Gegenüberstellungen von Sophokles' 'König Ödipus' und Hartmanns 'Gregorius'


Seminararbeit, 2005
15 Seiten, Note: ---

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Inhalt

I: Einleitung

II: a) Die Geschichte des Ödipus
b) Die Geschichte des Gregorius4 III: Der Inzest

IV: Das Verhältnis zwischen Menschen und Göttern

V. Die Schuldfrage

VI. Die Buße

VII: Schluss

VIII: Literaturangaben

I. Einleitung

In der folgenden Arbeit versuche ich, Parallelen und Gegensätze der Werke „König Ödipus“ und „Gregorius“ anhand bestimmter Themen und Gesichtspunkte aufzuzeigen. Denn obwohl der weit später entstandene „Gregorius“ nicht direkt Bezug auf den klassischen Stoff nimmt, wohnen beiden jedoch ähnliche Muster und Ereignisse inne, die es noch zu erwähnen gilt.

Der Mythos des Königs Ödipus, der seinen Vater erschlug und mit seiner Mutter Kinder zeugte, wird bereits von Homer um 800 v. Chr. erwähnt und war zu dieser Zeit eine der bekanntesten klassischen Tragödien. Von den vielen Dramen, die den Ödipus zum Vorbild haben, so z.B. das des Euripides ist nichts mehr erhalten, einziger geschichtlicher Rest ist der „Oidipous Tyrannos“ des Sophokles, der unendlich viele Rezensionen und Übernahmen nach sich zog oder als Inspiration diente.

Ob der „Gregorius“ Hartmanns wirklich auf dem Ödipus-Stoff basiert, wird noch zu klären sein, der Vatermord ist dem Gregorius jedenfalls erspart worden, er trägt nur noch den inzestuösen Charakter seiner Geburt mit sich. Auch das Rätsel der Sphinx existiert nicht, der Gregorius enthält lediglich Klostergelehrsamkeit. Das Orakel wird schließlich in den Wettstreit zwischen Gott und Teufel abgeändert. Für Hartmann ist es die Erzählung von übermäßiger Sünde, übermäßiger Buße und Gottes Gnade für den „guten Sünder“. Reue und Beichte bedeuten Gregorius sehr wenig, die kolossale Buße ist das Entscheidende. Und Gott antwortet ebenso kolossal mit Wundern und der Ernennung zu Papst Gregor. Er ist prädestiniert und schon als Irdischer erwählt, während Ödipus, erschlagen vom eigenen Schicksal, in der Ferne stirbt.

II. a) Die Geschichte des Ödipus

Wichtig für das Verständnis des Fluches über Ödipus, wie auch der Labdakiden insgesamt, ist zunächst das Verhalten seines Vaters Laios. Dieser wurde als Thronfolger aus Theben vertrieben und vom phrygischen König Pelops aufgenommen. Dessen leiblicher Sohn Chrysippos wurde von seinem neuen Stiefbruder entehrt und beging daraufhin Selbstmord. Laios kehrte als König nach Theben zurück, war aber von Pelops mit dem Fluch belastet worden. Von diesem erfuhren der König und seine Frau Iokaste durch das Orakel von Delphi, das Laios prophezeite, entweder selbst keine Kinder bekommen zu können, oder einmal von der Hand seines Sohnes zu sterben und seine Frau an diesen zu verlieren.

Doch trotz der Warnung zeugt das Königspaar einen Sohn, dem daraufhin die Fersen durchstochen werden und einem Hirten der Befehl erteilt wird, ihn im Gebirge auszusetzen. Dort wird er von Dienern des kinderlosen korinthischen Königs Polybus gefunden und zu dessen Gemahlin Periboia gebracht, die den Kleinen fortan aufzieht. Auf die Frage nach seiner Herkunft kann sie ihm jedoch keine befriedigende Antwort geben und Ödipus macht sich auf nach Delphi, wo ihm das Orakel rät, nicht in sein Vaterland zurückzukehren, da er sonst seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde. Statt nach Korinth, wendet sich Ödipus also zum vermeintlich sicheren Theben. Auf dem Weg dorthin begegnet ihm allerdings ein älterer Mann mit Gefolge, der ihn auffordert, den Weg frei zu geben. Dass sich nun Vater und Sohn gegenüber stehen, weiß keiner von beiden und Ödipus erschlägt Laios.

