Prosodisches Bootstrapping und seine Grenzen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

16 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prosodie in KGS und EGS – Argumente und Evidenzen
2.1 Prosodische Hinweise auf syntaktische Einheiten in EGS
2.1.1 Pausen als Hinweis auf die Syntax
2.1.2 Grundfrequenz als Hinweis auf die Syntax
2.1.3 Dehnung als Hinweis auf die Syntax
2.2 Die Rolle der Prosodie in EGS
2.2.1 Prosodische Hinweise und Wahrnehmung von Grenzen
2.2.2 Wahrnehmung von Grenzen ohne syntaktische Hinweise
2.2.3 Prosodische Hinweise zu syntaktischen Grenzen in künstlicher Sprache
2.3 Prosodie und Syntax in KGS
2.3.1 Prosodische Hinweise in KGS
2.3.2 Die syntaktische Struktur der KGS
2.3.3 Wie nützlich sind wenig verlässliche prosodische Hinweise?
2.4 Sensibilität von Kindern in Bezug auf die prosodische Struktur

3. Prosodie als Lösung des Segmentierungs-, Labeling- und Strukturproblems?
3.1 Prosodie und das Segmentierungsproblem
3.2 Funktionsmorpheme und das Labelingproblem
3.3 Strukturproblem

4. Phonotaktik und Prosodie bei der Wortsegmentierung

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Es ist heute kaum umstritten, […] dass die Prosodie eine Art Steigbügelfunktion für den Spracherwerb übernimmt. Man spricht in diesem Zusammenhang vom so genannten prosodic bootstrapping , d.h. der Fähigkeit, sich an den eigenen (prosodischen) Stiefeln aus dem metaphorischen Sumpf des Nicht-Beherrschens, z.B. der Grammatik zu ziehen. […] Verschiedene Studien konnten aufzeigen, dass sich Kinder […] ihr (bereits bei der Geburt teilweise ausgebildetes) Wissen über […] die Prosodie ihrer Sprache zu Nutze machen, um einen Einstieg in die Grammatik zu finden. Im Deutschen ist beispielsweise ein dominantes prosodisches Muster der Trochäus (betonte Silbe/unbetonte Silbe, wie etwa im Wort Apfel ). Das Erkennen dieses Musters hilft den Kleinkindern bei der Identifikation von Wörtern und Wortbestandteilen - eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau einer Lernergrammatik (Bertschi-Kaufmann et al. 2006). Auch Fernald und McRoberts (1996) beschäftigten sich mit der Hypothese zum prosodischen Bootstrapping, nach der sich kleine Kinder auf prosodische Hinweise in der Sprache stützen, um die Syntax zu erkennen und zu erlernen. Wenn die Grenzen zwischen syntaktischen Konstituenten durch prosodische Merkmale (z.B. Pausen, Pitchkonturen und Vokallängung) markiert sind, kann diese akustische Zeichensetzung für den Spracherwerb des Kindes nützlich sein. In dieser Arbeit werden ich das prosodische Bootstrapping und dessen Grenzen näher betrachten. Zuerst wird im zweiten Abschnitt die Prosodie in kindgerichteter (KGS) und erwachsenengerichteter Sprache (EGS) betrachtet (Fernald und McRoberts (1996)). Im dritten Abschnitt wird das prosodische Bootstrapping als Lösungsmöglichkeit für das Segmentierungs-, Labeling- und Strukturproblem (Gerken (1996)) dargestellt. Bevor im fünften Abschnitt das Fazit folgt, zeigt eine Studie von Mattys et al. (1999), dass prosodische Hinweise dominanter sind als phonotaktische und, dass sie in Kombination auftreten.

2. Prosodie in KGS und EGS – Argumente und Evidenzen

Fernald und McRoberts (1996) meinen, dass, sofern das Mapping zwischen Syntax und Prosodie bei KGS ausgeprägter und verlässlicher wäre als bei EGS, die prosodische Struktur der KGS das Analysieren des Sprachflusses unterstützen könnte. Ihnen ist die Hypothese des prosodischen Bootstrappings seiner Evidenz jedoch voraus ist. Würde man die Beziehung zwischen Syntax und Prosodie manipulieren und die Effekte dieser Manipulation berechnen, hätte man direkte Evidenz für diese Hypothese. Solch direkte Evidenz gibt es bisher jedoch noch nicht, und daher beruht die Hypothese hauptsächlich auf indirekter Evidenz, für die vier Hauptkategorien typisch sind. Deskriptive Studien nehmen an, dass charakteristische prosodische Merkmale lückenlos mit syntaktischen Grenzen in EGS verbunden sind und sie weisen darauf hin, dass prosodische Hinweise an Grenzen in KGS überspitzt sind. Experimentelle Studien zeigen, dass prosodische Hinweise die Perzeption von syntaktischen Grenzen von Erwachsenen beeinflussen. Und Wachstumsforschungen behaupten, dass kleine Kinder auch bei unfamiliären Sprachen für Syntax-Prosodie-Beziehungen sensibel sind. Anhand mehrerer Studien betrachten Fernald und McRoberts (1996) diese Quellen der Evidenz näher. Sie meinen, dass die Prosodie als Hinweise auf syntaktische Strukturen überbewertet ist.

