Immigration und Integration von Türken in Deutschland. Emotionsethnologische Perspektiven


Magisterarbeit, 2007
134 Seiten, Note: 2,0

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Emotionsethnologie
1.1 Die biologisch akzentuierte Forschung
1.1.1 Primär- und Sekundäremotionen
1.1.2 Display Rules
1.1.3 Antezendenzen
1.1.4 Kognitive Landkarten (Karl Heider)
1.2 Zur Kritik am biologischen Ansatz
1.3 Die konstruktivistische Perspektive
1.3.1 Grundannahmen
1.3.2 Macht und Emotion
1.3.3 Management von Emotionen
1.3.4 Kognition und Emotion: Die Schema-Theorie
1.4 Zur Kritik an der konstruktivistischen Perspektive

2. Die verwendeten Perspektiven der Emotionsethnologie
2.1 Die Embodiment-Theorie
2.2 Emotives
2.3 Emotion und Politik
2.4 Zusammenfassung
2.5 Thematische Eingrenzungen und die Relevanz der Emotionsethnologie

3. Migration als gesellschaftliche und politische Debatte in Deutschland
3.1 Der Beginn einer „Ausländerpolitik“
3.2 Rostock-Lichtenhagen
3.3 Die Rot-Grüne Regierung ab 1998
3.4 Multikulturalismus
3.5 Parallelkulturen
3.6 Aktuelle Änderungen und Debatten in der Politik

4. Zwischenstand

5. Die verwendeten Studien

6. Die Migration und Integration der „Gastarbeiter“
6.1 Hadiye Akın
6.2 Behçet Algan
6.3 Kazım Arslan
6.4 Hayrullah Şenay
6.5 Cengiz Yağlı
6.6 Erdem Dilşen
6.7 Kurze Zusammenfassung

7. Intersubjektivität, Werte, Veränderung und Fremdheit
7.1 Der Wert der Ehre als Beispiel kultureller Intersubjektivität
7.1.1 Namus (Ehre)
7.1.2 Saygı (Achtung)
7.1.3 Şeref (Ansehen, Würde, Prestige)
7.2 Veränderung des Sozial- und Wertgefüges in der Türkei
7.3 Fremdheit und Migration

8. Junge Deutsch-Türken in der Bundesrepublik
8.1 Jugendforschung
8.2 „ ich bin stolz Türke zu sein“ (Kemal Bozay)
8.2.1 Gruppendiskussion im „Idealistenheim der Weltordnung in Köln“
8.2.2 Gruppendiskussion des „Türkischen Kulturheim in Köln“

Fazit

Einleitung

Als erstes möchte ich erläutern aus welchen Gründen ich mir dieses Thema ausgesucht habe. Da es bisher keine Anstrengungen gibt, die Forschung zu den Emotionen - und im besonderen die Emotionsethnologie - mit der Forschung zur Immigration und Integration von Türken in Deutschland zu vereinen, scheint sich das Thema auf den ersten Blick für eine Magisterarbeit nicht besonders zu eignen. Zunächst könnte es als Nachteil für den Detailreichtum und die wissenschaftliche Genauigkeit der Arbeit betrachten werden, dass nur sehr wenige Forschungen oder theoretische Überlegungen zu dieser Thematik vorhanden sind. Auf den zweiten Blick wird jedoch klar, dass hier auch Vorteile und Möglichkeiten liegen. Die Konstruktion einer neuen Perspektive, die in dieser Arbeit angestrebt wird, lässt sich dadurch leichter vollziehen, dass das Thema wenig vorbelastet ist.

Während meines Studiums habe ich mich mit der Globalisierung, der modernen Gesellschaft aus dem Blickwinkel Foucaults und auch mit Stadtplanung beschäftigt. In der Ethnologie waren es die Urbanethnologie und die Emotionsethnologie, die mich auf besondere Weise fasziniert haben. Durch meine Nebenfächer Politikwissenschaften und Europäische Ethnologie bin ich immer wieder auf Querverbindungen zwischen diesen Disziplinen gestoßen und habe mich gewundert, dass sich vor allem die Ethnologie und die Politikwissenschaften kaum miteinander beschäftigen. Die Konzentration der Ethnologie auf die außereuropäischen Gebiete scheint mir in Zeiten von Globalisierung und der fortschreitender Interkulturalisierung im besonderen in Bezug auf europäischen Staaten nicht mehr in der gleichen Weise gerechtfertigt, wie es noch in den früheren Phasen der Ethnologie der Fall war. So besteht eine Motivation, diese Arbeit zu schreiben, darin, ein politikwissenschaftlich geprägtes Themengebiet aus einer ethnologischen Perspektive zu betrachten.

Darüber hinaus haben mich auch persönliche Erfahrungen zur Wahl dieses Themas Motiviert. Diese leiten sich vor allem aus meiner Zeit des Aufwachsens in Hamburg ab, in der ich viel Kontakt mit Gleichaltrigen hatte, deren Eltern nach Deutschland immigriert waren. Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie es sein kann, mit einem Stereotyp identifiziert zu werden mit dem man sich selbst nicht identifiziert, wie es also ist, Projektionsfläche für ungerechtfertigte Stereotypisierungen zu sein. Obwohl ich aus einer deutschen Familie stamme und keinerlei Migrationserfahrungen innerhalb der Familie bestehen, musste ich als Jugendlicher nicht nur vor Rechtsradikalen auf der Hut sein, die mich für einen Türken hielten. Es gab in meinem Leben sogar eine Situation, in der ich vor Gleichaltrigen türkischer Herkunft fliehen musste, die der festen Überzeugung waren, einen Menschen mit türkischen Wurzeln vor sich zu haben, der sein Heimatland verleugnete. Ich werde auch heute noch regelmäßig nach der Herkunft meiner Eltern gefragt.

Inzwischen habe ich mich mit dem Umstand arrangiert, dass mein Aussehen wohl den größten Teil dieser Missverständnisse auslöst und mir bestimmte Taktiken im Umgang mit den Emotionen, die solche Erlebnisse hervorrufen können, angewöhnt. Diejenigen, die für mich am besten funktionieren sind Humor und Konfrontation. So antworte ich auf die Frage, woher ich komme, gerne mit: „Aus Hamburg“, wohl wissend, dass damit die eigentliche Frage nicht beantwortet ist. Die Reaktionen darauf sind sehr verschieden und sie haben mir gezeigt, wie unterschiedlich die Menschen mit dieser Thematik umgehen. Sie haben mir aber auch gezeigt, dass nicht unbedingt willentliche Diskriminierung hinter solchen Fragen steht, sondern zumeist ehrliches Interesse. Mit dieser Arbeit versuche ich also auch die ganz persönliche Frage danach zu stellen, wie es passieren kann, dass so viel Wut, so viel Enttäuschung und Aggression in vielen Bereichen des Zusammenlebens zwischen Deutschen und Türken entsteht.

Diese Umstände haben mir außerdem gezeigt, dass es bei diesem Themenkomplex nicht nur, wie in der Politikwissenschaft oft theoretisiert wird, um den Ausbildungsgrad der Eltern geht, dass es nicht nur darum geht, ob jemand den falschen Freundeskreis hat, und dass es nicht nur um Arbeitslosigkeit und statistisch zu erfassende Phänomene wie die Kriminalität unter Ausländern geht. Es geht um viel mehr. Es geht um den Einzelnen, um die Emotionen des Einzelnen und um die Art und Weise, wie er mit sich und seiner Umwelt umgeht. Wir alle schaffen uns eine Wahrheit, in der wir leben und anhand derer wir andere Menschen und unsere Umwelt beurteilen . Das wird unmissverständlich klar, wenn man wie ich als jugendlicher Linksorientierter, der oft für einen Türken oder Spanier gehalten wird vor Türken weglaufen musste , weil diese ihr Gegenüber für einen Verräter am Vaterland hielten.

Diese Ambivalenzen sind Teil unserer Wirklichkeit und Teil unserer Gesellschaft. Sie nicht zu beachten oder in politikwissenschaftlichen Untersuchungen wegzuskalieren, weil sie nicht in die Kategorien der Untersuchung passen, hat den Verlust an möglichen und wichtigen Erkenntnissen zur Folge. Meine Motivation diese Arbeit zu schreiben, nährt sich also aus einer Mischung von fachspezifischem Interesse und persönlichen Erfahrungen.

Diese Arbeit versucht nicht eine umfassende emotionsethnologische Analyse der Türken in Deutschland vorzulegen, was den Rahmen ohnehin sprengen würde. Es geht mir in dieser Arbeit darum, einige blinde Flecken der Forschung zum Thema türkische Migranten in Deutschland und in der Sozialwissenschaft und der Ethnologie im Allgemeinen zu benennen und zu versuchen, in eine Richtung zu weisen, in der durch interdisziplinäre Arbeiten neue Perspektiven in der Zusammenarbeit verschiedener Sozialwissenschaften geschaffen werden können.

Die türkische Immigration und Integration in Deutschland eignet sich dazu hervorragend: Einige der Methoden der Politikwissenschaften scheinen der aktuellen Situation der Migranten in Deutschland nicht angepasst zu sein. Sie können, das wird im Verlauf der Arbeit gezeigt, sogar zur Verschlimmerung beitragen und sind auf diskursiver Ebene ein Teil der Problematik.

Ziel dieser Arbeit ist es also, auf Grundlage emotionsethnologischer Theorie den Themenkomplex der Immigration und Integration von Türken neu zu beleuchten und zu diskutieren, um neue Perspektiven zu eröffnen.

In den letzten zwei Jahren befindet sich Deutschland in einer neuen emotionsgeladenen Diskussion um die Zuwanderung, an der erstmals auch Vertreter der Betroffenen teilnehmen. In Form verschiedener Interessengruppen haben sich die Türken und andere Immigranten organisiert und werden so zum Ansprechpartner der Politik. Damit ergibt sich auch eine neue Dimension der öffentlichen Debatte, die, geprägt durch Jahrzehnte politischer Verleugnung der Einwanderung, immer noch auf einer Ebene stattfindet, in der die Gruppen der Migranten als Bedrohung gesehen werden. In der Entwicklung der letzten Jahre kann man nicht in allen Bereichen von einer Verbesserung sprechen, aber auch nicht immer von einer Verschlechterung. Es ist jedoch sicher, soviel sei vorweggenommen, dass die ideologischen Nachwirkungen der Anschläge des 11. September auch in Deutschland die Stimmung gegenüber Menschen die aus Westasien und der Türkei stammen beeinflusst haben.

Ein weiteres Ziel dieser Arbeit besteht darin darzulegen, inwiefern die Emotionsethnologie zu dieser Debatte einen Beitrag leisten kann, der wichtig für den Tenor des Diskurses ist. Es geht darum aufzuzeigen, welche Perspektiven die Emotionsethnologie zu diesem Thema beitragen kann, die den Diskurs beeinflussen und evtl. sogar in eine neue Richtung lenken könnten.

Die hohe Komplexität der Zusammenhänge um die Türken in Deutschland und deren Migration, droht ohnehin den Rahmen dieser Arbeit zu sprengen, weshalb einige nicht unwichtige Aspekte wie die Rolle der Religion, hier nur angeschnitten werden können. Die Konzeption der Arbeit konzentriert sich mehr auf den Einzelnen und dessen Emotionen als auf den religiösen Zusammenhalt einer Gruppe und die Durchsetzung ihrer Rechte.

