Begriff und historische Bedeutung des preußisch-deutschen Militarismus: Einige Schlaglichter


Ausarbeitung, 2007
43 Seiten, Note: 2,3
Irmgard Richter (Autor)

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Inhaltsübersicht

1. Themenstellung und Schwerpunktsetzung

2. Einige Schlaglichter zur Entstehung und Anwendung des Begriffs „preußisch-deutscher Militarismus“

3. Bewertung

Fazit:

Literatur

Zusammenfassung

Im Rahmen der Themenstellung „Begriff und historische Bedeutung des preußisch-deutschen Militarismus“ konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf Aspekte, die für den Umgang mit Erwartungen bezüglich der deutschen Beteiligung an internationalen Militäreinsätzen von Interesse sind.

Es wird der Versuch unternommen, die Geschichte der Begriffe „Militarismus“ und „preußisch-deutscher Militarismus“ im Licht wichtiger Ereignisse und Entwicklungen, die das Verständnis dieser Begriffe geprägt haben, nachzuvollziehen. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der von Meinecke (1946) formulierten und im Einklang mit Entscheidungen der Alliierten (wie dem Kontrollratsgesetz zur Auflösung des Staates Preußen) stehenden Einschätzung gewidmet, der preußisch-deutsche Militarismus sei „diejenige geschichtliche Macht..., die den Aufbau des Dritten Reiches wohl am stärksten gefördert hat“. Zwar haben moderne Historiker wie z.B. Wolfram Wette und andere Angehörige des Arbeitskreises Historische Friedensforschung weiterentwickelte und stärker differenzierende Analysen der Kontinuitäten zwischen dem preußisch-deutschen Militarismus und dem Nazi-Regime vorgelegt (und dabei auch Grenzen dieses Erklärungsansatzes aufgezeigt). Jedoch fehlt es den Ausführungen der vorliegenden Arbeit zufolge noch immer an anerkannten und maßgeblichen Untersuchungen, die den preußisch-deutschen Militarismus und die Entstehungsgeschichte des Nazi-Regimes systematisch auch im Kontext internationaler Einflüsse und Beziehungen beleuchten. In der Militarismus-Diskussion der Historischen Friedensforschung noch wenig berücksichtigt sind z.B. der Einfluss der mit dem Kolonialismus verbundenen Superioritätsideologien als prägende Norm am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts und die Nachwirkungen dieser Ideologien bis in die heutige Zeit. Vernachlässigt ist u.a. auch eine Auseinandersetzung mit ernst zu nehmenden Hinweisen darauf, dass einflussreiche Meinungsbildner in westlichen Ländern das Nazi-Regime anfänglich als ein Bollwerk gegen kommunistische Bestrebungen - in Deutschland selbst und in östlichen Nachbarländern – schätzten und zumindest ideologisch unterstützten, trotz und z.T. möglicherweise auch wegen der schon früh gezeigten Brutalität dieses Regimes.

Eine wesentliche Beschränkung der Militarismus-Diskussion im Rahmen der Historischen Friedensforschung, die von Historikern der NATO-Streitkräfte (in Deutschland z.B. über den Arbeitskreis Historische Friedensforschung) stark mitgestaltet wird, besteht nach Meinung der Verfasserin in dem weitgehenden Verzicht auf das Bemühen um allgemeiner anwendbare Kriterien für die Unterscheidung zwischen Militarismus und „Nicht-Militarismus“. Wenn die Militarismus-Diskussion auf die Beschreibung von Prototypen reduziert ist – ohne die Möglichkeit, „militaristische“ und „nicht-militaristische militärische“ Ansätze nach objektiven Kriterien vergleichen zu können -, liegt nahe, dass der Einsatz militärischer Mittel zur Bekämpfung des Militarismus nicht als überprüfungsbedürftig und als möglicher Widerspruch in sich gesehen wird. Bei fehlenden Vergleichskriterien kann allein schon aufgrund spontaner Assoziationen der Einsatz militärischer Mittel als Pflicht und Verantwortung erscheinen, um die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein neuer Prototyp des Militarismus herausbilden könnte, zu verringern. Unter Verwendung von Konzepten aus der Sozialpsychologie wird angemerkt, dass der auf die Darstellung von „Prototypen“ reduzierte Ansatz der Militarismus-Diskussion sich vorzugsweise dispositional orientierter Erklärungsmuster bedient; d.h., Fehlentwicklungen werden mit festen Merkmalen bestimmter Bevölkerungsgruppen erklärt. Situationale Aspekte treten dagegen in den Hintergrund; d.h. Faktoren, die individuelle und kollektive Verhaltensweisen im Zusammenhang mit bestimmten Situationen beeinflussen, werden weniger beachtet. Dies kann dazu führen, dass die Möglichkeit, Situationen durch Anwendung militärischer Gewalt (Demonstration der Kapazität zum Töten) positiv zu beeinflussen, überschätzt wird, während Möglichkeiten nicht-militärischer Formen der Einflussnahme unterschätzt werden.

