Wachstum und Verpflichtung


Skript, 2007
22 Seiten

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Inhalt der Betrachtung

1. Grundsätzliches. Das Wachstum und seine Probleme

2. Eigennutz und Moral

3. Das Zins-Wachstum

4. Der „richtige“ Umgang mit Geld?

5. Das Wissen um Geld und Vermögen

6. Wachstum und Spaltung der Gesellschaft

7. Persönliche Erfahrungen mit Geld

8. Tabellen, Statistik der Bundesrepublik Deutschland

1. Grundsätzliches: das Wachstum und seine Probleme.

Das grundlegende biologische Prinzip unserer lebenden Natur ist das des exponentiellen Wachstums auf. Viele Verläufe sind in der Biomathematik als Potenzfunktionen erfassbar, so z.B. das Bakterienwachstum. Man kennt dies aus den verschiedenen empirischen Ermittlungen und Darstellungen der Zeiten für eine Verdoppelung ihrer Anzahl. Über das Ende solchen Wachstums bestehen unterschiedliche Deutungs- und Begründungsansätze, meist tendiert man zu Hemmungen aus der Umgebung oder der Konkurrenz, manchmal schlicht aus dem Postulat der Endlichkeit folgernd. Genaues ist wissenschaftlich nicht erforscht. Faktisch wissen wir nichts über die Gründe der fortdauernden Ausdehnung unseres Universums, nichts über das Ende des Größenwachstums der Dinosaurier oder ihres Unterganges, das Erlöschen der sich rasant verbreitenden Pestepidemie im Mittelalter. Aber wir konnten in der kurzen Zeit der Menschheitsgeschichte und der uns umgebenden Natur bereits schmerzliche Erfahrungen mit dem Eingriff des Menschen in diese Natur machen, so mit dem Raubbau der Vorräte auf der Erde, der in einen wirtschaftlichen Kampf ausartet. Besonders grausam ragen da die Entwaldung ganzer Kontinente, die Ausbeutung metallischer Elemente und die Erschöpfung der Energievorräte fossiler Brennstoffe als Mahnmale hervor. Dennoch wird das Denken unserer Zeit von Wachstumsideologien beherrscht – ohne die Grenzen herauszufinden[1] oder sich ihrer bewusst zu werden[2]. Die Korrelation von Wachstum und Arbeitskräftebedarf ist nicht erwiesen, absehbar das Ende des Produktivitätsfortschrittes[3] im Rahmen globalisierenden Wettbewerbes um den Markt, deren Triebkräfte das Bevölkerungswachstum und die Erhöhung des Bedarfs[4] der Menschen unserer Zeit sind, wenn auch durch emotionale Versprechen, durch Werbesprüche auf die Zukunft künstlich erhöht[5]. Die Immunisierung dagegen gehört nicht zur Thematik unserer heutigen Bildung. Sie ist nicht Bestandteil unserer „modernen“ Gesellschaft; diese Art Unterwerfung wird nicht als Freiheitseinschränkung empfunden. Werbung ist für die meisten Teil der Marktwirtschaft.

In der Welt des Geldes begegnet uns mit dem Zins und der daraus abgeleiteten Funktion des Zinseszinses ähnliche Phänomene[6]. Sie sind ein Charakteristikum langanhaltenden Wirkens von Kreditaufnahmen. Erwähnt wird es zum Beispiel in den Gutachten zur Nachhaltigkeit in der Finanzpolitik[7], in dem eine korrekte Quantifizierbarkeit in Frage gestellt wird: Es fehlt an einer geordneten und zusammenfassenden Berichterstattung, auf deren Grundlage sich die finanzpolitisch Verantwortlichen systematisch mit den vorliegenden Problem auseinandersetzen müssten.[8] In Deutschland wird der haushaltspolitische Handlungsbedarf viel zu einseitig unter kurz- und mittelfristigen Konsolidierungsaspekten und vor allem im Hinblick auf die Einhaltung der fiskalischen Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages diskutiert. Zudem kommt noch, dass betreffs der Wirksamkeit dieser Schuldengrenzen eine gewisse Ernüchterung eingetreten ist, weil sie wiederholt nicht eingehalten wurden.[9]

