Ist die Bulimie eine Beziehungsstörung, die feministischen Widerstand übt? In dieser Masterarbeit wird das bulimische Syndrom als Beziehungsstörung zum Selbst, zum eigenen Körper sowie zu anderen Menschen betrachtet. Dafür wird die Frage gestellt, inwiefern das Syndrom in den Kontext verkörperter Sozialität gestellt und als feministische Widerständigkeit gedeutet werden kann. Durch eine psychodynamisch informierte Perspektive wird das Syndrom als Kompensation intrusiver Verletzung narzisstischer Integrität von Frauen* interpretiert. Die Genderspezifität des Syndroms wird in den Kontext gesellschaftlich bedingter weiblicher* Verletzbarkeit, Abhängigkeit und selektiver Unterdrückungsdynamiken gesetzt.
Dafür werden zum einen psychodynamische Internalisierungsprozesse dargestellt und verkörperte Einschreibungen des Sozialen angenommen. Zum anderen wird das Syndrom als Strategie feministischer Widerständigkeit gegenüber gesellschaftlich normalisierter gewaltvoller Beziehungsgestaltung dechiffriert. Gleichzeitig werden die Erkenntnisse als Denkangebote für die Körperpsychotherapie aufgezeigt. Diese Masterarbeit richtet sich an Menschen, die (körperpsycho-)therapeutisch arbeiten und forschen, sowie an solche, die an der Schnittstelle zwischen Körper(-ausdruck) und Sozialität (akademisch) interessiert sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Psychiatrische Kriterien des bulimischen Syndroms
2.1. Diagnostische Einordnung
2.2. Prävalenz und Epidemiologie
2.3. Komorbidität
2.4. Verlauf und Remission der Bulimie
3. Die psychodynamische Spezifität des bulimischen Syndroms
3.1. Kriterium A: Der Essanfall
3.2. Kriterium B: Unangemessene Kompensation ̶ Erbrechen
3.3. Die „Bulimie-Familie“und das rigide Kindimago
3.4. Die Bulimie als Beziehungsstörung
4. Verkörperte Sozialität
4.1. Das bulimische Syndrom als weibliche (Über-)Lebensstrategie
4.2. Wandelnde Erwartungshaltung gegenüber der weiblichen* Geschlechtsrolle im 20. Jahrhundert
4.3. Internalisierte Sozialität im Rahmen der Konfliktverarbeitung nach Focks
4.4. Die vergeschlechtlichte Flucht vor Verletzbarkeit bei Bergoffen
4.5. Die Bulimie als Reaktion auf weibliche Abhängigkeit
5. Die Bulimie als feministischer Widerstand
5.1. Die Beziehungsstörung – Aufbegehren als feministische Widerständigkeit
5.2. Leibliche Selbstbehauptung und Sprache des Leibes
6. Denkangebote für die Körperpsychotherapie als Ausblick
6.1. Verkörperte Sozialität in der KPT
7. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das bulimische Syndrom als eine auf Nahrung und den eigenen Körper verschobene Beziehungsstörung. Ziel ist es, das Syndrom nicht nur als pathologisches Phänomen zu verstehen, sondern als individuellen weiblichen Lösungsversuch sowie als eine Form von körpersprachlichem feministischem Widerstand gegen patriarchale Anforderungen und gewaltvolle Abhängigkeitsbeziehungen zu deuten und für die Körperpsychotherapie fruchtbar zu machen.
- Psychodynamische Analyse des bulimischen Syndroms
- Konzept der „verkörperten Sozialität“ und dessen Bedeutung
- Die Rolle patriarchaler Anforderungen an die weibliche Geschlechtsrolle
- Das bulimische Syndrom als Form des körpersprachlichen Widerstands
- Denkangebote und Ansätze für die Körperpsychotherapie
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Der bulimische Hunger und die Verschiebung auf die Nahrung
Der Hunger, der nach den kränkenden Auslösesituationen empfunden wird, ist nicht stillbar: „Menschen mit Bulimie sind ständig auf der Suche nach etwas Eßbaren. Sie werden aber niemals satt“ (Gerlinghoff 1998: 18). Damit hat der Hunger eine Abwehrfunktion und dient der Vermeidung von Konflikten mit anderen Personen sowie des Spürens der inneren Anspannung. Er lenkt von den Gefühlen ab, die den Selbstwert bedrohen, und schiebt die Aufmerksamkeit auf den Körper (Ettl 2001: 46). Dadurch wird das Ich somatisiert und regrediert zum Körperselbst (ebd.: 19ff). Um die Frage zu beantworten, warum das Unbehagen als Hunger empfunden wird, stellt Ettl (2001: 38) die These auf, dass der Hunger gesellschaftlich anerkannter ist als die libidinösen Wünsche, die sich dahinter vermuten lassen. Nach Ettl (2001: 38f) richtet sich der eigentliche Hunger auf die Liebe beziehungsweise die Anerkennung des Über-Ichs. Gerlinghoff (1998: 24) sieht dies als eine Verwechslung: „Die später an Eßstörung Erkrankten hungern nach Anerkennung, die sie mit Liebe verwechseln.“
Von lebendigen Objekten wird die Nahrung als unbelebtes, dafür aber kontrollierbares Objekt besetzt. Als Grund wird die Angst vor den überfordernden Gefühlen, die in lebendigen Objektbeziehungen auftreten und die Beziehung dadurch scheinbar zerstören würden, genannt. Nahrung bekommt eine exklusive Bedeutung, die an die primäre, dyadische Ausschließlichkeitsbeziehung zur Mutter bzw. zur ersten Bezugsperson erinnert (Ettl 2001: 23). Diese Perspektive auf Hunger und Nahrung wirft die Fragen auf, warum gewisse Wünsche der Frauen* nicht direkt in Beziehungen geäußert werden können und welche Form von Beziehung und Liebe gesucht, erwartet, aber auch verhindert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Störungsbild und die psychodynamische sowie gesellschaftskritische Perspektive auf die Bulimia Nervosa.
