Der Holländische Katechismus von 1966: Entstehung und Inhalt eines revolutionäres Glaubensbuchs und der innerkirchlichen Konflikte


Seminararbeit, 1999

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Geschichtliche Einordnung und Entstehung des Holländischen Katechismus von 1966
1.1. Katechismusgeschichte, Struktur und Inhalte anderer Katechismen
1.2. Die Entwicklung des Katholizismus in den Niederlanden als Hintergrund des Holländischen Katechismus von 1966
1.3. Die Entstehung des Holländischen Katechismus von 1966

2. Der Holländische Katechismus von 1966
2.1. Die Erarbeitung des Holländischen Katechismus
2.2. Der Stil des Holländischen Katechismus
2.3. Die Struktur des Holländischen Katechismus
2.4. Die Inhalte des Holländischen Katechismus

3. Konflikte um den Holländischen Katechismus
3.1. Konfliktpunkte
3.2 Ablauf der Konflikte

4. Schlußbemerkungen

1. Einführung in das Thema

1.1. Katechismusgeschichte, Struktur und Inhalte anderer Katechismen

Zu Beginn einer Arbeit über das Wesen, den Inhalt und den Umgang mit einem modernen Katechismus erscheint es lohnend, sich zunächst damit zu befassen, was ein Katechismus eigentlich ist. Daneben ist es wichtig, sich einen Überblick über die Strukturen, Intentionen und Inhalte bisher verfaßter Katechismen zu verschaffen, um einen Vergleich mit dem Holländischen Katechismus von 1966 herstellen zu können.

Mit Katechismus (aus dem Griechischen, „widerhallen“) bezeichnet man heute im allgemeinen Sprachgebrauch ein Lehrbuch des Glaubens. Das Wort Katechismus hatte allerdings nicht schon immer diese Bedeutung. Zunächst bezeichnete Katechismus den „Vorgang des Taufunterrichts, dann den Stoff desselben, schließlich das den Stoff enthaltende Buch“[1] Die ersten kleineren Glaubensbücher, also Katechismen in unserem Sprachgebrauch, erschienen vereinzelt im ausgehenden Mittelalter. Verstärkt erschienen Katechismen allerdings erst in der Reformationszeit. Hier ergab sich zum ersten Male die Notwendigkeit, daß die nun entstandenen verschiedenen Konfessionen ihre Bekenntnisse und Glaubenslehren schriftlich zur Orientierung der Pfarrer und zum Gebrauch für den Unterricht der Gläubigen festlegten.[2] Daher entstanden in der Reformationszeit vor allem in Deutschland neben mehreren protestantischen Katechismen eine Anzahl von regionalen katholischen Katechismen. Unter den protestantischen Katechismen sind insbesondere die Werke Martin Luthers wichtig. Er führte auch die Unterscheidung in Große und Kleine Katechismen ein, wobei sich der Kleine Katechismus an die Gläubigen bzw. die im Glauben zu unterweisenden Kinder und Jugendlichen, der Große Katechismus insbesondere an die den Glauben Verbreitenden, also vor allem Pfarrer, oder Theologiestudenten als Zielgruppe wendet. Luther stellte auch eine inhaltliche Gliederung für Katechismen auf, die später von vielen protestantischen und katholischen Glaubensbüchern als Richtschnur herangezogen wurde.[3] Die sprachlichen Form vor allem des Kleinen Katechismus’ Luthers ist interessant: Er erklärt den Glauben in „in knappen Merkformeln“, eine Form, die sich für Kinderkatechismen bis in unser Jahrhundert erhalten hat.[4]

Hervorzuheben in der katholischen Katechismusgeschichte ist der Catechismus Romanus, der durch eine päpstliche Kommission nach dem Konzil von Trient (1545-63) erarbeitet wurde und 1566 erschien. Dieser Katechismus war für den Gebrauch durch die Pfarrer bestimmt und sollte ihnen „die nötigen Informationen für den Umgang mit den Sakramenten an die Hand geben.“[5] Der Katechismus des Tridentinums entstand zwar aus der Herausforderung des Katholizismus durch die große Anzahl reformatorischer Katechismen, setzt sich aber nicht direkt mit Lehren der Reformation auseinander sondern ist „um eine unpolemische, positive Darlegung des katholischen Glaubensgutes bemüht.“[6] In der Vermeidung direkter sprachlicher und direkter inhaltlich Konfrontation mit anderen (Irr)Lehren unterscheidet sich die Sprache des Catechismus Romanus z.B. von der Sprache der Dogmen.[7] Dieser Sprachstil hat sich auch in vielen weiteren Katechismen bewahrt. In seinem Aufbau war dieser Katechismus wegweisend für viele Katechismen bis in unsere heutige Zeit. Der Catechismus Romanus bestand aus vier Hauptteilen, in denen die Grundlinien des römisch-katholischen Glaubens dargelegt werden. Diese vier Hauptteile sind eine Abhandlung über das Glaubensbekenntnis, über das Vater Unser, über die Sakramente und über die Gebote. In der heutigen Zeit ist z.B. der 1992/1993 erschienene Weltkatechismus[8] oder der Katechismus der Berliner Bischofskonferenz für die ehemalige DDR aus dem Jahre 1982 an dieses Schema angelehnt.[9]

