Morphologischer Wandel - Veränderungen von Sprache im Geist der Zeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was versteht man unter dem Begriff „Sprachwandel“

3. Morphologischer Wandel
3.1 Grundlegendes
3.2 Flexionsmorphologie
3.2.1 Analogischer Wandel
a) Analogischer Ausgleich
b) Proportionale Analogie
c) Volksetymologie
3.2.2 Morphemabbau
3.3 Wortbildungswandel
3.3.1 Univerbierung
3.3.2 Grammatikalisierung
3.3.3 Wortbildungsregel
3.4 Natürlicher grammatischer Wandel
3.4.1 Markiertheit
3.4.2 Morphosemantische Transparenz
3.4.3 Konstruktioneller Ikonismus

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das „Zwiebelmodell“ der sprachlichen Ebenen

Abbildung 2: Beispiele für Sprachwandel in einzelnen Subsystemen

Abbildung 3: Morphemarten nach ihrer Abhängigkeit

Abbildung 4: Beispiele für „vollständige“ analogische Ausgleichsvorgänge

Abbildung 5: Analogischer Ausgleich im Ablautsystem

Abbildung 6: Verben mit grammatischem Wechsel

Abbildung 7: Analogischer Ausgleich der Vokal-Alternation bei Paradigmen ohne grammatischen Wechsel

Abbildung 8: Humbug-Beispiel anhand der Worte „denken“ und „lenken“

Abbildung 9: Muster zur Bildung neuer Formen

Abbildung 10: Mittelhochdeutsche Pluralbildung auf –er

Abbildung 11: Morphemabbau bei Nomen und Verben

Abbildung 12: Sprachwandeltypen

Abbildung 13: Grade der Transparenz

Abbildung 14: Markiertheitsskala

1. Einleitung

Alle natürlichen Sprachen befinden sich in ständigem Wandel.“[1]

Ob heute oder vor 300 Jahren, ob in England, Italien oder Deutschland. Zu jeder Zeit, in allen Ländern und Bereichen, lässt sich das besondere Phänomen des Sprachwandels finden und steht deshalb auch seit einigen Jahrzehnten im Zentrum der Untersuchungen historischer Sprachwissenschaft. Obwohl die kontinuierliche Veränderung der Sprache meist ohne unser Wissen, ganz unbemerkt vor unseren Augen geschieht, lässt sich bei genauerer Betrachtung das Ausmaß stetiger Weiterentwicklung und Wandlung doch deutlich erkennen. Leider erfolgt damit meist eine negative Assoziation „in allen Kulturnationen und über alle Zeiten hinweg: von Platon über Quintilian und Rousseau bis hin zu Kemal Pascha, Helmut Kohl oder Prinz Charles“[2]. Die einen sprechen von Sprachverfall, dem Niedergang der deutschen Kultur[3], andere von zunehmender Verunreinigung der britischen Variante des Englischen durch amerikanischen Eingriff.[4]

Schuldige für den Prozess der „Verwahrlosung“ von Sprache werden gesucht, neue Medien und die Schule, als Verursacher recht häufig genannt. Keller bietet in diesem Zusammenhang eine recht einleuchtende Erklärung für das negative Verständnis des Phänomens Sprachwandel:

Eine Sprache ist ein komplexes System konventioneller Regeln. Jede Veränderung einer Konvention beginnt notwendigerweise mit deren Übertretung; und Übertretungen sprachlicher Konventionen nennt man „Fehler“. Wenn der Fehler schließlich zum allgemeinen Usus geworden ist, dann hat er aufgehört, ein Fehler zu sein und eine neue Konvention ist entstanden.[5]

Demnach scheint es vollkommen natürlich zu sein, dass Veränderungen der Sprache von Laien zunächst als „Fehler“ angesehen werden, als etwas Neues, etwas das wir nicht kennen und meist nur widerwillig annehmen.

Im Folgenden soll deshalb nun versucht werden einen genaueren, tiefgründigeren Blick hinter die Kulissen des Phänomens Sprachwandel zu werfen, Begrifflichkeiten zu klären und im Besonderen den Sprachwandel aus morphologischer Sicht näher zu beleuchten.

2. Was versteht man unter dem Begriff „Sprachwandel“

Um eine Definition des Begriffs „Sprachwandel“ überhaupt bieten zu können, ist es zunächst von Nöten, eine Unterteilung der Einzelbestandteile, „Sprache“ und „Wandel“, vorzunehmen. Eine Klärung der Begrifflichkeit „Wandel“ ist schnell gefunden. Jegliche „Veränderung innerhalb eines bestimmten Zeitraums“ gilt hier sicher als eine der einfachsten und geläufigsten Definitionen.[6] Hinsichtlich des Sprachbegriffs gestaltet sich die Begriffsklärung etwas schwieriger, da seitens der Linguistik große Unstimmigkeit bei der Definition von Sprache besteht. Trotzdem lassen sich gewisse Gemeinsamkeiten innerhalb der unterschiedlichen Auffassungen finden, welche uns zunächst einmal genügen sollen. So kann Sprache ganz allgemein als komplexes System verstanden werden, das sich aus verschiedenen „Teil oder Subsystemen“[7] zusammensetzt (s. Abb.1), in denen Sprachwandel ganz individuell, in den verschiedenen Schichten, nach jeweils „eigenen Prinzipien“[8] stattfindet.

