Untersuchungen zu Mörikes „Der alte Turmhahn“ und „Auf eine Lampe“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten


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Inhalt:

I: Einleitung:

II: Formale Differenz:

III: Zeit und (Innen-)Raum:

IV: Dingdichtung vs. Idylle?

IV: a) Funktion des Objekts

IV: b) Ästhetisierung

V: Schluss:

VI: Literaturverzeichnis:

I: Einleitung:

Eduard Mörike war eines von 13 Kindern des Medizinalrates Karl Friedrich Mörike und dessen Frau Charlotte Dorothea, deren Abstammung aus einem Pfarrhaus sich auf seine Entscheidung zur Ergreifung der theologischen Tätigkeit sicherlich auswirkte. Von mehr Erfolg gekrönt war jedoch seine poetische Ader, die den Pfarrer mit Gedichten wie „Septembermorgen“ oder „Er ist’s“, sowie dem Roman „Maler Nolten“ oder der Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ berühmt und zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 19. Jahrhunderts machten. Seine Begabung, alltägliche Dinge in die Sphäre der Poesie zu erheben, wurde schon durch David Friedrich Strauß angesprochen: „Er nimmt eine Handvoll Erde, drückt sie ein wenig – und alsbald fliegt ein Vögelchen davon“1.

Die vorliegende Arbeit widmet sich zwei solch alltäglichen Objekten: Nämlich einem alten Turmhahn und einer Lampe. Beides Gegenstände, die gewöhnlicher nicht sein können und doch gelingt es Mörike, ihnen eine Seele einzuhauchen. Im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung, dem Innenraum, entfaltet sich ihre persönliche Wirkung zur vollen Blüte. Ob der Gegenstand an sich schon diese Ausstrahlung besitzt und ob den Dingen mehr gemein ist, als nur ihre Gegenständlichkeit, wird in dieser Arbeit zu klären sein. Zunächst soll bei der Gegenüberstellung beider Gedichte auf die formale Differenz, deren augenscheinlichstes Merkmal die unterschiedliche Länge beider Werke ist, eingegangen werden. Anschließend soll eröffnend die Bedeutung von Zeit und Raum in beiden Gedichten untersucht werden, um dann zum Kern der Arbeit zu kommen, der Gegenüberstellung von Parallelen und Zusammenhängen bezüglich Mörikes Betrachtung dieser laut Interpreten nicht gleichzusetzenden Werke. Spezifisch wird „Auf eine Lampe“ den Dinggedichten des Autors zugeschrieben, während „Der alte Turmhahn“ als Musterbeispiel für idyllisierende Dichtung gilt. Doch die Funktion des Objekts und seine Ästhetisierung sind Grundpfeiler beider Gedichte. Nachdem diese Parallelen benannt wurden, folgt eine Auswertung.

II: Formale Differenz:

Rein formal betrachtet ist den beiden Gedichten „Der alte Turmhahn“ und „Auf eine Lampe“ so gut wie nichts gemein. Zunächst einmal wäre der unterschiedliche Zeitpunkt der Entstehung zu nennen, denn der ‚Turmhahn’ erschien erst sechs Jahre nach dem am 30. November 1846 im „Morgenblatt für gebildete Leser“ veröffentlichten ‚Lampen’-Gedicht. Dieses bietet mit seinen 10 Versen rein optisch schon einen ungeheuren Gegensatz zu den 293 des nachfolgenden Werkes. Auf die inhaltlichen Aspekte, insbesondere die zumeist vorgenommene Unterscheidung in Ding- und Idyllengedicht wird allerdings erst später eingegangen.

Dem einstrophigen Gedicht „Auf eine Lampe“ wohnt die Metrik des jambischen Trimeters inne, von dessen würdevoller Tonart auch Goethes „Helena“ profitierte. Charakteristisch für das im römischen Kulturkreis Senar / Senarius und im deutschen Sprachraum ‚Sechsfüßer’ genannte Versmaß ist die Aneinanderreihung von jeweils drei Doppeljamben, die bei Mörike, anders als in der Antike, nicht durch eine Zäsur getrennt sind und dadurch dem Gedicht mehr Freiraum in der Rhythmik verleihen. Ein ungebrochener Lesefluss kommt aufgrund der zahlreichen Interpunktion innerhalb der Verse und an deren Enden, sowie durch lediglich zwei Enjambements nicht zustande.

Als verbindendes Element zwischen beiden Gedichten fungiert die Personifikation des Objekts, wobei die Lampe allerdings Gegenstand der Betrachtung ist, während der Turmhahn zum Protagonisten in der von ihm selbst geschilderten Umwelt wird. „Der alte Turmhahn“ folgt keinem klassischen Metrum, sondern seine Verse bilden, entsprechend den Intentionen Mörikes, einen vierhebigen Jambus, während die Zeilen mit einem Paarreim abgeschlossen werden. Damit kreiert Mörike einen Knittelvers, wie er in der Zeit von vor „hundertunddreizehn Jahr“ (Turmhahn, Zeile 2) z.B. von Hans Sachs bei seinen Meistergesängen verwendet wurde und damit dem altertümlichen Sprachstil des Turmhahnes entspricht. So zitiert Jaqui die Redaktion des Blattes, in dem der Turmhahn 1852 erstmalig veröffentlicht und vorgestellt wurde, demzufolge Mörike „dabei die Dichtersprache der ersten Decennien des vorigen Jahrhunderts wählt, deren populäre Lieblichkeit die poetische Erzählung mit dem eigenthümlichen Reize der Vergangenheit übergießt“2. Besonders berühmt wurde das Werk jedoch durch seine Veröffentlichung in Ludwig Richters „Beschauliches und Erbauliches“ 1855 mit dessen Holzschnitten. In dieser zweiten Ausgabe erscheint dann auch der Untertitel „Idylle“, statt wie bisher „Stillleben“.