2. Psychiatrische Kriterien des bulimischen Syndroms: Klinische Einordnung nach DSM-V und ICD-10 sowie Darstellung von Prävalenz, Komorbidität und Verlauf.
3. Die psychodynamische Spezifität des bulimischen Syndroms: Psychodynamische Deutung der Symptome (Essanfall, Erbrechen) als Beziehungsstörung und Abwehrmechanismus.
4. Verkörperte Sozialität: Analyse der Verschränkung von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und individuellen weiblichen Identitätskonflikten unter Einbezug feministischer Theorie.
5. Die Bulimie als feministischer Widerstand: Interpretation des bulimischen Syndroms als körpersprachliches Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen.
6. Denkangebote für die Körperpsychotherapie als Ausblick: Übertragung der Erkenntnisse in therapeutische Ansätze zur Arbeit mit Körperbild und Sozialität.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Synthese der Forschungsergebnisse und Ausblick auf zukünftige therapeutische Forschungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Bulimia Nervosa, Beziehungsstörung, psychodynamische Perspektive, verkörperte Sozialität, feministischer Widerstand, patriarchale Strukturen, Körperpsychotherapie, Essanfall, Identitätskonflikte, Geschlechtsrolle, Selbstbehauptung, Über-Ich, Abwehrmechanismen, Körper-Geist-Dualismus, Anerkennung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das bulimische Syndrom aus einer psychodynamischen und feministischen Perspektive und betrachtet es als Beziehungsstörung, die eng mit gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen* verknüpft ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die psychodynamische Genese des Syndroms, das Konzept der verkörperten Sozialität, patriarchale Machtverhältnisse sowie die Interpretation der Bulimie als körpersprachlicher Widerstand.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern das bulimische Syndrom als Ausdruck einer Beziehungsstörung im Kontext verkörperter Sozialität betrachtet und als feministische Widerständigkeit sowie Ergänzung zur Körperpsychotherapie gedeutet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Zusammenführung psychodynamischer Modelle mit feministischen und phänomenologischen Ansätzen, um das Syndrom in seinen sozio-historischen Kontext einzubetten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die klinischen Kriterien der Bulimia Nervosa definiert, gefolgt von einer psychodynamischen Deutung der Symptome und einer Analyse des Einflusses gesellschaftlicher Rollenerwartungen auf die Identitätsbildung von Frauen*.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Bulimia Nervosa, Beziehungsstörung, verkörperte Sozialität, feministischer Widerstand, patriarchale Strukturen und Körperpsychotherapie.
Warum wird das bulimische Syndrom als Beziehungsstörung bezeichnet?
Weil die Betroffenen Schwierigkeiten haben, libidinöse Bedürfnisse und Konflikte direkt in interpersonellen Beziehungen zu äußern, wodurch diese Bedürfnisse auf das kontrollierbare Objekt „Nahrung“ verschoben werden.
Inwiefern ist das bulimische Syndrom ein „feministischer Widerstand“?
Indem das Syndrom körpersprachlich gegen die gesellschaftliche Passivität und die Unterwerfung unter patriarchale Rollenerwartungen protestiert, auch wenn dieser Widerstand aufgrund des sozialen Drucks oft im Verborgenen stattfindet.
Welche Rolle spielt der Körper in dieser Arbeit?
Der Körper fungiert als „Scharnier zwischen Struktur und Subjekt“, in dem gesellschaftliche Machtverhältnisse und Normen materialisiert werden und somit als erfahrbare Wirklichkeit wirken.
Welche Bedeutung hat die Körperpsychotherapie für die Ergebnisse?
Die Arbeit schlägt vor, dass körperpsychotherapeutische Ansätze notwendig sind, um die auf den Körper verschobenen Konflikte re-sensibel zu machen, die unterdrückten Affekte zu integrieren und das gestörte Körperbild zu heilen.
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- Sarina Pfeiler (Author), 2021, Das bulimische Syndrom als Beziehungsstörung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1101166