Auszug oder nicht? Ursachen und Folgen des Auszugsverhaltens junger Erwachsener


Diplomarbeit, 2005

153 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Theoretischer Hintergrund
2.1.Junge Erwachsene und deren Beziehung zu ihren Eltern
2.2.Soziologische Betrachtung des Auszugsverhaltens
2.3.Wann sind Jugendliche „erwachsen“?
2.4.Wer sind die Spätauszieher?
2.5.Auszugsverhalten aus der Sicht der Eltern
2.6.Der Einfluss des Auszugs auf die Familienbeziehungen
2.7.Auszugsverhalten als Identitätsbildungsprozess
2.8.Auszugsverhalten als Entwicklungsaufgabe
2.9.Auszugsverhalten als Aspekt des Bindungsverhaltens
2.10.Empirische Befunde zum Auszugsverhalten
2.11.Ableitung der Hypothesen

3.Methode
3.1.Stichprobe
3.2.Erhebungsinstrumente
3.2.1.Fragebögen und Erhebungen zu familiären Beziehungen
3.2.2.Entwicklungsprogression und Symptombelastung
3.3.Statistische Verfahren

4.Ergebnisse
4.1.Deskriptive Beschreibung der Stichprobe
4.2.Bildung und Beschreibung der Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern
4.3.Familienbeziehungen aus der Sicht von Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern
4.3.1.Familienbeziehungen während der Adoleszenz
4.3.2.Die retrospektive Sicht von Familienbeziehungen in der Adoleszenz
4.3.3.Die Beziehung der Eltern zueinander
4.3.4.Früheres und gegenwärtiges Bindungsverhalten in Bezug auf die Eltern
4.3.5.Gegenwärtige Beziehung zu den Eltern
4.4.Allgemeine Adaptation: Entwicklungsprogression und Symptombelastung
4.4.1.Realisierung von Entwicklungsaufgaben im Jugend- und Erwachsenenalter
4.4.2.Symptombelastung während der Adoleszenz
4.4.3.Symptombelastung nach der Adoleszenz

5.Diskussion
5.1.Die Gruppe der „Anderen“
5.2.Demografische Daten
5.3.Familienbeziehungen aus der Sicht von Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern
5.3.1.Einfluss des Familienklimas
5.3.2.Die Beziehung der Eltern zueinander
5.3.3.Früheres und gegenwärtiges Bindungsverhalten in Bezug auf die Eltern
5.3.4.Die gegenwärtige Beziehung zu den Eltern
5.4.Allgemeine Adaptation: Entwicklungsprogression und Symptombelastung
5.4.1.Die Realisierung von Entwicklungsaufgeben im Jugend- und Erwachsenenalter
5.4.2.Symptombelastung während der Adoleszenz
5.4.3.Symptombelastung im jungen Erwachsenenalter
5.5.Kritik an der Studie
5.6.Forschungsausblick

6.Zusammenfassung

7.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Auszug aus dem Elternhaus ist eines der zentralen Ereignisse im jungen Erwachsenenalter. Ein Jugendlicher entscheidet sich mit einem Auszug nicht nur für ein Leben mit mehr Freiheiten, außerhalb der Kontrolle der Eltern, sondern auch für ein Leben, in dem eine Menge Verpflichtungen auf ihn zukommen, mit denen er zuvor noch niemals konfrontiert wurde. Somit ist es verständlich, dass viele Jugendliche diesem Ereignis, sobald es einmal wieder Stress im Elternhaus gibt, entgegenfiebern, aber wenn es dann soweit kommt, dieser Schritt doch häufig mit gemischten Gefühlen verbunden ist. Auch die Entscheidung, erst spät auszuziehen und es sich noch etwas im „Hotel Mama“ bequem zu machen, ist auf dem Hintergrund der massiven neuen Pflichten verständlich. Insbesondere weil die momentane wirtschaftliche Lage sowohl von privaten als auch von öffentlichen Haushalten und unsichere Berufsaussichten es fraglich erscheinen lassen, ob ein junger Mensch, der noch niemals nur auf sich selbst angewiesen war, diesen Absprung auch aus eigener Kraft schafft. Seit einigen Jahren schon beobachten Soziologen das anwachsende Durchschnittsalter beim Auszug aus dem Elternhaus, besonders bei jungen Männern. Diese Tendenz brachte der heutigen Generation von jungen Erwachsenen schon den Namen „Nesthockergeneration“ ein. Soziologen beschäftigen sich mit der Frage nach dem Warum. Es wurden einige wichtige Einflussfaktoren identifiziert, die einen Auszug sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können. Dabei finden sich in der Literatur oder einer Internetrecherche mit dem Stichwort „Nesthocker“ Hinweise darauf, dass der typische Nesthocker unter anderem die folgenden Merkmale aufweist: „männlich, Student, aus der Mittelschicht stammend.“

Dies überraschte mich dann doch sehr, da ich genau zu dieser

„Hochrisikopopulation für Nesthockertum“ gehöre, es aber dennoch geschafft habe, trotz guter familiärer Verhältnisse früher als alle mir bekannten Geschlechts- und Altersgenossen auszuziehen. Soziologisch ist dies nicht zu erklären.

In den Focus der Psychologie rückte dieses Phänomen jedoch erst in den letzten Jahren, weswegen aus psychologischer Sicht noch viele Lücken im theoretischen Netzwerk zu schließen sind, um einen genaueren Einblick zu bekommen, welche Bedingungen letztendlich dazu führen, dass junge Erwachsene diesen Schritt wagen, bzw. dies nicht tun.

Insbesondere längsschnittliche Untersuchungen, welche die Ursachen des späteren Auszugsverhaltens schon in der Adoleszenz identifizieren, fehlen in der bisherigen Literatur völlig. Die vorliegende Arbeit sollte beginnen, diese Lücke zu füllen. Im Rahmen meiner Tätigkeit als studentische Hilfskraft bei Frau Prof. Seiffge- Krenke bekam ich die Gelegenheit, im Rahmen ihres Projektes, das eine Stichprobe im Längsschnitt mittlerweile über 13 Jahre hinweg regelmäßig beobachtet, Daten zum Auszugsverhalten zu analysieren und zu dieser Arbeit zusammenzustellen.

Im theoretischen Hintergrund wird nach einer kurzen Einführung die Beziehung zwischen jungen Erwachsenen und deren Eltern aus heutiger entwicklungs- psychologischer Sicht betrachtet und einige wichtige Aspekte des Auszugs- verhaltens dargestellt. Hierzu wird erst einmal der soziologischen Sichtweise Rechnung getragen. Dabei spielen insbesondere äußere Bedingungen wie Geschlecht oder Schicht-zugehörigkeit eine Rolle, die auf den jungen Erwachsenen einwirken. Danach wird der Frage nachgegangen, ab wann ein junger Mensch aus psychologischer Sicht als „erwachsen“ angesehen werden kann, da der Verdacht nahe liegt, dass der Auszug und das Erwachsensein eng miteinander verwoben sind. Auf der Basis dieser theoretischen Vorüberlegungen wird ein erster Ausblick gewagt, welche Personen sich hinter dem Phänomen der Spätauszieher verbergen. Anschließend werden die Konsequenzen, die das Auszugsverhalten der Jugendlichen auf das Familiensystem hat, diskutiert.

Bevor einzelne interessante Forschungsergebnisse aus diesem Bereich dargestellt werden, werden zunächst noch einzelne entwicklungspsychologische Konstrukte eingeführt, denen in der vorliegenden Arbeit besondere Beachtung geschenkt wurde: Identitätsbildung, Entwicklungsaufgaben und Bindungsverhalten. Zuletzt werden die untersuchten Hypothesen aus den theoretischen Überlegungen abgeleitet.

Im Methodenteil wird die Stichprobe, die erhoben wurde, vorgestellt und die Erhebungsinstrumente eingehend beschrieben. Dabei werden die Instrumente in zwei unterschiedlichen Kapiteln zusammengefasst: Instrumente, die Rückschlüsse auf die familiäre Beziehung zum entsprechenden Erhebungszeitpunkt zulassen und Instrumente, die die psychologische Konstitution der Probanden untersuchen. Dazu gehören sowohl Skalen für psychische Symptombelastung als auch Fragebögen zur Entwicklungsprogression. Auch die dem Ergebnisteil zugrundeliegenden statistischen Verfahren werden am Ende des Methodenteils ausführlich dargestellt.

Der Ergebnisteil beinhaltet die ausführlich dargestellten Ergebnisse, die über einen Zeitraum von insgesamt 13 Jahren kontinuierlicher Messungen, berechnet wurden. Diese werden im Diskussionsteil genauer beschrieben und interpretiert. An den Stellen, an denen dies möglich war, wurden Bezüge zu schon vorhandenen Ergebnissen hergestellt.

Eine Kurzzusammenfassung findet sich am Ende kurz vor dem Literaturverzeichnis.

