Bevölkerung und Bevölkerungsentwicklung Ägyptens


Referat (Ausarbeitung), 2004

16 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

I. 1 Einleitung
2. Bevölkerungsgruppen
2.1 Die Nubier
2.2 Die Beduinen
2.3 Die Kopten
3.Demographische Entwicklungen in Ägypten
3.1 Familienpolitik
4.Entwicklungsprobleme Ägyptens
4.1 Ernährungsproblematik
4.2 Sozioökonomische Entwicklung
5.Fazit

II.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In Veröffentlichungen, die sich mit der Zukunft der im Entstehen begriffenen Weltgesellschaft befassen, nimmt die globale Bevölkerungsentwicklung einen wichtigen Platz ein. Betrachtet man globale Entwicklungen, dann stehen wir je nach Lösung sozialer, politische, wirtschaftlicher und ökologischer Konflikte vor einer Entwicklung mit einer Zukunft mit mehr Elend, Gewalt und Naturzerstörung, oder einer gerechteren, solidarischen und nachhaltigen Entwicklung, denn Menschen besitzen die Fähigkeit, zu antizipieren, Entscheidungen zu treffen, wählen und handeln zu können. Endscheidende Einflussfaktoren sind die globale Ökonomie, soziale Faktoren, Kultur, Technologie, Governance, Umweltveränderungen und die Bevölkerungsentwicklung, die hier am Beispiel Ägyptens dargestellt wird .

Die Bevölkerung, die sich aus verschiedenen Gruppierungen zusammensetzt, wird in ihrer demographischen Dynamik betrachtet, um entstandene Entwicklungsprobleme im Bereich Ernährung bezüglich Bewässerung und Landwirtschaft sowie im Bereich sozioökonomischer Entwicklungen mit ihren sozialen Ungleichheiten und Besitzverhältnissen. Ein besonderer Vermerk liegt hierbei auch auf der Familienpolitik und Genderverhältnissen.

In Ägypten und weltweit geht die Fruchtbarkeit und Sterblichkeit zurück, aufgrund gestiegener Lebenserwartung ist eine Alterung der Bevölkerung – nicht nur in Industrieländern, zu verzeichnen, es zeichnet sich eine verstärkte Urbanisierung ab.

Angesichts der Anzahl der steigenden Bevölkerung Ägyptens stellt sich die Frage: Wie können so viele Menschen friedlich miteinander leben und dabei zugleich ihre Lebensgrundlagen erhalten?

2. Bevölkerungsgruppen

Während aus europäischer Sicht die Bevölkerung Ägyptens allgemein als Araber mit mehr oder minder ausgeprägten islamisch-religiösem Aktivitäten eingeordnet wird, ist die Wahrnehmung der Ägypter über ihre Landsleute differenzierter. Ursprünglich gehören fast alle Ägypter dem Volk der Fellachen im Niltal an, die die Wüstenbewohner als arab, d.h. Wüstenbewohner, Fremde bezeichnen. Grundsätzlich besteht eine Unterscheidung zwischen der ländlichen Bevölkerung, der fellahiin, deren traditioneller Lebensraum das intensiv genutzte immergrüne Ackerland ist, und der städtischen Bevölkerung, deren Identität nach Städten bestimmt wird. Ein Mann aus Kairo ist ein masrawi, ein iskandari ein Alexandriner.

Auch zwischen den Bewohnern des entwickelteren Unterägypten baharwa und den Oberägyptern sa’ ayda wird unterschieden. Nimmt man Dialektdifferenzen als Identitätsmerkmal, lässt sich die Grenze etwa 200km südlich von Kairo in der Provinz El-Minya ziehen. Auch wenn sprachliche Differenzen zurücktreten, kann man immer noch zwischen den eigentlichen Ägyptern (Beduinen) in ihrer andersartigen Kleidung und den dunkelhäutigeren Nubiern unterscheiden. Hinzu spielt die Religionszugehörigkeit (muslim und quibti = Kopte) eine wichtige Rolle. Durch die extremen Differenzen zwischen der fortschrittlichen westlichen Kultur afrangi und der traditionellen Kultur baladi erleben viele Ägypter eine Identitätskrise im Zwiespalt zwischen westlichen zivilisatorischen Einflüssen und dem Willen zur Rückbesinnung auf eigene Hintergründe.[1]

2.1 Die Nubier

Die Nubier werden den Äthiopiden zugeordnet. Sie sprechen zwei verschiedene Sprachen: Die ägyptischen Nubier gehören zur Sprachgruppe Kenus an und wurden von den Ägyptern abfällig als barabra, eine Bezeichnung, die auch für Sklaven verwendet wurde, bezeichnet. Diese Form von Rassismus verstärkt sich durch die dunkelhäutigere Hautfarbe der Nubier zu den restlichen Ägyptern in einem Land, wo Hellhäutigkeit als Schönheitsideal angesehen wird.

