'Schreiben nach Vietnam' - Die Möglichkeit der Erinnerung an den amerikanischen Krieg nach dem Funktionswandel der vietnamesischen Literatur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politik und Literatur – Literatur versus Politik
2.1 Der Mythos des tapferen Kriegers: Vietnam im Krieg – Die revolutionäre Schule
2.2 Der Mythos bröckelt: 1975 als Zäsur – Die Abkehr von der revolutionären Schule beginnt
2.3 Der Mythos wird zerstört: 1986-1989 – Kurzfristige Liberalisierung im Zuge von „doi moi“

3. Schonungsloser Realismus – Kriegserinnerungen in Bao Ninhs „The Sorrow of War“ und Duong Thu Huongs „Roman ohne Namen
3.1 „The Sorrow of War
3.2 „Roman ohne Namen

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[A] still more implicit and powerful difference posited by the Orientalist as against the Oriental is that the former writes about, whereas the latter is written about.“[1]

Bei dem Versuch, einen Überblick über die Erinnerungen an den amerikanischen Vietnamkrieg zu erlangen – sei es im Bereich des Films, der Zeitzeugenberichte oder der autobiographischen bzw. fiktiven Literatur – scheint die obige These auf den ersten Blick verifiziert.

Unzählige Vietnamkriegsfilme und -romane sind seit Kriegsende von amerikanischen Filmemachern und Schriftstellern publiziert worden. Der Ausspruch „Winners write history; losers live with it“[2] scheint sich in diesem Fall ins Gegenteil verkehrt zu haben: Hier werden wir mit einem äußerst einseitigen Geschichtsbild konfrontiert – der amerikanischen Erinnerung und somit Interpretation des Vietnamkrieges.

Die Amerikaner haben zwar den Krieg verloren, aber es sind ihre Schilderungen, die auf Grund ihrer Dominanz maßgeblich bestimmen, wie sich der Westen an den Krieg erinnern wird. „The U.S. lost the shooting war, but, so far, it is winning the meta-war.”[3]

Zwar existieren Interviews mit vietnamesischen Zeitzeugen oder Dokumentationen über Vietnam, deren Intention es ist, die vietnamesische Perspektive stärker in den Vordergrund zu stellen. Doch auch dort, wo sie authentisch erscheinen wollen, sollte hinterfragt werden, wer diese Interviews führt und inwieweit dadurch bewusst oder unbewusst die jeweilige Aussage verzerrt wird.[4]

Dennoch gibt es einen Bereich, der wahrscheinlich am ehesten einen realistischen Blick zulässt: Es sind dies die Romane der im Westen als Dissidenten bezeichneten vietnamesischen Schriftsteller, die versuchen, dem eben erwähnten Ungleichgewicht von amerikanischen und vietnamesischen Publikationen entgegenzuwirken.

Doch wie genau sieht diese vietnamesische Erinnerung an den amerikanischen Vietnamkrieg aus? Auf welche Hindernisse stoßen vietnamesische Autoren bei der Veröffentlichung? Und warum sind ihre Werke nicht annähernd so verbreitet wie diejenigen ihrer ehemaligen Gegner?

Diese Arbeit soll eine mögliche Antwort auf jene Fragen geben und dem Leser einen Anreiz bieten, sich mit weiteren vietnamesischen literarischen Kriegserinnerungen auseinanderzusetzen.

Um überhaupt ein Verständnis von den Möglichkeiten der literarischen Kriegserinnerung in Vietnam zu erlangen, soll zunächst das Verhältnis von Politik und Literatur dargestellt werden. Welche Rolle spielte letztere während des Krieges, warum konnte diese nach Kriegsende 1975 nicht mehr beibehalten werden und inwiefern wurde mit „doi moi“ die Rahmenbedingung für eine ganz andere Art der Kriegserinnerung konstituiert?

Anhand der Romane zweier nordvietnamesischer Autoren – „The Sorrow of War“ von Bao Ninh in englischer und „Roman ohne Namen“ von Duong Thu Huong in deutscher Übersetzung – soll im Anschluss die Besonderheit jener Aufarbeitung beispielhaft demonstriert werden.

Bis heute sind viele Werke immer noch nicht in Übersetzung erschienen, so dass ich mich in dieser Arbeit lediglich auf jene beiden beziehe. Eines wird jedoch hoffentlich deutlich werden: Saids anfangs zitierte Behauptung stimmt so nicht ohne weiteres: Vietnamesen schreiben! Ob sie jedoch gelesen werden, ist eine andere Frage...