Im ersten Teil der Arbeit werden die Entwicklung und die verschiednen Perspektiven der Emotionsethnologie dargestellt. Es wurde versucht, diesen Teil möglichst kurz zu fassen und trotzdem einen Einblick in die weit gefächerte Diskussion um die Emotionen möglich zu machen, um die Emotionsethnologie auch in ihrer interdisziplinären Vielfalt zu berücksichtigen.

Im zweiten Kapitel über die hier verwendeten Perspektiven, also derjenigen die für das Thema besondere Relevanz besitzen, wurden die theoretischen Formationen der Emotionsethnologie zusammengestellt, die sich für die Betrachtung der Immigration und Integration von Türken und Türkischstämmigen besonders eignen.

Der dritte Abschnitt zur Integration als politischer und gesellschaftlicher Debatte versucht ein typisches Feld der Politikwissenschaften mit Hilfe der Emotionsethnologie neu zu beleuchten.

Das Ziel ist es zu zeigen, dass Emotionen nicht nur auf der persönlichen Ebene, der Ebene der face-to-face Beziehungen, sondern auch im Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen. Dabei wird versucht eine politische Analyse vorzunehmen ohne im Relativismus menschlicher Gefühle zu versinken. Auch wenn jeder Mensch verschieden ist, lassen sich trotzdem über die Perspektive der Emotionen Strategien und Taktiken der Politik beobachten und beurteilen. In diesem Teil sollen auch erste Grundsteine für die Betrachtung der historischen Veränderungen der Bilder, die die Deutschen vom „Gastarbeiter“ vom „Türken“ und vom „Fremden“ haben gelegt werden. Zweck ist es die Dynamik emotionaler und identitärer Prozesse nicht aus dem Blickfeld zu verlieren.

Der vierte Teil der Arbeit besteht aus einem Zwischenfazit, das die Betrachtung der politischen Aspekte kurz zusammenfasst.

Der fünfte Teil beinhaltet eine kurze Einlassung zu den verwendeten Materialien und Studien, die im weiteren Verlauf des Textes als Hauptquellen verwendet werden.

Das sechste Kapitel der Arbeit wird dazu genutzt, die Türken[1] selber zu Wort kommen zu lassen. Anhand biographischer Interviews aus verschiedenen Studien soll aufgezeigt werden, wie unterschiedlich die Geschichten und Schicksale der Türken in Deutschland sind. In diesem Teil werden zunächst nur diejenigen betrachtet, die nicht in Deutschland geboren, also im eigentlichen Sinne als Migranten zu bezeichnen sind. Ihre Migrationsgeschichten, ihre Einstellungen, Erfahrungen und Träume unterschieden sich trotz dieser Gemeinsamkeit voneinander. Ebenfalls soll in diesem Teil der Arbeit auf einen blinden Fleck der Sozialwissenschaften aufmerksam gemacht werden. Sie tun sich immer noch sehr schwer damit, Ambivalenzen in ihren Theorien und Methoden zu berücksichtigen und für sich nutzbar zu machen. Grundsätzlich geht es in diesem Abschnitt darum, eine Perspektive zu entwerfen, die die türkischen Migranten als Menschen und nicht als statistisch erfassbare Masse an Arbeitskraft wahrnimmt. Um die Emotionsethnologie als leitende Perspektive dieser Arbeit nicht aus den Augen zu verlieren, werden an verschiedenen Stellen Rückgriffe auf die Theorie vorgenommen.

Darauf folgt im siebten Teil ein Exkurs zu Intersubjektivität, Veränderung und Fremdheit. Hier wird darauf hingewiesen, dass die emotionale Realität türkischer Migranten nicht ausschließlich von idiosynkratischen Faktoren abhängt. Es soll auf die Rolle von Kultur und Intersubjektivität hingewiesen werden, um auch im Zusammenhang mit den Äußerungen der Betroffenen nicht in einen Relativismus abzugleiten. Als Beispiel wird dabei der Wert der Ehre in der türkischen Gesellschaft dienen. Wie sich die in vor allem in ländlichen Regionen zur Wertstruktur und zur Erziehung gehörenden Faktoren genau auf das Leben der nach Deutschland migrierten Türken und deren Kinder auswirkt, kann zwar nicht erschöpfend geklärt werden, aber es können verschiedenen Faktoren dargestellt werden, die als wichtig zu erachten sind.

Zweck der Betrachtung verschiedener Veränderungen der Wirtschafts- und Sozialstruktur in der Türkei ist es, die kulturellen Hintergründe mit denen die Türken aufgewachsen sind nicht zu vernachlässigen, auch wenn diese Faktoren hier eine untergeordnete Rolle spielen. Eine ethnologische Perspektive verlangt, auch diese intersubjektiven oder kulturellen Faktoren zu berücksichtigen.

Im achten Teil der Arbeit werde ich mich den hier aufgewachsenen Jugendlichen mit türkischen Wurzeln zuwenden. Hier wird keine Unterscheidung zwischen zweiter und dritter oder zwischen erster und fünfter Generation getroffen, sondern lediglich eine Unterscheidung zwischen denen, die nach Deutschland einwanderten und denen, die hier geboren sind. Das lässt sich damit erklären, dass der Fokus dieser Arbeit theoretisch ist und sich auf den Entwurf einer neuen Perspektive unter Berücksichtigung der Komplexität und Ambivalenz des Themas konzentriert. Eine umfassendere Analyse der generationsspezifischen Probleme der Türken, die z.B. pädagogisch sinnvoll wäre, lassen Rahmen und Konzeption dieser Arbeit nicht zu.

Im Fazit, werden die Ergebnisse und die neuen Perspektiven zusammenfasst, aber nicht versucht, das Thema mit allgemein gültigen Aussagen zu ‚lösen’. Es soll sich aber zeigen, dass die Emotionsethnologie durchaus eine Bereicherung zur Betrachtung der hier behandelten Thematik sein kann. Damit ist diese Arbeit auch ein Plädoyer für interdisziplinäre Verständigung und Zusammenarbeit und die weitere Öffnung der Fachgrenzen zwischen verschiedenen Sozialwissenschaften.

Die eindeutige Orientierung an der Ethnologie zeigt sich in dieser Arbeit an den verwendeten Materialien und daran, wie diese durch die Autoren verschiedener Studien erhoben wurden. Teilnehmende Beobachtung und biographische Interviews bilden einen zentralen Teil des hier verwendeten Materials. Auch die Perspektive auf den Alltag und kulturelle wie subjektive und intersubjektive Ebenen sollen berücksichtigt werden.

Es kann hier keine emotionsethnologische Studie in Form eines Emotionslexikons oder anderer typischer Verfahren erstellt werden und es gibt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es sollen Perspektiven ausprobiert werden. Diese Arbeit ist deshalb als ein theoretischer Versuch zu betrachten, Politikwissenschaft und Ethnologie über den Weg der Emotionen miteinander zu verknüpfen und dadurch eine für beide Seiten fruchtbare Perspektive zu entwerfen, die die Immigration und Integration von Türken in Deutschland in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Ich möchte noch auf einen wichtigen Umstand hinweisen, bevor ich mich der Theorie der Emotionen zuwende: Die Religion des Islam ist zwar ein wichtiger Faktor innerhalb des diskutierten Themas, doch die hier angestrebte Struktur und Perspektive lässt leider keine Möglichkeit, auch der Religion einen angemessenen Raum in dieser Arbeit einzuräumen. Die hohe Komplexität des Themas macht es unmöglich, auf die verschiedenen Richtungen des Islam und deren Art und Weise einzugehen, Verhalten und Einstellungen der ihr angehörigen Menschen zu beeinflussen. Zwar wird die Religion an einige Stellen dieser Arbeit erwähnt werden, da sie nicht vollkommen unberücksichtigt gelassen werden kann. Die zentrale Frage dieser Arbeit soll die Türken vorrangig als Menschen, gewissermaßen als Teil Deutschlands sehen und nicht als Muslime. Die Problematik, die sich im Zusammenhang mit dem Erstarken des Islam in Deutschland ergibt, wird in dieser Arbeit also eine Rolle spielen, kann aber nur als kleiner Teil der komplexen Zusammenhänge behandelt werden.

Die Emotionsethnologie selbst ist interdisziplinär ausgerichtet und faßt verschiedene Richtungen und Theorien unter ihrem Dach zusammen. Aus diesem Grunde werde ich im folgenden Teil so detailliert wie möglich auf die Emotionsethnologie eingehen und erst im Anschluss die von mir verwendeten Perspektiven herausarbeiten. Ich denke, dass dies für eine theoretische Arbeit, die sich explizit mit bestimmten Perspektiven der Emotionsethnologie befasst, unverzichtbar ist.

Da hier versucht werden soll, eine Perspektive zu entwerfen, die die Betroffenen in den Mittelpunkt der Analyse stellt, war es notwendig, so weit wie möglich auf, von anderen Autoren vorgenommene Kategorisierungen zu verzichten. Dies schlägt sich vor allem in den Kapiteln nieder in denen intensiver Gebrauch von Interviews gemacht wird. Es ist in diesen Teilen erforderlich immer wieder verschiedene Aspekte anzusprechen, da sie nach Personen und nicht nach wichtigen Thematiken gegliedert sind.

In dieser Arbeit wurde versucht den emotionalen Gehalt politischer und alltäglicher Zusammenhänge in den Vordergrund zu rücken. Um das möglich zu machen wurden an einige Stellen der Arbeit Stilmittel wie Ironie verwendet. Um die Emotionalität der geschilderten Umstände nicht hinter einem Schleier wissenschaftlicher Terminologie verschwinden zu lassen musste an einigen Stellen auf die ausgedehnte Verwendung einer stark abstrahierten Terminologie verzichtet werden, daraus ergibt sich in einigen Abschnitten eine umgangssprachliche Prägung des Textes, die außerdem mit der Umfangreichen Verarbeitung biographischen Materials zu erklären ist.

1. Die Emotionsethnologie

Die Emotionsforschung ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Deshalb werden in dieser Arbeit auch unterschiedliche Disziplinen zu Wort kommen. Zu den beteiligten Disziplinen gehören neben der Ethnologie vor allem die Psychologie, die Kognitionsforschung, die Soziologie und in gewissem Umfang auch die Pädagogik. Nachdem ich grundsätzliche Aussagen und Richtungen der Emotionsforschung und der Emotionsethnologie dargestellt habe, werde ich darauf eingehen, inwiefern die Emotionsethnologie für den Themenkomplex der Immigration und Integration von Türken in Deutschland relevant ist. Dabei soll auch zur Sprache kommen, wie eine emotionsethnologische Betrachtung dieser Thematik zur Verbesserung und Verfeinerung der Methodik und zur theoretischen Formation der Emotionsethnologie selbst beitragen kann.

Wie Röttger-Rössler in ihrem Buch „Die Kulturelle Modellierung des Gefühls“ (2004) werde ich mich zunächst den beiden grundsätzlichen Richtungen in der Forschung zu den Emotionen widmen, der konstruktivistischen und der biologischen Perspektive. Dabei wird die in der Ethnologie kaum verfolgte biologische Perspektive eine untergeordnete Rolle spielen. Anschließend werde ich einige ergänzende Konstrukte betrachten, um eine Perspektive auf Emotionen zu entwerfen, die beide Extreme in sich aufnimmt. Als Leitfaden dient mir dabei die Darstellung der Emotionsethnologischen Theorie bei Röttger-Rössler.

