist also von entscheidender Bedeutung, soll das Argument effektiv gefestigt oder veranschaulicht werden. Ein Beispiel soll hier nun zeigen wie ein solch illustratives Beispiel benutzt werden kann. Kommen wir dazu zu dem anfänglich gebrauchten Beispiel zurück.

„Stefan wird es vermutlich weit bringen, denn er ist ein guter Schüler. Charly war auch ein guter Schüler und ist jetzt Chef der Volksbank.“

Dass Charly ein guter Schüler war und es weit gebracht hat, dient hier als illustratives Beispiel.

Im Verlauf dieser Arbeit wird bei der praktischen Argumentationsanalyse der beiden Reden noch sichtbar, dass sehr viel öfter ein illustrativ verwendetes Beispiele als ein induktives Beispiel zu finden ist.

3.5 Topik

Wie bereits besprochen, hängt das Gelingen einer Argumentation stark von der Plausibilität der angewandten Argumente und ihrer Schlussregeln ab. Wie verschiedene Studien belegen, kann unser Erfahrungs- und Meinungswissen sehr effektiv aus der unendlichen Menge von möglichen Argumenten die relevanten und effektiven Argumente herausfiltern. Die Schlussregeln folgen dabei verschiedenen Strukturen, die in den “Topik“ gesammelt sind. Aristoteles analysierte das von ihm so bezeichnete Bindeglied zwischen Logik und Rhetorik und bezeichnete es auch als „Dialektik“. Ottmers spricht den von Aristoteles aufgezählten Topik zwei Bedeutungen zu: „ Zum einen [sind die Topoi] ein Suchverfahren, das den Argumentierenden auf bestimmte, für die Argumentation relevante Zusammenhänge lenkt, um das Finden von passenden Argumenten beziehungsweise plausiblen Schlussmustern zu erleichtern. [...] Zum anderen bezeichnen Topoi die in Argumentationen eingesetzten Schlussmuster, deren Plausibilität die Kraft der Argumentation garantiert.“ [19] Im Folgenden werden nun zwei große Klassen von Topoi vorgestellt. Die erste Klasse umfasst die alltagslogischen Schlussregeln. Damit sind Schlussregeln gemeint, die, betrachtet man ihre Struktur, den Strukturen der Logik ähneln. Die zweite Klasse sind die konventionalisierten Schlussregeln, die ihre Plausibilität und Überzeugungskraft auf eine Autorität oder eine Expertenmeinung stützen.

Im Gegensatz zu den Ausführungen Ottmers wird ein grundlegender Unterschied der beiden Großklassen in Kienpointners Arbeit sehr viel deutlicher. Kienpointner teilt die Topoi in drei Gruppen ein. Ein weiterer wesentlicher Unterschied wird auch durch Kienpointers Begrifflichkeiten deutlich. Dabei entspricht die erste Klasse, also die der alltagslogischen Schlussregeln den „schlussregel-benutzenden Argumentationsschemata“[20], wie sie von Kienpointner bestimmt wurden. Die zweite Klasse nennt Kienpointner die „weder schlussregel-etablierenden noch schlussregel- benutzenden Argumentationsschemata“[21]. Die von ihm zusätzlich eingeführte Klasse bezeichnet er als die „schlussregel-etablierenden Argumentationsschemata“[22]. Die Ausführungen Kienpointners werden im Laufe dieses Kapitels näher beleuchtet.

3.5.1 Schlussregel- benutzende Argumentationsschemata

Schon in der Antike wurden die Topoi in die beiden genannten Großklassen und so genannten Subklassen unterschieden. Die erste Großklasse umfasst die Argumentationsmuster, die keine neuen Schlussregeln etablieren, sondern gebräuchliche Schlussregeln nutzen, um die Argumentation zu einer Konklusion zu führen. Die erste Klasse beinhaltet nach Kienpointners Ausführungen die Subklassen Einordnungsschemata, Vergleichsschemata, Gegensatzschemata und Kausalschemata.

Einige Beispiele zu den Subklassen sollen nun weiteres Verständnis für die Einordnung bieten.

3.5.1.1 Einordnungsschemata

Bei den Einordnungsschemata werden im Schlussverfahren Beziehungen zwischen verschiedenen Größen hergestellt. Das heißt das Verhältnis, das eine strittige Sache zu einer unstrittigen Sache hat, sagt etwas aus über die strittige Sache. Dabei lassen sich drei verschiedene Topoi bestimmen. Die Definitionsschemata, die Genus-Spezies-Schemata und die Ganzes-Teil-Schemata. Zu jedem dieser Topoi soll im Folgenden ein Beispiel vorgestellt werden.

3.5.1.1.1 Definitionsschemata

Die Definitionsschemata stellen im Schlussverfahren Relationen zwischen Definition und Definiertem her.

Wenn „Rauchen“ definiert ist als „gesundheitsgefährdender Konsum von Stoffen, wie Nikotin, Teer usw. via Zigaretten, Zigarren, Pfeifen oder ähnliches“, ist die Beendigung des Rauchens angebracht. Die Schlussregel ist hier diese bestimmte Definition des Rauchens und führt damit zu folgender Konklusion: Die Beendigung des Rauchens ist angebracht.[23]

3.5.1.1.2 Genus-Spezies-Schemata

Die Genus-Spezies-Schemata stellen Verbindungen zwischen den Besonderheiten einer Spezies und den Allgemeinheiten der dazugehörigen Gattung her. Auch hier soll nun ein Beispiel weiterhelfen.

