Die Theorie der romanischen Bauschulen in Frankreich - Kunst zwischen Wissenschaft und Politik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
26 Seiten, Note: 1

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Humboldt-Universität zu Berlin Gliederung Seite

1. Einleitung

2. Entstehung und Entwicklung der Theorie der Bauschulen
2.1. Arcisse de Caumont und die Erfindung der Stilgeographie
2.2. Eugène Viollet-le-Duc und Jules Quicherat – die Verwissenschaftlichung der Mittelalterarchäologie
2.3. Institutionalisierte Archäologie

3. Entstehung neuer Gedanken und Auflösung der Theorie der ecoles
3.1. Neue Ansätze von Vertretern dieser Theorie..
3.2. Neue Theorien.

4. Ursachen für den Erfolg dieser Theorie
4.1. Das naturwissenschaftliche Primat in der Archäologie
4.2. Das Primat der nationalen Geschichte in der Kunstgeschichte.
4.3. Die Resistenz der Theorie der écoles

5. Schluss.

Bibliographie.

1. Einleitung

Fährt der interessierte Architekturliebhaber durch die verschiedenen Landschaften Frankreichs und besichtigt die romanischen Kirchen des Landes, wird er feststellen, dass sie in ihrer Form in den unterschiedlichen Regionen erheblich voneinander abweichen. Innerhalb eines Gebietes wird er aber immer wieder entdecken, dass bestimmte Merkmale häufiger vor­kommen. Dieser erste Eindruck, der selbst kunstgeschichtlichen Laien auffällt, bestätigt sich durch die wissenschaftliche Überprüfung. Was liegt also näher, als anzunehmen, es gibt bestimmte Gruppen von Gebäuden mit ähnlichen Merkmalen und diese Gruppen sind regional verankert?

Diesen auf der Hand liegenden Fakten folgten die französischen Archäologen des 19. Jahrhunderts und führten ein Klassifizierungssystem ein, das diese Fakten zur Grundlage der romanischen Archäologieforschung in Frankreich machte, das System der écoles, der roma­nischen Bauschulen. Für über hundert Jahre waren sie nun damit beschäftigt, festzulegen, wie viele écoles es in Frankreich gegeben hat, wie die Grenzen ihrer Ausbreitungsgebiete ver­liefen und welche Faktoren zur Ausbildung dieser Schulen geführt hätte. Dabei merkten sie aber nicht, dass sie ein System, mit dem sie den Bestand der romanischen Bauten zu ordnen versuchten, ein System also, dass von ihnen im 19. Jahrhundert erfunden wurde, als histo­rischen Fakt hinstellten, als hätten die Baumeister des 11. Jahrhunderts dieses System bereits gekannt und sich danach gerichtet. Die Theorie der écoles war eine Doktrin, die sich bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hielt. Wegen der Hartnäckigkeit, mit der sich dieses System in der französischen Archäologie gehalten halt, schrieb Pierre Francastel in der Ein­leitung seines Buches über den Geist der Romanik in einem schon fast polemischen Stil: „ Du point de vue de la méthode, je ne puis considérer que comme une extraordinaire aberration, une attitude qui, pour ménager certaines thèses, entraîne à un jeu de répartition géographi­que au moins arbitraire, voire quelque peu fantaisiste.[1]

Unter Kunstgeographie verstand man also in der französischen Mittelalterarchäologie lange Zeit, dass das Aussehen der Kunstwerke von der Umgebung, in der sie entstanden sind, bestimmt worden wäre. Der geschichtliche Hintergrund, der menschliche Faktor, der zur Ent­stehung des Kunstwerkes beigetragen hatte, wurde zugunsten einer systematischen Katego­risierung vernachlässigt. Trotzdem spielte die Geschichte eine entscheidende Rolle in der Mittelalterarchäologie. Die Geschichte sollte die französische Nation legitimieren und die überlieferten Dokumente, zu denen auch die Architektur zählte, sollten diese Gemeinschaft rechtfertigen.

Ich möchte in dieser Arbeit versuchen zu klären, wie das System der Bauschulen entstand und warum es als Ganzes in der französischen Forschung nicht vor den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in Frage gestellt wurde. Im ersten Teil werde ich die Entstehung und Entwicklung der Theorie der Bauschulen in der französischen Archäologieforschung des 19. Jahrhunderts und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zeigen. Ich werde die Theorien der einzelnen Autoren vorstellen und versuchen, ihre Argumente aufzuzeigen, mit denen sie belegen wollten, warum die romanische Architektur von den regionalen Gegebenheiten abhängig war.

Mit dem System der écoles stießen die Forscher im Laufe der Zeit aber immer öfter auf Probleme, sie mussten diese Theorie also modifizieren und erweitern oder sie aufgeben und mit einem neuen Ansatz beginnen. Diese Versuche und die Kritik von Francastel an der Doktrin der écoles lege ich im zweiten Abschnitt dar. Im letzten Abschnitt erörtere ich die Frage, warum sich diese Doktrin so lange in der französischen Architekturforschung gehalten hat. Ich werde versuchen, die Bedingungen der französischen Mittelalterarchäologie des 19. Jahrhunderts zu skizzieren, stelle eine These von Willibald Sauerländer vor, mit der er diese Frage zu beantworten versucht.

2. Entstehung und Entwicklung der Theorie der Bauschulen

2.1. Arcisse de Caumont und die Erfindung der Stilgeographie

Die Theorie der Bausschulen ist eine eigenartige Vermischung von historischer und natürlicher Geographie. Sie führt das Erscheinungsbild romanischer Bauwerke zum einen auf natürliche Gegebenheiten einer bestimmten Region, wie das Klima, die Bodenbeschaffenheit oder die vorhandenen Ressourcen der Baumaterialien zurück. Zum anderen orientiert sie sich an den politischen oder kirchlichen Einteilungen Frankreichs im 11. und 12. Jahrhundert. Der Ursprung dieser Theorie geht auf den Archäologen Arcisse de Caumont zurück.

Caumont gehörte ebenso wie Hérissier de Gerville und Auguste Leprévoste zu den Gründervätern der wissenschaftlichen Mittelalterarchäologie in Frankreich. In ihrer Korres­pondenz fiel zum ersten Mal der Name Romanik, den Caumont 1824 erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte. In seinem Hauptwerk, dem Cours d’antiquité, führte er den Begriff der Stilgeographie ein[2]. Er stellte fest, dass die romanischen Bauten in den verschie­denen Regionen Frankreichs zwar einem gleichen allgemeinen Konstruktionsprinzip folgten, dass sie sich aber in ihrer Dekoration unterschieden.

Diese Unterschiede führte er auf zwei Ursachen zurück. Einerseits spielten die geolo­gischen Voraussetzungen einer Region eine Rolle. Die Möglichkeiten, die sich den Stein­metzen boten, hingen von den natürlichen Gesteinsvorkommen der Gegend ab, in der sie arbeiteten. Weißer, weicherer Stein lässt sich besser bearbeiten als harter Stein. Die Skulp­turen sind in diesen Regionen detaillierter und feiner ausgeführt als in Regionen in denen sich nur harter Stein findet. So konnte sich zum Beispiel in der Normandie mit ihrem Kalkstein­vorkommen eine reichere Skulpturkunst entwickeln als in der Bretagne, die nur über Granit­vorkommen verfügte.

Den zweiten, für ihn jedoch wichtigeren Grund für die Vielfalt der Stile, sieht Caumont in der Wesensart der Künstler, die sich von Provinz zu Provinz unterschied. Die Ursachen für diese Vielfalt seien aber allgemeiner und unabhängiger von den lokalen Gegebenheiten. Es hänge allein vom Geschmack des Künstlers ab, wie die dekorative Ausgestaltung der Bau­werke vorgenommen werde und dieser kann nur durch die Tradition erklärt werden. Auf die Frage, warum sich die Neigungen der Künstler beziehungsweise die Traditionen von Gegend zu Gegend unterscheiden, findet Caumont auch keine Antwort, er vermutet aber, dass einige Gegenden reicher an romanischen Bauwerken waren und deshalb eine größere Vielfalt aus­bildeten. Außerdem führt er noch den Einfluss fremder Kulturen, wie der byzantinischen oder der arabischen, auf, der sich in den verschiedenen Landstrichen unterschiedlich stark bemerk­bar machte.

Diese von Region zu Region unterschiedlichen Traditionen nennt Caumont Schulen. In seinem Abécédaire ou rudiment d’archéologie von 1854 bietet er eine präzise geographische Aufteilung der romanischen Stile an. Er definiert 7 regional verankerte Schulen, die des Norden, die der Normandie und der Bretagne, die des Poitou und des Angoumois, die aquita­nische, die der Auvergne, die des Burgund und der Provence und schließlich die rheinische.[3] Neben der geographischen Lage bestimmte, laut Caumont, das Baudatum als zweite „Koor­dinate“ das Aussehen eines mittelalterlichen Bauwerks. Für ihn lösten die Stile, wie Romanik und Gotik einander ab und der Übergang bedeutete einen Bruch mit der Vergangenheit[4].

Die Lehre von den verschiedenen Schulen sowie die Diskussion um die Anzahl und die regionale Zuordnung der Schulen bestimmte für die nächsten hundert Jahre die Diskussion um die romanische Architektur in Frankreich. Die Mittelalterarchäologen akzeptierten Caumonts doppelte Hypothese, dass regionale Schulen, welche an bestimmten Merkmalen zu erkennen sind, existieren und, dass diese Schulen in den alten Provinzen Frankreichs ver­wurzelt sind. Sein Abécédaire blieb für das gesamte 19. Jahrhundert das Standardwerk der französischen Archäologen; alle weiteren Handbücher waren nichts anderes als Kompila­tionen von Caumonts Schriften. Mit seinem Cours d’antiquité monumentales lieferte er der französischen Archäologie das deskriptive Vokabular und die notwendige Klassifikation[5].

2.2. Eugène Viollet-le-Duc und Jules Quicherat – die Verwissenschaftlichung der Mittel­alterarchäologie

Die Idee der Stilgeographie wurde von Viollet-le-Duc wieder aufgenommen. Er stellte eine Liste von Regionen auf, denen er jeweils eine Bauschule zuordnete. Die Thesen von Viollet-le-Duc und Caumont bildeten das Grundgerüst für die Doktrin der écoles, die während des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vorherrschende Lehrmeinung in der französischen Mittelalterarchäologie war[6].

