Bernard von Clairvaux und die Juden


Hausarbeit, 2002

15 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Energisches Eingreifen Bernards für die Juden
1) Der Aufruf des Kreuzzugs
2) Zwei Briefe und eine Reise
3) Bernard von Clairvaux in der Hinsicht der Juden

II Die theologischen Motivationen
1) Der Psalm 59.12
2) Kein tiefes Verständnis möglich
3) Die Endzeiterwartung
4) Die Heilige Schrift soll unbedingt nicht lügen

III Hinter der „kühlen theologischen Logik“)
1) Die Juden in der Rangordnung seiner Sorge
2) „Servitus Judeorum“
3) Verachtung?
4) Der Wucher

Abschluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Bernard von Clairvaux (1090-1153) ist eine der wichtigsten Figuren der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Diese Epoche entspricht insbesondere der Entwicklung der Kloster ausgehend von Cluny oder Citeaux. Aber das ist auch die Zeit des Aufschwungs der Kirche, die allmählich ihre weltliche Macht den deutschen Kaisern durchzusetzen versucht, die Kreuzzüge gegen die nicht gut bekannte Religion des Islams durchführt. Mit knappen Worten ist es eine Welt in Bewegung, wo einige Probleme, Streiten, Debatten auftreten.

Bei einer Menge von Ereignissen findet man das Eingriff des Bernard von Clairvaux. Dieser Mann, der eine außerordentliche Persönlichkeit besitzt, überredet einen großen Teil seiner Familie im Jahre 1112 in das Kloster Citeaux einzutreten, das 1098 von Robert gegründet worden ist, um besser die Regel vom Hl. Benedikt zu beachten. Schon 1115 bekommt er die Aufgabe, Clairvaux in der Champagne mit 12 Mönchen zu gründen. Von dieser Zeit an beginnt das Ansehen von Bernard, und gleichzeitig sein Orden der Zisterziener, sich zu vergrößern. Er ist so zum großen Teil der Urheber der unglaublichen Verbreitung dieses Ordens. Er lässt selber 70 Kloster gründen und mit der Eingliederungen weiterer werden von seiner geistlichen Führung 164 Kloster umfasst.[1]

Bernard beschränkt sich überhaupt nicht auf die Mauern von Clairvaux. Einige Polemiken und problematische Ereignisse geben ihm die Gelegenheit begeisterter Eingriffe im Namen der Kirche. So scheint er oft der Verteidiger der Dogmen zu sein und die Politik der Kirche zu führen. Nun stellt sich das Problem der Juden. Bernard kann diese Frage nicht vermeiden, sowohl als führender Theologe als auch als Prediger des zweiten Kreuzzugs (1146). Der erste Kreuzzug hat nämlich aufgezeigt, wie einfach die Verbindung „Juden“ mit der Kategorie „Feinde Christi“ ist, und wie gefährlich deshalb die von wilden Predigern fanatisierten Kreuzfahrer für die Juden sind.[2] Der zweite Kreuzzug zwingt also Bernard seine theologischen und vielleicht auch seine persönlichen Überzeugungen zu klären.

Kann die besondere Stellung Bernards de Clairvaux gegenüber den Juden mit dem Wort „Feind“ oder „Freund“ bezeichnet werden? Welche Platz haben die Juden für Bernard und durch ihn für die Kirche, in einer „christlichen Einheitsgesellsschaft“?

I Energisches Eingreifen Bernards von Clairvaux für die Juden

1)Der Aufruf des Kreuzzugs .

Der Fall von Edessa (Dezember 1144) treibt den Papst Eugen III., einen ehemaligen Mönch von Clairvaux, (der daher privilegierte Beziehungen mit Bernard hat) dazu einen neuen Kreuzzug auszurufen, genau 50 Jahre nach dem ersten. Bernard von Clairvaux, der auf der Höhe seines Ansehens ist, bekommt im März 1146 den Auftrag, den Kreuzzug zu predigen, und damit auch seine Ziele zu definieren. Im Jahre 1095 hatte Urban II. in seinem Aufruf nichts über die Juden gesagt, was einen Freiraum gelassen hat. Er wurde leider ausgenutzt und es kam zu einer Tragödie. Die Verantwortlichkeit Bernards ist deshalb, die Stellung der Kirche zu den Juden zu erklären. Denn die Lage von 1096 droht, sich noch einmal zu wiederholen. Schon im Frühjahr 1146 kommt der Mönch Radulf, der sich als Prediger ausgibt wie Peter der Einsiedler es 1096 gemacht hatte und stachelt die Massen gegen die Juden auf.[3]