In Theben angekommen, löst Ödipus das Rätsel der die Stadt bedrohenden Sphinx, die sich daraufhin von einem Felsen stürzt. Creon, der Nachfolger seines Vaters, überreicht dem Volkshelden daraufhin die Königswürde und die Hand der Königin. Die inzestuöse Beziehung brachte vier Kinder - darunter Antigone - hervor und verlief glücklich bis zum Ausbruch der Pest in der Stadt. Abermals wird das Orakel konsultiert, dass die Bestrafung von Laios’ Mörder zur Bedingung für das Ende der Katastrophe macht. Während der Untersuchung der Vorfälle stellt sich das Schicksal des Ödipus heraus, woraufhin sich Iokaste erhängt. Der schockierte Sohn und Ehemann sticht sich daraufhin mit einer ihrer Spangen die Augen aus und verlässt als Bettler mit seiner Tochter Antigone das Unheil bringende Land. Er sucht erneut das delphische Orakel auf, das ihn an den heiligen Hain der Erinnyen verweist, von wo aus er von König Theseus aus Athen nach Kolonos in Attika gebracht wird und dort stirbt.

II. b) Die Geschichte des Gregorius

In Aquitanien hinterließ ein Herzog bei seinem Tod einen Sohn und eine Tochter. Bruder und Schwester lebten glücklich zusammen, sorgten für einander, bis „der Feind der Welt“ dem Jungen zuredete und sich dessen Liebe zur Schwester so sehr veränderte, dass er darauf sann, mit ihr zu schlafen. Als er zu ihr schlich, konnte sie sich weder wehren, noch aus Rücksicht auf beider Ehre schreien. Als sie schließlich das erste Mal miteinander geschlafen hatten, führte des Teufels Einfluss dazu, dass ihnen der Inzest gefiel und die Schwester schwanger wurde.

Sie beschließen, wenigstens die Seele des Kindes zu retten und ihm gute Eltern zu sein. Sie lassen den ehemaligen Ratgeber des Vaters kommen und vertrauen sich ihm an. Er erteilt den Rat, dass der Jüngling zum Heiligen Grab pilgern und dort Buße tun soll, während seine Schwester hier als Fürstin vereidigt zurückbleibe. Diese bringt schließlich bei dem Alten und dessen Frau ihren Sohn zur Welt. Der „gute Sünder“ wird auf dem Meer mit 20 Goldmark ausgesetzt, weil man auf Gott vertrauen will. Des Weiteren wird ihm eine edle Tafel mit der Beschreibung der näheren Umstände beigelegt und das Kästchen wird auf das Meer geschickt. Die unglückliche Mutter erfährt bald darauf, dass ihr Bruder vor Sehnsucht gestorben sei. Daraufhin bewerben sich alle Edlen von nah und fern um ihre Hand, doch sie erklärt sich zur Vermählten Christi.

Gregorius wird indes zu einer Insel mit einem Kloster getrieben und von zwei Fischern aufgegriffen. Sie sind Brüder, der ärmere hat viele Kinder und nimmt das Baby deshalb an sich und soll notfalls erzählen, die einzige, erwachsene Schwester seines reichen Bruders habe sie ihm überlassen. Es wird nach dem Abt und von diesem auf Gregorius getauft und den Pflegeeltern bis zu seinem 6. Lebensjahr übergeben. Danach geht er dann ins Kloster und lernt dort begierig alles Wissenswerte, mit 14 war er schon gebildeter Lateiner, Theologe und Gesetzeskenner, alle Welt liebte ihn und er war in allem wohlgeraten.

Doch mit 15 verletzt er eines Tages versehentlich ein Kind seiner Pflegefamilie, als die Mutter das hört, schimpft sie lautstark über das Findelkind, was Gregorius auf der Straße hören kann. Er rennt daraufhin zum Abt und erläutert ihm, dass er wegen dieser Schmach nicht hier bleiben könne. Der Abt stattet ihn schließlich als Ritter aus und versucht ein letztes Mal, in zum Bleiben zu überreden. Als das ergebnislos bleibt, führt er ihn zur Tafel seiner Herkunft und dem inzwischen vergrößerten Besitz.

Gregorius wird ein Schiff bereitet, er folgt dem Wind und wird in die immer noch bedrängte Hauptstadt seiner Mutter getrieben. Dort stellt er sich in ihre Dienste und wird nach einiger Zeit zu seiner Herrin und Mutter geführt, ohne sie zu erkennen. So will er sich der Schönen beweisen, streitet als Tapferster bei dem täglichen Getümmel und hat bald die Überzeugung erlangt, er sei der beste Ritter. Also tritt er dem feindlichen Römerherzog, der im Zweikampf schon alle Herausforderer besiegte, vor dessen Zelt entgegen, kann den Belagerer schließlich überwältigen und zur Aufgabe der Belagerung zwingen.