Obwohl die meisten Gelehrten die Stilgeographie von Caumont akzeptierten, gab es auch Kritiker. Jules Quicherat griff die Thesen von Caumont bereits 1850 an. Er warf ihm vor, die Stilgeographie kranke bereits an der Basis und erfülle nicht die Anforderungen eines guten Klassifizierungssystems. Caumonts Schema lasse wichtige Formen aus, wenn sie nicht in das System passten, außerdem setze es eine lokale Homogenität der Bauwerke voraus, welche so nicht vorhanden ist, vor allem aber liefere es keinen Zusammenhang zwischen den Bauten, keine gemeinsame Idee, die hinter einer Gruppe von Bauwerken stehe[7]. Statt einer geographischen Aufteilung, die alle möglichen, zufälligen Eigenschaften zur Klassifizierung heranziehe, sollte laut Quicherat nur ein grundlegendes Element ausgewählt werden, nämlich das Gewölbe. Anhand dieser Eigenschaft sollten alle anderen Architekturelemente, wie die Stärke der Mauern, die Struktur der Pfeiler oder auch die Skulptur erklärt werden. Dieses neue Ordnungssystem ist nun nicht mehr geographisch sondern methodisch geordnet, aus Caumonts géographie des styles macht Quicherat eine classification des especes. Er führt hier eine Hierarchie und ein Organisationsprinzip ein, die sich nach der Funktion der Elemente richten. Caumont hingegen habe nur die äußeren Merkmale der Kirche registriert, ohne nach einem gemeinsamen Prinzip zu suchen.[8]

Indem er eine rationellere Methode für die Klassifizierung der romanischen Bauten vor­schlug, stellte Quicherat die Mittelalterarchäologie zwar auf eine modernere, wissenschaft­lichere Basis. Trotzdem blieb für die meisten Gelehrten des 19. Jahrhunderts Caumonts Stil­geographie das Maß der Dinge. Sogar Quicherat selber gab am Ende sein System wieder auf, da es ihm zu kompliziert erschien. Pierre Francastel sieht in dieser „Konversion“ Quicherats den besten Beweis für den enormen Einfluss, den Caumont und Viollet-le-Duc auf die franzö­sische Archäologie des 19. Jahrhunderts ausübten[9]. Die Idee von Quicherat, die Form des Gewölbes als entscheidendes Merkmal zur Klassifizierung zu nehmen, floss jedoch in die Theorie der écoles ein: “La géographie des styles était la constatation d’un fait exact; elle devait survive et elle a survécu. Mais Quicherat avait eu grandement raison de choisir comme criterium, au lieu de l’ornamentation, l’économie des voûtes. On a fondu les deux théories. (…) De la thèse de Caumont, de l’antithèse de Quicherat est sortie une synthèse, qui est l’expression de la vérité.[10]

2.3. Institutionalisierte Archäologie

Jules Quicherat war der erste Lehrstuhlinhaber für mittelalterliche Archäologie in der Ecole de Chartes. Diese Institution wurde 1821 gegründet, um den Archivinhalt des alten Cabinet de Chartes zu ordnen. 1847 wurde in ihr die Abteilung für mittelalterliche Archäo­logie ins Leben gerufen. Zum ersten Mal fand damit die mittelalterliche Archäologie in Frankreich eine offizielle und institutionalisierte Form. Auf Quicherat folgte Robert de Lasteyrie auf dem Lehrstuhl.

Robert de Lasteyrie

In seinem Werk L’architecture religieuse en France à l’époque romane, stellt Lasteyrie fest, dass die romanische Architektur in Frankreich keineswegs einheitlich ist, sondern die vermutlich größte Vielfalt innerhalb einer Epoche überhaupt repräsentiert. Die unzähligen Unterschiede werfen das Problem einer sinnvollen Klassifizierung auf[11].

Er glaubt nicht, dass diese Unterschiede zufällig sind, sondern stimmt mit Caumont darin überein, dass sie bestimmten geographischen Gesetzen folgten. Er schlägt vor, dass sie nach großen geographischen Familien klassifiziert werden müssen und übernimmt damit kritiklos das Dogma der Bauschulen von Caumont: „ On est donc aujourd’hui d’accord pour reconnaître qu’il y eu, à l’époque romane, un certain nombre d’écoles distinctes, mais on ne l’est ni sur le nombre de ces écoles, ni sur l’étendue du territoire sur lequel s’est exercée l’action de chacun d’elles.[12]

Die Grenzen der ehemaligen Provinzen können laut Lasteyrie kaum die regionale Aus­dehnung der écoles festlegen, auch wenn es gewisse Beziehungen zwischen der Ausbreitung der Schulen und der alten administrativen Gliederung Frankreichs gebe. Die kirchliche Auf­teilung Frankreichs, also die Grenzen der Bistümer, beeinflussten ebenfalls die geographische Aufteilung der écoles.

Darüber hinaus wägt Lasteyrie weitere Einflüsse ab, die eine Rolle gespielt haben könnten, wie zum Beispiel die Bodenbeschaffenheit, welche die Qualität der verfügbaren Baumaterialien bestimmte, oder politische Umstände, wie die Frage, ob der künstlerische Austausch mit anderen Gebieten gefördert wurde oder ob Rivalitäten zwischen einzelnen Regionen geschaffen wurden. Am Ende räumt Lasteyrie schließlich ein, dass nicht alle Regionen Frankreichs eine gleichbedeutende Rolle bei der Ausbildung der Schulen gespielt haben. Einige Regionen waren Zentren mit großer Ausstrahlungskraft, andere bildeten gar keinen eigenen Stil aus, wurden aber von den Nachbarregionen beeinflusst. Eine ausschließ­lich geographische Aufteilung der Schulen müsse also seiner Meinung nach fehlschlagen, da nicht jeder alten Provinz eine Schule zugeordnet werden kann.

Die Bedachung der Kirchen sei das entscheidende, wenn auch bei weitem nicht das ein­zige Architekturelement, nach dem die Bauwerke in klassifiziert werden können. Lasteyrie unterscheidet aufgrund dieses Kriteriums acht wichtige Bauschulen, die er, wie er sagt, aus Gewohnheit nach den Namen der Provinzen benennt, in denen das Zentrum ihrer Wirkung lag. Die Wirkung dieser Schulen beschränkte sich aber nicht auf diese Provinzen, sondern reichte über ihre Grenzen weit hinaus.

Nachfolger und Kollegen, wie Enlart, Lefèvre-Pontalis, Choisy, Deshoulières, St. Paul oder Brutails schlugen alle eine unterschiedliche regionale Aufteilung vor. Camille Enlart beispielsweise stellt fest, dass sich die Grenzen der Schulen weder nach den Diözesangrenzen noch nach den Provinzialgrenzen richten, sondern, dass sie sich den Einflussgebieten der feudalen Herrschaften angepasst hätten, dass die vasallischen Bindungen also den Stil bestimmt hätten. Leider sei jedoch nichts so komplex und so beweglich wie die alten feudalen Grenzen.

Jean-Auguste Brutails

Über die Probleme der Klassifizierung beklagt sich auch Jean-Auguste Brutails, als er in seinem Buch L’archéologie du Moyen Âge et ses méthodes resignierend feststellte: "La classification des édifices romanes est l'une de ces questions au sujet desquelles les archéo­logues donnent cours volontiers à leur humeur batailleuse." [13] Zwar erkannte er die Unzuläng­lichkeiten des Klassifizierungsschemas von Caumont, hielt aber trotzdem an der geogra­phischen Einteilung fest.

Der Stil eines romanischen Bauwerks wird seiner Meinung nach von sechs Faktoren bestimmt: den Vorgaben durch die Liturgie und die Ikonographie, der Tradition, den Boden­schätzen des Landes, den klimatischen Bedingungen der Region, der Fähigkeit der Arbeiter und dem Kontakt mit anderen Regionen und dem Ausland[14]. Die Tradition wird von bereits vor­handenen Gebäuden in der Region, das heißt vor allem von den noch vorhandenen antiken Ruinen, stark beeinflusst. Dass die lokalen Gesteinsvorkommen einen Einfluss auf die Archi­tektur ausübten, fällt sofort ins Auge, sagt Brutails, deshalb müsse jede archäologische Unter­suchung mit einer geologischen Analyse der Umgebung beginnen.

Der wichtigste Faktor zur Ausbildung regionaler Eigenheiten war seiner Meinung nach aber das Klima. Er unterscheidet dabei vor allem einen Kirchentypus, der im Norden Frank­reichs häufig vorkam, und einen, den man im Süden öfter antrifft. Im Norden überlebte während der Romanik die Bauordnung lateinischer Basiliken - auf die Arkaden, welche das Mittelschiff begrenzten, folgte hier das Triforium und anschließend ein durchfensterter Ober­gaden. Im Süden hat sich diese Bauordnung nicht gehalten, das Triforium sparte man sich hier und im Obergaden fehlten die Fenster, obwohl doch die Architekten gerade im Süden viel mehr antike Ruinen vorgefunden haben mussten und sie damit viel näher an den Quellen waren. Die schlechteren Lichtverhältnisse des Nordens gegenüber dem Süden sind, so Brutails der Grund für dieses Phänomen. Im dunkleren Norden war es notwendig, dass das Hauptschiff durch die Fenster im Obergaden beleuchtet werden musste, während im helleren Süden die Fenster in den Seitenschiffen genügend Licht für die Kirche lieferten. Daraus ergibt sich nun die Konsequenz, dass im Norden die durch die Fenster geschwächten Wände des Hauptschiffes kein Steingewölbe mehr getragen hätten. Hinzu kam im Winter noch die Last des Schnees. Im Norden wurde also überwiegend auf ein Gewölbe verzichtet, wohingegen in den Kirchen des Südens in der Regel ein Gewölbe anzutreffen ist.