Interessant ist darüber der Bericht des Juden Ephraim bar Jacob (1132-1197), der während der Ereignisse nach Wolkenburg geflohen war. Der Bericht erstreckt sich über die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts, wo die jüdischen Verfolgungen immer häufiger werden, und beginnt mit der Vorbereitung des zweiten Kreuzzugs 1146. Die Figur von Radulf wird genannt, was seltsam bei einen jüdischen Juden ist (vorher wird nur Emicho genannt), und beschrieben: Er ist ein „nicht würdige[r] Mönch“, eigentlich wahrscheinlich ein Zisterziener denn Bernard spricht von ihm als sein „Schüler“. „Wohin er kam, redete er Übels gegen alle Juden“. Er hat damit einen unbestreitbaren Erfolg beim Volk: „er reizte so die Schlagen und die Hunde gegen uns, indem er sprach“. Seine Rede hat um so mehr Wirksamkeit, da er sehr demagogisch ist: „Rächet den Gekreuzigten zuerst an seinen Feinden, die sich bei euch befinden und dann ziehet zum Krieg gegen die Ismaeliten!“. Wie während des ersten Kreuzzugs werden Juden und Muslimen gleichgestellt: Sie sind Feinde Christi, das heißt Feinde der Christen im Allgemeinen.

Da greift Bernard von Clairvaux ein, um die Juden zu verteidigen. Bernard erscheint im scharfen Kontrast mit Radulf als „ein[] anderer würdige[r] Mönch, der ihr Gesetz kannte und verstand“, der „eine[r] der größten und angesehensten aller Mönche“ ist.[4]

2) Zwei Briefe und eine Reise.

Inmitten seiner Aktivitäten für den vorbereiteten Kreuzzug bekommt Bernard einen bittenden Brief des Erzbischofs Heinrich I. von Mainz, der befürchtet, eine Verfolgung der Juden in seiner Stadt trotz seiner Mühe (die Juden sind unter seinen Schutz) nicht verhindern zu können. Heinrich erklärt auch den Fall des ungehorsamen Radulf. Radulf hat nämlich spontan angefangen, zu predigen und lehnt es jetzt ab, seine Predigten zu unterlassen.[5] Vielleicht empört diese Aufsässigkeit Bernard noch mehr als seine feindlichen Predigten gegen die Juden. Bernard schickt im Sommer 1146 sofort zwei Briefe. (Dies wird von Ephraim bestätigt. Das bedeutet, dass die Briefe dank dem System des Abschreibens gut verbreitet worden sind.).

Der erste Brief (Epistola 363) ist eigentlich der schriftliche Aufruf Bernards zu dem Kreuzzug. Er ist einer Enzyklika vergleichbar. In diesem, den Bernard an die Erzbischöfe der Ostfranken und Bayern schickt, gibt es zwei Absätze (6 und 7), die die Juden betreffen. Der Inhalt ist eindeutig: „ Non sunt persequendi Iudaei, non sunt trucidandi, sed nec effugandi quidem“. Mit den Juden ist keinerlei Gewalt erlaubt . Bernard verbietet damit auch die Zwangstaufe. Die Juden müssen erst wenn sie ehrlich überzeugt sind bekehrt werden. („ per singulos dies vel convinces, vel convertens eos “).[6]

Der zweite Brief (Epistola 365) behandelt das besondere Problem, das Radulf darstellt. Er wird an Erzbischof Heinrich geschickt aber in Wirklichkeit wendet er sich direkt an Radulf mit dem Titel „ Ad Henricum Moguntum Archiepiscopum, contra Fratrem Radulfum, qui neci Iudaeorum consenserat“. Das Problem der Juden kommt eigentlich nur in zweiter Linie vor. Wichtiger ist für Bernard die Tatsache, dass Radulf die Autorität des Erzbischof missachtet hat („ contemptus episcoporum “ ). Alles was Radulf sagt ist „Schmutzige Ketzerei“ („ O immundissima haeresis “). Das umfasst auch die Meldung über die Juden. Bernard äußert sich auch eindeutig: „ Videas NE OCCIDAS EOS (ps59,12)“. Im Allgemeinen verurteilt Bernard den Mord. „ ILLE enim ERAT HOMICIDA AB INITIO (Joh 8,44); ille mendax, et pater mendacii.“[7]