2. Politik und Literatur – Literatur versus Politik

„Während des Krieges galt das Motto ’den Lärm der Bomben durch Lieder übertönen’, um zur Stärkung des revolutionären Heldentums unter den breiten Massen beizutragen“[5], schreibt Nguyen Khac Vien über den Funktionswandel der vietnamesischen Literatur, und fügt hinzu: „Klar ist allerdings, daß wir bis zum Aufkommen wirklich großer Werke noch lange Jahre des Friedens abwarten müssen.“[6] Die Frage ist, ob die Glorifizierung jenes Heldentums angesichts der Nachkriegsrealität und der nach und nach aufkeimenden Zweifel der Bevölkerung, insbesondere der jungen Generation, an der Sinnhaftigkeit des Kampfes überhaupt noch ein adäquates Mittel zur Vergangenheitsbewältigung sein kann. Was erwartet die „breite Masse“ von vietnamesischen Schriftstellern? Das Verhältnis von Literatur und Politik beginnt sich nach 1975 tendenziell umzukehren: Neben der offiziell propagierten Erinnerung erscheinen zunehmend kritische Stimmen. Welcher Art werden nun die „großen Werke“ sein, anhand derer die Öffentlichkeit sich an den Vietnamkrieg aus vietnamesischer Perspektive erinnern wird?

2.1. Der Mythos des tapferen Kriegers: Vietnam im Krieg – Die revolutionäre Schule

„Today, a poem must have steel/

A poet must learn to wage war.“[7]

-Ho Chi Minh-

Während des Krieges waren die Schriftsteller den Prinzipien des Sozialistischen Realismus[8] verpflichtet. Truong Chinh, Generalsekretär des Zentralkomitees, definiert in einem 1948 veröffentlichten Bericht zu Marxismus und vietnamesischer Kultur den Stil des Sozialistischen Realismus folgendermaßen:

„As we understand it, socialist realism is a method of artistic creation which portrays the truth in a society evolving towards socialism according to objective laws. Out of objective reality we must spotlight ‘the typical features in typical situations’ and reveal the inexorable motive force driving society forward and the objective tendency of the process of evolution.”[9]

Diese Definition bleibt recht diffus, einzig die ständige Betonung der Objektivität fällt ins Auge. Chinh gibt zu, dass manch objektive Wahrheit nicht unbedingt der Sache förderlich ist: „For example, shall we report a battle we have lost truthfully?“[10] Eine rhetorische Frage, denn die Antwort gibt er selbst: Wenn über verlorene Kämpfe berichtet werde, dann müsse stets der heroische Aspekt hervorgehoben werden, um einer Demoralisierung der Kämpfer entgegenzuwirken.[11]

So entstanden in der Zeit des Krieges Werke, deren Erzählperspektive zwangsläufig mit der seitens der Partei propagierten Ideologie korrespondierte. Im Gegensatz zur westlichen Kultur stand hier nicht das Individuum im Fokus des Interesses; in der revolutionären vietnamesischen Literatur ging die individuelle Perspektive vielmehr im Kollektiv unter.[12] Dementsprechend ist die Suche nach wahren, sich entwickelnden Charakteren vergebens. Ziel und Zweck der revolutionären Gedichte und Erzählungen war primär, die kollektive Kraft der Kämpfer zu betonen.[13] Diese wurden dadurch (aus unserer heutigen, westlichen Sicht) zu bloßen Stereotypen degradiert – aus damaliger vietnamesischer Sicht allerdings zu Helden gemacht.

Literatur und Politik bildeten also quasi eine Allianz zur Stärkung des revolutionären Heldentums und die Schriftsteller trugen somit nicht minder zur nationalen Mythenbildung bei.

2.2. Der Mythos bröckelt: 1975 als Zäsur – Die Abkehr von der revolutionären Schule beginnt

„Es gibt zwei Arten von Weltgeschichte:

die eine ist die offizielle, verlogene,

für den Schulunterricht bestimmte;

die andere ist die geheime Geschichte,

welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt.“[14]

-Honoré de Balzac-

Die Propagandaarbeit der Regierung ging auch nach Kriegsende 1975 weiter, um zu gewährleisten, dass die Bevölkerung auch weiterhin vom Zusammenhang zwischen dem Sieg über die Amerikaner und der Partei überzeugt blieb.