2. Theoretischer Hintergrund

Es existieren viele Studien zum Auszugsverhalten aus dem angloamerikanischen Sprachraum. In der vorliegenden Arbeit wird jedoch in besonderem Maße auf europäische Studien zurückgegriffen, da das Auszugsverhalten durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Anforderungen in den Vereinigten Staaten anderen Regeln folgt als hierzulande. So ziehen viele junge Amerikaner das erste mal von zu Hause aus, wenn sie das College besuchen. Die meisten amerikanischen Studien beziehen sich auf diese Population. Dies hat einerseits den Nachteil, dass das Auszugsverhalten der jungen Erwachsenen, die nicht das College besuchen, nicht erfasst wird und andererseits auch, dass diese jungen Erwachsenen selten in einer eigenen Wohnung leben, sondern in Studentenwohnheimen untergebracht sind. Außerdem wird in diesen Studien eher auf die Auswirkungen eingegangen, welche die erste Trennung von den Eltern auf das Leben der jungen Erwachsenen hat und fokussieren nicht auf den Ursachen, die dem Auszug vorausgegangen sind. Dies hätte auch wenig Sinn, da der Auszug weniger eine eigene, freie Entscheidung ist, sondern eher gesellschaftlichen Regeln folgt (u. A. Papastefanou 1997). Nach dem College ziehen viele junge Amerikaner auch wieder zurück ins eigene Elternhaus, weswegen das Phänomen der Returner dort sehr viel weiter verbreitet ist als hierzulande. In Deutschland ist es eher üblich, eine Universität zu besuchen, die nahe am eigenen Wohnort liegt, wenn dies möglich ist. Dies könnte sich mit der Einführung von Studiengebühren jedoch ändern, da wohl viele junge Erwachsene versuchen werden, sich in einer Universität einzuschreiben, die kostengünstiger ist, unabhängig davon, wie weit sie vom jeweiligen Wohnort entfernt liegt. Somit könnte die Wahl des Studienplatzes bald ein wichtiger Auszugsgrund werden. Dies wird sich mit der Zeit zeigen.

2.1 Junge Erwachsene und deren Beziehung zu ihren Eltern

Alte Ansätze der Entwicklungspsychologie berichteten Veränderungen in den Beziehungen Eltern und deren Kindern nur noch während der Adoleszenz. Es wurde sogar davon gesprochen, dass die Beziehung zwischen beiden Parteien beendet würde, sobald die jungen Erwachsenen in ein Alter kommen, in dem sie beginnen für sich selbst zu sorgen, finanziell und emotional von den Eltern unabhängig werden.

Diese Sichtweise ist mit neueren entwicklungspsychologischen Erkenntnissen nicht mehr haltbar und wird hier auch nicht weiter diskutiert.

Im Gegensatz dazu ist davon auszugehen, dass beide Seiten der Familie im Normalfall ein starkes Interesse daran haben, die Beziehung auch über eine räumliche Trennung oder sonstige Hindernisse hinaus aufrechtzuerhalten, was meist eine Neudefinition der Beziehung notwendig macht. Im Fokus dieses Prozesses, der schließlich zu einer Restrukturierung der Beziehungen in der Familie führt, steht der Begriff der Individuation. Sie ist eines der zentralen Merkmale des jungen Erwachsenenalters (Buhl, Wittmann & Noack, 2003). Sie beschreibt die Dynamik zwischen Abgrenzung und Verbundenheit. Auf der einen Seite zeigen einige Arbeiten deutlich, dass die Beziehungen zwischen jungen Erwachsenen und deren Eltern oft durch eine hohe emotionale Nähe und gegenseitigem Interesse gekennzeichnet ist, was zu befriedigender und sogar intimer Kommunikation führen kann. Auch tiefgreifende Konflikte sind relativ selten, so dass die Beziehung für alle Beteiligten als wichtig und befriedigend erlebt wird (Papastefanou 1997).

Auf der anderen Seite wird auch eine Abgrenzung der jungen Erwachsenen den Eltern gegenüber realisiert, da sie eine Persönlichkeit entwickeln, die von den Eltern getrennt besteht und sich nicht unbedingt mit deren Werten und Interessen deckt. Somit vollzieht sich in der Beziehung ein Wandel, der weg von einem unilateralen, komplementären Eltern-Kind-Verhältnis, hin zu einer mehr und mehr symmetrischen, partnerschaftlichen Beziehung führt (Buhl, Wittmann & Noack, 2003), in der beide Seiten gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dieser Wandel vollzieht sich dynamisch über einen langen Prozess. In Tabelle 2.1 wird das Konzept der Individuation nach Buhl, Wittmann und Noack (2003) schematisch dargestellt. (s. nächste Seite)

Wie aus der Tabelle hervorgeht, ordnen die Autoren jedem der beiden Konstrukte Abgrenzung und Verbundenheit drei Ebenen zu. Beide Konstrukte sollten sich sowohl auf emotionaler, kognitiver und auf einer Verhaltensebene etablieren, um so zu Individuation zu führen.

Als Antrieb für diesen Prozess werden biografische Übergänge im Leben der jungen Erwachsenen diskutiert. Hierbei wurde besonders dem Auszug aus dem Elternhaus und dem Übergang zur Elternschaft eine große Bedeutung zugeschrieben. Aber auch der Eintritt in das Berufsleben wurde in dieser Hinsicht untersucht.

Tabelle 2.1: Schematische Darstellung der Individuation, nach Buhl, Wittmann und Noack (2003)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Ergebnisse sprechen im Großen und Ganzen für die Richtigkeit der Theorie. So wurde beispielsweise gefunden, dass sowohl die Abgrenzung als auch die Verbundenheit zwischen Eltern und deren Kindern durch einen Auszug verstärkt werden (Papastefanou, 1997) als auch, dass die Bedeutung der Beziehung zu den Eltern für das Selbstkonzept von jungen Erwachsenen mit deren Eintritt in das Berufsleben abnimmt (Roberts & Bengtson 1993). Zum Übergang in die Elternschaft fanden sich inkonsistente Ergebnisse (Buhl, Wittmann & Noack, 2003). Es wird jedoch deutlich, dass auch dieses Ereignis die Beziehung zwischen Eltern und jungen Erwachsenen beeinflusst, wenn auch nicht immer in dieselbe Richtung. Außerdem weisen Buhl und ihre Mitarbeiter (2003) darauf hin, dass in Untersuchungen fast immer zwei differenzielle Effekte gefunden werden. Erstens weisen Frauen meist engere und unterstützendere Beziehungen auf, als dies bei Männern der Fall ist. Dies gilt sowohl für die Rolle als Mutter als auch für die Rolle als Tochter. Zweitens beschreiben Eltern fast in jeder Hinsicht die Beziehung zu deren Kindern als besser, als dies ihre Kinder selbst tun. Dieses Individuationskonzept wurde durch die Arbeit von Buhl und ihren Mitarbeitern (2003) in weiten Teilen sowohl aus der Perspektive der Eltern als auch aus der der jungen Erwachsenen selbst bestätigt.

2.2 Soziologische Betrachtung des Auszugsverhaltens

Das Auszugsverhalten junger Menschen ist traditionell der Forschungs- gegenstand von Soziologen, wohingegen die Psychologen erst in der jüngsten Zeit beginnen sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Bisher ist dieser Bereich jedoch von den Entwicklungspsychologen vernachlässigt worden (Papastefanou, 2000).

Soziologen fanden, dass in der Zeit zwischen den 20er und den 70er Jahren das Auszugsalter stetig sank (Goldschneider und LeBourdais 1986). Hierfür werden insbesondere der gravierende Wertewandel hin zu mehr Individualismus und weg von alten traditionellen und religiösen Autoritäten verantwortlich gemacht (Papastefanou 1997). Dieses Streben nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung veranlasste viele junge Menschen, frühzeitig das Elternhaus zu verlassen. Seit den 80er Jahren jedoch steigt das Alter des Auszugs wieder stetig an. Dieser Umstand brachte der heutigen Generation auch den Beinamen einer „Nesthockergeneration“ ein (Papastefanou 1997). Aus soziologischer Sicht wurden besonders Geschlecht, Bildung, der sozioökonomische Status, das Eingehen fester Partnerschaften und in diesem Kontext besonders von Heirat, als Einflussfaktoren auf das Auszugsalter diskutiert. Dabei ist zu beachten, dass diese Faktoren miteinander interagieren.

Insbesondere das Heiratsverhalten hat sich in den letzten Jahrzehnten maßgeblich verändert. Während früher der Auszug, Aufnahme einer Erwerbstätigkeit und die Hochzeit weitgehend gekoppelt waren, ist dies heute nicht mehr der Fall. Das durchschnittliche Hochzeitsalter steigt und nichteheliche Lebensgemeinschaften sind sehr weit verbreitet. Wenn ein Paar heiratet, geschieht dies oft erst dann, wenn beide Partner schon voll erwerbstätig sind. Die Hochzeit hat als Basis für eine Partnerschaft an Bedeutung verloren und die steigenden Scheidungsraten scheinen auf junge Paare entmutigend zu wirken. White und Peterson (1995) fanden, dass unter den Spätausziehern der Anteil der Nie-Verheirateten Personen mit 30% überrepräsentiert war, was sie darauf zurückführen, dass die Beziehung zu den Eltern alle stützenden Vorteile einer Ehe mit sich bringe, ohne jedoch so große Risiken mitzubringen. Es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass durch das Wohnen bei den Eltern die Aufnahme fester Partnerschaften erschwert wird.

Das Geschlecht spielt im Auszugsverhalten dahingehend eine Rolle, dass Frauen durchschnittlich 2 Jahre früher ausziehen als Männer. Das durchschnittliche Auszugsalter bei Frauen liegt bei ca. 21 Jahren, wohingegen es bei Männern bei 23 Jahren liegt (Weick, 1990). Eine Erklärung für diesen Umstand könnte sein, dass Frauen auch früher heiraten und früher eine Familie gründen möchten, als dies bei den Männern der Fall ist.

Den Trend, dass seit den 70er Jahren das Auszugsalter stetig zunimmt und gleichzeitig die Männer länger brauchen, um sich vom Elternhaus zu trennen, verdeutlicht die folgende Abbildung 2.1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.1: Altersmedian des ersten Auszugs bei drei unterschiedlichen Studien nach Geburtsjahrgang.

Daten aus Wagner und Huinink (1991)

Es ist deutlich zu erkennen, dass in allen Studien die Männer ca. zwei bis drei Jahre später ausziehen als ihre weiblichen Altersgenossen. Außerdem befindet sich bei den Geburtsjahrgängen um die 50er Jahre ein Tief. Bis zu diesem Zeitpunkt, in etwa Mitte der 70er Jahre, sank das Alter beim Auszug aus dem Elternhaus kontinuierlich ab. Danach steigt es wieder an.