Die Spezies „Katholiken“ gehört zu der Gattung „Christen“. Die strittige Aussage „Katholiken sollen ihre Feinde lieben“ wird also durch die Schlussregel „alle Christen sollen ihre Feinde lieben und Katholiken sind Christen“ zur Konklusion geführt.[24]

3.5.1.1.3 Ganzes-Teil-Schemata

Diese Schemata leiten die Schlussfolgerungen aus den Beziehungen zwischen Teilen einer Gesamtheit und der Gesamtheit selbst her.

Die strittige Aussage ist „Die Mitglieder der Wiener Philharmoniker sind hervorragend.“

Kommt nun ein Ganzes-Teil-Schema zum Einsatz. Wäre die Schlussregel folgende: Wenn ein Orchester hervorragend ist, sind auch seine Mitglieder hervorragend. Die Wiener Philharmoniker sind hervorragend.[25]

3.5.1.2 Vergleichsschemata

Auch die Subklasse der Vergleichsschemata lässt sich wiederum in drei Schlussverfahren aufgliedern. Dabei werden nun Größen miteinander verglichen. Die Argumentationsmuster werden dabei nach den möglichen Ergebnissen des Vergleichs unterschieden. Möglich erscheinen also die folgenden drei Ergebnisse: die Gleichheiten, die Verschiedenheit und der Grad der Verschiedenheit in Form von „Mehr oder Minder“.

3.5.1.2.1 Gleichheitsschemata

Beim Topos aus der Gleichheit werden gleiche Größen miteinander in Verbindung gebracht und daraus die Schlussregel gebildet.

Die strittige Aussage sei: Anna bekommt ein Bonbon, wenn sie zehn Aufgaben richtig rechnet. Unstrittig wird die Aussage, wenn das folgende Argumentationsschemata angewandt wird: Wenn Jacob zehn Rechenaufgaben richtig rechnet, bekommt er ein Bonbon. Wenn Jacob und Anna die gleiche Aufgabe erledigen, bekommen sie den gleichen Lohn.

3.5.1.2.2 Verschiedenheitsschemata

„Beim Topos aus der Verschiedenheit oder zumindest geringen Ähnlichkeit werden verschiedene beziehungsweise sehr unähnliche Größen miteinander in Relation gebracht.“[26]

Die strittige Aussage ist: Bei Fachärzten und Krankenpflegern ist eine unterschiedlich hohe Entlohnung angebracht.

Das Argument, das hier zur Konklusion führen soll wäre dann:

Fachärzte und Krankenpfleger unterscheiden sich hinsichtlich der Komplexität ihrer Arbeit und der benötigten Ausbildung.

Die Schlussregel, die das Argument stützt lautet: Wenn sich Angehörige von Berufsgruppen hinsichtlich der Komplexität ihrer Arbeit und der benötigten Ausbildung unterschieden, ist eine unterschiedliche Entlohnung angebracht.[27]

3.5.1.2.3 Mehr oder Minder- Schemata

Die Mehr oder Minder- Schemata stellen Relationen zwischen Komponenten fest und stützen so eine Argumentation.

Die strittige Aussage ist: Massenmord ist sehr negativ zu bewerten. Das Argument lautet: Mord an Einzelpersonen ist negativ zu bewerten. Die angewendete Schlussregel lautet dann: Wenn Mord an Einzelpersonen weniger negativ zu bewerten ist als Massenmord und Mord an Einzelpersonen negativ zu bewerten ist, ist Massenmord sehr negativ zu bewerten.[28]

3.5.1.3 Gegensatzschemata

Bei den Gegensatzschemata unterscheidet man in kontradiktorische, konträre, konverse und inkompatible Gegensätze. Es handelt sich also um Argumentationsschemata die Gegensätze der verschiedensten Art als für die Argumentation entscheidende Elemente enthalten. Das folgende Schaubild von Kienpointner soll einen kurzen Überblick bieten.

3.5.1.4 Kausalschemata

Bei den Kausalschemata dienen Kausalrelationen als Schlussregeln. Es können drei Relationen unterschieden werden: die zwischen Ursache und Wirkung, die zwischen Grund und Folge und die zwischen Mittel und Zweck. Über diese Argumentationsmuster sagt Kienpointner: „Sie dürften die häufigsten Formen alltagssprachlichen Argumentierens überhaupt sein, […]“[29]

3.5.1.4.1 Ursache und Wirkung

Die Schlussverfahren zwischen Ursache und Wirkung gründen meist auf naturhaften Tatsachen oder moralisch- normierten Komponenten und erscheinen uns daher „logisch“.

Es donnert und blitzt, also ist ein Gewitter ausgebrochen.[30]

3.5.1.4.2 Grund und Folge

Wenn Kausalrelationen auf menschliches Handeln übertragen werden, ist die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung nicht mehr eindeutig bestimmt. Die Handlung die aufgrund eines bestimmten Grundes erfolgt und ist nicht immer plausibel nachvollziehbar. Man unterscheidet hier zwei Gruppen. Zunächst die Schlüsse von Folgen auf Handlungen und dann die Schlüsse von Handlungen auf Gründe.

Beispiel - Schluss von Folgen auf Handlungen:

Herr Meier besitzt einschlägiges Werkzeug und bei ihm finden sich gestohlene Juwelen, also hat Meier den Einbruch verübt.[31]

Beispiel - Schluss von Handlungen auf Gründe:

Herr Meier hat Frau Müller beleidigt, also wollte Herr Meier Frau Müller kränken.[32]

3.5.1.4.3 Mittel und Zweck

Die Besonderheit dieses Argumentationsmustern besteht darin, dass die Ziele dabei wichtiger sind als die Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Es trifft also das Sprichwort zu: „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Dieses Argumentationsmuster ist ethisch geprägt und ist dementsprechend leicht zu missbrauchen, was das folgende Beispiel belegen soll.