Beide Gedichte, sowohl „Auf eine Lampe“, als auch „Der alte Turmhahn“ haben also neben dem beschriebenen Objekt noch eine formale Gemeinsamkeit: Ihr metrisches Grundthema bezieht sich entweder auf die Antike, oder auf die Epoche des aus Italien importierten Barockzeitalters. Dabei ist letzteres zwar vornehmlich aus authentischen Gründen verwendet worden, um die Betagtheit des Hahnes zu unterstreichen, doch wohnt dadurch nichtsdestotrotz beiden Gedichten ein rückwärtsgewandter Grundton inne.

III: Zeit und (Innen-)Raum:

Zunächst einmal gilt es, das Umfeld der Gegenstände in beiden Gedichten zu betrachten, da es unmittelbaren Einfluss auf das Erscheinungsbild und Wirken der Objekte hat. Denn erst in Verbindung mit der Umgebung können sowohl die Lampe, als auch der Turmhahn ihre Wirkung auf den Betrachter voll entfalten. So schmückt die Lampe die „Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs“ und profitiert vom nebulösen Charakter dieses Zimmers, von dem ungewiss ist, welche Funktion es einst hatte. Ist mit ‚Lust’ eine ehemalige Überschwänglichkeit gemeint, die nun in krassem Kontrast zu der Tristesse des Raumes stehen würde? Ist eher die unschuldige Variante eines alten Musikzimmers, oder die frivole Version des lange nicht mehr genutzten Schlafgemachs gemeint? Alle möglichen Verwendungen des Zimmers enden mit der Erkenntnis, dass die einstige Wärme und Vertrautheit gewichen ist. Der kalte Marmor der Lampe gibt dem Raum, der seine Geborgenheit der vergangenen Tage eingebüßt hat, einen zusätzlich entseelten Hauch.

Die Trostlosigkeit wird durch die melancholischen Rückbezüge auf die vergangene Zeit geschürt, grenzt sich doch der Raum mit seinem Vergangenheitsbezug von der Lampe ab, die nicht mit ehemaligen Ereignissen in Zusammenhang gebracht wird, sondern fast schon Subjekt innerhalb des Zimmers ist. Allerdings sind beide, Lampe und Raum, bedroht. Vielleicht steht ein baldiger Abriss oder Umbau des Zimmers bevor, denn die Lampe ist „noch unverrückt“. In diesem Fall würden unter Umständen mehr kostbare Erinnerungen verschwinden, die mit dem Zimmer verknüpft sind, als das der Fall bei einem ‚Verrücken’ der Lampe wäre. Der eingefrorenen Szene des Objekts und seiner Umgebung käme allerdings jedwede Bewegung ungelegen, denn sie sollen in dieser Form erhalten bleiben - ob für einen Dritten wird später zu klären sein.

Vom gefühlslosen Gegenstand der Lampe ist der sentimentale Turmhahn weit entfernt. Er spricht durchgehend selbst und erzählt zunächst von seiner Vergangenheit als Turmhahn, die nun wegen seines Alters geendet habe. Die hundertunddreizehn Jahre auf seinen Schultern haben ihn zwar sowohl gegen Wind und Wetter abgehärtet, als auch in dem Denken bestärkt, ein nützlicher Schmuck des Dorfes zu sein, aber andererseits hat der Zahn der Zeit ihn auch der einstigen Schönheit beraubt. Er selbst hätte gerne noch weiter gemacht, doch der Hahn wird entsorgt und von einem Dorfpfarrer aus Sentimentalitätsgründen auf den Ofen gesetzt. Diesen schmückt er von nun an und betrachtet ihn als kleineres Abbild seines früheren Wohnsitzes - „Recht als ein turn tät er sich strecken“ (Z. 94).

Der kleine Raum des Pfarrers spiegelt die frühere Realität des Dorfplatzes im Kleinen wider. Auch der beschauliche Rhythmus der Jahreszeiten lässt sich am geregelten Leben des Pfarrers ablesen. Die Zyklik des Zeitverlaufs und das Wandern der Sonnenstrahlen sorgen für zeitliche und räumliche Abrundung. Die Sonnenstrahlen werden hierbei genutzt, um an ihrem Lauf einen tieferen Blick in das Zimmer zu werfen. Sie fungieren als echte Besucher im ansonsten ruhigen Raum des Turmhahns, können sogar mit ihrer bloßen Anwesenheit der Harfe einige Töne entlocken. Allerdings wohl eher nur für die Ohren des erzählenden Hahnes bestimmt und von diesem heraufbeschworen.

Die beim runden Kreislauf des Lichtes betrachteten pietistischen Theologen des 18. Jahrhunderts sahen die Aufklärung eher mit Skepsis und dienen somit dem traditionellen Bild des Pfarrers. An diesem lassen sich biographische Bezüge zu Mörike herstellen, wie auch das gesamte Gedicht als Hommage an seine Cleversulzbacher Zeit als Pfarrer von 1834-1844 gesehen werden kann. Ebenso wie der Pfarrer des Turmhahns mit seinen Predigten zu kämpfen hat und bereits vor Ausfertigung des Applicatios, also des Hauptteils, zu Bett geht, hatte auch Mörike nie größere Ambitionen, reißerische Predigten zu entwerfen, sondern würzte die Andachten eher mit der ihm eigenen Mischung aus Humor und Verständnis. Die Vorliebe Mörikes für den Turmhahn, den er auch tatsächlich besaß, ist einerseits durch seine Sammelleidenschaft unterstützt worden, andererseits war der Dichter mit einer Vorliebe für Haustiere gesegnet, die ihn auch dazu veranlasste, mit seinem „Staar“ den Nachttopf zu teilen3.

