Freuds 'Moses' und Volkans 'Versagen der Diplomatie'


Hausarbeit, 2003

19 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Freuds Moses
Der historische Teil
Die psychoanalytische Deutung
Kritische Bemerkungen zu Freuds „Moses“

3. Volkans Chosen Trauma in „Versagen der Diplomatie“
Das gewählte Trauma der Serben

4. Unterschiede & Berührungspunkte

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, zwei unabhängig voneinander beschriebene massenpsychologische Phänomene auf einen möglichen Zusammenhang zu untersuchen. Dabei geht es im Folgenden um Freuds Arbeit zur Genese der jüdischen Religion[1], und um Vamik Volkans Konzept des „gewählten Traumas“[2]. Ähnlich sind sich beide Arbeiten in der Betonung eines nicht linearen Geschichtsverständnisses, das heißt, in der Einbeziehung der Faktoren Trauma, Latenz und Regression in das Verständnis geschichtlicher Abläufe. Dem monokausalen Geschichtsverständnis wird mit dem Versuch begegnet individualpsychologische Gesetzmäßigkeiten in Großgruppen zu lokalisieren und durch analytische Vorgehensweise präziser zu erklären.

Bei Freud wie bei Volkan steht ein massenpsychologischer Prozess, der seinen Anfang in einem traumatischen Ereignis innerhalb einer Gruppe von Menschen hat, im Mittelpunkt der Untersuchungen. Bei Freud ist dies der Mord an dem Religionsstifter Moses, bei Volkan die traumatische Niederlage der Serben auf dem Amselfeld. Freud erklärt damit die Beständigkeit der ethischen Vorstellungen im Judaismus, während Volkan in den Folgen des Traumas einen Katalysator für die Gruppenidentität der Serben sieht. Besonderes Interesse erhält dabei in dieser Arbeit die Frage nach dem Ort der Speicherung der angenommenen kollektiven Inhalte des Traumas. Da die genetische Erklärung Freuds im Zusammenhang mit erworbenen kulturellen Fähigkeiten meiner Meinung nach unzureichend ist, soll ein Blick in das Konzept der generationsübergreifenden Weitergabe eines kollektiven Traumas bei Volkan prüfen, ob es auf das Freudsche Modell anwendbar ist.

Die Schrift Freuds nimmt aus dem Grund in der vorliegenden Arbeit einen größeren Umfang ein, da sie erstens Gegenstand des Seminars war, zweitens in Freuds Werk eine Sonderstellung hat die es zu untersuchen gilt, und weil ihr eben ein Stück in der Argumentation fehlt. Nach der Einführung in die Schwierigkeiten des Freud Textes wird dieser grob rekapituliert, um den Bruch in der Argumentation anschaulich zu machen. Danach wird das Konzept des „gewählten Traumas“ kurz dargestellt und konzeptionell von der Untersuchung Freuds abgegrenzt. Abschließend wird diskutiert, ob der Prozess der Projektion auf kollektive Traumen anwendbar ist und die vermeintliche Schwachstelle Freuds zu schließen vermag.

Freuds Moses

Freuds Werk „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“[3], geschrieben in den Jahren 1934-1938 gilt aufgrund seines ungewöhnlich unorganisierten Aufbaus, vieler Wiederholungen, und der sehr unterschiedlich langen Abhandlungen aus denen es besteht als Ausnahmeschrift Freuds.[4] Dies mag, wie auch Ilse Grubrich-Simitis bemerkt[5], mit der Lebenssituation Freuds zusammenhängen. Bereits zu Anfang der dreißiger Jahre habe der politische Aufmarsch des Nationalsozialismus, sowie Freuds Gesundheitszustand den Autor in seiner wissenschaftlichen Kreativität stark behindert. Zum Ende seiner Mosesstudie sah Freud nicht nur sein Lebenswerk, sondern bis zum Exil in England auch sein Leben in Gefahr. Grubrich-Simitis sieht in einer ohnehin hohen Identifikation Freuds mit Moses einen Hinweis auf die Triebfeder dieser außergewöhnlichen Arbeit. Was die Hauptintention Freuds mit dem „Mann Moses“ war ist jedoch nicht eindeutig zu klären. Wie Freud selber schreibt wollte er „die Analogie zwischen neurotischen Vorgängen und den religiösen Geschehnissen“[6] aufzeigen.

Grubrich-Simitis sieht zwei weitere Antriebe Freuds:

„am Schicksal des Mannes Moses und des Monotheismus führte er sich vor, wie eine unbequeme, anspruchsvolle Lehre auch dann nicht untergeht, wenn sie politisch verfolgt und unterdrückt wird , sondern – im Gegenteil – nach langem Intervall aus der Verdrängung wiederkehrt, ja, gerade durch diese Zweizeitigkeit erst ihre ganze Wirkungskraft entfaltet.“[7]

Darüber hinaus habe er eine Brücke zwischen Trieb-Modell und voranalytischem Trauma-Modell herzustellen versucht. Möglicherweise haben ihn, so Grubrich-Simitis, die starken äußeren Umstände denen er sich selber ausgesetzt sah, veranlasst diesen in seiner Theorie als Überholt angesehenen, äußeren Faktoren wieder stärkeres Gewicht zu geben.[8]

Insgesamt besteht die Schrift aus drei Teilen, sowie zwei Vorbemerkungen zu Anfang des dritten Teils, in denen Freud bezug auf die politischen Verhältnisse, sowie auf seine persönliche Situation nimmt.