Dieser Befund ist keinesfalls auf die Bundesrepublik beschränkt. Auch in anderen europäische Staaten und den USA ist dieses Phänomen zu beobachten. In Abbildung 2.2 ist dies für europäische Staaten verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.2: Anteil der jungen Erwachsenen, die Im Alter von 25 bis 29 Jahren noch bei den Eltern leben, zu zwei Messzeitpunkten für Männer (links) und Frauen (rechts) getrennt nach Süd- (Rottöne) und Zentraleuropa (Blautöne). Daten aus Fernandez-Cordon (1997).

Es ist auch in dieser Abbildung zu erkennen, dass immer mehr Personen auch noch gegen Ende des dritten Lebensjahrzehnts bei den Eltern leben, und dass es insbesondere die Männer sind, die noch häufig zu Hause wohnen bleiben. Hierbei unterscheiden sich die unterschiedlichen europäischen Länder nicht. Es ist aber auch zu erkennen, dass in den südeuropäischen Ländern überhaupt mehr junge Erwachsene dieses Alters noch bei den Eltern wohnhaft sind. Der Anstieg ist in Südeuropa steiler als in Zentraleuropa. Damit wird deutlich, dass der Auszug auch kulturabhängig ist.

Auch das Bildungsniveau beeinflusst das Auszugsalter maßgeblich. Studenten sind allgemein unter den Spätausziehern überrepräsentiert besonders dann, wenn sie aus finanziell schwachen Familienverhältnissen stammen. In diesem Fall ist ein Auszug für die Familie oft nicht finanzierbar. Somit bleiben viele Studenten bis zum Ende ihrer Ausbildung zu Hause bei den Eltern wohnen.

Außerdem wird das Anwachsen des Auszugsalters durch die in vielen Familien schwierige sozioökonomische Lage erklärt. In Zeiten, in denen Arbeitsplätze unsicher und rar sind, scheint es schwieriger zu sein, das Elternhaus zu verlassen und einen eigenen Hausstand zu gründen. Dies trifft insbesondere auf diejenigen sozialen Schichten zu, die ein geringes Bildungsniveau und ein geringes Einkommen besitzen.

So plausibel diese Befunde auch sind, weist Papastefanou (1997) darauf hin, dass das Auszugsverhalten in vielerlei Hinsicht erheblich an Komplexität hinzugewonnen hat. So ist der Auszug nicht als eindeutiges Ablösen von den Eltern zu verstehen und Auszug bedeutet nicht gleich Auszug, da Mischformen weit verbreitet sind. Viele junge Erwachsene wohnen z. B. in einer Einliegerwohnung im Elternhaus, oder wohnen nur unter der Woche in Studentenwohnheimen. Außerdem sind die wenigsten jungen Erwachsenen von den Eltern völlig ökonomisch unabhängig. Zuletzt steigt auch die Zahl derer, die besonders nach einer gescheiterten Beziehung wieder ins Elternhaus zurückziehen. Hinzu kommt, dass jungen Erwachsenen, die noch lange im Elternhaus verweilen, von ihren Eltern sehr viele Freiräume gelassen werden und somit der Druck auszuziehen, um mehr Privatsphäre zu erlangen, in vielen Familien nicht vorhanden ist. In diesem Falle wäre ein Auszug mit einem Wegfall von Annehmlichkeiten, Bequemlichkeit und Luxus einerseits und einem Hinzukommen von Eigenverantwortung und Verpflichtungen andererseits verbunden. Es ist in diesem Falle gut verständlich, dass junge Erwachsene noch so lange wie möglich bei ihren Eltern wohnen bleiben.

Insgesamt betrachtet ist somit das Auszugsverhalten im Zuge fortschreitender Individualisierung und schwierigen ökonomischen Verhältnissen in vielen Familien ein sehr heterogenes Geschehen mit sehr vielen Freiheitsgraden für individuelle Lebensläufe.

Dennoch beschreibt Papastefanou (1997) die folgenden Faktoren als „Risikofaktoren“ für den Aufschub des Auszugs:

- männliches Geschlecht
- Studentenstatus
- Mittelschichtzugehörigkeit
- ledig
- vollständige Herkunftsfamilie
- liberales Familienklima

2.3 Wann sind Jugendliche „erwachsen“?

Im Gegensatz zum Gesetzgeber, der eine klare Vorstellung davon hat und eine klare gesetzliche Regelung haben muss, wann ein Individuum erwachsen ist und damit die Rechte und damit verbundenen Pflichten auszufüllen imstande ist, ist dies aus psychologischer Sicht lange nicht so einfach zu beantworten. So wird mit der Erreichung des 18. Lebensjahres jedem Bürger in Deutschland die vollen Staatsbürgerrechte übertragen. Ab diesem Alter dürfen alle Deutschen zur Wahl gehen, Auto und Motorräder führen und sind vor Gericht meist voll verantwortlich für ihre illegalen Taten. Dennoch können junge Erwachsene noch bis ins Alter von 21 Jahren nach dem Jugendstrafrecht bestraft werden, falls ein Gutachter zu dem Schluss kommt, dass die betreffende Person noch nicht die Reife mitbringt, die der Gesetzgeber bei einem 18jährigen erwartet. Aber auch schon vor der sogenannten Volljährigkeit mit 18 Jahren bekommen Jugendliche in bestimmten Bereichen mehr und mehr Rechte zugesprochen, was im Jugendschutzgesetz geregelt wird. So dürfen Jugendliche ab 14 Jahren im Rahmen von Praktika Einblicke in den Berufsalltag zu gewinnen, sie dürfen, im Beisein eines Erziehungsberechtigten, Alkohol in Maßen (keine Spirituosen) genießen und ein Mofa führen. Auch die Aufnahme sexueller Beziehungen wird in diesem Alter durch den Gesetzgeber insofern ermöglicht, als dass der Sexualpartner, sofern dieser noch nicht volljährig ist nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird. Im Alter von 16 Jahren dürfen Jugendliche selbst Alkohol (keine Spirituosen) und Tabakwaren kaufen und konsumieren. Sie dürfen ein Moppet führen und einer geregelten, bezahlten Arbeit nachkommen.

In vielen Naturvölkern unterziehen sich junge Menschen einem Initiationsritual, sobald sie als „reif“ genug angesehen werden, weil sie gewisse Aufgaben erfüllen können und die nötige körperliche Reife mitbringen. Zu den bekanntesten Ritualen gehört hier der Sonnentanz, der besonders bei den Lakota in Nordamerika weit verbreitet ist. Tatsächlich kenne aber sehr viele Nord- und Mittelamerikanische Völker diese Tradition, bei denen die Männer ihre Kriegerkraft steigern und unter Beweis stellen. Junge Krieger, die am Sonnentanz teilnehmen sind ab diesem Tag vollständige Mitglieder der Gemeinschaft und werden als erwachsen angesehen. An dieser Zeremonie nehmen viele Männer des Stammes teil. Wie bei vielen Initiationsritualen üblich, ist auch in dieser Zeremonie Schmerz und die Kontrolle des Schmerzes ein wichtiger Bestandteil. So werden beim Sonnentanz Holzpflöcke durch eine Hautfalte an jeder Brust oder an zwei stellen des Rückens gesteckt und anschließend wird der Betreffende beispielsweise an einem Baum so lange aufgehängt, bis die Hautfalte ausreißt. Dies Dauert im Gegensatz zu manchen Filmischen Darstellungen, wie beispielsweise in „Der mit dem Wolf tanzt“ häufig nur wenige Sekunden. Eine Andere Tradition von Initiationsritualen wird im

Amazonasbecken von dortigen Ureinwohnern zelebriert. Dort existieren Riesenameisen, die mit 2,5cm Körperlänge nicht nur die größte Art darstellen, sondern auch einen sehr schmerzhaften Biss zufügen können. Ein einzelner Biss wird mit einem Peitschenhieb verglichen. Dort ansässige Völker weben ca. 300 dieser Tiere in ein Handschuhförmiges Geflecht aus Gras, so dass die Hinterleibe nach innen zeigen. Junge Männer an der Schwelle zum Erwachsenwerden tragen diese Handschuhe während einer Zeremonie mehrere Stunden lang über dem gesamten Unterarm. Sie dürfen sich dabei keinerlei Schmerzen ansehen lassen. Die Arme sind danach über Wochen geschwollen und gelähmt.

Nach einer dieser Initiationen in die Erwachsenenwelt bekommen junge Erwachsene in einem Naturvolk auf einen Schlag alle Rechte und Pflichten eines erwachsenen Mitglieds dieser Gesellschaft. Häufig wird als äußeres Zeichen für den neuen Stand eine Namensänderung vorgenommen oder ein besonderer Körperschmuck angelegt.

In den Industrieländern fehlen solche Rituale fast vollständig. Zwar finden sich in den christlichen Traditionen mit der Erstkommunion und Firmung, bzw. der Konfirmation ebenso Rituale, mit denen junge Christen sich dafür entscheiden, erwachsene Pflichten in der christlichen Gemeinschaft zu übernehmen. Damit ist jedoch auch aufgrund des jungen Alters kein Rollenwechsel außerhalb der christlichen Gemeinschaft verbunden. Wegen des Bedeutungsverlustes, den die Kirchen im Zuge der Aufklärung und Industrialisierung erlitten haben, sind somit die Konsequenzen für Jugendliche nach diesen Zeremonien fast gleich Null.

Das Erwachsenwerden in der heutigen Gesellschaft vollzieht sich viel eher als ein Prozess. Dieser Prozess beginnt mit der Adoleszenz, wobei das Ende des Prozesses individuell starken Schwankungen unterworfen ist. Letztendlich sind auch für die jungen Erwachsenen selbst keine klaren Indikatoren definiert, an denen sie sich orientieren können, um sich selbst als erwachsen wahrzunehmen. Im Zuge der fortschreitenden Individualisierung der Lebensläufe verstehen viele junge Erwachsene ganz unterschiedliche Dinge unter dem Erwachsenwerden und was damit über die sozial definierten Rollen hinaus verbunden ist, da Erwachsenwerden und Erwachsensein vielmehr vom subjektiven Erleben abhängt.