Die Nubier verloren ihr Heimatland Nubien, was auf eine 4000jährige Hochkultur zurückblicken kann, mit dem Bau des Assuan-Staudammes 1902 und seiner Erhöhung 1930. Da Nubien überflutet wurde, kam es zur Zwangsumsiedlung für 50000 sudanesische Nubier in Gebietsteile von Khaschm el-Girba am Atbara, für 70000 ägyptische Nubier wurde Land bei Kom Ombo bereitgestellt. Seit langen arbeiten die männlichen Nubier als Arbeitsmigranten im Gastronomiebereich in Kairo und Alexandria, wohin bis heute eine Abwanderung stattfindet. Die Nubier gelten als reinlich und ehrlich. Heute ist der durchschnittliche Bildungsgrad der Nubier höher als der der restlichen ägyptischen Bevölkerung. Mit den Armeniern, Griechen und anderen Europäern nehmen die Nubier 1% der Bevölkerung ein, 99% sind Ägypter, Beduinen und Berber[2].[3]

2.2 Die Beduinen

Die Beduinen, die als traditionelles Hirtenvolk heute noch in der Weidewirtschaft tätig sind, belaufen sich auf maximal 50000 Personen, die von der arabischen Halbinsel her zugewandert sind oder zu afrikanischen Gruppierungen, die eine kuschitische Sprache sprechen. Es ist schwierig, die Beduinen in Ägypten konkret zu bestimmen, da die Bezeichnung arab nicht nur für dieses Hirtenvolk, sondern auch allgemein für Bevölkerungsgruppen arabischer Herkunft benutzt wird. Vor zwei oder drei Jahrhunderten waren die Zahl und Macht der Beduinen weitaus größer. Als Herren der Wüste überfielen sie schwer bewaffnet Fellachendörfer und Wüstenklöster. Mittels Sesshaftmachung und Umsiedelung wurden die Wüstenbewohner befriedet. Heute haben sich die Beduinen in der ägyptischen Bevölkerung integriert, es gibt keine Vollnomaden mehr. Trotzdem werden die Beduinen nicht von der restlichen ägyptischen Bevölkerung als Ägypter anerkannt.

Beduinen-Siedlungen befinden sich am Rande des Niltals und sind gekennzeichnet durch den Namen Beni (Söhne von), wie z.B. Beni Hasan und Beni Hilal. Viele dieser nomadischen Gruppierungen betreiben Waffen-, Rauschgift- und anderen Warenschmuggel im Grenzgebiet zu Libyen und auf dem Sinai.[4]