Die ersten beiden Teile, also der gesamte historische Teil, sind erstaunlicherweise völlig frei von analytischen Deutungen.[9] Im ersten Teil, „Moses, ein Ägypter“, beschränkt sich Freud zunächst auf den Versuch, nachzuweisen dass die historische Person Moses kein Jude, sondern ein Ägypter war. Im zweiten Teil dann bedient er sich zeitgenössischer wissenschaftlicher Werke um herauszuarbeiten, dass Moses ein aus der Oberschicht stammender Ägypter war, der an der unter Amenhotep eingeführten und noch zu Moses Lebzeiten wieder abgeschafften Atonreligion festhielt. Auf der Suche nach Machterhalt habe er sich den semitischen Sklavenstamm ausgesucht, um ihm seine Religion aufzuerlegen und mit ihm Ägypten zu verlassen. Im folgenden wegen seiner Unnachgiebigkeit getötet vereinten sich, so Freud, die aus Ägypten stammenden Juden mit den nativen Semiten Palästinas wobei es zu einer Verschmelzung mit dem Vulkangott Jahve kam. Nach einer gewissen Latenzzeit wurde jedoch der bei dieser Verschmelzung zuerst negierte mosaische Anteil wieder aufgenommen und verdeckte die jahvische Lehre fast vollends.

Die Frage danach wie gesichert die Erkenntnisse sind deren sich Freud bedient und wie nah an der Wirklichkeit seine eigenen Ergebnisse sind ist schwierig zu klären. Es scheint jedoch, als stünde die geschichtliche Konstruktion vielmehr nur im Dienste der darauffolgenden psychoanalytischen Deutung. Freuds Akzent liegt nicht unbedingt in der Wahrheit der historischen Begebenheit, sondern in der Richtigkeit seiner Analyse. Freud ist sich der Schwierigkeiten seiner Arbeit bewusst und schreibt zu Beginn des zweiten Teils:

„(...) selbst wenn alle Teile eines Problems sich einzuordnen scheinen wie die Stücke eines Zusammenlegspieles, müsste man daran denken, dass das Wahrscheinliche nicht notwendig das Wahre sei und die Wahrheit nicht immer wahrscheinlich. Und endlich sei es nicht verlockend, den Scholastikern und Talmudisten angereiht zu werden, die es befriedigt, ihren Scharfsinn spielen zu lassen, gleichgültig dagegen, wie fremd der Wirklichkeit ihre Behauptung sein mag.[10]

Im dritten Teil interpretiert er die Vorkommnisse analytisch und stellt den Mosesmord ätiologisch in den Kontext des Urvatermordes. Jener sei als Wiederholungszwang infolge des prähistorischen Traumas des Mordes am Urvater zu deuten.

Im folgenden sei die Tat verdrängt worden, um später nach Ablauf einer Latenzzeit von circa achthundert Jahren in zwanghafter Befolgung der Regeln des einst von Moses eingesetzten strengen ethischen Monotheismus das schlechte Gewissen für Tat und Leugnung zu verarbeiten.

Im Christentum sieht Freud schließlich so etwas wie eine Katharsis: Jesus opfert sich unschuldig, für die Tat der Juden und erlässt im Zuge der Bewusstmachung, des Geständnisses der Tat, die Menschen aus der auferlegten strengen Regelreligion in den lockereren christlichen Monotheismus.

Demnach reduziert Freud die Religionsgeschichte auf die Folgen des kollektiven Traumas das durch den Urvatermord entstanden ist und sich in Wiederholung des Erlebten äußert. Dabei ist für ihn nicht die Frage wichtig, was genau im Volk die Inhalte der mosaischen Lehre speichert. Vielmehr konzentriert er sich auf die Beweisführung der Parallelität individueller und kollektiver Entwicklungsschritte, um anhand der Zwangshandlungen der Neurose die Durchsetzungskraft der mosaischen Lehre zu erklären. Was er als kollektives Speichermedium beschreibt, bildet den Berührungspunkt mit der Arbeit Volkans und wird weiter unten behandelt. Vorerst soll das Werk Freuds sinngemäß dargestellt werden.

Der historische Teil

Freud leitet seine Vorstellung, Moses sei Ägypter gewesen, daraus ab, dass die Bedeutung des Namen Moses nicht im hebräischen „Mosche“, sondern im ägyptischen Beinamen Mose, der soviel wie Kind bedeute, zu finden sei. Das hebräische Mosche, welches die Bibel mit „denn ich habe ihn aus dem Wasser gezogen“ übersetzt, sei in diesem Sinne allein aus der hebräischen Übersetzung nicht haltbar und zeige lediglich den Willen, das Kind in die Reihen der gängigen Heldenmythen aufzunehmen, nach denen der Held oft einem Aussetzungsmythos mit späterer Rettung sein Leben und seine Macht verdankt.

Im Abweichen von anderen Heldensagen sieht Freud dann ein weiteres Indiz, für die ägyptische Herkunft Moses. Normalerweise sei der Held ein königlicher Abkomme, der Aufgrund eines bösen Orakels während der Schwangerschaft vom Vater ausgesetzt, von bäuerlicher Familie aufgezogen wird, dann zurückkehrt, um den Vater zu Überwinden und sich an seine Stelle zu setzen. In dieser Konstellation wäre Moses jedoch Ägypter und so muss aus völkischen Interessen auf die adelige Herkunft verzichtet werden. Die erste Familie ist nun die bäuerliche und die zweite ist die Königliche. Während sich gewöhnlich in der Sage der Prinz über seine vermeintlich niedere Herkunft erhebt, steigt Moses herunter zu seinem Volk Israel. Moses habe also die ägyptische Atonreligion auf das jüdische Volk übertragen und es dann aus Ägypten geführt.

