"Die Marquise von O..." Wie aus der ausweglosen Extremsituation ein glückliches Ende wird

Eine Analyse über Ausgangs- und Wendepunkt der Novelle


Seminararbeit, 2003
21 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangspunkt
Ausweglos erscheinende Extremsituation
1.1 Fehlender Mut zur Selbstentfaltung
1.2 Verklärung des Retters
1.3 Verdrängung und Verklärung der Umstände
1.4 Verstoßung der Marquise aus der Familie

2. Wendepunkt
Dennoch geht die Novelle gut aus
2.1 Wie kommt dennoch ein glücklicher Ausgang der Novelle zustande?
2.2 Bedeutung der räumlichen Bewegung der Marquise
2.2.1 Situation vor dem Wendepunkt
2.2.2 Entwicklung nach dem Wendepunkt

Schwere Identitätskrisen können Menschen innerlich so zerrütten, dass sie zerbrechen, verzweifeln und schließlich Selbstmord begehen. Kleist selbst ist hierfür das beste Beispiel. Vor den unlösbaren Spannungen zwischen den gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten und seiner eigenen inneren Wahrheit kapitulierend, nimmt er sich das Leben. „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht mehr zu helfen war“, schreibt er im letzten Brief ( 21.11.1811 ) an seine Stiefschwester Ulrike.

In seinen Werken gelingt es Kleist dennoch gelegentlich, einzelne Figuren zu gestalten, die nicht an ihrer Identitätskrise scheitern, sondern sie überwinden. Eine dieser Figuren ist die Marquise von O..., die sich „wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor [hob]“, wie es an einer bezeichnenden Stelle der Erzählung heißt.

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es, zum einen zu zeigen, durch welche Umstände die Marquise in eine schwere Identitätskrise gerät und wie es ihr gelingt, diese zu überwinden, so dass die Novelle wider Erwarten glücklich endet; zum anderen, inwieweit die räumliche Bewegung der Marquise dabei eine entscheidende Rolle spielt.

1. Ausgangspunkt

Zu einem bestimmten Zeitpunkt der Handlung findet sich die Marquise völlig unerwartet in einer extremen, ausweglos erscheinenden Situation: Die Welt der Marquise droht zu zerbrechen, als sie, eine „verwitwete [...] Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern“ (S. 3), mit dem Faktum ihrer Schwangerschaft, die sie sich selbst nicht erklären kann oder will, konfrontiert wird und aus ihrem Elternhaus verstoßen wird.

Wie kommt es nun zu dieser Extremsituation?

1.1 Fehlender Mut zur Selbstentfaltung

Auf den Wunsch ihrer Mutter kehrt die Marquise nach dem Tod ihres Mannes ins Elternhaus und damit in die frühere Unmündigkeit zurück. Sie handelt dem Willen ihrer Mutter entsprechend, wobei dem Leser nicht mitgeteilt wird, ob die Wiedereingliederung in die Familie auch ihrem Willen entspricht oder ob sie sich nur fügt und das tut, was von ihr verlangt wird. Die Frage nach ihren eigenen Wünschen wird weder gestellt noch beantwortet.

Die Marquise hat nach dem Tod ihres Mannes den Entschluss gefasst, sich nicht noch einmal zu verheiraten. Stattdessen geht die Marquise ganz im häuslichen Wirkungskreis ihres Vaterhauses auf. Sie gibt sich durch die einseitige Konzentration auf die Erziehung ihrer Kinder und die Pflege ihrer Eltern selbst auf, und verbringt ihr Leben „in der größten Eingezogenheit“ (S. 3). Anscheinend hat die Marquise die gesellschaftlichen Werte internalisiert und handelt danach, darauf weist zumindest die über alle Maßen vorbildliche Erfüllung ihrer Witwenschaft hin. Sie scheint ihre eigenen Bedürfnisse, anstatt sie anzunehmen und sie selbstverantwortlich zu befriedigen, zu verdrängen, sofern diese nicht mit den gesellschaftlichen Konventionen einhergehen bzw. übereinstimmen. Auch ihre Bedürfnisse als Frau verleugnet sie. Sie ist eine junge Frau in der Blüte ihres Lebens und ihrer Sexualität, doch anstatt diese zu leben und zu genießen, zum Beispiel in einer neuen Ehe, geht sie in der Übererfüllung ihrer Pflichten als Witwe, als Mutter und als Tochter auf. Sie scheint sich in Kopf und Vernunft auf der einen Seite und sowohl in Fleisch und Begehren als auch Herz und Gefühl auf der anderen Seite gespalten zu haben. Gelebt wird aber nur die vernünftige und tugendhafte Seite. Die lebendige, emotionale und sinnliche Seite wird völlig unterdrückt. Nur durch dieses Unterdrücken ihrer Bedürfnisse glaubt die Marquise in der Lage zu sein, sich der von der Ratio beherrschte Gesellschaft anpassen zu können und sich in die emotionslose patriarchalische Familienordnung eingliedern zu können. Ihr Vater nimmt beinahe die Stellung eines göttlichen Allvaters innerhalb dieser Ordnung ein, die unantastbar scheint. Er erscheint fast wie Gottvater im Paradies, der den bedingungslosen Gehorsam der Seinen als selbstverständlich voraussetzt, solange sie sich in seinem Reich befinden. Eine weitere Voraussetzung für den Aufenthalt im Paradies ist die Unschuld seiner Kinder. Die Marquise tut alles, um diese Bedingungen zu erfüllen und dadurch ihren Platz im Schutze ihres Vaters sicher zu haben. Ihr Bedürfnis nach Sicherheit scheint enorm zu sein, wenn sie für die vermeintliche Sicherheit, die sie unter der Herrschaft des Vaters zu finden glaubt, bereit ist, sich selbst aufzugeben. Sie bevorzugt die Unmündigkeit der Tochter, anstatt als selbstverantwortliche Erwachsene/Dame eigenständig zu leben und zu handeln. Sie strahlt eher das Bild eines unschuldigen Mädchens aus, das des väterlichen Schutzes bedarf, als das Bild der erwachsenen Frau, die sie in Wahrheit ist. Weder denkt noch handelt sie emanzipiert im Sinne eines eigenständigen Familien- und Gesellschaftsmitgliedes, sondern ordnet sich sowohl dem Vater als auch den von ihm vertretenen Gesellschaftskonventionen unter. Anstatt Eigenverantwortung zu übernehmen, vertraut sie sich und ihre Kinder der Obhut ihres Vaters an und übergibt ihm allein sowohl die Verfügungsgewalt als auch die Verantwortung innerhalb der Familie.

