Die klienten-zentrierte Therapie nach Carl R. Rogers


Seminararbeit, 1995

12 Seiten


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Inhalt

Einleitung.

Anforderungen an den Therapeuten
1. Die Empathie..
2. Die Wertschätzung.
3. Die Echtheit..

Weitere Anforderungen

Erfahrungen des Klienten

Training der klienten-zentrierten Therapie.

Schlußbemerkungen.

Literatur..

Einleitung

Die klienten-zentrierte Gesprächstherapie wurde von dem amerikanischen Psychologen und Therapeuten Carl Ransom Rogers ab den 40er Jahren entwickelt. Seine Theorien und Methoden wurden im Laufe seiner Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten weiterentwickelt und von anderen Wissenschaftlern aufgegriffen und ausgebaut.

Ihren Höhepunkt erreichte die Therapie Ende der 60er Jahre.

Sie wurde in Verbindung gebracht mit der anti-autoritären Erziehung und der Diskussion über das Recht zur Selbstverwirklichung.

Rogers Therapie basiert auf mehrere philosophischen Grundge­danken: Es gibt keine absolute Realität. Für jeden Einzelnen ist die Realität gleichzusetzen mit den subjektiven Erfahrungen die er erfährt. Es handelt sich um bewußte wie um unbewußte Erfahrungen.

Innere Spannungen treten auf, wenn sich die inneren Erfahrun­gen oder äußerliche Ereignisse nicht mit den Vorstellungen seiner Selbst und seiner Stellung in der Gesellschaft decken und wenn wichtige Erfahrungen unterdrückt oder entstellt werden.[1]

Die Therapie nutzt diese Vorstellung der menschlichen Psyche und versucht aus dem Inneren des Kranken, klienten-zentriert, eine Heilung zu erreichen.

Sie bezieht sich als eine allumfassende Vorstellung von der menschlichen Orientierung nicht nur auf psychisch Kranke im herkömmlichen Sinn, sondern ist auf alle Menschen anwendbar.

"Eine Atmosphere des Akzeptierens, des Respekts und des tiefen Verstehens ist ein gutes Klima für persönliches Wachsen, (...) gleichgültig ob sie 'normal' sind, neurotisch oder psychopathisch."[2]

Sie ist anwendbar in vielen Bereichen der Interaktion; eine Hilfe für Menschen, die sich in Konfliktsituationen befinden, die seelisches Leiden verursachen. Der Patient wird somit zum Klienten, dem Kunden, der von dem Therapeutet Achtung erwarten kann und die Therapie zu einer Art Service wird, um mit sich selbst wieder ins Reine zu kommen, und um sein Denken und Tun, seine Gefühle besser zu verstehen und vor allem zu akzeptieren.[3]

Als Kinderpsychologe gewann Rogers schon früh die Einsicht, daß autoritäre und dominante Verhaltensweisen des Therapeuten nur zu kurzfristigen und oberflächlichen Erfolgen führen. Der Klient weiß selbst am besten, was für ihn sinnvoll und gut ist.

"Rogers geht bei seinem Therapiekonzept davon aus, daß es eine Tendenz des Individuums gibt, sich in Richtung Wachs­tum, Gesundheit und Anpassung (im Sinne von Selbstanpassung an eigene Ziele durch das Vermögen sie zu verwirklichen, ts) zu bewegen, und daß es deshalb nicht die Aufgabe des Therapeuten ist, den Klienten zu manipulieren oder zu bestimmten Handlungen zu veranlassen."[4]

Dieses Konzept geht in die synonyme Bezeichnung 'nicht-direktive Therapie' ein. Ziel ist es, es den Klienten zu ermög­lichen, seine Probleme selbst zu lösen und sich angstfrei mit den bislang abgewehrten Erfahrungen zu beschäftigen. Duch die Möglichkeit, daß der Klient sich frei ausdrücken kann, wird eine emotionalle Befreiung einer Spannung von unterdrückten Gefühlen und Einstellungen erreicht.[5]