Zu Beginn des zweiten Teils stellt Freud die Frage nach Moses Motivation, als hoher Bürger Ägyptens ein kulturell viel niedriger stehenderes Volk „auszuwählen“. Er sei, so Freud, Anhänger oder gar Priester der in Ägypten unter Amenhotep eingeführten monotheistischen Atonreligion gewesen, und habe durch deren Verbot nach dem Tod des Pharaos seine soziale Stellung verloren. In der Zwischenregierungszeit nach Amenhotep und vor Haremhab habe Moses das politische Chaos genutzt, um das semitische Sklavenvolk für sich zu gewinnen, und aus dem Land zu ziehen. Als einen der wichtigsten Beweise bei der Frage danach ob es die Atonreligion war welche Moses den Juden brachte, führt Freud den Beschneidungsritus an. Die Beschneidung sei zu dieser Zeit fast einzig in Ägypten Brauch gewesen. Warum sollte Moses, als Jude diese Zeichen einführen, diente es ihm doch nicht als Distinktionsfaktor. Zudem war man im Begriff das Land zu verlassen und außerhalb Ägyptens war die Beschneidung nicht Tradition. Ihm selber war es jedoch wichtig, war er doch in Ägypten großgeworden, wo man über die Unbeschnittenen spottete. Um dieses ägyptische Erbe zu verleugnen wurde es später von der Geschichtsschreibung in die Urväterzeit zurückverlegt. Als weiteres Indiz dafür das Moses Ägypter war führt Freud an, das er laut Überlieferung „schwer von Sprache war“[11], was nicht auf einen Sprachfehler zurückzuführen sei, sondern auf die Tatsache, das hebräisch für ihn als Ägypter eine Fremdsprache gewesen sein muss.

Für seine weiteren Ausführungen beruft sich Freud auf die Ergebnisse zweier zeitgenössischer Wissenschaftler, Ed. Meyer und Ed. Sellin. Von Meyer übernimmt er die These, dass die jüdischen Stämme nicht am Fuße des Sinai eine neue Religion angenommen haben, sondern bei Meribat-Qades und zwar unter Einfluss des arabischen Stammes der Midianer. Dabei handele es sich um den Vulkangott Jahve, einem „unheimlichen und blutgierigen Dämon[12] “ und damit um das Gegenteil des streng abstrakten mosaischen Gottesbildes, welches jede Magie ablehnte, und sogar die Vorstellung des Lebens nach dem Tod verwarf, um sich des in Ägypten stark verehrten Totengottes zu entledigen. Der Religionsstifter der Jahvereligion sei ein Mittler zwischen Gott und dem Volk gewesen und Schwiegersohn eines midianischen Priesters.

Von Ed. Sellin übernimmt Freud auf Grundlage der Interpretation Hoseas die Idee, dass Moses von seinem Volk umgebracht wurde. Die strengen monotheistischen Lehren seien von den Juden nicht mehr ertragen worden. So habe man sich ihm entledigt und seine Religion negiert. Dies sei gleichermaßen Ursprung aller messianischen Erwartungen geworden, der Hoffnungen, Moses käme zurück und nähme sich seines reuigen Volkes wieder an. Zwischen dem Mosesmord und der Übernahme der Jahvereligion misst Freud eine Zeitspanne von circa zwei Generationen. Jene unter den Israeliten die dem Mord an Moses entkamen, (damit meint er die Leviten, die Mosesleute) um sein Erbe zu bewahren hatten somit Zeit ihre Stellung in der Gruppe wieder zu festigen und bei der Verschmelzung mit der Jahvereligion eine wichtige Rolle zu spielen.[13] Dieser Einfluss lasse sich erkennen in der Übernahme des Beschneidungsritus (ägyptisch) und der Exodusgeschichte (ägyptisch), welche von nun an aber einhergeht mit Rauchsäulen, Stürmen und ähnlichen wohl nur vom Jahvegott zu erwartenden, magischen Elementen. Die Existenz zweier Gottesnamen, welche die beiden Quellen des Hexateuchs „J“ und „E“ verraten und erst Jahrhunderte später vereint wurden bestätigen Freud in der These der Verschmelzung zweier Götter. Ebenso wie die Götter verschmolzen, wurde auch aus dem midianischen Priester und dem Mann Moses eine Person, da so betont Freud, bei der Verschmelzung Kompromisse gemacht wurden. Dies zeige sich in der Bibel darin dass Moses sehr widersprüchliche Charaktereigenschaften zugesprochen werden. Jede Seite wollte geliebte Eigenschaften behalten und so wurde auch die Auszugsgeschichte mit der Gesetzgebung in Zusammenhang gebracht.

In der Folgezeit seien die Einflüsse der strengen mosaischen Gesetzesreligion fast gänzlich aus der neuen integralen Religion verschwunden. Nach Jahrhunderten jedoch (genauer gesagt, bis zur endgültigen Fassung des Hexateuchs) hätten sich diese wieder in ihrer Ursprünglichen Form gezeigt und im Gegenzug die jahvischen Inhalte völlig verdrängt. Wie genau dies geschah erfährt der Leser nicht. Vielmehr wird eine kollektive Erinnerung einer gewissen Anzahl von Menschen im jüdischen Volk an die Wahrheit der mosaischen Religion unterstellt, deren Verdienst es sei die Tradition der mosaischen Lehre bewahrt zu haben. So spricht er von einer „großen und mächtigen Tradition“ welche „allmählich im dunkeln angewachsen war“ und davon, dass es eine Ehre für das jüdische Volk sei,

„(...) daß es eine solche Tradition erhalten und Männer hervorbringen konnte, die ihr eine Stimme liehen, auch wenn die Anregung dazu von außen, von einem großen fremden Mann kam“[14]

Im Hinblick auf die von Grubrich-Simitis angenommene Identifizierung Freuds mit Moses fällt eine Analogie auf. Freud, sieht sich hier möglicherweise wie Moses als Begründer einer missverstandenen Lehre, der verstoßen wurde, mit der Hoffnung später doch in seiner Größe angenommen zu werden. Zudem scheinen die äußeren Umstände Freud zu höherer Identifizierung mit dem Judentum, nicht mit seiner Religion gebracht zu haben, wie das vorangegangene Zitat vermuten lässt. So hat er zwar religiöse Vorstellungen von Moses verletzt, beschwört aber im gleichen Atemzug eine inhärente Fähigkeit des jüdischen Volkes ein intellektuell höheres kulturelles Niveau erreicht zu haben und rührt auch nicht an dem Mythos der Auserwähltheit des Volkes.