Der Grund für ihr sich selbst verleugnendes Verhalten ist ihr Bedürfnis nach Sicherheit, die sie sowohl in der Gesellschaft als auch in der Familie zu finden hofft. Um diese Sicherheit in den jeweiligen Systemen bzw. Institutionen zu erlangen, hält sie sich einerseits bedingungslos an die gesellschaftlichen Richtlinien, deren Einhaltung Sicherheit verspricht, und fügt sich andererseits nahtlos in die Ordnung ihres Vaterhauses ein, dessen Sicherheit ihr paradiesisch und unantastbar erscheinen mag.

1.2 Verklärung des Retters

Als die sicher geglaubte Zitadelle ihres Vaters von den russischen Truppen im Sturm erobert wird, herrscht im ganzen Hause „gänzliche Verwirrung“ (S. 4). In dieser unüberschaubaren Situation gerät die hilflose Marquise, plötzlich auf sich allein gestellt, in höchste Bedrängnis durch einige russische Soldaten, die sie zu vergewaltigen suchen. Mit dieser rohen Triebhaftigkeit, die von den Soldaten ausgeht, wird sie nicht fertig. Die Triebe dieser Männer stehen im krassen Gegensatz zu der Selbstverleugnung ihrer sexuellen Bedürfnisse. Sie fühlt sich ihnen nicht gewachsen. In dem Moment, da die Marquise ihre Gegenwehr aufgeben und „zu Boden sinken“ (S. 5) will, kommt von einem russischen Offizier, dem Graf von F, unerwartete Hilfe. Er „erscheint“ und rettet sie aus dieser existenziell bedrohlichen Situation. Er verhält sich erbarmungslos gegen die Soldaten, tadellos gegen die Marquise. Die Marquise, die sich schon rettungslos verloren geglaubt hat, ist „sprachlos“ (S. 5) und kann ihre unverhoffte Rettung kaum fassen. Sie überhöht den Grafen von F, glaubt sich von einer höheren Macht gerettet. Der Graf erscheint ihr kein Mensch, sondern ein „Engel des Himmels“ (S. 5) zu sein. Die Marquise gibt sich ganz in seine Obhut, fällt in Ohnmacht und überlässt ihm damit alle Handlungsfreiheit. Sie hebt in dieser Extremsituation das Bild ihres Retters in den Himmel und verliert auf diese Weise den Bezug zur Realität. Sie ist sich der Menschlichkeit des Grafen in diesem Moment nicht bewusst und bedenkt deshalb auch nicht die Möglichkeit, dass er ihre Ohnmacht missbrauchen könnte. Der Irrtum der Marquise in ihrer Wahrnehmung des Grafen wird nicht aufgeklärt, da er sich empfehlen muss, bevor irgendein Zweifel an seiner Tugendhaftigkeit aufkommen kann. Die Nachricht seines Todes verstärkt noch den Eindruck einer überirdischen „Erscheinung“, als sei er ein Engel, der vom Himmel gesandt wird, um zu helfen und der, nachdem er seinen Auftrag erfüllt hat, die Erde wieder verlässt.

Der Graf hat ihr die Unterstützung zuteil werden lassen, die sich die Marquise ursprünglich vom Vater erhofft hat. Doch entgegen ihren Erwartungen verteidigt der Vater der Marquise beim Angriff der Russen ausschließlich die Zitadelle und nicht seine Familie, er erklärt sogar „gegen seine Familie, dass er sich nunmehr verhalten würde, als ob sie nicht vorhanden wäre“ (S. 4). Das bedeutet, dass die Marquise von dieser Seite keine Hilfe oder Unterstützung erwarten kann, sondern für sich selbst und für ihre Kinder verantwortlich ist. Der Schutz des Vaters und die Sicherheit des Elternhauses, auf den sie Marquise gehofft hat, wird ihr in dieser existentiell bedrohlichen Situation nicht gewährleistet. Sie ist auf sich selbst gestellt. Doch die Marquise fühlt sich in dieser Situation vollkommen überfordert. Sie jagt „besinnungslos“ (S. 4) zurück in das brennende Gebäude, ist „sprachlos“ (S. 5), als der Graf erscheint, und wird schließlich „bewußtlos“ (S. 5), als sie mit ihm allein ist.

Diese Hingabe in die Bewusstlosigkeit bedeutet zum einen eine bedingungslose Hingabe an ihren Retter, zum anderen eine Abgabe der Verantwortung zum Handeln an ihn. Die Marquise überlässt dem Grafen die uneingeschränkte Handlungsfreiheit, zu tun, was er möchte, ohne auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nehmen zu müssen. Auch hier begibt sie sich unbewusst in eine selbstgewählte Unmündigkeit als Frau. Erst dadurch, dass sie in Ohnmacht fällt, bekommt er die Möglichkeit, sich an ihr zu vergehen.

Das Bewusstsein der Marquise, welche die gesellschaftlichen Konventionen internalisiert hat, verdrängt ihre Gefühle für den Grafen ins Unterbewusstsein, da das konsequente Handeln – gäbe sie ihren Emotionen für ihn nach - mit ihren verinnerlichten Wertvorstellungen nicht zu vereinbaren ist. In ihrer Ohnmacht gibt die Marquise jede Selbstkontrolle und Eigenverantwortung auf, gibt sich unbewusst hin, ohne sich der Handlung und deren Konsequenzen bewusst zu sein. Der Graf seinerseits kann nun seine Bedürfnisse befriedigen, ohne auf das bewusste Einverständnis der Marquise angewiesen zusein.

Der Graf von F rettet die Marquise nicht nur vor der Bedrohung, die von den Trieben der Soldaten ausgeht, sondern auch aus der starren, lebensfeindlichen und individuelle Bedürfnisse negierenden Haltung ihres Elternhauses. Denn zu diesem Zeitpunkt ist die Marquise weder in der Lage, sich gegen die patriarchalische Herrschaft ihres Vaters aufzulehnen, in dessen Augen sie auf die Tochter reduziert wird, noch ist sie einer Auseinandersetzung mit rein sexuellen Trieben gewachsen, die sie nur auf den sexuellen Aspekt als Lustobjekt beschränken. Der Graf begegnet der Marquise auf einer persönlichen Ebene, und sieht sie als Individuum. Er ist derjenige, der sie immer wieder bei ihrem Vornahmen „Julietta“ nennt (S. 8, S. 33). Doch er sieht sie auch als Frau mit emotionalen und sexuellen Bedürfnissen. Im Gegensatz zur Marquise erkennt er ihre Bedürfnisse an und handelt danach – allerdings ohne sich vorher das bewusste Einverständnis von ihr einzuholen.