Die Emotionsforschung ist ein relativ neues Gebiet. Vor allem in den letzten 20 Jahren haben sich die beteiligten Wissenschaften immer stärker mit diesem Phänomen auseinander gesetzt. 1977 organisierte Thomas Scheff im Rahmen eines ASA-Meeting (American Sociological Asociation) die erste Sitzung zum Thema Emotionen. Zwischen 1975 und 1998 fand sich eine Gruppe von Forschern, die sich den Emotionen widmeten und dies vor allem im Rahmen der zu dieser Zeit neu gegründeten Sektion der Soziologie der Emotionen bei der ASA (Erickson 1997:4).

Martin und Tesser bezeichnen die 90er sogar als das Jahrzehnt der Emotionen. Die Forschung hat also vor allem in den letzten 10 – 15 Jahren stattgefunden (Mittmansgruber 2003:10).

Emotionen wurden, vor allem in der Zeit vor den 80er Jahren, zunächst als psychobiologische Prozesse gesehen (Abu-Lughod/Lutz 1990:2).

In der gleichen Zeit wurde das Thema Emotionen auch in der Ethnologie entdeckt.

„Ethnographic study of emotion has flourished in the past 20 years as part of the broad reaction in anthropology against the oversimplified views of practices and relationships that prevailed in an older conception of culture” (Reddy 1997:327).

Wichtige Forschungen gab es zunächst vor allem zum Universalismus von Emotionen. Hier ist vor allem Paul Ekman zu nennen, der sich, in Zusammenarbeit mit Wallace Friesen, Gesichtsausdrücken widmete, die mit emotionalem Erleben einhergehen. Diese Richtung der Emotionsforschung wird im Kapitel zu den Ansätzen der biologisch orientierten Forschungen weiter ausgeführt.

Was aber ist eine Emotion? Diese Frage ist zentral für die Forschung. Da es aber viele verschiedene Ansätze gibt, existiert bisher keine allgemein gültige Definition.

„There are as many alternative definitions of emotions as there are theorists. Emotions are variously defined as changes in arousal, as innate neural programmes, as responses to discrepancy, as social constructions, as cognitive Schemata or prototypes, as action tendencies, as interrupt mechanisms, as epiphenomena, etc.” (Scherer 1993:4 zitiert nach: Mittmansgruber 2003:17).

Wenn es auch keine genaue Definition der Emotionen gibt, so hat die intensive Forschung der letzten Jahre doch ergeben, dass die meisten Forscher sich auf die Zusammenstellung verschiedener Faktoren einigen können (Mittmansgruber 2003:17).

“Es besteht jedoch weitgehend Konsens, dass Emotionen Prozesse sind, die über mehrere Komponenten gefasst werden können. Die in diesem Zusammenhang diskutierten Komponenten sind eine kognitive, eine (neuro-) physiologische, eine motivationale, eine Gefühls- und eine Verhaltens- bzw. Ausdruckskomponente. Je nach theoretischem Modell werden diese Komponenten unterschiedlich gewichtet“ (Mittmansgruber 2003:17).

Dabei ist es auch wichtig zu erwähnen, dass niemand eine Abhängigkeit emotionaler Ausdrucksformen und emotionalen Empfindens von lokaler Kultur bestreitet (Röttger-Rössler 2004:8).

„Wichtig bleibt lediglich festzuhalten, dass sich die unterschiedlichen Definitionsansätze alle mehr oder weniger um die hier aufgeführten Komponenten wie die Intensität, die Dauer, die Intentionalität, die Grenzziehung zwischen Stimmung und Emotion, sowie die Relation zwischen Physiologie und Kognition drehen“ (Röttger-Rössler 2004:52).

Nachdem klar ist, dass das Feld der Emotionsforschung keine orthodoxe Richtung mit festgelegter Methodik oder Theorie darstellt, sondern vielmehr ein hochkomplexes, interdisziplinäres Forschungsfeld, über das auch unter Experten gestritten wird, möchte ich nun damit beginnen, mich genauer mit den verschiedenen Konstrukten und Erklärungsansätzen zur Funktion und Bedeutung der Emotionen zu beschäftigen.

1.1 Die biologisch akzentuierte Forschung

Die biologisch orientierte Forschung sieht Emotion als universal. Damit können alle Menschen nur eine gewisse Bandbreite an Emotionen haben und zwar alle die gleichen. Verschiedene Termini in unterschiedlichen Kulturen würden somit trotzdem immer das gleiche Gefühl beschreiben. Wut wäre immer Wut, egal von wem sie gefühlt wird oder welche linguistische Repräsentation für den inneren Zustand gewählt wird (Röttger-Rössler 2002:8ff.).

Wie erwähnt wird es aber allgemein nicht bezweifelt, dass die Emotionen und ihr Ausdruck abhängig sind von der Kultur, in der das Individuum lebt. Die Vertreter der biologischen Perspektive jedoch gehen davon aus, dass die Menschen alle mit der gleichen Grundausstattung an Emotionen geboren werden und diese auch behalten. Der kulturelle Unterschied wird vor allem in den „display rules“ (Ekman/Friesen 1969:75), also den Regeln zum sozial anerkannten oder sozial geächteten Ausdruck von Emotionen, gesehen. Darauf wird im Laufe der Arbeit zurückzukommen sein.

1.1.1 Primär- und Sekundäremotionen

Es wird davon ausgegangen, dass sich Emotionen in Primär- und Sekundäremotionen unterteilen lassen. Auch in diesem Punkt gibt es selbst unter den Forschern, die sich über die biologische Universalität der Emotionen einig sind, nicht viele gemeinsame Überzeugungen (Röttger-Rössler 2004:8).

Röttger-Rössler unterscheidet vier verschiedene Grundpositionen zu den Basisemotionen:

Die erste besteht darin zu sagen, dass es vier neurale Schaltkreise gibt, die sich mit vier Basisemotionen korrelieren lassen. Erwartung oder Begehren; Furcht; Wut; Panik oder Schmerz.

Der zweite Ansatz postuliert die Existenz von drei Basisemotionen, die sich in der vorsprachlichen Kindheit entdecken lassen. Hier werden die Emotionen als elementar für das Überleben gesehen. Missempfinden oder Furcht, Wohlbefinden und Interesse, sind die drei Basisemotionen, die dann, vor allem während des Spracherwerbes, ausdifferenziert werden.

Die dritte Position sieht Basisemotionen als diejenigen an, die sich in allen Kulturen wiederfinden lassen. Sie werden z.B. in ähnlichen Gesichtsausdrücken oder semantischen Kategorien identifiziert oder auch in ähnlichen Antezedenzen, also den Situationen, von denen Gefühle ausgelöst werden. Emotionen, die in diesen 3 Punkten universal zu sein scheinen, werden als angeboren und biologisch betrachtet Die vierte Perspektive konstruiert Basisemotionen abhängig von ihrem evolutionären Adaptionswert. Als Basisemotionen gelten hier die für das Überleben von Menschen in ihrer Umgebung wichtigsten Emotionen (Röttger-Rössler 2004:9ff.).

Als primäre Emotionen werden also häufig solche bezeichnet, von denen man annimmt, dass sie evolutionäre Entstehungsgründe haben. Der evolutionäre Sinn der Emotionen wird mit ihrer adaptiven Funktion begründet, also damit, dass sie uns auf bestimmte Situationen schnell vorbereiten. Emotionen werden hier also als angeborene Affektprogramme betrachtet (Mitmansgruber 2003: 27f.).

Auch über die sekundären Emotionen und deren Natur gibt es noch keine allgemeingültigen Aussagen. Ein Denkansatz besteht darin, dass sich die Sekundäremotionen zu den Primäremotionen verhalten wie die Mischfarben zu den Grundfarben, dass sie sich also aus verschiedenen Bestandteilen der Primär- oder Basisemotionen zusammenstellen. Uneinigkeit besteht darüber, ob sich die ursprünglichen Bestandteile nach dem Mischen noch erkennen lassen (Röttger-Rössler 2004:11.).

Die Unterscheidung von Primär- und Sekundäremotionen ist in der Forschung in den letzten Jahren immer weniger relevant geworden. Auch in dieser Arbeit wird diese Distinktion keine wichtige Rolle spielen.

1.1.2 Display Rules

Einer der Pioniere der Emotionsforschung ist der bereits erwähnte Paul Ekman, der zusammen mit Wallace Friesen emotionale Gesichtsausdrücke untersuchte. Ihre These besagt, dass Gesichtsausdrücke, die emotionales Erleben widerspiegeln, universal sind. Damit würde folgerichtig auch die Universalität der Emotionen einhergehen. Indem die Forscher Probanden aus fünf verschiedenen Kulturen Fotos von Gesichtsausdrücken zeigten und diese baten, aus einer Liste die zugehörigen emotionalen Termini auszuwählen, kamen sie auf die Existenz von sechs Universalen Emotionen: Freude, Überraschung, Furcht, Wut/Ärger, Widerwille/Ekel und Traurigkeit (anger, disgust, fear, happiness, sadness, surprise). Diese Emotionen, so Ekman und Friesen, würden alle durch bestimmte Bewegungen der Gesichtsmuskulatur ausgedrückt und universell wieder erkannt (Röttger-Rössler 2004:13.).

Die ethnologische Forschung hatte zu dieser Zeit bereits eindeutige Evidenzen für eine kulturelle Unterschiedlichkeit der emotionalen Ausdrücke. Um die Evidenzen der Ethnologen und die eigene Forschung zu Universalien in Einklang zu bringen, entwickelte Ekman das Konzept der „display rules“. Diese „display rules“ legen fest, welcher Ausdruck in einer Gesellschaft wann und zu welchem Maße eingesetzt werden muss, um den gesellschaftlichen Regeln und dem sozialen Gefüge gerecht zu werden. Ekman unterscheidet dabei 4 Kategorien der bewussten Beeinflussung emotionaler Gesichtsausdrücke zur Herstellung einer Übereinstimmung mit kulturellen Werten, Normen und Hierarchien:

- Das Herunterspielen emotionaler Zustände,
- die Intensivierung emotionaler Zustände,
- das Zeigen eines möglichst neutralen emotionslosen Verhaltens,
- das Vortäuschen von nicht gefühlten Emotionen (Röttger-Rössler 2004:14ff.).

Nach Ekman sind die „display rules“:

„overlearned habits about who can show what emotion to whom and when they can show it“ (Ekman 1984:320).

Der faziale Ausdruck von Emotionen ist aber nur ein geringer Teil der Forschung. Für die vorliegende Arbeit haben sie weniger Relevanz. Dem Konstrukt der „display rules“, also den von der Kultur und Gesellschaft beeinflussten Werten und Normen in Bezug auf das Verhalten in emotional bedeutsamen Situationen, werde ich im Laufe der Arbeit mehr Aufmerksamkeit schenken.