Um aus den Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte, insbesondere aus dem preußisch-deutschen Militarismus und aus der Entstehungsgeschichte des Nazi-Regimes, im Hinblick auf die deutsche Rolle in der NATO und die deutsche Beteiligung an Militäreinsätzen die „richtigen“ Schüsse ziehen zu können, ist es wichtig, dass die Militarismus-Diskussion Impulse auch aus der Sozialpsychologie und anderen Disziplinen aufnimmt. Unverzichtbar erscheint zudem, dass Kontinuitätslinien nicht nur „vertikal“ (bezogen auf die Zeitlinie), sondern auch „horizontal“ (bezogen auf grenzüberschreitende, international wirksame Einflüsse von Wertvorstellungen und Interessen, z.B. Kolonialismus, Rassen- und Superioritätsideologien, die Art und Weise der Gestaltung des Handels und der Migration) untersucht werden.

Nach aktuellem Stand hilft das Konzept des preußisch-deutschen Militarismus als abschreckendes Bild, z.B. in Führungskursen der Bundeswehr, zu vermeiden, dass das Militär sich der nötigen Steuerung durch legitimitierte zivile Instanzen entzieht und (in Deutschland) wieder zum „Staat im Staate“ wird. Es kann aber auch eine „falsche Sicherheit“ suggerieren im Sinne einer Vorstellung, dass „Westbindung“ und Eingliederung in die NATO an und für sich schon genügen würden, um vor Fehlentwicklungen gefeit zu sein.

1. Themenstellung und Schwerpunktsetzung

Die vorliegende Arbeit wird angefertigt als Einsendearbeit im Rahmen des Studiengangs „Master of Peace Studies“ der FernUniversität Hagen. Innerhalb der gegebenen Themenstellung „Der Begriff des preußisch-deutschen Militarismus und die historische Bedeutung dieses Phänomens“ möchte ich mich besonders auf Aspekte konzentrieren, die für den Umgang mit Erwartungen bezüglich der deutschen Beteiligung an internationalen Militäreinsätzen von Interesse sind.

Den Anstoß zu dieser Schwerpunktsetzung gibt eine aktuelle Diskussion, ausgelöst durch einen provozierenden SPIEGEL-Titel vom 20.11.2006: „Die Deutschen müssen das Töten lernen“ (Hammerstein et al., 2006). Mit diesem Ausspruch wurden Gesprächspartner des deutschen Regierungsbeauftragten für die deutsch-amerikanischen Beziehungen Karsten Voigt zitiert, die der US-Administration angehören. Es geht dabei um die von US-Vertretern und Vertretern anderer NATO-Partner gewünschte Beteiligung deutscher Einheiten an den Militäroperationen im Süden Afghanistans. Einige der Leserbriefschreiber, die sich auf diesen Artikel bezogen, sahen es, entsprechend dem Duktus des Artikels, als Notwendigkeit an, dass Deutschland sich wieder an militärischer „Normalität“ beteilige, zu der nun einmal das Töten und Getötetwerden gehöre; ein Leser fand den Titel „nach 70 Jahren ‚Tätervolk’ … fast schon versöhnlich“ (Wohlfarth, 2006). Die meisten Leserbriefschreiber und –schreiberinnen sahen in einer solchen Forderung jedoch einen drastischen Widerspruch zu den Lehren der deutschen Geschichte. Ein Leser zitierte die Gedichtzeile „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ des Holocaust-Überlebenden Paul Celan (Meinel, 2006). In einem weiteren Leserbrief wurde die Frage gestellt, ob (wie vor über hundert Jahren im Zusammenhang mit der Niederschlagung des „Boxeraufstands“ in China, Anm. d. Verf.), Verbündete künftig wieder fordern würden: „Germans to the front“ (Müller-Schmargendorf, 2006).