Einen weiteren wichtigen Faktor, der für regionale Eigenheiten verantwortlich ist, sieht Brutails in dem Unterschied der Rassen. Ebenso wie sich Schwarze, Gelbe und Weiße oder Engländer, Italiener und Spanier unterscheiden, schreibt er, gibt es auch Unterschiede zwischen Normannen und Gasconiern. Dieser Unterschied sei nicht nur anatomisch: „Würde man eine gleiche Anzahl von Kindern aus Toulouse und Caen aus ihrer Umgebung heraus­nehmen und sie gleichermaßen erziehen, so wären unter den toulousianischen Kindern mehr Künstler. Dies ist nicht nur eine Hypothese sondern eine logische Schlussfolgerung aus Untersuchungen.“[15], führt er aus. Daraus folgert er, dass die Baumeister im Norden eben geschickter im Bauen und Konstruieren waren, die im Süden hingegen im Dekorieren. Die einen, bewiesen mehr Einfallsreichtum bei der Konstruktion der Gebäude, führten das antike Programm der Basilika aus und bereichtern es sogar noch. Die anderen besaßen mehr Fanta­sie, aber weniger Kühnheit bei der Konzeption. Sie lassen vorsichtshalber die komplizierten Teile, wie das Triforium oder den Chorumgang weg, dafür sind ihre Kirchen prächtiger deko­riert.

Den künstlerischen Austausch zwischen den verschiedenen Regionen führt Brutails auf Kriege und Eroberungen, die Reisen der Handwerker sowie den Einfluss der Handelsrouten und der religiösen Orden zurück. Neben den regionalen Schulen erkennt Brutails monastische Schulen. Die großen Orden wie die Zisterzienser oder die Cluniazenser sorgten für eine Ver­einheitlichung des Baustils ihrer Ordenskirchen. Aber auch die Orden waren regionalen Ein­flüssen unterworfen, da sie Arbeitskräfte aus der Region beschäftigten, die Materialen ver­wendeten, die das Land bot, sich mit ihren Kirchen dem Klima anpassen mussten und von der Tradition der regionalen Schulen beeinflusst wurden[16].

Brutails fasst seine Theorie der écoles zusammen, indem er sagt, er möchte die beiden Ansätze von Caumont und Quicherat verschmelzen: Es existieren regionale Schulen, die aber keinesfalls durch strenge Regeln charakterisiert sind, sondern sich durch Präferenzen für diese oder jene Bedachung oder für diesen oder jenen Dekorationsstil auszeichnen. Sie treten nicht auf einem scharf umgrenzten Territorium auf, sondern gehen wild durcheinander und ver­mischen sich[17].

3. Entstehung neuer Gedanken und Auflösung der Theorie der ecoles

3.1. Neue Ansätze von Vertretern dieser Theorie

Die Archäologen am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Anfang des 20. Jahrhunderts akzeptierten das Schema der écoles, das von Caumont aufgestellt wurde, es hatte sich zur Doktrin entwickelt. Zwar wurde es immer schwieriger, diese Methode auf die Erkenntnisse anzuwenden, die von der Archäologieforschung gewonnen wurden, aber die französischen Wissenschaftler zogen es vor, dieses System zu modifizieren, zu erweitern oder mit anderen Systemen zu kombinieren, anstatt es durch einen neuen Ansatz zu ersetzen.

So wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erste schüchterne Versuche unter­nommen, eine überregionale Schule, die sogar unabhängig von nationalen Grenzen war, zu erkennen. Der künstlerische Austausch entlang der Pilgerwege nach Santiago de Compostela passte ganz und gar nicht zur vorherrschenden Lehrmeinung. Deshalb wurde dem System der regionalen Schulen ein zweites System, das der monastischen Schulen übergelegt, welches damit begründet wurde, dass die klösterliche Welt eine bedeutende Rolle in der Baukunst jener Zeit spielte. Diese beiden Systeme, das der regionalen und das der monastischen Schu­len ergänzten sich und widersprachen sich nicht, deshalb wurden sie oft von denselben Auto­ren verwendet[18].

Den künstlerischen Austausch zwischen den verschiedenen Regionen betont auch Jean-Auguste Brutails. In seiner Schrift La géographie monumentale de la France [19] entwickelt er einige neue Ideen, mit denen er die Ausbreitung und die regionale Entwicklung des roma­nischen Stils erklären möchte. Zwar hält er noch an der Stilgeographie und dem System der écoles fest, räumt aber ein, dass es sich bei den Schulen nur um einen verallgemeinernden und vagen Blick auf die geographische Anordnung der verschiedenen Bautypen handelt. Da die Realität viel komplexer sei, könne es nur eine grobe Näherung anbieten. Er möchte eine kurze Übersichtstafel über die Verteilung der Baudenkmäler geben, in denen nur diejenigen Bauten berücksichtigt werden, die dem Idealbild einer Schule am nächsten kommen.

Um bestimmte Zentren, Brutails nennt sie privilegierte Regionen, bildeten sich „Kondensationskerne“, die auf die Umgebung ausstrahlten. Die einzelnen Schulen waren aber nicht hermetisch abgeschlossen sondern durchlässig. Strömungen, die von anderen Regionen ausgingen, konnten durch sie hindurchgehen. Es war kein „ tableau immobile “, sondern es herrschte ununterbrochene Bewegung, architektonische Formen zirkulierten von einer Provinz zur anderen, getrieben von den künstlerischen Strömungen. Die vielschichtigen Kräfte trafen sich an bestimmten Zentren und manifestierten sich als Entfaltung eines Stiles, der sich von dort aus in konzentrischen Kreisen ausbreitete. Er traf aber nicht auf ein Niemandsland sondern auf andere Stile, die von anderen Orten ausgingen. Die Strömungen durchkreuzten und vermischten sich. Mit dieser Erklärung für die Ausbreitung künstlerischer Formen ist Brutails einer der ersten Autoren, der das Konzept der Ausstrahlung architektonischer Formen, die von kulturellen, sozialen oder intellektuellen Zentren ausgehen, entwickelte.[20]

Indem er auf den evidenten Unterschied zwischen der Architektur Nordfrankreichs und der im Süden aufmerksam macht, weist Brutails auf einen wichtigen Punkt hin. Die Loire stellte im Mittelalter (und in bestimmtem Maße auch heute noch) die wichtigste Kulturgrenze Frankreichs dar. Sie war nicht nur eine Siedlungsgrenze – bis hierhin siedelten im frühen Mittelalter die Franken – sondern auch eine Sprach- und Rechtsgrenze. Im Norden galt nach germanischer Tradition das Gewohnheitsrecht, während im Süden nach römischer Tradition das geschriebene Recht Anwendung fand. Im Norden sprach man die langue d’oil, das Französische, wohingegen im Süden die langue d’oc, das Provenzalische, gesprochen wurde. Der romanisch gebliebene Süden gehörte bis weit ins Mittelalter hinein eher zum Mittelmeer­raum als zum Norden Frankreichs, somit ist die Loiregrenze kunstgeschichtlich viel tren­nender, als die deutsch-französische Sprachgrenze.[21] Brutails ist einer der ersten franzö­sischen Kunsthistoriker, der den Unterschied zwischen Norden und Süden mit in seine Über­legungen zur Kunstgeographie einbezieht. Im Gegensatz zur Sprach- und Rechtsgrenze, die sehr starr waren und sich nicht verschoben, war die Grenze der Architekturstile sehr flexibel. Strömungen aus dem Süden konnten nach Norden ausgreifen und umgekehrt.

Auch Henri Focillon hält noch an der Theorie der écoles fest, wenn auch nur, wie er sagt, als eine Konvention.[22] Er fügt aber drei Ergänzungen hinzu: Erstens müssen die über die Jahrhunderte sich angelagerten Anschwemmungen (alluvions) beachtet werden, dass heißt externe Faktoren, wie zum Beispiel der Einfluss orientalischer Kunst. Zweitens muss klar sein, dass die Grenzen der Architekturgeographie nicht mit den Grenzen der feudalen Staaten des Mittelalters übereinstimmen. Drittens muss das Prinzip der Abstammung (filiation), welches innerhalb dieser geographischen Gruppen die Genealogie der Kirchen erklärt und die äußeren Einflüsse präzisiert, beachtet werden. Den letzten Punkt erklärt er, indem er darlegt, dass selbst innerhalb der homogensten Gruppen verschiedene Strömungen entstanden sind: Die Normandie von Caen ist nicht gleich der Normandie von Jumièges. Die burgundische Kunst aus Vezelay ist nicht gleich der Kunst aus Cluny. Außerdem ist eine ausschließliche Zuordnung von bestimmten Formen zu einer einzigen Gruppe nicht möglich. Diese Vor­behalte bestimmen den Charakter der Romanik als eine Kunst der Variation: „(…) il reste que cet art universel est un art local, et c'est là le double principe de sa grandeur. Il cherche partout à varier les applications de ses règles, mais ces variations mêmes tendent à la plus large intelligibilité, à la réalisa­tion d'un modèle ou de plusieurs qui suscitent une imi­tation sans passivité.[23]

3.2. Neue Theorien

Ein neuer Anstoß wurde der französischen Mittelalterarchäologie von dem spanischen Kunsthistoriker Puig I Cadafalch mit seinem Buch Le premier art roman gegeben. Darin klärte er Fragen des Ursprungs und der Verteilung architektonischer Formen: Große Kirchen, die von genialen Architekten erdacht wurden und die an Orten erbaut wurden, an denen sich künstlerische Strömungen konzentrierten, dienten als Prototypen für andere Kirchen. Sie bildeten Zentren, von denen neue Formen ausstrahlten. Die Ausbreitung der Formen richtete sich nicht nach den Grenzen der mittelalterlichen Staaten oder der Kirchenprovinzen, statt­dessen folgte sie den Kommunikationswegen unter Künstlern oder Künstlergruppen. Der Ein­fluss der lokalen Umgebung auf das Aussehen der Architektur war also gering.[24] Cadafalch widersprach damit der vorherrschenden Lehrmeinung der écoles, welche ja gerade durch das Milieu, in welchem sie entstanden, die architektonischen Formen zu erklären versuchte.

