Die Darstellung des Alters in Tanja Dückers Kurzgeschichte „Lux Aeterna“


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1,0


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Inhalt

Einführung

I. Das Altenheim als literarisches Raummotiv

II. Frau Sieben – Leben im Alter ohne Kurzzeitgedächtnis
Die Bedeutung des Kurzzeitgedächtnisses
Langzeiterinnerung versus Kurzzeiterinnerung

III. Herr Hazatérés – Leben im Alter mit Erinnerung
Die Bedeutung der Erinnerung
Der aktive Senior

IV. Die Sprachsensibilität in „Lux Aeterna“
Schluss
Literaturverzeichnis

Einführung

In dieser wissenschaftlichen Arbeit gehe ich der Frage nach, wie das Alter in Tanja Dückers Kurzgeschichte „Lux Aeterna“ (in: Café Brazil. Berlin 2002) dargestellt wird. Dabei werde ich das gewählte Raummotiv Altenheim und die beiden agierenden Hauptfiguren untersuchen. Der aktuelle Altersdiskurs und der soziale Kontext werden bei der Bearbeitung berücksichtigt, wobei mir das Buch „Das Alter würdigen“ von Gerd Göckenjan eine Orientierung außerhalb der reinen Textanalyse gibt. Darüber hinaus werde ich noch einige psychologische Fachbücher zu Rate ziehen. Den Abschluss bildet eine kurze Analyse der Sprachsensibilität bezüglich des Altersbegriffs.

I. Das Altenheim als literarisches Raummotiv

In Tanja Dückers Kurzgeschichte „Lux Aeterna“ wird ein Altenheim als Raummotiv gewählt, da es ein optimaler Austragungsort für Erinnerungen und Rückblicke ist. Die Menschen im Altenheim verbringen gemeinsam ihren letzten Lebensabschnitt, obwohl ihre körperlichen und geistigen Zustände oft sehr verschieden sind. Was die Gemeinschaft verbindet sind ein hohes Alter, Unselbstständigkeit und Einsamkeit. Von der aktiven Gesellschaft ausgegrenzt leben die Bewohner ortsgebunden und unflexibel.

„Lux Aeterna“ beschreibt an einigen Stellen den Raum Altenheim, wo sich zwei Bewohner, Frau Sieben und Herr Hazatérés, begegnen und für ein weites Feld der Erinnerungsthematik sorgen. „Die Überführung, die Haus 6 mit Haus 5 verbindet“ (LA, S.170), vermittelt den Eindruck einer größeren Anlage, sie steht für Verbindung, Zusammenhalt und als Seufzerbrücke auch für die Kommunikationsbeziehung zwischen Frau Sieben und Herrn Hazatérés. Die von Karstadt organisierte Modenschau, bei der die alten Menschen „die Moden für Ältere selber vorführen“ (LA, S.170) können, spricht ebenfalls für ein großes Altenheim. Tanja Dückers zeigt mit der Beschreibung ihres Raummotivs, neben der Größe und systematischen Organisation, auch die Einbindung der alten Menschen in die Konsumgesellschaft. So wird bei der Modenschau ein roter Bademantel vorgeführt, wobei die Farbe Rot im Verlauf der Geschichte als zentrales Motiv für Lebensenergie und Kraft fungiert. Bei Göckenjan heißt es in Bezug auf den Gestaltungsbedarf im Alter:

Jeder ist so alt, wie er sich fühlt, oder wie sie ihren Auftritt zu inszenieren in der Lage ist. Und es ist in einem historisch einmalig breiten sozialen Korridor völlig gleichgültig, wie sich die Alten deuten, welchen Sinn sie für ihre Lebensphase entdecken oder welche Lebenszwecke sie sich von der Meinungsindustrie aufdrängen lassen wollen.1

Frau Sieben hat Angst vor einem Sturz auf der Bühne und kann ihren Auftritt somit nicht inszenieren. Frau Terz hingegen zeigt auf der Bühne ihre Freude am Auftritt. „Sie führte einen roten Bademantel vor und lachte dabei von der Balustrade herab.“ (LA, S.170) Die beiden Hauptcharaktere akzeptieren die neue Mode nicht bedingungslos und sprechen ihre Meinung aus. In diesem Kontext steht das rote kraftvolle Material dem alten schwachen Menschen gegenüber und wird nicht als Sinngebung anerkannt, sondern als „albern“ (LA, S.170) befunden.