2.3 Die Kopten

Obwohl die Vorfahren der ägyptischen Muslime meistens koptische Christen waren, sind heute sind etwa 94% der Ägypter Muslime, während die Kopten mit sonstigen Religionen 6% der Bevölkerung ausmachen[5]. Viele Ägypter nahmen im Laufe der 13 Jahrhunderte islamischer Herrschaft den Islam an, aus Angst vor physischer Gewalt oder um in Zeiten von Hungersnöten der Kopfsteuer für Nicht-Muslime zu entgehen. Auch heute treten Kopten zum Islam über, um wirtschaftlichen Vorteil zu erlangen oder aus sozialem Druck aufgrund der starken islamistischen Tendenzen in Ägypten. Obwohl Muslime und Kopten gleichen Ursprungs sind, kann man die Kopten als die direktesten Nachfahren der Pharaonen betrachten, da sich die Muslime mit Arabern, Türken oder Mamaluken vermischt haben. Die arabischen Eroberer bezeichneten die Ägypter als qibt, im Laufe der Zeit galt diese Bezeichnung jedoch nur noch für die einheimischen Christen. Koptisch als Umgangssprache wurde im 15. Jh. durch Arabisch ersetzt. Die Feststellung der Anzahl der in Ägypten lebender Kopten erweist sich als schwierig, da der Staat ein Interesse daran hat, seine Stellung in der islamischen Welt nicht zu gefährden und die Bedeutung der Kopten als Minderheit gering darzustellen. Nach staatlichen Statistiken machen die Kopten 6% der Bevölkerung aus, die koptische Kirche macht eine Angabe von 20%. Ein großes Problem der Kopten besteht darin, dass sie seit der Nasser-Zeit ab 1952 systematisch von der politischen Szene Ägyptens beseitigt wurden und heute mehr in unbedeutenden Bereichen als Alibifunktion gegen Vorwürfe der Diskriminierung eingesetzt werden. Auch die ungerechte Verteilung oder Ausschluss von Studienplätzen, sowie fehlende Beziehungen zum Staatsapparat um wirtschaftlich agieren zu können sind Zeichen der Benachteiligung der Kopten, die als Minderheiten in Dörfern auch heute noch oft fanatischen Muslimen zum Opfer fallen. Schon seit dem 19. Jh. suchen sie deshalb Schutz in den anonymen Großstädten Kairo und Alexandria.[6]

3. Demographische Entwicklungen in Ägypten

„Trotz der erkennbaren Verringerungen [der jährlichen Zuwachsrate] muss die Zuwachsrate im Vergleich zu anderen Ländern, aber auch im Vergleich zu den knapp vorhandenen Landressourcen als immer noch sehr hoch bezeichnet werden. Diese Tatsache ist für den Entwicklungsprozess des Landes nachteilig, denn eine hohe Zuwachsrate der Bevölkerung führte zu zusätzlichen Ansprüchen in den Bereichen Nahrungsmittelversorgung, Bildungswesen, Arbeitsplatzbeschaffung und macht deren Bewältigung schwieriger. "[7]

In den letzten 25 Jahren hat sich die Bevölkerung Ägyptens mehr als verdoppelt, innerhalb von 40 Jahren rund verdreifacht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hatte Ägypten zwischen 1960- und 1970 eine Spitzen-Wachstumsrate von 3%, heute ist sie auf 1,83% gesunken. Die Wachstumsrate steigt exponentiell an (Abb. 1). Die Alterstruktur setzt sich größtenteils aus einer relativ jungen Mehrheit zusammen, das Durchschnittsalter liegt bei 23,4 Jahren, dennoch gibt es einen Trend der zur Alterung der Bevölkerung, wie es in Industrieländern vorherrscht. Statistisch gesehen sind:

- 33,4% zwischen 0 bis 14 Jahren,
- 62,2% zwischen 15 und 65 Jahren
- 4,3% 65 Jahre und älter.

Der Altersaufbau steht in Verbindung mit der hohen Geburten- und Sterberate Ägyptens. Die Annäherung an industrialisierte Verhältnisse ist zum Teil auch in der Geburten- und Sterberate zu vermerken. Mit 23,84 Geburten je 1000 Einwohner oder 2,94 geborenen Kindern pro Frau ist es im Vergleich zu Deutschland mit 8,45 Geburten je 1000 Einwohner zwar immer noch eine sehr hohe Geburtenrate, die jedoch seit den 90ern extrem abgenommen hat (Abb.1). Auch die Sterberate nimmt kontinuierlich ab und ist 2004 auf 5,3 Gestorbenen je 1000 Einwohner gesunken.

Abb. 1 Bevölkerungsentwicklung Ägyptens 1980 bis 2004

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Überarbeitete Graphik aus:

Oberstufengeographie, Dritte Welt. Eine Welt, München 1999, Seite 87ff., Nach Ibrahim, F.N.: Ägypten. Eine geographische Landeskunde. Darmstadt 1996

Daten für 2004: CIA The World Factbook 2004

Aufgrund dieser exponentiell wachsenden Bevölkerungsrate und einer relativ unbedeutenden Netto-Migrationsrate von -0,22 Migranten von 1000 Einwohnern kommt es zur starken Verdichtung der Bevölkerung. Während 1976 die Bevölkerungsdichte bei 36,7 Einwohnern pro qkm lag, ist sie im Jahr 1992 auf 54,9 EW/qkm gestiegen um im Jahr 2004 sich innerhalb von 28 Jahren zu verdoppeln und nach aktuellem Stand bei 76,4 EW/qkm liegt. Die Bevölkerung verdichtet sich besonders in den Städten. Dieser unkontrollierte Bevölkerungszustrom aus den Dörfern und Kleinstädten in die Handels- und Industriezentren Kairo, Alexandria und die Suezkanal-Zone und der vielfach illegale Wohnungsbau in informellen Siedlungen verbraucht erhebliche Teile des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens[8]. Abfallentsorgung und schlechte hygienische Zustände sind nur einige der daraus resultierenden Problematiken.