Auf Cadafalch berief sich auch Pierre Francastel, der in seinem Werk L’humanisme roman die Suche nach neuen geographischen Grenzen durch die Suche nach neuen intellektu­ellen Grenzen zu ersetzten versuchte und im Übergang von karolingischer Kunst zu roma­nischer einerseits und von romanischer zu gotischer Kunst andererseits den eigentlichen Schlüssel zum Verständnis des esprit roman sah.[25] Vorher rechnete er aber noch mit den Ver­tretern seiner eigenen Disziplin und deren Beharren auf der Doktrin der écoles ab.[26]

Seiner Meinung nach ist es unmöglich, für den dehnbaren und dadurch nichts sagenden Begriff ecole ein eindeutiges Charakteristikum zu finden. Die französischen Archäologen hatten es seit einem Jahrhundert weder geschafft, eine eindeutige Definition der Bauschulen zu liefern, noch die allgemeinen geographischen Grenzen der écoles auf einer Karte einzu­zeichnen. Sie seien alle Caumont und Viollet-le-Duc nachgelaufen, die den entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der französischen Archäologie ausübten.

Obwohl diese Klassifikation den Fakten folgt – schließlich existieren regionale Gruppen von Gebäuden, welche die gleichen Merkmale aufweisen – hilft diese Einteilung nicht, das Wesen der Romanik zu verstehen und ihre Entwicklung nachzuvollziehen. Die geographische Verteilung der Merkmale ist außerdem viel komplexer als es die Theorie der écoles sugge­riert. An manchen Stellen treten bestimmte Merkmale gehäuft auf, man findet sie aber auch über mehrere Diözesen, das ganze Land oder gar mehrere Länder verteilt. Die Vertreter der Theorie der écoles haben aber oft nur ein begrenztes Gebiet untersucht.

Weiterhin kritisiert Francastel, dass die zeitliche Differenz zwischen dem Auftauchen verschiedener Gebäude mit ähnlichen Eigenschaften bisher völlig ignoriert wurde. So wurden im Burgund beispielsweise mit der Konvention der écoles Gebäude zu einer Gruppe zusam­mengefasst, die mehrere Generationen auseinander lagen. Dies sei so, sagt Francastel, als werfe man die Schule von David mit den Impressionisten in einen Topf. Aber selbst bei zeit­genössischen Bauwerken ist die Existenz homogener architektonischer Gruppen nicht klar begründet. So zeigt er, wie in der Auvergne allein der Grundriss bei einer Gruppe von Bau­werken um Clermont gleich ist, ansonsten diese Gebäude aber eine große Vielfalt individu­eller Züge aufweisen.

Einige Eigenschaften, die einzelnen Schulen zugeschrieben wurden, wie beispielsweise die gleiche Höhe aller drei Schiffe der Kirchen im Poitou, sind keineswegs regional, sondern finden sich überall in Frankreich. Dieses Charakteristikum ist ein internationales Phänomen, das in Frankreich überhaupt keine Verankerung hat. Man sollte besser zwischen den beiden historischen Typen der lateinischen Basilika mit Hauptschiff und separaten Dächern der Nebenschiffe sowie der anatolischen Tradition mit drei gleich hohen Schiffen unter einem gemeinsamen Dach unterscheiden.

Abgesehen von den Kuppelkirchen in Aquitanien, findet Francastel kein einziges Charakteristikum, welches für eine regionale Schule charakteristisch wäre. Das völlige Chaos, das bei der Klassifizierung der Kirchen durch die Archäologen herrschte, sei das Ergebnis eines methodischen Fehlers gewesen. Es sei versucht worden, entweder lokal definierte Serien von Gebäuden oder internationale Serien, wie die monastischen Schulen, zu finden; nach einem allgemeinen Gesetz, das der Ausbildung dieser Serien vorstand, wurde aber nicht gesucht. Die oberste und allgemeinste Gliederung, mit der die französischen Archäologen den romanischen Baubestand zu ordnen versuchten, war bisher eine geographische Aufteilung.

Außerdem kritisiert Francastel den Gebrauch des Begriffes Schule. Dieser besitzt keinen präzisen Sinn und er wird auf unterschiedliche Weise benutzt. In der Romanik bezeichnet er einen Stil, während er in der Gotik eine Werkstatt bezeichnet. Der Begriff Schule beinhaltet aber nicht nur eine gewisse Ähnlichkeit, sondern auch die Kenntnis und die Bewahrung eines bestimmten Ideals durch die Vertreter der Schule. Die Meister der Baukunst wollten nicht nur voneinander kopieren, wie es die Doktrin der écoles impliziert, sondern sie wollten sich gegenseitig übertreffen. Die Idee des Bauwerkes existiert als Form, diese Form ist aber nichts konkretes, sie hat keinen Bestand außerhalb der Serie von Bauwerken, die sie vertritt. Sie existiert und manifestiert sich vielmehr in den verschiedenen Bauwerken, die zur selben Zeit entstanden sind und entwickelt sich mit diesen Bauwerken. Die Vertreter der Bauschulen­theorie setzten jedoch voraus, dass es irgendeine Form gäbe, ein Vorbild, das von den Bau­meistern einer Schule immer wieder kopiert wurde. Die Form wäre dann schon vor den Bau­werken vorhanden. Francastel glaubt, dass es nicht mehr möglich ist, Herkunft und Ent­stehung der Form der romanischen Kirchen zu erklären, wenn versucht wird, die Form auf die Umgebung zurückzuführen.

Viele Archäologen haben den Begriff Schule rein geographisch benutzt. Die Beschaf­fenheit des Bodens, die Qualität der Materialien, das Klima hätten einen bestimmenden Ein­fluss auf die Baukunst ausgeübt. Francastel hält dagegen, dass dies nur die künstlerischen Verfahren, nicht aber die Kunst selber erklärt. Andere verwenden den Begriff im rein geschichtlichen Sinne und bezeichnen mit ihm die Bauwerke innerhalb einer kirchlichen oder politischen Provinz. Auch damit, so Francastel, kann nur der eine oder andere Aspekt der romanischen Kunst erklärt werden, das entscheidende Kriterium, die Idee dieser Kunst, kann aber nicht erkannt werden.

Die Archäologen haben die Regionen als von vornherein festgelegte Zivilisationszentren betrachtet. Dies stimmt aber nicht. Auch die Regionen haben ihre Geschichte, sie waren im 11. Jahrhundert etwas ganz anderes als im 12. Jahrhundert. Die Normandie war im 11. Jahr­hundert durch Verwandtschaftsbeziehungen mit Maine verbunden, im 12. Jahrhundert war sie Teil des anglo-normannischen Reiches. Es gab keine vorinstallierten Zivilisationszentren, in denen sich die Architektur entsprechend den lokalen Gegebenheiten entwickeln konnte, erläutert Francastel. Die politische, intellektuelle, soziale und wirtschaftliche Entwicklung ging vielmehr Hand in Hand mit der künstlerischen Entwicklung. Der Aufstieg und die Blüte verschiedener Provinzen zu unterschiedlichen Zeiten gingen oft einher mit der Bildung eines künstlerischen Stils und der Bildung eines unabhängigen politischen Zentrums. Es genügt also nicht, die Region zur Bestimmung eines Bauwerkes anzugeben, die geschichtliche Entwick­lung dieser Region zur Zeit der Entstehung des Gebäudes muss ebenso berücksichtigt werden.

Francastel bezieht sich bei den Ausführungen zu dem letzen Punkt auf Marc Bloch und sein zum damaligen Zeitpunkt gerade erschienenes Werk La société féodale und erwähnt damit ein neues Paradigma der Geschichtswissenschaften, die Schule der Annales, unter dessen Einfluss er den romanischen Geist untersuchen möchte.

4. Ursachen für den Erfolg dieser Theorie

4.1. Das naturwissenschaftliche Primat in der Archäologie

Aus heutiger Sicht mutet es eigenartig an, dass für so lange Zeit ein Klassifikations­schema, welches ja erst Jahrhunderte nach dem Bau der Kirchen erfunden wurde, zur Erklä­rung der Entstehung bestimmter Stile benutzt wurde. Um die Entstehung dieses Modells zu verstehen, ist es nötig, den die Zeit des Beginns der mittelalterlichen Bauforschung in Frank­reich zu beleuchten. Als am Anfang des 19. Jahrhunderts das mittelalterliche Erbe in Frank­reich entdeckt wurde, waren es die so genannten sociétés savantes, Gelehrtengesellschaften, die sich um die Inventarisierung, die Pflege und die Restauration der mittelalterlichen Bau­werke kümmerten.[27]

Besonders in der Normandie wirkte ein Kreis von Gelehrten, der sich für die Bewah­rung, die Erforschung und die Restaurierung der mittelalterlichen Kirchen einsetzte. Hier gründete Arcisse de Caumont 1824 die Société des Antiquaires de Normandie. Das Vorbild dieser Gesellschaft war die englische London Antiquaries Society. Aber auch gedanklich wurde er von englischen Vorbildern inspiriert; schließlich war er sich als normannischer Franzose der alten Verbindungen seiner Heimat zu England bewusst. Daneben bestanden aber auch Kontakte zur deutschen Gelehrtenszene, so traf er sich mehrmals mit Alexander von Humboldt. Diese Verbindung zur Naturwissenschaft war nicht zufällig. Ebenso wie die bereits oben erwähnten Hérissier de Gerville und Auguste de Leprévost, stammte Caumont ursprünglich aus dem Bereich der Naturwissenschaften. So waren die Gründerväter der wissenschaftlichen Mittelalterarchäologie in Frankreich Geologen und Botaniker bevor sie sich den mittelalterlichen Kirchen widmeten.

Die Ausbildung als Naturwissenschaftler und der Umgang mit anderen Naturwissen­schaftlern hatte einen entscheidenden Einfluss auf ihre Ideen ausgeübt. Ein Jahr bevor Caumont die Société des Antiquaires ins Leben rief, gründete er die Société Linnéenne de Normandie, eine Gesellschaft, die sich der Erforschung der natürlichen Umgebung in der Normandie widmete. Der Einfluss des schwedischen Naturwissenschaftlers Carl von Linné auf Caumont war sehr umfassend. Caumont wandte dessen Methoden zur Klassifizierung aus dem Bereich der Botanik auf die mittelalterlichen Baudenkmäler an. Das Ordnungssystem Linnés, die Taxonomie, das er ursprünglich für die Einteilung von natürlichen Objekten, vor allem von Organismen, aufgestellt hatte, übertrug Caumont auf die Architektur. Indem er die Bauten nach äußerlichen Merkmalen einteilte, stellte er somit eine Taxonomie der Archäo­logie[28] auf.