Es ist nicht anzunehmen, dass die USA und andere NATO-Partner nach Jahrzehnten erfolgreicher „Umerziehung“ einer vormals militaristisch geprägten Gesellschaft wünschen, Deutschland solle wieder zu militaristischeren Traditionen zurückfinden. Fest steht aber, dass die Erwartungen an deutsches Engagement bei militärischen Auslandseinsätzen, die der Bekämpfung des Terrorismus und der Verbreitung der Demokratie dienen sollen, steigen. Wie soll sich Deutschland angesichts solcher Erwartungen verhalten? Wie nützlich ist das Konzept des preußisch-deutschen Militarismus, wenn des darum geht, in dieser Frage „die richtigen“Lehren aus der Geschichte zu ziehen?

Hinsichtlich der verwendeten Literatur gründet sich diese Arbeit auf den Studienbrief „Historische Friedenforschung“ der FernUniverstität Hagen, hier insbesondere auf den Beitrag „Militär und Militarismus“ (Dülffer et al., 2005), auf angegebene weiterführende Literatur und eigene Literaturrecherche. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden in einigen Fällen auch nicht-wissenschaftliche Publikationen herangezogen, soweit sie Originalquellen darstellen (z.B. antiquarisch erhältliche Bücher von zeitgeschichtlichem Interesse), sich auf nachprüfbare Originalquellen beziehen oder unkontroverses Lehrbuchwissen zusammenfassen.

2. Einige Schlaglichter zur Entstehung und Anwendung des Begriffs „preußisch-deutscher Militarismus“

Von der Geschichte des preußisch-deutschen Militarismus kaum zu trennen ist die Geschichte dieses Begriffs. Der Begriff „Militarismus“ bezeichnet das Phänomen einer Dominanz des Militärischen in Politik und Gesellschaft. Geprägt als politischer Kampfbegriff von Kritikern und Gegnern dieses Phänomens, fand er seit den 1860er Jahren ausgehend von den europäischen Ländern Eingang in die politische Sprache. Eine allgemein akzeptierte, umfassende Definition des Militarismus gibt es bis heute nicht. Aufgrund der Entstehungsgeschichte des Militarismusbegriffs, und wegen seiner Bedeutung als Erklärungsansatz für die Katastrophe des Nationalsozialismus, gilt der preußisch-deutsche Militarismus als „Prototyp“ des Militarismus schlechthin (Dülffer et al., 2005; Meinecke, 1946).

