Die Tragödienkonzeption des Aristoteles

Eine Untersuchung anhand von Schillers Maria Stuart


Seminararbeit, 2006

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Tragödienkonzeption des Aristoteles
2.1 Die Nachahmung
2.2 Eleos und Phobos
2.3 Die Katharsis
2.4. Die Nachahmung von Handlung – Der Mythos

3. Zusammenfassung

4. Beleuchtung der Maria Stuart
4.1 Schillers Tragödienauffassung
4.2. Das Drama – Maria Stuart

5. Schluss

6. Bibliographie

1. Einleitung

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit schildere ich die Kerngedanken, die das Ergebnis von Aristoteles’ Nachdenken über die Tragödie sind. Dabei gehe ich von dem im sechsten Kapitel der Poetik aufgestellten Tragödiensatz aus und erläutere im Weiteren die einzelnen Bestandteile dieser Definition, wobei ich von Aristoteles selbst verwendete Erklärungen mit Ansichten aus der neueren Forschung in Zusammenhang setze, beschränke mich jedoch angesichts des begrenzten Rahmens auf Grundsätzliches.

Anschließend betrachte ich Friedrich Schillers Drama Maria Stuart und untersuche anhand der im ersten Teil der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse, inwiefern Schillers Drama Maria Stuart Elemente der Aristotelischen Tragödienkonzeption enthält oder auch nicht, wobei ich bei den Betrachtungen dieses zweiten Hauptteils Schwerpunkte setze, die denen des ersten Hauptteils entsprechen; die Zusammensetzung der Handlung, um eine tragische Wirkung zu erzielen wird also im Vordergrund des Interesses stehen. Untersuchungen sprachlich-rhythmischer Besonderheiten werden wie im Falle der Poetik kaum eine Rolle spielen, höchstens dort, wo sie dem höheren Ziel dienlich sind. In einem abschließenden Kapitel versuche ich, zu einem Schluss hinsichtlich Schillers Verhältnis zum Tragödienverständnis des Aristoteles zu gelangen und was davon an der Maria Stuart sichtbar wird.

2. Die Tragödienkonzeption des Aristoteles

Im 4. Jahrhundert v.Chr. verfasste Aristoteles seine Vorstellungen darüber, wie Dichtung idealiter gestaltet sein müsse, um als gute Dichtung zu gelten. Er löst sich dabei von den Ansichten seines Lehrers Platon, der Dichtung für grundsätzlich sinnlos und unmoralisch hielt.[1] Ausschnitte der Betrachtungen des Aristoteles zur Dichtung sind in der Poetik enthalten, die von ihm selbst möglicherweise gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war und an einigen Stellen dementsprechend bruchstückhaft und unzusammenhängend wirkt.[2] Seine Ansichten zur Komödie, auf die er zu Beginn der Poetik hinweist, sind gänzlich verloren. Erhalten sind dagegen Einblicke in die Gedankenwelt des Aristoteles hinsichtlich der Tragödie, die einen großen Teil der Poetik ausmachen und in der Übersetzung von Manfred Fuhrmann den Ausgangspunkt der folgenden Darstellung bilden.

„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter

Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten

je verschieden angewendet werden – Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die

Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen

bewirkt“.

Auf diese Formel bringt Aristoteles seine Kerngedanken über die Tragödie im sechsten Kapitel der Poetik, deren hier aufgeführte Bestandteile jedoch einiger Erläuterungen bedürfen.

2.1 Die Nachahmung

Bereits zu Beginn der Poetik bezeichnet Aristoteles in einem allgemeinen Teil die „tragische Dichtung“ neben anderen Künsten als „Nachahmung“ (Mimesis).[3] Er ist der Ansicht, dass die Fähigkeit zur und die Freude an Nachahmung dem Menschen angeboren sei und vermutlich den naturgegebenen Ursprung der Dichtkunst bilde.[4] Aristoteles unterscheidet drei Kategorien der Nachahmung, die er zwar auch auf andere Formen der Dichtung bezieht, aber ebenso der Tragödie zuordnet:

1. Die verschiedenen Mittel, mit denen die Künste nachahmen
2. Die verschiedenen Gegenstände, die nachgeahmt werden
3. Die unterschiedlichen Weisen, auf die nachgeahmt wird.

Als Mittel der Nachahmung nennt er Rhythmus, Sprache/Vers und Melodie. Gegenstand der Nachahmung seien handelnde Menschen, wobei die Tragödie bessere Menschen nachahme, als sie in der Wirklichkeit vorkämen. Bezüglich der Art und Weise, in der nachgeahmt wird, trennt Aristoteles Bericht von unmittelbarer Darstellung der Figurenhandlung, wobei sich aus dieser sich die Bezeichnung „Drama“ ableiten lasse (drōntes = sich Betätigende, von drān = handeln).[5] Auf diese Weise gelangt er zu den sechs qualitativen Teilen[6] einer jeden Tragödie, die in obiger Definition zusammengefasst sind und deren Bedeutung für die tragische Handlung er in folgender Reihenfolge nennt:

Mythos, Charaktere, Erkenntnisfähigkeit, Sprache, Melodik, Inszenierung.