Der Textauszug stammt aus der berüchtigten Sportpalastrede des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels: „[…] es geht hier nicht um die Methode, mit der man den Bolschewismus zu Boden schlägt, sondern um das Ziel, nämlich um die Beseitigung des Gefahr. Die Frage ist also nicht, ob die Methoden, die wir anwenden, gut oder schlecht sind, sondern ob sie zum Erfolg führen.“[33]

3.5.2 schlussregel- etablierende Argumentationsschemata

Als schlussregel- etablierende Argumentationsschemata bezeichnet Kienpointner lediglich die induktive Beispielargumentation, deren Muster und Verfahrensweisen oben bereits berichtet wurden.

3.5.3 Argumentationsschemata, die weder Schlussregeln benutzen noch Schlussregeln etablieren

Die nun folgenden Muster werden bei Ottmers unter dem Punkt „Topoi mit konventionalisierten Schlussregeln“ zusammengefasst.

3.5.3.1 Illustrative Beispielargumentation

Die an dieser Stelle nochmals zu erwähnende „Illustrative Beispielargumentation“ wurde bereits oben ausführlich ausgeführt und kann deshalb nur aufzählend erwähnt werden.

3.5.3.2 Analogieargumentation

Die Analogieargumentation nutzt die Analogien des strittigen Sachverhaltes zu einem ähnlichen Sachverhalt, dessen Unstrittigkeit bereits belegt ist.

Strittige Aussage: Die Parks versorgen die Großstädte mit Sauerstoff.

Unstrittige Aussage: Die Lungen versorgen den Körper mit Sauerstoff.

Schlussregel/ Analogie: Die Relation der Lungen zum Körper ist in relativen Zügen gleich der Relation der Parks zu den Großstädten.

3.5.3.3 Autoritätsargumentationen

Autoritätsargumentationen bedienen sich bei der Stützung der strittigen Aussage nicht direkt einer unstrittigen Aussage, sondern nutzen den Bezug auf eine unstrittige, anerkannte Autorität um die Argumentation zu stützen.

Strittige Aussage: Es ist wahrscheinlich, dass die Entwicklung der ersten Lebensjahre sehr wichtig ist für die weitere Biographie.

Unstrittige Aussage: Sigmund Freud sagt, dass die Entwicklung der ersten Lebensjahre sehr wichtig für die weitere Biographie ist.

Schlussregel/ Autorität: Was Sigmund Freud sagt, ist wahrscheinlich.[34]

4. Argumentationsanalyse

Im folgenden Kapitel soll nun eine Rede von Konrad Adenauer untersucht werden. Dabei soll die oben dargelegte Theorie in der Rede gesucht werden. Natürlich handelt es sich bei der Rede um Alltagsargumentation, so dass zu erwarten ist, dass die Theorie nicht streng verfolgt wurde. Um eine korrekte Analyse durchführen zu können, soll der Fragenkatalog zu Analyse von Alltagsargumentationen von Klaus Bayer zu Rate gezogen werden. Dazu wird dieser nun zunächst vorgestellt und kommentiert.

4.1 Kommentierter Katalog der Leitfragen nach Klaus Bayer

Die Leitfragen, die Klaus Bayer zur[35] Argumentationsanalyse zusammengestellt hat, werden in diesem Kapitel vorgestellt und kommentiert. Dabei gehe ich der von Bayer vorgegebenen Reihenfolge nach.

Liegt überhaupt eine Argumentation vor?

„Eine Argumentationsanalyse ist selbstverständlich nur sinnvoll, wenn in dem zu untersuchenden Text oder Textausschnitt tatsächlich argumentiert wird.“[36]

Bayer benennt in seiner Arbeit einige Textsorten, die hoher Wahrscheinlichkeit nach Argumentationen beinhalten. Dazu zählen, laut Bayer, wissenschaftliche Abhandlungen, Leitartikel, Leserbrief, Diskussions- und Debattenbeiträge, juristische Beiträge und natürlich politische Reden. Eine Argumentation, so Bayer, erkennt man vor allem auch daran, dass „dort jeweils bestimmte Aussagen als Gründe angeführt werden, eine bestimmte Konklusion zu akzeptieren.“[37] Kann man also die Frage, ob es sich um eine Äußerung zu einem strittigen Problem handelt, bejahen, und lassen sich Aussagen ausmachen, die als Gründe angeführt werden, liegt offensichtlich eine Argumentation vor und eine Analyse ist sinnvoll.

Welches ist die Hauptthese (zentrale Spitzenformulierung)? Gibt es eventuell mehrere?

Bayer formuliert innerhalb dieses Punktes weitere Fragen:

„Worum geht es dem Sprecher oder Schreiber? Welche Hauptaussage möchte er begründen?“[38] Die Hauptthesen stehen in der Regel in einem Zusammenhang und zeigen somit ein grobes und vorläufiges Muster der Argumentation.

Ist die Hauptthese deskriptiv oder normativ?

Ist die Hauptthese auf Sachverhalte bezogen und empirisch nachprüfbar, handelt es sich um eine deskriptive Hauptthese. Ein Beispiel soll die Unterscheidung vereinfachen: In der Prüfung sind drei Schüler durchgefallen.