Trotzdem meint er, dass es nicht genug ist. Er reitet selbst nach Deutschland. Diese Reise hat unter anderer das Ziel, Radulf zum Schweigen zu bringen. Bernard reist predigend zuerst durch Nord-Frankreich, und dann durch das Rheinland bis nach Mainz, wo er im September 1146 Radulf persönlich treffen kann. Die Diskussion ist wahrscheinlich heftig, Radulf wird zuerst vom Volk unterstützt. Bernard muss zu der Masse sprechen, die bereit wäre, ihren Führer zu verteidigen, „hätte es [sie] sich nicht angesichts von seiner Heiligkeit zurückgehalten“.[8] Zwei Charismen (Bernard und Radulf) setzen sich auseinander. Das Volk könnte nämlich die feinen theologischen Überlegungen nicht verstehen. Bernard sagt der Menge nach Ephraim: „Wer einen Juden anrührt, um sich an dessen Leben zu vergreifen, das ist so sündlich als rühre er Jesum selbst an.“

Radulf kommt schließlich widerstrebend in sein Kloster zurück. „Viele unterließen die Mordanschläge gegen uns“ erzählt dann Ephraim. Bernard hat seine Anschauung durchgesetzt. Für Ephraim hat „der Ewige [ihr] Flehen erhört“.[9]

3) Bernard von Clairvaux in der Hinsicht der Juden

In der Problematik „Bernard: Freund der Juden?“ sind der Juden deutlich dankbar für das Eingreifen Bernards : „Hätte unser Schöpfer in seinem Erbarmen nicht diesen Haber mit seinem späteren Brief uns zugesandt, so wäre von Israel kein Rest und Flüchtling geblieben“.[10] In dem Standpunkt der Juden hat sie ein einziger von Gott beeinflusster Mann gerettet. Anstatt Freundschaft für Bernard könnte man von tiefer Dankbarkeit sprechen, da er noch im 16. Jahrhundert in einem jüdischen Text von Joseph Ha-Cohen als Wohltäter erwähnt ist.[11]

Tatsächlich hat Bernard ihnen eine große Gefahr erspart. In der Tat hat er sich als ein Verteidiger der Juden verhalten, das heißt auf der praktischen Ebene verweigert er alle Gewalttätigkeiten , Verfolgungen, Morde. Er zieht keineswegs die Alternative „Tod oder Taufe“, „Vernichtung oder Bekehrung“ in Betracht. Für diese Meinung ist er bereit, sich persönlich einzusetzen. Dies wird von den Juden anerkannt.

Diese Handlungen schließen auf jeden Fall Bernard als Feind der Juden aus. Ist er deswegen ein Freund? Das Wort ist sehr stark. Es lässt eine Sympathie anklingen. Gibt es bei Bernard eine Neigung entweder zu der jüdischen Religion oder zu einigen Juden als Menschen, die in dieser Zeit unter der Verfolgungen leiden? Welche Motivationen hat Bernard eigentlich um sich so für die Juden einzusetzen?

II Die theologischen Motivationen.

Man wird sehen, dass diese die wesentlichen Motivationen von Bernard sind. Die Argumentation Bernards beruht stets auf der Bibel, die für ihn „ irrefregabilis auctoritas“ ist und auf den Vätern. „Als Theologe war Bernard kein Neuerer; er verkörpert die Treue zur Tradition, die er mit durchdringendem Intellekt und origineller Kraft interpretiert“[12]. Mit den Juden vermittelt Bernard eine Doktrin, die schon aus der Zeit Augustinus stammt und nicht von den Umwälzungen während des ersten Kreuzzugs abgeschafft worden ist: Die Juden müssen bewahrt werden.

1)Der Psalm 59.12.

Im Mittelpunkt der Argumentation Bernards gibt es den Psalm 59.12. Man findet ihn in dem Brief 363, aber auch in der von Ephraim und Otto von Freising berichteten Rede in Mainz. Er erlaubt Bernard, zu behaupten, dass die Juden nicht ermordet werden müssen. „ DEUS, inquit Ecclesia, OSTENDIT MIHI SUPER INIMICOS NE OCCIDAS EOS, NEQUANTUDO OBLIVISCANTUR POPULI MEI (Ps 59.12)“.[13] Die Ursache dieses Schutzes ist also, dass die schuldigen Juden nach dem Leiden des Herr die Eigenschaft von Zeugen angenommen haben. Bernard schreibt darüber, dass die Juden „ Vivi quidam apices nobis sunt “.