Dem Mythos kommt nach Aristoteles die größte Bedeutung zu, Charaktere und Erkenntnisfähigkeit können als dessen Bestandteile gesehen werden. Melodik und Inszenierung werden in der Poetik kaum weiter erwähnt. Letztere sei gar der Tätigkeit des Kostümbildners näher als der des Dichters heißt es im sechsten Kapitel. Hinsichtlich der sprachlichen Ausarbeitung der Gedankenführung wird auf „Schriften zur Rhetorik“ verwiesen.[7]

Doch bevor auf den Mythos als „Nachahmung von Handlung“ näher eingegangen wird, soll ein Blick auf die Wirkung geworfen werden, die nach Aristoteles von der richtig zusammengefügten Tragödie ausgeht: „Jammer“ und „Schaudern“, die eine „Reinigung“ von ebensolchen „Erregungszuständen“ bewirken sollen.

2.2 Eleos und Phobos

Dieses Begriffspaar taucht als solches an mehreren Stellen der Poetik auf und bildet einen Kern in der Tragödienkonzeption des Aristoteles. Wenn er von der eigentümlichen Wirkung der Tragödie und im selben Zusammenhang gar von Vergnügen spricht, dann spielt er auf Affekte an, die durch eben diese Ausdrücke bezeichnet werden und auf die Vorstellung einer reinigenden Wirkung, welche als deren Konsequenz erzeugt werde.[8]

Eine exakte Übertragung des Grundsinns ins Deutsche hat zu Auseinandersetzungen geführt,[9] die u.a. mit der Frage zusammenzuhängen scheinen, ob hier von Aristoteles eine moraldidaktische Wirkung gemeint ist. Lessing, beispielsweise, übersetzt Eleos und Phobos in seiner Hamburgischen Dramaturgie als „Mitleid“ und „Furcht“. Nach Schadewaldts Ansicht erhält der Eleos der Poetik in der von Lessing übersetzten und gebrauchten Weise eine ethisch-moralische Konnotation, die sich einer bestimmten Vorstellung christlicher Nächstenliebe nähere und impliziere, dass die tragischen Ereignisse auf der Bühne beim Betrachter als Folge einer allen Menschen eigenen Anteilnahme am Geschick des Anderen Mitleid hervorriefen. Der Phobos der Poetik träte dabei als auf uns selbst bezogenes Mitleid sozusagen nur noch als Begleiterscheinung des Eleos auf, der ein zu starkes Gewicht erhalte, während Eleos und Phobos in der Poetik paritätisch angelegt seien. Schadewaldt selbst gelangt zu der Erkenntnis, mit Eleos und Phobos seien bei Aristoteles „naturhafte Elementaraffekte“ gemeint,[10] die durch die Vorstellung des Zuschauers hervorgerufen würden, ihm könnte ähnliches wie dem tragischen Helden geschehen. Er hält „Jammer“ und „Schaudern“ für die treffendste Übersetzung[11] und lehnt die abgemilderte Variante Lessings, die dem Schrecken die urwüchsige, dämonische Kraft nehme, ab. Die zentralen Konnotationen des Jammers – „Wehklage, Tränenergüsse, Rührung des Zuschauers angesichts des dargestellten Leids“ – und des Schauderns – „Schrecken, Herzbeben, Haaresträuben“ - würden im Lessingschen Fall nur ungenügend wiedergegeben.[12]

[...]


[1] Vgl. Fuhrmann, Manfred (Hg.) (1994): Aristoteles: Poetik. Stuttgart. Hier: 157f.

sowie Schadewaldt, Wolfgang (1960): Furcht und Mitleid? Zur Deutung des Aristotelischen

Tragödiensatzes. In: Thurow, Reinhard/Zinn, Ernst (Hg.): Hellas und Hesperien. Gesammelte

Schriften zur Antike und zur neueren Literatur in zwei Bänden. Band 1. Zürich/Stuttgart. Hier: 379f.

Weiterhin Luserke Matthias (Hg.) (1991): Die Aristotelische Katharsis. Dokumente ihrer Deutung

im 19. und 20. Jh. Hildesheim/Zürich/New York. Hier: 31f.

[2]Vgl. dazu Fuhrmann 1994: 144f.

sowie Luserke Matthias (Hg.) (1991): Die Aristotelische Katharsis. Dokumente ihrer Deutung im 19.

und 20. Jh. Hildesheim/Zürich/New York. Hier: 407.

[3] Zum Begriff der „Nachahmung“ vgl. Luserke 1991: 5f.

[4] Vgl. Fuhrmann 1994: 11.

[5] Vgl. ebd.: 7.

[6] Vgl. ebd.: 109 Anm.5.

[7] Vgl. Fuhrmann 1994: 61.

[8] Vgl. ebd.: 43.

[9] Vgl. dazu Schadewaldt 1960: 346.

[10] Vgl. Schadewaldt 1960: 349/354.

[11] Fuhrmann wählt die gleiche Übersetzung in der Poetik.

[12] Vgl. Schadewaldt 1960: 361.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Tragödienkonzeption des Aristoteles
Untertitel
Eine Untersuchung anhand von Schillers Maria Stuart
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Einführung in die Textanalyse und Texttheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V113282
ISBN (eBook)
9783640137848
ISBN (Buch)
9783640137961
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tragödienkonzeption, Aristoteles, Einführung, Textanalyse, Texttheorie
Arbeit zitieren
Fritz Hubertus Vaziri (Autor), 2006, Die Tragödienkonzeption des Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113282

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