Frau Sieben und Herr Hazatérés sprechen dreimal die Woche „an dem weißen Tisch mit dem Plastikrosenstrauß auf der Seufzerbrücke miteinander.“ (LA, S.170) Die räumliche Umgebung wirkt steril und künstlich, die knappe Beschreibung orientiert sich an Klischees und vermittelt eine kühle Atmosphäre mit artifizieller und unvergänglicher Schönheit. Es wird durch die Umgebung ein Kontrast zu den alten Menschen geschaffen, der die letzte Lebensphase verdeutlicht, und das Altenheim unnatürlich und unsympathisch erscheinen lässt.

An anderer Stelle wird der Raum direkt mit der Erinnerungsthematik in Verbindung gebracht. „Ich werde Ihnen weiter für einen Moment meine Geschichten vor den verblichenen Fotos des Bremer Doms, den Aquarellen der Stadtmusikanten aufleuchten lassen, um dann noch stärker zu verbleichen als diese.“ (LA, S.179) Die Bleichheit der Bilder im Altenheim erinnert Herrn Hazatérés an die Bleiche seiner visuellen Erinnerungen, die er am liebsten nach den vorgetragenen Monologen ganz auslöschen würde.

Kennen gelernt haben sich die beiden auf der Modenschau, und daraufhin werden die regelmäßigen Treffen auf der Seufzerbrücke organisiert. Der Unselbstständigkeit bei der Lebensgestaltung ist sich Frau Sieben, die an einer Altersdemenz leidet, bewusst. Besonders deutlich zeigt sich dieser Aspekt an folgender Stelle:

Wie schön, daß Sie so pünktlich sind, Sie sind eine richtige Preußin, wissen Sie das? Schütteln Sie nicht den Kopf, ich weiß schon, daß die Pflegerin Sie just hierher gebracht hat, aber Ihrer Herkunft nach sind Sie Offizierstochter und waren früher bestimmt immer zur Stelle, nicht wahr? (LA, S.179)

Herr Hazatérés lockert über eine Erinnerung die gegenwärtige Alterssituation auf. Bei Göckenjan ist Erinnerungsarbeit ein wesentlicher Bestandteil der Alterswürdigung.2 Als Herr Hazatérés den Ratschlag erteilt, Frau Siebens Gedächtnis müsse kein Museum mehr werden, und nur die Gegenwart ist denkbar wichtig (LA, S.178), nimmt er Rücksicht auf ihre Krankheit und zeigt Respekt vor ihrer Person.

Anders ist es mit der jüngeren Generation in „Lux Aeterna“, sie wird aus der subjektiven Innensicht von Frau Sieben als rücksichtslos und ignorant dargestellt. Ihre Enkel bleiben nur kurze Zeit oder machen ihr Vorschriften. (LA, S.170) Auf den Wunsch, wieder in ihre Wohnung zu wollen, wird nicht reagiert. (LA, S.181) Sie ist entmündigt und fühlt sich in dieser Rolle unwohl. Laut Göckenjan muss die Weisheit bei den Jüngeren liegen, „die die Mängel des Alters nachzusehen haben“.3 Diese Nachsicht ist bei „Lux Aeterna“ aus der Sicht der alten dementen Frau nicht vorhanden: „Warum ist Frau Peil wieder nicht zufrieden mit mir?“ (LA, S.181)

Während für Frau Sieben das Altenheim einen unangenehmen und fremden Ort darstellt, „Nichts ist hier wie zu Hause“ (LA, S.181), hat der Leser den Eindruck, Herr Hazatérés ist zu sehr mit seiner Vergangenheit beschäftigt, als dass er sich um die Umgebung kümmern kann. Beide teilen aber ein Gefühl der Sehnsucht, die sich auf etwas anderes richtet als den Komplex Altenheim. „Doch ich stehe oft wie Sie, Frau Sieben, an meinem Fenster und schaue nach draußen…“ (LA, S.181)