Die psychoanalytische Deutung

Um zu erklären, wie die strenge mosaische Lehre nach der Verschmelzung zuerst völlig negiert, und später, nach einer langen Zwischenzeit, wieder auftauchen und sich bis heute in allen Einzelheiten konservieren konnte, führt Freud den aus der Individualpsychologie bekannten Mechanismus der Latenz ein. Die Zeit zwischen einem traumatischen Ereignis und dem Auftreten von Symptomen oder auch Phänomenen nennt man Latenz. Ist ein Ereignis derart gewichtig, dass es nicht verarbeitet, sondern verdrängt und somit Latent wird, kann es nach Ablauf einer Zwischenzeit zur Ausprägung von Phänomenen kommen und man spricht man von der Ausbildung einer traumatischen Neurose[15]. Diese Phänomene, und damit die Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses nach Ablauf der Latenz können zweierlei Charakter haben. Erstens, Fixierung auf das Trauma, Wiederbelebung des Gefühlten, Wiederholungszwang und zweitens Abwehrreaktionen die sich in Vermeidungen, Hemmungen oder sogar Phobien steigern können.[16] Hinzu kommt, das diese Äußerungen Zwangscharakter haben, was bedeutet, dass sie durch rationale psychische Prozesse, sowie äußere Lebensbedingungen nicht beeinflussbar sind. Wohlgemerkt zeichnet sich die Latenzzeit dadurch aus, dass sie frei von zwanghaftem Handeln ist.

Um zum Gegenstand der Anwendung, nämlich dem jüdischen Volk zwischen dem Mord Moses und dem wiederaufnehmen der mosaischen Lehre zurückzukommen bezieht Freud seine anthropologische Entwicklungstheorie aus „Totem und Tabu“ ein, welche in folgenden rekapituliert wird.

„Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch der neurotischen Erkrankung – teilweise Wiederkehr des Verdrängten: so lautete die Formel, die wir für die Entwicklung einer Neurose aufgestellt haben. Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß im Leben der Menschenart Ähnliches vorgefallen ist wie in dem der Individuen. Also daß es auch hier Vorgänge gegeben hat sexuell-aggressiven Inhalts, die bleibende Folgen hinterlassen haben, aber zumeist abgewehrt, vergessen wurden, später, nach langer Latenz zur Wirkung gekommen sind und Phänomene, den Symptomen ähnlich in Aufbau und Tendenz, geschaffen haben.“[17]

Die religionsgeschichtlichen Ereignisse der mosaischen Zeit sind für Freud die Phänomene, die zwanghaften Handlungen, welche das frühe Trauma verarbeiten wollen. Das Initial dieser Geschichte sei der Urvatermord:

Freuds Auffassung der prähistorischen Entwicklungsgeschichte des Menschen lässt sich in etwa so zusammenfassen: Die Menschen lebten in Horden familiären Ursprungs zusammen, geführt von einem starken Männchen, welches uneingeschränkter Herrscher der Horde war. Es bediente sich der Weibchen und unterband die sexuellen Aktivitäten der Jungen, welche bei Verstößen mit Ermordung, Kastration oder Vertreibung rechnen mussten.

Der nächste Entwicklungsschritt sei die Verbündung der Jungen gewesen, die den Vater töteten und aßen, letzteres um sich die so gefürchtete wie verehrte Macht einzuverleiben. Wohl in der Einsicht, dass ein Streit unter ihnen um die unumschränkte Macht des Vaters für die Gruppe nicht vorteilhaft gewesen war entstand der erste wie Freud es nennt Gesellschaftsvertrag[18]: Der Verzicht auf unumschränkte Macht eines einzelnen bedeutete einerseits Inzest und Tötungsverbot innerhalb der Horde sowie Exogamie. Während somit ein beträchtlicher Anteil des Machvakuums welches der Vater hinterlassen hatte auf die Frauen überging, bewahrten sich die männlichen Mitglieder der Gruppe die Erinnerung an den Vater in einem Totem, einem Tier welches in gleichem Umfang ambivalentes Verhalten der Brüder auslöste wie der Vater. Das Tier galt als Schutzherr und Ahn der Gruppe und wurde immer wieder rituell verspeist. Diese simple Form des Totemismus entwickelte sich im Sinne der andauernden Vermenschlichung des Gottes. Bald darauf waren die Götter halb Mensch, halb Tier oder hatten am Ende nur noch Lieblingstiere. Als Entschädigung für die nach der matriarchalischen Zeit wieder einsetzenden patriarchalischen Ordnungen wurden als vermehrt Muttergottheiten eingesetzt. „Männliche Gottheiten erschienen zuerst als Söhne neben den großen Müttern, erst später nahmen sie deutlich die Züge von Vatergestalten an. Diese männlichen Götter des Polytheismus spiegeln die Verhältnisse der patriarchalischen Zeit wider.“[19]

Was die Wiederkehr des verdrängten prähistorischen Erbes initiierte lässt Freud im Unklaren, gibt aber im weiteren Verlauf hinweise zu dessen Erklärung. So beschreibt er drei individualpsychologische Voraussetzungen die Wiederkehr des Verdrängten einleiten können. Neben zwei spezifisch individuellen scheint mir die dritte am anwendbarsten auf die Frage:

„3) wenn im rezenten Erleben zu irgendeiner Zeit Eindrücke, Erlebnisse auftreten, die dem Verdrängten so ähnlich sind, daß sie es zu erwecken vermögen.“[20]

Die Einsetzung Moses als Führerfigur, die auf strengste dem Monotheismus, also in Hinblick auf seine uneingeschränkt wirkende Macht, dem Totemtier und dem Urvater gleichkommende Instanz, mag den Anstoß zur Wiederkehr der menschheitsgeschichtlichen Ereignisse gegeben haben. Erstes Phänomen dieser Auflösung ist die Wiederholung des Erlebten, der Mord an der Vaterfigur, Moses. Damit verbunden die Leugnung seiner Lehren, sozusagen als Vertuschung der Spur. Das sich letztendlich doch einstellende Schuldbewusstsein war verantwortlich für die Wiederkehr der verdrängten Inhalte der Religion, sozusagen als Strafe, für den nicht eingestandenen Mord. Die strengen ethischen Regeln wurden mit der messianischen Hoffnung verknüpft, der Religionsstifter möge verzeihen. Mit Jesus nur tritt die Tat in Form der Erbsünde wieder ins Bewusstsein. Jesus[21] übernimmt nun die Funktion des unschuldigen, der sich Opfert für den Mord. Die zwanghafte Wiederholung des Urvatermordes, der Mosesmord wird eingestanden und damit gleichzeitig von Jesus stellvertretend für alle gebüßt. Insofern stellt das Auftreten der christlichen Religion in der Entwicklung der traumatischen Neurose einen Fortschritt dar. Ein weiterer Aspekt ist, das sich diese Religion von der Macht des Urvaters emanzipiert, denn:

„Das Judentum war eine Vaterreligion gewesen, das Christentum wurde eine Sohnesreligion. Der alte Gottvater trat hinter Christus zurück, Christus, der Sohn, kam an seine Stelle, ganz so, wie es in jener Urzeit jeder Sohn ersehnt hatte.“[22]

Kulturell sieht Freud im Christentum jedoch eine Regression. Denn das Schuldeingeständnis geht einher mit der Auflösung der hohen ethischen Anforderungen, also der Wiedereinführung verschiedenster Rituale, wie der symbolischen Verspeisung des Urvaters in Form des Abendmahles oder der Einführung der Muttergottheiten durch Maria. Auch wird in der Trinität streng genommen der Monotheismus Aufgehoben und das Verbot der Abbildung Gottes wird umgangen in der Abbildung des Sohnes.

Kritische Bemerkungen zu Freuds „Moses“

Freud gibt in seinem Werk keine psychoanalytische Antwort auf die Frage, wie oder wo genau die Inhalte der mosaischen Lehre vom Mord an ihm, bis zur endgültigen Fassung im Hexateuch also wie Freud annimmt etwa 800 Jahre später im jüdischen Volk überdauerten. In seinem Kapitel Schwierigkeiten führt er zu dieser für seine Untersuchung entscheidende Frage lediglich aus:

„Wenn die sogenannten Instinkte der Tiere, die ihnen gestatten, sich von Anfang an in der neuen Lebenssituation so zu benehmen, als wäre sie eine alte, längst vertraute, wenn dies Instinktleben der Tiere überhaupt eine Erklärung zuläßt, so kann es nur die sein, daß sie die Erfahrungen ihrer Art in die neue eigene Existenz mitbringen, also Erinnerungen an das von ihren Voreltern Erlebte in sich bewahrt haben. Beim Menschentier wäre es im Grunde auch nicht anders.“[23]

Diese für unsere Zeit naturwissenschaftlich haarsträubende Aussage[24] lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass für Freud die Übertragbarkeit der individualpsychologischen Neurosenlehre auf soziale Phänomene Grundvoraussetzung für eine entscheidende Frage in seiner Argumentation ist. Sie ist notwendig, um die immer wieder betonte Macht der religiösen Handlungen zu erklären. Grundlage der individualpsychologischen Lehre ist bekanntlich, das relevante Information nicht vergessen, sondern nur Verdrängt werden. Neurologisch ist das problemlos vorstellbar, bleibt für Freud die Frage, wie er dieses wichtige Element auf Menschengruppen überträgt. Die lamarckschen Vererbungsvorstellungen hinzunehmend stellt sich somit ein schlüssiges Bild ein, mit dem er die Durchsetzungskraft religiöser Vorstellungen und damit im speziellen, der Inhalte der jüdischen Religion erklärt.

„Eine Tradition, die nur auf Mitteilung gegründet wäre, könnte nicht den Zwangscharakter erzeugen, der den religiösen Phänomenen zukommt. (...) Sie [die Tradition, R.K.] muß erst das Schicksal der Verdrängung, den Zustand des Verweilens im Unbewussten durchgemacht haben, ehe sie bei ihrer Wiederkehr so mächtige Wirkungen entfalten, die Massen in ihren Bann zwingen kann, wie wir es an der religiösen Tradition mit Erstaunen und bisher ohne Verständnis gesehen haben.“[25]

So hält er die verdrängten Inhalte für genetisch, und erklärt die Macht ihrer Wiederkehr mit den zwanghaften Handlung der Neurosenätiologie, da

„(...) jedes aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich mit besonderer Macht durchsetzt, einen unvergleichlich starken Einfluß auf die Menschenmassen übt und einen unwiderstehlichen Anspruch auf Wahrheit erhebt, gegen den logischer Einspruch Machtlos bleibt.“[26]

Der Wahrheitsanspruch erklärt sich aus dem wahren Anteil des sich wiederholenden, ist es doch ein Stück stattgefundenes wiederholtes Trauma. Freud gesteht auch den Religionen einen solchen Gehalt an historischer (nicht aber reeller) Wahrheit zu. Die Macht des Urvaters über die Gruppe ist ein Stück real gewordene Macht Gottes über die Menschen. Denn auch wenn die Wiederholung des Traumas Modifikationen unterliegt bildet ihren Kern ja eine stattgefundene Handlung.

Ilse Grubrich-Simitis sieht in der oben beschriebenen Lebenssituation Freuds den Grund für die Zuspitzung seiner ohnehin vorhandenen Mosesidentifikation. In der Tat idealisiert Freud die mosaischen Lehren in besonderer Weise, indem er sie als Fortschritt in der Geistlichkeit ansieht, als Grundstein für die Kultur der Gehlehrsamkeit, der ethischen Regeln, die das Judentum auszeichnen. Grubrich-Simitis legt den Gedanken nahe, Freuds Identifikation reiche bis zur Analogie der mosaischen Lehren und der Psychoanalyse. Freuds Angst, sein Lebenswerk (wie auch sein eigenes Leben) sei in Gefahr ließe in ihm die Vorstellung wachsen, sein intellektuelles Lebenswerk habe ähnliches Schicksal zu befürchten wie das mosaische: Unverständnis in der eigenen Zeit, verbunden mit der Hoffnung, der geistige Fortschritt seiner Lehre möge durch ein Verschwinden aus dem Bewusstsein die gleiche in ferne Zukunft prophezeite „Wahrheitsgewalt“ besitzen, wie einst die mosaische.[27]