Dieser Zustand kann nur geschaffen werden, wenn sich der Kli­ent zunächst in einer angstfreien Atmosphäre seiner Erfahrungen bewußt wird. Der äußere Rahmen wie die zeitliche Terminierung der Gesprächsintervalle sowie die Räumlichkeiten müssen streß­frei und angenehm gestaltet werden. An den Therapeuten werden besondere Anforderungen gestellt. Die theoretische Grundlage der Beziehung vom Therapeuten zum Klienten definiert sich wie folgt:

"Die klientenzentrierte Orientierung ist eine sich ständig weiterentwickelnde Form der zwischenmenschlichen Beziehung, die Wachstum und Veränderung fördert. (...) Jedem Menschen ist ein Wachstumspotential zu eigen, das in der Beziehung zu einer Einzelperson (etwa zu einem Thera­peuten) freigesetzt werden kann. Voraussetzung ist, daß sein Schwerpunkt mehr auf den dem Prozeß der Beziehung selbst als auf dem Symptomen oder ihrer Behandlung liegt;"[6]

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, daß der Therapeut nicht als der respektable Arzt in Erscheinung tritt, der den Patien­ten durch seine Erfahrungen und sein Wissen heilt. Zu jedem Klienten unterhält er eine eigene, differenzierte Beziehungen.

Anforderungen an den Therapeuten

Mit Einverständnis des Klienten werden bei der klienten-zentrierten Gesprächstherapie oft Ton- und Filmaufnahmen wäh­rend der Sitzungen gemacht. Dies dient mit zur Selbstkontrolle des Therapeuten. Rogers und Andere haben Einschätzskalen ent­wickelt, anhand derer der Therapeut - unter Umständen mit Hilfe eines weiteren Therapeuten - sich kritisch zu seiner Verhal­tensweise gegenüber dem Klienten beurteilen und benoten kann.

Es gibt drei zu beurteilenden Hauptwesenszüge und Voraussetzungen der therapeutischen Kommunikation.

1. Die Empathie.

Die Empathie ist die Fähigkeit des Therapeuten sich in den Klienten hineinzuversetzen (Einfühlendes Verstehen).

Jeder Klient empfindet seine eigene subjektive Realität und hat seine Erfahrungen auf dieser Grundlage gebildet. Nur der Klient selbst hat den direkten Zugang zu diesem als 'phänomenales Feld' gekennzeichneten Realitäts- und Bewußtseinsbereich.

Die Empathie ist die Grundvoraussetzung der klienten-zentrierten Orientierung. Nur mit dem Verständnis des Inneren des Klienten und nur über den Klienten selbst hat der Therapeut Zugang zu dessen 'phänomenalen Feld'.

"Auf der Ebene des Verhaltens des Psychotherapeuten bedeutet das, daß der Psychotherapeut sich bemüht, die in­nere Erlebniswelt des Klienten, so, wie er sie verstanden hat, zu kommunizieren. Dies bedeutet nicht, daß der Psycho­therapeut sich die Sichtweisen und inneren Erlebnisvorgänge des Klienten zu eigen machen und selbst erleben muß; gemeint ist vielmehr ein intensives, differenziertes Nachvollziehen der persönlich-emotionalen Erlebnisinhalte des Klienten."[7]

Der Therapeut hält dem Klienten bildhaft gesagt einen Spiegel vor, indem er die Erlebnisinhalte des Klienten, die er durch
das 'sich hineinversetzen' in den Klienten gewinnt, in konkre­ter und anschaulicherweise zurückkommuniziert. Der Klient erhält dadurch die Möglichkeit, seine eigenen Äußerungen mit seinen Erfahrungen, Erlebnissen und seiner Selbst zu verglei­chen und sie gegebenenfalls zu korrigieren oder zu präzisieren. Dabei wird jegliche Form der Kommunikation vom Klienten an den Therapeuten, von der nonverbalen- bis zur verbalen Kommunikation, verarbeitet und umgesetzt.

Je deutlicher sich der Klient selber sieht, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Therapie zum Erfolg führt.