Hängt ihre Geltung von den politischen und moralischen Ansichten und den Interessen des Sprechers ab oder sind es Aussagen, die ein Sollen ausdrücken, handelt es sich um eine normative Hauptthese. Ein Beispiel soll auch hier die Bestimmung vereinfachen: Das Mitbringen von Handys in die Schule sollte untersagt werden.

Verweisen Hauptthese und Argumentation auf ein bestimmtes Weltbild?

Der Analysierende sollte sich hier fragen, ob sich die impliziten Vorraussetzungen der Argumentation auf ein bestimmtes Weltbild des Argumentierenden zurückführen lassen. Außerdem soll durch diesen Punkt aufgedeckt werden, ob bestimmte Fehlschlüsse, die in der Argumentation auffallen, ebenfalls von einem bestimmten Weltbild des Sprechers ausgehen. Bei der Analyse dieses Weltbildes des Sprechers läuft der Analysierende allerdings leicht Gefahr, unliebsame Argumentationen auf das Weltbild des Sprechers zurück zuführen, ohne sich mit ihnen sachlich auseinanderzusetzen.

Welche Argumente werden vorgebracht?

„Bevor man den Aufbau einer Argumentation untersucht, empfiehlt es sich, zunächst ihre einzelnen Aussagen in einer Liste zusammenzustellen.“[39]

Welche Beziehungen bestehen zwischen den Argumenten?

Um diese Frage beantworten zu können, muss die Aussagenliste den Hauptthesen zu geordnet werden. Die Gruppierung zeigt nun einige Beziehungen auf und berichtet über eine schon etwas feinere Struktur der Argumentation, die im Folgenden aber noch weiter verfeinert wird.

Wie lässt sich die Argumentation im Überblick darstellen?

Bayer schlägt hier vor, die Argumentationen wie im Schema von Toulmin darzustellen. Probleme können sich dabei ergeben, da meist in der Alltagsargumentation nicht in solch „sauberen“ Argumentationsschritten argumentiert wird und die Nebenargumentationen meist nicht deutlich von den Hauptargumentationen getrennt werden können.

Um welche Typen von Argumenten handelt es sich?

Unterschieden wird hier in induktive und deduktive Argumente.

Ein Beispiel für ein induktives Argument: Alle Männer, die ich bisher kennen gelernt habe, waren Machos. Also sind alle Männer Machos.

Ein Beispiel für ein deduktives Argument: Alle Wale sind Säugetiere. Dies ist ein Wal. Dies ist also ein Säugetier.

Weiter Unterscheidungsmöglichkeiten ergeben sich aus den oben vorgestellten Topoi.

Welche impliziten Aussagen müssen expliziert werden?

Um die Argumentation klar strukturieren zu können und sie gegebenenfalls verständlicher zu machen, ist es notwendig, dass der Analysierende einige Aussagen zur Argumentation ergänzen muss. Der Umfang der Ergänzungen hängt davon ab, wie genau die Analyse sein soll. „Je genauer man die Argumentation analysiert, um so mehr Ergänzungen muss man vornehmen.“[40]

Sind die Argumente korrekt? Liegen offensichtliche Fehlschlüsse vor?

Die Antworten auf diese Frage liefern die Hauptargumente für eine Kritik an der Argumentation. Es sollen also die Fehler dieser inkorrekten Argumente aufgezeigt werden.

Wie lassen sich Pro- und Contra-Argumente gegeneinander abwägen?

Diese Frage soll vor allem herausstellen, wie viele Pro- Argumente wie vielen Contra- Argumente gegenüber stehen. Auch soll untersucht werden, ob die Argumente tatsächlich für die jeweilige Hauptthese relevant sind. Dies wird vor allem klar, wenn sich das jeweilige Argument nicht Pro oder Contra zuordnen lassen.

Wird die Abwägung der Argumente durch Unsachlichkeit erschwert?

Mit dieser Frage möchte Bayer die irrelevanten oder unhaltbaren Argumente behandeln, durch die die Adressaten unzulässig beeinflusst werden.

Beispiele: Typisch Frau! – Wenn ich so viel Geld hätte wie du, würde ich auch so reden. Auch Argumente, die durch falsche oder unvollständige Fakten gestützt werden, sind hier Gegenstand der Untersuchung.

Im nächsten Kapitel werden die hier kommentierten Fragen nun auf einen Textauszug einer Rede von Konrad Adenauer angewendet.

4.2 Analyse eines Auszugs aus der Bundestagsrede Konrad Adenauers anlässlich des Baus der Berliner Mauer am 18.August 1961

Hintergrund

Anlass der Rede Adenauers war der Bau der Berliner Mauer am 18. August 1961.

Liegt überhaupt eine Argumentation vor?

Nach der Einordnung Bayers[41] gehört die Textsorte Rede zu den argumentativen Texten. Da es sich bei dem vorliegenden Text um eine politische Rede handelt, kann man davon ausgehen, dass der Redner hier argumentiert. Strittiger Gegenstand der Argumentation von Konrad Adenauer ist nicht auf einen Sachverhalt zu reduzieren, viel mehr bespricht Adenauer hier einige Punkte, die aber alle dem Zweck dienen, die Entscheidungen der Machthaber der damals sowjetisch besetzten Zone anzuzweifeln, bzw. gänzlich abzulehnen.

Welches ist die Hauptthese (zentrale Spitzenformulierung)? Gibt es eventuell mehrere?