Arnett und Taber (1994) definierten drei Ebenen, auf denen sich Erwachsenwerden manifestieren sollte:

1.auf kognitiver Ebene (erworbenes Wissen wird in der Verfolgung „erwachsener“ Ziele angewandt)
2.auf emotionaler Ebene (emotional unabhängig von den Eltern werden)
3.auf Verhaltensebene (lernen, Impulse zu kontrollieren) (nach Papastefanou, 1997)

Zum Erreichen dieser Ziele werden vielen jungen Erwachsenen große Spielräume gelassen. Auch der Zeitraum, in dem sich ein junger Mensch als Erwachsener sozialisiert, ist mit vielen Freiheitsgraden belegt, womit die Einführung eines neuen Begriffes notwendig wurde. Junge Erwachsene, die die Phase der Adoleszenz schon durchlaufen haben und dennoch noch von den Eltern ökonomisch abhängig sind, werden als „postadoleszent“ bezeichnet. Sie haben verschiedene Erwachsenenrollen noch nicht vollständig selbst übernommen, auch wenn sie ansonsten von der Gesellschaft schon als weitgehend erwachsen akzeptiert werden. Hauptsächlich Studierende sind in der Gruppe der Postadoleszenten anzutreffen, da diese meist noch stark von ihren Eltern ökonomisch abhängig sind. Dagegen sind junge Arbeiter sehr viel schneller ökonomisch unabhängig, da sie früher in einen Beruf und dem damit verbundenen Einkommen hineingeführt werden.

Mit diesem Faktor der ökonomischen Abhängigkeit von Postadoleszenten hängen weitere wesentliche Faktoren einer Erwachsenensozialisation zusammen. Häufig heiraten Männer erst, wenn sie über ein eigenes Einkommen verfügen, und somit können diese erst nach Abschluss einer langen Ausbildung, oft erst Ende zwanzig oder schon in den Dreißigern ihre Erwachsenenrolle vollständig übernehmen. Im Gegensatz zu der immer länger werdenden ökonomischen Abhängigkeit junger Erwachsener ihren Eltern gegenüber, entwickelt die heutige Generation schon sehr viel früher eine Unabhängigkeit in der Gestaltung des eigenen Lebens. Sie findet früh einen eigenen Lebensstil mit eigenen Werten und Idealen. Damit wird deutlich, dass sich der Prozess des Erwachsenwerdens innerhalb einer Generation stark gewandelt hat und zusätzlich sich auch interindividuell erheblich unterscheidet, da die Triebfeder dieser Veränderungen die Tendenz hin zur Individualisierung ist.

Weiterhin wird klar, dass der Auszug aus dem Elternhaus ein wichtiger Schritt im Erwachsenwerden eines jungen Erwachsenen darstellt, da eine räumliche Trennung und eine emotionale Unabhängigkeit von den Eltern hierfür wichtig erscheint. Außerdem bietet eine eigene Wohnung die Möglichkeit zur freien Entfaltung des Individuums in der Gestaltung der Umgebung und der Organisation des eigenen Lebens mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten. Dennoch ist der Auszug alleine nicht mit Erwachsensein an sich gleichzusetzen. Das eine bedingt nicht unbedingt das andere. Es gibt Beispiele, wo junge Erwachsene noch zu Hause wohnen und dennoch die Rolle eines Erwachsenen tragen und ausfüllen, aber auch solche, die schon ausgezogen sind und dennoch nach wie vor in weiten Bereichen sowohl emotional als auch ökonomisch noch von den Eltern abhängig sind.

2.4 Wer sind die Spätauszieher?

Seit den 80ern steigt in fast allen westeuropäischen Ländern und in den USA das Auszugsalter an. Besonders stark ist dieses Phänomen in Italien zu beobachten, wo besonders viele junge Männer sehr lange im Elternhaus wohnhaft bleiben. Auch wenn dieses Ergebnis aus den Daten verschiedener Studien eindeutig hervorgeht, bleibt doch das Alter eines „normalen“ oder auch nur „durchschnittlichen“ Auszugs weitgehend ungeklärt. Dies geht besonders auf die unterschiedlichen Definitionen von Auszug in den verschiedenen Arbeiten zurück. Der Auszug vollzieht sich mittlerweile bei vielen jungen Erwachsenen als ein komplexer Prozess, der irgendwann mit der Gründung eines eigenen Hausstandes endet. Bis es aber so weit ist, sind beispielsweise Mischformen des Wohnens sehr weit verbreitet. Silbereisen, Vascovics und Zinnecker (1997) fanden, dass in etwa ein Fünftel der jungen Erwachsenen zwischen dem Elternhaus und einer zweiten Wohnmöglichkeit, wie einem Studentenwohnheim, hin- und herpendelten.

Außerdem finden sich uneinheitliche Definitionen darüber, ab wann bei einem jungen Menschen von einem Spätauszieher gesprochen werden kann. Nave-Herz (1997) spricht von ca. 23 oder 25 Jahren.

Über diese Definitionsschwierigkeiten hinaus fand sich immer wieder, dass der typische Nesthocker ledig, männlich und mit guter Bildung und Einkommen zu charakterisieren ist. Dennoch ist ein Nesthocker nicht gleich einem Nesthocker, wie die Medien beispielsweise mit dem Film „Tanguy“ beschreiben. Die Muttersöhnchen, die sich im Hotel Mama von vorne bis hinten bedienen lassen und keine Fähigkeiten besitzen, die ihnen Eigenständigkeit ermöglichen würden, stehen nur am Ende eines weit gestreuten Spektrums. Vaskovics, et al. (1990) nennen diesen Typus von Nesthockern „Umsorgte“, während sie das andere Ende des Spektrums mit den „Wohnraumnutzern“ besetzen, die lediglich mit ihren Eltern unter einem Dach leben, sonst aber völlig unabhängig von ihnen ihr eigenes Leben führen. Zwischen diesen beiden Polen sind noch einige weitere Graustufen möglich.

Macht man eine Internetrecherche über das Thema Nesthocker, finden sich sehr viele Websites, die dieses Phänomen lediglich auf gesellschaftliche Einflussfaktoren zurückführen. Diese sind sehr gut belegt, zeichnen aber nur einen Teil dieses Bereiches menschlichen Lebens und Entwickelns ab.

Als die Hauptursachen wird einerseits die Bildungsexpansion beschrieben, die jungen Erwachsenen durch immer länger werdende Ausbildungszeiten immer später erlaubt wirtschaftlich unabhängig zu sein und somit sich einen eigenen Hausstand und eine eigene Wohnung unabhängig von den Eltern leisten zu können. Hinzu kommt andererseits die wachsende ökonomische Unsicherheit, mit unsicheren Zukunftsperspektiven, schlechter Wirtschaftslage in Staat, Wirtschaft und den privaten Haushalten, sowie eine hohe Arbeitslosigkeit. All diese Faktoren führen bei jungen Erwachsenen eher dazu, im sicheren Elternhaus zu bleiben und nicht das wirtschaftliche und letzten Endes damit auch persönliche Risiko eines Scheiterns in dieser unsicheren Welt einzugehen.

Die Ergebnisse zum Bildungsstand sind uneinheitlich, da junge Erwachsene mit niedriger Bildung früher über ein Einkommen verfügen und somit aufgrund ökonomischer Unabhängigkeit früher ausziehen könnten. Andererseits werden häufig die jungen Erwachsenen in einer höheren Bildungsschicht von den Eltern sowohl finanziell als auch emotional darin bestärkt, Unabhängigkeit zu entwickeln (z. B. Wagner & Huinink, 1991).

Außerdem hat, wie gezeigt, auch das Geschlecht einen großen Einfluss, da Frauen ohne das Leisten von Wehrdienst, Zievieldienst odes einse freiwilligen sozialen oder ökologischen Jahres, einerseits einen schnelleren Ausbildungsweg beschreiten und somit schneller ökonomisch unabhängig sind. Andererseits gehen Frauen sehr viel früher als ihre männlichen Altersgenossen feste Bindungen ein und wollen auch früher eine Familie gründen. Dieser unterschiedliche Umgang mit Beziehungen hat einen entscheidenden Einfluss auf das Auszugsverhalten, da die wenigsten Spätauszieher liiert und schon gar nicht verheiratet sind (Zinnecker et al. 1996).

Zuletzt gibt es parallel zum Auszugsverhalten auch noch andere Faktoren, die sich in der Gesellschaft bezüglich des Erwachsenwerdens sehr verändern. So

verzögert sich beispielsweise das Alter bei Heirat und Familiengründung immer mehr und die Übergänge von Auszug, Hochzeit und Erstgeburt geschehen nicht mehr annährend gleichzeitig, wie es in den 50er und 60er Jahren der Fall war, sondern vollziehen sich eher sequenzartig über einen längeren Zeitraum. (Lauterbach & Lüscher, 1999) Berücksichtigt man gleichfalls den Umstand, dass sich die psychosexuelle Reife bei Jugendlichen immer früher entwickelt, entsteht eine große Kluft zwischen körperlichem und soziokulturellem Erwachsensein. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass sich für diese Zwischenphase der Begriff „Post-Adoleszenz“ geprägt hat. Typisch ist in dieser Zeit, dass für individuelle Lebensläufe große Freiheitsgrade bestehen und sie nicht den normativen Mustern der Gesellschaft unterworfen sind, wie es in früheren Generationen der Fall war (Arnett, 2000).

Betrachtet man hingegen nicht nur die gesellschaftlichen Strukturen, die das Auszugsverhalten beeinflussen, sondern auch die Motive, die zu einem Verbleiben im Elternhaus führen, vervollständigt sich das Bild schon eher.