Dies ist ein Aspekt der Empathie, "aber auch schon die bloße Absicht, den Klienten zu verstehen, kann einiges ausrichten. (...) Die Erfahrung, daß jemand seine bizarren, wirren und unsicheren Äußerungen zu verstehen sucht, ermutigt ihn, mehr von sich mitzuteilen, und hilft ihm gleichzeitig zu erkennen, daß seine Gefühle und Ansichten für den Therapeuten von Bedeutung sind und daß der selbst infolgedessen ebenfalls von Bedeutung ist."[8]

Die Einschätzskala zur Bewertung der Fähigkeiten des Thera­peuten für diesen Bereich bewegt sich zwischen zwei Extremen: der echohaften Wiederholung von Klientenäußerungen und der Interpretation, Schlußfolgerung oder Bewertung aus der Sicht des Psychotherapeuten.[9] Es gilt, keinem der Extreme zu entspre­chen. Eine einfache Wiederholung des Klienten wird dem Klienten nach kurzer Zeit wohl an dem Sinn der Therapie zweifeln lassen und ihn auch nicht anregen, seine mitgeteilten Äußerungen sich nochmals vorzustellen und nachzuempfinden geschweige den zu korrigieren und zu vertiefen.

Eine Bewertung darf nur aus dem inneren Bezugsrahmen des Kli­enten und nicht aus der Sicht des Therapeuten geschehen. Damit würde er das phänomenale Feld des Klienten verlassen und die geschaffene angstfreie Atmosphäre beeinträchtigen. Der Klient würde in einen Rechtfertigungsdruck geraten und die Therapie verzögert werden.

2. Die Wertschätzung.

Das Merkmal Wertschätzung beschreibt die Einstellung des Therapeuten gegenüber seinem Klienten. Wie es bereits im Merk­mal Empathie anklang, muß der Klient spüren, daß das was er sagt ernstgenommen wird und von Bedeutung für den Therapeuten ist. Er muß spüren, daß er als Individuum geachtet wird und ihm eine positive emotionale Wärme entgegengebracht wird, die nicht an Bedingungen geknüpft wird. Die Wertschätzung soll also auch erhalten bleiben, wenn der Klient den Therapeuten beschimpft oder bedroht.[10] Der Therapeut darf nicht mit Entzug seiner emotionalen Wärme reagieren, alle Situationen lassen sich durch verbalisieren der Aggressionen oder durch das Zeigen von eigen­verantwortlichen Grenzen seiner Handlungen beantworten.

Dem Klienten emotionale Wärme entgegenzubringen heißt auf keinem Fall nett zu sein, möglichen Forderungen des Klienten nachzugeben oder gar sich außerhalb der Therapie zu treffen und eine Liebesbeziehung anzufangen (obgleich die Therapie vor lauter Glück hinfällig wäre); nie darf der eigentliche überge­ordnete Gegenstand der Beziehung, die Therapie, dem Klienten nicht nur kurzfristig zu helfen, aus den Augen verloren werden.[11]

Die Einschätzskala für diesen Merkmalsbereich erstreckt sich dementsprechend von der Nichtachtung der Persönlichkeit des Klienten, der Übernahme seiner Verantwortung und dem Geben von Ratschlägen bis hin zur absoluten Achtung vor der Freiheit seiner Persönlichkeit, seiner Entscheidungen und seines Verhal­tens, auch wenn dies bedeutet, daß die Therapie Rückschritte macht.[12]

3. Die Echtheit.

Das Merkmal Echtheit sagt etwas aus über die Kongruenz zwischen dem aus, was der Therapeut dem Klienten mitteilt, und dem was seiner wirklichen Meinung entspricht.

Für den Therapeuten ist es anzustreben, "daß er gänzlich er selbst ist und sich nicht verleugnet. Niemand erreicht diesen Zustand ganz und gar, aber je mehr der Therapeut imstande ist akzeptierend auf das zu achten, was in ihm selbst vor sich geht, und je besser er es fertigbringt, ohne Furcht das zu sein , was die Vielschichtigkeit seiner Gefühle ausmacht, um so größer ist seine Übereinstimmung mit sich selbst."