1.1.3 Antezendenzen

Ein weiterer häufig verfolgter Ansatz im Rahmen einer biologischen Perspektive auf Emotionen ist der der Antezendenzen von Emotionen, also den auslösenden Momenten. Jerry Boucher und Mary Brandt haben versucht, auch hier Universalien aufzudecken, indem sie 60 amerikanische und 60 malaische Gewährspersonen Geschichten oder Situationen aufschreiben ließen, die Emotionen in ihnen auslösen. Die Personen sollten jeweils eine Geschichte zu den oben bereits von Ekman postulierten sechs Grundemotionen aufschreiben (anger, disgust, fear, happiness, sadness, surprise). Die Geschichten wurden dann getauscht und von den anderen Teilnehmern den jeweiligen Emotionen zugeordnet. Die Ergebnisse sind sehr ausgeglichen, die Amerikaner erkannten 65,8, die Malaien 68,9 Prozent der Ereignisse bzw. ordneten den Geschichten die richtigen Emotionstermini zu (Röttger-Rössler 2004:19ff.).

Der Umgang mit Emotionen lässt hier eine eindeutig naturwissenschaftliche Prägung erkennen. Die „display rules“ werden nicht als Faktoren berücksichtigt, die die Zuordnung verfälschen können, Einstellungen und kulturelle Präferenzen werden nicht mit in die Untersuchung eingeschlossen. Damit wird auch nicht untersucht welche Qualität oder Tiefe Emotionen haben, außerdem wird jegliche Art von Handeln unberücksichtigt gelassen.

„Der Komplexität emotionaler Prozesse werden derartig einseitig konzipierte und methodisch fragwürdige Studien, welche kulturelle Differenzen letztendlich einfach wegskalieren, nicht gerecht“ (Röttger Rössler 2004:23).

Anspruchsvollere und facettenreiche interkulturelle Studien zu Antezedenzen kamen vom Psychologen Klaus Scherer. In seinen Studien werden auch Reaktionen auf emotionale Erregung und die subjektive Wahrnehmung von Emotionen bzw. Regulationsversuche derselben berücksichtigt (Röttger Rössler 2004:23f.).

Auf die Anstrengungen der Menschen, ihre Emotionen zu regulieren, sie den Gegebenheiten und den kulturellen Erwartungen anzupassen, soll später gesondert eingegangen werden.

Scherer geht zwar ähnlich vor wie Boucher und Brandt, die Geschichten, die den jeweiligen Emotionen zugeordnet werden sollten, waren aber erlebte, reale Geschichten. Die Teilnehmer an der Studie sollten außerdem ihre eigenen Reaktionen, die gefühlte Emotion und die Intensität dieser Emotion festhalten. Es wurden Studenten aus 27 Ländern und allen Kontinenten befragt. Auch Scherers Ergebnisse zeigen einen hohen Anteil an Universalien. Es ist aber wichtig zu beachten, dass die Befragten alle aus studentischen Kreisen kommen, wodurch sie eine gemeinsame Prägung haben, die sich auch durch eine ähnliche Rezeption von und den Umgang mit Medien und Parallelen in ihrem alltäglichen Umfeld erklären lässt. Außerdem wurden die Ergebnisse nur quantitativen Auswertungsverfahren unterzogen. Diese Tatsache und die nötige Beschränkung auf 7 Emotionen, die sich mit der Größe der Studie begründen lässt, sind Aspekte, die die Ergebnisse bereits vorstrukturierten (Röttger-Rössler 2004:23-27).

Die wichtigste Kritik an einem solchen Vorgehen ist jedoch, dass die Forscher immer europäische Emotionstermini (anger, disgust, fear, happiness, sadness, surprise) für die Kategorisierung und Zuordnung der Situationen verwenden. Diese Vorgehensweise lässt einen gewissen Eurozentrismus erkennen. Lutz z.B. beschreibt den Emotionsterminus fago der Ifaluk in Mikronesien als eine Mischung aus compassion/love/sadness. Daraus lässt sich schließen, dass viele der getroffenen Zuordnungen nur wenig eindeutig waren und dem indigenen Begriff wohl nicht immer entsprachen.

„[…] diese wenigen Beispiele genügen, um aufzuzeigen, dass die Klassifikationsysteme im Bereich der Emotionen z.T. sehr unterschiedlich sind bzw. dass Emotionen in verschiedenen Kulturen aufgrund unterschiedlicher Aspekte kategorisiert und gewichtet werden. Eine von den jeweiligen kulturspezifischen Klassifikationssystemen losgelöste Untersuchung einzelner, vorgegebener emotionaler Bereiche, kann interkulturelle Ähnlichkeiten produzieren, die de facto nicht gegeben sind“ (Röttger-Rössler 2004:28-29).

1.1.4 Kognitive Landkarten (Karl Heider)

Das ethnologische Interesse zielt hauptsächlich auf die kulturellen Unterschiede und weniger auf Universalien ab. Deshalb soll an dieser Stelle die Untersuchung Karl Heiders betrachtet werden. Er initiierte eine Studie zu den kulturellen Unterschieden im emotionalen Erleben. Wie Scherer nähert er sich der fremden Kultur dabei zunächst über die Sprache, also über die Analyse verschiedener Emotionstermini aus dem Indonesischen. Genauer beschäftigt sich Heider mit den Minangkabau aus West-Sumatra. Er trägt der bilingualen Situation der meisten Indonesier Rechnung, indem er Emotionsvokabularien für Bahsa Minangkabau und Bahsa Indonesia erstellt und diese mit dem von den Javanern gesprochenen Indonesisch vergleicht.

Heider beschäftigt sich mit der Thematik anhand von drei Leitfragen. Er fragt, erstens, ob sich die „cognitive maps of emotion words“[2] unterscheiden, wenn die Minangkbau in ihrer Muttersprache oder der Nationalsprache sprechen. Daran anknüpfend fragt er, ob Mitglieder unterschiedlicher kultureller Gruppen die gleichen oder verschiedene emotionale Landkarten aufweisen, wenn sie in Indonesisch sprechen. Und drittens untersucht er, auf welche Unterschiede sich eventuelle Differenzen in den kognitiven Matrizes zurückführen lassen. Damit hat Heider eine differenzierte Studie durchgeführt, die auf einem Emotionslexikon mit 38 Begriffen basiert. Das Besondere daran ist die Erstellung eines Emotionslexikons, das zunächst genauer die emische Konstruktion und Bedeutung der Worte hinterfragt und damit einer ethnologischen Perspektive am ehesten gerecht wird. Trotzdem erfasst er die komplexe Wirklichkeit der emotionalen Prozesse nicht (Röttger-Rössler 2004:32-40).

„Auch wenn Heider von einem emotionalen Prozess spricht, so geht er implizit doch von einem Zwei-Schichten-Modell aus: Emotionen sind für ihn nicht weiter spezifizierte inner states mit externen Manifestationen, die ihrerseits kulturell variabel sein können. Inwieweit aber diese „kulturellen Externa“ Einfluss auf das innere Erleben nehmen und es formen können, thematisiert Heider ebenso wie die anderen hier vorgestellten Vertreter eines biologisch-universalistischen Ansatzes, nicht“ (Röttger Rössler 2004:40).

1.2 Zur Kritik am biologischen Ansatz

Die Kritik am biologisch orientierten Modell ist vor allem aus der Sicht der Emotionsethnologie sehr groß. Das Denken in einem Zwei-Schichten Modell ist bereits erwähnt worden. Besonders angreifbar ist, dass damit ein Modell von Emotionen propagiert wird, das das Fühlen unabhängig vom Denken sieht. Der Sprache wird in Bezug auf die Emotionen eine rein referenzielle Rolle zugeschrieben; dass dies eine sehr vereinfachende Sicht auf Emotionen ist, soll im folgenden Teil der Arbeit deutlich gemacht werden. Ein weiterer ethnologisch motivierter Kritikpunkt ist es, dass durch die Verwendung von amerikanischen und westlichen Emotionstermini sich ein westlicher Imperialismus über die Emotionen entfaltet, eine Definitionshoheit über die Emotionen. Die Konsequenz aus einer Sichtweise auf Emotionen, wie sie in den biologischen Ansätzen existiert, ist es, dass die Emotionen als voneinander trennbare Basis- und Primäremotionen erscheinen, die sich isolieren und getrennt voneinander untersuchen lassen. Vor allem für diese Arbeit ist es extrem wichtig zu erwähnen, dass biologische Perspektiven die Emotionen aus ihrem Kontext herauslösen. Selbst die Forschungen zu Antezedenzen werden so stark operationalisiert, dass am Ende nichts von der sozialen Situation übrig bleibt, die als Antezedenz beschrieben wurde. Enttäuschte, wütende oder trauernde Personen gibt es nur in ganz bestimmten, kulturell hochkomplexen Situationen. Diese werden von der biologischen Perspektive fast vollständig aus der Analyse ausgeschlossen (Röttger-Rössler 2004:40-44).

Einem Emotionsethnologen stellt sich also weniger die Frage nach dem Sein der Emotion, danach, was Emotion ist, sondern vielmehr danach was Emotion bedeutet. Wichtig ist, wie sie das Individuum, die Situation und die Gruppe in einer bestimmten sozialen Situation beeinflusst. Die konstruktivistischen Ansätze beschäftigen sich stärker mit dieser Frage, deshalb findet nun eine Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen statt und deshalb werden sie in meiner Arbeit eine prominente Rolle spielen.

1.3 Die konstruktivistische Perspektive

Innerhalb des konstruktivistischen Ansatzes werden Emotionen im Allgemeinen als kulturell konstruierte Phänomene betrachtet, die physiologische Prozesse auslösen können, von diesen aber nicht determiniert werden. Der konstruktivistische Ansatz verortet Emotionen in der kognitiven Dimension, bringt sie also mit den Schaltzentralen im Gehirn in Verbindung, die einen Informationsaustausch zwischen den Funktionen Wahrnehmung, Bewusstsein und Handeln darstellen. Sie stellen also einen zentralen Aspekt kultureller Bedeutungssysteme dar (Röttger-Rössler 2004:44f.).

1.3.1 Grundannahmen

Röttger-Rössler beschreibt fünf grundlegende Annahmen des konstruktivistischen Ansatzes:

- Erstens sind Emotionen Beurteilungen von Situationen auf der Basis von kulturellen Werten und Glaubensvorstellungen, basieren also auf kognitiven Prozessen.
- Zweitens werden während der Sozialisation bestimmte Emotionen mit bestimmten Situationen verknüpft. Dadurch wird die Vielfältigkeit menschlicher Erfahrungen durch Emotionen gebündelt.
- Drittens sind Emotionen sozial vorgeschriebene Reaktionen, beeinflussen also auch die Handlungen des Individuums.
- Für diese Arbeit ist es von besonderer Bedeutung, dass viertens, die Emotionen als Bewertung und Beurteilung stets zielgerichtet und objektbezogen sind. Sie stehen demnach immer in einer Relation zu etwas und binden somit das Individuum in seine soziale und materielle Umwelt ein.
- Was fünftens, bedeutet, dass Emotionen eine entscheidende soziale Funktion zukommt, weil sie mit den Wertesystemen der Gesellschaft verbunden sind (Röttger Rössler 2004:45f.).

„Emotionen stellen die Kraft oder Energie dar, die Handlungen provozieren kann, die Kognition in Aktion wandelt. Sie sind damit keine idionsynkratische Angelegtheit, sondern eine bedeutende soziale Kraft, die von großer Signifikanz für die Perpetuierung sozialer Systeme ist“ (D’Andrade 1995:228).