Die Herzogin heiratet daraufhin ihren Sohn Gregorius. Dieser geht täglich zu fester Zeit in sein Zimmer, um über dem Täfelchen seiner Herkunft zu weinen und zu beten. Als ihn eine Magd beobachtet und dies der Mutter berichtet, fragt diese nach Gregorius’ Herkunft. Letztendlich schlussfolgert sie nun zu seinem Entsetzen, dass sie seine Mutter und sein Weib sei. Sie ist sich sicher, in die Hölle zu kommen, doch er trägt ihr auf, nur noch gottgefällig zu leben, während er sie auch nie mehr wieder sehen wollte und als Bettler in die Welt hinauszog.

Er geht nur die beschwerlichsten Strecken, isst nichts und wird von einem Fischer nicht in die Hütte gelassen, der ihm nicht abnimmt, bloß ein Bettler zu sein. Nach weiterem Missvertrauen des Fischers bietet dieser dem vermeintlichen Bettler an, ihn zu einem einsamen Felsen zu begleiten und ihm Fußfesseln zur Verfügung zu stellen, damit dieser nicht vorzeitig von seinem Vorhaben ablasse, was dieser freudig annimmt. Morgens wird Gregorius verspätet von der Frau des Fischers geweckt und rennt dem Fischer hinterher, vergisst jedoch seine Tafel. Er wird vom Fischer auf dem Felsen an die Ketten geschlossen und ernährt sich durch eine Mulde Wasser, die nur einmal täglich eine Handvoll Wasser lieferte.

Durch die Hoffnung, die ihm Jesus spendet, lebt er dort 17 Jahre lang. Dann stirbt in Rom der Papst, kein Nachfolger wird gefunden und Gott gibt zwei Angesehenen die Eingebung, dass in Aquitanien schon seit 17 Jahren ein Gregorius auf einem Felsen sitze und neuer Papst werden solle. Die beiden verkünden es und werden als Boten dorthin gesandt. Sie reiten in die Wildnis und kommen schließlich zu dem Fischer, der sie ihres Besitzes wegen besser empfängt, als damals Gregorius. Er legte einen großen Fisch auf den Tisch, der ihm bezahlt wurde, findet darin jedoch den Schlüssel zu den Fußketten.

Damals hatte er gerufen, wenn er diesen noch einmal sehen würde, wäre Gregorius ohne Sünde. Daraufhin fängt er ein großes Wehklagen an und versichert, die Edelmänner am nächsten Tag zum Felsen zu rudern, auf dem der arme Sünder aber wohl nicht überlebt habe.

Der „lebendige Märtyrer“ ist nicht in der von ihnen erwarteten Montur, sondern ein nacktes Wesen, das sich vor ihnen aus Scham bedeckte. Der einst stattliche Mann ist verschmutzt und verkümmert. Als ihm ihr Grund vorgetragen wird, beteuert er, zu befleckt zu sein, um je wieder einen Fuß unter Menschen zu setzen. Nach nochmaligem Zureden verlangt er als Beweis den Schlüssel seiner Ketten, der ihm dann auch vom weinenden Fischer gereicht werden kann.

Die Gruppe übernachtet bei dem Fischer, der geschwächte Gregorius fragt nach seiner damals hier zurückgelassenen Tafel und am nächsten Morgen graben sie unter der eingestürzten und verheizten Hütte. So finden sie die Tafel in tadellosem Zustand und jeder begreift, dass Gregorius ein Heiliger sein muss. Auch auf dem Rückweg nach Rom begegneten sie keiner Gefahr und ihre Vorräte blieben stets voll. Drei Tage vor seiner Ankunft beginnen Roms Glocken zu läuten und alles läuft ihm entgegen, unzählige Kranke werden von ihrem Leiden befreit.

Der neue Papst ist demütig, weckt aber auch Furcht vor dem Gesetz und lässt immer Gnade vor Recht ergehen. Auch seine Mutter und Frau hat davon gehört und kommt zu ihm. Er erkennt sie an ihrer Geschichte, da ihr Äußeres sich durch die Buße ebenso verändert hat und gibt sich ihr schließlich zu erkennen. Die beiden widmen sich daraufhin gemeinsam in Rom nur noch dem Dienst an Gott und erreichen für sich und Gregorius’ Vater den Einzug ins Paradies.