Der Weg zu einer Vielzahl von nationalen Katechismen - vor allem Kleiner Katechismen konzipiert als Lehrbücher für Kinder im Grundschulalter, wurde nach dem ersten Vatikanischen Konzil geebnet. Da zwar das Erste Vaticanum die Erstellung eines einheitlichen Kleinen Katechismus beschloß, die Konstitution darüber aber wegen des plötzlichen Konzilsendes durch den deutsch-französischen Krieg nicht mehr vom Papst promulgiert wurde, ergab sich in der Katechese eine Handlungsnotwendigkeit der Ortskirchen. In der Folge entstanden bis zum Zweiten Vaticanum eine Reihe Katechismen zur Unterweisung der Gläubigen, vor allem Kinderkatechismen.

Auch das Zweite Vaticanum faßte keinen Beschluß über die Erstellung eines einheitlichen Katechismus. Zwar bestand in Teilen des Weltepiskopats in der Vorbereitung des Konzils der Wunsch nach einem solchen, jedoch fanden derartige Forderungen schon im Vorfeld des Konzils keine ausreichende Unterstützung. Das Konzil beschloß lediglich im Dekret über die Aufgaben der Bischöfe die Erstellung eines „Direktorium[s] für die katechetische Unterweisung des christlichen Volkes, in dem die grundlegenden Prinzipien und die Ordnung dieses Unterrichts sowie die Ausarbeitung einschlägiger Bücher behandelt werden sollen.“[10] Dadurch waren wieder die Ortskirchen bei der Erstellung katechetischer Literatur gefordert.

Dieses „Allgemeine Katechetische Direktorium“[11] wurde 1971 veröffentlicht und stellte Richtlinien für die Katechese und die Ausarbeitung der Katechismen durch die Ortskirchen auf. Erst die Sondervollversammlung der Bischofssynode 1985 gab den Anstoß für die Erstellung eines einheitlichen Weltkatechismus. Jedoch sind diese Entwicklungen, da sie nach dem Erscheinen des Holländischen Katechismus abliefen, zur Vorgeschichte des Holländischen Katechismus von 1966 nicht mehr relevant.

1.2. Die Entwicklung des Katholizismus in den Niederlanden als

Hintergrund des Holländischen Katechismus von 1966[12]

Bevor die Entstehung des Holländischen Katechismus von 1966 beleuchtet wird, ist zunächst eine Betrachtung der Entwicklung des Katholizismus in den Niederlanden bis zum Jahr 1966 nötig.

Betrachtet man den Katholizismus in den Niederlanden um die Jahrhundertwende, so zeigt sich eine Kirche, die, „mehr römisch als katholisch und im ganzen nicht ökumenisch“[13] ist. Vielmehr zeigt sie sich „bürgerlich, moralistisch und fromm.“[14] Der Holländische Katholizismus orientierte sich völlig an Rom, noch 1959 sprach sich Kardinal Alfrink im Sinne der Eheenzyklika „Casti Connubii“[15] aus. Bezeichnend für die katholische Kirche Hollands war eine übertriebene Sorge um die Reinhaltung des Glaubens und Erhaltung des Einflusses der Kirche. Historisch geworden ist in diesem Zusammenhang das Mandement vom 1. Mai (!) 1954, in welchem den Katholiken die Mitgliedschaft in sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften verboten wurde. Diejenigen, die regelmäßig sozialistische Zeitschriften lasen oder Versammlungen besuchten, wurden vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen, wer sich nicht zumindest auf dem Sterbebette bekehrte, dem wurde das christliche Begräbnis verweigert. Dennoch begann, gleichsam im Untergrund, das Erwachen des holländischen Katholizismus. Angestoßen durch die katholische Widerstandsbewegung zu Zeiten des Nationalsozialismus, begann der Katholizismus, das Kirchenvolk, sich nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr sich in die Nation, die Gesellschaft und Politik zu integrieren. Die Gründung des Weltrates der Kirchen 1948 in Amsterdam gab der katholischen Kirche in Holland einen ökumenischen Denkanstoß. Die Umstrukturierung der Kirche, die Bewegung von einem absolut in sich gekehrten und geschlossenen Katholizismus zu einem total offenen Katholizismus begann im niederländischen Kirchenvolk und erreichte bald auch den holländischen Episkopat. „Der neue Katechismus muß in diese Entwicklung hineingestellt werden. Er ist nicht irgendein, sondern das Produkt eines erwachten holländischen Katholizismus.“[16]