Ein weiterer Zeitgenosse Caumonts war Auguste Comte. Der Vater des Positivismus vertrat die These, dass die Welt vollständig mit Hilfe der exakten Naturwissenschaften zu erklären sei, dass die Methoden der Naturwissenschaften also auch ohne weiteres zur Erklä­rung historischer Phänomene angewandt werden können und die Geisteswissenschaften wie Naturwissenschaften behandelt werden können. Dieser Gedanke hat Caumont offensichtlich stark beeinflusst. In seinem Cours d’antiquités monumentales schreibt er: „ Convaincu d’ailleurs que l’archéologie doit être une science positive, aussi sûre que les sciences physiques d’observation, j’ai hardiment annoncé les faits dont l’authenticité est aujourd’hui reconnue, tel que la modification des formes et la différence des types suivant l’époques. Au contraire ce qui touche à l’origine des inventions, au circonstances qui ont favorisé leur migration, etc…, étant beaucoup moins certains, je me suis contenté de rapporter à ce sujet les opinions les plus généralement admises, sans les adopter absolument.[29]

Caumont unterscheidet hier zwischen einer rein objektiven Archäologie, die auf Analyse der Formen gegründet ist, einerseits und einer Architekturgeschichte, die auf den historischen Zufälligkeiten beruht, andererseits. Er formulierte damit als erster Archäologe in Frankreich den wissenschaftlichen Traum einer Archäologie, die vollständig vom menschlichen Element befreit ist und die allein auf der Analyse der Formen beruht, ohne eine Referenz auf äußere Umstände.[30] Somit blieb seine Analyse das Produkt einer archäologisch bestimmten Natur­wissenschaft, welche die historische Realität nur mit den Augen eines Physikers, eines Geo­logen oder eines Botanikers sehen konnte.

Diese Formanalyse vermischte Caumont nun mit einem Begriff aus der Kunst­geschichte, dem der Schule. Bei der Erforschung der romanischen Baudenkmäler Frankreichs erkannte er, dass in den verschiedenen Regionen Frankreichs bestimmte Merkmale gehäuft auftreten, ja dass es Gebiete gibt, in denen eine nahezu homogene Bausubstanz zu finden ist. Er schloss daraus, dass es gewisse Schulen gegeben haben muss, in denen eine Bautradition weitergegeben wurde.

Der Begriff Schule ist ein vielseitiger Begriff und wird heutzutage vorsichtig gebraucht. Er stammt ursprünglich aus der Malerei und geht bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts zurück. Zur Zeit Caumonts wurde er benutzt, um die hervorragendsten Künstler einer bestimmten Region zu einer bestimmten Zeit zu benennen, die als Vorbild für die künstle­rische Produktion dieses Gebietes wirkten.[31] Francastel kritisiert an der Übernahme des Begrif­fes durch Caumont zurecht, dass der Begriff Schule nicht nur eine gewisse Ähnlichkeit der Kunstobjekte beinhalten sollte, sondern auch die Kenntnis und die Bewahrung eines bestimmten Ideals; eine Schule sei nicht durch die Identität bestimmter Merkmale bestimmt, sondern durch die Entwicklung eines gemeinsamen Ideals.[32]

Das Aussehen eines mittelalterlichen Gebäudes wird für Caumont neben der Region auch von der Entstehungszeit bestimmt. Für ihn folgten die Stile aufeinander, wie die Perlen auf einer Perlenkette: Ein Stil löste den anderen ab, der Wechsel erfolgte überall gleichzeitig und bedeutete einen Bruch mit der Vergangenheit.[33] Dieser Stilsynchronismus wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts von der gesamten französischen Archäologie rigoros eingehalten. Es mutet heute seltsam an, dass die französischen Archäologen, während sie die regionalen Unterschiede betonten und den Austausch zwischen den Regionen ignorierten, gleichzeitig davon ausgingen, dass die zeitliche Entwicklung in allen Gebieten dieselbe war.

Caumont sah seine Aufgabe also in der eines Systematisierers, der das System, dass Linné in seiner philosophia botanica und der systema naturae hinterließ, auf die romanische Bausubstanz anwendete. Für ihn war ein archäologisches Monument wie ein Inventar einzel­ner Stücke. Er sah eine Kirche vielmehr aus den einzelnen Teilen zusammengesetzt, denn als eine einheitliche Konstruktion. Um eine mittelalterliche Kirche zu klassifizieren, genügten ihm zwei Koordinaten: das Baudatum und die geographische Lage.

Quicherat hingegen sah ein Baudenkmal als ein zusammenhängendes Ganzes, er führte eine Hierarchie, ein Organisationsprinzip ein, dass sich nach der Funktion der Elemente rich­tete. Trotzdem behandelte er, genauso wie Caumont, die mittelalterlichen Kirchen wie abstrakte unhistorische Gegenstände, denen von Quicherat auch noch die geographische Lage geraubt wurde. Er teilte sie nach der Gewölbeform in vier Klassen ein, die er wiederum in Arten und Familien untergliederte. Die historischen Gegebenheiten, alles vom Menschen geleistete blieb bei beiden Forschern, bei Quicherat wie Caumont unberücksichtigt. Bei dem Versuch, zu rationalisieren, vertraten beide eine positivistische Wissenschaftsauffassung, einen, wie Jean Nayrolles es nennt, naiven und anmaßenden Szientismus.[34]

Diese Auffassung wurde jedoch während des gesamten 19.Jahrhunderts und auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts unter den französischen Archäologen und Kunsthisto­rikern beibehalten. „ Le peu de considération historique qui sous tend cette théorie “, schreibt Nayrolles, „ paraît relever d’une sorte d’esprit de géométrie combinant avec peine les deux dimensions d’une carte de France des églises romanes avec l’infinie variété historique qui produisait ces monuments. A la source de toutes ces spéculations se trouve un postulat implicite, celui du synchronisme de l’art roman : un synchronisme qui, naturellement, tend a gommer l’historicité de ce style ou, tout au moins, à rendre son historicité si évidente, si « lisse » et peu accidenté qu’elle en devient négligeable pour l’archéologie.“[35]

Caumont und die meisten Archäologen des 19. Jahrhunderts beschrieben ein wirklich­keitsfremdes und rein theoretisches Bild des romanischen Mittelalters, das solange beschnit­ten wurde, bis es sich in ein abstraktes Schema fügte. Das Messbare, das Zählbare, alles was in einer Karte oder in eine Tabelle eingetragen werden konnte, wurde gegenüber der Suche nach den Veränderungen oder dem Fluss, kurz nach dem Leben, bevorzugt.

4.2. Das Primat der nationalen Geschichte in der Kunstgeschichte

Die Geschichte blieb jedoch bei der französischen Mittelalterarchäologie nicht völlig ausgeklammert. Neben der naturwissenschaftlich orientierten Archäologie, die von Caumont ausging, gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert ein Interesse an den mittelalterlichen Baudenkmälern, das sich aus dem Bedarf nach nationaler Geschichte speiste. Das neue Para­digma in der französischen Geschichtsschreibung war die Nation und das Mittelalter wurde als diejenige Epoche angesehen, in der die Grundlagen für die Entstehung der französischen Nation gelegt wurden.

Versuchten während der Revolution und der Zeit des Empires die Historiker noch zu definieren, was eine Nation war, waren sie während der Julimonarchie nun selber an der Macht. Mit François Guizot, der ab 1830 den Posten des ministre de l’instruction besetzte, trat ein Historiker in die Regierung ein, der seine Vorstellungen, wie eine französische Nation zu erschaffen sei, nun von oberster Stelle verwirklichen konnte. Als 1818 Geschichte als Unter­richtsfach eingeführt wurde, nahm zunächst die Antike einen großen Platz ein. Der Bedarf an nationaler Geschichte war in den Augen Guizots also dringend und groß. Es sollten aber nicht mehr die Könige und Regierungen behandelt werden, sondern die Nation, deren Ursprung und Entwicklung.

Um zu verstehen, warum die Geschichte für die französische Nation so wichtig war, muss man sich den Unterschied zwischen dem deutschen und dem französischen Nations­begriff verdeutlichen. Die französische Nation wurde von Anfang an als etwas künstliches, etwas Konstruiertes, als ein Produkt der Geschichte gesehen, im Gegensatz zum ethnisch und kulturell definierten deutschen Nationsbegriff. In Frankreich musste die Nation erst erschaffen werden, während man in Deutschland glaubte, die Nation sei schon in dem deutschen Volk vorhanden und müsse nur sozusagen „geweckt“ werden. Bereits für den französischen Histo­riker Jules Michelet erschien die deutsche Nation wie eine Rasse, wohingegen die franzö­sische Nation eine sei, die sich erst geschichtlich konstituiert hat. Damit sie Bestand hat, bedarf es eines Willensaktes aller Mitglieder dieser Nation, des plébiscite de tous les jours von Ernest Renan. In seiner berühmten Rede „Was ist eine Nation?“ definiert er eine Nation als den Willensakt eines Volkes, das eine gemeinsame Vergangenheit hat.