Dabei werden verschiedene Hauptthesen formuliert. Die Hauptthesen, die es für Adenauer zu bestärken gilt, sind die folgenden Aussagen:

1. Die Viermächte-Vereinbarung wurde durch die Machthaber der sowjetisch besetzten Zone mit brutaler Gewalt verletzt.
2. Der Mauerbau steht im Widerspruch zu den sowjetischen Erklärungen.
3. Der von den Zonenmachthabern immer wieder unterstellte Militarismus ist lediglich auf Seiten der sowjetischen Zone zu finden.
4. Die wirklichen Gründe für den Mauerbau weichen von den behaupteten Gründen ab und müssen der Weltöffentlichkeit mitgeteilt werden.

Sind die Hauptthesen deskriptiv oder normativ?

Die Hauptthesen in einer solchen Argumentation sind meist normativ. Dies gilt auch hier, auch wenn ein deskriptiver Charakter vorgetäuscht werden soll, um die Überzeugungskraft der Aussagen zu bestärken.

Verweisen Hauptthese und Argumentation auf ein bestimmtes Weltbild?

Das Weltbild hinter Adenauers Aussagen ist natürlich ganz klar von einer anti-sozialistischen Ideologie geprägt. Vordergründig versucht Adenauer allerdings die in seinen Augen anzuklagenden Taten der Zonenmachthaber an aktuellen Vorkommnissen festzumachen. Er greift dabei nicht sozialistische Grundgedanken an, sondern verweist vielmehr auf Verstöße gegen allgemein anerkannte Grundfesten der Zivilisation wie z.B. dem Recht auf Selbstbestimmung.

Welche Argumente werden vorgebracht und in welche Beziehungen bestehen zwischen den Argumenten?

1. Die Viermächte-Vereinbarung wurde durch die Machthaber der sowjetisch besetzten Zone mit brutaler Gewalt verletzt.

Argumente:

- Die Abriegelung des Verkehrs zwischen Ost- und West –Berlin steht im Widerspruch gegen die Viermächtevereinbarung.
- Der Mauerbau stellt das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes in Frage.

2. Der Mauerbau steht im Widerspruch zu den sowjetischen Erklärungen.

Argumente:

- Die sowjetische Regierung beteuerte stets die Deutschland- und Berlinfrage auf dem Verhandlungswege lösen zu wollen.
- In und um Ostberlin wurden Kampfgruppen zusammen gezogen, die die Freiheit der Stadt Berlin garantieren sollen.

3. Der von den Zonenmachthabern immer wieder unterstellte Militarismus ist lediglich auf Seiten der sowjetischen Zone zu finden.

Argumente:

- Die illegalen Aktionen der Zonenmachthaber zeigen den in Ostberlin praktizierten Militarismus.
- Die überwältigende Mehrheit aller Staaten der Welt stimmt mit der BRD in der Bewertung ihrer friedlichen Politik und damit der militaristischen Politik der DDR überein.
- In Berlin kann sich jeder davon überzeugen, dass dort Maßnahmen getroffen worden sind, die im wahren Sinne des Wortes die Bezeichnung militaristisch verdienen.

4. Die wirklichen Gründe für den Mauerbau weichen von den behaupteten Gründen ab und müssen der Weltöffentlichkeit mitgeteilt werden.

Argumente:

- Der ständige Flüchtlingsstrom der vergangenen Wochen und Jahren spricht eine
andere Sprache, als die Aussagen der Machthaber.
- Die angekündigte Separation löste einen Flüchtlingsstrom aus.
- Die Flucht war für die Menschen in der Zone die einzige Möglichkeit weiterhin ein Selbstbestimmungsrecht auszuüben.

Wie lässt sich die Argumentation im Überblick darstellen?

Da in dieser Arbeit vor allem das Modell von Toulmin betrachtet wurde, werden nun exemplarisch Argumentationen mittels dieses Models dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um welche Typen von Argumenten handelt es sich?

Die erste These nutzt ein deduktives Argument. Dabei wird die Schlussregel mittels eines Gleichheitsschemas gebildet. Die zweite These wird durch ein induktives Argument etabliert. Zur Bildung der Schlussregel wird allerdings ein kontradiktorisches Gegensatzschema genutzt. Ein deduktives Argument ist in der Argumentation zur dritten These zu erkennen. Der Schlussregel dient hier eine Autoritätsargumentation. Auch die vierte These wird durch ein induktives Argument etabliert. Dabei dient eine Kausalrelation als Schlussregel. Da hier die Kausalrelation auf eine menschliche Handlung übertragen wird, spricht man von einem Topik aus Grund und Folge.

Welche impliziten Aussagen müssen expliziert werden?

Da es sich hier lediglich um die Analyse eines Auszugs der Rede handelt und sich in diesem Abschnitt keine impliziten Aussagen ausmachen lassen, kann diese Frage hier außer Acht gelassen werden.

Welche Argumente sind korrekt?

Im hier behandelten Abschnitt der Rede sind keine falschen Argumente zu finden. Lediglich das Argument zur dritten These erweckt hier etwas aufsehen. Die Argumentation stützt sich hier auf eine Autorität. Schon Aristoteles war der Meinung, dass solche Argumente als „Notlösung“ zu benutzen sind, weil sie nicht in gleicher Art unstrittig sind, wie ein „richtiges“ Argument.

Die letzten beiden Fragen der Analyse nach Bayer lassen sich bei der Rede von Adenauer nicht beantworten, da die Rede lediglich eine Seite beleuchtet. Die Strittigkeit der Angelegenheit scheint für den Redner nicht in Frage zu kommen. Ein Pro und Contra kann daher nicht gegenüber gestellt werden. Die als Argumentation getarnte Verlautbarung enttarnt sich dadurch selbst.