Schon im Alltagsleben ist es im zwischenmenschlichen Bereich zu spüren, daß man sich denjenigen Menschen aufgeschlossener mitteilt, die keine Fassade aufgebaut haben, die einem keine Rolle vorspielen, die Kongruent mit sich selbst sind.[13]

In der therapeutischen Beziehung erreicht man mit dieser Einstellung wiederum eine Erhöhung des Vertrauensverhältnisses. Der Klient wird als Person geachtet der man nichts vorspielt, und er spürt, daß dem Therapeuten etwas an dem Fortgang der Beziehung gelegen ist.

Die Echtheit kann auch beinhalten negative Gefühle dem Klienten mitzuteilen. Dies insbesondere, wenn sich die thera­peutische Kommunikation auch für den Therapeuten belastend entwickeln würde. Verspürt der Therapeut ein Gefühl der Ablehnung, Langweile oder des Ärgers gegenüber dem Klienten, so ist es dem Klienten als ein Gefühl klarzumachen, welches nur der Therapeut selbst hat. Es ist keine Aussage über den Klienten.[14]

Dies erfordert in der Praxis natürlich sehr viel Finger-spitzengefühl. Die Mitteilung, daß sich der Therapeut viel­leicht langweile, kann den Klienten unter den enormen Druck setzen jetzt endlich etwas Gehaltvolles zu sagen. In den Situationen, in denen der Klient über eine längere Zeit einfach schweigt, ist es schwierig für den Therapeuten zu erkennen, ob der Klient sich selbst nach innen hin erforscht und nach richtigen Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Wenn der Therapeut in diesem Moment Langweile verspürt und dies möglicherweise auch den Klienten mitteilt, so zeigt das, daß er nicht mit dem Klienten 'mitfiebert', daß er kein wirkliches Interesse für ihn hat, und er kein Gespür für den richtigen Augenblick hat.

Wenn sich die Kommunikation jedoch immer nur um ein und die selbe Sache dreht, die Therapie keine Fortschritte macht und der Therapeut sich dadurch ärgert oder langweilt, so baut das zweifellos eine Barriere zwischen ihm und dem Klienten auf, die die Empathie und Wertschätzung des Therapeuten gegenüber dem Klienten mindert.

Rogers bringt seine Emotionen konstruktiv in die Gesprächstherapie mit ein: "Ich möchte dann auch mitteilen, wie unglücklich ich mich mit meinem Gelangweiltsein fühle, und auch, wie unwohl ich mir dabei vorkomme, diesen Aspekt von mir kundzutun. Wenn ich diese Einstellung mitteile, dann finde ich, daß mein Gelangweiltsein aus einem Gefühl der Distanz zu dem Klienten entspringt und daß ich in engeren Kontakt mit ihm kommen will. Und gerade wenn ich diese Gefühle ausdrücke, dann ändern sie sich. (...)Ich verspüre ihm gegenüber eine neue Sensibilität, da ich nun dieses Gefühl (...) mit ihm geteilt habe.[15]

Eine Einschätzskala für den Merkmalsbereich Echtheit kann sich nur auf das Verhalten des Psychotherapeuten gründen. Es ist für einen Außenstehenden nicht direkt erkennbar, ob der Therapeut wirklich das meint, was er ausdrückt. Er kann es höchstens anhand der Mimik, Gestik und Stimmlage erkennen.

Dies sind jedoch auch nur kontrollierbare Symptome, die keinen unmittelbaren Rückschluß in die Psyche des Therapeuten erlauben.

Die unterste Stufe der Skale beschreibt den erkennbaren Zustand des Therapeuten als defensiv, es besteht eine Diskre­panz zwischen dem, was er bewußt erlebt und dem, was er zum Ausdruck bringt.

In der höchsten Stufe der Skala zeigt der Therapeut ein Verhalten, das im hohen Maße mit ihm selbst übereinstimmt. Er zeigt keine Verteidigungshaltung, seine Äußerungen sind kongruent mit seinem Erleben.[16]

Alle drei Merkmalsbereich sind stark voneinander abhängig. Rogers selbst empfindet die Echtheit jedoch als die grundlegenste Eigenschaft.[17]

Weitere Anforderungen.