Nach diesen einschneidenden Ereignissen versucht die Familie, die die Zitadelle zugunsten der Russen räumen muss, in den gewohnten Familienalltag und zu der dazugehörenden Ordnung zurückzukehren, und bezieht auf Wunsch des Vaters ein Haus in der Stadt.

Kurz nachdem die Familie das Stadthaus bezogen und den Alltag wiederaufgenommen hat, erscheint der totgeglaubte Graf wieder völlig überraschend und ohne Voranmeldung. Die Marquise, die sich mit seinem Tod schon abgefunden hat, ist vor Erstaunen sprachlos. Bei seinem Eintreten erscheint er ihr „schön, wie ein junger Gott“ (S. 10). Wieder nimmt sie ihn völlig überzogen wahr, wobei bei dieser zweiten Begegnung doch ein menschlicher Zug von ihr bemerkt wird, indem sie ihn als „ein wenig bleich im Gesicht“ (S. 10) empfindet.

1.3 Verdrängung und Verklärung der Umstände

Zu diesem Zeitpunkt ist die Marquise noch nicht bereit, sich mitzuteilen und offen über ihren „Zustand“ zu sprechen, in dem sie sich seit der ersten Begegnung mit dem Grafen befindet. Sie kann weder vor ihren Eltern, noch vor sich selbst zu ihrer Zuneigung und den damit verbundenen Emotionen und Sehnsüchten stehen. Deshalb geht die Marquise nicht auf die doppeldeutigen Anspielungen des Grafen ein und verhält sich passiv. Indem sie ihren Vater für sich sprechen lässt, sichert sie sich dessen Einverständnis.

Diese neuen Bedürfnisse, die sie in sich spürt, verunsichern sie, da sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, dass sich in ihr plötzlich ein Eigenleben zu entwickeln scheint. Die Angst davor, mit ihren individuellen Bedürfnissen den Rahmen der strengen Familiennormen zu sprengen und den Schutz und die Sicherheit dieser Institution zu verlieren, lässt sie dort schweigen, wo sie für sich sprechen soll. Sie äußert ihre eigene Meinung zum Grafen nicht, sondern beruft sich „auf das Gefühl der anderen“ (S. 19), macht sich von dem Urteil der Familie und der Gesellschaft abhängig, zeigt sich in keiner Weise selbständig, übernimmt keinerlei Verantwortung aus Angst vor den möglichen Konsequenzen, die sie nicht absehen kann. Alle Ansätze, mögliche Ursachen bzw. Gründe für die unverständliche Eile des Grafen zu finden, der auf schnellstmögliche Heirat drängt, werden im Keim erstickt. Die Marquise meidet wie ihr Vater das Gespräch über dieses Thema. Sie versucht die Veränderungen, die in ihr vorgehen – sowohl ihre geweckten Bedürfnisse, als auch die Schwangerschaft – zu verdrängen, indem sie diese totschweigt oder bagatellisiert und nicht ernst nimmt. Doch als schließlich der Arzt und die Amme nüchtern die Tatsachen feststellen und aussprechen, dass sie schwanger ist, muss sie die Strategie der Verdrängung aufgeben. Anstatt sich aber der Tatsache zu stellen, dass sie einen eigenen Anteil zu verantworten hat, der zu ihrer Schwangerschaft geführt hat, verklärt sie nun die Umstände, unter denen sie das Kind empfangen hat, und überhöht die Empfängnis, die Schwangerschaft und das ungeborene Kind ins Göttliche. Den Vater verteufelt sie. Auf diese Weise hofft sie sich frei von aller Schuld und Verantwortung sprechen zu können.

Die Marquise sucht den Ausweg aus ihrer Situation nicht in der Abtreibung. Damit würde sie alle Veränderungen ungeschehen machen, und dagegen scheint sich zumindest ihr Unterbewusstsein zu wehren. Sie sucht einen Ausweg in der Verklärung der „Umstände“, in denen sie sich befindet, und in der elterlichen Unterstützung.

1.4 Verstoßung der Marquise aus der Familie

Doch ihre Mutter akzeptiert diese Verklärung nicht, sondern will eine Erklärung von der Marquise. Sie ist im Gegensatz zur Marquise nicht dazu bereit, an „ein Märchen von der Umwälzung der Weltordnung“ (S. 25) zu glauben, sondern will wissen, wie das Kind entstanden und wer der Vater ist. Doch da die Marquise in dieser Situation noch nicht einmal bereit ist, mit sich selbst ehrlich zu sein, überfordert die Mutter ihre Tochter mit dem Anspruch, „sich ihr zu entdecken“. Als der Mutter klar wird, dass sie von der Marquise keine ehrliche Antwort erhalten wird, wendet sie sich enttäuscht und wütend von ihr ab.

Der Umstand, dass die Marquise, die sich vom Vater Gnade und Erbarmen erhofft hat, sich von diesem sogar mit der Pistole bedroht sieht, schockiert und erschüttert sie zutiefst. Zum zweiten Mal befindet sie sich in einer Extremsituation, und zum zweiten Mal erklärt sich ihr Vater gegen sie, anstatt sie zu beschützen. Man erinnere sich zum Vergleich an die Erstürmung der Zitadelle. Auch hier erfuhr sich die Marquise von ihrem Vater verlassen. Nun bedroht er sogar ihr Leben. „Leichenblass“ (S. 28) vor Erschrecken eilt sie fort, und verlässt mit ihren Kindern das „Paradies“ ihres Vaterhauses, das für sie nun keines mehr zu sein scheint. Weil er sie nicht nur verstößt, sondern sie auch ihrer Kinder berauben will, kommt es in dieser Extremsituation zum Wendepunkt, der eine Initialzündung für den Selbstfindungsprozess der Marquise darstellt, und aufgrund dessen wider Erwarten ein glücklicher Ausgang der Novelle zustande kommt.

2. Wendepunkt

Die Marquise erfährt sich durch diese existenzielle Herausforderung spontan als ein zum selbständigen Handeln befähigter Mensch, indem sie sich dem Vater widersetzt und gegen seinen Befehl ihre beiden Kinder mit sich nimmt. Dennoch akzeptiert sie nach wie vor die patriarchalische Ordnung ihres Vaterhauses und glaubt an die Sicherheit dieser Ordnung, auch wenn ihr diese Sicherheit nicht zuteil geworden ist. Denn ein Verlust dieser Ordnung bedeutete für sie zugleich den Verlust ihrer existenziellen Sicherheit, die ihr wohl eine ins Religiöse überhöhte patriarchalische Ordnung bietet. Daher gibt sie sich „ganz unter der großen, heiligen und unerklärlichen Einrichtung der Welt gefangen“ (S. 29).