Unsachlichkeit kann in diesem Abschnitt ebenfalls nicht festgestellt werden. Diese Methode ist, betrachtet man die Lage der Dinge und den Redner, nicht nötig.

5. Die Aktualität des Aristoteles

Im Fazit möchte ich jetzt zur Beantwortung der beiden anfänglich gestellten Fragen kommen.

Die erste Frage beinhaltete den Aufbau der Alltagsargumentation. Diese Frage wurde durch die Ausführungen in Punkt 3 beantwortet. Die Analyse beantwortete dann die zweite Frage. Die zweite Frage war die Frage danach, ob die Alltagsargumentationen den Argumentationsmustern, wie sie schon Aristoteles konstruierte, entsprechen. Da auf die Argumentationen von Adenauer das Toulmin-Schema angewendet werden konnte und sich das Toulmin-Schema auf Aristoteles’ Ausführungen stützt, ist diese Frage ebenfalls positiv zu beantworten. Die Analyse hat außerdem gezeigt, dass sich auch die aktuellen Methoden der Argumentationsanalyse wie sie bei Bayer zu finden sind, auf die Arbeit des Aristoteles zu diesem Thema zurückführen lassen. Das Fazit dieser Arbeit fällt verhältnismäßig kurz aus, da es lediglich eine Zusammenfassung der oben dargelegten Ergebnisse wäre.

6. Bibliographie

Literatur:

Bayer, Klaus: Argument und Argumentation: logische Grundlagen der Argumentations-analyse. Opladen: Westdt. Verl., 1999.

Kienpointner, Manfred: Alltagslogik. Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stuttgart- Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 1992.

Klein, Wolfgang: Argumentation und Argument. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Hrsg. von Helmut Kreuzer. Heft 38.1980. S. 9-57.

Kopperschmidt, Josef: Methodik der Argumentationsanalyse. Stuttgart- Bad Cannstatt: Frommann- Holzboog, 1989.

Öhlschläger, Günther: Linguistische Überlegungen zu einer Theorie der Argumentation. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1979.

Ottmers, Clemens: Rhetorik. Stuttgart/ Weimar: Metzler Verlag, 1996.

Toulmin, Stephen: Der Gebrauch von Argumenten. Kronberg: Scriptor Verlag, 1975.

Quellen:

Rede des Bundeskanzler Konrad Adenauer vor dem Deutschen Bundestag am 18. August 1961, in: Walter Schafarschik (Hrsg.): Herrschaft durch Sprache. Politische Reden. Stuttgart: Reclam 1996. S.79-91.

Internetquellen:

Ueding, Gert: Was ist Rhetorik? http://www.uni-tuebingen.de/uni/nas/definition/rhetorik.htm#prod

(Stand: 08.12.2003).

Egle, Gert (Hrsg.): teachsam, Center-Map/ Rhetorik. http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/argu/arg_mod_toul_4.htm (Stand: 14.12.2003)

7. Anhang

7.1 Auszug aus der Rede des Bundeskanzlers Konrad Adenauer vor dem Deutschen Bundestag am 18. August 1961

Herr Präsident, meine Damen und Herren! Namens der Bundesregierung gebe ich folgende Erklärung ab:

Die Machthaber in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands haben seit den frühen Morgenstunden des 13. August den Verkehr zwischen dem sowjetischen Sektor und den drei westlichen Sektoren Berlins fast völlig zum Erliegen gebracht. Entlang der Sektorengrenze wurden Stacheldrahtverhaue erreichtet; starke Verbände der Volks- und Grenzpolizei bezogen ihre Stellungen an der Sektorengrenze, um die Abriegelung des Verkehrs zischen Ost- und Westberlin durchzuführen. Gleichzeitig wurden Truppen der nationalen Volksarmee eingesetzt.

Diese Abriegelungsmaßnahmen wurden auf Grund des Beschlusses der Zonenmachthaber vom 12. August ergriffen. Mit ihrer Durchführung hat das Ulbricht-Regime gegenüber der gesamten Welt eine klare und unmissverständliche politische Bankrotterklärung einer sechzehnjährigen Gewaltherrschaft abgegeben. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Mit diesen Maßnahmen hat das Ulbricht-Regime eingestehen müssen, daß es nicht vom freien Willen der in der Zone lebenden Deutschen getragen und gestützt wird. Mit diesen Maßnahmen hat das Ulbricht-Regime bestätigt, daß die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts durch das deutsche Volk zur Erhaltung des Weltfriedens unaufschiebbar geworden ist! (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)

Diese widerrechtlichen Maßnahmen, die die Bundesregierung mit Sorge und Abscheu erfüllt haben, stehen in flagrantem Widerspruch zu den Viermächtevereinbarungen über die Bewegungsfreiheit innerhalb Groß-Berlins und denjenigen Viermächtevereinbarungen, die die Regelung des Verkehrs zwischen Berlin und der Zone zum Gegenstand haben. Mit der Abriegelung des Verkehrs zwischen Ost- und West-Berlin hat das Zonenregime die bestehenden und von der Regierung der UdSSR bis auf den heutigen Tag anerkannten Viermächtevereinbarungen betreffend Berlin einseitig und mit brutaler Gewalt verletzt.

