Gegenstand dieser Seminararbeit ist die Analyse einer radikal-demokratischen Deutung Hannah Arendts durch die Philosophin Rahel Jaeggi.
Jaeggi vertrat im Jahr 2008 die Auffassung, dass die Entstehung einer neuen gesellschaftlichen Konfliktlinie – die Wiederkehr der sozialen Frage seit den 1990er Jahren – dazu geführt hat, dass die neue Emphase, die die Linke aus Arendts Theorie politischen Handelns schöpfte, nicht von langer Dauer war.
Hannah Arendt wurde zu ihren Lebzeiten als äußerst unkonventionelle Denkerin wahrgenommen. Die Unmöglichkeit, ihr vieldeutiges Oeuvre einer der drei Hauptströmungen des politischen Denkens des 20. Jahrhunderts – dem Liberalismus, Konservatismus oder Sozialismus – eindeutig zuordnen zu können, musste in den ideologisch zugespitzten Zeiten des Kalten Krieges irritieren. Margaret Canovan prognostizierte daher bereits kurz nach Arendts Tod im Jahr 1975, dass sie aufgrund des unsystematischen und inkonsistenten Charakters ihres Werkes immer wieder für ganz unterschiedliche und miteinander konkurrierende Theoriemodelle ideenpolitisch vereinnahmt werden könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Hannah Arendts Dichotomisierung des Politischen und Gesellschaftlichen
1.1 Typologie menschlicher Tätigkeiten in Vita activa
1.2 Die Konferenz The Work of Hannah Arendt
1.3 Rahel Jaeggis Theorie der Politisierung
2. Analyse und Kritik von Rahel Jaeggis Theorie der Politisierung
3. Hannah Arendts Darstellung der Rätebewegungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit verfolgt das Ziel, die von der Philosophin Rahel Jaeggi aufgestellte These zu widerlegen, dass Hannah Arendt Karl Marx für seine Transformation der sozialen Frage in einen politischen Faktor bewundert habe. Die Arbeit untersucht kritisch, inwieweit Arendts strikte Trennung von politischer und gesellschaftlicher Sphäre einer Politisierung sozio-ökonomischer Probleme entgegensteht und ob ihre Theorie für die Analyse moderner sozialer Exklusionsprozesse tragfähig ist.
- Kritische Analyse der Arendtschen Sphärentrennung von Politischem und Gesellschaftlichem
- Untersuchung der Arendtschen Marx-Rezeption in Vita activa und Über die Revolution
- Evaluierung der Theorie der Politisierung von Rahel Jaeggi
- Kritische Würdigung der Arendtschen Darstellung historischer Rätebewegungen
- Diskussion über die Anschlussfähigkeit von Arendts Theorie an moderne radikaldemokratische Ansätze
Auszug aus dem Buch
1.2 Die Konferenz The Work of Hannah Arendt
Hannah Arendt wurde bereits in zahlreichen Rezensionen zur Vita activa dafür kritisiert, dass sie ihre eben dargestellte These einer „Ortsgebundenheit“ aller menschlichen Tätigkeiten kaum an konkreten Beispielen erläuterte. Im Rahmen der 1972 in Toronto veranstalteten Konferenz The Work of Hannah Arendt nahm die Diskussion um Arendts Unterscheidung daher viel Raum ein. Es war Arendts enge Freundin Mary McCarthy, die sie mit folgender Frage konfrontierte:
„Was eigentlich soll jemand auf der öffentlichen Bühne, im öffentlichen Raum noch tun, wenn er sich nicht mit dem Sozialen befasst? Soll heißen: Was bleibt da noch? Wenn […] alle Fragen der Wirtschaft, der menschlichen Wohlfahrt […] was immer die soziale Sphäre berührt, von der politischen Bühne ausgeschlossen sind, dann wird es für mich mysteriös. Es bleiben nur noch die Kriege und die Rede übrig. Aber selbst die Reden können nicht einfach Reden sein. Sie müssen Reden über etwas sein.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hannah Arendts Dichotomisierung des Politischen und Gesellschaftlichen: Das Kapitel führt in Arendts Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Sphäre ein, beleuchtet die kritische Konferenz von 1972 und stellt Rahel Jaeggis Ansatz zur Theorie der Politisierung vor.
2. Analyse und Kritik von Rahel Jaeggis Theorie der Politisierung: Hier wird die These widerlegt, Arendt habe Marx' Ansatz zur sozialen Frage bewundert; stattdessen wird aufgezeigt, dass sie soziale Probleme als technische Aufgaben aus dem politischen Raum ausklammerte.
3. Hannah Arendts Darstellung der Rätebewegungen: Das Kapitel zeigt auf, wie Arendt historische Belege zu Rätebewegungen interpretierte, um ihre theoretische Trennung von Politik und sozialer Not aufrechtzuerhalten, und kritisiert dabei ihre methodische Quellenarbeit.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, Rahel Jaeggi, Politisierung, soziale Frage, Vita activa, Über die Revolution, Rätedemokratie, Sphärentrennung, Marxismus, Kapitalismuskritik, radikale Demokratie, politische Theorie, soziale Exklusion, öffentlicher Raum, politische Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Auseinandersetzung zwischen Hannah Arendts politischer Theorie und neueren Versuchen radikaldemokratischer Denker, wie Rahel Jaeggi, diese Theorie für die Bearbeitung aktueller sozialer Probleme anschlussfähig zu machen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die strikte Trennung von Politischem und Gesellschaftlichem bei Arendt, die Rolle des Sozialen in Revolutionen sowie die Kritik an der marxschen Theorie durch Arendt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Widerlegung der Behauptung, Arendt habe Karl Marx für seine Politisierung der sozialen Frage geschätzt, um so die Basis für Jaeggis Theorie der Politisierung in Frage zu stellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diskursanalytische Untersuchung von Primärtexten Arendts sowie eine kritische Quellenprüfung unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zur Arendt-Forschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Arendts Verständnis der Sphärentrennung anhand von Konferenzprotokollen, ihre Rezeption von Marx und ihre historisch umstrittene Darstellung der Rätebewegungen detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Hannah Arendt, Rahel Jaeggi, Politisierung, Sphärentrennung, soziale Frage, Rätedemokratie und kritische Theorie.
Wie bewertet der Autor Arendts Umgang mit Quellen?
Der Autor kritisiert, dass Arendt Quellen systematisch verzerrt oder ignoriert, wenn diese ihrer theoretischen Annahme einer strikten Trennung von Politik und Soziales widersprechen.
Was versteht Arendt unter einer technischen Lösung der sozialen Frage?
Arendt vertritt die Ansicht, dass Armut und materielle Not keine politischen Probleme sind, die durch gemeinsames Handeln gelöst werden, sondern technische Sachzwänge, die durch Fortschritt und Verwaltung bewältigt werden sollten.
Warum hält der Autor Arendts Theorie für ungeeignet zur Analyse sozialer Exklusion?
Da Arendt den Kampf um soziale Gerechtigkeit explizit aus dem politischen Raum ausgrenzt, verliert ihre Theorie laut dem Autor die Fähigkeit, die Ursachen und Auswirkungen moderner sozialer Ungleichheit adäquat zu erfassen.
- Quote paper
- Marc Konstanzer (Author), 2021, Eine Analyse von Rahel Jaeggis alternativer Deutung der politischen Theorie Hannah Arendts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128008