2.1 Prosodische Hinweise auf syntaktische Einheiten in EGS

Um die Nutzbarkeit und das Vorhandensein von prosodischen Merkmalen als mögliche Hinweise auf die syntaktische Struktur zu überprüfen, betrachten Fernald und McRoberts (1996) Studien zu Pausen, zur Grundfrequenz und zur Dehnung.

2.1.1 Pausen als Hinweis auf die Syntax

Die Beziehung von Pausen und syntaktischen Konstituenten kann von zwei Seiten betrachtet werden. Eine Möglichkeit ist es, die Wahrscheinlichkeiten, dass eine syntaktische Grenze durch eine Pause markiert ist (p(Pause│Grenze)) zu betrachten. Eine Studie von Goldman- Eisler (1972) ergab, dass 90 Prozent aller Sätze und 52 Prozent aller Teilsätze durch Pausen begrenzt sind. Auch andere Studien zeigten, dass Teilsätze und NPs/VPs häufig nicht durch Pausen abgegrenzt sind. Dies ist noch kein Problem für die Hypothese des prosodischen Bootstrappings, da Pausen sichere Hinweise für die Satzstruktur sein könnten, wenn sie nur an Grenzen auftreten würden. Doch die Daten von Goldmann-Eisler (1972) und Maclay und Osgood (1959) zeigen, dass 50 Prozent der Pausen nicht an Satz, Teilsatz oder Phrasengrenzen auftreten. Auch Cooper und Paccia-Cooper (1980) führten eine Studie durch, die als Evidenz für Pausen an Satzgrenzen genutzt wird. Sie fanden heraus, dass Sprecher beim Lesen ambiger Sätze unterschiedlich lange Pausen machten, um die verschieden Lesarten zu unterscheiden. Sie bestimmten aber nicht, ob Pausen auch noch an anderen Stellen auftraten, was für Kleinkinder die nötige und nützliche Information wäre. Da Kleinkinder vom Hinweis auf die Struktur schließen müssen, hilft es ihnen nicht, zu wissen, dass verschiedene Satzarten verschieden lange Pausen haben, sondern eher, wie oft Pausen als Hinweis auf eine Grenze dienen und wie oft nicht. Die Studie von Cooper und Paccia-Cooper (1980) ist also keine Evidenz dafür, dass Kleinkinder Pausen als Hinweis für die Syntax nutzen können. Da Pausen nicht immer und nicht nur an Grenzen auftreten, sind sie keine zuverlässigen Hinweise auf syntaktische Strukturen.

2.1.2 Grundfrequenz als Hinweis auf die Syntax

Auch für die Grundfrequenz wird angenommen, dass sie Kindern helfen kann, syntaktische Strukturen zu erlernen. Cooper und Sorensen (1981) behaupten, dass das Grundfrequenzmuster Anstieg-Abfall immer bei bestimmten Typen von Satzgrenzen auftritt. Dies trifft zwar unter bestimmten Umständen zu, es gibt allerdings keine Evidenz dafür, dass dieses Muster nur an Satzgrenzen auftritt, so dass dies kein verlässlicher Hinweis ist. Da gelesene Spontansprache immer unterschiedlich ist und auch Phonologie, Fokussierung, Diskursstruktur und die soziale Interaktion einen Einfluss auf die Grundfrequenz haben, ist sie kein guter Hinweis auf syntaktische Strukturen.

2.1.3 Dehnung als Hinweis auf die Syntax

Einige Studien zeigen, dass Sprachsegmente am Ende von Phrasen und Sätzen gelängt werden. Für Kleinkinder ist am wichtigsten zu wissen, wie oft die Dehnung an syntaktischen Grenzen auftritt. Klatt (1976) führte hierzu eine Studie durch, die ergab, dass Dehnung nicht nur an Grenzen auftritt. Sie ist daher kein zuverlässiger Hinweis auf die syntaktische Struktur ist.

2.2 Die Rolle der Prosodie in EGS

Auch um herauszufinden, inwieweit Erwachsene diese prosodischen Merkmale in der Verarbeitung von Sprache nutzen, haben Fernald und McRoberts (1996) zahlreiche Studien unter die Lupe genommen.

2.2.1 Prosodische Hinweise und Wahrnehmung von Grenzen

Zahlreiche Studien, die unterschiedliche Parameter getrennt untersuchten, konnten zwar den Einfluss der einzelnen prosodische Hinweise in Bezug auf die Segmentierung nicht eindeutig zeigen, ergaben aber insgesamt, dass die Dehnung der konstanteste Hinweis ist und, dass prosodische Hinweise in Kombination stärker sind als alleine.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Prosodisches Bootstrapping und seine Grenzen
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Linguistik)
Veranstaltung
Neue Ansätze der Spracherwerbsforschung
Note
2,3
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V113120
ISBN (eBook)
9783640133253
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prosodisches, Bootstrapping, Grenzen, Neue, Ansätze, Spracherwerbsforschung
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Prosodisches Bootstrapping und seine Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113120

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