1.3. Die Entstehung des Holländischen Katechismus von 1966

Der Holländische Katechismus von 1966 erschien im Oktober 1966 unter dem Originaltitel[17] „De nieuwe katechismus.“[18] Bereits im Jahre 1956 beauftragten die katholischen Bischöfe der Niederlande das Höhere Katechetische Institut in Nimwegen mit dem Entwurf einer Neufassung des Katechismus von 1949. Bereits in den Vorarbeiten stellte die beauftragte Kommission die traditionelle Form des Kinderkatechismus in Frage und betonte, daß ein erheblicher Unterschied zwischen einem Erwachsenenkatechismus und einem Kinderkatechismus bestünde. Das niederländische Episkopat hielt allerdings zunächst an seinem Auftrag für einen Kinderkatechismus fest. Als 1960 noch keine greifbaren Ergebnisse aus der Arbeit der Kommission hervorgingen, beschloß man, den Kinderkatechismus über einen Umweg zu entwickeln. Man wollte zunächst feststellen, welche Erwartung an Glaubenskenntnissen man an einen Erwachsenen richten könne, um auf dieser Grundlage dann die Inhalte der Kinderkatechese zu entwickeln. Der Internationale Katechetische Kongreß in London gab der Arbeit schließlich eine entscheidende Wendung. Auf diesem Kongreß behandelte man unter anderem ein Schema für die Katechese, das man plante beim Zweiten Vatikanischen Konzil einzubringen.[19] Dieses Schema rief dazu auf, die Katechese zunächst als Sache der Erwachsenen zu betrachten und zu erforschen. Die niederländischen Konsultoren trugen die Inhalte dieses Schemas ihren Bischöfen mit, worauf der niederländische Episkopat den Auftrag an das Höhere Katechetische Institut in Nimwegen in die Erstellung eines Erwachsenenkatechismus umwandelte, welcher im Jahre 1966 schließlich erschien und eines der erfolgreichsten Bücher seiner Zeit wurde: Innerhalb von 10 Monaten wurden mehr als 400.000 Exemplare des Werks verkauft.

[...]


[1] Artikel „Katechismus“ in Theologische Realenzyklopädie in: RUH, Ulrich, Der Weltkatechismus, 25.

[2] Vgl. RUH, Ulrich, Der Weltkatechismus, 25.

[3] Vgl. RUH, Ulrich, Der Weltkatechismus, 25,26.

[4] Vgl. RUH, Ulrich, Der Weltkatechismus, 26.

[5] Vgl. RUH, Ulrich, Der Weltkatechismus, 25.

[6] Vgl. RUH, Ulrich, Der Weltkatechismus, 29.

[7] DREIßEN, Dokumentation des Holländischen Katechismus, XV.

[8] Vgl. RUH, Ulrich, Der Weltkatechismus, 29.

[9] BERLINER BISCHOFSKONFERENZ (Hrsg.): Grundriß des Glaubens, 5-8.

[10] RAHNER, Karl u.a., Kleines Konzilskompendium, 285.

[11] Vgl. RUH, Ulrich, Der Weltkatechismus, 34.

[12] DREIßEN, Diagnose des Holländischen Katechismus, 79-82.

[13] J.Hermans S.J, „Geloven in de 20ste eeuw“ in: DREIßEN, Diagnose des Holländischen Katechismus, 79.

[14] J.Hermans S.J, „Geloven in de 20ste eeuw“ in: DREIßEN, Diagnose des Holländischen Katechismus, 79.

[15] NEUNER: Der Glaube der Kirche, 476-478.

[16] DREIßEN, Diagnose des Holländischen Katechismus, 81.

[17] Vgl. DREIßEN, Dokumentation des Holländischen Katechismus, VII-VIII.

[18] DREIßEN, Dokumentation des Holländischen Katechismus, XI.

[19] Dieses Schema kam allerdings am Konzil nicht zur Beratung.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Holländische Katechismus von 1966: Entstehung und Inhalt eines revolutionäres Glaubensbuchs und der innerkirchlichen Konflikte
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Seminar Einführung in die Dogmatik
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
19
Katalognummer
V108990
ISBN (eBook)
9783640071784
ISBN (Buch)
9783640862115
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Holländische Katechismus von 1966 erschien im Oktober 1966 unter dem Originaltitel 'De nieuwe katechismus. Er war zu seiner Zeit ein sehr umstrittenes Dokument innerhalb der katholischen Kirche und ist auch heute noch ein interessantes Werk mit "revolutionärem" Ansatzpunkten. Die Arbeit zeigt Entstehung, Struktur, Stil und Inhalte des Buches auf und beleuchtet Konflikte rund um dieses Werk.
Schlagworte
Holländische, Katechismus, Darstellung, Entstehung, Inhalts, Glaubensbuchs, Konflikte, Holländischen, Katechismus, Seminar, Einführung, Dogmatik
Arbeit zitieren
Markus Hubner (Autor), 1999, Der Holländische Katechismus von 1966: Entstehung und Inhalt eines revolutionäres Glaubensbuchs und der innerkirchlichen Konflikte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108990

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