II. Frau Sieben – Leben im Alter ohne Kurzzeitgedächtnis

Die Bedeutung des Kurzzeitgedächtnisses

Frau Sieben leidet offensichtlich unter Altersdemenz und kann kurz Zurückliegendes nicht erinnern. Bei fast allen gegenwärtigen Situationen ist sie verwirrt und fühlt sich unsicher. Sie erinnert nicht den Namen ihrer Enkelin, verwechselt Frühstück mit Mittagessen und weiß nicht genau, ob morgen Weihnachten ist. (LA, S.170) Dieser Problematik ist sich Frau Sieben bewusst: „Es ist nun einmal so, daß ich mich an alles erinnere, was lange zurückliegt, […], nur wie ich den Fernseher anstelle oder wo mein Briefkasten ist, behalte ich nicht mehr.“ (LA, S.171) Ein Zustand der Altersnot wird aus der subjektiven Innensicht von Frau Sieben erklärt und dargestellt, gelegentlich auch durch Kommentare von Herrn Hazatérés ergänzt: „Der Name Josef wird Ihnen außer dem biblischen nichts mehr sagen, […]“. (LA, S.179)

Frau Sieben ist, eben auch durch ihre Krankheit bedingt, depressiv und verliert jeglichen Zukunftsbezug. „Ich sehne mich nach Katinka und Immanuel, denen ich früher, als ich das noch konnte, Frotteeschlafanzüge genäht habe.“ (LA, S.178) Entscheidend ist hier die gewählte grammatikalische Form. Die Formulierung: „als ich das noch konnte“ impliziert, neben der idealisierten Vergangenheit und der beklagten Gegenwart, auch das Wissen, dass sich der Zustand nicht mehr ändern wird.4 Einen Ansatz einer Rekonstruktion der Gegenwart für die Zukunft in Form von Notizen versucht Frau Sieben, wenn sie sich die Namen ihrer Tischnachbarn aufschreibt. (LA, S.171)

Ohne Kurzzeitgedächtnis ist ein normales, unbeschwertes Leben nicht mehr möglich. „Lux Aeterna“ bringt diesen Aspekt weitgehend introspektiv zum Ausdruck, was dem Leser einen psychologischen Einblick in die kranke Person gewährt und die Bedeutung des Kurzzeitgedächtnisses auf einfühlsame Weise vermittelt.

Langzeiterinnerung versus Kurzzeiterinnerung

Frau Sieben ist noch in der Lage, länger Zurückliegendes zu erinnern. Anders als Herr Hazatérés, dessen Kurzzeitgedächtnis noch intakt ist, verknüpft sie die alten Erinnerungen immer mit gegenwärtigen Erscheinungen. So sind die dunklen Augen von Herrn Hazatérés Auslöser für die Erinnerung an ihren Mann, „der da draußen im Osten sein Bein verlor und den […][Frau Sieben; B.P.] alleine im Winter durch halb Europa geschleppt habe. […] Aber dafür kann Herr Hazatérés nichts.“ (LA, S.171) Auslöser und Reflexion vor bzw. nach der Erinnerung beziehen sich auf die Gegenwart.

An einer anderen Stelle ruft eine verfälschte Kurzzeiterinnerung eine Langzeiterinnerung auf:

Herr Hazatérés hat mir viel erzählt, von seiner Frau mit dem roten Bademantel, die ihm immer Baumwollschlafanzüge genäht hat, warum erzählt er mir das bloß? Ich sehne mich nach Katinka und Immanuel, denen ich früher, als ich das noch konnte, Frotteeschlafanzüge genäht habe. (LA, S.178)

Trotz gegenwärtiger Verwirrung erinnert sich Frau Sieben an Vergangenes und verknüpft verirrte Informationen. Langzeiterinnerung bezieht sich hier besonders auf emotionale Aspekte, die auch in der Psychologie als Auslöser für Erinnerung deklariert werden.5 Ein Gefühl der Sehnsucht nach ihren Enkelkindern ist offensichtlich. Auch Herr Hazatérés erkennt dies: „Ihre Mundwinkel hängen so tief heute, sind sie unglücklich, daß Ihre Enkelin Sie verlassen hat?“ (LA, S.175)