Volkans „Versagen der Diplomatie“

Volkans Interesse gilt wie der Untertitel seines Buches verrät hauptsächlich der Konfliktforschung. In seiner praktischen Arbeit kam er immer wieder mit Vertretern verschiedenster verfeindeter Gruppen zusammen. In dieser Arbeit wurde das Phänomen des Schutzes der Identität der jeweiligen Fürsprecher der Gruppen immer evidenter. Volkan macht es daraufhin zur zentralen Aufgabe seines Buches zu Klären, was Großgruppenidentität ist, oder besser, woraus sie besteht. Er entwickelt die Metapher Kleidung für Identität und beschreibt, das individuelle Identität einem passgenauen Anzug entspricht, während die zweite Lage Kleidung eine etwas lockere Plane wäre, die Zeltähnlich von einem Führer gestützt dem Individuum das Gefühl des Gleichseins mit den anderen ermöglicht. Diese Plane sei nun gewebt aus sieben Fäden, darunter auch die „gewählten Traumata“, die in diesem Zusammenhang interessieren.

Dabei muss der erste fundamentale Unterschied der Beschäftigung mit dem Traumabegriff angeführt werden. Bei Volkan beschränkt sich ein traumatisches Ereignis nur auf die folgende Konstellation:

„Gewählte Traumata beziehen sich auf die geistige Repräsentanz von einem Ereignis, das dazu führte, daß eine Großgruppe durch eine andere Gruppe schwere Verluste hinnehmen musste, dahin gebracht wurde, daß sie sich hilflos und als Opfer fühlte und eine demütigende Verletzung miteinander zu teilen hatte.“[28]

Gewählt sei das Trauma insofern, als dass es die unbewusste Entscheidung spiegelt, die psychischen Auswirkungen eines Ereignisses dass die vorangegangene Generation betraf, in die eigene Identität zu integrieren. Darüber wird klar, das es sich um den Versuch der Gruppe handelt, nicht verarbeitete (narzisstische) Verletzungen der alten Generation zu verarbeiten, wiedergutzumachen. In der fehlenden Aufarbeitung der Kränkung liegt der Motor, diesen negativen Eigenanteil in der kommenden Generation zu „deponieren“, in der Hoffnung oder besser, unbewussten Erwartung, diese könne die Demütigung verarbeiten. Die Deponierung des verletzten Selbstbildes ist nichts anderes als die transgenerationelle Weitergabe eines Traumas, welche sich beliebig oft derart wiederholt, solange keine wirkliche Verarbeitung stattfindet. Möglicherweise wirkt die unbewusste Aufforderung eine Aufgabe zu erfüllen, nämlich die der Auflösung dieses negativen Anteils, den Charakter von Unaufschiebbarkeit, Handlungszwang, den positiv „vererbte“ Anteile nicht besitzen, und geben ihnen dadurch mehr Gewicht.

Das gewählte Trauma der Serben

Die Schlacht vom Amselfeld ist laut Volkan das traumatische Ereignis der Serben. Nach einer langen Zeit der Prosperität leitete sie das Ende der serbischen Großmacht und die Übernahme des osmanischen Reiches ein. Tatsächlich lagen zwischen der Schlacht auf dem Amselfeld und der vollständigen Okkupation Serbiens fast 70 Jahre. Die Tradition der mündlichen Weitergabe dieses Ereignisses ließ die beiden Ereignisse jedoch zusammenfallen. Schlacht und Untergang des Reiches wurden eins. Um die Uneinigkeit der serbischen Führer zu leugnen, bildete sich die Legende, der Serbenführer Lazar habe sich entscheiden können für ein Reich auf Erden und ein Reich im Himmel. Um das Himmelreich zu erlangen musste er diese Schlacht verlieren. Damit wurde der Schmach des Untergangs die Märtyrervariante entgegengestellt. Dies passte gut zu dem serbischen Selbstbild, welches sich als Opfer sah, nämlich in der von Rom nie gewürdigten Funktion eines christlichen Puffers zwischen Europa und dem Orient. Die kirchliche Tradition generierte im Folgenden die Feierlichkeit dieses Opferstatusses und entließ damit die Serben nie aus ihrer Trauer. Dies dauerte bis ins 19. Jahrhundert an, wo Lazar von dem Märtyrer zum Rächer wurde. Mütter sprachen Anfang des 19. Jahrhunderts, zur zeit serbischer Aufstände ihre Kinder mit „Rächer von Kosovo“ an und übermittelten damit die Botschaft, Schande, oder Demütigung wieder gut zu machen. Im Zuge der Balkankriege 1912-1913 wurde das Kosovo wieder serbisch. Ein Soldat berichtete darauf:

„Unsere Mütter wiegten uns mit Liedern vom Kosovo in den Schlaf, und in unseren Schulen hörten unsere Lehrer nie mit ihren Geschichten von Lazar und Milos auf. (...) Als wir im Kosovo ankamen ... starrte der Geist von Lazar, Milos und all den Kosovo-Märtyrern auf uns.“[29]

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, welcher eine integrierende Wirkung auf die Süd-slawischen Völker hatte , kehrte die 50 Jahre lang vergessene Identität zurück. Dies machte sich Milosevic zu nutzen, indem er das alte Trauma beschwor. Die sterblichen Überreste Lazars, welche in Ravanica kurz nach dessen Tod heilig gesprochen wurden und nach Einnahme der Osmanen in die Nähe von Belgrad gebracht wurden ließ Milosevic in einer beeindruckenden Prozession an der ein grossteil der Bevölkerung teilnahm durch ganz Serbien wieder nach Ravanica führen. Anlässlich der 600 Jahrfeier des Kosovo auf dem Amselfeld ließ er ein blutrotes Denkmal errichten in das der Schlachtruf Lazars gegen die Türken gemeißelt war. Diese Parole frischte Milosevic während der Kundgebung auf indem er ausrief, nie wieder solle der Islam die Serben unterjochen. Die serbischen, wie die bosnischen Muslimen wurden im Folgenden als Bedrohung, als Speerspitze des Islam gesehen und symbolisierten eine aktuelle Bedrohung geschichtlichen Ausmaßes für die Serben. Das reaktivierte Trauma äußerte sich in einem Zeitkollaps, der die Serben im Kampf gegen die Türken beschwor und das „Recht auf Rache“ auf die in Jugoslawien lebenden Muslime übertrug.