Gott hat ihnen trotzdem eine schwere Strafe gegeben: „DISPERGE ILLOS IN VIRTUTE TU (Ps 59.12)“. Für Bernard bedeutet es :“ dispersi sunt, depositi sunt; duram sustinent captivitatem sub principibus christianis“.[14] Die Juden sind so für Bernard ein zerstreutes demütiges Volk von Zeugen, das heißt sie sind schon schwer gestraft und die Menschen dürfen nicht zusätzlich als Strafende auftreten. Außerdem ist das Vorhandsein dieser Gemeinschaft, die für einige im 12. Jahrhundert keinen Grund mehr hat, zu existieren, ein Mittel Gottes, an seine Allmacht zu erinnern, ein Stachel, um die Christen daraus zu hindern, zu vergessen. So rechtfertigt Bernard die notwendige Erduldung der Juden.

Diese Art, die Bibel zu lesen, ist natürlich umstritten und schließt keine aufrichtige Feindschaft bei Geistlichen aus, wie das Beispiel des Peter Venerabilis, Abt von Cluny, es zeigt, der sehr aggressiv gegen die Juden ist. Leider hat er in seiner regelmäßigen Korrespondenz mit Bernard über dieses Thema nicht gesprochen.[15]

Aus der Deutung Bernards von Clairvaux ergibt sich trotzdem die Schwere des jüdischen Lebens. Ist sie für ihn gerechtfertigt?

2) Kein tiefes Verständnis möglich

Etwas, was man nicht von Bernard von Clairvaux warten kann, ist das Verständnis für die jüdische Religion. Die Tatsache, dass sie einen wenig beneidenswerten Platz in der Gesellschaft haben, kommt daher, dass die Juden einen fundamentalen Irrtum begehen. Es wird gesagt, dass es nur eine Wahrheit gibt, was die Religion betrifft. Zwischen Christen und Juden gibt es ein grundlegendes Missverständnis über die Figur des Christus. Bernard, dessen Glaube man nicht bezweifelt kann, weicht nicht von der Regel ab. In diesem Sinne wird man nie sagen können, dass Bernard ein „Freund“ der Juden ist.

Bernard äußert diesen Irrtum mit dem in der Vergangenheit schon angewendeten „perfidi Iudei“[16], das mit „ungläubigen Juden“ übersetzt werden kann. Er wirft den Juden ihre Blindheit vor. Das ist auch ein bekanntes Bild. Denn neben „certe manifestam omnibus veritatem „ gibt es „prorsus Iudaica caecitate“.[17] Die Juden lehnen immer noch die Wahrheit ab. Das ist eine Schuld von „Hochmutigkeit“, „Missgünstigkeit“, „Heilegoismus“. (Bernard ist der Ansicht, dass die privilegierte Allianz der Juden mit Gott sich auf die ganzen Gläubigen ausgedehnt hat, als die Juden seinen Sohn nicht anerkannt haben.[18] ). Mit anderen Worten : er wirft den Juden ihre Sturheit vor.

Die beiden Religionen sind auf keinen Fall gleichgestellt. „Die Juden gelten ihm als ganz und gar gottfern“.[19] Aus der Blindheit ergibt sich ihr gegenwärtiger Zustand. Die Toleranz ist also relativ. Keine Vernichtung aber auch kein wirkliches Verständnis. Aber wie kann Bernard mit dieser Logik ertragen, dass ein Teil der Menschen aus der Gnade Gottes ausgeschlossen bleibt? Eigentlich muss die Bekehrung, das heißt das Heil für alle, zwangläufig das endliche Ziel sein. „NISI ENIM EOS, QUI increduli sunt, credituros SPERARET, SUPERFLUUM VIDERTUR ET VANUM ORARE PRO eis? (“2 Makk 12,44).[20] Aber warum versucht er nicht, es zu erzwungen?

3) Die Endzeiterwartung.

Bernard ist zuversichtlich, dass die Juden sich am Ende der Zeit sowieso bekehren werden. Er gründet diese eschatologische Behauptung ebenfalls aus dem Psalm 59.12. „ CONVERTANTUR tamen AD VESPERAM; ET IN TEMPORE ERIT RESPECTUS EORUM“. Den Juden wird „in fine promissima salus, in fine futura conversio“ versprochen[21] . (Nicht nur für die Juden, auch für alle Heiden: „ CUM PLENITUDO GENTIUM INTRAVERIT; TUNC OMNIS ISRAEL SALVUS FIET“[22]. (Aber Heiden und Juden sind bei Bernard nicht gleichgestellt. Es gibt bei Christen und Juden gleichermaßen das Alte Testament, und insbesondere die Psalmen, auch wenn sie ganz unterschiedlich gedeutet werden.)