Der Gegensatz zwischen Innen und Außen wird durch das Erleben des Hahns entschärft. Auch die Möglichkeit, dass ihm nachts sein Schicksal bewusst wird, kann durch seinen Ausspruch erst gar nicht zur Geltung kommen: „Im Finstern wär’ ich denn allein. / Das ist mir eben keine Pein.“ (Z. 178-179). Er redet sich vielmehr ein, von außen eindringende Geräusche wären eine Bedrohung und die ein Netz um seinen Hals legende Spinne eine nette Abwechslung, um sein Schattendasein zu legitimieren. Das seine von der Außenwelt abgeschottete Position allein schon traurig und das Spinnennetz ein Zeichen für seine Unbrauchbarkeit ist, verdrängt der Turmhahn. In der Außenwelt unter freiem Himmel seien eh nur „Spitzbuben aus auf Raub und Mord“ (Z. 195).

Nebenbei kommt allerdings etwas Traurigkeit über den schönen Garten draußen „Ein Wunsch im stillen…“ (Z. 264) und Neid gegenüber dem Schlittenhahn „Dann in der schönen Winterzeit…“ (Z. 270 ff.) auf. Doch es folgt die Selbstermahnung und Einredung des eigenen Glücks „- Narr! Denk’ ich wieder…“ (Z. 282). Dabei hilft der Ofen mit seiner didaktischen Wirkung. Zum einen spiegelt er die Kirche der Vergangenheit wider, zum anderen ist er mit christlichen Bildern der Entsagung geschmückt, die ebenfalls der Idyllisierung dienen.

Beide Innenräume wirken also geschlossen, beim Turmhahn wird sich sogar gegen die Sehnsucht nach Freiheit gesträubt. Dass Mörike auch die entgegengesetzte Perspektive einnehmen kann, beweist „auf dem Krankenbette“4. Ebenfalls ist beiden Gedichten gemein, dass die Außenwelt eine untergeordnete Rolle spielt. Wichtig ist allein das Objekt innerhalb des Innenraums, das mit seiner Hilfe auch erst wirklich zum Tragen kommt. Doch die Gegenstände leben nicht allein von der Umgebung, sie besitzen eine ihnen eigene Kraft, die nicht von äußeren Einflüssen bezogen werden muss. Sie wird im Folgenden betrachtet.

IV: Dingdichtung vs. Idylle?

Über die Einordnung des Gedichtes „Auf eine Lampe“ herrscht weitgehend Klarheit unter den Germanisten. Während die meisten Interpreten Werner von Nordheim in seiner Auffassung folgen, Mörike sei der Schöpfer der Dingdichtung und „Auf eine Lampe“ der Inbegriff einer solchen5, sieht z.B. Albrecht Holschuh in ihm eher ein Erlebnisgedicht6.

Nordheims Ansicht soll an dieser Stelle nicht in Frage gestellt werden, denn Mörikes Dichtung bedient sich vielfacher Elemente des Alltags, meist werden sowohl banale, als auch künstlerische Gebilde als Anlass zur Dichtung genommen. Matthias Luserke-Jaqui betont sogar, dass alle „Auf“-Gedichte Mörikes entweder Gelegenheits- oder Dingdichtungen seien7. Mit eben dieser hätte Mörike also auch einer neuen Form der Lyrik im deutschsprachigen Raum den Weg bereitet. Entscheidend bei dieser Herangehensweise sind zwei Punkte: Der betrachtete Gegenstand wirkt zentral und wird personifiziert. Vielmehr noch ist die Lampe losgelöst und wirkt einzigartig, weil der Bezug zum Menschen fehlt. Sie schwebt als einziger Gegenstand der Betrachtung in einem nicht näher erläuterten Raum und zieht die volle Aufmerksamkeit als ‚Ding’ auf sich.

Andererseits ist die Vorliebe Mörikes besonders für die griechische Dichtkunst unbestritten. Seine Vorliebe für deren Idylliker fand in der „Classischen Blumenlese“ (1840) und späteren Übersetzungsschriften ihren Ausdruck und viele weitere Werke sind dem Stil der Antike nachempfunden. So wohnt auch dem Lampen-Gedicht ein epigrammatischer Grundton inne, der sich am eigentlichen Sinn dieser Form orientiert, nämlich der Darstellung eines Gegenstandes. Unterstützung findet diese Herangehensweise im trimetrischen Versmaß, das ebenfalls der Antike entliehen und geringfügig einem offeneren Rhythmus angepasst wurde.

Aber gerade diese Rückbesinnung Mörikes auf antike Traditionen und Vorgaben ist charakteristisch für eben nicht bloß seine Dinggedichte, sondern für den Stil einer sehr viel größeren Anzahl seiner Werke. So ist auch beim Turmhahn nicht allein entscheidend, dass auch hier der Gegenstand für sich selbst steht, seine Symbolik schwer zu entschlüsseln und er allein das Entscheidende ist, sondern auch diesem Gedicht wohnt eine antike Grundlage inne. Allerdings sind es hier nicht die Form und Betrachtungsweise, die klassischen Mustern folgen, sondern lediglich der zweite Punkt: die Idyllendichtung. Ihren Ursprung findet diese bei Vergil und Theokrit. Letzterem widmete Mörike ja auch ein Gedicht und übersetzte viele von dessen Werken ins Deutsche. So wie Mörike Theokrit verehrte, studierte Johann Heinrich Voß Vergil. Er trug mit seiner Dichtung zur Entstehung eines neuen Idyllenstiles gegen Ende des 18. Jahrhunderts bei und kombinierte „bäuerliche Idylle“ und „bürgerliches Leben“8. Die antike Form der äußeren Naturerscheinungen wurde nun also vom bürgerlichen Alltag und häuslichem Innenraum übernommen. Allerdings unterstellen Kritiker dieser Neuerscheinung eine im Zuge der Französischen Revolution aufgekommene Abschottung des Bürgertums und eine Idealisierung traditioneller Werte gegenüber der bedrohlichen Modernität mit ihrem steten Wandel. Eben deshalb war Idyllendichtung beim zeitgenössischen Publikum so beliebt und ist heutzutage schwer nachzuempfinden.