Der Regen ruft bei Frau Sieben sehr klare Erinnerungen hervor, so klar, dass sie ein Ereignis aus ihrer Schulzeit als „neulich“ erlebt befindet. (LA, S.178) Auch hier handelt es sich um eine emotional bewertete Situation, die leichter erinnert werden kann, als eine neutral bewertete Situation.6

Für Frau Sieben ist die Erinnerung ihrer Vergangenheit im Gegensatz zur Gegenwart authentisch und hat auch für den Leser diesen Anspruch. Informationen, die nur kurze Zeit zurück liegen, sind durch die subjektive Innensicht direkt von der Altersdemenz betroffen. Das führt auch dazu, dass eine ausführliche Erinnerung an länger Zurückliegendes nicht möglich ist, da die gegenwärtige Verwirrung zu oft die Erinnerungsprozesse unterbricht.

Die dreidimensionale Zeiterfahrung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist ebenfalls nicht mehr möglich. Durch die Verkümmerung des Gegenwartsbezuges mit der Fixierung auf Vergangenes lebt Frau Sieben in einem vergangenen Jetzt, „die regressive Wiederbesetzung einer früheren, durch befriedigende Erfahrungen in den psychischen Apparat eingeschriebenen und wiederbesetzbar gewordenen Gegenwart.“7 Die fiktionale Darstellung dieser Verhältnisse ist realistisch und psychologisch durchaus korrekt.

III. Herr Hazatérés – Leben im Alter mit Erinnerung

Die Bedeutung der Erinnerung

Während bei Frau Sieben der gegenwärtige geistige Zustand im Vordergrund steht, ist es bei Herrn Hazatérés ein sozialer Zustand, den er durch das Erzählen seiner Erinnerung aufklären möchte. Als Zuhörerin für seine Aufklärungsarbeit wählt er Frau Sieben aus, da sie die Erzählungen schnell wieder vergisst. Er führt in ihrer Gegenwart Monologe und betrachtet sie als „Faß ohne Boden“ (LA, S.173) Prinzipiell macht er sich ihren dementen Zustand zu Nutze: „Ich werde leicht, und Sie werden nicht schwer, sondern bleiben leicht. Das Erinnerungsvermögen – ist eine zu große Last für uns Menschen.“ (LA, S.182) Herr Hazatérés sieht in der Erinnerung eine schwere Last, die er über den Monolog mit Frau Sieben ablegen möchte. Die Ursache für diese Ansicht ist, neben einer Grundphilosophie auf die ich später noch näher eingehen werde, seine gegenwärtige Situation, mit einem Mann im Appartement zusammen zu leben. Anders als Frau Sieben, die ihre Erinnerungen willkürlich mit Gegenwartserlebnissen verknüpft, geht Herr Hazatérés seinen Erinnerungen systematisch und diachronisch auf den Grund. Dieses Verhalten ist rational und steht zunächst einmal ganz im Gegensatz zu den Gedanken von Frau Sieben: „Sie denken an Ihre Enkel und ich daran, warum jetzt, kurz nach meinem sechsundsiebzigsten Geburtstag, ein Mann mit mir im Appartement wohnt.“ (LA, S.173)

Herr Hazatérés kann durch seinen gesunden kognitiven Zustand die Erinnerungen geordnet Revue passieren lassen. Auch wenn das emotionale Hintergründe hat, ist er beim einseitigen Gespräch im Kontrast zu Frau Sieben der rationale Charakter. Mit ihm wird die Erinnerungsthematik zu einer Philosophie und zu einer entscheidenden Orientierungsarbeit. Er selbst bezeichnet seine Monologe als „Sitzung“ (LA, S.173). Dieser Begriff steht gewöhnlich für etwas Offizielles oder Therapeutisches. Formal betrachtet handelt es sich dabei um eine erlebte Rede, durchsetzt mit Kommentaren und Exkursen. Inhaltlich ist es seine Lebensgeschichte, besonders in Hinblick auf Sexualität und Beziehungen. Die Kommentare und Exkurse beziehen sich auf die gegenwärtige Umgebung oder richten sich an Frau Sieben.