Die Forscher sind sich immer noch uneinig darüber, wie die körperliche Dimension einer emotionalen Erfahrung entsteht bzw. welche Rolle sie spielt (Röttger-Rössler 2004:46.).

So wird z.B. angenommen, dass nicht jede Emotion mit einer bestimmten körperlichen Reaktion einhergeht. Es wird noch darüber gestritten, welche Reaktionen es gibt, wie sie sich ausgestalten und ob eine authentische Kommunikation über den internen Status eines Menschen überhaupt möglich ist. Die wenigen Untersuchungen, die es über dieses Thema gibt, zeigen, dass sich z.B. bei Ärger die Fingertemperatur erhöht, aber auch, dass sich bei verschiedenen sowohl negativen als auch positiven Emotionen der Herzschlag erhöht. Eine ungeklärte Frage, die mit diesem Komplex zusammenhängt, ist es, ob ein Mensch Angst bekommt, deshalb zittert und dann wegläuft, oder ob sich zunächst die physiologische Reaktion, also das Zittern einstellt, welches die Emotion Angst auslöst, welche wiederum den Fluchtinstinkt auslöst (Mitmansgruber 2003:19-22).

In dieser Diskussion zeigen sich Überschneidungen der biologischen und konstruktivistischen Perspektiven, beide definieren solche Fragen lediglich als verschieden wichtig.

1.3.2 Macht und Emotion

Emotionen werden von den extremen Konstruktivisten als vollständig soziokulturelle Phänomene angesehen. Im Vordergrund stehen Konstruktion und Effekt von Emotionen, nicht die Frage nach ihrer physiologischen Herkunft. Sowohl Mitmansgruber als auch Röttger-Rössler und andere weisen aber darauf hin, dass Emotionen ohne Gefühle, also ohne physische Reaktionen, vor allem für Laien nicht vorstellbar sind. Auch innerhalb des Lagers der Konstruktivisten gehen die Meinungen also auseinander: die einen sehen die Emotionen als soziokulturelle Phänomene, die anderen sehen die körperlichen Phänomene als essentiellen Bestandteil der Emotionen (Röttger-Rössler 2004:47-50; Mimansgruber 2003:17-22).

„The strong constructionist stand is one that views the individual as fully plastic, and it is one that, as a result, cannot provide grounds for a political critique of any given construction“ (Reddy 1997:329).

Reddy kritisiert extreme Konstruktivisten, zu denen er besonders die drei Autoren Abu-Lughod, Grima und Lutz zählt für ihre Verstrickung in Relativismus. Auf Reddys Forderung nach einer historischen Forschung der Emotionen, die eine politische Beurteilung möglich macht, wird später zurückzukommen sein.

Lutz und Abu-Lughod haben allerdings eine Herangehensweise an Emotionen, die einige wichtige Perspektiven, besonders auch ethnologisch relevante beinhaltet. Dabei spielt die Performativität eine Rolle, die nun auch die Handlungen des Subjekts in die Rechnung mit einbezieht: „Rather than seeing them as expressive vehicles, we must understand emotional discourse as pragmatic acts and communicative performances.” (Abu-Lughod/Lutz 1990:11)

Außerdem wird die Dimension des Sozialen als bestimmend gesehen, die Untersuchung interner Zustände wird dabei als wenig erkenntnisleitend betrachtet (Abu-Lughod/Lutz 1990 2-8) “[…] we argue that emotion talk must be interpreted as in and about social life rather than as veridically referential to some internal state.” (Abu-Lughod/Lutz 1990:11)

In ihrer Betrachtung der Emotionen gleichen die beiden Forscherinnen auch ein Versäumnis der biologischen Perspektive aus. Dabei kommt die grundsätzliche Idee des Management der Emotionen zum Ausdruck, eine weitere Facette der Wirkungsweise von Emotionen innerhalb der sozialen Ordnung. “Emotion can be said to be created in, rather than shaped by speech…” (Abu-Lughod/Lutz 1990:12).

Eine weitere wichtige Erkenntnis der beiden Autoren wird für diese Arbeit eine besondere Rolle spielen:

„Two aspects of social relation emerge as crucially tied to emotion discourse: sociability and power relations” (Abu-Lughod/Lutz 1990:13).

In einem Artikel des Sammelbandes „Language and the Politics of emotion“ untersucht Lutz die Verbindungen der Kategorie „Frau“ mit der der Emotionen. Emotionen werden als eher irrational angesehen, die Verknüpfung der Frau mit der Emotion gibt dem Bild des Weiblichen damit auch den touch der Irrationalität (Lutz 1990:69).

„This network of association sets emotion in disadvantage contrast to more valued personal processes, particularly to cognition or rational thought” (Lutz 1990:69).

Auf dem Weg der Befragung durch Interviews mit 15 Männern und Frauen der arbeitenden Mittelschicht fand Lutz heraus, dass Frauen durchgehend als die emotionaleren Wesen beschrieben werden. Ein typisches Thema bei der Konversation über Emotionen war die Kontrolle derselben. Auffällig war es, dass Frauen doppelt so oft über emotionale Kontrolle gesprochen haben wie die Männer. Ebenfalls ist bei den Frauen zu beobachten, dass sie meist über sich als die zu kontrollierende Person sprechen, aber auch über sich als die kontrollierende Person. Die Tendenz zur Selbstdisziplinierung ist hoch unter den befragten Frauen. Weiterhin wird, so Lutz, fehlende Disziplin als Mangel betrachtet, womit die Frau durch ihre Verknüpfung mit der Kategorie der Emotionen als ein besonders undiszipliniertes, emotionales, deshalb unberechenbares und gefährliches Wesen dargestellt wird. Das zwingt die Frau zur Selbstdisziplin (Lutz 1990:69-78).

„When emotion is defined, as it is also in the West, as something inside the individual, it provides an important symbolic vehicle by which the problem of the maintenance of social order can be voiced” (Lutz 1990:73).

Damit wird die Emotion und deren Kontrolle zu einem wichtigen Bestandteil einer sozialwissenschaftlichen Analyse zum Verhältnis von Macht und ihrer Ausübung. „Talk about emotional control in and by women, in other words, is talk about power and its exercise” (Lutz 1990:70). Dabei spielt auch die Konstruktion der Emotion als etwas Natürliches eine Rolle. „Given its definition as nature, at least in the West, emotion discourses may be one of the most likely and powerful devices by which domination proceeds“ (Lutz 1990:78).

Lutz ist davon überzeugt, dass die wissenschaftlichen Diskurse sich mit den alltäglichen überschneiden und, dass zwischen ihnen ein dialektisches Verhältnis besteht. Dem wissenschaftlichen Diskurs fällt damit eine Mitschuld an der Disziplinierung der Frauen und ihrer Psyche zu. Dass diese Art der Definition als Instrument der Machtausübung betrachtet werden kann, wird auch dadurch begründet, dass Ärger aus der besonderen Emotionalität der Frauen ausgeschlossen ist und für die männliche Domäne steht (Lutz 1990:80-87).

“In other words, the contemporary dominant discourse on emotions – and particularly the view that they are irrational and to be controlled – helps construct but does not wholly determine women’s discourse; there is an attempt to recast the association of women with emotion in an alternative feminist voice” (Lutz 1990:87).

1.3.3 Management von Emotionen

R.J. Erickson spricht sich im Rahmen des Buches „Social perspectives on emotions“ für die Verwendung eines „emotional culture framework “ (Erickson 1997:8) aus. In Bezug auf das Management von Emotionen ist sie dagegen, Emotionen, die durch bewusstes Handeln beeinflusst sind, also ‚gemanagte’ Emotionen, als unauthentisch zu bezeichnen. Es geht ihr dabei darum, das Verhältnis zwischen gefühlten Emotionen und emotionalem Management neu zu überdenken (Erickson 1997:5 ff.).

„Such a reconsideration is necessary given that living in a postindustrial, service.based, therapeutic society requires that people become adabt at the successful execution of emotion management techniques” (Erickson 1997:7).

Sie macht damit einen wichtigen Schritt, denn diese Aussage ist impliziert, dass es einen interaktionalen Prozess zwischen Handeln und Fühlen gibt, dass Emotionen durch bestimmte Techniken tatsächlich veränderbar sind, dass sie eine adaptive Funktion erfüllen. Damit ist eine weitere Verknüpfung zwischen Macht und Emotion etabliert, die sich in dem Wunsch nach normgerechtem Verhalten manifestiert. Erickson verliert auch den Kontext und die soziale Gebundenheit der Emotionen nicht aus den Augen.

„The emotional-culture framework provides insight into how to view the content of emotional experience within a particular interactional setting (e.g., anger at a rude customer in the context of payed employment) and into the normative expectations prescribing one´s response to such emotional experience” (Erickson 1997:8).

Das breite Spektrum der Forschung zu Emotionen zeigt sich an den breit gefächerten Themen die in „Social perspectives on emotions“ behandelt werden. Der eindeutige Schwerpunkt auf dem emotionalen Management ist trotzdem nicht zu übersehen. Die Themen umfassen sowohl die Art und Weise, wie Ärzte mit den Emotionen ihrer Klienten umgehen und wie sie ihre eigenen Emotionen Managen (DeCoster 1997), als auch verschiedene therapeutische Ansätze zum Management der Emotionen (Francis 1997) und die Untersuchung eines Call-Centers, das für eine wohltätige Organisation Spenden über das Telefon einsammelt (Erickson/Smith 1997).

Das zuletzt genannte Beispiel beschreibt, wie junge, teilweise hochengagierte Menschen zwar den Beruf des ‚Telefonisten’ ausüben, sich selbst aber als Umweltschützer sehen und daraus persönlichen Nutzen für Selbstbild und –bewusstsein ziehen.

Den Trainern des Call-Centers gelingt es durch geschickte Verknüpfung persönlicher Ziele mit den Zielen der Organisation und durch die Assoziation der Tätigkeit für die Firma mit der Tätigkeit für ein persönliches Ziel, die Angestellten relativ gut bei Laune zu halten, trotz fester Erfolgsquoten, mittelmäßiger Löhne für Akkordarbeit und strenger Führung. Die motivationale Kraft der Emotionen, die jeder Einzelne mit dem persönlichen Ziel des Umweltschutzes verbindet, wird hier zur Produktivitätssteigerung genutzt. Obwohl viele der Mitglieder sich als Umweltschützer verstehen, ist bei der Anfrage der Trainer nach Freiwilligen für unentgeltliche Arbeit auf einem Event niemand zu finden. Das Management der eigenen Emotionen durch die Mitarbeiter des Call-Centers, angeregt durch die Trainer, scheint nicht die gleiche motivationale Kraft zu haben wie ein tatsächliches persönliches Ziel: Die Angestellten sind zwar in einem gewissen Ausmaß manipuliert, sind sich aber dieser Manipulation bewusst und setzen ihr persönliche Grenzen (Erickson/Smith 1997:317-349).

Die Komplexität und Unberechenbarkeit, die Ambivalenz emotionaler Prozesse tritt hier deutlich zum Vorschein.

