Lebensweisheit in Graciáns Handorakel und Schopenhauers Aphorismen

Die Rezeption der Moralistik bei Schopenhauer


Seminararbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung ins Thema

1. Schopenhauer als Schüler Graciáns
2.1 Persönlichkeitsbildung
2.2 Beziehung zu anderen Menschen
2.3 Vorstellung von der Welt und von dem Schicksal

3. Schopenhauer als kritischer Leser
3.1 Glückskonzept
3.2 Die Denkmotive Graciáns und Schopenhauers
3.3 Der Stil

4. Fazit

Literaturverzeichnis:

Einführung ins Thema

Die Moralistik wird als eine philosophische Literaturgattung angesehen, deren Ursprung aus der antiken Eudämonologie und aus dem Renaissance-Humanismus stammt und die sich in literarischen Formen artikuliert. Der Begriff „Moralistik“ leitet sich von dem lateinischen Wort „mores“ ab, dessen Bedeutung sich auf das sittengemäße Handeln oder Verhalten bezieht. Bei der Moralistik geht es also nicht um moralische Normen, sondern um die Handlungsweise der Menschen. In diesem Sinne beobachtet der Moralist seine Mitmenschen häufig, er beschreibt ihr Handeln und gibt er ihnen Ratschläge zu ihrem Verhalten. Die literarische Bewegung der Moralistik stammt aus der italienischen Hofkultur der Renaissance; im 17. und 18. Jahrhundert erreicht sie ihren Höhepunkt im Frankreich. Bekannte Moralisten sind etwa Machiavelli und Castiglione in Italien, Gracián in Spanien, Montaigne und La Rochefoucauld in Frankreich sowie Schopenhauer und Nietzsche in Deutschland.

Arthur Schopenhauer, der bekannte deutsche Philosoph und große Denker, hat sich in seinem Leben sehr viel mit Moralistik beschäftigt. Balmer schreibt daher mit Grund, Arthur Schopenhauer sei der erste deutsche Philosoph gewesen, der „die europäische Moralistik im Ganzen durchschaut und rezipiert“ habe (Balmer: 1981, 152). Schopenhauer übersetzte nicht nur das Werk Oráculo manual y arte de prudencia von Baltasar Gracián ins Deutsche, sondern er benutzte auch alle Materialien vieler Moralisten und schrieb sein eigenes Werk Aphorismen zur Lebensweisheit, in dem viele seine Gedanken über Moralistik enthalten sind. Wie Sebastian Neumeister in seinem Aufsatz Schopenhauer als Leser Graciáns beschreibt, nahm Schopenhauer viele Werke Graciáns im Original in seine Bibliothek auf. Er fing mit 37 Jahren erstmals mit dem Spanischlernen an, und nach drei Jahren übersetzte er bereits das Buch Oráculo manual y arte de prudencia ins Deutsche (Neumeister: 1991). Radaelli weist in ihrer wissenschaftlichen Arbeit darauf hin, dass Schopenhauer auf dreifache Weise Graciáns Maximen rezipiert: Erstens indem er Graciáns Handorakel übersetzt, zweitens indem er die Lebensregeln in seinem Buch zitiert und drittens indem er seine eigenen Aphorismen formuliert (Radaelli: 2014). Vor diesem Hintergrund ist Gracián für Schopenhauers philosophisches Werk sehr wichtig gewesen. Aber um das Verhältnis zwischen Gracián und Schopenhauer zu untersuchen, speziell zwischen Graciáns Handorakel und Schopenhauers Aphorismen, gibt es bis heute nur wenige Studien.

In dieser Arbeit werden Schopenhauers Aphorismen mit Graciáns Handorakel detailliert verglichen. Die Hauptfrage dieser Arbeit lautet: Wie und inwiefern rezipiert Schopenhauer Graciáns Ideen in seinem Werk, mit anderen Worten, welche Einflüsse hat Graciáns Buch Oráculo manual y arte de prudencia auf Schopenhauers Moralistik bzw. Moralphilosophie? Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, eine inhaltliche Analyse auf vergleichende Weise vorzunehmen und die dargestellte Lebensweisheit aus inhaltlicher und sprachlicher Perspektive zu untersuchen.