Wenn sie die patriarchalische Ordnung der Welt auch nicht anzweifelt, so richtet sich doch ihre spontane Entscheidung – sie nimmt ja die beiden Kinder gegen den Willen des Vaters mit sich – gegen die väterliche Autorität.

2.1 Wie kommt dennoch ein glücklicher Ausgang der Novelle zustande?

Diese spontane Reaktion löst einen Selbstfindungsprozess aus, der – neben anderen Personen und Faktoren – ganz wesentlich dazu beiträgt, dass die Novelle wider alles Erwarten ein gutes Ende findet. Der glückliche Ausgang hängt also entscheidend von diesem Selbstfindungsprozess der Marquise ab, der eine soziale und individuelle Komponente hat: Die Marquise findet schließlich ihre Identität, indem sie sich einerseits von Gesellschaft und Familie abgrenzt und andererseits in ihrer Leiblichkeit und Sinnlichkeit annimmt, die ja auch zum Menschsein gehört.

Wie gelingt es ihr nun, sich von Gesellschaft und Familie abzugrenzen?

Die Erfahrung, dass sie selbst handeln kann, und das sogar gegen den Willen ihres Vaters, führt sie zum Bewusstsein der Selbständigkeit: Sie zieht sich mit ihren Kindern auf das Land zurück und unterbindet den Kontakt zur Gesellschaft durch einen Wächter. Aufgrund des neu gewonnenen Bewusstseins der Selbständigkeit, das auch ein ganz neues Selbstbewusstsein zur Folge hat, handelt sie zum ersten Mal auch wirklich selbstbewusst: Sie setzt eine Anzeige in die Zeitung, in der sie ihre Lage öffentlich macht und den Vater des Kindes sucht. Mit dieser Anzeige demonstriert sie zum einen ihre neu gewonnene Unabhängigkeit vom Urteil und der Meinung anderer. Zum anderen gibt sie auf diesem Wege beinahe alles von sich preis, indem sie publik macht, dass sie schwanger ist, aber nicht weiß, von wem. Sie gesteht also öffentlich ein, dass ihre Welt gebrechlich ist. Mit diesem Geständnis schockiert sie nicht nur die Gesellschaft, sondern auch sich selbst, die es nie für möglich gehalten hätte, dass sie einen solch intimen Sachverhalt der Öffentlichkeit preisgeben könnte. Damit hat die gesellschaftliche Emanzipation einen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Der Selbstfindungsprozess innerhalb der Familie wird von der Mutter eingeleitet, denn die Emanzipation in der Familie geht vorwiegend von der Obristin aus: Sie handelt gegen den Willen ihres Mannes, indem sie zur Marquise aufs Land hinausfährt, holt die Marquise in die Familie zurück, stellt sich gegen ihren Mann und verhindert den Sieg des Patriarchats über die vorläufige Emanzipation der Tochter, indem sie die Marquise davon abhält, den Vater aufzusuchen, sondern den Vater zwingt, seine Position aufzugeben und auf seine Tochter zuzugehen. Auf diese Weise fällt die alte Familienordnung in sich zusammen.

Die Marquise ist hier weitgehend passiv, doch verstärkt die emanzipatorische Bewegung der Mutter die Emanzipation der Tochter. Der Beitrag der Mutter zur Selbstfindung der Marquise ist ihre Selbstdemontage und die Demontage des Vaters in der Ausübung seiner Autorität. Indem sie zur Marquise aufs Land hinausfährt, kommt sie ihr allein durch die räumliche Bewegung entgegen. Als sie von der Unschuld ihrer Tochter überzeugt ist, erniedrigt sie sich absolut vor ihr, hebt die Marquise in den Himmel und stellt sich bedingungslos an ihre Seite.

Auch das Bild, das die Marquise von ihrem Vater hat, ändert sich: Er ist jetzt nicht mehr der extrem autoritäre, gefühllose Gesellschaftsrepräsentant, der Gewalt zur Ausübung seiner Macht als Mittel einsetzt, sondern der über alle Maßen emotionale Vater, der sich vom Liebhaber kaum noch unterscheidet. Er sieht in der Marquise nun nicht mehr die unschuldige Tochter, sondern die Frau unter dem Aspekt ihrer Sexualität. In dieser Situation erfährt die Marquise Anerkennung als Frau. Der Vater erliegt als Mann ihren weiblichen Reizen, die er zuvor ignoriert und verleugnet hat.

Sein Verhalten und seine Stellung als autoritärer Familienvater ändern sich auch insofern, als am darauffolgenden Tag innerhalb der Familie gemeinsam beratschlagt wird, wie nun weiter verfahren werden soll, und jedes Familienmitglied seine eigene Meinung äußert und schließlich ein Konsens gefunden wird. Die Marquise erfährt sich in dieser Situation als gleichberechtigtes Familienmitglied mit eigener Meinung und mit Einfluss auf das Geschehen innerhalb der Familie. Diese Erfahrung stärkt ihr neu erlangtes Selbstbewusstsein und korrigiert ihr Vaterbild.

Doch bleibt der Vater weiterhin der Repräsentant und das Oberhaupt der Familie und tritt in der Gesellschaft bzw. Öffentlichkeit entsprechend auf – z.B. regelt er die formellen Angelegenheiten wie den Ehevertrag mit dem Grafen. Erst jetzt kann sich die Marquise wirklich sicher unter der väterlichen Obhut fühlen, da dieser nun die Bedürfnisse seiner Familie berücksichtigt und ihre Interessen in der Öffentlichkeit vertritt. Die Marquise hat nun endlich die Sicherheit, die sie sich ständig erhofft hat, innerhalb der Familie gefunden, ohne dafür ihre neu gewonnene Selbständigkeit aufgeben zu müssen. Damit ist dieser Teil des Selbstfindungsprozesses abgeschlossen.

Der andere Teil des Prozesses verläuft komplizierter, verdeckter und ist deshalb viel schwieriger nachzuweisen; denn der Text gibt kaum unmittelbaren Aufschluss darüber, was in der Marquise vorgeht. Dennoch lässt sich sagen, dass die Marquise eine psychische Identitätskrise durchläuft, bis sie sich schließlich in ihrer Leiblichkeit und menschlichen Unvollkommenheit annimmt.