III. Der Inzest

Das psychoanalytische Phänomen einer über die Norm reichenden Mutter-Kind-Beziehung wird seit Sigmund Freud als „Ödipus-Komplex bezeichnet“. Das Begehren der eigenen Mutter kann jedoch nicht ohne weiteres auf den Mythos zurückgeführt werden, denn Ödipus handelt nicht nach einem ödipalen Muster des heutigen Verständnisses. Denn weder hegt er bewusst einen Groll gegen den leiblichen Vater, noch begehrt er absichtlich die eigene Mutter. Das ungewollte Ergebnis seines Schicksals führt letztendlich zwar zu den schrecklichen Verbrechen, doch ist dies nicht Ergebnis eines Entschlusses, sondern Folge äußerer Umstände. Hätte er stattdessen Polybos erschlagen und mit Merope geschlafen, dann wäre die Ödipus-Geschichte auch eine ödipale.

Der „König Ödipus“ wurde schon vor Christi Geburt als eigentliches Muster der antiken Tragödie bezeichnet. Der Gregorius besitzt konsequenterweise wesentliche Bestandteile des dramatischen Aufbaus von eben einer solchen. Die Kategorien aus der Poetik des Aristoteles sind mit der gewissen Ähnlichkeit zum Ödipus ja auch nahe liegend. Nach Aristoteles zerfällt die Tragödie in zwei Teile - Im ersten wird der Knoten geschürzt, im zweiten wird er gelöst. Auch soll die Wendung zum Unglück lieber in einem großen Irrtum, als in Bosheit bestehen, da die Erkenntnis somit empörender wirke.

Hartmann hingegen führt einleitend noch im Prolog an, dass auch die größte Sünde Vergebung finden kann - er muss also die zweite, zentrale Inzesthandlung für das entscheidende Ereignis halten. Auch Gregorius selbst bezeichnet seine Mutter als schuldec wîp und lässt sie schwere Buße für den zweiten Inzest tun - Schwerer, als es ihr vom Ratgeber des Vaters nach dem ersten Inzest verordnet wurde. Der zweite Inzest von Mutter und Sohn folgt also wohl eher der französischen Legende, in der die Anschauung des Volkes, nicht die der Theologen wiedergegeben ist. Demnach war schon Gregorius Abstammung ein Makel und der Inzest mit der Mutter ein Gräuel vor Gott. Hartmann könnte sich dieser Meinung angeschlossen haben, obwohl die kirchliche Ansicht eine andere war. Gregorius geht schließlich der Frage nach dieser Ausweglosigkeit nicht mehr nach, nimmt den Inzest als von ihm begangene Sünde auf und büßt dafür.

IV. Das Verhältnis zwischen Menschen und Göttern

Der alten Geschichte des Sophokles wohnt eine archaische Ethik inne, beginnend mit dem geplanten Kindermord, bis hin zur Selbstverstümmelung und Exilierung. Dem Ödipus wohne eine „egozentrische Fixierung auf die eigene Ehre“ inne, meint Wolfgang Bernard[1]. Die Hauptakteure sind jedoch keine Monster, sondern an ihre Umwelt angepasste Individuen, denen vor allem weniger die eigenen Entscheidungen, sondern vielmehr das göttliche Schicksal den Weg vorausbestimmt. Dieses tritt meist in Form von grausamer Unerbittlichkeit auf - teils durch simple Vorherbestimmung bereits so festgelegt, teils als Antwort auf die menschliche Hybris gedacht. Letztere trifft jedoch auf Ödipus nicht zu, er wirkt vielmehr als Spielball der Moiren. Letztendlich führen diese Entwicklung und die folgende Selbstbestrafung zu einem Exil, das ihn als Aussätzigen und Nichtberührbaren kennzeichnet. Einziger Trost ist die ihn begleitende Tochter Antigone.