Abb.1: Das „Zwiebelmodell“ der sprachlichen Ebenen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Nübling, 2006, S.2.

Das komplexe System der Sprache versucht Nübling möglichst einfach, in ihrem Zwiebelmodell, zu visualisieren. Dabei unterscheidet sie zwischen äußeren Schichten (Pragmatik), die recht anfällig auf außersprachliche Einflüsse wie zum Beispiel Sprachkontakt und gesellschaftliche Veränderungen reagieren und dem Kern (Phonologie, Morphologie, Syntax), der nur geringfügig auf äußere Einflüsse reagiert und von Nübling als stärkstes Identitätsmerkmal einer Sprache, als Grammatik, bezeichnet wird.[9] Lexik und Graphie sind zwischen äußerer Schicht und Kern angesiedelt. Dies ist in der Tatsache begründet, dass diese Bereiche sowohl von außen her veränderbar sind, als auch den Kern in gewisser Weise mit repräsentieren.

Versucht man nun eine allgemeingültige Definition für Sprachwandel auf Basis des Nübling`schen Sprachmodells in Kombination mit der bereits genannten Definition des Begriffs Wandel zu finden, so kann Sprachwandel als Vielfalt ständig verlaufender Prozesse der Umgestaltung, des Verlusts und der Neubildung sprachlicher Elemente verstanden werden[10], die in jedem einzelnen Bereich, auf allen sprachlichen Ebenen (Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Graphie, Lexik, Pragmatik) und zu jedem Zeitpunkt, bereichsübergreifend stattfinden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, soll hier noch darauf hingewiesen werden, dass genau genommen natürlich wir Menschen diejenigen sind, die im Zuge „funktionierender Kommunikation“[11] unsere Sprache verändern und dadurch den Sprachwandel überhaupt ermöglichen und vorantreiben. Doch im Großen und Ganzen ist uns nicht bewusst, wie sich unserer Sprache in den letzten Jahren/ Jahrhunderten überhaupt verändert hat. Um zur Klärung dieser Frage etwas beizutragen, soll anhand des morphologischen Wandels exemplarisch Sprachwandel dargestellt und entsprechend veranschaulicht werden, um wenigstens in einem Teilbereich unserer Sprache ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Ein kleiner Überblick, wie Sprachwandel in den einzelnen Subsystemen bereits stattgefunden hat, gibt Abbildung 2 sehr deutlich wieder, was vielleicht dafür sorgen kann, dass auch bei den Lesern, die bisher dem Sprachwandel noch kein Interesse abgewinnen konnten, Neugierde entsteht, den eigenen Horizont zu erweitern und sich damit von der engstirnigen Sicht des „Sprachverfalls“ zu entfernen.

Abb.2: Beispiele für Sprachwandel in einzelnen Subsystemen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Nübling, 2006, S.4.

3. Morphologischer Wandel

3.1 Grundlegendes

In der sprachlichen Ebene der Morphologie, die im „Zwiebelmodell“ von Nübling bereits als eine Komponente unserer „Grammatik“ vorgestellt wurde, sind im Verlauf der Sprachgeschichte einige wichtige Veränderungen zu beobachten, die sich in Umgestaltung, Verlust und Neubildung[12] von Morphemen widerspiegeln. Der morphologische Wandel betrifft dabei gleichermaßen zwei Gebiete:

Das der Flexionsmorphologie „bei der es um die Strukturen der zu einem Wort gehörigen Formen geht, die obligatorisch und für alle Wörter einer Wortart konstant grammatische Informationen differenzieren“[13] und das der Wortbildungsmorphologie, die die Entstehung neuer Wörter oder Wortarten betrifft. In diesem Zusammenhang ist eine Differenzierung beziehungsweise Klärung der Begriffe „Morphem“ unerlässlich, um die folgenden Analysen besser verstehen zu können.

Der Begriff Morphem stammt aus dem griechischen und bezeichnet „die kleinste, bedeutungstragende Einheit der Sprache“[14] die nicht weiter zerlegbar ist. In erster Linie unterscheiden sich Morpheme durch den Grad ihrer Selbständigkeit. So kann eine erste Unterteilung in freie und gebundene Morpheme erfolgen (s. Abb.3).

Abb.3: Morphemarten nach ihrer Abhängigkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: HAW Hamburg, 2005.