Am Ende seiner Erinnerungsarbeit steht „ein großes Mißverständnis“ (LA, S.181), dessen er sich nicht sicher ist, und eine emotionale Sehnsucht, die nicht erfüllt werden kann. Hier besteht plötzlich eine starke Analogie zu Frau Sieben. Ebenso wie sie ist er nicht mehr in der Lage, wünschenswerte Dinge zu erleben und hat sich mit dieser Situation abgefunden:

Oft stellte ich mir dabei Frauenkörper vor. Doch ich war nicht mehr in dem Alter und in der Verfassung, auf Eroberungstour zu gehen. So blieb Josef bei mir, […]. (LA, S.181)

Bei Frau Sieben ist es der inhärente Wunsch, noch einmal Frotteeschlafanzüge für ihre Enkel nähen zu können. (LA, S.178) Aufgrund ihrer Krankheit und der Innensicht ist dieser Aspekt depressiver und emotionaler dargestellt. Herr Hazatérés hingegen hat einen klaren und ausgeprägten Gegenwartsbezug, der ihn zum Nachdenken bringt.

Er spricht gerne über die Beziehung zu seiner Frau, auch weil er sich nach einem „Frauenkörper“ sehnt. Bei Josef ist der erreichte soziale Zustand Grund genug, glücklich zu sein. „Josef ist glücklich, er tut alles für mich und redet nie über Miriam.“ (LA, S.181) Es ist davon auszugehen, dass er durch einen intensiven Gegenwartsbezug auch zukunftsorientierter denkt, und nicht, wie sein Mitbewohner, in Erinnerungen schwelgt. Auch die Erzählungen von Herrn Hazatérés über Josefs Verhalten machen deutlich, dass er jetzt einen erhofften Zustand erreicht hat. „Doch erinnere ich mich an kurze Momente der Irritation: Josefs Hand, die auf meinem Oberschenkel lag, […], Josefs Blick, als ich zu Silvester leidenschaftlich Vera küßte und dabei Sekt auf seine Schuhe goß.“ (LA, S.180)

Herr Hazatérés relativiert die Bedeutung der Vergangenheit und die Kommunikation im Altenheim „ - all das ist jetzt unwichtig und interessiert niemanden mehr, alles hat seine Farbe, seine Kontur, seinen Wert oder Unwert verloren, und es regnet heute wieder so unablässig - “ (LA, S.181) Das Motiv des Regens ist während seiner einseitigen Gespräche mit Frau Sieben immer präsent. Es bestärkt eine negative Stimmung, die durch die philosophische Erkenntnis der verlorenen Werte den Höhepunkt erreicht. Nachdem Frau Sieben mit einer marginalen Innensicht noch einmal zu Wort kommt, findet Herr Hazatérés eine emotional-sinnliche Erklärung für seine Erinnerungsarbeit, die er als Sinngebung anerkennt: „Frau Sieben, in Ihrem Blick löse ich mich auf wie damals in den Nebelschwaden im Thermalbad, ich werde alles los, was ich erzählen möchte, was mich bedrückt.“ (LA, S.182)

Herr Hazatérés sinnlicher Grund für die Gespräche mit Frau Sieben ist in seinen Erinnerungsmonologen fest verankert. Bei einem Gespräch mit Josef, in dem es um die Angst vor dem Tod geht, heißt es:

„Ich bekämpfe sie mit meiner Lust. Meines Erachtens gibt es zwei Koordinaten: die der Zeit und die der Intensität. Unsere Lebenszeit ist nicht unendlich – vorausgesetzt, dass man nicht an eine Existenz nach dem Tod glaubt -, aber wir können der Endlichkeit des Lebens die Unendlichkeit der Intensität des Moments entgegensetzen. In dem Moment, wo ich intensiv empfinde, nennen wir es Rausch oder sonst wie, ist der Gedanke an den Tod ausgelöscht, der Tod also unwahr. Wir können also den Tod temporär auslöschen. Doch er kommt wieder. Aber unsere Ekstasen auch.“ (LA, S.176)