Was Hartmann von Schicksalhaftigkeit hält, erläutert er bereits mit dem Samariter-Gleichnis im Prolog, das für die Versinnbildlichung der habituellen Gnade steht: Der Mensch ist aus eigener Kraft nicht fähig, sich von der Sünde zu erheben, sondern braucht die helfende Gnade Gottes, der sein Erbarmen nicht verwehrt und Hoffnung und Furcht schenkt. Doch das Schicksal Gregorius’ mit dem Willen Gottes zu erklären, wäre zu einfach. Er ist bereits durch die Geschichte seiner Entstehung vorbelastet und wird wie Ödipus ausgesetzt. Aber auf der Felseninsel erreicht er den Tiefpunkt seiner moralischen Entwicklung mit seiner Rebellion gegen Gott „Er erhob seinen Zorn gegen Gott“[2], als er von der Fischersfrau erfährt, dass er nur ein Findelkind ist. Die Abkehr von der vorgesehenen Klerikerlaufbahn tut ihr Übriges. Gregorius bleibt also nicht bloßer Spielball innerhalb der Welt, sondern ist aktives Mitglied einer solchen und handelt aus freiem Entschluss heraus. Er selbst könnte also ebenfalls verantwortlich für die in Form des zweiten Inzests einsetzende Bestrafung sein. Allerdings erfolgt auch seine Buße aus freiem Entschluss heraus und führt nun zu einer aktiven Beteiligung Gottes an seinem Schicksal: Eine göttliche Stimme beruft ihn zum Papst, er erscheint den Ankommenden sehr asketisch und erfüllt das stereotype Motiv der mittelalterlichen Heiligenviten, indem er die kirchlichen Würden abweist. Auch das Wunder mit dem Fisch und dem Schlüssel geschieht in nahezu allen Überlieferungen - Gregorius befindet sich nun im Zustand der Reinheit und Gottgefälligkeit. Hartmann unterstreicht noch das Wunderbare, als Gregorius seine Tafeln wieder findet. Die Umstehenden werden nun von seiner Seligkeit überzeugt.

V. Die Schuldfrage

In „Ödipus auf Kolonos“ verteidigt sich Ödipus gegenüber Kreon, dass es dem Vater bereits vorbestimmt war, durch die Hand des Sohnes zu sterben. Wie könne also von einer Schuld des Sohnes gesprochen werden. Die schuldlose Schuld des Ödipus resultiert zum einen daraus, dass er seinen Vater Laios gar nicht hassen kann, weil er ihn nicht kennt und zum anderen begehrt er seine Mutter Iokaste nicht als Mutter, sondern als Ehefrau. Von seinen Erzeugern ist ihm nichts bekannt, er kann sie also noch nicht einmal unbewusst hassen oder begehren. Ödipus beging also unwissend Taten, die er wissentlich nie begangen hätte. Er ist das tragische Opfer des Schicksals in Form des Orakelspruchs, das sich in Form von Missverständnissen und Verblendungen seinen Weg bahnt. So ist es nicht verwunderlich, dass Hofmannsthals Ödipus keine Schuld am Tod des Vaters trifft, da er beim Beten gestört wird und bei Voltaire ist Ödipus in dieser Szene lediglich stolzer Königssohn, der seine Ehre verteidigt und dennoch dem fünften der vermeintlichen Räuber das Leben schenkt[3].

Doch der Vatermord sowie die Blutschande machen Ödipus zu einem Verbrecher. Konsequenterweise trifft ihn eine objektive Schuld, subjektiv ist er jedoch unschuldig am Inzest, der Mord am Vater bleibt zwar in beiden Fällen ein Verbrechen, doch geht Sophokles auf diese Thematik keinesfalls ein. Er bewertet das Verhalten seines Protagonisten vielmehr als richtig und nachvollziehbar. Diese distanzierte Betrachtungsweise zeigt sich auch darin, dass als Eltern bei Ödipus lediglich seine Erzeuger Laios und Iokaste gelten, die ihn doch als Säugling grausam aussetzten, während seine wirklichen Pflegeeltern Polybos und Merope in der Tragödie nicht mehr auftauchen.

Vielmehr laden also schon die Eltern des kleinen Ödipus eine viel größere Schuld auf sich, als es ihr Sohn danach tun wird, denn sie begehen ihre Tat in voller Absicht. Laios wird später sogar noch ein zweites Mal versuchen - nun am Engpass - seinen Sohn zu töten, diesmal allerdings unbewusst. Auch Iokaste, die den Orakelspruch ohne Zweifel noch nicht vergessen hat, heiratet den sehr viel jüngeren Ödipus zwar aus Gründen der Staatsräson, doch hätte auch sie sich darüber mehr Gedanken machen können.

Allerdings trauert Ödipus nach Bekanntwerden des Inzests und seines Vatermordes viel mehr um seine lieblosen Erzeuger, als er es bei der Nachricht vom Tode Polybos’ tut. Dessen Tod nimmt er nahezu mit Erleichterung auf, zwar, weil er in dem Glauben ist, nun nicht mehr seinen Vater töten zu können, doch generell gesehen sehr herzlos und ohne viel Trauer. Er ist lediglich erleichtert, nicht erleichtert und bestürzt. Letzteres tritt erst ein, als er selbst mit betroffen ist.

