Vorbeugen oder Reagieren? Zeitgeschichtliche Entwicklungen des institutionellen Umgang mit dem Phänomen Klimawandel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
22 Seiten, Note: 2,0

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Inhalt

1. Einleitung.

2. Eine neue Warmphase seit 1950?
2.1. Was bedeutet globale Erwärmung?
2.2. Wie macht sich die Erwärmung in Deutschland bemerkbar?

3. Neue Herausforderungen: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft leben mit dem Wandel
3.1. Exkurs: Der Hitzesommer 2003
3.2. Reaktionen
3.3. Die Ursprünge der deutschen Umweltpolitik
3.4. Klima macht Politik I: Von der Konferenz zur Enquete-Kommision
3.5. Klima macht Politik II: Von Kioto zum Emmisionsrechtehandel
3.6. Zusammenfassung.
3.7. Exkurs: Sturm Lothar 1999
3.8. Reaktionen
3.9. Versicherungen: Ein neues Klima braucht neue Strategien

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Quellen und Literatur
5.1. Literatur
5.2. Quellen
5.3. Internetressourcen

1.Einleitung

Der vierte Sachstandsbericht des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen der Vereinten Nationen (im Folgenden „IPCC“ genannt) vom 2. Febuar 2007 sorgte international für Aufsehen. Der Bericht skizziert in, auf internationaler politischer Ebene selten so drastisch formulierten Worten, den aktuellen wissenschaftlichen Konsens zu den erwarteten Folgen des weltweiten „Klimawandels“. Dennoch markiert er nur das vorläufige Ende einer Entwicklung, die der Mensch seit Mitte des letzten Jahrhunderts zu spüren bekommt: Erst seit frühestens den 50er- Jahren, eher den 1970er Jahrem zeigen die anthropogenen Einflüsse auf das Klima ihre Auswirkungen so deutlich, dass der Mensch sie als selbstgemachte Anzeichen von Klimaveränderungen wahrnimmt. Aber bereits seit der Zeit der Industrialisierung war und ist der anthropogene CO2-Ausstoß in die Atmosphäre drastisch erhöht.

Erst in der Nachkriegszeit entstanden neue wissenschaftliche Methoden und neue Theorien, um überhaupt den Mensch als möglichen Verursacher einer Klimaveränderung wahrzunehmen. Und nur mit der Entwicklung des „Umweltgedankens“ auf gesellschaftlicher und von Umweltpolitik auf politischer Ebene war es möglich, dass das Klima wie kaum ein anderes Wissenschaftsthema die Öffentlichkeit beschäftigt. Erst seither erkennt und bekämpft man diese Entwlickung oder man stellt sich zumindest darauf ein.

Diese Ausarbeitung nimmt die aktuellen Ereignisse und Publikationen zum Anlaß, um die Auseinandersetzung politischer und wirtschaftlicher Institutionen im deutschsprachigen Raum mit dem Phänomen der globalen Klimaerwärmung näher zu betrachten. Grundannahme ist hierbei, dass diese bereits eingetreten ist, und Staat, Wirtschaft und Politik neben der Vorsorge einer weiteren Verschärfung zunehmend den Umgang mit dem Phänomen erlernen müssen. Zum besseren Verständnis wird zunächst die Klimaentwicklung von 1950 bis heute skizziert und die wesentlichen Faktoren des Wandels herausgearbeitet. Klimaprognosen der nächsten 100 Jahre schließen diesen Teil ab. Erst im Kapitel drei, dem Hauptteil, soll dann anhand zweier Exkurse beispielhaft in den institutionellen Umgang mit dem Klimawandel eingeführt werden. Ein Rückblick auf den sogenannten Hitzesommer 2003 und die darauf folgende Schadensbewältigung wird den Einstieg zur Geschichte des staatlichen Klimaschutzes legen. Dabei soll sowohl auf vergangene Entwicklungen als auch auf die Herausforderungen in der Zukunft eingegangen werden – nicht ohne einen Blick auf die internationalen Zusammenhänge der Klimapolitik zu werfen. Der schwere Orkan Lothar aus dem Jahr 1999 wird dann in den Umgang von Versicherungen als Beispiel wirtschaftlicher Institutionen mit Klimaereignissen einführen. Mit Einblicken in ihre neuen Strategien zur Deckung von Schäden durch klimatische Naturkatastrophen schließt der Hauptteil dieser Arbeit.