Diese Vergangenheit musste zu Beginn des 19. Jahrhunderts erst entdeckt werden. Dazu war es notwendig, bis zu den Ursprüngen zurück zu gehen. Die Vergangenheit sollte der Nation eine gemeinsame Erinnerung sein, eine Garantin für Identität, Sicherheit und Vernunft. Die Historiker interessierten sich für die Geschichte, nicht primär um Lehren aus ihr zu ziehen, sondern um zu erforschen, was von der französischen Nation und ihren Interes­sen bereits in der Vergangenheit vorhanden war. Sie wollten zeigen, wie Frankreich das geworden war, was es war. In der Geschichte sahen Guizot und seine Mitstreiter sozusagen das Rohmaterial der modernen Zivilisation: "La civilisation est le résumé de toutes les histoires; il les lui faut toutes pour matériaux."[36] Auch das Mittelalter war in diesem Zusam­menhang ein bevorzugtes Forschungsfeld. Zu jener Zeit, so behauptete man, konstituierte sich nach und nach die französische Nation, hier wurde der französische Staat geschaffen, hier bildeten sich auch jene Klassen, welche auch noch im 19. Jahrhundert die Substanz der französischen Nation waren, die Bourgoisie und das Volk.[37]

Unter Guizots Regie entstand die Société de l’histoire de la France, an deren Gründung auch Caumont beteiligt war. In ihr versammelten sich liberale Gelehrte und Historiker, um eine Sammlung von Dokumenten zu erstellen, die besonders mit der Nationalgeschichte Frankreichs verbunden waren. Diese Sammlung war nicht für Wissenschaftler und Gelehrte bestimmt, wie beispielsweise die deutsche Monumenta Germaniae Historica, sondern ange­legt, um interessierten Laien Zugang zu den Überlieferungen zu verschaffen. Diese Absichten entsprachen auch denen von Caumont, dessen Werke sowohl für wissenschaftliche Archäo­logen als auch für archäologische Dilettanten in den sociétés savantes geschrieben waren.

Die Baudenkmäler des Mittelalters gehörten natürlich ebenso zum Erbe der franzö­sischen Nation, wie die überlieferten Urkunden, Annalen, Chroniken und Berichte. Das Bau­werk diente in diesem Zusammenhang vor allem als Dokument denn als Kunstwerk. In dem ideologischen Kontext dieser Zeit musste die Archäologie als allererstes die Spekulation über den Ursprung der französischen Nation unterstützen. Dieser ganz an der Geschichte orien­tierte archäologische Diskurs wurde in dem Comité historique des arts et monuments und in der Comission des monuments historiques von Historikern und Kunsthistorikern wie Ludovic Vitet oder Prosper Merimée geführt, die im Gegensatz zu Gerville oder Caumont einen sehr großen Wert auf die Geschichte in der Kunstgeschichte legten.

Die Wege der Archäologen und der Kunsthistoriker gingen also während der 1830er Jahre weit auseinander, ihr Ziel aber war dasselbe: Die Ausarbeitung eines noch genaueren, noch umfassenderen und noch geordneteren Wissens über die mittelalterliche Kunst. Und ihre Wege kreuzten sich. Die Bauschulentheorie von Caumont wurde, wie bereits oben gezeigt, von fast allen französischen Archäologen des 19. Jahrhunderts akzeptiert. Ebenso hatten aber die historischen Modelle, die von liberalen Historikern wie Francois Guizot, Jules Michelet, Augustin Thierry oder Henry Martin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, den größten Einfluss auf die Debatten, die in der französischen Archäologie geführt wurden. Der Versuch, die historischen Monumente als konstitutive Elemente der franzö­sischen Nation zu bestimmen, blieb weiterhin ein Ziel der mittelalterlichen Architektur­forschung.

Die umstrittene Frage in Bezug auf die Romanik war aber, ob sie tatsächlich französisch sei oder nicht. Die gotische Kunst sei der französische Nationalstil schlechthin gewesen, darin waren sich alle Archäologen einig. Die Romanik hingegen wurde oft weniger als eigenstän­diger Baustil, denn als Nachleben oder Vorstufe von etwas Anderem verstanden und im diffu­sen Zeitbereich zwischen spätantiker oder frühmittelalterlicher und gotischer Architektur angesiedelt.[38]

Viollet-le-Duc sieht in ihr die Unmündigkeit des französischen Volkes vor dem Erscheinen der Gotik. Die römische Architektur sei Gallien in der Antike von Rom aufge­zwungen worden. Die romanische Kunst im Mittelalter gilt für ihn als Kopie der römischen und ist das klerikale Gegenbild der Gotik. Erst in der Gotik konnte sich endlich der Genius der französischen Nation entfalten. In seinen Entretiens schreibt er, dass sich die Reife einer Nation in seiner Architektur spiegelt. Man könne jederzeit zu einem Volk sagen: „ Montre-moi ton architecture, je saurai ce que tu vaux.“[39] Zwischen der Architektur einer Nation und ihrem Wert herrschen seiner Meinung nach so enge Beziehungen, dass die Moralgeschichte eines Volkes an ihren Bauwerken abgelesen werden könne.

Zur Zeit der Romanik, fährt er fort, gab es noch keine französische Nation, es gab also auch noch keine einheitliche Architektur in Frankreich. Nicht eine Gesellschaft allein exis­tierte in Frankreich, sondern mehrere Gesellschaften waren parallel vorhanden und somit gab es auch mehrere Architekturen. Die Klöster des 11. Jahrhunderts waren Orte, an denen sich Leute zurückzogen, die von den anarchischen Zuständen in der damaligen Epoche genug hat­ten, um dort Ruhe und Stabilität zu finden. Sie sammelten die Trümmer der antiken Kultur auf und pflegten Beziehungen zu fremden Ländern, in denen die Errungenschaften der Zivilisa­tion erhalten geblieben waren, wie Byzanz oder das arabische Spanien. Dementsprechend sei die Architektur, die sie hervorbrachten, einerseits zusammengesetzt aus den Trümmern der antiken Kultur und andererseits ausländischen Einflüssen unterworfen gewesen. Dieser Stil war für Viollet-le-Duc keine authentische französische Architekturschöpfung. Erst am Ende des zwölften Jahrhunderts begann die französische Nation zu entstehen. Für die Bautätigkeit wären nun Laien verantwortlich gewesen. Nicht mehr die Mönche hätten bestimmt, was gebaut werde, sondern die freien Bürger der Städte Frankreichs. Diese hätten innerhalb weniger Jahre die romanische Tradition aufgegeben. Mit der Kathedrale entstand eine authentische Schöpfung der französischen Kunst, der französische Stil, welcher erst später als barbarischer Stil, also als Gotik abgewertet wurde.[40]

Louis Courajod widerspricht dieser Auffassung Viollet-le-Ducs. Für ihn ist auch die Romanik eine eigene französische Schöpfung und nicht bloß die Kopie römischer Kunst. Der romanische Stil setzte sich, wie er schreibt, aus Elementen gallischer, galloromanischer, latei­nischer, byzantinischer, barbarischer und arabischer Kunst zusammen. Die Menschen zur Zeit der Romanik hätten aber die Elemente nicht bloß kopiert, sondern sie hätten einen eigenen neuen Stil entwickelt, der bereits eine Leistung der französischen Nation gewesen sei. Sie konnten in aller Freiheit einen eigenen Nationalstil erschaffen, da sie nicht mehr Teil des antiken römischen Reiches waren. Die Gotik war nur ein besonderer Ausdruck dieser, gegen­über der Antike eigenständigen, mittelalterlichen Kunst. Man könne also bereits zur Zeit der Romanik von einem nationalen französischen Stil sprechen, der seine höchste Vollendung in der Gotik fand. Neben den lateinischen Ursprüngen dürfe der Einfluss der barbarischen und byzantinischen Kunst keinesfalls vernachlässigt werden.[41]

Camille Enlart widerspricht beiden Forschern. Viollet-le-Duc’s Behauptung, es hätte im Mittelalter einen Kampf zwischen klerikaler Kunst und laikaler Kunst gegeben, sei stark übertrieben. Vor allem aber ereifert er sich mit seiner Kritik an Courajod: Dieser möchte doch den Franzosen allen Ernstes weismachen, dass die Ursprünge ihrer Kultur von den germa­nischen Barbaren kämen. Diese Behauptung könne keiner Überprüfung standhalten. Die einzige und wirkliche Quelle der mittelalterlichen französischen Kultur und ihr Ideal sei die römische Kultur gewesen. Vor dem Hintergrund des deutsch-französischen Konfliktes seit 1871 schreibt er dem Nachbarn von der anderen Seite des Rheins jedwede kulturelle Eigen­ständigkeit ab: „ Le barbare (…) ne pouvait apporter que la barbarie.[42] Es war vielmehr die Kirche, welche nach der Zeit der Barbarei die römische Kultur gerettet und erneuert hat.[43]

Die romanische Kunst wurde von verschiedenen Autoren sowohl als Gegensatz zur Kunst der französischen Nation gesehen als auch als eine Manifestation der Eigenständigkeit der französischen Nation. Sie wurde sowohl als Ausdruck der Unabhängigkeit der Franzosen im Mittelalter dargestellt, als auch als das letzte Aufleben der imperialen Architektur Roms unter dessen Joch Gallien einst stand. Dies zeigt, wie sehr die Architektur instrumentalisiert wurde, um politische Ideen zu rechtfertigen. Es zeigt aber auch, wie unsicher eine rein geschichtliche Interpretation der Kunst sein kann und es wundert nicht, dass die Archäologen froh waren, wenigstens in der Theorie der écoles eine vermeintliche Sicherheit zu haben und sich ebenso wie die Naturwissenschaftler auf ein verlässliches System berufen zu können.

4.3. Die Resistenz der Theorie der écoles

Trotzdem scheint es seltsam, dass diese Theorie, die in der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts von Caumont aufgestellt wurde, für 100 Jahre Bestand hatte und die Debatten der französischen Archäologen bestimmte. Es stellt sich die Frage, warum dieses Klassifi­zierungsschema, welches eigentlich schon längst an seine Grenzen gestoßen war und keine neuen Erkenntnisse mehr liefern konnte, in Frankreich so resistent war. Warum haben die französischen Archäologen dieses Schema, für das es außerhalb Frankreichs keinen Parallel­fall gibt, trotz seiner Mängel als Dogma, als vorherrschende Lehrmeinung oder auch nur als Konvention, akzeptiert?