Vielleicht ist es aber nicht allein das unabänderliche Schicksal, dass Ödipus zum Verhängnis wird. Er selbst trägt schon durch seine vorschnellen Entscheidungen wesentlich zum Verlauf der Geschichte bei. Sein falscher Umgang mit der Prophezeiung zeigt einen Gegensatz zwischen Handeln und Erkennen, der sich auch noch über den Inzest hinaus erstreckt. Denn anstatt sich zu blenden, hätte er auch die kürzlich frei gewordene Königswürde in Korinth aufnehmen können. Monika Kasper meint dazu: „König Oedipus handelt, aber er erkennt nicht, das heisst er erkennt erst, nachdem es zu spät […] ist“[4]

Gregorius betreffend meint Bernward Plate hingegen, dass dieser weder subjektiv, noch objektiv schuldig sei, sondern lediglich die Ohnmacht gegenüber den negativen und positiven transzendenten Kräften repräsentiere. Er nähme die Buße nicht wegen der Schuld, sondern aus Einsicht in die hoffnungslose / hoffnungsvolle Existenz des Menschen auf sich[5]. Demzufolge nimmt Gregor also nicht die unverschuldete Sünde, sondern die Sünde an sich auf sich - die Imitation Christi. Er wird schließlich schon unter sündigen Umständen gezeugt und zur Welt gebracht, steht also bereits zu diesem Zeitpunkt unter keinem günstigen Stern. Der ungewollte Inzest zwischen Mutter und Sohn ist keine persönliche, dafür aber eine objektive Sünde. Sie wird schon begünstigt durch den Austritt aus dem Kloster, aber auch die Ritterschaft fordert Gottes Gnadenwunder heraus.

Dieser mittelalterliche Stereotyp resultiert aus der Vorlage Hartmanns, dem französische Grégoire. In ihm verbindet sich die Tradition des volkssprachigen Heiligenlebens mit der des höfischen Romans. Der Gregorius ist nicht ausgefallenes Exempel, realitätsferne Wundermär, sondern war für Hartmann und seine Zeitgenossen vorgelebte Realität, Teil eines geschichtlichen Zusammenhang“[6]. Sünde und anschließende Buße waren fassbare Gegenwart.

Gregorius’ Schuld wird fast schon vorausgesetzt, die Buße ist eigentlicher Angelpunkt der Geschichte. Der Prolog spricht nicht davon, was Sünde sei, sondern vom Weg der Rechtfertigung. Denn obwohl Gregorius’ unbewusster Inzest keine kanonisch fixierbare Schuld war, da er ihn unbeabsichtigt beging, ist die auf sich geladene Schuld Dreh- und Angelpunkt der Handlung. So beginnt allein schon die Geschichte von Gregorius’ Eltern mit dem von Klaus Goebel aufgezeigten Motiv der Verheimlichung[7] und demzufolge auch mit einer durchgehenden Sünde. Verheimlicht wird z.B. die Liebesnacht, dann das Verhältnis von Bruder und Schwester, später die Schwangerschaft, Geburt und Existenz des Kindes. Auch auf der Klosterinsel wollen die Fischer ihren Fund vor dem Abt geheim halten und bezüglich Gregorius wird vom Abt verschwiegen, dass er adeliger Abstammung und ein Findelkind ist. Auch seine Aufnahme in die Fischerfamilie stellt einen Betrug dar. Als seine verstörte Frau ihn zurückrufen lässt, befürchtet Gregorius, dass seine verheimlichte Vergangenheit aufgeflogen sein könnte. Auch seine tägliche Buße hatte er bis jetzt verheimlicht. Die Verheimlichung zieht, ausgehend von der Schwester, immer mehr Menschen in ihre Kreise und erfordert dementsprechend auch das Verschleiern immer neuer Tatsachen. Dieses Versteckspiel an sich stellt schon die erste Hälfte der Legende und damit auch den Part der sich aufladenden Schuld dar.