Die Schlußbetrachtungen gehen neben einer Zusammenfassung auf die Verbindung aktueller Entwicklungen mit dem Forschungsbeitrag der Environmental History ein.

Die verwendete Literatur enthält neben Studien des IPCC, des Umweltbundesamtes und Monographien von Umwelthistorikern und Klimatologen auch zahlreiche Publikationen der Münchner Rückversicherung. Diese geben zwar einerseits detailliert Auskunft über Trends und erwartete Schäden, es ist aber davon auszugehen, dass diese Schriften nicht frei sind von subjektiven Einschätzungen im Sinne des Unternehmens. Deshalb ist bei der Analyse dieser Aussagen besondere Vorsicht angebracht. Im Text wird gegebenenfalls darauf hingewiesen.

2. Eine neue Warmphase seit 1950?

2.1. Was bedeutet globale Erwärmung?

Klimaveränderungen sind erdgeschichtlich nichts Neues sondern waren zu allen Erdzeitaltern die Regel. Doch die Klimaepoche seit der Nachkriegszeit ist zumindest im Vergleich zu den letzten 1300 Jahren als außergewöhnlich warm anzusehen. So heißt es in der Zusammenfassung des bereits erwähnten IPCC-Berichts für politische Entscheidungsträger:

„Paleoclimate information supports the interpretation that the warmth of the last half century is unusual in at least the previous 1300 years“[1]

Für diese Arbeit spielt dabei der anthropogene Einfluss auf das Klima die wesentliche Rolle, wenn immer von Klimawandel oder Klimaveränderungen die Rede ist. In diesem Kapitel werden die einzelnen Faktoren dieser Erwärmung kurz eingeführt. Doch das Ergebnis steht jetzt schon fest: Der Mensch ist die treibende Kraft der Klimaerwärmung, weit bedeutsamer als die ebenfalls vorhandenen natürlichen Faktoren. Der IPCC vermerkt dazu mit Vermerk auf die sehr hohe Zuverlässigkeit ihrer Erkenntnisse:

„The understanding of anthropogenic warming and cooling influences on climate has improved since the Third Assessment Report (TAR), leading to very high confidence that the globally averaged net effect of human activities since 1750 has been one of warming,[...].“[2]

Im Folgenden wird nun erläutert, in welchem Umfang diese Erwärmung stattfindet und welche weitere Entwicklung zu erwarten ist. Ohne diese grundlegenden Entwicklungen zu kennen, ist das Handeln politischer und wirtschaftlicher Institutionen schließlich nur schwer nachvollziehbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Phase der Erwärmung: Seit dem Ende der kleinen Eiszeit um 1760 gab es zwei Phasen über den langjährigen Mittelwerten. Die Aktuelle zeigt weiter steigende Temperaturen. Quelle: Glaser, Rüdiger: Klimageschichte Mitteleuropas. 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen. Darmstadt 2001. S. 47.

2.2. Wie macht sich die Erwärmung in Deutschland bemerkbar?

Betrachtet man die Temperaturentwicklung seit dem Jahr 1500 (Abbildung 1) fällt die moderne Klimaerwärmung nicht sofort ins Auge[3]. Deutlich wird aber, dass der Planet sich derzeit in einer Warmphase befindet, mit einem deutlichen Temperaturtrend nach oben. Es gibt Signalzeichen, dass sich die Erwärmung im letzten Jahrhundert ungewöhnlich zu den vorhergehenden Jahren verhält. So hat sich das Klima im Untersuchungsgebiet Deutschland im 20. Jahrhundert um rund 0,8 Grad Celsius[4] im Jahresschnitt erwärmt. Besonders signifikant ist dies in den 90er Jahren zu spüren gewesen. Diese gelten als das wärmste Jahrzehnt seit rund 500 Jahren[5] und warteten mit einer ganzen Reihe an Temperaturrekorden auf. Das Jahr 1998 galt global als wärmstes Jahr bis es vom Jahr 2005 abgelöst wurde – mit fast vollständiger Sicherheit gilt dies wiederum für die letzten 500 Jahre, mit großer Wahrscheinlichkeit auch für die letzten 1000 Jahre. Der Hitzesommer des Jahres 2003 (siehe Kapitel 3.1) kann daneben als Extremereignis eingeordnet werden. Statistisch treten derartige Sommer nun im Mittel alle 455 statt bisher alle 10000 Jahre auf[6], weiterhin ein seltenes Ereignis. Die Möglichkeit extremer Überschwemmungsereignisse hat sich von den 60er- Jahren zum letzten Jahrzehnt verdoppelt bis verdreifacht[7]. Über die Zunahme schwerer Stürme und Orkane, wie im Beispiel des Sturm Lothar (Kapitel 3.7), gibt es noch keine hunderprozentigen Belege. Die Münchner Rückversicherung drückt sich einer Studie dazu noch sehr vorsichtig aus und formuliert:

„Eine Zunahme der Sturmfrequenz gilt nicht als erwiesen, wird aber „für möglich gehalten“.“[8]

Dazu kommen aber nachweisbare andere Fakten. Belegt ist ein Anstieg des troposphärischen, und die Abnahme des stratosphärischen Ozons seit 1970. Die Anzahl heißer Tage über 25°C nimmt seit 1950 zu, die kalter Tage unter 0°C nimmt deutlich ab[9]. Gletscher der Alpen haben seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1975 rund 50 Prozent an Volumen verloren[10], die arktischen Eismassen haben seit Mitte des Jahrhunderts ebenfalls um 10-15 Prozent abgebaut. Erstaunlich ist auch die rezente Niederschlagsentwicklung in Deutschland. Untere Grenzen werden laut einer Studie des Umweltbundesamts mittlerweile weit weniger unterschritten als obere. Das bedeutet das extreme Trockenheit seltener geworden ist[11]. Erhöhte Niederschlagsmengen fallen jetzt vor allem in den Wintermonaten und treten neben mit erhöhter Variabilität, sozusagen in unregelmäßigen Starkregenepisoden auf.

Diese Symptome, viele davon Folgen eines allgemeinen Temperaturanstiegs haben im wesentlichen eine große Ursache. Es ist, laut wissenschaftlichem Konsens, das Treibhausgas CO2. Seine Konzentration liegt derzeit bei rund 380 ppm (parts per million) und ist damit rund 100 ppm über dem für Warmzeiten typischen Wert von rund 280 ppm[12]. Im wissenschaftlichen Konsens gilt das CO2 als das wichtigste Treibhausgas und der Mensch seit der Zeit der Industrialisierung als sein wichtigster Erzeuger. So heißt es in einem Beitrag von Stefan Rahmsdorf für die Münchner Rückversicherung über allgemein gesicherte Kernaussagen der Klimaforschung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der globale Anstieg des CO2-Gehalts der Atmosphäre lässt sich auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückführen. Deutlich ist der Kurvenknick nach dem zweiten Weltkrieg. Quelle: (IPCC): Climate Change 2007. S.3.

„Der überwiegende Teil dieser Erwärmung ist auf die gestiegene Konzentration von CO2 und anderen anthropogenen Gasen zurückzuführen; ein kleinerer Teil auf natürliche Ursachen, u.a. Schwankungen der Sonnenaktivität.“[13]

Noch sind die Zusammenhänge zwischen klimatischen Extremereignissen und der Temperaturerhöhung durch den vermehrten Treibhauseffekt nicht restlos geklärt. Dennoch gelten die Zukunftsprognosen der Klimaentwicklung makroskopisch als wissenschaftlich gesichert.

Zu den erwarteten regionalen Klimaveränderungen in Deutschland hat das Umweltbundesamt im Januar 2007 eine regionalisierte Studie herausgegeben[14]. Die Analyse basiert auf dem regionalen Klimamodell WETTREG und errechnet für die Jahre 2071 bis 2100 auf der Basis von verschiedenen CO2-Emmisionsszenarien eine weitere Temperaturerhöhung um 1,8 bis 2,3 Grad Celsius gegenüber dem bekannten Referenzzeitraum 1961-1990. Der mittlere Sommerniederschlag wird sich demnach um rund 20 Prozent verringern. Dafür werden in den Winterhalbjahren 20 bis 30 Prozent mehr Niederschläge erwartet. Über die künftige Zunahme von Extremereignissen macht das Modell keine Aussage. Die Münchner Rückversicherung, als Rückversicherer von Schäden in diesem Falle besonders betroffen, rechnet aber auf jeden Fall mit einem allgemeinen Anstieg der versicherten Schäden.