Als freie Morpheme bezeichnet man solche, die als eigenständige Wörter auftreten können und keine weiteren Morpheme zur Wortbildung benötigen. Eine Zerlegung dieser Morpheme in noch kleinere bedeutungstragende Einheiten ist nicht möglich. Zu ihnen lassen sich lexikalische Morpheme (Haus, schön, rot) ebenso wie Funktionswörter und Partikel (mit, weil, oder, sehr) zählen. Die Klasse der lexikalischen Morpheme wird als „offen“ bezeichnet, da im Zuge des ständig fortschreitenden Sprachwandels immer wieder neue Worte oder Wortformen entstehen und die Klasse vergrößern. Diese werden uns bei der Untersuchung der Wortbildungsmorphologie noch häufiger begegnen. Gegensätzlich hierzu stehen Funktionswörter und Partikel, deren Klasse „geschlossen“ ist. Sie sind zählbar und für die Inhaltserschließung von keiner Bedeutung.[15]

Kommen wir nun zu den gebundenen Morphemen, auch Affixe genannt, die eine sehr umfangreiche und ausdifferenzierte Gruppe darstellen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass mindestens ein weiteres Morphem (un+schön, lieb+lich) zur Wortbildung benötigt wird, da sie nicht alleine stehen können. Komplexere Wortgebilde sind die Folge.

Affixe können vor, innerhalb oder nach einem lexikalischen Morphem stehen. Treten sie vor einem lexikalischen Morphem auf (Be +sprechung, ent +stehen) werden sie als Präfixe bezeichnet. Innerhalb eines Wortes können Infixe, in Form eines Fugenmorphems vor allem bei Nominalkomposita als Verbindungselement fungieren (Mord+ s +hunger, Blume+ n +wase) oder in flektierter Form bestehen (geg a ngen, ges u ngen). Die letzte hier zu nennende Variationsmöglichkeit des gebundenen Morphems stellt das Suffix dar. Sie treten am Ende eines Wortes in flektierter Form auf (geh+ st, kauf+ st), können aber auch derivativ zur Bildung eines Nomen beitragen (Leit+ ung, Stärk+ ung). Natürlich besteht hier durchaus die Möglichkeit noch tiefer in die Materie einzudringen, bisher vorgestelltes soll für unsere Zwecke jedoch genügen und liefert einen angemessenen Überblick.

3.2 Flexionsmorphologie

Im Verlauf der Sprachgeschichte hat sich im morphologischen Bereich einiges getan. Die Flexionsmorphologie [flexionà Wortformenbildung < lat. „Beugung“][16] beschäftigt sich mit der Veränderung von Wörtern, um sie ihrem syntaktischen Kontext, also ihrem Kontext im Satz, im Laufe der Zeit anzupassen. Gemeinsam mit der Wortbildungsmorphologie ist diese vom morphologischen Wandel in vielerlei Hinsicht betroffen.

3.2.1 Analogischer Wandel

Der Analogische Wandel gehört zu den traditionell zentralen Gegenständen des morphologischen Wandels und beschreibt die „Angleichung sprachlicher Einheiten in Kontiguitätsbeziehungen“[17] (wa s, wā r um à wa r, wa r en), was unter anderem die „Veränderungen von Wörtern oder Wortformen nach dem Muster anderer Wörter/Wortformen“[18] zur Folge hat. Würde Sprache nur nach dem Prinzip der Lautgesetze funktionieren, würde sie auf Grund immer wieder auftretender, fehlerhaft produzierter Wörter, immer unregelmäßiger werden. Der „analogische Ausgleich“ als solcher, stellt einen Mechanismus dar, der dem Phänomen der stetigen Veränderung entgegenwirkt und sie regelmäßiger macht. In vielen Fällen erfolgt der analogische Wandel sehr regelmäßig, jedoch nie so ausnahmslos wie Lautwandelerscheinungen, da im Großen und Ganzen auch unregelmäßige Formen bestehen bleiben können, wie wir im weiteren Verlauf sehen werden.

[...]


[1] Nübling, 2006, S.1.

[2] Keller, 2002, S.1.

[3] Vgl. Nübling, 2006, S.1.

[4] Vgl. Keller, 2002, S.1.

[5] Keller, 2004, S.4.

[6] Vgl. Lüdtke, 1984, S.3.

[7] Nübling, 2006, S.2.

[8] Ebenda, S.2.

[9] Vgl. Nübling, 2006, S.3.

[10] Vgl. Lewandowski 1985, S.1027.

[11] Nübling, 2006, S.4.

[12] Vgl. Lewandowski, 1985, S.1027.

[13] Nübling, 2006, S.43.

[14] Taborek, 2001.

[15] Vgl. ebenda.

[16] Vgl. Nübling, 2006, S.44.

[17] Rehbein, 2004.

[18] Nübling, 2006, S.44.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Morphologischer Wandel - Veränderungen von Sprache im Geist der Zeit
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Struktur und Geschichte des Deutschen 2
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V112828
ISBN (eBook)
9783640130733
ISBN (Buch)
9783640130412
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Morphologischer, Wandel, Veränderungen, Sprache, Geist, Zeit, Struktur, Geschichte, Deutschen
Arbeit zitieren
Anna-Lena Walter (Autor), 2008, Morphologischer Wandel - Veränderungen von Sprache im Geist der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112828

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