Wagner und Huinink (1991) weisen darauf hin, dass die traditionellen Gründe für einen Auszug, wie sie noch vor ca. 30 Jahren bestanden, einen Bedeutungswandel erfahren haben. Der häufigste Grund war zu dieser Zeit die Heirat, wohingegen im westlichen Kulturkreis das Erstreben von Autonomie und einem individuellen Lebensstil den Hauptgrund für einen Auszug darstellt. Weitere Motive sind durch äußere Faktoren beeinflusst, wie beispielsweise die Wahl eines Studienplatzes, der weit vom Elternhaus entfernt liegt (Papastefanou, 1997). Das stereotype Bild vom Jugendlichen, der sich durch Konflikte aus dem Elternhaus getrieben fühlt, bestätigt sich nur selten. Konflikte in der Familie sind nur selten ein Motiv für einen Auszug.

Die Motive für das Verbleiben im Elternhaus basieren oft auf einer Kosten- Nutzen-Rechnung, wie Papastefanou (2004) beschreibt: „Der erwartete Gewinn des eigenständigen Wohnens ist nicht hoch genug, um diesen Schritt in die Ungewissheit zu vollziehen“.

Papastefanou (2004) arbeitete drei Motive für das Verbleiben im Elternhaus heraus. Das Hauptmotiv besteht aus ökonomischen Faktoren. Diese können bei Familien mit niedrigem Einkommen dazu führen, dass die jungen Erwachsenen noch länger zu Hause wohnhaft bleiben, damit die Eltern in der Lage sind, die Ausbildung der jungen Erwachsenen zu finanzieren. Sie können aber auch in Familien mit hohem Einkommen eine Rolle spielen, da viele junge Erwachsene und besonders männliche junge Erwachsene sehr hohe Ansprüche an Freizeit- und Konsumverhalten stellen. Diesen Ansprüchen könnten sie nicht gerecht werden, wenn sie für ihren Unterhalt und ihre eigene Wohnung selbst aufkommen müssten und zusätzlich noch ihre kostbare Freizeit mit kochen, putzen und waschen ausfüllen müssten. Außerdem ist in einkommensstarken Familien oft genügend Wohnraum vorhanden, dass sich ein junger Erwachsener trotz seiner Wohnsituation bei seinen Eltern fast völlig frei entfalten kann.

Der zweithäufigste Grund für den Nicht-Auszug ist die Zufriedenheit im Zusammenleben mit den Eltern. Der Erziehungsstil der Eltern wurde mit der Zeit immer liberaler und antiautoritärer. Mit einem geringen Maß an Regeln und mit dem Grundsatz gegenseitigen Verständnisses kann ein Zusammenleben von Eltern und Kindern durchaus WG-Charakter entwickeln. Es bleibt jedoch fraglich, inwieweit auch die Eltern mit diesem Zusammenleben so zufrieden sind und ob der WG-Charakter nicht doch durch die Übernahme von Eltern-Kind-Rollen zumindest streckenweise leidet. Hierzu aber später.

Zuletzt sind in der neueren Zeit Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens aufgetreten, wie sie vorher nie bestanden. Die Zeit der Postadoleszenz ist durch ein sehr hohes Komplexitätsniveau gekennzeichnet. Die gesellschaftlichen Normen, wie man sich als junger Erwachsener zu verhalten hat und welche Dinge, die zum Erwachsen Sein dazugehören, wann entwickelt sein sollten, fehlen mittlerweile fast vollständig. Die Gesellschaft gibt nur noch wenige Wegweiser auf einem langen und mit Hindernissen gesäumten Weg, der Erwachsene zu werden, den man sich selbst wünscht, mit eigenem Charakter, Werten und Überzeugungen. In Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit und drohendem Perspektivenverlust muss dies zu Ängsten führen, auf die die Gesellschaft keine Antwort hat. Die Familie aber schon. Von dieser sicheren Basis aus können junge Erwachsene auch diesen Schwierigkeiten ins Gesicht sehen oder ihnen den Rücken lange Zeit kehren.

Zusätzlich geben auch psychologische Mechanismen Hinweise darauf, welche jungen Erwachsenen dazu neigen, Spätauszieher zu werden. Sowohl Zinnecker (1996) als auch Papastefanou (1997) fanden, dass Spätauszieher bezüglich altersgerechter Entwicklungsschritte in einigen Bereichen ihren Altersgenossen gegenüber einen Rückstand aufweisen. So verliebten sie sich später das erste Mal in eine Person des anderen Geschlechts und wiesen geringere Fähigkeiten im Umgang mit dem Haushalt (z. B. Malzeiten zubereiten) auf, oder verreisten länger mit den Eltern zusammen, anstatt mit einer Jugendgruppe.

Aber nicht nur die Jugendlichen selbst sind für ihren verspäteten Auszug verantwortlich. Die Interaktion mit den Eltern kann einen zeitgerechten Auszug ebenso negativ wie positiv beeinflussen. So fand Papastefanou (1997) beispielsweise, dass Eltern von Spätausziehern vor deren Auszug eher überbehütend auf die jungen Erwachsenen eingehen und ihnen Hindernisse aus dem Weg räumen. Dies kann als Hinweis dafür gelten, dass Eltern die Unabhängigkeitsentwicklung ihrer Kinder in dieser kritischen Zeit untergraben, was von den Müttern dieser Spätauszieher oft auch eingeräumt wird.

Außerdem berichten die Mütter von Spätausziehern mehr Ängste bezüglich der räumlichen Trennung von ihren Kindern, was die Jugendlichen zusätzlich dazu bewegen könnte zu Hause wohnen zu bleiben. Überspitzt könnte man diesen Umstand so beschreiben: Warum sollte man die ganzen Unannehmlichkeiten des selbstständigen Lebens auf sich nehmen, wenn die Eltern doch noch so gut, und offensichtlich sogar gerne, für einen sorgen und man der Mutter darüber hinaus, als Dank für diese Unterstützung, auch noch Kummer bereiten würde?

2.5 Auszugsverhalten aus der Sicht der Eltern

Der Auszug der Kinder aus einem Haushalt hat schwerwiegende Folgen für die Eltern. Zunächst müssen sie die räumliche Trennung zu ihren Kindern bewältigen. Das ist umso schwieriger, wenn nur ein Kind im Haushalt aufgewachsen ist. Dies ist aber in vielen Familien in Industrieländern schon lange der Fall. Die Beziehung zum Kind muss neu definiert werden, und Kind und Eltern müssen lernen, sich auf einer neuen Ebene zu treffen, auf der beide Parteien sich als erwachsene und eigenständige Menschen begegnen (Papastefanou, 1997).

Aber auch für die Partnerschaft der Eltern selbst zieht der Auszug einige Folgen nach sich. Auch sie muss neu definiert werden. Die (Ehe)-Partner begegnen sich nicht mehr primär auf der Ebene von Mutter und Vater, sondern müssen die Lücke, die durch den Auszug der Kinder entstanden ist, durch eine neue Sinnfindung in der Beziehung füllen.

Dies ist bei der allgemein wachsenden Lebenserwartung einerseits und mit immer weniger Kindern in einer Familie, mit immer geringer werdendem Altersabstand andererseits von besonderer Wichtigkeit. Denn anders als in den Generationen vorher verbleiben den Eltern heute nach dem Auszug der Kinder noch durchschnittlich 20 bis 30 Jahre, die sie ohne Kinder noch zusammen bleiben können. Der Fortbestand der Ehe ist oft daran gekoppelt, wie gut es dem Paar gemeinsam gelingt, sich diesen Veränderungen zu stellen und die Beziehung neu zu definieren.

Dabei sind die Eltern bei der Bewältigung dieser schwerwiegenden Umstrukturierungen meist auf sich allein gestellt. Orientierungshilfen in Form von Büchern, Forschung etc. fehlen, wie es beispielsweise in der schwierigen Phase des Elternwerdens, dem Umgang mit Kleinkindern oder der Bewältigung einer Scheidung der Fall ist.

Ältere Ansätze in der Entwicklungspsychologie des mittleren Erwachsenenalters sprechen darum auch von einer „Krise der Lebensmitte“, die besonders durch den Begriff der „mid-life crisis“, die für Männer häufig untersucht wurde, bekannt ist.

Neuere entwicklungspsychologische Ansätze gehen jedoch davon aus, dass die Entwicklungsaufgaben, die im mittleren Erwachsenenalter auf die Personen zukommen, zwar große Veränderungen mit sich bringen, die das Potential besitzen, krisenhafte Reaktionen hervorzurufen, aber im gleichen Maße bieten sie dem Individuum die Chance auf Weiterentwicklung. Darum wird in diesem Kontext auch von einer „normativen Entwicklungskrise“ gesprochen. Da diese nicht unverhofft in das Leben eines Erwachsenen hineinplatzt, sondern schon lange vorher antizipiert werden kann, hat das Individuum die Möglichkeit entsprechende Ressourcen zur Bewältigung zu entwickeln. Da sich die Veränderungen dann erst nach und nach ergeben, ist trotz der starken Veränderungen „diese Lebensphase in ihrem Kern durch Stabilität und Konstanz gekennzeichnet [...]“ (Papastefanou, 1997)

Es wird davon ausgegangen, dass je besser die Anpassung an die sich verändernden Lebensumstände gelingt, desto positiver werden diese auch wahrgenommen. Damit ist die Perspektive der Lebensmitte als ein krisengerüttelter Lebensabschnitt zu relativieren.

Die Reaktionen von Vätern und Müttern auf den Auszug der Kinder sind sehr unterschiedlich, was wohl auch auf die unterschiedlichen Rollen, die sie den Kindern gegenüber einnahmen, während sie noch zu Hause wohnten, zurückzuführen ist. In Bezug auf die Mütter fanden Herlyn und Vogel (1994) drei unterschiedliche Typen von Familienfrauen.