„Der alte Turmhahn“ zählt zu den bekanntesten Idyllendichtungen Mörikes. Dieser verlieh seiner Vorliebe für idyllische Beschreibungen in gleichwertigen Gedichten Gestalt, womit diese Form der Dichtung einen aufschlussreichen Platz in Mörikes Werken einnimmt. Das populäre Gedicht des Turmhahns traf den Zeitgeist des bürgerlichen Strebens nach Beschaulichkeit. Über die Einordnung des Turmhahns in das Gebiet der biedermeierschen Idylle herrscht also kein Zweifel - schon weil das Gedicht bei seiner zweiten Veröffentlichung den von Mörike beigefügten Untertitel „Idylle“ erhielt. Das Gedicht bezieht sich also explizit auf die Idylle und braucht nicht allein wegen bestimmter Gattungsmuster dieser zugeordnet werden.

Per definitionem ist der Begriff Idylle z.B. von Renate Böschenstein erfasst worden: „Idylle beschreibt einen abgegrenzten Raum, in dem sich Grundformen menschlicher Existenz verwirklichen. Idylle setzt sich als autonome Welt in Form einer kleinen, von scheinhafter Handlung belebten epischen Schilderung ab“9. Die Schemata menschlicher Existenz werden also innerhalb eines poetischen Stilllebens als Momentaufnahme festgehalten. Dabei kann die Goethesche Idealvorstellung, dass dabei nämlich die menschlichen Lebenszustände von allem Schlechten, Lästigen und Unreinen abgesondert werden, nicht als Maßstab reiner Idylle gelten. Denn die Grundformen der menschlichen Existenz lassen sich nicht generell von allem Negativen trennen, das Gute kann ohne das Böse nicht als solches empfunden werden. Auch können z.B. soziale Konflikte in die Dichtung einfließen und dem Bestehenden ein erschreckendes, bzw. harmonisiertes Gegen- oder Vorbild entgegenstellen. Mit Letzterem befände sich die Idylle aber auch schon auf dem Weg zur Utopie. „Idyllen sind also von Anfang an nicht Ausdruck von, sondern Gegenbild zu bestehenden menschlichen Verhältnissen“10. Dementsprechend ist das Gedicht in der heutigen Rezeption nicht besonders attraktiv, da das zeitlos Heile einen Mangel an Interpretationsmöglichkeit im Vergleich zur heutigen Zeit aufwirft.

IV: a) Funktion des Objekts

Die Funktion der Lampe im gleichnamigen Gedicht zu interpretieren ist eine reizvolle Aufgabe, die bereits vor 55 Jahren zu der berühmten Kontroverse zwischen Emil Staiger und Martin Heidegger führte und dem Gedicht rezeptionshistorisch noch zusätzliche Bedeutung verlieh. Laut Staiger würde das „scheinen“ der Schlusszeile mit ‚videtur’ und damit ‚dem Anschein nach’ bedeuten, während Heidegger die Meinung vertritt, damit würde im eigentlichen Sinne ‚lucet’, also das wirkliche ‚leuchten’ gemeint sein. In der daraus entbrannten Diskussion bezog sich Heidegger auf die Hegelsche Ästhetik im Gedicht, die er mit biographischen Fakten unterlegte, dabei jedoch übersah, dass Mörike kein ausgewiesener Hegel-Anhänger war. Auf der anderen Seite sah es Haider als seine Pflicht an, die von ihm als wahr deklarierte Intention des Gedichtes mit einer philosophischen Verspieltheit Mörikes zu begründen11. Aus der Bedeutung des Wortes ‚scheinen’ entsprang nicht nur die Staiger-Heidegger-Kontroverse, sondern auch Leo Spitzer sah darin eher ein ‚prangen’, als den Schein an sich, während folgende Generationen von Interpreten (Schneider, Burckhardt, Guardini) ebenfalls eigene Ansätze heranzogen.

Die letzte Zeile von „Auf eine Lampe“ führt also zur viel diskutierten Frage nach der Autorintention, die nicht unbedingt mit der Textintention übereinstimmen muss. In den Gegenstand der Lampe und seine Umgebung lässt sich viel hineininterpretieren und diese Tatsache wurde vielfach genutzt - das Scheinen der Lampe ist allerdings zum berühmtesten Beispiel avanciert. Dabei wird von der Leuchtkraft der Lampe, die schließlich auch Indiz für ihre Funktionalität wäre, nicht ein Wort verloren. Eine Beschreibung möglicher Kerzen fehlt, wo doch alle anderen Bestandteile des als Gebrauchsgegenstand anzusehenden Objektes betrachtet werden.