Auch die optimale Anwendung und Empfindung der klienten-zentrierten Therapiemerkmale durch den Therapeuten führte nicht immer zu einem Heilungsansatz. Rogers vermutet, daß es mögli­cherweise noch mehr eklatante Merkmale geben könnte.[18]

Es gibt keine besonderen Anforderungen an den Klienten außer seinem Willen zur Therapie. In den meisten Fällen ist eine verfehlte Therapie auf eine ungeschickte Handhabung durch den Therapeuten und nicht auf den Klienten zurückzuführen. Besonders Anfänger neigen dazu das Merkmal Empathie besonders zu betonen. Es ist das empirisch am besten begründete und gesi­cherte Merkmal, zudem das einzige Merkmal, welches wenigstens ansatzweise antrainiert werden kann. Fehlt es dem Therapeuten an Echtheit und Wertschätzung, wird dies wahrscheinlich zur Störung der Interaktion führen, weil der Klient die Äußerungen des Therapeuten als künstlich und aufgesetzt empfindet.[19]

Aufschlußreich ist die Liste der charakterischen Merkmale und Fähigkeiten, die ein angehender Therapeut mit in die Ausbildung bringen sollte. Es sind alles Voraussetzungen die im Grunde genommen nicht auf Faktenwissen und Anwendungen von Verfahrens­weisen basieren.

Hier ist die Rede von überragender intelektueller Fähigkeit und Urteilskraft, Selbstständigkeit, Wendigkeit und Vielseitig­keit, Interesse an Personen als Individuen - statt Material zur Manipulation, Achtung vor der Integrität anderer Personen, Einsicht in eigene persönliche Charakteristika, Toleranz, Fähigkeit, herzliche und wirksame Beziehungen zu anderen herzustellen, Sinn für Humor, etc...

Rogers plädierte damit für ein Psychologiestudium, in dem die Entwicklung des kreativen Potentials des Therapeuten im Vordergrund steht.[20]

Erfahrungen des Klienten

Die Therapie beginnt meist mit einer Erwartungshaltung dem Therapeuten gegenüber. Der Klient rechnet und hofft, daß der Therapeut nach Schilderung seiner augenblicklichen Situation ihn führend an die Hand nimmt und ihm Ratschläge und Anweisun­gen gibt und damit die Verantwortung übernimmt.

Im klienten-zentrierten therapeutischen Prozeß wird der Kli­ent mehr und mehr seine Erfahrungen, Erlebnisse und Zustände des Selbst immer genauer und differenzierter verbalisieren kön­nen d.h., daß er die Hilfe des Therapeuten immer weniger in Anspruch nimmt. Er ist sich immer mehr der Inkongruenz zwischen dem Selbstbild und seinem unmittelbaren Erleben bewußt, nimmt verleugnete Erfahrung auf und lernt, daß er selbst für sich verantwortlich ist.[21]

Es findet ein Prozeß der Einsicht statt: "Einsicht beinhaltet die Reorganisation des Wahrnehmungsfeldes. Sie besteht im Erkennen neuer Beziehungen. Sie ist Integration von angesammelter Erfahrung. Sie bezeichnet eine Reorientierung des Selbst."[22]

Der Therapieverlauf wird oft ebenfalls von dem Klienten kri­tisch durch Einschätzskalen dokumentiert. Hier wird er nach seinem Erleben der Therapie gefragt, ob er Wertschätzung, Echtheit und Empathie gefühlt hat. Diese drei Merkmale werden in mehrere umgangssprachliche Fragen aufgeteilt. Eine solche Einschätzskala gibt einen guten Überblick über die vom Klienten empfundenen Merkmale wie Echtheit und Wertschätzung, die nicht von Außenstehenden erfaßt werden können. Es ist eine genauere Selbstkorrektur des Therapeuten möglich.[23]