Bevölkerungsprojektionen gehen von einem weiteren exponentiellen Anstieg der Bevölkerung aus.[9]

Die Gründe des Bevölkerungswachstums in Ägypten sind typisch für die meisten Entwicklungsländer. Hohe Geburtenraten sind eine Begleiterscheinung von Armut. Aufgrund schlechten Gesundheitszustands ist die Lebenserwartung niedrig. Bei hoher Kindersterblichkeit wird dazu geneigt, möglichst viele Nachkommen zu zeugen, um das Überleben einer Mindestzahl zu sichern. Kinder bieten wirtschaftlich gesehen eine billige Arbeitskraft und sichern bei einem mangelhaften Sozialsystem die Altersversorgung. Aufgrund ökonomischer Abhängigkeit und niederer gesellschaftlichen Stellung, könne Frauen in einem Land, wo eine hohe Kinderzahl gesellschaftlich hoch angesehen wird, oftmals nicht die Vorstellung einer meist geringeren Wunschkinderzahl gegenüber den Männern, eine hohe Kinderzahl als Ausdruckskraft ihrer Männlichkeit ansehen, durchsetzten. Auch wird die Großfamilie in religiöser Hinsicht als Wille Gottes gesehen. Der hohe Anteil der Frühehen, die den Zeitraum der Geburten verlängern, ist ein weiterer Grund der hohen Geburtenraten.

Als Hauptgrund für hohe Geburtenraten wird die ökonomische Unsicherheit im Alter und bei Krankheit aufgrund staatlicher Defizite im Bereich Sozialabsicherung gesehen, sodass die Familie als Solidargemeinschaft zur Problemlösung genutzt wird.[10]

Wie Ägyptens Politik auf den demographischen Wandel im Bereich der Familienplanung reagiert, soll im folgenden geklärt werden, um danach die Problematiken des Bevölkerungswandels im Bereich Ernährungssicherung und sozioökonomische Entwicklung zu beschreiben.

3.1 Familienpolitik

Eine Voraussetzung für die Entwicklung eines Landes ist eine tragbare Bevölkerung und Bevölkerungsstruktur, die in sozialem und wirtschaftlichen Einklang steht. Bevölkerungspolitik ist somit primär Maßnahme, menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen. Menschenrechte müssen für jeden, egal welcher Ethnie, Religion oder Geschlecht gelten. Die Verminderung des Bevölkerungswachstums kann dazu beitragen, die soziale, wirtschaftliche und ökologische Überlebensfähigkeit Ägyptens zu sichern. Familienplanung muss aber nicht in einer staatlichen Geburtenkontrolle enden, sondern sollte „die freie und eigenverantwortliche Entscheidung eines informierten Paares über die Zahl und Geburtenabstände ihrer Kinder“[11] sein. Vorraussetzung dafür ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Ernährungssicherung. Einer besonderen Beachtung gilt der Frauenförderung, denn Frauen sind infolge hoher Geburtenraten einer gesundheitlichen Belastung ausgesetzt. Obwohl sie die Verantwortung über das Überleben der Familie durch eine Fülle von Tätigkeiten im Markthandel, im familiären, bäuerlichen, handwerklichen Bereich tragen, steht die Entscheidungs- und Verfügungsgewalt bei den Männern. Um einen genderspezifischen Ausgleich zu schaffen, sollte die Gesundheit und Nahrungsmittelversorgung verbessert werden, um die Säuglings- und Kindersterblichkeitsrate zu verringern. Auch die schulische Ausbildung von Frauen und Mädchen ist hinsichtlich des männlichen Ausbildungsgrads rückständig und muss gefördert werden, wobei gleichzeitig Arbeitsplätze für Frauen im nicht landwirtschaftlichen Bereich geschaffen werden müssen.