Da wären zunächst die zierlichen Ketten, die eigentlich widersprüchlich zum schweren Marmor der Lampe geschildert werden. Wie ein schwebendes Gewicht ist die Lampe von der Schwerkraft erlöst und stellt ein ruhendes Gegengewicht zum aufgewühlten Innenleben des Erzählers dar. Denn die Lampe ist zudem noch in ihrer Fassung durch den Efeukranz gehalten, der mit seiner gold-grünen Färbung die in der Antike als heilig angesehene Pflanze des Apolls unterstreicht. Aus der von Rückbesinnung ausgehenden Deutung kann jedoch ebenso eine solche werden, die von der Vergänglichkeit des Objektes ausgeht. Denn diese Farbkombination kann genauso gut vom Alter gezeichnetes Kupfer darstellen. Der beim Spiel geschilderte Kinderreigen verleiht dem Gesamtbild abschließend eine vielleicht sogar heitere Note. Dieses Motiv hat viel mit dem Kamin des Turmhahnes zu tun.

Die Bildlichkeit des Gedichtes basiert auf dem engeren Verhältnis, dass die einzelnen geschilderten Teile der Lampe zueinander entwickeln. Der Assonanz aus „unverrückt“, „schöne“ und „schmückest“ in der ersten Zeile schließt sich die aus „zierlich“ und „hier“ in der zweiten an. Alle beziehen sich auf das statische Objekt an der Decke, dessen Funktionalität von seiner Schönheit übertönt wird. Auch die übrige Schilderung der Lampe erzeugt eine Spannung innerhalb des Gedichtes. Der ‚noch unverrückten’ Lampe steht das ‚fast vergessene Lustgemach’ gegenüber, in dem ihr Marmor nur von ‚leichten Ketten’ gehalten und dem ‚lachenden’ Gesamtbild der ‚sanfte Geist’ entgegengesetzt wird, wie auch das ‚Kunstgebild echter Art’ wenig Beachtung bekommt. Auch die Umgebung wurde als Grundlage für Spekulationen benutzt, die sie für eine versunkene Epoche deklarierten und der bald wohl zu verrückenden Lampe unterstellten, das erlöschende Licht der Aufklärung zu symbolisieren. Dabei sollte die Interpretation eines Gedichtes im idealen Fall aus sich selbst heraus erfolgen. Grundlegende Dinge, wie in diesem Fall biographische Parallelen und Vorlieben lassen sich allerdings nie ausblenden, ein Hintergrundwissen des Interpreten und die damit verbundene Gefahr der Überlastung des Stoffes sind immer gegeben. So hält es Moriz Enzinger nicht für reinen Zufall, dass sich anhand des Gedichtes erhebliche Analogien zu dem Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller über Herculaneum und Pompeji finden lassen, sowie der Schlussvers von „Auf eine Lampe“ auf Vers 7403 des „Faust II“ zurückzuführen sei12. Dafür spräche die Bewunderung Mörikes für Goethe und seine Tätigkeit als Herausgeber eines Bandes von Schillers Familienbriefen.

Während viele Interpreten bereits über den Standort des Lustgemachs nachdachten, obwohl sogar der Ort oder die Stadt nicht nachzuvollziehen sind, ist der rostige Turmhahn als authentisches Cleversulzbacher Inventarstück noch heute in Marbach am Neckar zu bewundern. Zu seiner Glanzzeit war er die Zierde des Dorfes, über den Köpfen der Menschen unten auf dem Kirch- und Marktplatz zeigte er die Windrichtung an, widerstand den Stürmen, Blitzen oder dem Regen und könnte sogar als Beschützer des Dorfes angesehen worden sein. Doch die Gemeinde legte anscheinend nicht nur Wert auf seine Funktionalität, sondern auch auf seine Repräsentationsfähigkeiten. Einzige Rettung vor dem Schmelzofen war der Pfarrer, in dessen trautem Heim der Hahn zu einer neuen Existenz erblüht.

Doch auch die Funktion des Pfarrers ist in Frage gestellt, indem er als karikaturistische Selbstreflexion Mörikes auf seine eigene Bequemlichkeit genutzt wird. In dieser Eigenschaft erfüllt der Prediger des Gedichtes fasst eine Vorbildfunktion für den Hahn, der vorgibt, sich immer wohler im gemütlichen Innenraum zu befinden. Er liebt das Private, Zurückgezogene, verfasst aber dennoch mit dem Gedicht einen öffentlichen Text - wie eben auch die Predigt ein solcher ist. Letzten Endes sind jedoch sowohl der Hahn, als auch sein Besitzer nur als Bewohner dieses Raumes geschildert, ohne dass noch einmal ein Blick nach außen geworfen wird.

Ob der Turmhahn nun für pietistische Theologen namens Hahn steht (von denen es mindestens drei gab), oder als kirchliches Motiv im Sinne des Petrushahnes fungiert, ist nicht mehr zu klären. Fest steht, dass es mit diesem Gedicht ein neues Element in der Darstellung der Idyllendichtung gibt: Der Hahn hat laut eigenen Angaben einen Prozess von sozialer Defunktionalisierung hin zu ästhetischer Refunktionalisierung hinter sich. „Der alte Turmhahn“ ist keine Umsetzung des typischen Gattungsmusters, sondern Darstellung des Schemas der Idylle und der Strategien von Idyllisierung.

Es erfolgt eine Umkehrung von außen nach innen, was sowohl den Standort, als auch die Einstellung des Hahns betrifft, sowie ein Funktionsverlust zugunsten einer neuen, anderen Funktionalität, die im nächsten Punkt dieser Arbeit behandelt wird.