Prognosen über die zukünftige Entwicklung und die noch zumutbare Belastung zukünftiger Generationen, fortgerechnet aus den Budgetdefiziten[10] sind unsicher, weil weder die zukünftigen wirtschaftlichen Begleitumstände noch die Zinsgröße bekannt sind und ein Risiko aus einem unerwarteten Ereignis nicht vorbeugbar ist. Die Zinsausgaben setzen sich aus den unterschiedlichsten Verpflichtungen der Kreditverträge am Markt zusammen in Fälligkeit, Zinshöhe und Art des Kreditgebers. Zinsausgaben aus Altschulden bleiben solange bestehen, wie es diese gibt. Der Primärüberschuss im Bundesland Nordrhein-Westfalen weist jetzt einen Primärüberschuss auf, weshalb noch immer 4,2 Mrd. € für Zinszahlungen mit neuen Krediten finanziert werden müssen[11]. Wenn die Zinsbelastung zunimmt, das Produktivitäts-Wachstum gering wird und die Defizite steigen, lässt sich eine Schuldenstandsquote[12] durch „gepuschtes“ Wachstum weder halten noch gar der Schuldendienst bewältigen. Die Schulden sind zu zwei Dritteln durch die Begebung von Wertpapieren am Kreditmarkt entstanden. Der Bund beschafft sich die benötigten Mittel fast ausschließlich auf diesem Weg[13], in erster Linie durch die Auflage von Anleihen, Obligationen und Schatzanweisungen[14]. Direkte Darlehen bei inländischen Banken und Versicherungen sowie ausländischen Stellen sind dagegen die bei Ländern und Gemeinden/Gv. bevorzugte Verschuldensform. Infolge des Politik-Wandels begann ab 1975 ein Anstieg des Anteiles der Zinsausgaben aller öffentlichen Haushalte an den Steuereinnahmen gewaltig auf mehr als das Doppelte[15]. Einige Experten meinen, bei einer relativen Spezifizierung, also einer Umrechnung auf den Kopf der Bevölkerung oder der Steuerzahler wäre dieser Betrag gar nicht so schlimm.

Die Belastung des einzelnen, der für das Funktionieren des Staatsapparates einen beträchtlichen Teil der Früchte seiner Arbeit opfert, war der Auslöser so mancher Proteste, Demonstrationen und Revolten. In der Vorrede zur Deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifestes von 1872 wird bereits auf die veränderten Verhältnisse seit den letzten 25 Jahren hingewiesen, aber eines ist in den späteren Ausgaben weiterhin enthalten[16]: die wesentliche Bedingung für die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse ist die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten, die Bildung und Vermehrung des Kapitals. Aber den Verfassern[17] war bereits klar, dass ihre Maßregeln mit der Enteignung des Privateigentums nicht ungeschmälert sinnvoll waren, ja sie setzen sich mit den leistungslosen Einkommen überhaupt nicht auseinander, obwohl ein solches bereits einen langen geschichtlichen Hintergrund hat. Es tritt in den neueren Verfassungen neben das Privat-Kapital und der Eigentumsgarantie die proklamatorische soziale Verpflichtung, hebt also auf Einsicht und sittliche Würdigung der Menschen ab, ein oft wenig wirksames Unterfangen. Dabei gilt noch heute das, was Descartes äußerte: sowohl der Erforschung des Wesens einer Sache als auch bei Betrachtung aller einzelnen Schwierigkeiten so vollständige Aufzählungen und so umfassende Übersichten zu geben, dass ich sicher wäre nichts auszulassen.[18]