Aus dieser eschatologischen Gewissheit leiten sich zwei Ideen ab. Die erste ist, dass die Zeit zugunsten der Kirche arbeitet. „ Nonne copiosius triumphat Ecclesia de Iudaeis per singulos dies vel convincens, vel convertens eos, quam si semel et simul consumeret eos in ore gladii ?“[23] Die Kirche hat den Sieg über die Juden endgültig errungen. Gott und sein weltliches Instrument die Kirche haben sie in ihrer Macht. In diesem Sinne sind die Juden keine Bedrohung. Gott und sein weltliches Instrument die Kirche haben sie in ihrer Macht. Die zweite ist, dass die Christen nicht zu viel Eifer für Bekehrungen haben müssen. Insbesondere sind die Gewalttätigkeiten zu vermeiden. Das vorige Zitat zeigt die Überlegenheit der Überzeugung und der Geduld über den Zwang. Ziemlich komisch ist trotzdem, dass Bernard nicht immer diese Mäßigung hat. Folgendes Beispiel mit den Ketzer. Er empfiehlt, wenn sie sich nicht von ihrer Irrtum überzeugen lassen: „ Horum finis interitus, horum novissima incendium manet.„.[24]

Eigentlich ist wohl noch ein wichtiger Grund, die Juden nicht zu schnell zu bekehren, dass die angekündigte Bekehrung am Ende der Zeit voraussetzt, dass es noch Juden in dieser Zeit gibt!

4) Die Heilige Schrift soll unbedingt nicht lügen.

Ganz besonders betont ist bei Bernard die Angst, dass die in der Bibel beschriebenen Weissagungen sich nicht verwirklichen. „ Si Iudaei penitus atteruntur, unde iam sperabitur eorum [..] in fine promissa conversio? [25] Noch präziser, wenn er Radulf mit Emphase angreift: „ Tune es ille qui mendaces facies prophetas“.[26] Da wird noch einmal gesehen, wie eng die Verbindungen Bernards mit der Bibel sind. Die unwiderlegbare Wahrheit ist in der Bibel. Bernard ist damit in einem umgekehrter Versucht, die Wirklichkeit der Bibel entsprechen zu lassen. Diese Mühe, die Heilige Schrift nicht lügen zu lassen, kann als die wichtigste Motivation von Bernard betrachtet werden. Das Übrige ist schließlich relativ untergeordnet, das jüdische Problem auch. Das verschiebt zum Teil die untersuchte Problematik der Freundschaft. Wenn das jüdische Problem nur der Bibel untergeordnet ist, könnte man von Gleichgültigkeit für die Juden sprechen. Das Engagement des Predigers im Rheinland zugunsten der Juden ist vor allem die Verteidigung der Bibel. Offensichtlich diktiert die Bibel dem Gewissen Bernards das Bewahren der Juden und sich ruhig zu verhalten. Aber andererseits sind die Demütigkeiten der Juden theologisch gerechtfertigt. Sie haben es verdient, bestraft zu werden.

Man könnte sich jetzt fragen, worin diese Strafe besteht. Ist sie rein biblisch? Man könnte sich auch fragen, ob Bernard sich außerhalb des zwangläufigen biblischen Rahmens um das Schicksal der Juden sorgt. Das heißt, ob er eventuell während der Verfolgungen Mitgefühl empfunden hat. Wenn die Juden eine nicht in der Bibel erwähnte Minderheit wären, hätte er eingegriffen? In diesem Fall könnte es sich um ein Art Freundschaft handeln.

III Hinter der “kühlen theologischer Logik“.

1)Die Juden in der Rangordnung seiner Sorge.

Es wurde schon gezeigt, dass als seine wichtigste Sorge die Bibel zu beachten ist. An welcher Stelle steht das Schicksal der Juden für ihn in einem praktischen Fall wie dem von Radulf? Aufschlussreich ist zuerst die Aufzählung der Vorwürfe gegen Radulf.[27]Tria sane sunt in eo reprehensione dignissima: usurpatio praedecationis, contemptus episcoporum, homicidii approbati libertas.“[28]. Die Morde erschienen am Schluss. Die menschliche Dimension scheint nicht die Priorität Bernards zu sein. Viel schlimmer ist die Aufsässigkeit gegen den Bischof. Es gibt in diesem polemischen Brief deutlich etwas zu zeigen: Radulf hat keine Legitimität. Was über die Juden folgt, ist wesentlich ein Mittel, um dieses zu ereichen. Noch einmal interessiert Bernard von Clairvaux das spezifische Problem der Juden erst in zweiter oder sogar hier in dritter Linie.[29]

Dann ist festzustellen, dass Bernard niemals eine menschliche Argumentation trotz der Grausamkeiten der Verfolgungen benutzt hat. „Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sein entschiedenes Auftreten gegen Radulf nicht aus tiefer ethischer und religiöser Übersetzung erfolgte, sondern nur aus dem Interesse der Kirchenzucht, um einen unbotmäßigen Mönch zu disziplinieren.“[30]

2) „Servitus Judeorum“.