Der erste Typ verändert seine Lebensgewohnheiten kaum. Sie suchen sich höchstens noch wenige weitere Hobbys.

Der zweite Typ wünscht sich keinerlei Veränderungen der Familiensituation selbst. Dennoch besuchen sie beispielsweise Weiterbildungskurse, um später einer Teilzeitarbeit nachgehen zu können.

Der dritte Typ verändert seine Lebenssituation tiefgreifend. Sie betrachten den Auszug der Kinder als eine Befreiung von ihrer Mutterrolle und nutzen dies dazu aus, sich neuen Aufgaben zu widmen. Sie streben Vollzeitbeschäftigungen an und erwarten eine Unterstützung von ihren Partnern in Haushalt.

Der letzte Typ berichtet auch die größere Lebenszufriedenheit.

In Bezug auf die Väter sind nur wenige Arbeiten verfasst worden, so dass das Bild der Väter mit ausziehenden Kindern eher als lückenhaft zu beschreiben ist.

Generell wurde aber häufig gefunden, so berichtet Papastefanou (1997), dass Männer in dieser Lebensphase ein stärkeres Bedürfnis nach Nähe und Zugehörigkeit entwickeln. Dies kann sich einerseits so äußern, dass sie ihre Kinder schlechter loslassen, weil sie dieses Bedürfnis in einer vollständigen Familie befriedigen wollen oder aber eher loslassen können, weil sie nun ihre Partnerin wieder für sich alleine haben wollen. Es wurde auch beobachtet, dass Männer einen intensiveren Kontakt zu ihren Enkelkindern pflegen. Eventuell sind gewisse Konflikte vorprogrammiert, wenn ein solcher Vater mit einer Familienmutter des dritten Typs verheiratet ist.

Allgemein besteht die stereotype Auffassung, dass Väter ihre Kinder sehr viel leichter loslassen können, als dies bei Müttern der Fall ist. Schließlich verbringen sie auch weniger Zeit mit ihnen und haben häufig nicht so tiefe Beziehungen zu den Kindern. Dieses Bild konnte jedoch nicht bestätigt werden. Beiden Elternteilen fällt der Auszug der Kinder oft relativ leicht. Der Anteil derer, die darunter leiden oder zumindest beunruhigt sind, ist bei Vätern und Müttern ähnlich. Meist wird jedoch die Trauer über den Abschied relativ schnell überwunden.

Die Ursachen für einen schmerzhaften Abschied sind jedoch bei Vätern und Müttern unterschiedlich. Wenn Mütter unter dem Auszug leiden, liegt dies häufig daran, dass sie zu sehr auf ihre Mutterrolle fixiert sind und sich hauptsächlich über diese Rolle definieren. Bei Vätern liegen die Ursachen häufig in Problemen in der Partnerschaft, da sie nach dem Auszug der Kinder mit der Mutter alleine leben müssen (Papastefanou, 1997).

Auch die Beziehungen der Eltern zu den Kindern nach dem Auszug unterscheiden sich nach dem Geschlecht. Häufig werden in Studien die Frauen als die Eckpfeiler der Familienbeziehungen dargestellt. Dies zeigt sich besonders darin, dass Mütter auch nach dem Auszug der Kinder häufiger und intensiveren Kontakt zu ihren Kindern haben. Insbesondere gilt dies für die Mutter-Tochter Dyade. Mütter betrachten ihre Töchter sogar als wichtige Ansprechpartner in persönlichen Dingen.

Bei Vätern ist die Qualität der Beziehungen anders geartet. Sie haben einen besseren Kontakt zu ihren Söhnen, persönliche Dinge und die Privatsphäre werden jedoch nicht besprochen. Die Beziehung ist besonders durch ein hohes Maß beiderseitigen Respekts gekennzeichnet. Sie führen eher freundschaftliche Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern, die dann, wenn sie wirklich Freundschaftscharakter entwickelt haben, auch als befriedigend erlebt werden.

Falls der Auszug der Kinder nicht zu gegebener Zeit realisiert wird, scheinen die Belastungen für die Eltern jedoch noch gravierender. Während der Auszug, wie schon diskutiert, eine normative Kiese darstellt und lediglich eine antizipierbare, weitere aber normale Entwicklungsaufgabe für die Eltern darstellt, ist der Umgang mit einem Nesthocker ein relativ neues Phänomen und entspricht meist nicht den Erwartungen der Eltern.

Die Problematik liegt besonders in drei Punkten. Erstens können sich Eltern von Nesthockern den Vorwurf machen, ihre Kinder nicht angemessen auf das Erwachsenenleben vorbereitet zu haben und insofern in ihrer Rolle versagt zu haben. Zweitens widerspricht ein noch lange verbleibendes Kind in der Familie der Realisierung eigener Ziele, wie sie für Eltern in dieser Lebensphase typisch sind, z.B. das Erleben eines „zweiten Frühlings“. Das Zurückkehren in ein eigenes, eigenständiges Leben ohne dass noch ein Kind von ihnen abhängig ist, wird durch einen Nesthocker erschwert. Drittens schließlich sind die Eltern gezwungen, länger als erwartet, Ressourcen für ihr Kind aufzubringen, die sie auf sich selbst verwenden würden. Dies sind materielle aber auch emotionale Ressourcen, was besonders deswegen ins Gewicht fällt, da in diesem Zeitraum auch häufig noch pflegerische Verantwortungen für die Großelterngeneration dazukommen. Diese Doppelbelastung der Eltern, sowohl der jüngeren als auch der älteren Generation gegenüber, brachte der Elterngeneration in dieser Lage auch den Namen „Sandwich-Generation“ ein. Zusätzlich wird diese Situation dann erschwert, wenn alte Rollenmuster auf Seiten der Eltern und ihrer Kinder beibehalten werden. Dies kann bedeuten, dass die Eltern sowohl für den gemeinsamen Haushalt mit kochen, putzen und Einkauf zuständig sind und gleichzeitig noch dabei sind die eigenen Eltern zu pflegen. Das Risiko für eine Weiterführung alter Rollen auch mit einem erwachsenen Kind ist relativ hoch. Wenn jedoch die Familie trotz der Wohnsituation eine Neudefinition ihrer Rollen realisiert und der Nesthocker dadurch relativ autonom im Elternhaus lebt, werden auch Beispiele berichtet, bei denen das Zusammenleben als befriedigend erlebt wird.

2.6 Der Einfluss des Auszugs auf die Familienbeziehungen

Der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus ist eine große Veränderung, die es nötig macht, dass sich alle Personen in dem Familiensystem daran anpassen. Es sollte klar geworden sein, dass sich das Leben sowohl der Eltern als auch ihrer Kinder stark verändert, sobald die Kinder im jungen Erwachsenenalter sind und sich somit auf ihre künftige Rolle als Erwachsene vorbereiten. Dabei müssen alle Personen des Familiensystems Kompetenzen entwickeln, die es ermöglichen, dass die jungen Erwachsenen diese Rolle auch ausfüllen können.

Mit dem Auszug aus dem Elternhaus ist die Ablösung von den Eltern augenscheinlich eng assoziiert. Diese Ablösung und die damit erreichte Unabhängigkeit kann schon vor dem Auszug geschehen oder während und nach dem Auszug. Bestimmte Aspekte der Ablösung können jedoch auch realisiert werden, wenn der junge Erwachsene die Entscheidung trifft, noch länger bei den Eltern wohnen zu bleiben.

Damit wird deutlich, dass die Ablösung und Unabhängigkeit an sich einer genaueren Betrachtung bedarf. Allgemein können vier verschiedene Aspekte der Unabhängigkeit unterschieden werden: (nach Papastefanou, 1997)

1. Emotionale Unabhängigkeit: Das Bedürfnis nach elterlicher Anerkennung und Unterstützung und Nähe zu den Eltern verringert sich.
2. Funktionelle Unabhängigkeit: Praktische Dinge des Alltags werden mit nur minimaler elterlicher Hilfe bewältigt
3. Einstellungsmäßige Unabhängigkeit: Ein von den Eltern unabhängiges Selbstbild und eigene Wertvorstellungen werden ausgebildet.
4. Konfliktmäßige Unabhängigkeit: Es bestehen keine übermäßigen Schuld-, Angst-, Verantwortungs- oder Wutgefühle mehr gegenüber den Eltern.

Sicherlich ist diese Perspektive jedoch zu eindimensional, da sie nur auf den Jugendlichen und dessen Erreichen von Unabhängigkeit fokussiert ist. Es könnte somit der Eindruck entstehen, dass mit dem Erreichen von Unabhängigkeit im Verlauf des Ablösungsprozesses der jungen Erwachsenen von den Eltern, die Beziehung komplett beendet wird. Doch im Gegensatz dazu brechen normalerweise die Beziehungen dennoch nicht ab. Häufig wird sogar von einer Verbesserung in mehreren Ebenen der Beziehung berichtet. Dies bedeutet, dass die gesamte Familie vor die Aufgabe gestellt ist, einen Spagat zwischen Autonomiewerdung des Jugendlichen einerseits und gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Bindung zu den Eltern andererseits zu realisieren. Diese etwas paradox anmutende künstlerische Beziehungsakrobatik ist jedoch normalerweise kein neues Kunststück für die Familie, da die Pole Exploration und Bindung schon in früher Kindheit eine wichtige Rolle in der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern darstellen (vgl. Kap 2.1 und 2.9).

Somit wird deutlich, dass unter dem Begriff der Ablösung nicht der Abbruch von Beziehungen zu verstehen ist, sondern vielmehr eine Neudefinition der Eltern-Kind- Beziehung auf die Weise, dass sich beide Parteien gleichberechtigt als Erwachsene begegnen.