Training der klienten-zentrierten Therapie

Die klienten-zentrierte Orientierung ist eine Grundhaltung gegenüber dem Menschen, die als therapeutische Maßnahme im Grunde genommen nicht trainiert werden kann. Insbesondere die Merkmale Echtheit und Wertschätzung erfordern eine positive, dem Menschen zugewandte Lebenseinstellung, die nicht im herkömmlichen Sinn lernbar ist

Rogers empfiehlt: "...Vorlesungen über Philosophie, Pädagogik oder Religion, in denen die wichtigen Fragen der menschlichen Existenz berührt werden, können dem Studenten Gelegenheit bieten, sich über sein eigenes Denken klar zu werden."[24]

Es ist leicht Einzusehen, daß dieser Bereich sich höchstens langsam als Lebenseinstellung entwickeln kann, und auch nicht ad hoc von dem angehenden Therapeuten beschlossen werden kann. Schwer vorstellbar ist es, daß jemand sich vornimmt, ein klienten-zentrierter Gesprächstherapeut zu werden, ohne wenigstens Ansätze dieser Lebenseinstellung zu verspüren.

Einfacher verhält es sich mit dem Merkmal Empathie. Einfühlendes Verständis, das sich hineinversetzen in andere Personen wird automatisch oder zielgerichtet trainiert bei der Beschäftigung mit Charakteren der Literatur, mit denen man sich identifiziert, bei Rollenspielen, etc[25]

Schlußbemerkungen.

Ich habe in diesem Aufsatz darauf verzichtet, zu jeder therapeutischen Situation Fallbeispiele zu zitieren und zu erläutern. Dies ist durchweg in der von mir benutzten Literatur anschaulich gemacht worden; bei Hanko Bommert hauptsächlich durch konstruierte Idealfälle und bei Carl R. Rogers und Wolf-Rüdiger Minsel durch mit Anmerkungen versehende Gesprächsproto­kolle von realen therapeutischen Interviewsituationen.

In allen Beispielen läßt sich erkennen, daß der Therapeut mit der klienten-zentrierten Therapie zumindestens Erfolgansätze zu verzeichnen hat. Wenn die Beratung stockt, lassen sich differenziert die Fehler des Therapeuten nachvollziehen.

Die Therapie beruht teilweise nur auf empirisch nicht beweis­barer Annahmen und Definitionen. Dies bezieht sich hauptsäch­lich auf die inneren Ursachen psychischer Probleme, die sich auch nicht nur vereinfacht auf die Inkongruenz zwischen dem Selbstverständis und der erlebten Erfahrung zurückführen lassen.[26]

Ein mir bekannter Psychologe meinte: "Rogers war einfach nett aber harmlos. Er glaubte an die uneingeschränkte Selbstverwirklichung und an den Menschen. Während der 68er rogerten alle Therapeuten und heute erkennt man diese noch an ihrer merkwürdigen Sprechhaltung. Doch inzwischen war eine Renaissance des Sigmund Freuds, und die Gesprächstherapie wird auch mehr direktiv, hauptsächlich als Familientherapie durchgeführt. Rogers steht nirgends auf der Tagesordnung mehr."

Literatur

Bommert, Hanko. Grundlagen der Gesprächspsychotherapie. Stuttgart 1977.

Minsel, Wolf-Rüdiger. Praxis der Gesprächspsychotherapie. Graz 1974

Rogers, Carl R. Die klient-bezogene Gesprächstherapie.

München 1973.

Rogers, Carl R. Die nicht-direktive Beratung. München 1972.

Rogers, Carl R. Therapeut und Klient. München 1977.

Rogers, Carl R. Therapeut und Klient. Frankfurt a.M. 1983.

Universität-Gesamthochschule-Essen

Seminar Theorie des Kommunikationstrainings

Herr Th. Jäger

Die klienten-zentrierte Therapie

Sommersemester 1995

vorgelegt von

Tankred Stachelhaus

Matrikelnummer: 233916

Hauptfach: Kommunikationswissenschaft

1.Nebenfach: Germanistik

2.Nebenfach: Philosophie

.Ende Verzeichnis V.