Dieser Begriff muss hinterfragt werden. In „De Consideratione“, einer Sammlung von Ratschlägen, die Bernard an den Papst Eugen III. richtet, erkennt er an : „ Nulla turpior servitus graviore, quam servitus Iudaeorum, quam quocumquo ierint post se trahunt, et ubique domine offendiunt suos.“.[31] Im Brief 365, ertragen sie „ captivitatem sub principib christianis.“ Wie muss dies gedeutet werden? Beklagt er die Juden? Die „Knechtschaft“ (servitus) stellt schon ein Problem dar. Die Kirche spricht seit langem durch ihre Theologen von Knechtschaft im heilgeschichtlichen Sinn. Auf der rechtlichen Ebene existiert sie noch nicht im Heiligen Reich des 12. Jahrhunderts, auf allen Fall nicht unter der Form der „Kammerknechtschaft“. Aber es gibt eine gewisse Entwicklung in dieser Richtung, zum Beispiel mit dem Landfrieden des Heinrich IV. (1103). In dem historischen Kontext einer Verschlechterung der Achtung der Juden, kann nicht ausgeschlossen werden, dass Bernard tatsächlich die Juden als Knechte der christlichen Fürsten betrachtet.[32] Die Fürsten wären so die Instrumente der göttlichen Strafe.

Auf jeden Fall scheint dieser degradierte Status Bernard nicht zu stören. Selbst wenn er ihn sich nicht weltlich vorstellt, scheint es natürlich, dass die Juden einer symbolischer Gewalt unterworfen werden.

3) Verachtung?

Einige Autoren haben sich gefragt, ob Bernard von seinen Gewissheiten herab nicht geradezu die Juden verachtete, und sogar „hasste“.[33]

Wegen einer regelwidrigen Wahl gibt es zwischen 1130 und 1138 zwei Päpste Innozent II und Anaklet II. Bernard wird befragt, um diese gefährliche Teilung aufzulösen. Er schlägt sich zur Partei Inocent und deshalb polemisiert er gegen Anaklet. Unter anderen Argumenten bringt er komischerweise die jüdischen Ursprünge Anaklets vor (tatsächlich ist sein Urgroßvater ein jüdischer Konvertit), was für Bernard seine Wahl aufheben kann. Ist es eine „rassistische Argumentation“? Herr Schreckenberg denkt vielmehr, dass es „der etwas bequeme Begriff nach einem handlichen polemischen Topos im Stil der Zeit [ist]. Bernard greift ja nicht sozusagen den „Rassejuden“ an, sondern fürchtet eine (theologische) Gefährdung der Kirche durch jüdische Anschauungen und Einflüsse.“[34]

Von dieser Debatte kann man nur festhalten, dass Bernard einen klaren Abstand zu den Juden durchsetzen will, erst recht, wenn es sich um den höchsten Würdenträger des Christentums handelt.

4)Der Wucher

Die Kirche hat immer Argwohn gegen das Geld im Allgemeinen, gegen den Zins im Besonderen gehabt, der oft mit dem Wucher verwechselt wird. Verschiedene Konzilien, von Nicee (325) bis Lateran II (1139), haben allmählich den Christen die Zinseintreibung verboten. Es gibt trotzdem einen Widerspruch: Geldverleih ist in der Praxis der mittelalterliche Wirtschaft notwendig. Das Wachstum des 12 Jahrhunderts braucht ihn besonders. Die Kirche selbst braucht manchmal die Anleihen.[35] Das könnte übrigens zum Teil den Angriff Peters Venerabilis erklären. Sein Kloster Cluny war sehr verschuldet. Es bleibt also den Juden ein eigentliches Monopol, aber was für ein Monopol?