Nach dem Tod ihres Mannes zieht die Marquise sich völlig in sich zurück. Sie negiert sich als Frau und selbständige Person mit eigenen Bedürfnissen und unterwirft sich ganz der väterlichen und gesellschaftlichen Autorität, indem sie in ihres Vaters Zitadelle nach seinen Regeln und Konventionen lebt. Ihre Bedürfnisse verleugnet sie sogar vor sich selbst. Als sie mit dem angebeteten Grafen, der sie „sprachlos“ (S. 5) mit seinem Erscheinen gemacht hat, allein ist, fällt sie eher in Ohnmacht, anstatt sich bzw. dem Grafen ihre Gefühle für ihn einzugestehen und danach zu handeln. Erst recht vor ihren Eltern fühlt sie sich nicht imstande, für ihre „Schwäche“ für den Grafen einzustehen. Sie befürchtet, als unvollkommener Mensch, der nicht nur nach den Gesellschaftskonventionen funktioniert, sondern eigene Bedürfnisse befriedigen will, keinen Platz mehr in ihrer Familie zu haben. Sie verdrängt deshalb die Emotionen und Sehnsüchte, die der Graf in ihr weckt, ins Unterbewusstsein, doch ist es ihr nicht möglich, ihre Gefühle, Sehnsüchte und ihre sexuellen Bedürfnisse endgültig von sich abzuspalten. Diesen lebendigen Teil in sich lähmt sie selbst und versucht, ihr Handeln davon nicht beeinflussen zu lassen, sondern richtet ihr Verhalten ganz auf die Vernunft, die Ratio, aus. Sie handelt nicht intuitiv, sondern bewusst überlegt. Ihr Bewusstsein, das die gesellschaftlichen Werte internalisiert hat, bestimmt ihr Leben. Das Sicherheitsbedürfnis der Marquise wirkt sich auf ihr Handeln aus, was letztendlich bedeutet, dass sie sich strickt an die patriarchalische Ordnung ihres Elternhauses hält, um dort einen sicheren Ort für sich und ihre Kinder zu haben. Sie ist sich ihres eigenen Potentials als Individuum nicht bewusst, da sie sich ständig selbst blockiert. Daher glaubt sie, auf die gesellschaftliche und die familiäre Institution angewiesen zu sein und die Forderungen dieser Systeme bedingungslos erfüllen zu müssen, ohne selbst Forderungen an diese stellen zu dürfen. Das Verhalten des Vaters, der sie auf die Rolle der unmündigen und unschuldigen Tochter reduziert, bestärkt sie noch in diesem Glauben. Als bei der ersten Begegnung mit dem Grafen ihre unterdrückten, latent dennoch vorhandenen emotionalen und sexuellen Forderungen von diesem beachtet und sogar erfüllt werden, kann sie dieses Erlebnis nur schwer vergessen, denn es hat in ihrem Inneren sowohl eine körperliche als auch eine psychische Veränderung ins Rollen gebracht, die sie nicht mehr aufhalten kann. Doch sie wehrt sich gegen diese Veränderungen, da sie ihre bisherige Ordnung und die damit verbundene Sicherheit gefährden. Deshalb bagatellisiert sie die „Umstände“, in denen sie sich befindet, anstatt sie ernst zu nehmen, und versucht weiterhin ihre individuellen Bedürfnisse zu verdrängen, um das Bild der unschuldigen Tochter vor sich selbst und ihrer Familie aufrecht erhalten zu können. Sie verdrängt die immer eindeutiger werdenden Zeichen ihrer Schwangerschaft so lange, bis diese amtlich vom Arzt und der Amme festgestellt ist. Doch selbst, als die Marquise mit dieser unumstößlichen Tatsache konfrontiert ist, weigert sie sich, sich damit auseinander zu setzen, wie es zu dieser Schwangerschaft kommen konnte, und sich ihren eigenen Anteil am Zustandekommen der Schwangerschaft einzugestehen. Sie müsste sich ihre Schwäche für den Grafen verzeihen und ihm, dass er ihre Schwäche – gar nicht „engelhaft“ – für sich ausgenutzt hat. Doch sie ist nicht bereit, die „gebrechliche [...] Einrichtung der Welt“ (S. 49) zu akzeptieren. Sie flüchtet sich stattdessen in eine religiöse Verklärung: Der Graf wird zum „Engel“ (S. 5), die Empfängnis eine „unbefleckte“ und das Kind ein „in der größten Unschuld und Reinheit empfangen(es)“ (S. 30) „Geschenk Gottes“. Sie gibt „sich ganz unter der großen, heiligen und unerklärlichen Einrichtung der Welt gefangen“ (S. 29). Dabei ist ihre Schwangerschaft nicht „unerklärlich“, doch sie ist nicht bereit, die Erklärung zu akzeptieren, die schlicht darin besteht, dass der Graf weder ein „Engel“ noch ein „Teufel" ist, der „zum Auswurf seiner Gattung gehört“, und sie selbst weder eine „schamlose Dirne“ noch eine „Heilige“, sondern dass beide nur Menschen sind und als solche gehandelt haben. Sie hält an der Verklärung fest, zieht sich aufs Land zurück, kapselt sich völlig von ihrer Umwelt ab und versucht, sich dort eine eigene Welt zu schaffen. Sie glaubt, dass es ihr Schicksal ist, ihr Leben „in klösterlicher Eingezogenheit“ (S. 30), also enthaltsam, zu verbringen. Damit kann sie sich besser arrangieren als mit ihrer Unvollkommenheit. Als sie erkennt, dass der Graf, der sie unbewusst immer wieder durch sein bloßes Erscheinen an ihre Unvollkommenheit und ihre Bedürfnisse erinnert, ihr auch in diese Welt der Entsagung folgt, wehrt sie sich, als er ihr seine und damit auch ihre „Gebrechlichkeit“ gestehen will, indem sie ruft: „Ich will nichts wissen!“ (S. 33) und vor ihm und seiner Wahrheit flieht. Sie sperrt sich gegen die Tatsache, dass nicht nur ihre Familie „gebrechlich“ ist, sondern auch der von ihr angebetete Graf und schließlich sie selbst. Doch akzeptierte sie diese Tatsache, käme nicht nur ihr Weltbild, sondern auch ihr Selbstbild, das ihr so sicher erschien, ins Wanken und bräche zusammen. Deshalb hält sie an ihrer Unschuld fest, da diese in ihren Augen ihre letzte Sicherheit darstellt, die sie noch hat.