Willibald Sauerländer spricht in einem kurzen Aufsatz dieses Problem an.[44] Er schreibt, dass das kulturelle Erbe aus der romanischen Epoche, welches ja gerade erst im 19. Jahr­hundert entdeckt wurde, einerseits auf dem Territorium eines extrem zentralisierten Staates lag und andererseits in seinem Erscheinungsbild sehr divers war. Aus den Versuchen, diesen Widerspruch von moderner Zentralisation und unzentralisierter archäologischer Materie zu lösen, entstand der Streit um die écoles, der ca. 100 Jahre lang die Archäologen und Kunst­historiker Frankreichs beschäftigte: „Die Doktrin von den ‚ écoles ’, die sich ja immer auf das französische Territorium beschränkte (…) war nichts anderes als der Versuch, dieses dispa­rate an die Sonderexistenz der Provinzen geknüpfte Patrimonium auf ein System zu bringen, es sozusagen einem ‚ Tableau de la France ’ zu integrieren“[45]

Sauerländer erwähnt die neue administrative Gliederung Frankreichs nach der Revolu­tion. Seit dem 16. Jahrhundert entwickelte sich Frankreich mehr und mehr zu einem zentralis­tischen Staat. Ihren Höhepunkt erlangte diese Entwicklung mit der Revolution. In den Revo­lutionsjahren wurde die alte Provinzialgliederung Frankreichs abgeschafft und durch eine Aufteilung des Staatsgebietes in Departements ersetzt. Diese neue Gliederung des Staats­gebietes sollte in keinem Punkt an die alte feudale Gliederung Frankreichs erinnern. Die Departements wurden nach naturgeographischen Gegebenheiten wie Flüssen oder Bergen benannt, um Assoziationen mit historischen Orten zu vermeiden. Durch diesen Bruch mit der Vergangenheit wurde die lokale Geschichte sozusagen von der Gegenwart abgeschnitten und die vorhandenen lokalen Überreste aus der Vergangenheit von ihren historischen Wurzeln getrennt. Die Geschichte war nun gleichsam tote Materie, die mit einem naturwissenschaft­lichen Ordnungssystem klassifiziert und dazu benutzt werden konnte, die moderne Idee der französischen Nation zu erklären.

Sauerländer bezieht sich in seinen Ausführungen auf den Historiker Jules Michelet, der zu der im vorigen Kapitel erwähnten Gruppe von liberalen Historikern gehörte, die das Geschichtsbild der Julimonarchie prägten. Michelet war ein glühender Verfechter der Idee der Nation und ein engagierter Vorkämpfer der Republik. Seine romantische Geschichtsauffas­sung goss er in eine 16 Bände umfassende französische Geschichte. Dem zweiten Band stellt er das, in der französischen Literatur berühmt gewordene, Tableau de la France voran. Darin umriss er seine Vorstellungen von einem zentralisierten französischen Nationalstaat. Am Beginn dieser Abhandlung schreibt er: „ Je voudrais faire une géographie à la fois physique et politique (…) Ce serait en partie un manuel historique par ordre géographique. On y ferait le matérialisme de l’histoire en avertissant que cette vue est très incomplète. On insisterait sur les circonstances physiologique, physique, botanique, zoologique, minéralogique, qui peuvent expliquer l’histoire.“[46] Demnach wird die Geschichte nicht nur von den politischen Aktionen bestimmt, sondern auch von natürlichen Gegebenheiten, der Geographie des Landes. Diese lokalen Faktoren, die geographischen Ursprünge bestimmen aber nur den Ursprung der Nation. An die Stelle des lokalen Geistes ist ein gemeinsamer Geist getreten. Die Menschen, die in dem Land leben, entfliehen den lokalen Zwängen und entwickeln eine eigene Geschichte, unabhängig von den geographischen Voraussetzungen: „ L’esprit local a disparu chaque jour. L’influence du sol, du climat, de la race a cédé à l’action sociale et politique. La fatalité des lieux a été vaincue. L’homme a échappé à la tyrannie des circonstances matériel­les. (…) La société, la liberté ont dompté la nature, l’histoire a effacé la géographie (…) l’esprit a triomphé la nature, le général au particulier, et l’idée du réal.[47]

Die ‘geographische’ Geschichte, die Michelet vorschlägt, zielt demnach nicht auf eine vergleichende Darstellung der einzelnen Regionen ab, sondern auf die neue Identität des Menschen in der Nation. Die lokalen Ursprünge der Geschichten der Regionen sind das Aus­gangsmaterial, aus dem die Geschichte der Nation konstruiert wird. Ein klassifizierendes System, wie die Theorie der Bauschulen, das regionale Unterschiede systematisiert, um sie dem übergeordneten System Nation zu integrieren, musste in dieser Geschichtsauffassung willkommen sein.

Nach Sauerländers Meinung hat Caumont also ein Klassifizierungssystem aus der Naturwissenschaft mit Kriterien der historischen Geographie und dem Ordnungsbegriff „Schule“, welcher aus der Literatur über die Malerei stammt, verschränkt. Die nationale mittelalterliche Bauarchäologie hat sich dann im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgreich institutionalisiert und zu einer positivistischen Merkmalswissenschaft verfestigt. Die Lehre von den Schulen war eine Doktrin und stellte die ausschlaggebende Lehrmeinung dar. Der Erfolg dieses Systems ist damit zu erklären, dass, nach dem historischen Bruch der Revo­lution, eine neue, auf den modernen Nationalstaat abzielende Geschichte konstruiert werden musste und die Theorie der écoles dazu geeignet war, den Graben zu der feudalen Vergan­genheit, von deren Existenz noch die romanischer Kirchen zeugten, zu überbrücken.

Diese These Sauerländers erklärt einen wichtigen Aspekt der Theorie der écoles; trotz­dem vereinfacht meiner Meinung nach Sauerländer das Problem zu sehr, wenn er die Debatte um die écoles nur auf den Widerspruch zwischen zentralisierten modernen Nationalstaat und unzentralisierter archäologischer Materie zurückführt. Ein weiterer Kritikpunkt an seiner Argumentation ist, dass man den Eindruck gewinnt, als wäre die räumliche Verteilung der unterschiedlichen Merkmale fest verknüpft mit der alten Aufteilung Frankreichs in Provinzen. Dies ist aber gerade nicht der Fall. Es spielen viele weitere Faktoren eine Rolle, wie die Aus­strahlungskraft künstlerischer Zentren, die Ausbildung und Entstehung solcher Zentren, die Rolle der Orden, die Verbreitung geistlicher, kultureller und intellektueller Ideen, Wanderungsbewegungen der Handwerker, Pilgerströme etc. Die Vielfalt kann eben nicht nur mit der, wie Sauerländer schreibt, „Sonderexistenz der Provinzen“ erklärt werden. Er hat zwar Recht, wenn er in dem Widerspruch zwischen modernem französischen Nationalstaat und der Zerstückelung des französischen Territoriums zur Zeit der Romanik eine Erklärung für die Debatte um die écoles im 19. Jahrhundert sieht, dies ist aber nicht die einzige Erklärung. .

Daneben gibt es weitere Gründe für das lange Fortbestehen der Stilgeographie Caumonts in der französischen Archäologieforschung des 19. Jahrhunderts. Der Einfluss dieses Gelehrten selber und der seiner Werke auf die französische Mittelalterarchäologie sollte nicht unterschätzt werden. Caumont war eine Autorität, auf die sich alle französischen Archäologen bezogen. Daran haben die sociétés savantes sicherlich einen entscheidenden Anteil. In diesen Gesellschaften untersuchten archäologische Dilettanten den regionalen Bestand mittelalterlicher Bauten. Für diese Laien waren die Werke Caumonts sozusagen die Bibel.[48] Caumont hat seine Bücher ohne hohen wissenschaftlichen Anspruch geschrieben, so dass sie sowohl von Wissenschaftlern als auch von interessierten Laien gelesen werden konnten. Ein einfaches, auf einer positivistischen Merkmalswissenschaft basierendes Klassifi­zierungssystem hat diese Privatgelehrten mehr angesprochen, als ein wissenschaftlich fundiertes System, wie beispielsweise das von Quicherat, welches schon allein wegen seiner Komplexität kaum Beachtung fand. Andererseits gab es gewiss umfangreiche Verbindungen zwischen den sociétés savantes, der institutionalisierten Archäologieforschung der école de chartes und der universitären Kunstwissenschaft.

Diese Gelehrtengesellschaften sind Ausdruck einer Reaktion auf die Zentralisation im 19. Jahrhunderts, die oft vernachlässigt wird. Die moderne, zentralisierte Gesellschaft provo­zierte eine Antwort: die Suche nach den Wurzeln, die Wiederentdeckung der Geschichte der Provinzen, ihrer Bräuche, ihrer Kulturen und ihrer Folklore, eine Gegenbewegung auf die Aufhebung der lokalen Identität durch die nationale Identität, die von Historikern wie Michelet oder Guizot beschworen wurde[49]. Caumont selber war keinesfalls ein Zentralist, im Gegenteil, er forderte die Rechte der Provinz ein, ihn interessierte die regionale Geschichte, die Vergangenheit der Provinzen. Die Rivalität zwischen Paris und der Provinz, der Konflikt zwischen zentralistischem Jakobinismus und föderalem Girondismus blieb während des gesamten 19. Jahrhunderts bestehen. Eine Theorie wie die von Caumont, welche die mittel­alterliche Architektur nach dem Prinzip der Aufteilung auf die alten Provinzen zu klassifi­zieren versuchte, muss auch unter dem Aspekt dieses Konfliktes gesehen werden. Im 19. Jahrhundert erlebte die Folklore trotz der zentralistischen Staatsführung in Frankreich eine Renaissance. Die Traditionen der Provinzen, ihre Gebräuche, ihre Trachten, ihre Dialekte, aber auch ihre Bauformen wurden untersucht, klassifiziert, konserviert, restauriert und auch kopiert. Die Entwicklung neoromanischer und neogotischer Architektur im 19. Jahrhundert ist unter anderem mit diesen Entwicklungen zu erklären.[50]

Waren die regionalen, folkloristisch motivierten Gelehrtengesellschaften daran interes­siert, die Romanik als ihre Vergangenheit zu entdecken, muss der ‚offiziellen’, institutiona­lisierten Archäologie ein gewisses Desinteresse an der Romanik vorgeworfen werden.[51] Die Romanik wurde oft nur als Ausklang der römischen Architektur betrachtet, als ein Stil, der vom Verfall zeugt, im Gegensatz zur Gotik, die als Neuanfang angesehen wurde. Für die nationale Geschichtsschreibung war die Epoche der Romanik wenig interessant, da hier noch keine tatsächliche nationale Geschichte erkannt werden konnte. Es wurde untersucht, wo die Ursprünge dieser Kunstrichtung zu suchen sind, ob sie römisch, französisch, byzantinisch, orientalisch oder germanisch waren. Dabei wurde übersehen, dass es ich hierbei um ein euro­päisches Phänomen handelte.