Natürlich geht diese Entwicklung der Beziehung nicht völlig reibungslos vonstatten, was in älteren entwicklungspsychologischen Theorien zum Begriff der

„Sturm- und Drang-Zeit“ geführt hat, die als krisengerüttelter und besonders konfliktbehafteter Lebensabschnitt beschrieben wurde. Die Jugendlichen in diesem Lebensabschnitt sollten sich immer mehr von den Eltern distanzieren und mehr und mehr ihre Bindungsbedürfnisse durch die Aufnahme von Peerbeziehungen befriedigen. Demgegenüber steht jedoch der Befund, dass die offene Austragung von Konflikten in der Familie eher für die Beziehungsqualität spricht, und dass das persönliche, emotionale Wohlbefinden von Jugendlichen viel mehr mit guten Beziehungen zu den Eltern zusammenhängt, als mit guten Beziehungen zu Peers. Die Beziehung zu den Eltern ist demnach nach wie vor besonders bedeutsam für die Psychohygiene der Jugendlichen, was durch die Austragung von Konflikten nicht negativ beeinflusst wird (Papastefanou, 1997).

Dennoch verbessert sich bei den meisten Jugendlichen die Beziehung zu den Eltern maßgeblich, wenn sie in das Alter junger Erwachsener eintreten. Sie bringen den Eltern mehr Verbundenheit und Empathie entgegen, wenn die Ablösung im Sinne der Neudefinition fortgeschritten ist. Als eine Erklärung für diese Verbesserung wurde

die Perspektivenübernahme diskutiert. Durch das Eintreten in einen Lebensabschnitt, in dem die jungen Erwachsenen auf Probleme und Aufgaben stoßen, wie sie ihre Eltern wohl auch hatten und haben, können diese jungen Erwachsenen sehr viel besser die Handlungsweisen der Eltern nachvollziehen. Ganz besonders wurde dies in den Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern gefunden, wenn diese selbst Kinder bekommen. Häufig wird von Müttern und Töchtern dieser Zeitpunkt als ein Wendepunkt in ihrer Beziehungsentwicklung beschrieben.

Die Neudefinition auf beiden Seiten ist jedoch eine notwendige Bedingung dafür. Sollte es den Eltern nicht gelingen, ihre Elternrolle zu verlassen und ihre Kinder nach wie vor nicht als erwachsene, eigenständige Wesen zu betrachten, kommt es unweigerlich zu Konflikten; unabhängig davon, ob der Auszug erst bevorsteht, oder ob er schon lange vollzogen ist.

Besonders deutlich wird der Effekt der Beziehungsverbesserung in vielen Familien nach dem Auszug der jungen Erwachsenen. Flanagan et. Al. (1991) untersuchten im Querschnitt eine Stichprobe von jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 26 Jahren. Sie fanden, dass allein lebende Jugendliche berichteten, dass sich mit dem Auszug ihre Beziehung zu den Eltern positiv verändert habe. Demgegenüber beschrieben die noch zu Hause lebenden jungen Erwachsenen viel mehr negative Seiten der Beziehung, wie Restriktivität, Feindseligkeit und Zurückweisung, was ihnen das Gefühl gebe, von ihren Eltern noch als Kinder behandelt zu werden. Dies bedeutet, dass durch das Verbleiben des jungen Erwachsenen im Elternhaus diese Beziehungsneudefinition erschwert wird, da die alten Rollen weitergeführt werden. Ist dies der Fall, führt dies zu Konflikten innerhalb der Familie. Wahrscheinlich ist dies nicht kausal mit dem Auszug selbst verbunden, sondern vielmehr dadurch, dass ein Auszug die alten Rollenschemata unterbricht und die Beziehungsneudefinition somit erleichtert wird.

Die Beziehungsverbesserung zeigt sich typischerweise dadurch, dass auch nach dem Auszug eine hohe Interaktionsdichte zwischen den Eltern und ihren Kindern bestehen bleibt. Meist wohnen die Kinder nicht sehr weit vom Elternhaus entfernt und sie besuchen ihre Eltern relativ regelmäßig. Dagegen sind elterliche Besuche in der Wohnung der Kinder eher selten. Ist die Entfernung größer, so telefonieren sie doch wenigstens häufig. Zu besonderen Gelegenheiten, wie Familienfesten, werden meistens Treffen organisiert. Diese hohe Interaktionsdichte ist jedoch nicht mit starker emotionaler Nähe zu verwechseln. Die Treffen der Generationen haben eine neue Qualität entwickelt und zeichnen sich durch einen freundlich-distanzierten Umgang aus.

Typischerweise beschreiben Eltern und ihre nun erwachsenen Kinder die gemeinsame Beziehung sehr unterschiedlich. Während Eltern dazu neigen, mehr Nähe herstellen zu wollen und die Beziehung als positiv darzustellen, ist bei ihrem Nachwuchs das Gegenteil der Fall. Außerdem beschreiben die Eltern bestehende wie vergangene Konflikte eher als trivial, während dies für die Kinder keineswegs der Fall ist. Konflikte werden sehr ernst genommen und vergangene Konflikte in der Erinnerung unterstrichen. Letzten Endes sitzen die Kinder in der Beziehungsarbeit am längeren Hebel, da sie das geringere Interesse an der Beziehung haben. Papastefanou (1997) stellt dazu fest: „Die jungen Erwachsenen streben danach, den status quo durch Trennung und Neudefinition zu verändern, um sich ihrer neu gewonnenen Identität zu versichern. Die Eltern dagegen haben nur den ‚Trostpreis’, ihren ‚Job’ gut gemacht zu haben.“

2.7 Auszugsverhalten als Identitätsbildungsprozess

Die Ausbildung einer eigenen Identität wird oft als eines der herausragendsten Charakteristiken für die späte Adoleszenz und das frühe Erwachsenenalter angesehen (s. Kapitel 2.1). Erstmals bewegen sich die jungen Erwachsenen in diesem Lebensabschnitt aus dem behüteten familiären Rahmen heraus, in dem Rollen und Plätze einigermaßen klar definiert sind, und beginnen sich ein eigenständiges Leben aufzubauen, mit dem sie sich identifizieren können. Demnach sind Identitätsbildungsprozesse auch in der Entscheidung über einen Auszug oder Nichtauszug von besonderer Bedeutung.

Die bekannteste Theorie, die sich mit Identitätsbildungsprozessen befasst, ist die Theorie von Erik H. Erikson (1959). Sie entwickelte sich aus dem psychoanalytischen Ansatz nach Freud. Erikson (1959) sieht die Entwicklung einer „Ich-Identität“ als einen Prozess, der sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt. Sie entsteht durch die Auseinandersetzung mit und die Bewältigung von Krisen, die in Stufen aufeinander aufbauen. Für die einzelnen Phasen werden keine spezifischen Altersangaben postuliert, da individuelle Entwicklungen zeitlich durchaus variieren können. Dennoch ist durch biologische Faktoren, wie der Entritt in die Pubertät, eine gewisse Altersabhängigkeit gegeben.

Für die Kindheit postuliert Erikson vier Krisen: 1. Vertrauen vs. Misstrauen; 2. Autonomie vs. Scham, Zweifel; 3. Initiative vs. Schuldgefühl; 4. Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl.

Ab der Adoleszenz bis in das hohe Erwachsenenalter postuliert er vier weitere Krisen: 5. Identität und Ablehnung vs. Identitätsdiffusion; 6. Intimität und Solidarität vs. Isolierung; 7. Generativität vs. Selbstabsorption; 8. Integrität vs. Verzweiflung.

Außerdem nimmt Erikson an, dass sich alle Krisen innerhalb von sozialen Beziehungen abspielen und mit bestimmten Elementen der Sozialordnung in Verbindung stehen. Er ordnet jeder Krise eine psychosoziale Modalität und eine psychosexuelle Phase nach Freud zu, womit er eine Brücke zwischen verschiedenen Ansätzen der Persönlichkeitsentwicklung schlägt.

Da Personen, die sich mit dem Auszug im Speziellen befassen sich in der 5. oder der 6. Krise befinden, sollen diese hier genauer beleuchtet werden:

Nach Oerter & Montada (1995) spielen in der 5. Krise „Identität und Ablehnung vs. Identitätsdiffusion“ als soziale Bezugspersonen eigene Gruppen, „die Anderen“ und Führer-Vorbilder eine große Rolle. Beispielsweise setzen sich pubertierende Jugendliche stark damit auseinander, zu welcher Gruppe oder Peer sie gehören oder gehören möchten, und welche Peers für sie nicht in Frage kommen, da diese vielleicht nicht die Persönlichkeit des Jugendlichen repräsentieren. Außerdem wird nach neuen (Rollen-) Vorbildern gesucht. Auf der Ebene der Sozialordnung sind ideologische Perspektiven von Bedeutung. Die Jugendlichen in dieser Entwicklungsphase setzen sich erstmals intensiv mit Ideologien auseinander. Beispielsweise wird erwogen, ob sie lieber „links“ oder „rechts“ sein möchten, was auch die Integration in eine bestimmte Peergruppe erleichtert und gleichzeitig eine Abgrenzung gegen „die Anderen“ ermöglicht.

Die psychosozialen Modalitäten werden mit „Wer bin ich (wer bin ich nicht)“und „Das Ich in der Gesellschaft“ beschrieben. Dies unterstreicht die Wichtigkeit dieser Krise für die Identitätsentwicklung, da der Jugendliche sich erstmals aus dem Kreis seiner Familie herausbewegt und aktiv nach seinem eigenen Platz in der Gesellschaft sucht. Die zugehörige psychosexuelle Phase ist die Pubertät.

In der 6. Krise „Intimität und Solidarität vs. Isolierung“ spielen Freunde, sexuelle Partner, Rivalen und Mitarbeiter als soziale Bezugspersonen eine Rolle. Für die jungen Erwachsenen steht nun die Bildung neuer Sozialkontakte im Vordergrund. Es werden Partnerschaften und enge Freundschaften gebildet. Außerdem spielt mit dem Eintritt in das Berufsleben erstmals der Aufbau von Kontakten zu Mitarbeitern eine Rolle. Die Elemente der Sozialordnung sind somit durch „Arbeits- und Rivalitätsordnungen“ definiert. Die psychosoziale Modalität ist durch „sich im anderen verlieren und finden“ charakterisiert und zielt wie die psychosexuelle Phase „Genitalität“ besonders auf die Veränderungen in romantischen Beziehungen ab.