Als der Graf am „gefürchteten Dritten“ durch sein Erscheinen seine und ihre Menschlichkeit vor der Familie öffentlich eingesteht und damit auch ihr Versagen in der bedingungslosen Erfüllung der gesellschaftlichen Konventionen, zerstört er das Bild, das sie bis zu diesem Moment von ihm hatte, und – was ungleich schlimmer ist – ihr Selbstbild. Nun ist sie gezwungen, ihre eigenen Anteile an den Ereignissen zu sehen. Ihr letzter Versuch, davor die Augen zu verschließen, besteht darin, den Grafen für die Ereignisse allein verantwortlich zu machen und ihn für alles schuldig zu sprechen. Sie sieht ihn als „Teufel“ (S. 47), als personifizierte Schuld, und weigert sich, Kontakt zum Grafen zu haben oder ihn gar zu heiraten. Ihn heiraten hieße, sich ihre Zuneigung zu diesem Menschen, der weder „Engel“ noch „Teufel“ ist, eingestehen zu müssen. Und das zöge wiederum die Konsequenz nach sich, dass die Marquise in dieser Beziehung zum Grafen auf sich selbst und ihre eigene Unvollkommenheit zurückgeworfen würde. Doch sie will ihren eigenen Anteil und damit den „Beweis ihrer Schuld“ nicht wahrhaben, da ihre Unschuld die letzte Sicherheit ist, an die sie sich noch klammern kann, nachdem ihr sonstiges Weltbild zusammengebrochen ist. Der Lauf der Ereignisse hat dazu geführt, dass die Marquise gezwungen war, all ihre vermeintlichen Sicherheiten Stück für Stück auf- und preiszugeben. Doch an ihrer Unschuld hält sie fest. Deshalb ist die erste Hochzeit nur pro forma, damit die Gesellschaftskonventionen erfüllt werden. Die Marquise hält strikt Distanz zum Grafen und lässt keinerlei Kontakt oder Nähe zu. Erst als sie merkt, dass er trotz ihrer ablehnenden Haltung sich nicht nur weiter um sie bemüht, sondern nach und nach auch all seine Sicherheiten auf- und sich damit preisgibt, bis ihm schließlich nichts mehr bleibt als seine Hoffnung auf Annahme und Vergebung, ist sie anscheinend bereit, sich ihre „Schuld“ einzugestehen und sich und dem Grafen „um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willen“ (S. 49) zu verzeihen. Auf die Einsicht – zu der die Marquise höchstwahrscheinlich gelangt ist –, dass Menschen weder perfekt noch völlig verdammungswürdig sind, sondern Stärken und Schwächen besitzen, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern dass eben diese Ambivalenz – man könnte auch sagen „Vielseitigkeit“ – den Menschen ausmacht, folgt eine Versöhnung der Marquise, zum einen mit sich selbst, zum anderen mit dem Grafen. Sie feiert ein zweites Mal Hochzeit und zeigt dadurch der Öffentlichkeit, dass es sich nun um eine bewusste Entscheidung für diesen Mann handelt. Danach verlässt sie ihr Elternhaus mit ihm und den Kindern und zieht mit ihrer Familie aufs Land. Durch diese Selbsterfahrung entwickelt die Marquise ein neues Selbstbewusstsein als Frau und Individuum. Die Marquise lebt im Rahmen der Ehe ihre individuellen, emotionalen und sexuellen Bedürfnisse, ohne gegen gesellschaftliche Konventionen zu verstoßen. Die Sicherheit, die sie ständig im Außen gesucht hat, hat sie schließlich in sich und ihrer Beziehung zum Grafen gefunden. Ein deutliches Indiz dafür, dass sie sich nun in ihrer Leiblichkeit und Menschlichkeit angenommen hat, sind die zahlreichen Kinder, die sich in dieser Ehe nach und nach einstellen.

2.2 Bedeutung der räumlichen Bewegung der Marquise

Entscheidend für den Selbstfindungsprozess und den glücklichen Ausgang der Novelle ist die räumliche Bewegung der Marquise. Ihre jeweiligen Aufenthaltsorte spielen dabei eine wichtige Rolle.

2.2.1 Situation vor dem Wendepunkt

Durch ihre Rückkehr in die Zitadelle des Kommandanten setzt sich die Marquise dem Einfluss gesellschaftlicher Konventionen aus. Dieser Einfluss ist dort so stark, dass er die Selbstentfaltung der Marquise verhindert. Das Wort „Zitadelle“ leitet sich vom italienischen Wort „Citadella“ ab und bedeutet „Stadtfestung“ oder „Stadtburg“, das heißt, es handelt sich um eine Befestigungsanlage bzw. um den Kernbau einer Festung. Mit dem Begriff „Zitadelle“ assoziiert man einerseits Sicherheit, die innerhalb dieser Festung zu finden ist, andererseits geht von hohen Steinmauern, die einen umgeben, auch ein beengendes Gefühl aus und man fühlt sich eingesperrt und von dem Leben außerhalb dieser Mauern abgeschnitten. Weiterhin wird man mit einer Zitadelle kein gemütliches und lebendiges Heim verbinden, sondern eher einen kühlen, militärischen Stützpunkt, in dem für individuelle Bedürfnisse kein Raum ist. In dieser emotionslosen, beinahe schon lebensfeindlichen Umgebung zieht die Marquise sich völlig in sich zurück, um sich mit ihrem Umfeld und den darin herrschenden militärischen Ordnung zu arrangieren, da sie sich nicht gewachsen fühlt, dem System die Stirn zu bieten, indem sie eigene Forderungen artikuliert. Sie hat den Anspruch an sich, im Einklang mit diesem System zu leben, in dem Lebendigkeit – sei es emotionale oder sexuelle – negiert wird, und verleugnet deshalb ihre individuellen Bedürfnisse.

Die zentrale Funktion, ihre Bewohner vor Angriffen von außerhalb zu schützen, erfüllt die Zitadelle im Fall der Marquise aber nicht, sondern sie wird im Sturm eingenommen. Durch den Ansturm des Grafen wird sowohl die Zitadelle als auch die Marquise in ihren Grundfesten erschüttert. Ihm gelingt es, die Festung und die Frau im Sturm zu erobern, und beweist damit, dass die Sicherheit, welche die Marquise im Schutz der Mauern und in der Verdrängung ihrer Gefühle und Bedürfnisse zu finden glaubt, keine ist. Er nimmt der Marquise diese Sicherheit, da die Familie die Zitadelle räumen muss, doch gibt er ihr dadurch ein Stück Freiheit.