IV: b) Ästhetisierung

Die Person, die die Lampe schildert, gibt uns keinen Hinweis darauf, dass sie mit dem Raum in einer Beziehung steht, schon einmal hier war, oder das Zimmer zum ersten Mal betritt. Das „noch unverrückte“ Erscheinungsbild und der „nun fast vergessene“ Raum müssen nicht unbedingt mit den Erinnerungen des Erzählers abgeglichen worden sein, um eine womöglich baldige Veränderung, die vielleicht abzusehen ist, anzukündigen. Allerdings schwebt über allem der Hauch von Melancholie, die ja hauptsächlich von der träumerischen Rückbesinnung lebt. Die bisher als Dialekt bezeichnete Formulierung „in ihm“ der Schlusszeile hat dabei eine allerdings aufschlussreichere Bedeutung. „Ihm“ wäre also ein Personalpronomen, beziehe sich laut Holschuh aber nun auf das „Ich“ und den Leser. Das Licht würde damit also für jemanden scheinen, vielleicht für Mörike, vielleicht auch für den Leser. Dies ist insofern wichtig, als dass die Lampe mit ihrem Erscheinungsbild entweder allein für sich steht, oder für jemanden „scheint“. Doch bei diesem Punkt sollten sich die Interpreten mehr am Titel des Gedichtes orientieren, die Lampe ist das Interessante. Ihre Leuchtkraft spielt dabei aber keine große Rolle, sondern ein anderer Punkt, nämlich ihre Ästhetik, bzw. Schönheit.

Die Lampe befindet sich auf schmalem Grat: Einerseits weckt sie die Aufmerksamkeit des Betrachters und kann vor allem mit ihrer Schönheit glänzen. Andererseits stellt der Erzähler ihre Beachtung in Frage. „Wer achtet sein?“ zeugt schließlich schon von Nichtigkeit und verblassender Erscheinungskraft. Doch unabhängig von ihrer eigenen Substanz lebt die Lampe auch von der Umgebung. Lustgemächer waren in großen Häusern gefragt, um vom Luxus und Kunstverständnis der Eigentümer zu zeugen. Innerhalb dieser Umwelt ist die Lampe noch zusätzlich Sinnbild des Geschlossenen aufgrund ihrer Form und, wenn man so will, Zeitlosigkeit.

Die letzte Zeile des Gedichtes ist besonders wegen des Streits um den ‚Schein’ bekannt. Aber die Bedeutung von ‚scheinen’ als ‚leuchten’ würde gerade den Zwiespalt aus Vergangenem und Gegenwart des Gedichtes verstärken.

Die autonome Ästhetik der Lampe ist zeitlos und unterliegt keinerlei normativen Einschränkungen. Gerade die Schönheit und nicht die Funktion wird bewundert - die Lampe wird defunktionalisiert. Allerdings ist sie, wie Jaqui bemerkt13, nicht funktionslos, um schön zu sein, sie ist vielmehr funktionsunabhängig. Schönheit besteht unabhängig von der Funktion des Objekts. Aber ist sie an sich schön, unabhängig vom Betrachter oder den Interpreten? Die von der Funktion losgelöste Lampe ist immer noch unserer ästhetischen Anschauung von Schönheit unterworfen. Mörikes Schilderung baut auf seiner subjektiven Einschätzung auf und hat den Vorteil, einziges Medium zwischen uns und der Lampe zu sein. Schönheit wirkt allerdings nicht nur durch den Betrachter, sondern kann, je nach Auslegung, erst zu einer solchen gemacht werden, oder von Anfang an für sich existieren. Letzteres ist wahrscheinlich auch die Kernaussage Mörikes: Die Schönheit „scheint“ eigenständig, besteht auch in den Schlussworten „in ihm selbst“.

Anders als die Lampe ist der Turmhahn kein autonomes Kunstgebilde, sondern wird vielmehr in Mörikes Idyllenlandschaft eingebettet. Diese Idylle ist Produkt Mörikes, zu der aber auch das Wissen um Vergänglichkeit gehört. Einerseits ist sie Dokument eines mentalitätshistorischen Prozesses im deutschen Bürgertum, der Geschichte regelrecht ästhetisierte, andererseits reflektiert diese Idylle die Vergänglichkeit in ihrer reinen Form, der Hahn ist z.B. immer noch ein Fremdkörper im Raum des Pfarrers.

Er überschreitet damit generell die Gattung der Idylle und demonstriert vielmehr einen Vorgang der Idyllissierung und Ästhetisierung. Alle ihn umgebenden Gegenstände werden genutzt, um ein harmonisches Innenleben zu erschaffen. Der Kamin hinter dem Turmhahn mit seiner didaktischen Funktion wird in einer gattungstypischen Ekphrase dargestellt. Auf ihm vereinigen sich die Geschichten menschlicher Hybris: die Geschichte vom Mäuseturm von Bingen, Belsazars und Saras Lachen.

Es werden also Altes Testament und volkstümliche Sage miteinander verbunden, um den Turmhahn stets an die Beschaulichkeit und Gemütlichkeit seines momentanen Standortes zu erinnern. Denn dieser Innenraum, in dem er sich befindet, ist seine eigentliche Reise. So wie die Sonnenstrahlen durch das Zimmer, wandert auch sein Blick nur einige Meter weit.

Dieses Wohlbefinden und Leben in der Vergangenheit drückt sich in den Knittelversen des Turmhahns aus, die die altertümliche Sprache des betagten Objekts widerspiegeln. Die „hundertunddreizehn Jahr“, die er auf dem Kirchenturm gestanden hat, lösen sich in der zeitlosen Welt der Pfarridylle auf. Hier kann er ein bestimmtes Bild von Zeit und Raum aufbauen, das deutlich idyllische Züge trägt. Hier können ihm keine Blitze etwas anhaben. Doch auch geputzt wird er nicht, weil dadurch sein Alter und damit sein „aufhebenswerter“ Charakter entstehen. Nahe Gegenstände des alltäglichen Lebens, die ihren Gebrauchswert verloren haben, werden in zeitliche Ferne gerückt. Wie auch der Turmhahn, werden bei Mörike andere Gegenstände oder Situationen aus ihrer realen Umgebung oder Historie herausgenommen, um sie in die Sphäre der Poetik zu heben.