Die 5. Phase Eriksons wurde durch einen seiner Schüler, Marcia (1980), weiterentwickelt, da diese, seiner Auffassung nach, für die Identitätsentwicklung von besonderer Bedeutung ist.

Er unterscheidet vier verschiedene Identitätszustände, in denen sich Jugendliche und junge Erwachsene in der späten Adoleszenz befinden können. Diese sind in Abbildung 2.3 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.3: Identitätszustände nach Marcia und deren Beziehung zueinander

Dabei müssen nicht alle Identitätszustände durchlaufen werden und auch die Reihenfolge, in der die Stadien durchlaufen werden, ist nicht festgelegt.

Marcia (1989) fand, dass sich innerhalb weniger Jahre der Anteil von Jugendlichen im Status der diffusen Identität von anfangs 20% auf 40% verdoppelte. Dieser Befund drängte Marcia dazu, den Status der diffusen Identität nochmals genauer zu untersuchen. Er teilte diesen Zustand nochmals in vier verschiedene Zustände:

1.die Störungsdiffusion ist häufig das Resultat von Traumata oder unbewältigter kritischer Lebensereignisse. Dieser Typus ist häufig durch soziale Isolation und Rückzug gekennzeichnet, da ihm spezielle Ressourcen fehlen. Außerdem flüchten sich betroffene Jugendliche häufig in Größenphantasien.
2.Die sorgenfreie Diffusion. Dieser Typus ist unauffällig. Er hat keine Einschränkungen in sozialer Hinsicht und wirkt durchaus kontaktfreudig. Häufig sind die sozialen Kontakte der betroffenen Jugendlichen jedoch oberflächlich.
3.Die Entwicklungsdiffusion entspricht am ehesten dem ursprünglichen Konzept der Identitätsdiffusion, im Sinne einer Stufe innerhalb eines Entwicklungsprozesses.
4.Der kulturell adaptiven Diffusion kommt eine besondere Bedeutung zu, da sie in modernen, globalisierten Gesellschaften zu einem normalen Identitätszustand avancieren könnte. In einer sich ständig verändernden multikulturellen Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Wertesystemen könnte eine Festlegung auf bestimmte Vorstellungen ein Nachteil bedeuten, da in einer solchen Gesellschaft ein hohes Maß an Flexibilität von jedem einzelnen Individuum gefordert ist.

Elkind (1990) spricht im Zusammenhang mit der kulturell adaptiven Diffusion auch von einer „Patchwork- Identity“, da sie aus vielen verschiedenen Identitätseigenschaften zusammengesetzt ist, ohne einen in sich kohärenten Kern zu besitzen. Verschiedene Wertesysteme stehen relativ unverbunden nebeneinander und widersprechen sich teilweise auch. Elkind weist darauf hin, dass dieser Typus zwar durchaus erfolgreich sein kann, dass dieser Identitätszustand aber insgesamt ein wenig wünschenswertes Ergebnis einer Identitätsentwicklung darstellt.

2.8 Auszugsverhalten als Entwicklungsaufgabe

Der prominenteste Vertreter des Konzeptes, das sich um Entwicklungsaufgaben dreht, ist Havinghurst (1982). Er sieht Entwicklung als einen die gesamte Lebensspanne umfassenden Prozess, der sich aktiv, zielgerichtet und bewusst vollzieht und in Wechselwirkungsprozesse zwischen Individuum und Umwelt eingebettet ist. Diese Wechselwirkung bedeutet, dass ein Individuum nicht nur aktiv in der Umwelt wirksam ist, sondern dass diese Aktionen durch komplexe Wechselwirkungsprozesse auch wieder in das Leben des Individuums zurückwirken. Somit gestaltet das Individuum seine Bühne, auf der bestimmte Entwicklungsaufgaben in das Leben hineinspielen, aktiv mit.

Havinghurst geht davon aus, dass bestimmte Entwicklungsaufgaben zu typischen Zeitpunkten im Leben eines Individuums auftauchen. Dabei erleichtert die erfolgreiche Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe die Bewältigung kommender Entwicklungsaufgaben, da diverse Aufgaben aufeinander aufbauen und nicht unabhängig nebeneinander stehen. Außerdem geht Havinghurst davon aus, dass die erfolgreiche Bewältigung einer Aufgabe zu Zufriedenheit beim Individuum führt, während eine nicht zeitgemäße oder nicht bewältigte Entwicklungsaufgabe zu Unzufriedenheit führt und die Bewältigung kommender Aufgaben erschwert.

Havinghurst erarbeitete drei verschiedene Quellen, die einen Entwicklungsdruck erzeugen, um beschreiben zu können, weswegen in bestimmten Lebensabschnitten spezifische Entwicklungsaufgaben aktuell werden: (nach Dreher und Dreher, 1985)

1. Physische Reifung (z. B. Eintritt in die Pubertät, Menopause...)
2. Kultureller Druck (Erwartungen seitens der Gesellschaft, z. B. politisches Engagement, erlernen eines Berufes...)
3. Individuelles Streben und Werte (z. B. eine eigenständige und unverwechselbare Persönlichkeit entwickeln)

Spezifische Entwicklungsaufgaben sind dabei keineswegs allgemeingültig. Viele haben nur in speziellen Kulturen oder gar nur in Subkulturen Gültigkeit. Andere jedoch können auch kulturübergreifend postuliert werden. Diese beziehen sich jedoch meist auf biologisch fundierte Entwicklungsaufgaben, wie die Übernahme geschlechts- spezifischer Rollen in der Gesellschaft mit Erlangung der Geschlechtsreife.

Auch der Zeitpunkt, wann eine Entwicklungsaufgabe im Leben relevant wird und wann sie abgeschlossen ist, ist sehr variabel. So existieren diverse Entwicklungs- aufgaben, die in einem begrenzten Zeitraum und zu einem interindividuell ähnlichen Zeitpunkt bewältigt werden, wie z.B. das Erlernen körperlicher Geschicklichkeit (Treppen laufen, Feinmotorik...). Andererseits existieren Entwicklungsaufgaben, die mehrere Phasen der Lebensspanne beeinflussen, wie z.B. den Aufbau altersgerechter sozialer Kontakte. Es können auch mehrere Entwicklungsaufgaben gleichzeitig aktuell bearbeitet werden.

Außerdem sind die einzelnen Entwicklungsaufgaben, wie vorher in der Definition schon erwähnt, nicht unabhängig voneinander. Die Bewältigung oder Nicht- bewältigung spezifischer Entwicklungsaufgaben in bestimmten Bereichen können die Bewältigung darauf folgender Entwicklungsaufgaben positiv oder negativ beeinflussen. Viele Entwicklungsaufgaben bauen nach diesem Schema aufeinander auf.

Zuletzt ist ein großer Freiraum für individuelle Lebensläufe typisch für die Bewältigung spezifischer Entwicklungsaufgaben. Es scheint plausibel, dass ein junger Arbeiter schon sehr viel früher als beispielsweise ein Student, in typische Entwicklungsaufgaben des Erwachsenenalters, wie die Gründung einer Familie, involviert ist, da dieser schon sehr viel früher die ökonomischen Rahmenbedingungen für eine solche Aufgabe realisiert. Dies untermauert auch der Befund, dass gerade Studierende noch stark in Entwicklungsaufgaben involviert sind, die eher für die Adoleszenz typisch sind. Häufig sind sie in diese sogar viel mehr involviert als in Erwachsenenaufgaben, obwohl sie sich selbst durchaus als erwachsen wahrnehmen.

In Tabelle 2.2 sind die Entwicklungsaufgaben nach Havinghurst dargestellt. (s. nächste Seite)

Dreher und Dreher (1985) fanden, dass das aus den 40er Jahren stammende Konzept von Havinghurst auch heute noch Gültigkeit hat, auch wenn sie einige Vorschläge für neue Entwicklungsaufgaben machen. So nannten über 50% ihrer aus Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren bestehenden Stichprobe die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit als eine vorrangige Entwicklungsaufgabe.

Für das Auszugsverhalten der Jugendlichen ist die Entwicklungsaufgabe „vom Elternhaus unabhängig werden, bzw. sich vom Elternhaus ablösen“ von besonderer Bedeutung. Dreher und Dreher (1985) fanden, dass sowohl bei den männlichen als auch bei den weiblichen Versuchspersonen diese Ablösung nach dem Beruf, dem Selbst, den Peers, einem eigenen Wertesystem, dem eigenen Körper und der Zukunft rangierte. 64% der weiblichen und 55% der männlichen Versuchspersonen beschrieben diese Entwicklungsaufgabe für wichtig oder sehr wichtig. Der Vorsprung der weiblichen Versuchspersonen war signifikant. Außerdem fand sich sowohl in einer querschnittlichten als auch in einer längsschnittlichten Analyse eine Zunahme der Bedeutung mit dem Alter. Dennoch beschrieben nur 64% der durchschnittlich 18jährigen (die älteste Gruppe der Untersuchung) diese Entwicklungsaufgabe als wichtig.

153 von 153 Seiten

Details

Titel
Auszug oder nicht? Ursachen und Folgen des Auszugsverhaltens junger Erwachsener
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
153
Katalognummer
V110381
Dateigröße
1164 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Auszug, Ursachen, Folgen, Auszugsverhaltens, Erwachsener
Arbeit zitieren
Dipl. Psychologe Jörg von Irmer (Autor), 2005, Auszug oder nicht? Ursachen und Folgen des Auszugsverhaltens junger Erwachsener, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110381

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