Taceo, quod sicubi illi desunt, peius iudaizare dolemus christianos feneratores, si tamen christianos, et non magis baptizatos Iudaeos convenit appellari“ [36] . Zuerst ist Bernard fast dankbar, dass die Juden existieren, weil die christlichen Geldverleiher noch schlimmer sind als die Juden (!), vermeiden, zu sündigen. Aufschlussreich ist trotzdem das Wort „Iudaizare“ (Wucher), das natürlich den Stamm „Iudei“ hat. Bernard identifiziert die Juden und Wucherer, genau wie es Ludwig der Frommen mit den Juden und Kaufleuten tat. Angesichts der Tatsache, dass diese Beschäftigung moralisch völlig von der Kirche verurteilt wird, ist diese Identifikation sehr negativ. Die Christen, die den Wucher ausüben, werden „getaufte Juden“. Das ist eine deutlich Abwertung. Bernard ist sich zweifellos der gefährlichen langfristigen Folgen dieser Identifikation nicht bewusst aber man kann also denken, dass Bernard den Juden nur einen kleinen moralischen Wert gewährt...[37]

Diese kleine Achtung erklärt, warum es Bernard nicht stört, objektiv die Juden für den Kreuzzug (den sie nicht direkt betrifft) bezahlen zu lassen, indem er empfiehlt: "Omnes qui crucis signum accepterint, ab omni usurarum exactione liberos omnino dimittant[38]. Die Juden haben eigentlich nicht das Recht, sich auf den Kosten der „guten“ christlichen Kreuzfahrer zu bereichern.

Bernard erduldet die Juden in einem Bereich, der den Christen verboten ist. Bernard verbannt die Juden in eine Beschäftigung, die er im übrigen streng verurteilt. Dieses Beimessen lässt denken, dass er den Juden keine große moralische Wichtigkeit den Juden zuordnet. Außerdem „unternimmt er nichts, was ihre isolierte Lage am Rande der christlichen Einheitsgesellschaft des Mittelalters nachhaltig verbessern könnte“[39]. Es gibt keine deutliche Feindseligkeit, aber auch keine Freundschaft, nur vielleicht die Herablassung, die von der Sicherheit gegeben wird, recht zu haben.

Abschluss.

Ein Mal hat sich Bernard mit dem jüdischen Problem auseinandergesetzt: Für den Kreuzzug, den er predigen muss. Der Kontext muss untersucht werden. Ein Mönch ist aus der Kontrolle der kirchlichen Obrigkeiten entwichen, indem er gegen die Juden aufstachelt, obwohl es der kirchlichen Doktrin entgegengesetzt ist. Bernard Vertreter der Kirche muss ihm auf diesem Punkt widersprechen. Bernard scheint so eine freundliche Haltung den Juden gegenüber zu haben. Die theologische Lehre erlaubt Bernard, sich hinter „einer kühlen Logik“ zu verschanzen, die zwar die sehr positive Finalität hat, die Juden zu schützen, da Gott sie schon belastet hat, da sonst die Heilige Schrift nicht erfüllt würden...

Auf jeden Fall gehört die „Humanität“ nicht zu seiner Argumentation. Daher rührt der Eindruck von Gefühlkälte. Zweifellos hat er keine Sympathie für die Juden, die seinen religiösen Überzeugungen widersprechen würde, und er sieht sie als Knechte (geistlich oder weltlich?), die eine sündige Beschäftigung, den Wucher, ausüben. Bernard stellt sich den Juden immer überlegen dar, als Besitzer der Wahrheit, als Freier zur Knechten, als vom Geld nicht bestochenen Mann zur Geldverleiher.

Er hat also eine pragmatische Anschauung, nach der die Juden eine theologisch verabscheuungswürdige aber wirtschaftlich notwendige Rolle einnehmen: strenger Abstand aber Ruhe (sie werden sich endlich bekehren), außer wenn sie Schaden (mit „übermäßiger“ Zinseintreibung zum Beispiel) den Christen zufügen. Herr Dinzelbacher stellt Bernard in seiner Epoche zwischen „Suger von Saint-Denis, der eine „Reintegration“ der Juden in einigen der von ihm für seine Abtei in Auftrag gegebenen Kunstwerken zum Ausdruck zu bringen scheint“ und Peter Venerabilis, der „so aggressiv“ ist[40]. Schließlich antwortet vielleicht am besten Jean Leclercq der untersuchten Problematik. „Ohne die Rolle eines „Judenfreunds“ zu spielen, nahm Bernard den Juden gegenüber eine gemäßigte Haltung ein, was zu seiner Zeit selten war“[41].

Literaturverzeichnis

Biographien:

Peter Dinzelbacher, Bernhard von Clairvaux, Leben und Werk des berühmten Zisterzieners. Darmstadt 1998.