Tatsachen zeigen, dass bei deutlichen Entwicklungsfortschritten die Geburtenraten zurückgehen.

Der ehemalige Präsident der Weltbank McNamara beschreibt das Bevölkerungswachstum als „ eine Zeitbombe, deren Gefährlichkeit für die Menschheit nur noch von der Atombombe übertroffen werde[12]

Fakt ist, dass Bildung unbezahlbar wird, wenn bei sinkender Kindersterblichkeitsrate 40% der Bevölkerung jünger als 15 Jahre ist.

Bisherige Versuche der Regierung, durch gezielte Familienplanung das Bevölkerungswachstum zu verlangsamen, sind bisher nur wenig erfolgreich gewesen. Schon unter der Regierung Nassers wurde in einem ersten 5-Jahresplan ein Familienplanungsprogramm eingeführt, dass sich auf die Pillenabgabe für Frauen, die bereits mehr als zwei Kinder hatten, beschränkte und mit einem enormen Kostenaufwand scheiterte. Mit der folgenden Sadat-Regierung kam es zur Re-Islamisierung der Politik mit entsprechendem Konservatismus, sodass Familienplanung in den Hintergrund rückte und heute noch Programme zur Geburtenregelung als „Intervention in die Gesetze Allahs“[13] beschrieben werden.

Durch Programme von NGOs, wie etwa der GTZ, wurde mit relativ geringem Aufwand eine Verbesserung des Gesundheitszustandes durch Maßnahmen zur Gesundheitsüberwachung und Behandlung von Kleinkindern, Schwangerschaftsvorsorge und Familienplanung sowie Gesundheitserziehung erreicht.

Zwar sind die Geburtenzahlen rückläufig, aber alle andere Faktoren wie rückläufige Sterbeziffer und steigende Lebenserwartung begünstigen das Bevölkerungswachstum. Auch wenn die Geburtenrate weiter rückläufig sein wird, würde der Bevölkerungsdruck aufgrund der bestehenden Alterspyramide noch Jahrzehnte anhalten. Solange Eltern Kinder haben wollen oder müssen, ist jede Art der Familienpolitik gescheitert.[14]

4. Entwicklungsprobleme Ägyptens

Ägypten nimmt im Rahmen afrikanischer Entwicklungsländer eine gesonderte Stellung ein. Es konnte durch heimisches Erdöl und Erdgas in der Wirtschaft erfolgreich agieren, das Land weist einen hohen technologischen Standard und eine gut ausgebaute Infrastruktur auf. Die Tourismusindustrie bringt jährlich hohe Einnahmen im Dienstleistungssektor, das Bildungspotenzial ist beachtlich im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten. Schon relativ früh (1815) gab es einen Industrialisierungsansatz und die heutigen Flächenerträge in der Agrarwirtschaft gehören zu den Höchsten der Welt.[15]

Trotzdem steht Ägypten vor der Aufgabe, eine Reihe von Problemen eines Entwicklungslandes zu lösen, welche in erster Linie sich um strukturelle sozial-ökonomische Missstände handeln. So sind die Fragen zur Wasserversorgung, Ernährungssicherung, zum wirtschaftlichen Wachstum, Armuts- und Arbeitslosigkeitsbekämpfung sowie soziale Ungleichheit typische Probleme eines Entwicklungslandes, die hier am Beispiel Ägyptens diskutiert werden sollen.

4.1 Ernährungsproblematik

Die Ernährungssituation in Ägypten spitzt sich zu. Das Land steht unter dem Druck der Wasserversorgung, d.h. der landwirtschaftlichen Bewässerungswirtschaft zur Nahrungsmittelproduktion. Wegen des trockenen Klimas ist intensive Landwirtschaft nur auf Bewässerungsflächen wie im Niltal, im Nildelta und in Oasen möglich. Aufgrund der steigenden Bevölkerungszahl verringert sich die Pro-Kopf-Erntefläche. Entfielen 1821 noch 0,5 ha Erntefläche auf jeden Einwohner, so sind es heute weniger als 0,1 ha Erntefläche pro Kopf, obwohl Ägypten seine Bewässerungsflächen im 20. Jh. um 12180 km² vergrößerte (Abb. 2 und 3). Die großen Landgewinnungsprojekte, wie etwa da New Valley Projekt, verschluckten hohe Energiekosten, der hohe Versalzungsgrad und Verwehungen der wüstennahen Flächen sowie die starke Verdunstung führten zu geringem Kultivierungserfolg. Bewässerungsprojekte zeigten keine Rentabilität, die Bewässerungseffizienz liegt bei 51%[16].