Denn nun bezieht die Familie ein Haus in der Stadt. Durch diese räumliche Bewegung von der Zitadelle zum Stadthaus wird der Einfluss der gesellschaftlichen Konventionen etwas geringer, doch bleibt er nach wie vor bestehen, denn die Marquise ist weder bereit, ihr Vater- und Weltbild zu ändern, noch eigene Forderungen zu stellen, anstatt den an sie gestellten Forderungen zu entsprechen. Sie bleibt lieber passiv, anstatt aktiv ins Geschehen einzugreifen. Die zum selbständigen Handeln nötige Selbstsicherheit fehlt ihr, und sie glaubt deshalb, denjenigen das Feld überlassen zu müssen, die in ihren Augen jene Selbstsicherheit ausstrahlen – zum Beispiel ihrem emotionslosen, patriarchalischen und cholerischen Vater.

Doch als ihr Vater zuerst ihr Leben bedroht und dann von ihr fordert, ihre Kinder bei ihm zurückzulassen, verweigert die Marquise ihm den Gehorsam, und handelt aus dieser Situation heraus zum ersten Mal selbständig.

2.2.2 Entwicklung nach dem Wendepunkt

Sie zieht sich auf das Land zurück, kehrt der Gesellschaft den Rücken und schirmt sich durch einen Wächter von äußeren Einflüssen ab. Dieser Schritt der Marquise ist für das glückliche Ende der Erzählung ausschlaggebend. Sie wird sich ihrer Selbständigkeit bewusst, und handelt aus diesem Selbstbewusstsein heraus erstmals selbständig im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Konventionen: Sie gibt die Zeitungsannonce auf, in der sie die Misere, in der sie sich befindet, bekannt gibt. Sie ist nun so selbständig, dass sie öffentlich die „Gebrechlichkeit ihrer Welt“ eingesteht. Doch ist sie noch nicht dazu bereit, ihre eigene „Gebrechlichkeit“ vor sich oder anderen zuzugeben. Als der Graf bei ihr eindringt und ihr seine und ihre eigene Unvollkommenheit vor Augen führen will, zeigt sie ihm ganz deutlich und ziemlich selbstbewusst, wo ihre Grenzen sind. Sie sagt ihm, dass sie „nichts wissen will“ und verriegelt die Tür hinter sich. Der Graf muss ihre klare Abgrenzung akzeptieren.

Dass die Mutter die Stadt verlässt und zu ihrer Tochter aufs Land kommt, ist ebenso wichtig für den positiven Ausgang der Novelle. Durch diese räumliche Bewegung verlässt die Mutter ihren bisherigen Standpunkt und geht auf die Marquise zu. Als sie ihre Tochter um Verzeihung bittet, erfährt die Marquise eine Aufwertung und Anerkennung ihrer Person durch ihre Mutter, die ihrem neuen Selbstbewusstsein Kraft gibt.

Mit der Mutter zur Unterstützung an ihrer Seite kehrt sie zum Stadthaus des Vaters zurück.. Auf sich allein gestellt, wäre die Marquise nicht in der Lage, der väterlichen Gewalt zu widerstehen. Im Stadthaus angekommen geht sie nicht zu den Gemächern ihres Vaters, um ihn dort aufzusuchen, weil die Mutter sie daran hindert, sondern wartet gemeinsam mit der Mutter in ihrem Zimmer, bis dieser seine Räume aufgibt und zu ihr kommt und damit seine Position aufgibt. Verließe die Marquise ihre Zimmer und ginge zu ihm, gäbe sie ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein auf und ordnete sich wieder dem väterlichen Patriarchat unter. Doch dadurch, dass der Vater von der Mutter gezwungen wird, seine Position aufzugeben und in das Zimmer der Marquise zu kommen, wenn er seine Tochter und seine Frau behalten will, wird er auch gezwungen, die Emanzipation der Marquise anzuerkennen. Die Marquise erlebt in der Versöhnungsszene mit ihrem Vater, dass er sie nun nicht mehr auf das Bild der zur Unmündigkeit und Keuschheit verpflichteten Tochter reduziert, sondern ihre Selbständigkeit im Hinblick auf ihre Person und ihre Sexualität anerkennt.

Durch die Selbstdemontage der Mutter und ihrer Demontage des Kommandanten findet teilweise eine Neustrukturierung der familiären Ordnung statt. Bei der gemeinsamen Beratung der Familie am nächsten Tag äußert die Marquise selbstbewusst ihre Meinung und tritt für diese ein. Am Schluss der Unterredung wird ein Konsens gefunden, der die verschiedenen Forderungen der einzelnen Familienmitglieder berücksichtigt und somit alle zufrieden stellt. Der Vater ist zwar nach wie vor das Oberhaupt der Familie und vertritt sie in der Öffentlichkeit, aber innerhalb der Familie werden die Bedürfnisse aller Mitglieder ernst genommen und zu befriedigen versucht.

Bei der öffentlichen Begegnung der Marquise mit dem Grafen im Besuchszimmer scheitert der Versuch der Familie, die Situation der Schwangerschaft gemeinsam zu bewältigen, an der Weigerung der Marquise, Verantwortung für ihren Anteil der Umstände zu übernehmen, die zu dieser Schwangerschaft geführt haben. Als sie in ihrem „engelhaften“ Grafen den Vater ihres Kindes erkennen muss, verteufelt sie ihn und flieht in ihre Privaträume. Sie ist noch nicht bereit, in der Öffentlichkeit der Familie und der Gesellschaft – denn dafür steht das Besuchszimmer – zu ihrer Schuld zu stehen, die sie sich selbst noch nicht einmal eingestanden hat.