V: Schluss:

Diese Arbeit sollte Parallelen bei der Beschreibung von Zeitlosigkeit am unscheinbaren Gegenstand einer Lampe und eines Turmhahns in den zwei gleichnamigen Gedichten aufzeigen, die bei weitem keine Einzelfälle für Mörike waren, wenn es darum ging, Alltägliches zu poetisieren. So zitiert Reiner Strunk die Grabrede Vischers, der Mörike zuschreibt, „aus Licht und Äther magische Fäden“ zu spinnen und mit ihnen die ganze Welt „zusammenzuschlingen“14. Das kurze Dinggedicht und die lange Cleversulzbacher Idylle haben beide das Objekt im Blickfeld. Doch während die Lampe beschrieben wird und der Turmhahn selbst beschreibt – ja die beiden Gedichte an sich in der Form der Darstellung wenig gemeinsam haben, so sind doch ihr Inhalt und die Mittel der Beschreibung sehr ähnlich. An und für sich sind sie selbstständige Gebilde, doch der Hauch Mörikes, der beiden innewohnt, lässt das verbindende Element erahnen: Die Liebe des Dichters zum alltäglichen Gegenstand, die sich auf unterschiedliche Weise in unterschiedlich strukturierten Gedichten in gleicher Detailverliebtheit und spielerischer Beobachtungsgabe manifestiert.

So sind beide Objekte Überbleibsel einer Vergangenheit, die beim Hahn sogar relativ genau datiert ist, bei der Lampe hingegen im nebulösen Unklaren bleibt. Ausgedrückt wird dieser Bezug zum Alter mit einerseits dem antiken Versmaß, andererseits den Knittelversen. Biographische Gemeinsamkeit ist beim Lampen-Gedicht der mögliche Bezug auf die Goetheschen und Schillerschen Reisen und beim Turmhahn die Rückbesinnung auf die Cleversulzbacher Zeit. Beide Bezüge bleiben von der Beschreibung jedoch explizit ausgeschlossen, die Umwelt spielt nur insofern eine wichtige Rolle, als dass sie die Aufmerksamkeit mehr auf das Objekt richtet. Erst in ihrer Umgebung können die beiden Gegenstände als wahre Kunstobjekte ihre Wirkung entfalten und als Einzelstück zum Zentrum der Betrachtung werden. Bei der Lampe trifft dies eher zu, beim Turmhahn gehen die Blicke zwar von ihm selbst aus, doch ist er, wie die Lampe, Mittelpunkt dieses Mikrokosmos’.

Ebenso sind sowohl Lampe als auch Turmhahn von ihrer Funktion entbunden. Der rostige Windrichtungsansager steht im geschützten Wohnzimmer, während bei der Lampe nicht einmal von funktionalen Kerzen die Rede ist. Beide sind ihrer Ästhetik wegen zum Gegenstand der Betrachtung avanciert, die sich zum großen Teil aus ihrem Alter ergibt. Bei der Lampe trifft zugegebenermaßen noch ein weiterer Punkt zu, der den Hahn nicht unmittelbar betrifft. Sie versinnbildlicht die Schönheit ihrer selbst und der davon ausgehenden Anmut. An dieser Stelle kann jedoch nicht geklärt werden, ob die Lampe das Schöne, oder nur ein Teil der Schönheit ist. Sie wird vom Betrachter jedenfalls mit diesem Attribut versehen, aber ob sie für ihn scheint, durch ihn für uns Leser scheint oder überhaupt für jemanden scheint bleibt Spekulation.

An diesem Punkt schieden sich schon in der Vergangenheit die Geister, einerseits wird dieser Punkt wohl nie kategorisch zu klären sein, andererseits: „Reichhaltige Interpretation heißt auch Anerkennung der Komplexität des Gedichtes“15.

Den Hahn hingegen machen sein Alter und sein angeschlagener Zustand erst zur Schönheit. Er kann als Parodie auf die Kunstästhetik gesehen werden, denn er ist objektiv betrachtet weder funktional, noch schön. Es ist der subjektive Eindruck, der ihn, wie auch die Lampe, zum Kunstobjekt erhebt und ihnen eine Funktion, genauer eine empfindsame Bedeutung gibt. Doch der angesprochene Eindruck dieses Objektes kann auch derjenige von Mörike selbst sein, dem die Antike sehr am Herzen lag und der womöglich auch Lessing gelesen haben wird. Dieser spricht in seinem Laokoon bereits davon, dass „bei den Alten die Schönheit das höchste Gesetz der bildenden Künste gewesen sei“16.

Es fallen weitere Parallelen auf: Die Lampe ist ebenso motivisch angelegt wie der Hahn, genauer gesagt dessen Umgebung. Alles strotzt nur so vor historischen Rückschauen und eingebetteter Melancholie. Doch gegenüber der statischen Lampe genießt der Hahn aufgrund seiner personifizierten Darstellung eine Losgelöstheit, die zumindest seinen Blicken gestattet, auf Reisen zu gehen. Allerdings hat er, ausgestattet mit einem Bewusstsein, auch mit dem Alter und seinem ausrangierten Äußeren zu kämpfen, an dem sich Spinnen ihr Nest bauen, während der geistlosen Lampe dies alles erspart bleibt und nur durch den Betrachter wiedergegeben wird. Insofern sind beide Gedichte, wie Holschuh zumindest auch von der Lampe behauptete, auf ihre Weise zwei unterschiedlich angelegte Erlebnisgedichte, in denen das Objekt die Hauptrolle innerhalb des häuslichen Raumes übernimmt.