Diese These stützt die autobiographische Arbeit „Our Great Spring Victory“ von General Van Tien Dung, die zum ersten Jahrestag des Kriegsendes 1976 zuerst als Serie von Artikeln in der „Nhan Dan“, einer Zeitung der Vietnamesischen Arbeiterpartei (heute KPV) erschien.[15] Die Geschichte der letzten und schließlich zum Sieg führenden militärischen und politischen Kampagne sollte darin in all ihrem Erfolg aufgezeigt werden. Der Heldenmythos zieht sich hierbei ebenso durch das gesamte Werk wie die Glorifizierung Ho Chi Minhs:

„So we must do what it takes, fight truly well, and defeat the Americans if we want to make Uncle Ho happy. [...] We were following Uncle’s introductions and continuing the footsteps Nguyen Chi Thanh had left in the jungle zones [...].”[16]

[...]


[1] Said, Edward W.: Orientalism, New York: Vintage Books 1978, S. 308.

[2] Schafer, John C.: Vietnamese Perspectives on the War in Vietnam. An Annotated Bibliography of Works in English, Yale University Council on Southeast Asia Studies 1997, S. 1.

[3] Ebenda.

[4] Vgl. zum Beispiel Hess, Martha: Then the Americans Came. Voices from Vietnam, London 1993. Im Grunde genommen handelt es sich hierbei trotz des viel versprechenden Titels ebenfalls um eine Verarbeitung des Vietnamkrieges auf amerikanischer Seite, da der Leser nicht wirklich feststellen kann, inwiefern die Gespräche gekürzt bzw. im Wortlaut geändert wurden, um eine von der Herausgeberin gewünschte Aussagekraft zu erhalten.

[5] Nguyen Khac Vien: Vietnam. Eine lange Geschichte, Düsseldorf/Hanoi 1999, S. 351.

[6] Nguyen Khac Vien: Vietnam. Eine lange Geschichte.

[7] Ho Chi Minh, zitiert nach Schafer, S. 45.

[8] Zum Begriff des “Sozialistischen Realismus” vgl. Struve, Gleb: Russian Literature under Lenin and Stalin: 1917-1953, University of Oklahoma Press 1971, S.262.

[9] Truong Chinh, zitiert nach Schafer, S. 71-72.

[10] Ebenda.

[11] Truong Chinh, zitiert nach Schafer, S. 71-72.

[12] Dies war jedoch bereits in der traditionellen vietnamesischen Literatur der Fall. Auch dort wird das Individuum stets als ein Teil des übergeordneten sozialen Umfeldes gesehen. Der Einzelne ist nicht bloß seinen eigenen Interessen verpflichtet, sondern denen der Gemeinschaft.

[13] Vgl. zum Beispiel folgendes Gedicht: Pham Tien Duat: „Gedicht über die Fahrer von LKWs ohne Windschutzscheiben“, 1965, in: Vietnam Kurier, Nr. 1, Vol. 22, 2000, S. 16.

[14] zitiert nach URL: http://www.aphorismen.de [Stand: 10.03.2006].

[15] Später wurde die nun als Buch vorliegende druckreife Version der Artikel von einem Komitee zusammengestellt und von John Sprangens, Jr. ins Englische übersetzt, um diese Darstellung des Krieges auch außerhalb Vietnams publik zu machen. Vgl. Vorwort: Van Tien Dung: Our Great Spring Victory, New York u.a. 1977, S. VII.

[16] Van Tien Dung, S. 208.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
'Schreiben nach Vietnam' - Die Möglichkeit der Erinnerung an den amerikanischen Krieg nach dem Funktionswandel der vietnamesischen Literatur
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Historisches Seminar VI)
Veranstaltung
Der Vietnamkrieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V110217
ISBN (eBook)
9783640083930
ISBN (Buch)
9783640454280
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schreiben, Vietnam, Möglichkeit, Erinnerung, Krieg, Funktionswandel, Literatur, Vietnamkrieg
Arbeit zitieren
Nicole Tzanakis (Autor), 2006, 'Schreiben nach Vietnam' - Die Möglichkeit der Erinnerung an den amerikanischen Krieg nach dem Funktionswandel der vietnamesischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110217

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