1.3.4 Kognition und Emotion: Die Schema-Theorie

Es bleibt in diesem Teil der Arbeit ein letztes wichtiges Konstrukt zu beschreiben. Das Konstrukt der „Schemata“ oder die „Schema-Theorie“. Sie wird in meiner Arbeit, vor allem in der Zusammenführung der beiden Themenkomplexe eine wichtige Rolle spielen und dient als Fundament für viele der im Verlauf der Arbeit gemachten Überlegungen. Die Schemata kommen aus der Kognitionsforschung und sind auch in der Kognitionsethnologie prominent. Sie beschreiben die grundsätzliche Funktion kognitiver Prozesse.

Die kleinsten Bausteine kognitiver Prozesse werden meist Schemata genannt. Es gibt auch einige andere Begriffe wie ‚scenario’, ‚script’ oder ‚memory organization packs’, diese Begriffe meinen aber alle die gleichen mentalen Prozesse bzw. Strukturen. Da „Schemata“ der am häufigsten verwendete Terminus ist, soll er auch hier Verwendung finden (Casson 1983:429f.).

Bartlett verwendete diesen Begriff als erster. Die Vergangenheit funktioniert, so Bartlett, eher wie eine organisierte Masse, denn wie verschiedene Gruppen und Elemente, die jeweils ihren speziellen Charakter behalten. Schemata werden verwendet, um einen diffusen Eindruck eines Ganzen zu bekommen und weniger zur Bearbeitung von Details (Casson 1983:430).

„Schemata are conceptual abstractions that mediate between stimuli received by the sense organs and behavioral responses” (Casson 1983:430).

Die Schemata organisieren komplexes Wissen, indem sie Erfahrung abstrahieren. Schemata bestehen aus verschiedenen kleinen Variablen und entsprechenden Assoziationen. In dem Schema ‚Kaufen’ würden z.B, Variablen wie ‚Käufer’, ‚Handeln’, ‚Verkäufer’, ‚Geld’ oder auch ‚Tausch’ verarbeitet und miteinander in Verbindung gesetzt, wodurch eine dem Schema entsprechende Handlung evoziert wird. Die Schemata befinden sich dabei in einer anderen Dimension als Regeln, welche wesentlich bewusster wahrgenommen werden (Casson 1983:431ff.).

“Schemata are autonomous and automatic – once set in motion they proceed to their conclusion – and they are generally unconscious, nonpurposive, and irreflexive; rules, in contrast, are conscious, purposive, and reflexive, i.e. they have feedback loops that enables self-modification” (Casson 1983:431).

Schemata sind Informationsprozessoren. Bei der Aneignung bzw. beim Erlernen der Schemata wird komplexe Erfahrung durch Kognition in schematische Automatismen umgewandelt, die es den Menschen ermöglichen, extrem komplexe Zusammenhänge aufgrund von Gefühlen und entsprechenden Handlungen zu bewältigen, ohne eine lange Zeit des Denkens zu benötigen. Dabei finden sich diese mentalen Schemata nicht nur in der Domäne der Linguistik, sondern im gesamten System menschlicher Wahrnehmung. In einem dialektischen Verhältnis beeinflussen sich Schemata und Umwelt. Indem die Menschen aufgrund ihrer Erfahrung auf ihre Umwelt einwirken und diese wiederum in neuen Schemata oder durch die Ergänzung alter Schemata verarbeiten und internalisieren entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Die Kognitionsethnologie, das ist von großer Bedeutung, lässt dabei auch Raum für die Genese nicht nur kultureller sondern auch idiosynkratischer Schemata (Röttger-Rössler 2004:70-79).

„Die mentalen Modelle, die Menschen sich in der Interaktion mit der sie umgebenden externen Welt von dieser und ihren Strukturen bilden, sind nur zum Teil kultureller Art im Sinne geteilter Intersubjektivität. Bei einem großen Teil der mentalen Modelle handelt es sich um idiosynkratische Konstrukte, d.h. um mentale Schablonen, die ein Mensch aufgrund persönlicher Erfahrung bildet und die er nicht mit anderen Personen teilt“ (Röttger-Rössler 2004:77).

Schemata werden auf verschiedene Arten prozessiert, ‚bottom up’ und ‚top down’(Casson 1983:439), also vom Generellen zum Speziellen und umgekehrt. Verschiedene Schemata haben Subschemata, und deren Kategorien oder Variablen haben wiederum bestimmte Bedeutungen (Casson 1983:434-439).

“Schemata are not only organized into complex hierarchical structures, they are also interlinked with other schemata to form still larger structures. IN a commercial event, the money one participant gives to another may be specified as a tip, bribe, ransom, tuition, retainer, change, rebate, etc.” (Casson 1983:437).

Da kognitive Verknüpfungen nicht auf Abstraktionen, sondern auf konkreten Erfahrungen des Alltags beruhen, und ihrerseits die Abstraktion dieses Konkreten darstellen, ist es möglich, kulturelle Modelle zu teilen und trotzdem verschiedene Assoziationen mit diesen Modellen zu verknüpfen, denn ein Mensch erlebt niemals dasselbe wie ein anderer. Kognitive Phänomene sollten von den institutionalisierten Verhaltensweisen, mit denen sie verbunden sind, getrennt werden. Denn sie befinden sich nicht ausformuliert im Kopf eines Akteurs. Erst Untersuchung und Formulierung des Ethnologen machen sie zu etwas Greifbarem, das schon deshalb dem Original nicht entspricht, weil es eben greifbar ist (Röttger-Rössler 2004:77f.).

„Mentale Modelle entfalten somit Szenarien in denen die Welt vereinfacht und stereotypisiert dargestellt wird“ (Röttger-Rössler 2004:79).

Emotionen spielen eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der Schemata in konkretes, der sozialen Situation entsprechendes Handeln. Es ist für den Menschen, folgt man diesen Annahmen, also sehr schwer, die komplexen Zusammenhänge und die großen Mengen an Informationen zu verarbeiten, ohne dabei eine stereotypisierende, gefühlsmäßige Beziehung zu der Umwelt aufzubauen, in der seine Handlungen stattfinden.

Es zeigt sich wiederum wie heterogen und komplex das Thema der Emotionen ist und wie stark sich Forschungsansätze und Theoriebildung unter den Forschern unterscheiden.

1.4 Zur Kritik an der konstruktivistischen Perspektive

Einer der Kritiker der konstruktivistischen Perspektive, Reddy, ist bereits zu Wort gekommen. Reddy kritisiert den Konstruktivismus vor allem dafür, dass er wie auch extremer Relativismus, keine Möglichkeit offen lässt, Situationen, Strukturen, Beziehungen oder auch Abhängigkeiten politisch zu beurteilen. Reddy kritisiert daran vor allem, dass keine Differenzierung zwischen gemanagten Emotionen und „authentischen“ unternommen wird. Im Rückschluß bedeutet das, dass ein Mensch, der kein Leiden zum Ausdruck bringt, auch kein Leiden hat. Und genau an diesem Punkt setzt die Kritik Reddys gegenüber den Konstruktivisten an, aber auch seine Forderung nach einer historischen Ethnographie der Emotionen, die politisch bedeutungsvoll ist. Der dynamische Charakter emotionaler Prozesse spielt dabei eine Schlüsselrolle (Reddy 1997:327-331).

„A proper understanding of the dynamic character of emotional gesture and utterances – their capacity to alter the states of the speakers from whom they derive - offers a starting point for a coherent, politically meaningful historical ethnography of the emotions. The dynamic character of emotional utterances and gestures is a universal factor, central to the shaping of and alteration of emotion “discourse” in every context” (Reddy 1997:327).

Die soziale relationale Basis von Emotionen spielt in konstruktivistischen Theorien nur eine untergeordnete Rolle. Die Dimension des Handelns tritt zu sehr in den Hintergrund. Der konstruktivistische Ansatz ignoriert die kreativen Momente menschlichen Daseins und beschränkt sich voll auf die performativen. Es wird nicht ausreichend beachtet, dass Menschen gestalten, auf ihre Umwelt einwirken und immer wieder neue Dinge erfahren, dass der Prozess der Emotion, Kognition, Körper, Umwelt und Gesellschaft miteinander verknüpft ein dynamischer ist, der von jeder der Seiten beeinflusst und gestaltet wird. Auch der Mensch verhält sich dabei nicht wie eine bloße Marionette, also wie das Objekt der ihn umgebenden Einflüsse, sondern gestaltet seine Umwelt aktiv mit (Röttger-Rössler 2004:63-66).

Dieser wichtige Aspekt spiegelt sich auch in Reddys theoretischem Werkzeug der „emotives“ wider, der im folgenden Kapitel kurz erläutert werden soll.

Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt ist die lexikalische Orientierung der Konstruktivisten. Durch die starke Fokussierung der Sprache werden nicht-verbale Formen emotionalen Ausdrucks oft vernachlässigt. Wenn Gefühle ausschließlich über Sprache konstruiert werden, dann kann es auch nur die Gefühle geben, die eine sprachliche Referenz besitzen. Bezieht man aber die „display rules“ also die hyper- bzw. hypokognition[3] einiger Emotionen in bestimmten Gesellschaften mit ein, wird deutlich, dass durch eine zu enge Fixierung auf die Sprache Phänomene übersehen werden können, die in der untersuchten Kultur aufgrund ihrer Hypokognition sprachlich kaum repräsentiert sind (Röttger-Rössler 2002:147ff.).

Die konstruktivistische Perspektive hat also auch einige Schwachpunkte, ist aber einer ethnologischen Theoriebildung wesentlich verwandter als die biologische Perspektive.

2. Die verwendeten Perspektiven der Emotionsethnologie

Nachdem nun die grundsätzlichen Orientierungen innerhalb der Emotionsethnologie dargestellt sind, möchte ich zum Entwurf einer Perspektive kommen, die weder die körperliche Dimension noch die kulturell-situative Dimension der Emotionen ausschließt. Emotionen sind als ein Prozess zu betrachten, soviel ist bisher klar geworden. In der nun folgenden Zusammenführung werden nicht nur einzelne Konstrukte und Überzeugungen aus der Emotionsethnologie zusammengeführt, die bereits erwähnt wurden, sie werden auch durch bisher nicht erwähnte Konstrukte ergänzt. Ein Beispiel ist die Embodiment-Theorie.

2.1 Die Embodiment-Theorie

Die embodiment Theoretiker gehen davon aus, dass der Körper nicht ausschließlich als Objekt externer Einflüsse zu betrachten ist, wie es noch bei Theoretikern wie Elias oder Foucault der Fall war. Der Körper wird in Verbindung mit der kognitiven und der emotionalen Ebene gesehen. Er wird hier als interaktiver und kommunikativer ‚social agent’ begriffen. Damit löst sich die in der westlichen Wissenschaft tief verankerte Dichotomie zwischen Körper und Geist auf. Dieses Modell von mit dem Körper in Verbindung stehenden Emotionen hilft dabei, den Menschen als körperliches Wesen zu konzeptualisieren, dessen somatische wie kognitive Fähigkeiten miteinander verbunden sind, um den Herausforderungen der Umwelt entgegentreten zu können. Emotionen spielen hier eine wichtige Rolle, weil durch sie der Körper eine soziale Ontologie bekommt. Sie aktivieren den Körper und binden ihn in die soziale Welt ein. Sie machen soziale Aktionen körperlich und transformieren körperliches Empfinden in soziale Aktivität. Der Körper soll durch das „embodied agency“ (Röttger-Rössler 2004:87) Modell gleichzeitig auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene verstehbarer gemacht werden. Als an Körperlichkeit gekoppelte Wahrnehmung und Veränderung von sozialem Umfeld ist die embodiment Theorie ein Brückenschlag zwischen sozialer und naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise. Diese Theorie bildet eine wichtige Ergänzung zu den kognitiven Theorien, weil sie die leibliche Dimension mehr in den Vordergrund rückt (Röttger-Rössler 87-93).