Die Ablenkung vom Tod durch intensive Empfindung, durch Lust, steht wenig später im Kontrast zu einer rationalen Ablenkung: „Josef und ich versanken in einem Gefühlstaumel, während sie Geopolitik diskutierten.“ (LA, S.178) Die Erinnerungsgedanken sind für Herrn Hazatérés dem Gefühlstaumel sehr ähnlich. Sie sind nicht wie das gesprochene Wort, „scharf wie Kristall und schwebend wie Licht im Nebel“ (LA, S.182), sondern mehr als das und oft unerklärlich, wie ein Regentropfen, der nicht der Schwerkraft gehorcht. (LA, S.174) Zu einer „intensiven Ekstase“ werden die Gedanken dann, wenn sie die Seele von Frau Sieben passieren dürfen, „bevor sie, wie ein langsam niedergehender Regen, irgendwann von etwas Großem und Dunklem verschluckt werden.“ (LA, S.175) Das Große und Dunkle ist die Stufe nach dem Farb-, Kontur-, Wert- und Unwertverlust aller Dinge (LA, S.181), der Tod. Die gegenwärtige Situation in dieser letzten Lebensphase im Altenheim hat etwas Gutes dabei gewonnen: „Frau Sieben, nun sitzen wir hier zusammen auf der Seufzerbrücke, wie gut, daß wir uns nicht vor dreißig Jahren begegnet sind, da hätten wir kein Wort miteinander gesprochen, Frau Offizierstochter.“ (LA, S.181)

Die Bedeutung der Erinnerung ist vielseitig dargestellt. Sie steht zwischen Sinnlichkeit und Erkenntnis ebenso wie zwischen Last und Notwendigkeit. Sie ist das Sujet der Geschichte und formt maßgeblich die Darstellung des Alters.

Der aktive Senior

Herr Hazatérés ist nicht nur der nachdenkliche und von Sehnsucht geprägte Charakter, sondern lebt auch aktiv für die Zukunft. Er nimmt noch sechsundsiebzigjährig an einem „Spanisch-Kurs“ (LA, S.178) teil. Die Anspielung auf den gegenwärtigen Trend zum aktiven Senior ist damit gelungen und gar nicht weit hergeholt, wie das reale Beispiel des Herrn Josef Jakobs zeigt: „Er hat, hundertjährig, 1996 seine Dissertation eingereicht […]“8.

Das Lebensmotto von Herrn Hazatérés, „die Unendlichkeit der Intensität des Moments gegen die Endlichkeit des Lebens“ (LA, S.176) hat sich auch die Konsumindustrie zu Nutzen gemacht. Eine passende Erklärung dazu findet sich bei Göckenjan:

So verdichtet sich erst unter dem Terminus Die neuen Alten, seit der Mitte der 80er Jahre, eine gänzlich veränderte Altersstilisierung, die überhaupt erst die, zumindest in der fachlich zuständigen Altenhilfe bemängelten und ungeliebten Aktivitäts- und Genussdimensionen bündelt und nur noch eines, aber etwas zentral Wichtiges beifügt: eine utopische Phantasie der unbegrenzten Möglichkeiten in einer nie endenden Alterslebensphase im Überfluß der Konsumgesellschaft.9

Gerade die Medien korrelieren mit dem aktiven Bild des Seniorenstandes. Einerseits suggerieren sie Altersbilder, andererseits müssen sie der Marktforschung glauben und sich an den sozialen Verhältnissen orientieren.

Bei „Lux Aeterna“ wird bei der Modenschau, wie anfangs schon erwähnt, ein aktives „rotes“ Altersbild vorgeführt, eben eine utopische Phantasie, die in diesem Fall abgelehnt wird. „Die Turnschuh-Alten der Medien sind auf einmal Witzfiguren, ohne jedes Geheimnis und Faszination, über die sich die Jüngeren nur noch amüsieren.“10 In diesem Zusammenhang betrachte ich Kleidung auch als Medium. Darüber hinaus sollte noch erwähnt werden, dass es sich bei dem roten Bademantel auf der Modenschau um eine authentisch gemeinte Information handelt, die erst später bei Frau Sieben zur Verirrung führt. Herr Hazatérés vergleicht Frau Sieben mit Frau Terz: „Sie sind kein roter Bademantel, sondern ein Faß ohne Boden, […]“ (LA, S.173)

Bei Göckenjan amüsieren sich die Jüngeren über derartige Altersbilder, bei Tanja Dückers sind es die Alten selbst, die unabhängig und aktiv ihr Dasein reflektieren und bewerten.