Die Bundesregierung stellt mit großem Bedauern fest, dass dieser Willkürakt mit Billigung der Regierung der UdSSR als Führungsmacht des Warschauer Paktes erfolgt ist. Mit dieser Billigung hat sich die sowjetische Regierung in Gegensatz zu ihren ständigen Beteuerungen gestellt, die deutschland- und Berlin-Frage auf dem Verhandlungswege zu lösen. Während der amerikanische Präsident in seiner letzten Pressekonferenz vom 10. August erneut die Bereitschaft der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zum Ausdruck gebraucht hat, über die Deutschland- und Berlin-Frage Verhandlungen zu führen, reagieren die Zonenmachthaber auf diesen westlichen Friedens- und Verhandlungswillen mit militärischen Maßnahmen. Diese Reaktion führt der gesamten Weltöffentlichkeit – mehr als Worte dies zu tun vermögen – vor Augen, dass die gegenwärtige Krise einzig und allein durch die sowjetische Deutschland- und Berlin-Politik ausgelöst wurde. (Beifall bei der CDUCSU und der FDP)

Die Regierung der Sowjetunion hat am 10. November 1958 durch ihre Erklärung die Berlin-Krise ausgelöst. Sie hat in der Zwischenzeit in zahllosen Noten und Erklärungen darauf hingewiesen, dass sie, was auch sonst ihr Ziel sei, nicht daran denke, die Freiheit Westberlins anzutasten, die vielmehr von ihr feierlich garantiert werden solle. Wie lassen sich diese Erklärungen mit den Ereignissen der letzten Tage vereinbaren? Die Abmachungen der Sowjetunion mit den drei westlichen Mächten wurden zerrissen. Die Panzer der Volksarmee, die Volkspolizei und die Betriebskampfgruppen, die in und um Ostberlin zusammengezogen wurden, um einen rechtswidrigen Angriff gegen den Status der Stadt Berlin militärisch zu unterstützen, geben eine Vorahnung dessen, wie die Garantie einer so genannten Freien Stadt beschaffen sein würde. (Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeordneten der SPD sowie rechts)

Die Welt war am 13. August Zeuge des ersten Schrittes auf dem Wege zur Verwirklichung der angekündigten Ziele. Das nach den Regeln des Völkerrechts gültige Viermächtestatut der Stadt Berlin ist erneut gebrochen worden. Die jüngste Maßnahme ist zugleich die schwerwiegendste und brutalste. Die von den Behörden der sowjetischen Besatzungszone auf Weisung ihrer Auftraggeber durchgeführten Absperrmaßnahmen innerhalb der Stadt Berlin und zwischen der Stadt und der sowjetisch besetzten Zone sollen offensichtlich der Auftakt sein für die Abschnürung des freien Teiles der deutschen Reichshauptstadt von der freien Welt.

Das Marionettenregime in der Zone macht in seinem Beschluss vom 12. August den vergeblichen Versuch. die angebliche Notwendigkeit dieser Abriegelungsmaßnahmen zu begründen. Die Bundesregierung hält es für unter ihrer Würde, auf diese Verdrehungen und unwahren Behauptungen näher einzugehen. Diese Behauptungen werden von der Wirklichkeit selbst gerichtet Die Bundesregierung möchte jedoch mit allem Nachdruck klarstellen, daß diese illegale Aktion der Zonenmachthaber ein für allemal der Weltöffentlichkeit zeigt, in welchem Teil Deutschland “Militarismus und Aggression” praktiziert werden. (Lebhafter Beifall im ganzen Hause)

Noch in ihrer letzten Note vom 3. August 1961 hat die Sowjetunion erneut ihre Forderung nach Abschluss eines so genannten Friedensvertrages und nach Umwandlung des geltenden Viermächtestatus der Stadt Berlin, und zwar nur des westlichen Teils von Berlin, in eine so genannte freie Stadt mit der Behauptung begründet, dass diese Maßnahme notwendig sei, um dem angeblichen Militarismus und Revanchismus und der Bundesrepublik zu begegnen. Sie hat erneut versucht, den Eindruck zu erwecken, als ob verantwortliche Kreise in der Bundesrepublik die Absicht hätten, gegen die Sowjetunion oder irgendeinen anderen Staat der Welt kriegerische Maßnahmen vorzubereiten. Jeder, der in die Bundesrepublik kommt, kann sich von dem Gegenteil überzeugen, und die überwältigende Mehrheit aller Staaten der Welt stimmt mit uns in der Bewertung unserer friedlichen und ausschließlich auf die Verteidigung unserer Lebensinteressen ausgerichteten Politik überein. (Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeordneten der SPD sowie rechts)

Jeder, der heute nach Ostberlin und in die Zone geht, kann sich durch Augenschein davon überzeugen, daß d o r t Maßnahmen getroffen worden sind, die im wahren Sinne des Wortes die Bezeichnung militaristisch verdienen. (Beifall)

Diese Maßnahmen sind zudem in einem Zeitpunkt ergriffen worden, in dem die ganze Welt nur von der einen Hoffnung erfüllt ist, dass es nicht zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen möge. In einer solchen an und für sich schon ernsten Situation treiben die Zonenmachthaber durch ihre militärischen Vorbereitungen ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. (Beifall bei der CDU/CSU)

Die Bundesregierung hält es für unerlässlich, die Weltöffentlichkeit auf die wahren Ursachen dieser Gewaltpolitik hinzuweisen. Nicht die angebliche militaristische und revanchistische Politik der Bundesrepublik hat die Zonenmachthaber veranlasst, ihre wahren Absichten offen zu legen, sondern das Resultat ihrer ständigen Weigerung, den in der Zone lebenden Deutschen die Lebensordnung zu geben, die diese Menschen haben wollen. (Lebhafter Beifall auf allen Seiten)

Es mutet wie eine makabre Groteske an, wenn sich die Vertreter des Ulbricht-Regimes heute hinstellen und erklären, dass die Deutschen in der Zone das Selbstbestimmungsrecht bereits ausgeübt hätten. Der ständige Flüchtlingsstrom der vergangenen Wochen und Jahre spricht eine andere Sprache, die Sprache der Wirklichkeit.