- Jean Leclerqc, Bernhard von Clairvaux, ein Mann prägt seine Zeit. München 1990.
- Jean Leclerq, Bernard de Clairvaux. Paris 1989.
- Irenee Vallery-Radot, Bernard de Fontaines, abbé de Clairvaux. Paris 1990. 2. Aufl. Bernard und die Juden:
- Heinz Schreckenberg, Die christlichen Adversus-Judeaos-Texte (11-13. Jh). Frankfurt am Main. 1997. 3. Aufl. S. 169-178. Bernard und seine Zeit
- Gilbert Dahan, Les Intellectuels Chrétiens et les Juifs au Moyen-Age. Paris 1999.
- Rudolf Hiestand, Juden und Christen in der Kreuzzugspropaganda und bei den Kreuzzugspredigern. In: Alfred Haverkampf, Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge. Sigmaringen 1999. Bd. XLVII von Vorträge und Forschung. S. 153-192.
- Adrian Bredero, Studien zu den Kreuzzugsbriefen Bernards von Clairvaux und seiner Reise nach Deutschland im Jahre 1146. MIÖG Bd. 66 (1958). S. 331-343.

[...]


[1] Binding, G., Bernhard von Clairvaux. In: LexMA Bd. 1 (1980) Sp. 1991-1997.

[2] Dieter Martens, Christen und Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges. In: B. Martin/ E. Schulin (Hg.), Die Juden als eine Minderheit in der Geschichte, 1981.

[3] Rudolf Hiestand, Juden und Christen in der Kreuzzugspropaganda und bei den Kreuzzugspredigern. In: Alfred Haverkampf (Hg), Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge. Sigmaringen 1999. S. 153-192

[4] Ephraim bar Jacob, Bericht. Hg. von Adolph Neubauer, Moritz Stern, 1892 (Hebräische Berichte über die Judenverfolgung während der Kreuzzüge), Nachdruck 1997.

[5] Peter Dinzelbacher, Bernhard von Clairvaux, Leben und Werk des berühmten Zisterzieners. Darmstadt 1998. S. 290

[6] Gebhard Winkler (Hg), Bernhard von Clairvaux, Sämtliche Werke lateinisch/ deutsch. Bd. III (Briefe), Innsbruck, 1993. S 65o-661

[7] Gleiche Edition als (6). S. 666-671.

[8] Otto von Freising, Gesta Frederici 1, 40. In: Dinzelbacher, B. von Clairvaux, S 291.

[9] Ephraim bar Jacob, Bericht.

[10] Ebenda (9)

[11] Joseph Ha-Cohen, Tal der Tränen. In: Jean Leclercq, Bernard de Clairvaux. Paris 1989, S 77.

[12] Bernhard von C. LexMA. S. 1994.

[13] Epistola 363.6

[14] Ebenda (13)

[15] Heinz Schreckenberg, Die christlichen Adversus-Judeaos-Texte (11-13 Jht). Frankfurt am Main 1997, 3. Aufl. S. 169.

[16] Epistola 365.2.

[17] Ep 241.2, Gleiche Edition als (6). S. 292.

[18] Jean Leclerq, Bernhard von Clairvaux, Ein Mann prägt seine Zeit. München 1990. S.91.

[19] Schreckenberg, Advers-Texte. S. 175.

[20] Ep. 365.2

[21] Ep 363.7

[22] Ep 365.2

[23] Ep365.2

[24] Serm. 66.12. Hg von M. Davy, Bernard de Clairvaux. Paris 1990. 2. Aufl. S. 57-59

[25] Ep 363.7

[26] Ep. 365.2

[27] Schreckenberg, Advers-Texte. S 174.

[28] Ep 365.2

[29] Dinzelbacher, Bernhard von C.. S 291.

[30] Schreckenberg, Advers-Texte S 173.

[31] Gleiche Edition als (6), Bd I, S. 636-637

[32] Schreckenberg, Advers-Texte S 172.

[33] Hans Kühner, Der Antisemitismus der Kirche. Zürich 1976, S 133.

[34] Schreckenberg, Advers-Texte. S 174.

[35] Joachim Wiemeyer, Zins. In: LthK, Bd. 10 (2001), Sp. 1459.

[36] Ep. 363.7

[37] Schreckenberg, Advers-Texte. S. 173.

[38] Ep. 363.7

[39] Ebenda (37)

[40] Dinzelbacher, Bernhard von C.. S. 293

[41] J. Leclercq, Bernard von C..S. 94

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Bernard von Clairvaux und die Juden
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Die Juden im Mittelalter
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
15
Katalognummer
V108671
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit "französischer" Formulierung aber wissenschaftlich ganz gut.
Schlagworte
Bernard, Clairvaux, Juden, Mittelalter
Arbeit zitieren
MA Johan Thienard (Autor), 2002, Bernard von Clairvaux und die Juden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108671

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