2.2 Emotives

Ein weiteres Konstrukt, das bisher noch nicht zur Sprache gekommenes ist, ist das der „emotives“ von Reddy. Emotives sind emotionale Aussagen, Reddy bezeichnet sie als „first-person present-tense emotion claims“ (Reddy 1999:268). Also Aussagen wie ‚Ich bin ärgerlich’ ‚Ich schäme mich’ oder ähnliches. Diese Art der Aussagen haben einen besonderen Effekt auf die Umwelt und sogar auf diejenigen, die sie aussprechen: zu sagen ‚Ich bin ärgerlich’, kann bereits vorhandenen Ärger verstärken. Reddy beschreibt drei Hauptkomponenten der emotives. Zunächst haben sie eine beschreibende Erscheinung, sie beschreiben zumeist einen inneren Zustand des Menschen, der sie äußert. Die einzige Möglichkeit, dabei auf den tatsächlichen Zustand des Menschen, der den emotive verwendet, Rückschlüsse zu ziehen, ist es, auf andere Äußerungen zu achten, die emotional beeinflusst sind, um daraus auf die Authentizität des Geäußerten zu schließen.

Der zweite wichtige Punkt ist die relationale Motivation, die hinter der Äußerung steht. Die Äußerung findet immer in einer sozialen Situation statt und hat damit immer eine Relation zu etwas außerhalb des Individuums. Die Aussage, dass jemand Angst vor jemand anderem hat, könnte z.B. dadurch motiviert sein, dass dieser Akteur in einer bestimmten Situation nicht mit der anderen Person kooperieren möchte.

Der letzte Punkt besteht in dem bereits erwähnten Effekt der emotives, die Umwelt und das Individuum zu verändern. Emotives haben immer einen Selbstfindungs- („Self-Exploring“ Reddy 1999:268) und Selbstformungs- („Self-Altering“ Reddy:1999:268) Effekt. Was also das Individuum sagt, macht ihm nicht nur selber klar, was es fühlt, sondern kann auch seine Emotionen, seinen inneren Status, seine Gefühle verändern (Reddy 1999:267-70).

Somit wird das emotive zu einem mächtigen Werkzeug des einzelnen im Umgang mit der Relation zwischen sich und den anderen und zu einer Möglichkeit, die soziale Umwelt den eigenen Emotionen, aber auch die eigenen Emotionen der sozialen Umwelt anzupassen.

2.3 Emotion und Politik

Reddy fordert die Verknüpfung der Emotionsethnologie mit einer historischen Perspektive, die politische Kritik möglich macht ohne in Relativismus zu versinken:

“To speak of the relations among political power, history, and the anthropology of emotion is to speak of a gap that theory and methodology have been unable to bridge” (Reddy 1999:256).

Die Verbindung zwischen politischer Macht und Emotionen wird im Verlauf der Arbeit ebenfalls eine Rolle spielen. Dabei soll auch eine historische Perspektive zum Tragen kommen. Der Teil der vorliegenden Arbeit, der sich mit der Migration als politische Debatte in Deutschland auseinandersetzt, orientiert sich an der Forderung Reddys nach einer politisch relevanten Analyse von Emotionen, die auch eine Beurteilung politischer und sozialer Verhältnisse zulässt. Es soll versucht werden, Emotionen nicht nur auf der Mikroebene persönlicher Erlebnisse zu betrachten, sondern auch einen Rückbezug auf politische Umstände möglich zu machen. Dabei soll auch eine politische Kritik möglich werden, die sich nicht in Relativismus verstrickt.

2.4 Zusammenfassung

In dieser Arbeit sollen also Emotionen als Prozess komplexer Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt, zwischen Körper und Kognition, zwischen Gesellschaft und Individuum betrachtet werden.

„Emotion verstehe ich nicht als internen Zustand, sondern als RELATIONALEN PROZESS, in dem kulturelle, soziale, individuelle und biologische Faktoren auf gleichberechtigte Weise interagieren (…) Die theoretische Fragestellung, die damit ins Zentrum rückt, ist die nach der sozialen Funktion von Emotionen, d.h. nach der Rolle, die Emotionen bezüglich der Perpetuierung sowie Modifizierung sozialer Systeme zukommt“ (Röttger-Rössler 2004:100 f.).

Wie für die hier viel zitierte Arbeit Röttger-Rösslers gilt auch für die vorliegende Arbeit:

„Emotionen werden hier als Mediatoren zwischen Denken und Handeln betrachtet, ihnen wird die Kraft zugesprochen, Kognition in Aktion zu wandeln“ (Röttger-Rössler 2004:81f.).

Die hier angesprochene Rolle der Emotionen in der Perpetuierung sozialer Systeme spiegelt sich auch in den Arbeiten von Lutz und Abu-Lughod wider, die, wie oben dargestellt, Emotionen mit der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Machtstrukturen in Zusammenhang bringen. Dieser Ansatz wird ebenso wie der der „display rules“, das Management von Emotionen, die gestaltende Kraft emotionaler Aussagen und die Schematheorie in dieser Arbeit als grundlegende Perspektiven zur Betrachtung der Situation von Türken in Deutschland verwendet werden.

Emotionen sind Teil hochkomplexer Prozesse, während derer ein sinnlicher Eindruck kognitiv in eine kulturell und idiosynkratisch beeinflusste Definition der Situation verwandelt wird. Diese kann eine bestimmte Emotion auslösen, die dann, wiederum abhängig von kulturellen und persönlichen Regeln und Erfahrungen, in eine physische Reaktion und ein Handeln verwandelt wird. Dieser Komplex wird als kreativer Prozess betrachtet indem das Ergebnis nicht unbedingt der Summe der Teile entspricht. Eine solche Sichtweise ist nötig, um die theoretischen und praktischen Ambivalenzen fassen zu können, die während der Beschäftigung mit Emotionen immer wieder auftreten.

„Die Emotion, die ein Mensch in einer bestimmten Situation fühlt, basiert auf einer Vielzahl von Faktoren: Zum einen auf den jeweiligen sozialen Kontext und den entsprechenden kulturellen Interpretations- und Verhaltensmodellen, zum anderen auf die spezifische Psyche und Biografie des Einzelnen sowie den jeweiligen physiologischen Reaktionen und ihrer subjektiven Wahrnehmung. Die eventuelle Äußerung dieser Emotionen unterliegt wiederum kulturellen display rules. Emotionen vermitteln also zwischen den fundamentalen Dimensionen menschlicher Existenz. Sie binden die Einzelnen in ihrer Leiblichkeit, d.h. als embodied agents, in die sie umgebende kulturelle und soziale Welt ein. Hierin liegt die Bedeutung, die ihnen bezüglich der Generierung gesellschaftlicher Systeme durch das Handeln der Einzelnen zukommt. Hierin liegt aber auch die Schwierigkeit, sich ihnen theoretisch und methodisch adäquat anzunähren“ (Röttger-Rössler 2004:100f.).

Emotionen werden hier also als Bindeglied zwischen biographischen Erlebnissen, der Perpetuierung sozialer Systeme und damit der Erhaltung kultureller Hegemonien oder politischer Machtausübung, dem Körper, intersubjektiven und idiosynkratischen Einstellungen und der kreativen Macht des Einzelnen gesehen.

Jedes dieser Gebiete wird in verschiedenem Umfang behandelt werden, die Struktur der Arbeit richtet sich jedoch nicht nach diesen verschiedenen Teilbereichen, da sie immer wieder untrennbar miteinander verknüpft sind und sowohl in der Betrachtung politischer Umstände als auch in der Betrachtung persönlicher Geschichten und Erfahrungen auftauchen. Auf die Interdependenzen zwischen den Gebieten ist hier das Hauptaugenmerk gerichtet.

2.5 Thematische Eingrenzungen und die Relevanz der Emotionsethnologie

Die tatsächliche Relevanz emotionsethnologischer Perspektiven lässt sich erst im Fazit klären. Ich möchte trotzdem in diesem Teil der Arbeit zeigen, warum es sich lohnen könnte, emotionsethnologische Perspektiven in die Untersuchung der Situation von türkischen Migranten in Deutschland einfließen zu lassen. Hier stellt sich die Frage der Methodik, die, wie oben bereits erwähnt, eine sehr schwierige ist. Die Komplexität der Zusammenhänge von Emotionen, Umwelt, Gesellschaft und Individuum verbietet es, sich dem Thema mit allzu operationalisierenden und verallgemeinernden Methoden wie den klassischen statistischen zu nähren.

„Diese theoretischen Ansätze haben bedeutende Implikationen sowohl für die Praxis empirischer Forschung als auch ethnografischer Repräsentation. Sie erfordern eine konsequente Fokussierung des konkreten sozialen Verhaltens und verbieten Erhebungsverfahren, die auf generalisierende und idealtypische Aussagen abzielen sowie entsprechend auch jegliche Form verallgemeinernder Kulturbeschreibung“ (Röttger-Rössler 2004:35).

Dass sich auch aus den konkreten kulturellen Normen und Werten und den daraus abgeleitenden Handlungs- und Beurteilungsschemata weitere Probleme ergeben können, zeigt z.B. diese Aussage Axel Stöbes

„In der türkischen Kultur besprechen Personen in der Regel innerfamiliale Probleme nicht mit Fremden, und zwar wegen der Beachtung der Ehre. Dieser Umstand spricht für eine qualitative Befragungsform“ (Stöbe 1998:186).

Dieser Umstand spricht aber nicht nur für eine qualitative Befragungsform, sondern auch dafür, dass hier eine Fähigkeit gefordert ist, die z.B. Leavitt als eine für ethnographische Routine typische bezeichnet, Empathie. Leavitt sagt, dass Ethnologen zwar schon lange auf Empathie angewiesen sind, dass es aber auch Zeit wird, dies einzugestehen (Reddy 1999: 262).

Mit diesem Umstand wird es denn auch wichtig, die in der Biographieforschung ausführlich beschriebenen Einflüsse des Forschers auf die Umwelt, auf die soziale Situation zu berücksichtigen. Dass der Forscher immer Teil der Situation ist, die er beforscht, und dass diese Teilnahme sich auch in dem Produkt zeigt, das der Forscher für sein Publikum produziert, ist in Veröffentlichungen zu diesem Thema wie in Vincent Crapanzanos „Tuhami“ von 1980 ausführlich beschrieben worden[4]. Dass aber die dort beschriebenen Problematiken mit den dynamischen Prozessen emotionalen Erlebens und Verarbeitens der Umwelt, wie sie oben dargestellt wurden, zusammenhängen, ist zwar offensichtlich, jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit.