Doch anschließend folgt das Motiv des Bekennens: Mutter und Sohn bekennen ihre Sünde voreinander, Gregorius bekennt sie vor dem Fischer und den Legaten. Der Fischer bekennt schließlich ebenfalls seine schwere Schuld aus dem ersten Teil, als er Gregorius nicht ernst genommen hatte und die Mutter begibt sich dafür letztendlich auch zu ihrem Sohn nach Rom. Von der Mutter geht zu Beginn die Verheimlichung aus, mit ihrem Bekenntnis löst sich am Ende jedoch alles zum Guten auf.

VI. Die Buße

Die beiden sündigen Hauptpersonen im „Ödipus“, Mutter und Sohn, Ehefrau und Gatte, bestrafen ihre frevlerische Tat umgehend an sich selbst. Die Mutter nimmt sich anschließend an die Nachricht von ihrem Schicksal als Sühne und aus Scham für ihr Vergehen das Leben. Auch der subjektiv schuldlose Ödipus bestraft sich selbst, erlegt sich jedoch größere Qualen auf, als es seine Mutter mit ihrem relativ raschen Tod getan hat. Doch wäre es eigentlich sie gewesen, die nach der archaischen Logik des Sophokles das grausamere Schicksal ereilen müsste. Denn auch abgesehen vom Inzest, der durch Überlegungen vielleicht zu verhindern gewesen wäre, stellt Klaus Schlagmann fest, dass nur Iokaste und nicht Laios den Mordauftrag bezüglich des kleinen Ödipus gegeben haben kann[8].

Auch die Vorgeschichte von Gregorius’ Schicksal ist für diesen Punkt bedeutend. Sein Vater begeht die Sünde erst, als er sich der lêre des Vaters widersetzt und kein guter Bruder mehr für seine Schwester ist. Doch bei der Hilfesuche nach dem Ratgeber hält er sich wieder an den Rat seines Vaters und hat Erfolg. Aber die brüderliche Frömmigkeit auf dem angeratenen Kreuzzug ist geheuchelt, die Minnesehnsucht nach seiner Schwester ist stärker. Auch der Schwester geht es bei ihrer Buße nicht um die Mittellosen, sondern um ihre eigene Sünde. Auch leidet nicht ihre Schönheit, wie die Hochzeit mit Gregorius beweist, sondern lediglich das Volk unter dem endlosen Kriegszug. Die körperliche Entstellung wird dabei als wichtiger Bestandteil wahrer Buße angesehen. Während Gregorius Mutter bei ihrem ersten Treffen noch jugendlich und schön wirkt, ist sie, wie ihr Sohn und Mann, nach den 17 Jahren des Büßens körperlich versehrt.

So tadelt auch der Fischer seinen Gast, dass dieser nach seinem äußeren Erscheinungsbild wohl kein ernster Büßer sei, da Gregorius erst seit drei Tagen in der Wildnis lebt. Diese körperliche Strafe, die Mutter und Sohn im zweiten Teil vollziehen, fehlt im ersten. Große Sünde - große Buße - große Gnade: das ist der immanente theologische Sinn der Geschichte. David, Maria Magdalena und Paulus waren selbst Sünder, bevor sie bekehrt wurden - sündige Heilige sind keine Seltenheit.

Gregorius und Ödipus übernehmen beide die Verantwortung für ihr unbewusstes Vergehen. Dieser Punkt stellt eine wirkliche Parallele zwischen den beiden Geschichten dar, sind doch beide objektiv gesehen schuldlos. Doch während Gregorius nach 13 Jahren erlöst und zum Papst erhoben wird, in dieser Tätigkeit noch das Seeleheil für sich und seine Familie erringen kann, endet Ödipus als Geächteter, verstoßen in der Fremde. Ersterer kann sich schließlich an einen milden Gott richten, während letzterer das unumkehrbare Schicksal als Gegner hat.

VII: Schluss

Aristoteles erklärte bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. in seiner „Poetik“ die sophokleische Bearbeitung des Themas Ödipus zum Musterfall der Tragödie. Der spätere König reflektiert dabei das Unvermögen, sein eigenes Schicksal vorauszusagen und verdeutlicht auf das Schärfste, wie Glück und Unglück, bzw. Naivität in Selbsterkenntnis umschlagen kann. Ödipus’ „Geburt kann folglich nur dem einen Zweck gedient haben, die eigene Existenz in Frage zu stellen“[9]. Seiner Geschichte wohnt keine Moral inne, sondern sie ist lediglich Ausdruck der Ohnmacht des Menschen gegenüber dem eigenen Schicksal.