2. Eigennutz und Moral.

Nach Sokrates[19] leben wir nicht, um zu essen; wir essen, um zu leben. Bereits vor 3 Tausend Jahren drückten die Philosophen der Antike den Charakterzug des Menschen aus: er ist sittlich verpflichtet, nicht nur seinem Eigennutz zu frönen. Später wurde das zu einem Grundsatz der Vernunft des Menschen umgeformt. Heute versucht man Selbstregelungen einzelner Wirtschaftsgruppen und leitender Wirtschaftsführer zu einer Art Anerkennung und Befolgung zu bringen, oft aber vergeblich. Dieses Versagen führt jedoch nicht zur Änderung der Haltung von bestimmenden Kreisen, von Politikern.

Es ist eine Frage der Moral, ob man es gerechtfertigt ansieht, zukünftigen Generationen die Abtragung der Finanzierung der heutigen „Spaßgesellschaft“ anlasten darf, unabhängig davon, in welcher genauen Größe sich die heutigen Finanzierungslücken – nicht nur wegen des langen Vorhersagezeitraumes – auswirken werden. Ein jeder kann sich sehr leicht das Maß seiner moralischen Vollkommenheit gradweise aufstellen. Er braucht nur bei seinen Handlungen und den Beweggründen dazu aufzumerken, wie viel und was er um seiner selbst willen und wie viel und was er um edler Zwecke und um anderer willen tut, und ob er das, was er für edle Zwecke und andre tut, nicht um seinetwillen tut.[20] Aus der Kenntnis der Menschen heraus kann nicht bei jedem sich daraus eine bindende Verpflichtung entwickeln. Manchen ist es gleich, was mit den Nachfahren geschieht bzw. wie es diesen ergeht.

Die katholische Kirche strich erst 1983 das Zinsverbot aus dem Kodex des kanonischen Rechtes. Dem Argument, der Zins sei lediglich die Höherbewertung von jetzigem „Spaß-Erleben“ als dem späteren, womöglich wegen des Ablebens nicht mehr realisierbarem, kann nicht beigepflichtet werden. Die Volkswirtschaft profitiert keineswegs direkt davon, dass der Ertrag gesteigert würde durch die Tendenz, dass das Kapital dahin gezogen wird, wo der höchste und sicherste Ertrag zu erwarten ist[21], denn dabei wird unterstellt, es gäbe eine Moral unter den Nutznießern des spekulativen Kapitaleinsatzes[22]. Mit Krediten finanzierte Investitionen erhöhen unter Umständen die einzelne Rendite, aber der moralische Sinn würde dann abhängig von den Differenzen der Zinshöhen. Bleibt eigentlich nur der Appell an die Moral der verantwortlichen Menschen?

[...]


[1] In Erinnerung: Zischka, Anton. Der Kampf um die Weltmacht Öl. Leipzig: Goldmann. 1934 u. weitere. Meadows, Dennis L. Die Grenzen des Wachstums; Club of Rome. Stuttgart: Dt. Bücherbund. 1972, Wachstum bis zur Katastrophe, pro und Kontra zum Weltmodell. Stuttgart. DVA. 1974. – Pestel, Eduard. Jenseits der Grenzen des Wachstums. Stuttgart. DVA. 1988. und weitere zum Thema.

[2] Mit dem Wachstum der Intelligenz (≠ Gehirn) oder der Vernunft befassen sich meist nur Philosophen. Siehe: Ditfurth, Hoimar v. Von den biologischen Grenzen unserer Vernunft. http://visipix.dynalias.com/sites-en/buch_denken/ditfurth.htm.

[3] In der technischen Entwicklung ist zu unterscheiden zwischen „echtem“ und nur vermeintlichem Fortschritt.

[4] Nicht des Gundbedarfs, sondern solcher Güter, die anderen Bedürfnissen zugeordnet werden können. Ob dies eine Qualitätsverbesserung unseres Lebens dient, steht dahin.