Wie stark die Rolle der Forscher ist und dass sie durchaus in ihrem Einfluss auf die emotionale Situation, in der die Migranten leben wahrgenommen wird, zeigt das Zitat eines türkischen Studenten aus Has Buch „Ethnizität und Migration Reloaded“

„Man will uns nicht als fühlende, denkende, liebende, zürnende Wesen sehen, die eine Reihe Sehnsüchte und Hoffnungen haben. Das, was den Menschen zum Menschen macht, seine Würde, Persönlichkeit und menschliche Werte bleiben außerhalb ihrer Betrachtungsweise. Es gibt deutsche Intellektuelle, die auf soziologischem oder psychologischem Gebiet Thesen entwickeln wollen, Türken sind für sie rohes Versuchsmaterial, nur ‚Versuchstiere’“ (Ha 2004:68).

Es wäre ein Fehler, übergeordnete Aspekte (wie Gesetzgebung und Politik) zu vernachlässigen, die sich zwar zum großen Teil dem Handeln und dem Einfluss der Einzelnen entziehen, ihren emotionalen Zustand aber stark beeinflussen können. Berichterstattung in Zeitung und Fernsehen, politische Diskussionen und die Einflüsse der Globalisierung dürfen nicht vernachlässigt werden, denn sie werden von den Migranten wahrgenommen und verarbeitet.

Themen wie die doppelte Staatsbürgerschaft, die Asyl- und die Einwanderungsgesetzgebung, oder Rechtsextremismus und Gewalt sind Themen, die Migranten als Objekte der Diskussion beeinflussen und sie als eine gemeinsame Gruppe konstruieren. Die Diskurse über die Parallelgesellschaft, über „Das-Boot-ist-voll“ Metaphern und andere mediale Aufmacher werden nicht nur unter Migranten, sondern auch innerhalb der Mehrheitsgesellschaft, also innerhalb der Gesamtgesellschaft emotional diskutiert. Dabei kommt es, folgt man den Grundsätzen der Emotionsethnologie, zur Ausformung von stereotypisierenden kognitiven Schemata, die zwar von allen Mitgliedern der Gesellschaft geteilt, jedoch verschieden interpretiert werden können. Solche Themen sind sowohl bei Migranten als auch bei Deutschen[5] mit Verunsicherung, oft mit Rückzug, aber vor allem mit Angst verbunden. Eine Emotion, die in der Auseinandersetzung um die Multikulturalität der deutschen Gesellschaft extrem prominent ist (Nick 2003:13f.).

„Es gibt, und das über Jahre hinweg, kaum ein gesellschaftliches Thema, über das so emotional diskutiert wird und das, vielleicht auch deshalb, immer wieder gerne als Wahlkampfthema instrumentalisiert wird“ (Nick 2003:13f.).

Die Betrachtung des Themenkomplexes muss also unbedingt sowohl biographische als auch gesellschaftsstrukturelle und politische Aspekte mit einbeziehen, denn die Vorgeschichte eines jeden Migranten wird, betrachtet man seine Situation aus den hier verwendeten emotionsethnologischen Perspektiven, den Aufenthalt in Deutschland bereits vorstrukturieren. Da die Geschichten der Migranten extreme Unterschiede aufweisen, sind die Einstellungen und Erwartungen, die Ziele und die Motivation extrem unterschiedlich. Dies wirkt sich in großem Maße auf die Art und Weise aus, wie sich die Menschen mit migrantischem Hintergrund in der deutschen Gesellschaft bewegen, wie sie sie wahrnehmen und beurteilen.

Viele Ansätze der Sozialwissenschaften, die Situation der Migranten zu erklären und zu beforschen, bleiben auf einer sehr oberflächlichen Ebene stehen. Sie beschreiben Symptome, schaffen es aber häufig nicht, Erklärungsmuster zu entwerfen (Nick 2003:13ff.).

Es ist also unbedingt von Nöten, sowohl den Einflüssen der politischen und gesellschaftlichen Ebene als auch der biographischen und idiosynkratischen Ebene einen Platz in der Analyse einzuräumen.

Der umfassende Entwurf einer emotionsethnologischen Methodik zur Untersuchung der Integration türkischer Migranten in Deutschland würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, dennoch werde ich versuchen, zentralen Konzepten und Problemen auf die Spur zu kommen.

Es soll hier ein Denkanstoß gegeben werden, wie die Forschung zur Integration von Türken in Deutschland durch die Perspektiven der Emotionsethnologie sinnvoll ergänzt werden kann.

Da es keine empirischen Untersuchungen gibt, die sich explizit mit dem emotionalen Empfinden, dem emotionalen Management und der Interkonnektivität zwischen Migrant, Emotion und Gesellschaft auseinandersetzen, bin ich in dieser Arbeit auf Untersuchungen angewiesen, die wenigstens eine biographische Herangehensweise haben. Ein Themenkomplex, der die Emotionen beeinflusst und stark mit ihnen verbunden ist, ist z.B. die Religion. „Glaube hat eine gefühlsmäßige Komponente und beinhaltet Vertrauen und Zuversicht“ (Stöbe 1998:32)

Eines der zentralen Themen wird jedoch die Bildung der kulturellen und idiosynkratischen Schemata im Zusammenhang mit der Erfahrung der Fremd- und Selbstkonstruktion im Leben eines Menschen mit türkischen Wurzeln sein.

„Auch wenn man die alten Normen bewusst verwirft, werden emotionale Bande bestehen bleiben, deren Folge dann Schuldgefühle und Gewissensbisse sind“ (Hollander 1958 zitiert nach Stöbe 1998:111).

Gerade in Bezug auf die Bildung der Schemata ist es wichtig zu erwähnen, dass in dieser Arbeit die häufig getroffene Unterscheidung zwischen der ersten, der zweiten, dritten oder vierten Generation keine große Relevanz besitzt. Für diese Arbeit ist es von viel größerer Bedeutung - das erklärt sich durch die Rolle die die kulturellen Schemata hier spielen - ob ein Mensch in Deutschland geboren ist oder nicht.

Die Entwicklung und die Grundzüge der Emotionsethnologie wurden hier so ausführlich wie möglich dargestellt, um eine klare Orientierung möglich zu machen, inwieweit der hier behandelte Zusammenhang ein mögliches Forschungsfeld ist, aber auch zum besseren Verständnis dafür, dass der in dieser Arbeit statt findende Versuch die Emotionsethnologie mit der Situation und dem leben türkischer Migranten in Deutschland zu verbinden einen Denkanstoß für die Emotionsethnologie darstellen soll, der bisher nicht behandelt wurde.

Der nächste Teil der Arbeit soll sich mit gesamtgesellschaftlichen und politischen Aspekten der Einwanderung beschäftigen. Es werden dabei auch theoretische Überlegungen zum Thema berücksichtigt, die nicht explizit emotionsethnologischer Natur sind. Die Interdisziplinarität der Untersuchungen zu diesem Thema wurde bereits hervorgehoben.

Es soll im Verlauf der Arbeit außerdem gezeigt werden, dass die Bildung von sozialwissenschaftlichen Theorien und Kategorien nicht immer zur Vereinfachung des Problems beigetragen hat. Der Notwendigkeit, auch auf allgemeine und strukturelle Aspekte einzugehen, die das Leben des Einzelnen beeinflussen, wird also im nächsten Teil Rechnung getragen.

3. Migration als gesellschaftliche und politische Debatte in Deutschland

Die Geschichte der deutsch-türkischen Migration beginnt nicht mit den ersten Anwerbeverträgen nach dem zweiten Weltkrieg. Schon zu Zeiten des Osmanischen Reiches wurden z.B. Gardesoldaten oder Experten zwischen den Reichen ausgetauscht.

Es ist für diese Arbeit nicht zwingend notwendig sowohl auf die Geschichte der Migration in der BRD als auch in der DDR zu verweisen. Es findet deshalb eine Fokussierung auf die Migrationsgeschichte der BRD nach dem zweiten Weltkrieg statt. Dieser Zeitraum ist für den hier untersuchten Themenkomplex relevant.

Die erste Anwerbephase fand zwischen 1955 und 1973 statt. Der Grund für die Anwerbung ausländischer Arbeiter war ein Mangel an Arbeitskräften vor allem im industriellen Sektor.

„Zwischen 1955 und 1973 stieg die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer infolge der Anwerbung der sog. "Gastarbeiter" auf etwa 4 Mio. an. Bis 1973 wurden vorwiegend Arbeitskräfte aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien angeworben“ (zuwanderung.de Link: Statistik).

[...]


[1] Dieser Begriff wird hier sowohl für Immigranten aus der Türkei als auch für hier geborenen Menschen mit türkischen Wurzeln verwendet. Nationalität ist also nicht das primäre Definitionsmerkmal. Der Umgang mit Kategorisierungen und deren Berechtigung ist ein zentrales Thema dieser Arbeit, weshalb auf eine Exakte Definition von den Menschen, die hier als „Türke“ bezeichnet werden an dieser Stelle nicht möglich ist.

[2] Es geht dabei um emotionale Konzeptionen der jeweiligen Kultur. Es wird bei dem Versuch eine kognitive Landkarte der Emotionen anzufertigen analysiert, welche Begriffe emotionale Relevanz besitzen, wie sie im Verhältnis zueinander stehen und auf welchen kulturellen Modellen sie basieren. Dabei ist es wichtig, nicht von europäischen Konstrukten auszugehen, sondern die Landkarte empirisch, anhand umfassender Umschreibungen zu erstellen. Dabei wird diese Struktur erst durch den Autor zu etwas Greifbarem, das im alltäglichen Gebrauch eher unterbewusst kontrolliert wird (Röttger-Rössler 2004:32f.)

[3] Hyper- oder Hypokognition beschreibt den Umstand, dass in vielen Gesellschaften bestimmte Emotionen und bestimmte Ausdrücke dieser Emotionen, besonders stark unterstützt werden oder eben eher in den Hintergrund gedrängt werden. Das Phänomen der Hyper bzw. Hypokognition überschneidet sich damit mit dem bereits erwähnten Konstrukt der „display rules“.

[4] Vincent Crapanzano analysiert in seinem Buch über einen marrokanischen Ziegelbrenner Aspekte, die dazu führen, dass eine Veröffentlichung zu einem bestimmten Thema nie die Situation wiedergeben kann in der die relevanten Informationen erhoben wurden. Crapanzano geht auf Prozesse des Übersetzens genauso ein wie auf Redaktionelle Aspekte. Eine gewichtige Rolle spielt auch die theoretische Vorbildung des Forschers und die Art und Weise wie sich Umstände und Situationen in der Erinnerung des Forschers verändern können.

[5] Leider ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich dieser Dichotomie vollkommen aus dem Weg zu gehen. Es soll im Verlauf der Arbeit gezeigt werden, dass sie konstruiert ist und wie ambivalent ihre Grenzen verlaufen. Grundsätzlich werden in dieser Arbeit diese oder ähnliche Gegenüberstellungen von Gruppen als Folge der Selbst- und Fremdethnisierung betrachtet, Grenzen verlaufen dabei diffus und werden von den Mitgliedern der konstruierten Gruppen verschieden definiert.

134 von 134 Seiten

Details

Titel
Immigration und Integration von Türken in Deutschland. Emotionsethnologische Perspektiven
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
134
Katalognummer
V111824
ISBN (Buch)
9783640171675
Dateigröße
1004 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Immigration, Integration, Türken, Deutschland, Emotionsethnologische, Perspektiven
Arbeit zitieren
Philipp Wohlwill (Autor), 2007, Immigration und Integration von Türken in Deutschland. Emotionsethnologische Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111824

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