Es ist aufschlussreich, sich in das Gedächtnis zurückzurufen, wann dieser verstärkte Flüchtlingsstrom erneut einsetzte. Er setzte ein, als die massiven Drohungen des sowjetischen Ministerpräsidenten, einen Friedensvertrag mit der Zone abzuschließen, den Menschen in der Zone die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation vor Augen führte. Für diese Menschen wurde der angekündigte Separationsvertrag ein Alpdruck, dem sie unter allen Umständen entrinnen wollten. In ihrer seelischen Verzweiflung sahen diese Menschen keinen anderen Ausweg, als ihre Heimat in der Zone unter Aufgabe von Hab und Gut und unter Gefährdung ihres Lebens zu verlassen, um in der Bundesrepublik ein neues Leben in Freiheit zu beginnen und aufzubauen. Ihr freier Entschluss, ihre Heimat aufzugeben, war die einzige Form, in der sie das ihnen verbliebene persönliche Selbstbestimmungsrecht ausüben konnten.

Es blieb ihnen nichts anderes übrig als die “Abstimmung mit den Füßen”, um ein Wort Lenins zu gebrauchen. Mit dieser Abstimmung haben diese Menschen der Welt gezeigt, was sie wirklich wollen: Sie wollen die Freiheit und nicht die Unfreiheit. (Beifall bei der CDU/CSU)

Die Bundesregierung hat sichere Unterlagen dafür, dass trotz einer sechzehnjährigen Terrorherrschaft kommunistischer Funktionäre in der Zone über 90 Prozent der dort lebenden Deutschen das Regime, welches sie unterdrückt, ablehnen, den Sklavenstaat, den man ihnen aufgezwungen hat, verachten und nichts sehnlicher als die Vereinigung mit den in der Freiheit lebenden Deutschen wünschen.

Die Sowjetunion, meine Damen und Herren, behauptet immer wieder, daß der jetzt gültige Status der Stadt Berlin eine der Ursachen für die bestehenden Spannungen sei. Es ist nicht nötig zu wiederholen, daß diese Behauptung unrichtig ist. Wohl aber ist es angebracht, nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß eine Lösung des Deutschlandproblems auf der Grundlage der Selbstbestimmung der beste, ja der einzige Weg ist, um die Spannungen und Schwierigkeiten auszuräumen. (Beifall bei der CDU/CSU)

Eine solche Lösung wäre wirklich ein echter Beitrag zur Erhaltung und Sicherung des Friedens in der Welt.

[...]


[1] Ottmers, Clemens: Rhetorik. Stuttgart/ Weimar: Metzler Verlag 1996.

[2] Kienpointner, Manfred: Alltagslogik, Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stuttgart- Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1992.

[3] Ueding, Gert: Was ist Rhetorik? http://www.uni-tuebingen.de/uni/nas/definition/rhetorik.htm#prod (Stand: 08.12.2003).

[4] Ebd.

[5] Ottmers: Rhetorik. S. 65.

[6] Klein, Wolfgang: Argumentation und Argument. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Heft 38/39. 1980. S.19.

[7] Ottmers: Rhetorik. S. 68.

[8] Ebd. S. 68.

[9] Ebd. S.69.

[10] Ebd. S. 69.

[11] Ebd. S. 70.

[12] Ebd. S. 73.

[13] Ebd. S. 75.

[14] Syllogismus: logischer Schluss

[15] Vgl.: Toulmin, Stephen: Der Gebrauch von Argumenten. Kronberg: Scriptor Verlag 1975. S.86-103.

[16] Ebd. S.95.

[17] Aus: http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/argu/arg_mod_toul_4.htm

[18] Ottmers: Rhetorik. S. 83.

[19] Ebd. S. 88.

[20] Kienpointner: Alltagslogik. S.250.

[21] Ebd. S.373.

[22] Ebd. S. 365.

[23] Vgl. Kienpointner: Alltagslogik. S. 251.

[24] Vgl. Ebd. S. 265.

[25] Vgl. Kienpointner. S. 275.

[26] Ottmers: Rhetorik. S. 99.

[27] Vgl. Kienpointners: Alltagslogik. S.287.

[28] Vgl. Ebd. S.287.

[29] Ebd. S. 344.

[30] Vgl. Ebd. S.337.

[31] Vgl. Ebd. S.337.

[32] Vgl. Ebd. S. 337.

[33] Goebbels, Joseph: Sportpalastrede 18.02.1943. nach: Ottmers: Rhetorik. S. 97.

[34] Vgl. Kienpointner S. 395.

[35] Bayer, Klaus: Argument und Argumentation. Opladen/ Wiesbaden, 1999. S.192- 209.

[36] Ebd. S.194.

[37] Ebd. S.194.

[38] Ebd. S.195.

[39] Ebd. S.198.

[40] Ebd. S.204.

[41] Vgl. Bayer S. 194.

30 von 30 Seiten

Details

Titel
Argumentationstheorie und Alltagsargumentation - Untersucht an einer Rede Konrad Adenauers
Note
1-
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V108517
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Argumentationstheorie, Alltagsargumentation, Untersucht, Rede, Konrad, Adenauers
Arbeit zitieren
Leonie Löwe (Autor), 2003, Argumentationstheorie und Alltagsargumentation - Untersucht an einer Rede Konrad Adenauers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108517

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