Unterschiede & Berührungspunkte

Aufgrund der Grundverschiedenheit der beiden Arbeiten kann eine Punktgenaue Übertragung der Argumentation daher nicht stattfinden. Die Besprechung einiger Schlüsselbegriffe soll daher genügen, um deutlich zu machen, dass Volkans Forschungen einen sehr viel pragmatischeren Anspruch haben, als die Überlegungen Freuds.

Einer der auffälligsten Unterschiede, nämlich dass Volkan stets von zwei Seiten ausgeht, der Verletzenden und er Verletzten sollte die Anwendbarkeit des Traumabegriffes nicht beeinflussen, da es für Freud durchaus vorstellbar ist das ein traumatisches Ereignis nicht nur frühkindliche eindrücke sexueller oder aggressiver Natur beinhalte, sondern auch frühzeitige Schädigungen des Ichs, (narzisstische Kränkungen), oder gar nur frühe Affektbeziehungen.[30] Der Mosesmord kann demnach wohl im volkanschen Sinn traumatisch sein, bezieht er sich doch auf eine aggressive Handlung, sowie auf eine Affektbeziehung, welche geteilt und auf die folgende Generation übertragen wird.

Im Hinblick auf den von Volkan angesprochenen Zeitkollaps kann man jedoch keine Entsprechung im Modell von Freud finden. Eher wird hier deutlich, dass es Volkan mehr um die Funktion des Traumas zur Stärkung der Gruppenidentität geht als um den psychischen und historischen Prozess der Zweizeitigkeit.

„Darüber hinaus kann ein traumatisches Ereignis auch im kollektiven Gedächtnis einer Gruppe schlummern und in stressintensiven oder Krisenzeiten, (...), reaktiviert und von Führern genutzt werden, um die geteilten Gefühle der Gruppe sowohl gegenüber sich selbst, als auch dem Feind gegenüber zu wecken und zu entfachen.“[31]

Ebenso hat das von Volkan angedeutet „Recht auf Rache“ und die „Idealisierung des Opferstatus“ keinen Bezug zu den von Freud beschriebenen Vorgängen.

Möglicherweise sind sich die Arbeiten Freuds und Volkans trotz aller Unterschiede, im Zusammenhang mit dem Phänomen der generationsübergreifenden Weitergabe unbewusster Inhalte, hilfreich.

Das Problem der generationsübergreifenden Weitergabe von Inhalten klärt Volkan mit dem Deponieren der Verletzung in der kommenden Generation. Während Freud die Spuren des Traumas noch genetisch Vererbt vermutete, sieht sie Volkan in einem Prozess der grob mit dem der Projektion gleichkommt. Eine Projektion ist laut anerkannter Definition:

„eine Zweiteilung im Innern der Person und ein Ausstoßen des Teils von sich, der abgelehnt wird, auf den anderen.“[32]

Wenn die Verletzung des Ichs, oder andere traumatische Erlebnisse ebenfalls zu dieser Spaltung führen können, stellt sich die Frage, wieweit man den Projektionsbegriff massenpsychologisch anwenden kann. In der Antisemitismus- und Vorurteilsforschung ist dies bereits geschehen. Würde man annehmen, dass es sich bei dem von Volkan beschriebenen Mechanismus ebenfalls um einen Projektionsmechanismus handelte, wäre zu überlegen, wie dieser in das Werk Freuds einzugliedern wäre. Prinzipiell kann man den Gedanken fortsetzen, dass das Trauma und die negativen Eigenanteile im jüdischen Volk nach dem Mord an Moses nicht verarbeitet wurden, und daher wie Freud selbst bemerkt neurotischen Charakter bekamen. Die Frage verschiebt sich damit, von der nach dem Speicher der Information hin zur Kommunikation der Informationen. Wie können Informationen bei dem Deponierungsprozess ohne Wissen der Personen übermittelt werden. Ist es möglich, dass bei der Übertragung des Schuldbewusstseins und der Leugnung, die Möglichkeit der Auflösung (die Befolgung der strikten Regeln des Moses) mitübertragen wird? Wenn ja, so bedeutete dies, dass die ältere Generation, welche noch nicht fähig ist das Schuldbewusstsein durch Befolgung der strengen ethischen Maßgaben der Religion des getöteten zu kompensieren, unbewusst die Mittel dazu in einem wie von Volkan beschriebenen Prozess, ihren Kinder überträgt. Ob man jedoch annehmen kann das unbewusste Inhalte projiziert werden können ist aus der von Laplanche und Pontalis[33] definierten Funktionsweise der Projektion schwer festzumachen. Bei unscharfer Betrachtung scheint das „gewählte Trauma“ dennoch einem Projektionsprozess verwandt, handelt es sich doch um einen Prozess,

„den Ursprung einer Unlust im Äußeren zu suchen“[34], (...) „etwas nach außen zu werfen, was in sich selbst zu erkennen oder selbst zu sein man sich weigert.“[35]

Was wäre geeigneter als Projektionsfläche, als die eigenen Kinder und was wäre logischer aus Sicht des Kindes von Generation zu Generation dieses auf sich projizierte negative Erbe Stück für Stück in ein positives umzuwandeln, nämlich beim jüdischen Volk mittels Aufgabe religiöser Freiheiten magischer Natur, auf den „Stolz des geistigen Fortschritts“ und im serbischen Fall auf das „Recht des Rächers“ und die intensivere Gruppenidentifikation. Trotz des spekulativen Gehalts dieser Argumentation scheint mir generell die Frage nach der Kommunikation der Inhalte fruchtbarer als der nach der Speicherung. Leider sind mir die psychoanalytischen Instrumenten nicht vertraut genug, um ein Ergebnis präsentieren zu können, und bisher habe ich keinen Hinweis auf eine mögliche Deutung in dieser Richtung gefunden. Als These scheint mir dieser Gedanke dennoch durchaus erwähnenswert.