1. Schopenhauer als Schüler Graciáns

Baltasar Gracián (1601-1658) war ein spanischer Jesuit und Moralist, der von Anfang bis Mitte des 17. Jahrhunderts in Spanien gelebt hatte. Er kam aus einer Familie, die ihm eine humanistische Bildung ermöglicht hatte. Mit achtzehn Jahren trat Gracián in den Jesuitenorden ein, wo er die Chance erhielt, eine sorgfältige Ausbildung zu absolvieren. Insbesondere das Studium der Moraltheologie scheint hierbei von größter Wichtigkeit gewesen zu sein. Als er 36 Jahre alt war, veröffentlichte er seine Schrift über den Helden (El Heroe, 1637). Diese Schrift, sowie seine meisten anderen Werke, erschienen damals unter Pseudonym, bzw. unter dem Namen seines Bruders Lorenzo, der allem Anschein nach einer rein fiktiven Figur gewesen sein muss. Dies zeigt, dass Gracián die für seine Zeit problematischen Aspekte seines Denkens und seiner Schreibweise stets bewusst gewesen sind1. Seine Schriften sollten ihn im späteren Verlauf seines Lebens dazu führen, dass er in Konflikt mit den Ordensoberen geriet. Ein Kapitel seines später verfassten allegorischen Romans El Criticón wurde von einigen Jesuiten als anstößig betrachtet. Soweit es aus den historischen Quellen rekonstruierbar ist, litt Gracián schwer unter den Strafmaßnahmen. Er wurde von anderen Jesuiten überwacht und starb im Hausarrest am 6. Dezember 16582.

Das Buch Oráculo manual y arte de prudencia erschien unter dem Namen Lorenzo Gracián im Jahr 1647 – ein vademecum, zu dem 300 Aphorismen gehören. Durch dieses Buch erlangt Gracián später Weltruhm. Die Wirkung dieses Handorakels erstreckte sich nicht nur bis nach Frankreich, wo es die französischen Moralisten beeinflusst hatte, sondern es wurde auch in Deutschland rezipiert, insbesondere von Schopenhauer und Nietzsche. Graciáns Rezeptionsgeschichte in Deutschland ist bereits ab dem 17. Jahrhundert bekannt. Damals gab es schon fragmentarische Übersetzungen von Gracián in Deutsche. Die anerkannte erste Übersetzung von Graciáns Político (1672) wurde von Daniel Casper von Lohenstein (1635– 1683) ausgearbeitet. Im 18. Jahrhundert aber wurden Graciáns Werke meistens aus französischen Übersetzungen ins Deutsche übertragen. Gracián wurde damals in der deutschen Aufklärung als Autor der Hofliteratur wahrgenommen. Dieses Bild änderte sich im Laufe der Zeit, ausdrücklich nachdem Schopenhauer Graciáns Handorakel übersetzt hatte.

Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 in einer Kaufmannsfamilie in Danzig geboren. Das Familienvermögen ermöglichte es ihm, sein Leben unabhängig von finanziellen Nöten zu führen. Sein Vater Heinrich Floris Schopenhauer ist ein erfolgreicher Kaufmann gewesen und verfügte über einen aufklärerischen Blick auf die Welt. Seine Mutter Johanna Schopenhauer setzte sich sehr viel mit Kunst auseinander, sie erwarb durch ihre Bildung umfangreiche Kenntnisse über Kunst und Literatur und hatte das Talent, viele Fremdsprachen schnell lernen zu können. Die Großmutter Schopenhauers väterlicherseits brachte in die Ehe ein erhebliches Vermögen ein, aber auch eine Neigung zur psychischen Instabilität, Angstzuständen und Depressionen, die sich bei mehreren ihrer Nachkommen, auch bei Schopenhauers Vater und bei Schopenhauer selbst, bemerkbar machen sollte3. Schon in Schopenhauers Jugend zeichnete es sich ab, dass er eine Gelehrtenlaufbahn einschlagen würde. Er studierte nach dem Tod seines Vaters vier Jahre in Berlin und in Göttingen und erhielt den Doktortitel für Philosophie an der Universität Jena.

Laut Zimmer ist Schopenhauer bereits 1814 auf die aristotelische Ethik als Ort einer sozialen Klugheits- und Glückslehre aufmerksam geworden (vgl. Zimmer 2009: S.208). Seit den 1820er Jahren beginnt er damit, an der Moralistik intensiv zu arbeiten. Auf die strategische Weltklugheitslehre Graciáns legt er großen Wert. Deshalb fängt er mit 37 Jahren erstmals damit an, Spanisch zu lernen und nach drei Jahren Graciáns Handorakel zu übersetzen. Basierend auf diesem Buch schreibt Schopenhauer seine eigenen Aphorismen und veröffentlicht 1851 das Buch Parerga und Paralipomena in zwei Bänden. Darin sind auch die Aphorismen zur Lebensweisheit enthalten, die später als Meisterwerk der deutschen Literatur der Moralistik gelten sollten. Mit diesem Buch hat Schopenhauer die Weltklugheitslehre an der lebenspraktischen und gesellschaftlichen Richtung orientiert. Das Thema der Weltklugheit hat er damit in der Tradition der europäischen Moralistik in die praktische Philosophie in Deutschland eingeführt (vgl. Zimmer: 2014, S.210).