Sauerländers fasst das Problem meiner Meinung nach zu eng, wenn er den Einfluss Michelets und den der liberalen Historikerschule zu stark betont. Im Zusammenhang mit der Kunstgeographie in Frankreich des 19. Jahrhunderts muss noch eine andere wissenschaftliche Schule betrachtet werden, die von Hippolyte Taine repräsentiert wird. Als Positivist in der Nachfolge von Comte sah er die Erkenntnis, aber auch die schöpferische Tat des Künstlers von vier Faktoren bestimmt: der Rasse, dem Milieu, dem Moment und der spezifischen Indi­vidualität, also der Genialität des Individuums. Mit dieser deterministischen Kulturtheorie argumentiert Taine, ähnlich wie einige zeitgenössische deutsche Autoren, dafür, dass ein Kunstwerk durch das Millieu, in dem es entstand, nicht nur erklärt werden kann, sondern auch festgelegt ist. Zwischen diesen beiden Polen, dem geographical possibilism eines Jules Michelet und dem environmental determinism eines Hippolyte Taine, so schreibt Thomas Dacosta-Kaufmann, entwickelte sich die französische Kunstgeographie im 19. Jahrhundert.[52]

5. Schluss

Es ist schwierig, die romanische Baukunst zu bestimmen. Sie ist zwar ein internationaler Stil, ihre Stärke liegt aber zugleich in der regionalen und programmatischen Abweichung. Die Franzosen hatten es dabei besonders schwer. Sie verfügen zwar über ein reiches Erbe an romanischen Kirchen, dieses schien aber überhaupt nicht zu dem modernen Zentralstaat zu passen. Darüber hinaus stellte sich der französischen Forschung ein weiteres Problem: Nach der französischen Revolution wurde versucht, die Verbindungen zur Vergangenheit zu kappen. Mit der administrativen Neugliederung des Landes sollten die feudalen Strukturen, das Weiterleben des Ancien Regime auf dem Lande verhindert werden. Ein neuer Staat der französischen Bürger sollte geschaffen werden. Damit wurden aber auch regionale Traditio­nen unterbrochen und die regionale Identität wurde geschwächt. Für die Beschäftigung mit der Vergangenheit stellte dieser Bruch ein Problem dar, das auf unterschiedliche Weise gelöst wurde. Auf der einen Seite gab es die Liberalen und die Nationalen, die die Schaffung der französischen Nation begrüßten und weiter vorantreiben wollten. Die Vergangenheit wurde dafür verwendet, die Nation zu legitimieren. Auf der anderen Seite ist aber auch eine Gegen­bewegung zu verzeichnen, ein Erstarken regionaler Tendenzen, eine Renaissance der Folk­lore. Diese Bewegung erlangte während des 19. Jahrhunderts zwar kaum politischen Einfluss, stattdessen untersuchten die Vertreter dieser Strömung die Vergangenheit als Beweis ihrer Individualität und ihrer regionalen Identität. Beiden Seiten kam das Modell der Bauschulen, das in der Mittelalterarchäologie zur Klassifizierung romanischer Kirchen aufgestellt wurde, gelegen.

Beide Bewegungen verkannten aber auch den Charakter der Romanik als europäisches Phänomen. Es gab zwar regionale Besonderheiten – mehr noch: Gerade die regionalen Besonderheiten machen den romanischen Stil aus – aber, um den Geist dieser Epoche zu erfassen, muss die Romanik als eine europäische Stilrichtung aufgefasst werden; wenn man die Bauten in den Kreuzfahrerstaaten noch hinzuzählt, ging sie sogar über Europa hinaus. Mit dem Modell der Bauschulen blieben die Mittelalterarchäologen auf Frankreich fixiert. Auf der Suche nach einer nationalen Kunst konnten die Archäologen bei romanischen Bauwerken nicht fündig werden. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Romanik von Kunsthisto­rikern wie Puig I Cadafalch unter einem internationalen Blickwinkel untersucht.

In Frankreich entspricht die Vielfalt der romanischen Stile zwar der politischen Zer­stückelung des 11. und 12. Jahrhunderts, es ist aber nicht möglich, von einer politischen Landkarte auf eine Landkarte der Kunstdenkmäler zu schließen. Ebenso beeinflussten die geographischen Bedingungen der Natur die Bauweise, sie determinierten sie aber nicht. Diese positivistische Herangehensweise war das Hauptproblem der Doktrin von den écoles. Deshalb war sie zum Scheitern verurteilt. Dass sie sich trotzdem so lange halten konnte, ist neben den erwähnten politisch motivierten Gründen auch der Wissenschaftsgläubigkeit des 19. Jahr­hunderts zu verdanken. Die Naturwissenschaften traten im Laufe dieses Jahrhunderts ihren Siegeszug an und bewiesen ihre Anwendbarkeit, Wirksamkeit und Effektivität. Aufgrund dieses Erfolges glaubten viele Wissenschaftler, die naturwissenschaftlichen Methoden besäßen generelle Gültigkeit und ließen sich auf alle Gebiete menschlichen Wissens anwenden. Dabei übersahen sie, dass dies nur Methoden waren, keine Naturgesetze. Metho­den müssen ihre Anwendbarkeit aber damit beweisen, dass sie vernünftige Ergebnisse liefern. Die Theorie der Bauschulen, so wie sie von Arcisse de Caumont und Viollet-le-Duc aufge­stellt worden war, tat dies aber nicht.

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VIOLLET-LE-DUC, Eugène Emmanuel: Entretiens sur l’architecture. Nachdruck d. Ausg. Paris 1863 – 1872, Brüssel 1986.

[...]


[1] FRANCASTEL 1942, S. 7.

[2] Vgl. CAUMONT 1831, S. 189.

[3] Vgl. CAUMONT 1854, S. 201.

[4] Vgl. CAUMONT 1831, S. 46; CAUMONT 1854, S. 7f;

[5] Vgl. BERCÉ 1984. S. 564f.

[6] Vgl. FRANCASTEL 1942, S. 2.

[7] Vgl. ebd. S. 10.

[8] Vgl. NAYROLLES 1994, S. 167ff.

[9] Siehe FRANCASTEL 1942, S. 42.

[10] BRUTAILS 1900, S. 173f.

[11] Vgl. LASTEYRIE 1912, S. 406-412.

[12] Lasteyrie 1912. S. 406.

[13] BRUTAILS 1900. S. 164.

[14] Vgl. ebd. S. 4ff.

[15] Ebd. S. 26.

[16] Vgl. BRUTAILS 1908. S. 99ff.

[17] Vgl. ebd. S. 102

[18] Vgl. NAYROLLES 1994, S. 292ff.

[19] Vgl. BRUTAILS 1923.

[20] Vgl. DACOSTA-KAUFMANN 2004, S. 64.

[21] Siehe KELLER 1963. S. 129ff.

[22] Vgl. FOCILLON 1938. S. 73ff.

[23] ebd. S. 73.

[24] Vgl. DACOSTA-KAUFMANN 2004, S. 65.

[25] Siehe FRANCASTEL 1942.

[26] Vgl. FRANCASTEL 1942. S. 1-38.

[27] Vgl. BERCÉ 1986. S. 534f.

[28] Vgl. NAYROLLES 1994. S. 92ff.

[29] CAUMONT 1830, S. VIIf.

[30] Vgl. NAYROLLES 1994, S. 98f.

[31] Vgl. SAUERLÄNDER 1986, S.30; DACOSTA KAUFMANN 2004, S. 45f

[32] Vgl. FRANCASTEL 1942, S. 30f.

[33] Siehe CAUMONT 1831, S. 46; CAUMONT 1854, S. 7f; NAYROLLES 1994, S.103ff.

[34] Vgl. NAYROLLES 1994, S. 169.

[35] Ebd., S. 291.

[36] Guizot: Histoire de la civilisation en France. Zitiert aus : THEIS 1986. S. 576.

[37] Vgl. THEIS 1986; NAYROLLES 1994, S. 109-144.

[38] Vgl. HARTMANN-VIRNICH 2004, S. 261.

[39] VIOLLET-LE-DUC 1986. S. 237.

[40] Vgl. ebd.. S. 237ff.

[41] Vgl. COURAJOD 1899. S. 41ff.

[42] ENLART 1927, S. XVf. Diese Aussage muss auch im Zusammenhang mit der Zerstörung französischer Kunstdenkmäler wie der Reimser Kathedrale durch deutsche Truppen im ersten Weltkrieg gesehen werden, die auch Emile Mâle dazu veranlasste der deutschen Kunst jedwede Originalität abzusprechen. (Siehe dazu Gebhardt, Volker: Das Deutsche in der deutschen Kunst Köln 2004, S. 12-21) Aber bereits seit der Niederlage von 1871 wurde in der französischen Architektur der germanische Einfluss der Franken durch den keltischen der Gallier ersetzt (Siehe NAYROLLES 1994, S. 343f).

[43] Vgl. ebd. , S. Xff

[44] Vgl. SAUERLÄNDER 1986.

[45] Ebd. S. 30.

[46] MICHELET 1947, S. X.

[47] Ebd. S. 94.

[48] Vgl. NAYROLLES 1994, S. 243.

[49] Vgl. THEIS 1986, S. 534f.

[50] Siehe NAYROLLES 1994.

[51] Vgl. NAYROLLES 1994, S. 94.

[52] Vgl. DACOSTA-KAUFMANN 2004, S. 52.

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Details

Titel
Die Theorie der romanischen Bauschulen in Frankreich - Kunst zwischen Wissenschaft und Politik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Hauptseminar: Kunstgeographie. Wissenschaft und Politik in der kunsthistorischen Forschung
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V109538
ISBN (Buch)
9783640157242
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Theorie, Bauschulen, Frankreich, Kunst, Wissenschaft, Politik, Hauptseminar, Kunstgeographie, Forschung
Arbeit zitieren
Klaus Ullrich (Autor), 2005, Die Theorie der romanischen Bauschulen in Frankreich - Kunst zwischen Wissenschaft und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109538

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