Schlussbemerkung

Mit dieser Arbeit wurde versucht, die ein ähnliches sozialpsychologisches Phänomen beschreibenden Untersuchungen Freuds wie Volkans in Zusammenhang zu bringen. Dabei wurde ausgehend von Freuds Argumentation der Versuch unternommen in dem Konzept Volkans methodische Übereinstimmungen mit der Argumentation Freuds herauszuarbeiten. Es ließ sich jedoch kein direkter Zusammenhang zwischen den beiden Untersuchungen herstellen. Lediglich der von Volkan beschriebene Mechanismus der unbewussten transgenerationalen Tradierung von Inhalten erlaubte die These darin einen in der Freudschen Argumentation als schwierig angesehenen Aspekt ( den der genetischen Vererbung erworbener Fähigkeiten) zu ersetzen.

Literaturverzeichnis:

- Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581
- Ilse Grubrich-Simitis. Editorische Vorbemerkung zu Freuds „ Der Mann Moses und die monotheistische Religion “ In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000 S. 457-458
- Ilse Grubrich-Simitis, Freuds Moses-Studie als Tagtraum, In: Die Sigmund-Freud-Vorlesungen, Herausgegeben von Dieter Ohlmeier, Band 3, Verlag Internationale Psychoanalyse, Weinheim 1991
- Yosef Hayim Yerushalmi, Freuds Moses – Endliches und unendliches Judentum, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1991
- J.Laplanche, J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, 15. Aufl. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1999
- Volkan, Vamik D., Das Versagen der Diplomatie – Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte 2. Auflage 2000, Psychosozial-Verlag, Gießen 1999

[...]


[1] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581

[2] In: Volkan, Vamik D., Das Versagen der Diplomatie – Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte 2. Auflage 2000, Psychosozial-Verlag, Gießen 1999, S. 73-98

[3] in: Sigmund Freud, Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581

[4] siehe Editorische Vorbemerkung zu Freuds „ Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ in der o.g. Fischer Studienausgabe S. 457-458

[5] Ilse Grubrich-Simitis, Freuds Moses-Studie als Tagtraum, In: Die Sigmund-Freud-Vorlesungen, Herausgegeben von Dieter Ohlmeier, Band 3, Verlag Internationale Psychoanalyse, Weinheim 1991

[6] Sigmund Freud, Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S.540

[7] Ilse Grubrich-Simitis, Freuds Moses-Studie als Tagtraum, In: Die Sigmund-Freud-Vorlesungen, Herausgegeben von Dieter Ohlmeier, Band 3, Verlag Internationale Psychoanalyse, Weinheim 1991, S. 28

[8] ebd. S. 33ff

[9] Freud hält es sogar für notwendig in einer Fußnote darauf hinzuweisen, dass das Wort Fixierungen, welches er dort im Sinne von „schriftlich Festhalten“ gebraucht nicht im psychoanalytischen Sinne verstanden wird. Siehe Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S. 511

[10] ebd. S 468

[11] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S.482

[12] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S.484

[13] Ausdrücklich weist Freud später darauf hin, dass die Leviten bei der Konservierung der mosaischen Inhalte bist zur Endgültigen Niederschrift keine Rolle gespielt haben.

[14] ebd. S.500

[15] ebd. S.522 mehrere Möglichkeiten der Ausbildung

[16] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S.524 (Die Kursiven Begriffe sind dem Text Freuds entnommen)

[17] ebd. S.528f

[18] ebd. 530

[19] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S.532

[20] ebd. 542

[21] Genauer gesagt weist ihm Paulus posthum diese Funktion zu.

[22] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S.535f

[23] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S 547

[24] vergl.: Yosef Hayim Yerushalmi, Freuds Moses – Endliches und unendliches Judentum, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1991, S.54f

[25] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, S.548

[26] ebd. S.533

[27] Die These der Analogie zwischen Mosesreligion und Psychoanalyse, wird von Ilse Grubrich-Simitis in: Freuds Moses-Studie als Tagtraum, In: Die Sigmund-Freud-Vorlesungen, Herausgegeben von Dieter Ohlmeier, Band 3, Verlag Internationale Psychoanalyse, Weinheim 1991, sehr ausführlich behandelt auf den Seiten 28, 41f

[28] Vamik D. Volkan, Das Versagen der Diplomatie – Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte 2. Auflage 2000, Psychosozial-Verlag, Gießen 1999, S. 73

[29] Vamik D. Volkan, Das Versagen der Diplomatie – Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte 2. Auflage 2000, Psychosozial-Verlag, Gießen 1999, S.89

[30] Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Studienausgabe Fischer Taschenbuch Verlag, Band IX Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 459-581, 523, 524

[31] Vamik D. Volkan, Das Versagen der Diplomatie – Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte 2. Auflage 2000, Psychosozial-Verlag, Gießen 1999, S.84

[32] J.Laplanche, J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, 15. Aufl. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1999, S.407

[33] ebd. S. 399- 408

[34] J.Laplanche, J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, 15. Aufl. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1999, S. 402

[35] ebd. S. 406

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Freuds 'Moses' und Volkans 'Versagen der Diplomatie'
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Veranstaltung
Psychoanalyse und Geschichtswissenschaften
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V109027
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es geht in der Arbeit um kollektiv Unbewusstes und generationsübergreifende Weitergabe im jüdischen Volk und dem Konzept des 'gewählten Traumas'
Schlagworte
Freuds, Moses, Volkans, Versagen, Diplomatie, Psychoanalyse, Geschichtswissenschaften
Arbeit zitieren
Roland Krügler (Autor), 2003, Freuds 'Moses' und Volkans 'Versagen der Diplomatie', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109027

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