[...]


[1] vgl. Rogers, Carl R. Die klient-bezogene Gesprächstherapie. München 1973. S.418-51. Thesen I-XIX.

[2] Rogers, Carl R. (1973). S. 214

[3] Ich konzentriere mich in diesem Aufsatz auf die Therapien, an denen der Klient auf freiwilliger Basis teilnimmt. Versuche mit chronisch Schizophrenen, die 'großzügigerweise vom Mendota State Hospital zur Verfügung gestellt wurden', wie es lakonisch in dem Therapiebericht heißt, schweigten entweder hartnäckig oder reagierten mit oberflächlichen Geplapper. Ein Therapieerfolg war nur in sehr wenigen Fällen zu erreichen. Genaueres in: Rogers, Carl R. Therapeut und Klient. München 1977.5.Kap.S.162-70.

[4] Bommert, Hanko (1977). S.16

[5] vgl.Rogers, Carl R. Die nicht-direktive Beratung. München 1972. S.156ff.

[6] Freeman, A.M.; Kaplan, H.I.; Sadock, B.J. (Hrsg.). Comprehensive Textbook of Psychiatry, Bd.2, Kap.30,3,S.1831-43.Baltimore 1975. Zitiert nach Rogers, Carl R. Therapeut und Klient. Frankfurt a.M. 1983.

[7] Bommert, Hanko (1977).S.68.

[8] Rogers, Carl R.. Therapeut und Klient, Frankfurt a.M. 1983. S.24

[9] nach Schwarz, H.J. Prozeßforschung in klientenzentrierter Gesprächspsychotherapie: Bedingungen des Behandlungseffektes im Anfangsgespräch. Dissertation, Universität Hamburg 1975. Abdruck in Bommert, Hanko (1977). S.74-77.

[10] vgl. Bommert, Hanko (1977). S.78f.

[11] vgl. Rogers, Carl R. (1972). S.99-102

[12] nach Tausch, R. Gesprächspsychotherapie. Göttingen 1973. S.115f. Abdruck in Bommert, Hanko (1977). S.79.

[13] Quelle und Zitat: Rogers, Carl R. Therapeut und Klient. München 1977. S.182. Fettdruck ist im Original kursiv.

[14] vgl. Rogers, Carl R. (1977) S.183f.

[15] Rogers, Carl R. (1977) S.183.

[16] nach Tausch, A.M. (1973). S.130. Abdruck in: Bommert, Hanko (1977). S.80.

[17] vgl. Rogers, Carl R. (1977). S.139.

[18] vgl. Rogers, Carl R. (1977). S.189.

[19] vgl. Bommert, Hanko (1977). S.81.

[20] Rogers übernimmt die Auswahlkriterien der 'American Psychological Association'. Gesamte Liste und Hinweise zur Ausbildung in: Rogers, Carl. R. (1973). S. 378ff.

[21] vgl.Rogers, Carl R. (1977). S.38. und Rogers, Carl R. (1973). S.78ff.

[22] Rogers, Carl R. (1972). S.187.

[23] nach Schwarz, H.J. Abdruck in Bommert, Hanko (1977). S.95f.

[24] Rogers, Carl R. (1973).S.381.

[25] Rogers, Carl R. (1973).S.380.

[26] vgl. Bommert, Hanko (1977). S.46ff.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Die klienten-zentrierte Therapie nach Carl R. Rogers
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Autor
Jahr
1995
Seiten
12
Katalognummer
V109540
ISBN (Buch)
9783668227309
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In den 60er und 70er Jahren war die klienten-zentrierte Gesprächstherapie nach Carl R. Rogers "in", seine Bücher zählten zur Pflichtlektüre aller Verfechter der anti-autoritäten Erziehung. Die Seminararbeit stellt die Therapie vor.
Schlagworte
Therapie, Carl, Rogers
Arbeit zitieren
Tankred Stachelhaus (Autor), 1995, Die klienten-zentrierte Therapie nach Carl R. Rogers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109540

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