[5] Vgl. hierzu: Albrecht, Jürgen, Dr.-Ing. www.politik-poker.de/globale-aufklaerung-globale-chance.php. 2005.

[6] Binswanger, Hans Christoph- - Paschen v. Flotow (Hrsg.). Geld & Wachstum. Stuttgart-Wien: Weitbrecht. 1994.

[7] Beirat des BFinMin. Mit dem Vergleich des OECD-Konzeptes u. dem Problem der Generationenbilanzierung. www.bundesfinanzministerium.de/lang_de/DE/Service/Downloads/Downloads_7/9127_0,temprateld=raw,property=publicationFile.pdf. Vgl. hierzu Managerkreis d. Friedrich-Ebert-Stiftung. Staatshaushalt, Wachstum, Demographie. März 2005.

[8] Ebenda, S. 3

[9] Kambeck, Rainer – Christoph M. Schmidt, RWI Essen. Zur Nachhaltigkeit öffentlicher Haushalte. Kommunal-Info 04/06, Artikel 25, Absatz 1.

[10] Zusammengesetz aus Primär- und Sekundärdefizit (= Zinszahlungen).

[11] Kambeck, Absatz 4.

[12] Siehe Entwicklung der öffentlichen Schulden, Statistisches Bundesamt, Fachserie 14, Reihe 5, 2005, mit Tabelle Schuldenstand nach Arten und Körperschaftsgruppen. Am 31.12.2005 betrugen die Kreditmarktschulden ÖH im weiteren Sinne 1,447 . 10ⁿ (n = 12). In der Spalte Bürgschaften, Garantien und sonstige Gewährleistungen steht ein Betrag von 0,343 . 10ⁿ (n = 12), dessen Verpflichtung man im Einzelnen man nicht kennt. Angeblich sind die Kreditmarktschulden hauptsächlich mittel- und langfristig.

[13] StBA Datenreport 2006, Auszug Teil 1.- Bundeszentrale für politische Bildung, S. 236.

[14] Siehe weiter unten unter persönliche Ersterlebnisse: verloren gegangene durch den 1. Weltkrieg.

[15] Das Finanzierungsdefizit in Abgrenzung der Finanzstatistik ist nicht identisch mit dem der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, das in die Berechnung des Maastricht-Kriteriums des staatlichen Defizits einfließt. lt. www.destatis.de/presse/deutsch/abisz/kassenstatistik.htm, Pressemitt. StBA vom 29.03.2007. Im Finanzierungssaldo steht der Bund 2006 mit -28,2 10ⁿ /n = 9), die Länder mit -10 und die Gemeinden mit + 3 da. Vgl. Fachserie 14, Reihe 2 „Vierteljährliche Kassenergebnisse der öffentlichen Gesamthaushalte“, April 2007.

[16] Hier Ausgabe 1883 im Abschnitt Bourgeois und Proletarier.

[17] Karl Marx, Friedrich Engels.

[18] René Descartes. Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung. Leyden 1637. Siehe Übersetzung von L. Fischer, Leipzig: Ph. Reclam jun,. Universal-Bibliothek Nr. 3767 S.31.

[19] 469-399 v.u.Zr.

[20] Klinger, F. M. [* 1776]. Betrachtungen und Gedanken über verschiedene Gegenstände der Welt und der Literatur. Herausgeber: V. R. von Gottschall. Leipzig: Ph. Reclam jun. Universal-Bibliothek 3524/5. S. 172.

[21] Vgl. hierzu die Börsenentwicklungen.

[22] Onken, Werner. Der Zins als Angelpunkt von Wirtschaft und Moral. In: www.geldreformde [W. Roehrig].

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Details

Titel
Wachstum und Verpflichtung
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V110817
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wachstum, Verpflichtung
Arbeit zitieren
Dr.-Ing. Adalbert Rabich (Autor), 2007, Wachstum und Verpflichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110817

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