VI: Literaturverzeichnis:

Primärquelle:

1 Göpfert, Herbert G. (Hrsg.): Eduard Mörike. Werke in einem Band, Carl Hanser Verlag, München 2004, S. 999

Sekundärliteratur:

Böhn, Andreas: Die Sonne im Dintenfaß sich spiegeln will. Idylle und Geschichte in Mörikes „Der alte Turmhahn, in: Wild, Reiner (Hrsg.): Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüthe offen. Neue Studien zum Werk Eduard Mörikes, Röhrig Universitätsverlag 1997

Böschenstein-Schäfer, Renate: Idylle, Metzler, Stuttgart 1977

Enzinger, Moriz: Mörikes Gedicht „Auf eine Lampe“, Kommissionsverlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1965

Erdmann, Gustav (Hrsg.): Der alte Turmhahn und andere Idyllen von Eduard Mörike, Union Verlag, Berlin 1972

Holschuh, Albrecht: Wem leuchtet Mörikes „Lampe“?, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 110, Berlin 1991

Lessing, G. E. : Laokoon, Reclam Verlag, Stuttgart 2001

Luserke-Jaqui, Matthias: Eduard Mörike. Ein Kommentar, Francke Verlag, Tübingen 2004

Schlaffer, Heinz & Mende, Dirk (Hrsg.): Friedrich Theodor Vischer, Marbacher Magazin, Marbach am Neckar 1987

Staiger, Emil: Ein Briefwechsel mit Martin Heidegger, in: Doerksen, Victor Gerard (Hrsg.): Eduard Mörike, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1975

Strunk, Reiner: Eduard Mörike, Pfarrer und Poet, Calwer Verlag, Stuttgart 2004

Von Nordheim, Werner: Die Dingdichtung Eduard Mörikes, in: Euphorion 50, Carl Winter Verlag 1956

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1 Göpfert, Herbert G. (Hrsg.): Eduard Mörike. Werke in einem Band, Carl Hanser Verlag, München 2004, S. 999

2 Luserke-Jaqui, Matthias: Eduard Mörike. Ein Kommentar, Francke Verlag, Tübingen 2004, S. 128

3 Brief Mörikes vom 4.2.1832, in: Schlaffer, Heinz & Mende, Dirk (Hrsg.): Friedrich Theodor Vischer, Marbacher Magazin, Marbach am Neckar 1987, S. 22

4 Auf dem Krankenbette (1837) Gleichwie ein Vogel am Fenster vorbei mit sonnebeglänztem Flügel den blitzenden Schein wirft in ein schattig Gemach, Also, mitten im Gram um verlorene Jahre des Siechbetts, Überraschet und weckt leuchtende Hoffnung mich oft. Aus: Göpfert, Herbert G. (Hrsg.): Eduard Mörike. Werke in einem Band, Carl Hanser Verlag, München 2004, S.79

5 vgl. von Nordheim, Werner: Die Dingdichtung Eduard Mörikes, in: Euphorion 50, Carl Winter Verlag 1956, S. 73

6 vgl. Holschuh, Albrecht: Wem leuchtet Mörikes „Lampe“?, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 110, Berlin 1991, S. 577

7 Luserke-Jaqui, Matthias: Eduard Mörike. Ein Kommentar, Francke Verlag, Tübingen 2004, S. 69

8 Erdmann, Gustav (Hrsg.): Der alte Turmhahn und andere Idyllen von Eduard Mörike, Union Verlag, Berlin 1972, S. 102

9 Böschenstein-Schäfer, Renate: Idylle, Metzler, Stuttgart 1977, S. 13

10 Böhn, Andreas: Die Sonne im Dintenfaß sich spiegeln will. Idylle und Geschichte in Mörikes „Der alte Turmhahn, in: Wild, Reiner (Hrsg.): Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüthe offen. Neue Studien zum Werk Eduard Mörikes, Röhrig Universitätsverlag 1997, S. 133-148

11 Vgl. Staiger, Emil: Ein Briefwechsel mit Martin Heidegger, in: Doerksen, Victor Gerard (Hrsg.): Eduard Mörike, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1975, S. 243ff.

12 Enzinger, Moriz: Mörikes Gedicht „Auf eine Lampe“, Kommissionsverlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1965, S. 42-43

13 Luserke-Jaqui, Matthias: Eduard Mörike. Ein Kommentar, Francke Verlag, Tübingen 2004, S. 80

14 Strunk, Reiner: Eduard Mörike, Pfarrer und Poet, Calwer Verlag, Stuttgart 2004, S. 193

15 Luserke-Jaqui, Matthias: Eduard Mörike. Ein Kommentar, Francke Verlag, Tübingen 2004, S. 73

16 und im Folgenden: „Und dieses festgesetzt, folget notwendig, daß alles andere, worauf sich die bildenden Künste zugleich mit erstrecken können, wenn es sich mit der Schönheit nicht verträgt, ihr gänzlich weichen, und wenn es sich mit ihr verträgt, ihr wenigstens untergeordnet sein müssen“ - Lessing, G. E. : Laokoon, Reclam Verlag, Stuttgart 2001, S. 16

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Details

Titel
Untersuchungen zu Mörikes „Der alte Turmhahn“ und „Auf eine Lampe“
Hochschule
Technische Universität Berlin
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V111167
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untersuchungen, Mörikes, Turmhahn“, Lampe“
Arbeit zitieren
Dr. G. (Autor), 2006, Untersuchungen zu Mörikes „Der alte Turmhahn“ und „Auf eine Lampe“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111167

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