3.Neue Herausforderungen: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft leben mit dem Wandel

Dieses Kapitel bildet den Hauptteil dieser Arbeit und setzt sich im Wesentlichen mit den Reaktionen der Gesellschaft auf aktuelle und erwartete Klimaänderungen auseinander. Nachdem im zweiten Kapitel die Eckdaten der rezenten Klimaentwicklung eingeführt wurden, können jetzt aus ausgewählten Beispielen Handlungsweisen und Planungen abgeleitet werden. Die Kapitel werden zunächst rein deskriptiv Maßnahmen auf Klimaänderungen beschreiben und später gesondert auf den Erfolg dieser eingehen.

3.1. Exkurs: Der Hitzesommer 2003

3,4 Grad Celsius lag die mittlere Temperatur im Sommer 2003 über dem Durchschnittswert der Jahre 1961-1990[15]. Ein Extremsommer, der so in den letzten 500-1000 Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vorgekommen war. Neben den nackten Zahlen war aber auch die räumliche Dimension dieses Sommers bemerkenswert, denn die Hitzewelle blieb nicht auf wenige Länder beschränkt, sondern war nahezu in ganz Europa spürbar. Wie zu erwarten waren die Temperaturabweichungen in den Mittelmeerländern am Größten, doch selbst in Skandinavien lagen die Temperaturen bis zu zwei Grad über dem langjährigen Mittel (Abbildung 3). Hinzu kommt, das die Hitzewelle nicht nur den meteorologischen Sommer prägte, sondern im Jahr 2003 auch die Monate Mai und September übermäßig warm waren[16].

[...]


[1] Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Climate Change 2007: The Physical Science Basis. Summary for Policymakers. Genf/Paris 2007. S. 10.

[2] Ebd. S. 5.

[3] Viele Publikationen verwenden zur Illustration einer Klimaerwärmung den Referenzzeitraum 1961-1990. In diesen Darstellungen (z.B. bei Schönwiese 2002) wirkt der Temperaturanstieg wesentlich drastischer. Die hier verwendete Grafik ist aus wissenschaftlicher Sicht aber objektiver da sie auf einen längeren Referenzzeitraum Bezug nimmt. Ohnehin sind die Auswirkungen der Erwärmung von ihrer Darstellung unbeeinflusst. Der Mensch muss den Umgang mit dem Wandel erlernen, ganz gleich ob dieser nun „gewöhnlich“ oder „außergewöhnlich“ zu sein scheint.

[4] Umweltbundesamt (2005): S. 3.

[5] Vgl. Münchner Rück (2005): S.77.

[6] Vgl. Umweltbundesamt (2005): S.5.

[7] Vgl. ebd. S.1.

[8] Münchner Rück (2001): S. 66.

[9] Vgl. Landesforstverwaltung 2004 XXX

[10] Vgl. Hauser, Walter (Hrsg): Klima. Das Experiment mit dem Planeten Erde. München 2003. S.210.

[11] Vgl. Umweltbundesamt (2005): S.4.

[12] Vgl. Münchner Rück (2005): S.77.

[13] Vgl. Münchner Rück (2005): S.77.

[14] Vgl. Umweltbundesamt (2007): S.3.

[15] Vgl. Hinweis bei Fußnote 4.

[16] Vgl. Münchner Rück (2004): Jahresrückblick. S.23.

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Details

Titel
Vorbeugen oder Reagieren? Zeitgeschichtliche Entwicklungen des institutionellen Umgang mit dem Phänomen Klimawandel
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für physische Geographie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Environmental History
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V111200
Dateigröße
768 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vorbeugen, Reagieren, Zeitgeschichtliche, Entwicklungen, Umgang, Phänomen, Klimawandel, Hauptseminar, Environmental, History
Arbeit zitieren
Hagen Schönherr (Autor), 2006, Vorbeugen oder Reagieren? Zeitgeschichtliche Entwicklungen des institutionellen Umgang mit dem Phänomen Klimawandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111200

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