In Deutschland verbreitete sich der Begriff des Militarismus im Zusammenhang mit den preußischen Heeresreformen der 1860er Jahre und der in drei Kriegen erfochtenen Reichsgründung 1871 (Dülffer et al., 2005; Kühne & Ziemann, 2000). Als Meilenstein für den Beginn des preußisch-deutschen Militarismus gilt die „Blut-und-Eisen-Rede“ Bismarcks vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses im September 1862; der entsprechende Abschnitt wurde sinngemäß nach einem Zeitungsartikel überliefert: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden... , sondern durch Eisen und Blut“ (RBB, 2007). Mit dieser Begründung und dem Hinweis auf eine angebliche Lücke in der Verfassung setzte sich Bismarck über Einwände des Parlaments gegen die Finanzierung einer weiteren Heeresreform hinweg. Im Vorwurf des Militarismus manifestierte sich Protest von Teilen der Bevölkerung und von Volksvertretern (Reichstagsabgeordneten) gegenüber der reichsweiten Einführung eines stehenden Heeres nach preußischem Muster und gegenüber der Art und wie Weise, wie die Staatsgründung zustande gekommen war – „von oben“ oktroyiert, statt „von unten“ (wie 1848 vergeblich versucht) durch Revolution errungen. Friedrich Engels sprach von einer „Verpreußung Deutschlands“, die dem Interesse des Proletariats ebenso zuwiderlaufe wie eine Verewigung der Kleinstaaterei und daher von Karl Marx und ihm selbst mit der 1848-1849 erschienenen „Neuen Rheinischen Zeitung“ propagandistisch bekämpft worden war (Engels, 1884). Als einen wesentlichen Bestandteil von Militarismus und „Verpreußung“ beschrieb Engels (z.B. Engels, 1876) die Rolle der ostelbischen Großgrundbesitzer, „Junker“ genannt, aus deren Reihen im Kaiserreich ein Großteil der Offiziere rekrutiert wurde, und die auch politisch großen Einfluss hatten. Die innenpolitische Auseinandersetzung um den Themenkomplex Militarismus/ „Verpreußung“ prägte das Bild des neuen deutschen Staates auch nach außen hin mit.

Im Jahr 1892 wurde die „Deutsche Friedensgesellschaft“ gegründet. Bereits im Gründungsjahr erschienen zwei militarismus-kritische Schriften von Vorstandsmitgliedern der Gesellschaft, ein Appell von Richard Reuter mit dem Titel „Was will das Volk? Weder Militarismus noch Krieg" und die (im Untertitel ausdrücklich so bezeichnete) „Anklageschrift" des Historikers und späteren Friedensnobelpreiträgers Ludwig Quidde, „Der Militarismus im Deutschen Reich“ (Bredendiek, 1984). Die Gesellschaft pflegte regen Austausch mit Friedensgesellschaften in europäischen Ländern und in den USA. z.B. im Rahmen internationaler Friedenskongresse.

In England stellte Herbert Spencer dem militaristischen Gesellschaftstyp preußischer Prägung, der auf Krieg und Kriegsvorbereitung orientiert sei, den industriellen Gesellschaftstyp englischen Musters gegenüber: Dieser sei dadurch gekennzeichnet, dass er die Individualität schütze und Frieden und friedlichen Austausch erstrebe (Berghahn, 1987). Spencer gilt als Gründungsvater der Soziologie, begründet u.a. durch sein Werk „The Principles of Sociology“ (Spencer, 1882-1898); er gestaltete über mehrere Jahre die heute noch maßgebliche wirtschaftsjournalistische Zeitschrift „The Economist“ wesentlich mit. Sein Name wird mit Marktliberalismus und Sozialdarwinismus in Zusammenhang gebracht (Wikipedia, 2007a; Knowledge Library, 2007). Er prägte den Ausdruck „survival of the fittest“ und setzte sich dafür ein, dass Regierungen das mit diesem Schlagwort zusammengefasste „Naturgesetz“ bei ihrer Sozialpolitik berücksichtigen sollten (Walters, 2005-2007). So führte er z.B. die Hungersnot in Irland von 1844 (bekannt als „potato famine“) auf eine exzessive Spermienproduktion bei den irischen Katholiken zurück; seine Ansichten trugen dazu bei, dass das englische Parlament Hilfslieferungen von verfügbarem Getreide verweigerte (Fogu, 2006; Carter, 2007). Die heute übliche Unterscheidung zwischen „entwickelten Ländern“ (die dem Modell des industriellen Gesellschaftstyp westlicher Prägung bereits entsprechen) und „Entwicklungsländern“ (die dieses Ziel noch zu erreichen haben) geht nicht zuletzt auch auf Spencers Theorien von Unterentwicklung zurück (vgl. Übersichten über Modernisierungs- und Kulturtheorien, z.B. Rothenbacher, 2005-2007; Prisching, 2007). Im Rahmen meiner Literaturrecherche für diese Arbeit konnte ich nicht mit Sicherheit feststellen, ob Spencer den Einsatz militärischer Mittel zur Durchsetzung von Handelsinteressen und Unterdrückung von Aufständen in Kolonialgebieten nur als eine vorübergehende, dem voll ausgebildeten industriellen Gesellschaftstyp nicht entsprechende Erscheinung ansah, oder aufgrund der „Unterentwicklung“ der Betroffenen einer Berücksichtigung im Rahmen der Militarismus-Diskussion nicht wert erachtete.