Abb.2 Ägypten: Entwicklung von Bevölkerung und Bewässerungsfläche 1897 - 1999

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entwurf: Müller-Mahn, D.

Datengrundlage: FAO 2000 CAMPAS

Ägypten entwickelte sich von einem ehemals Nahrungsmittel exportierendem Land zu einem Land, das im Jahr 1994 6 Mio. t Getreide, vorwiegend Weizen, importierte. Der Weizen wurde zum Hauptnahrungsmittel, da Ägyptens Agrarpotenzial nicht mehr für den Pro-Kopf-Verbrauch der stark wachsenden Bevölkerung ausreicht. Trotz Landgewinnungsmaßnamen in Wüstengebieten reicht die verfügbare Landnutzungsfläche zur Ernährung der Bevölkerung nicht aus. Abbildung 3 zeigt die enorme Diskrepanz zwischen der Bevölkerungszunahme und dem Agrarpotenzial.

Abb. 3 Die Diskrepanz zwischen Bevölkerungszunahme und Agrarpotenzial

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die verfügbare Landnutzungsfläche pro Einwohner verringerte sich von den 1940er Jahren bis zu den 1990er Jahren auf ein Drittel. Eine Auswirkung dieser Entwicklung ist das „Weizenloch“ Ägyptens. Während 1973 die Hälfte des konsumierten Weizens noch selbst produziert werden konnte, wurden 1990 drei viertel des konsumierten Weizens importiert. Innerhalb dieser Zeitspanne vervierfachte (Abb.4).

Abb. 4 Das Weizenloch Ägyptens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Folge dieses Ernährungs- und Bewässerungsproblems ist eine starke Belastung der Volkswirtschaft, da dieses landwirtschaftliche Defizit nicht durch andere Wirtschaftszweige ausgeglichen wird.[17]

4.2 Sozioökonomische Entwicklung

Seit Mitte der 80er Jahre leidet Ägypten unter einem steten Rückgang der wirtschaftlichen Wachstumsrate. Diese dramatische Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage Ägyptens (Abb.5) lässt sich durch mehrere Faktoren erklären.

Abb.5 Der Rückgang der Wachstumsrate der ägyptischen Wirtschaft 1969 bis 1994

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es beendeten erdölreiche Staaten aus politischen Gründen die Unterstützung, nachdem Ägypten Israel als Staat anerkannte und den Kriegszustand beendete. Zum völligen Zusammenbruch des öffentlichen Wirtschaftssektors, der in den 80er Jahren weniger als 1% Rendite brachte, kam es unter der sozialistischen Politik Nassers. Hohe Staatsverschulden, inkonsequente Wirtschaftsplanung und Absatzschwierigkeiten der qualitativ minderwertigen Produkte hemmten zudem das Wirtschaftswachstum. Das 1994 von der Weltbank verordnete Strukturanpassungsprogramm, führte zu enormen strukturellen Problemen innerhalb der Liberalisierung der Wirtschaft. Der Anteil der Arbeitslosen stieg nun rapide zwischen 1960 und 1992 von 2,5% auf 20% an. 2003 lag er immer noch bei 9,9%[18]. Korruption herrschte in den überbesetzten Ämtern des öffentlichen Verwaltungsapparates, deren Beschäftigtenzahl stark verringert wurde. Mit diesem Umformungsprozess der Wirtschaft wuchs die Armut im Land. Diese kennzeichnet sich durch sprunghafte Steigerung der Lebenshaltungskosten zwischen 1983 und 1993 um 424% in ländlichen Gebieten und 494% in den Städten[19], zeitgleich kam es zu einer Verringerung des Bruttosozialprodukts zu Marktpreisen je Einwohner um 9%[20] und einer steigenden sozialen Disparität. Die Verarmung der Mehrheit der Bevölkerung wuchs mit der sich verbreitenden Korruption und dem Anstieg der neureichen Multimillionäre (Tab.1).[21]

Tab.1 Personen in Ägypten mit Vermögen von 5-200 Mio. US $ (ca. 1990)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Haikal 1995 S.20