Die Gregoriuslegende ist hingegen kein Abklatsch der antiken Ödipussage, sondern spezifisches Produkt mittelalterlich-christlichen Geistes[10]. Gregorius bleibt wie Christus im Grab zwei Nächte und einen Tag auf dem Meer (nicht wie Jonas drei Tage). Auch die Leidensbereitschaft wird mit Christus gleichgesetzt. Durch Christi Tod sind die Menschen dem Tode entrissen, durch Gregorius Leiden ihnen ein Exempel gegeben worden. Im zweiten Teil enthält der Gregorius dann weiterhin die typischen Elemente des Artusromans: Ausfahrt des Helden, Zweikampf, Brautwerbung, Eheschluss und Aufstieg zum Territorialherren.

Hartmann wird als gebildeter Mann bestens mit Sophokles vertraut gewesen sein, kannte also auch dessen Thematik. Doch ist seine eigentliche Vorlage der französische „Gregoire“, dem eine christliche Intention innewohnt. Augenscheinlichster Überschneidungspunkt beider Geschichten ist der ungewollte Inzest, dem eine Aussetzung vorausging. Doch während Gregorius sich auf seine Gottesfürchtigkeit verlassen kann und nach Jahren der Buße zum Oberhaupt der Christenheit aufsteigt, ist Ödipus lediglich Spielball einer göttlichen Komödie, dem auch nach der Selbstverstümmelung keine Barmherzigkeit widerfährt.

Zu unterschiedlich sind auch die Zeitepochen der beiden Werke, wie auch die Zuhörerschaft. Sophokles wollte eine Legende erzählen und zu Papier bringen, Hartmann hingegen belehren. Die Ausprägungen des Inzest-Stoffes in der Antike und im Mittelalter können dementsprechend nur unterschiedlich ausfallen und verschiedene Motive beinhalten.

Quellen:

Hartmann von Aue: Gregorius, Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 2003

Zingg, Reto: Sophokles König Ödipus. Neuübersetzung in Iamben, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2002

Sekundärliteratur:

Bernard, Wolfgang: Das Ende des Ödipus bei Sophokles, C.H.Beck, München 2001

Bollack, Jean: Sophokles König Ödipus – Essays, Insel Verlag, Frankfurt a.M. 1994

Ernst, Ulrich: Der ‚Gregorius’ Hartmanns von Aue, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2002

Goebel, K. Dieter: Untersuchungen zu Aufbau und Schuldproblem in Hartmanns „Gregorius“, Erich Schmidt Verlag, Berlin 1974

Halter, Thomas: König Oedipus. Von Sophokles zu Cocteau, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1998

Kasper, Monika: Das Gesetz von allen der König, Königshausen & Neumann, Würzburg 2000

Mertens, Volker: Gregorius Eremita, Artemis Verlag, München 1978

Plate, Bernward: Gregorius auf dem Stein, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983

Schlagmann, Klaus: Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus, Verlag Der Stammbaum und die Sieben Zweige, Saarbrücken 1997

[...]


[1] Bernard, Wolfgang: Das Ende des Ödipus bei Sophokles, C.H.Beck, München 2001, S. 67

[2] Gregorius, V. 2608

[3] Vgl. Halter, Thomas: König Oedipus. Von Sophokles zu Cocteau, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1998, S. 136-138

[4] Kasper, Monika: Das Gesetz von allen der König, Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 105

[5] Vgl. Plate, Bernward: Gregorius auf dem Stein, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983

[6] vgl. Mertens, Volker - Gregorius Eremita, Artemis Verlag, München 1978

[7] vgl. Goebel, K. Dieter: Untersuchungen zu Aufbau und Schuldproblem in Hartmanns „Gregorius“, Erich Schmidt Verlag, Berlin 1974

[8] Vgl. Schlagmann, Klaus: Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus, Verlag Der Stammbaum und die Sieben Zweige, Saarbrücken 1997, S. 38-40

[9] Bollack, Jean: Sophokles König Ödipus – Essays, Insel Verlag, Frankfurt a.M. 1994, S. 20

[10] Ernst, Ulrich: Der ‚Gregorius’ Hartmanns von Aue, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2002, S. 34

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Gegenüberstellungen von Sophokles' 'König Ödipus' und Hartmanns 'Gregorius'
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
Antike Rezeption im Mittelalter
Note
---
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V110715
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gegenüberstellungen, Sophokles, König, Hartmanns, Gregorius, Antike, Rezeption, Mittelalter
Arbeit zitieren
Dr. G. (Autor), 2005, Gegenüberstellungen von Sophokles' 'König Ödipus' und Hartmanns 'Gregorius', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110715

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