Eine andere Sichtweise als Spencer vertrat der linksliberale britische Ökonom John Hobson: Er sah direkte Zusammenhänge zwischen Kolonialpolitik, Imperialismus und Militarismus als Auswüchse kapitalistischer Wirtschaftsform, wandte den Militarismusbegriff also auch und gerade auf Großbritannien an (Hobson, 1903). Hobsons Analysen zu Imperialismus und Militarismus entstanden u.a. unter dem Eindruck der gewaltsamen Niederschlagung des sogenannten „Boxeraufstands“ in China durch eine gemeinsame Militäraktion Großbritanniens, fünf kontintenal-europäischer Staaten, der USA und Japans.

Der Aufbruch deutscher Soldaten zur Teilnahme an dieser internationalen „Strafexpedition“ nach China im Jahr 1900 war Anlass zu der berüchtigten „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelms II., in der er die Soldaten aufrief, wie seinerzeit die Hunnen keine Gnade walten zu lassen (Kaiser Wilhelm II., 1900). Sie begann mit den Worten: „Große überseeische Aufgaben sind es, die dem neu entstandenen Deutschen Reiche zugefallen sind...“. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden deutsche Soldaten in Anlehnung an diese Rede als „Hunnen" bezeichnet (Kuß & Martin, 2002). Zunächst jedoch überwog ein positives Bild der deutschen Rolle bei den gegen den Aufstand verbündeten Parteien; es entstand das Schlagwort „Germans to the front“ (Kay, 2007). Ein Gemälde mit diesem Titel, begleitet von einem überschwänglichen Brief zur Widmung, sandte Kaiser Wilhelm II. an Houston Stewart Chamberlain, den Schwiegersohn Richard Wagners (Kaiser Wilhelm II., 1902). Dass der Kaiser für den aus englischem Adel stammenden Rassenideologen Chamberlain ausgerechnet dieses Geschenk auswählte, deutet darauf hin, dass er gerade auf seine Rolle als Schwertträger in einer Koalition mit England, den USA und anderen Mächten, die sich als Wahrer der westlichen Zivilisation sahen, sehr stolz war. Mit seinem Wunsch nach deutscher „Seegeltung“ und der Umsetzung einer ehrgeizigen Flottenpolitik schürte er gleichzeitig aber auch ein Wettrüsten mit England (Wikipedia, 2007b).

Das Streben nach aktiver Teilnahme an der Welt- und Kolonialpolitik und nach einer starken Flotte als sichtbarem Zeichen einer neugewonnenen Weltgeltung waren in der deutschen Bevölkerung populär (Kay, 2007), jedoch gab es auch kritische Stimmen, insbesondere aus den Reihen der Sozialdemokratie. Rosa Luxemburg sah die Flottenpolitik als einen „Zwillingsbruder des deutschen Militarismus“ und gleichzeitig als einen Ausdruck (internationaler) kapitalistischer Kolonialpolitik: „Die neue ungeheure Vermehrung der Ausgaben für eine abenteuerliche Welt‑ und Kolonialpolitik wird dem deutschen Volke gerade in einem Augenblick zugemutet, wo neue grauenhafte Enthüllungen über die wilde Rohheit der kapitalistischen Kolonialpolitik in den französischen wie in den belgischen Kolonien jede Unterstützung dieses barbarischen Treibens nicht nur zu einem wirtschaftlich und politisch verhängnisvollen, sondern auch zu einem verbrecherischen Unternehmen stempeln“ (Luxemburg, 1905). Empörung über deutsche Kolonialgräuel in Südwestafrika, begangen gegen die Völker der Herero und Nama, führte in Deutschland zu Protestversammlungen. Im Reichstag geißelte August Bebel im Januar 1905 die blutige Niederschlagung der Aufstände kolonisierter Völker (Lampe et al., 1990).

