Erinnerung an einen kulturellen Raum im autobiographischen Text "Mój Lwów" von Józef Wittlin


Hausarbeit, 2007

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Kultur im Raum, Kultur in der Erinnerung

2 Autobiographie im Raum
2.1 Das Leben erzählt als die Erinnerung an eine Stadt
2.2 Individueller Diskurs im objektivierten Raum
2.3 Objektivierende Kriterien des individuellen Diskurses

3 Zwei verschiedene Arten, sich an Lwów zu erinnern
3.1 Reflexivität
3.1.1 Reflexivität als Maßstab
3.1.2 Selbstreflexivität: Selbstironie
3.2 Bedeutungsvielfalt in der Erinnerung
3.2.1 Erinnerungsgemeinschaft
3.2.2 Nostalgische Erinnerung
3.2.3 Restaurative und reflexive Nostalgie
3.3 Absichtserklärung und Essenz
3.4 Kulturelle Zeichen als Differenzierungsmerkmal zwischen restaurativem und reflexivem Erinnerungsdiskurs
3.4.1 Inszenierter Konflikt
3.4.2 Latein als Sprache der Kultur
3.4.3 Löwen als räumliche Metapher

4 Literaturverzeichnis

1 Kultur im Raum, Kultur in der Erinnerung

Der autobiographische Text “Mój Lwów” von Józef Wittlin ist ein Text der persönlichen Erinnerung an einen für immer verlorenen Ort, der sich in der Rückschau als kultureller Raum entfaltet. Das Persönliche wird im Kulturellen und das Kulturelle im Persönlichen verhandelt. “Mój Lwów” hat die Form einer Autobiographie, während den Gegenstand des Diskurses nicht das Leben des Autobiographen darstellt, sondern der kultursemiotische Raum einer Stadt, wie er durch das Prisma einer individuellen Wahrnehmung und Erinnerung erscheinen kann. Form und Inhalt heben sich jedoch in ihrer Widersprüchlichkeit nicht auf, sondern durchdringen einander und wirken dergestalt auf einander ein, dass das eine zur Metapher des anderen wird. Wie durch einen Schleier hindurch werden in der Beschreibung des kulturellen Raumes Lwóws der autobiographische Erzähler und seine Empfindungen sichtbar, während die Autobiographie gleichzeitig zu einem detaillierten und intimen Stadtführer wird.

Der autobiographische Erzähler von “Mój Lwów” zeichnet nicht das Bild seines persönlichen Lebens vor der räumlichen Kulisse Lwóws. Vielmehr verflicht sich in der erinnernden Erzählung sein Leben mit dem kulturellen Raum der Stadt und wird somit selbst zu einem Teil davon. Der Kulturraum Lwóws steht in dem Text von “Mój Lwów” klar im Vordergrund. Dennoch wird dieser kulturelle Raum in einem deutlich als individuell markierten Diskurs verhandelt und zwar unter ganz bestimmten Vorzeichen. Indem der autobiographische Erzähler den Kulturraum Lwóws interpretierend beschreibt, definiert er ein Verständnis von Kultur und Kulturhaftigkeit, das auf der individuellen Fähigkeit zur Deutung und Vermehrung kultureller Zeichen beruht. Diesen Entwurf setzt er in seinem eigenen Diskurs um, womit der individuelle Diskurs des Erzählers zu seiner eigenen Rechtfertigung wird, nach Kriterien, die der Erzähler in diesem Diskurs selbst aufstellt.

Zudem zeichnet der Erzähler im Text das Bild eines zweiten Diskursmodells, das dem seinen als gegenläufig erscheint. Denn es ist darauf ausgerichtet, die für die Interpretation kultureller Zeichen und damit für ein Weiterbestehen und Sich-Weiterentwickeln des kulturellen Raumes Lwów - auch wenn es ein in der Erinnerung imaginierter Raum ist - notwendige Sinnesvielfalt auf möglichst einen einzigen semantischen Strang einzudämmen. In “Mój Lwów” wird deutlich, dass diese bei-den antagonistischen Arten der Interpretation sich auch in der Erinnerung an Lwów realisieren. Obwohl sie sich in individuellen Gedächtnissen manifestieren, stellen sie Tendenzen innerhalb einer kollektiven Erinenrungskultur um die Stadt dar. Der Erzähler begreift sich selbst als individuellen Vertreter der kulturell wertvollen und Kultur vermehrenden Strömung der lwówer Erinnerungskultur, während er in seinem Diskurs einen gewissen Teil der impliziten Leserschaft als Vertreter des ihm entgegengesetzten kulturfeindlichen Erinnerungsdiskurses um Lwów annimmt. Damit gewinnt der individuelle Erinnerungsdiskurs des Erzählers eine kulturell und kollektiv relevante Implikation.