Im Vergleich mit Graciáns Handorakel ist es ersichtlich, dass Graciáns Klugheitslehre stark die Entstehung von Schopenhauers Aphorismen beeinflusst hatte. Die Gemeinsamkeiten werden auf drei Ebenen erläutert, nämlich auf der Ebene der Persönlichkeitsbildung („Uns selbst betreffend“), der Beziehung mit anderen („Unser Verhalten gegen andere betreffend“) und der Vorstellung der Welt und des Schicksals („Den Weltlauf und das Schicksal betreffend“).

2.1 Persönlichkeitsbildung

Obwohl die normative Grundlage seiner Maximen von Gracián im Oráculo Manual nicht thematisiert/kategorisiert wird, ist es dennoch ersichtlich, dass er viele seiner Klugheitslehren auf der Grundlage eines bestimmten Menschenbilds formuliert. Eine zentrale Auffassung hierbei ist die christliche Lehre, dass der gleichwohl nach dem Ebenbild Gottes geschaffene Mensch seit dem Sündenfall ein gefallenes Wesen ist. Er vertritt demnach ein negatives Menschenbild. Wie etwa in der 5. Maxime unter dem Mottosatz „Abhängigkeit begründen“ schreibt er in der Mitte des Absatzes: „Hat die Anhängigkeit ein Ende, so wird das gute Vernehmen es auch bald finden und mit diesem die Hochachtung. Es sei also eine Hauptlehre aus der Erfahrung, daß man die Hoffnung zu erhalten, nie aber ganz zu befriedigen hat, vielmehr dafür sorgen soll, immerdar notwendig zu bleiben, sogar dem gekrönten Herrn“4. Hinter dieser Darstellung wird die Auffassung angedeutet, dass der Mensch über einen unersättlichen Begehrungstrieb verfügt. In der 23. Maxime verdeutlicht Gracián seine Ansicht über den defizitären Charakter der menschlichen Natur. Er schreibt: „Es gibt Wenige, die ohne irgendein Gebrechen wären, wie im physischen, so im Moralischen“5.

Dieser Einsicht Graciáns entspricht auch Schopenhauers Darstellung dieses Sachverhalts in seinen Aphorismen. In Schopenhauers Buch sind alle Paränesen und Maximen in vier Teile eingeteilt. Beim zweiten Teil handelt es sich um die Persönlichkeitsbildung, unter dem Untertitel „Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend“ stehen die Maximen vier bis zwanzig. Die 13. Maxime zeigt genau den oben von Gracián genannten Aspekt. Schopenhauer meint, dass die Menschen durch erlittenes Unrecht, Schaden etc. ihr Gemüt dementsprechend verunreinigen könnten. Der Grund dafür lautet: „wie in jeder Stadt, neben den Edlen und Ausgezeichneten, auch der Pöbel jeder Art wohnt, so ist in jedem, auch dem edelsten und erhabensten Menschen das ganz Niedrige und Gemeine der menschlichen, ja tierischen Natur, der Anlage nach, vorhanden“6. Unter diesem Gesichtspunkt haben Schopenhauer und Gracián die gleiche Vorstellung über die defizitäre Natur des Menschen, die Schopenhauer in seiner Maxime 19 ein weiteres Mal verdeutlicht: „In allem diesen macht sich die ursprüngliche Unvernünftigkeit unsers Wesens geltend“7. Noch spezifischer wird von Schopenhauer der Egoismus als menschliche Natur bezeichnet, so etwa in einem anderen Kapitel in der Maxime 33.

[...]


1 Vgl. Küpper, Jesuitismus und Manierismus in Graciáns Oráculo manual, S. 412.

2 Vgl. Neumeister, Leben mit Gracián: Werk und Wirken eines Moralisten, S. 4.

3 Vgl. Schubbe, Matthias, Schopenhauer-Handbuch Leben - Werk – Wirkung, S. 1.

4 Gracián, Handorakel und Kunst der Weltklugheit, S. 6.

5 Ebd., S. 15.

6 Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, S. 152.

7 Ebd., S. 158.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Lebensweisheit in Graciáns Handorakel und Schopenhauers Aphorismen
Untertitel
Die Rezeption der Moralistik bei Schopenhauer
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1.0
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V1117234
ISBN (eBook)
9783346480064
ISBN (Buch)
9783346480071
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lebensweisheit, graciáns, handorakel, schopenhauers, aphorismen, rezeption, moralistik, schopenhauer
Arbeit zitieren
Xiao Yang (Autor:in), 2020, Lebensweisheit in Graciáns Handorakel und Schopenhauers Aphorismen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1117234

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