Im Dezember 1906 verweigerte der Reichstag mit den Stimmen der Sozialdemokraten und des katholischen Zentrums die Zustimmung zu einem Nachtragshaushalt zur Finanzierung des Kolonialkriegs. Reichskanzler von Bülow löste daraufhin den Reichstag auf und setzte Neuwahlen an (im Volksmund als „Hottentottenwahlen“ bezeichnet), die mit einer heftigen Propagandakampagne und mit Veränderungen der Wahlkreise verbunden waren, zu Mandatsverlusten der Sozialdemokraten und letztlich zur Genehmigung des umstrittenen Nachtragshaushalts führten (Heyden, 2003). Das brutale Vorgehen in Afrika verharmloste von Bülow mit den Worten: “Meine Herren, was haben andere Völker für Kolonialkriege geführt, Engländer, Franzosen, Holländer, und haben nicht mit der Wimper gezuckt! Soll sich das deutsche Volk kleiner zeigen, soll das deutsche Volk kleiner dastehen als andere Völker?“ (Bülow, 1906). Diese Aussage des Reichskanzlers (ebenso wie sein bekannter Ausspruch „wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“) deutet auf eine wichtige Rolle des „normativen Einflusses“ des wahrgenommenen Verhaltens anderer, bedeutender Staaten hin.

Im gleichen Jahr (1906) ereignete sich die Episode, die bis heute von vielen als exemplarisch für den preußisch-deutschen Militarismus angesehen wird: Ein arbeitsloser Schuster in der Uniform eines Hauptmanns requirierte einen Trupp Soldaten, besetzte das Rathaus von Köpenick, verhaftete den Bürgermeister und entkam mit der Tageskasse. In ganz Deutschland lachte man über das Gaunerstück. Der falsche „Hauptmann von Köpenick“ wurde nach zwei Jahren Haft vom Kaiser begnadigt und verdiente künftig mit Tourneen in Deutschland und im Ausland seinen Lebensunterhalt. Zeitgenössische Karikaturen und Zeitungsartikel, in späteren Jahren auch Theaterstücke und Filme verarbeiteten die Episode und nahmen sie zum Anlass, Untertanengeist und Uniformgläubigkeit in Deutschland kritisch und humoristisch zu thematisieren. Die öffentliche Reaktion auf die Hauptmann-von-Köpenick-Episode wird von einigen Historikern allerdings auch als Zeichen eines dem Militarismus gegenüber durchaus kritischen Bürgersinns interpretiert (Kühne & Ziemann, 2000). - Das Phänomen der Aneignung einer „militärischen Identität“ durch Zivilisten oder Ex-Militärpersonal, sei es in gezielter Betrugsabsicht oder (häufiger) aus Geltungssucht, ist auch im internationalen Vergleich nicht ungewöhnlich. In den USA wird das unbefugte Tragen militärischer Abzeichen seit einigen Jahren wieder zunehmend als Problem wahrgenommen und mit Gefängnisstrafen bedroht; dazu wurde kürzlich ein neues Gesetz eingeführt, der „Stolen Valor Act of 2005“ (Wikipedia, 2007c).

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Details

Titel
Begriff und historische Bedeutung des preußisch-deutschen Militarismus: Einige Schlaglichter
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Weiterbildungsstudiengänge IF/Master of Peace Studies)
Veranstaltung
Historische Friedensforschung
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
43
Katalognummer
V112709
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Fach heisst "Peace Studies" (original Englisch, obwohl der Studiengang deutschsprachig ist), das Programm "Master of Peace Studies". Es handelt sich um einen interdisziplinaeren Studiengang.
Schlagworte
Begriff, Bedeutung, Militarismus, Einige, Schlaglichter, Historische, Friedensforschung
Arbeit zitieren
Irmgard Richter (Autor), 2007, Begriff und historische Bedeutung des preußisch-deutschen Militarismus: Einige Schlaglichter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112709

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