IV. Die Sprachsensibilität in „Lux Aeterna“

„Seit den 1950er Jahren, seitdem Alter als Not, als Verlust und soziale Marginalität etabliert ist, wird Alter gleichzeitig zunehmend zum Unwort, wird es delikat, zu Alten über Alter zu sprechen.“11

Natürlich richtet sich Tanja Dückers Geschichte nicht direkt an alte Menschen, sondern ist Literatur für jede/r Frau/Mann jeden Alters, sofern die sprachliche Kompetenz zum Verständnis ausreicht. Dennoch wird über Alter gesprochen, und über die Sprache wird Alter dargestellt. Tanja Dückers geht mit dem Alter sehr respektvoll um, ihre gewählte Sprache ist sensibel und vorsichtig. Frau Sieben spricht von einem „älteren Herrn“ (LA, S.170) und nicht von einem alten Mann. Herr Hazatérés bezeichnet sich zwar selbst in einem negativen Kontext als „alt“ (LA, S.175), aber das steht ihm in seiner Rolle auch zu. Die „ Moden für Ältere “ sind in Anführungsstriche gesetzt, was eine gewisse Ironie und Distanz zeigt, aber gleichzeitig sensibel ist.

Schluss

Die Darstellung des Alters in „Lux Aeterna“ geht weit über das räumliche Motiv Altenheim hinaus. Altern ist nicht nur physische Realität, sondern beinhaltet innere Wirklichkeit, die aus zwei sehr verschiedenen Perspektiven geschildert wird. Die subjektive Innensicht einer dementen Frau und die nach außen getragenen Erinnerungen eines Herrn. Tanja Dückers Kurzgeschichte macht uns bewusst, wie komplex Erinnerung ist und wie viel mehr es bedeuten kann, alt zu sein.

Literaturverzeichnis

Primärtext:

Dückers, Tanja: Lux Aeterna. In: Café Brazil (S. 170). Berlin: 2002

Sekundärliteratur:

Göckenjan, Gerd: Das Alter würdigen. Altersbilder und Bedeutungswandel des Alters. 1.Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000

Hilgarts Einführung in die Psychologie/Rita L. Atkinson. Hrsg. von Joachim Grabowski, Elke van der Mer. Heidelberg; Berlin: Spektrum, Akad. Verlag 2001

Altern: äußere Realität, innere Wirklichkeiten: psychoanalytische Beiträge zum Prozeß des Altern. Hrsg. von Martin Teising. Opladen: Westdt. Verlag 1998

[...]


1 Gerd Göckenjan, „Das Alter würdigen“, S.416

2 Gerd Göckenjan, „Das Alter würdigen“, S.400

3 Gerd Göckenjan, „Das Alter würdigen“, S.411

4 Altern: äußere Realität, innere Wirklichkeiten, Martin Teising (1998), S.191

5 Hilgarts Einführung in die Psychologie (2001), S.279

6 Hilgarts Einführung in die Psychologie (2001), S.279

7 Altern: äußere Realität, innere Wirklichkeiten, Martin Teising (1998), S.192

8 Gerd Göckenjan, „Das Alter würdigen“, S.422

9 Gerd Göckenjan, „Das Alter würdigen“, S.406

10 Gerd Göckenjan, „Das Alter würdigen“, S.407

11 Gerd Göckenjan, „Das Alter würdigen“, S.401

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Alters in Tanja Dückers Kurzgeschichte „Lux Aeterna“
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V111206
ISBN (Buch)
9783640117857
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Alters, Tanja, Dückers, Kurzgeschichte, Aeterna“
Arbeit zitieren
Björn Pötters (Autor), 2004, Die Darstellung des Alters in Tanja Dückers Kurzgeschichte „Lux Aeterna“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111206

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