Sie zieht sich in ihr Bett zurück, während die Mutter den Hochzeitstermin festsetzt und der Vater in ihrem Interesse die Bedingungen für die Heirat mit dem Grafen aushandelt. Dort bleibt sie und gewährt dem Grafen vorerst keinen Zutritt. An dieser Stelle muss man sich die Doppeldeutigkeit des Handlungsortes bewusst machen. Das Schlafgemach der Marquise ist wohl ihr intimster Raum und symbolisiert somit den Ort der psychischen Intimität des Menschen. Das Bett ist ein Ort der sexuellen Intimität. Da die Marquise weder ihr Bett noch ihr Schlafzimmer verlässt – außer, als die Trauung zwischen ihr und dem Grafen pro forma vollzogen wird – liegt die Vermutung nahe, dass sie sich in dieser Intimsphäre mit ihrer Menschlichkeit und ihrer Sexualität auseinandersetzt. Der Graf scheint das zu spüren, denn er respektiert die von ihr gewählte Distanz und ihre Privatsphäre, und betritt den Raum nicht unaufgefordert. Die erste private Begegnung der Marquise und des Grafen in ihrem Schlafzimmer ist noch sehr distanziert: Sie sitzt mit dem gemeinsamen Kind auf dem Wochenbett und er steht unter der Tür, betritt also nicht den Raum. Die Marquise hat zu diesem Zeitpunkt all ihre vermeintlichen Sicherheiten aufgeben müssen, nicht ohne Zutun des Grafen, der ihr ihre „Unschuld“ geraubt hat, derer sie sich so sicher war. Nun hat sie nichts Verlässliches mehr, hat sich in ihrer Unvollkommenheit und „Gebrechlichkeit“ gezeigt. Doch die Welt des Grafen ist nach wie vor „intakt“ und „beständig“ – ganz im Gegensatz zu ihrer. Sie fühlt sich unsicher, gedemütigt und minderwertig. Deshalb erlaubt sie dem Grafen auch nicht, ihr Zimmer zu betreten bzw. ihr nahe zu kommen. Erst als der Graf all seine Sicherheiten freiwillig aufgibt und sie ihr schenkt, indem er nicht nur auf seine Rechte als Ehemann verzichtet und sie trotzdem zur Gräfin macht, sondern auch ihr Kind reich beschenkt und sie als Alleinerbin seines Vermögens einsetzt, verzeiht sie ihm die Demütigung, die sie durch ihn vor sich und anderen erfahren hat. Mit seinen Schenkungen hat er ihr Wert gegeben und sich selbst wertlos gemacht. Dieses bedingungslose Zugeständnis des Grafen führt zu einer langsamen Annäherung und Aussöhnung der Marquise mit ihm.

Ab diesem Moment steht ihm das Elternhaus der Marquise offen. Das lässt den Schluss zu, dass sich die Marquise allmählich dem Grafen öffnet. Dieser Prozess der Öffnung ist abgeschlossen mit der zweiten Hochzeit, bei der die Marquise dem Grafen nun ein bewusstes Jawort gibt. Es ist anzunehmen, dass sie unbewusst schon bei der allerersten Begegnung in der Zitadelle ihr Jawort gegeben hat. Von diesem Hochzeitstag an scheint der soziale und individuelle Selbstfindungsprozess abgeschlossen.

Der Umzug der Marquise mit ihrer ganzen Familie aufs Landhaus symbolisiert ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit von der Gesellschaft und ihrem Elternhaus und steht weiterhin dafür, dass sie sich in ihrer Leiblichkeit angenommen hat und ihren Individualismus und ihre Sexualität im Rahmen ihrer Familie lebt.

Am Ende dieser Arbeit sei noch darauf hingewiesen, dass es nicht nur der Marquise zu verdanken ist, dass die Novelle letzten Endes noch einen guten Abschluss findet. Wie schon teilweise angedeutet wurde, trägt die Mutter einen entscheidenden Teil zur Emanzipation der Marquise innerhalb der Familie bei – und sie vermittelt nicht nur in dieser Situation. Und ohne die Tat des Grafen, der die Marquise unbewusst wieder an ihre Bedürfnisse erinnert und sie damit aus ihrer Erstarrung befreit, hätte die Marquise wahrscheinlich keinen Anlass, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen, und würde so nie ihr Potential als selbständiges Individuum und als Frau erkennen. Doch den Beitrag der weiteren Figuren zum glücklichen Ende im Einzelnen auszuführen, würde zu weit gehen und den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb kam der Entschluss zustande, sich vorwiegend auf die Heldin der Novelle, die Marquise, zu konzentrieren und deren Entwicklung im Lauf der Handlung aufzuzeigen.

Literaturverzeichnis:

Primärliteratur:

Kleist, Heinrich von: Die Marquise von O... / Das Erdbeben von Chili, Erzählungen, Nachwort von Christian Wagenknecht; Stuttgart: Reclam 1984.

[Nach dieser Ausgabe wird zitiert. Die Seitenzahlen sind in Klammern im Text dieser Hausarbeit eingefügt.]

Sekundärliteratur:

Doering, Sabine: Erläuterungen und Dokumente, zu Kleist, Heinrich von, Die Marquise von O...; Stuttgart: Reclam 1993.

Engstfeld, Peter: Über die Folgen verdrängter Motive. Zur Kritik psychoanalytischer Kleist-Interpretationen; Diss. Bremen 1980.

Hermann, Ursula: Herkunftswörterbuch, Etymologie und Geschichte von 10.000 interessanten Wörtern; München: Orbis-Verlag für Publizistik GmbH. 1993.

Holz, Hans Heinz: Macht und Ohnmacht der Sprache. Untersuchungen zu Sprachverständnis und Stil Heinrich von Kleists; Frankfurt a. M. / Bonn 1962.

Kirchner, Hartmut: Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, Die Marquise von O..., Interpretation / von Hartmut Kirchner. Hrsg. Von Bogdal, Klaus-Michael / Kammler, Clemens; 2. überarb. Aufl. München: Oldenbourg 1999 (= Oldenbourg-Interpretationen Bd. 50).

Koch, Friedrich: Heinrich von Kleist, Bewußtsein und Wirklichkeit; zugl. Erlanger Diss. Stuttgart 1958.

Rieger, Bernhard: Geschlechterrollen und Familienstrukturen in den Erzählungen Heinrich von Kleists; Frankfurt a. M./ Bern 1985.

Sack, Volker: Identitätskrisen. Heinrich von Kleist: „Die Marquise von O...“ und Arthur Schnitzler: „Flucht in die Freiheit“; Stuttgart 1989.

Schmidt, Jochen: Die Marquise von O In: Interpretationen. Kleists Erzählungen. Hrsg. von Hinderer, Walter; Stuttgart: Reclam 1998 (= Universal- Bibliothek; Nr. 17505: Literaturstudium: Interpretationen) S. 67-85.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
"Die Marquise von O..." Wie aus der ausweglosen Extremsituation ein glückliches Ende wird
Untertitel
Eine Analyse über Ausgangs- und Wendepunkt der Novelle
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V109988
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gründe, Zustandekommen, Extremsituation, Novelle, Marquise, Heinrich, Kleist, Ausgang, Zusammenhang, Proseminar
Arbeit zitieren
Beate Leiter (Autor), 2003, "Die Marquise von O..." Wie aus der ausweglosen Extremsituation ein glückliches Ende wird, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109988

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