5.2 Fazit

Demographische Prozesse sind für die Zukunft des Landes Ägypten aber auch global gesehen ein wichtiger Faktor. Sie müssen aber in ihrem Zusammenhang mit anderen „driving forces“ der globalen Veränderung betrachtet werden. Das Argument, Bevölkerungswachstum führt grundsätzlich zu Überbevölkerung, Hungernöten, Verarmung, Gewalt, Ressourcenknappheit, Umweltzerstörung, Biodiversitätsverlust, Wasser- und Luftverschmutzung ist eine statische Ansicht, denn die Tragfähigkeit der Erde oder eines bestimmten Gebiets ist nicht konstant, sondern ein dynamisches Gleichgewicht, das wesentlich bestimmt wird durch menschliche Entscheidungen und Handlungen. Betrachtet man den Zusammenhang von Bevölkerungsentwicklungen und deren vermeintlichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sind die jeweils historischen, politischen und ökonomischen Bedingungen, soziale und globale Ungleichheiten, Macht- und Besitzverhältnisse zwischen und innerhalb einzelner Länder zu berücksichtigen. Die Bevölkerungsentwicklung unterliegt der Beziehung von Gesellschaft und Natur. Dieses Referat soll herausgestellt haben, dass es nicht sinnvoll ist, danach zu fragen, wie viele Menschen Ägypten oder die Welt tragen kann, sondern zu fragen, wie eine Versorgung der Bevölkerung gestaltet werden kann, die sozial, wirtschaftlich-strukturell und ökologisch verträglich ist.

II. Literaturverzeichnis

CAPMAS: Egypt Post Enumeration Survey for the 1986 Population census. CAPMAS 1989

CIA The World Factbook 2004

http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/eg.html

Elnaggar, Elsayed: Ägypten: Sozioökonomische Entwicklung und Verwaltung. Eine gesamtgesellschaftliche Analyse, Münster 1998

El Sayed: Gallah El Mallah: Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Agraraußenhandels in Ägypten – Analyse und Zukunftsaussichten, Gießen 1981

Ibrahim, Fouad N.: Ägypten: Eine geographische Landeskunde, Darmstadt 1996

Haikal. 1995

Mohammad , Ahmad Y.: Die Einflüsse der demographischen Entwicklung (abnehmende Mortalität und Fertilität) auf die quantitativen Eigenschaften der Erwerbsbevölkerung. Fallstudie: Ägypten, Zürich 1982

Müller-Mahn, D.: Ägyptens ländlicher Raum im Umbruch, In: Geographische Rundschau, Heft 6/2001, Braunschweig 2001

Statistisches Bundesamt (Hg.): Ägypten 1993. Länderbericht, Wiesbaden 1993

[...]


[1] vgl. Ibrahim 1996 S.6-12

[2] CIA The World Factbook 2004

[3] vgl. Ibrahim1996 S.18f

[4] vgl. Ibrahim1996 S.19f

[5] CIA The World Factbook 2004

[6] vgl. Ibrahim 1996 S.15-18

[7] El Sayed 1981 S. 16

[8] vgl. Elnaggar 1998 S.25

[9] Angaben zur Bevölkerung 2004: CIA The World Factbook 2004, alle anderen Angaben: Statistisches Bundesamt 1993 S.16

[10] vgl. Elnaggar 1998 S.238-46

[11] Elnaggar 1998 S.239

[12] WEB der Weltbank 1984 S.11

[13] Mohammad 1982 S.78

[14] vgl. Elnaggar 1998 S. 238-46

[15] vgl. Ibrahim 1996 S.1

[16] CAPMAS 1987 S.46

[17] vgl. Ibrahim 1006 S.1-3

[18] CIA The World Factbook 2004

[19] CAPMAS 1989a S.251f und 1994a S.296f

[20] Haikal 1995 S.17

[21] vgl. Ibrahim 1996 S.3-6

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Details

Titel
Bevölkerung und Bevölkerungsentwicklung Ägyptens
Hochschule
Universität Bayreuth
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V109159
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bevölkerung, Bevölkerungsentwicklung
Arbeit zitieren
Anne Hegge (Autor), 2004, Bevölkerung und Bevölkerungsentwicklung Ägyptens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109159

Kommentare

  • ich S am 11.3.2011

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