2 Autobiographie im Raum

2.1 Das Leben erzählt als die Erinnerung an eine Stadt

“Mój Lwów” erfüllt wesentliche Kriterien eines autobiographischen Textes, wie sie Philippe Lejeune - dessen Definition der Autobiographie bis heute weitestgehende Gültigkeit besitzt - in sei-nem Buch “Le pacte autobiographique”[1] festlegt. Lejeunes zusammenfassende Definition einer Autobiographie lautet:

“Rückblickende Prosaerzählung einer tatsächlichen Person über ihre eigene Existenz, wenn sie den Nachdruck auf ihr persönliches Leben und insbesondere auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt.”[2]

Zusätzlich dazu möchte ich hier eine etwas detailliertere Definition anführen, wie sie Carola Hilmes in ihrem Buch “Das inventarische und das inventorische Ich. Grenzfälle des Autobiographischen” von Lejeunes Bestimmungen ausgehend und um “einige Akzentuierungen” erweitert für eine klassisch-traditionelle Autobiographie anbietet:

“Rückblickende Prosaerzählung in der ersten Person, die das eigene Leben zum Gegenstand hat, vornehmlich die innere Entwicklung des Individuums, dieses von einem erreichten Punkt aus konsequent auf diesen Punkt hinführend, wobei die historische Richtigkeit der Fakten weitgehend gewahrt und gegenüber dem Leser auch versichert wird. [...] Die Identität von Autor, Erzähler und Hauptfigur ist ebenso konstitutiv wie die retrospektive, kontinuierliche und teleologisch verfahrende Prosaerzählung, die nicht zuletzt dokumentatorischen Wert mit Wahrheitsanspruch behauptet und ausdrücklich mit dem Leser in einen Dialog tritt.”[3]

Auch einem großen Teil der von Hilmes vorgeschlagenen Faktoren entspricht der Text von “Mój Lwów”. In den Punkten, die er allerdings nicht erfüllt, entsteht eine Ambivalenz, die zu interessanten Effekten führt.

Sowohl Lejeunes als auch Hilmes’ Definition gründet auf dem von Lejeune für eine Autobiographie als Grundlage festgelegten “autobiographischen Pakt”. Dieser Pakt beinhaltet sowohl die Identität des realen Autors eines Textes mit dessen Erzähler als auch die des Erzählers mit dem Protagonisten des Textes und folglich auch diejenige des realen Autors mit dem Protagonisten.[4] Der autobiographische Pakt ist allerdings keine Gewissheit, die ein Text an sich vermitteln kann, sondern eine Rezeptionshaltung des Lesers, die von den genannten Kriterien unterstütz wird.[5] In Wittlins Text wird vordergründig nur ein Teil des autobiographischen Paktes eingelöst, nämlich die Identität zwischen realem Autor und dem Erzähler. Die Stelle des Protagonisten nimmt in “Mój Lwów” hingegen nicht das erinnerte Ich des Erzählers und damit des Autors, sein Leben und seine “innere Entwicklung” ein. In dem Text wird der Nachdruck nicht auf “das persönliche Leben” und “die Geschichte der Persönlichkeit” des individuellen mit dem Erzähler identischen Autors gelegt, denn den Protagonisten von “Mój Lwów” stellt die durch den Erzähler erinnerte Stadt Lwów als kultureller Raum dar. Allerdings verbindet sich in der erinnernden Darstellung die Stadt organisch mit dem Leben des autobiographischen Erzählers.

In “Mój Lwów” wird keine rückblickend kontinuierliche und teleologische Erzählung entwik-kelt, wie sie von Hilmes als Kriterium für eine klassische Autobiographie genannt wird. Allgemein spielt der chronologische Aspekt, sowohl in historischer Hinsicht als auch in Hinsicht auf das Leben des autobiographischen Erzählers, für die Struktur der Erzählung in dem Text von “Mój Lwów” eine untergeordnete Rolle. In solch einem Fall ließe sich fragen, warum sich “Mój Lwów” anstatt als ein autobiographischer Text nicht als eine Art individueller Stadtführer ansehen ließe. Wittlin selbst reflektiert in seinem Text diese Möglichkeit. An einer Stelle schreibt er: “Nie piszemy baedeckera, lecz trudno nie wspomnieć o katedrze łacińskiej, [...]”[6]. Dieser Variante widerstrebt allerdings die Tatsache, dass die Erzählung sowenig sie dem chronologisch dargestellten Leben des autobiographischen Erzählers folgt auch nicht von der Topographie Lwóws bestimmt wird. Vielmehr scheint sie durch ein assoziatives Verfahren gegliedert zu sein. In Verbindung mit dem homodiegetischen, mit dem realen Autor identischen Erzähler des Textes von “Mój Lwów” wirkt dieser nach assoziativen Kriterien konstruierte Diskurs als ein Gespräch des Erzählers mit dem impliziten Leser - zumal er immer wieder einen impliziten Leser oder eine implizite Leserschaft dialogisch anspricht. Der Erzähler scheint sich darin ungewollt und unbewusst - nicht zuletzt durch die Auswahl des Erinnerten und die Art der Schilderung - als Individuum mit einem bestimmten Charakter und einer bestimmten Haltung zu erkennen zu geben. Dieser individualisierende Effekt der assoziativen Erzählung hat wiederum einen stark subjektivierenden Einfluss auf die Darstellung der Stad Lwów.

Der individualisierende und subjektivierende Eindruck einer Autobiographie entsteht zudem auch dadurch, dass der Erzähler von “Mój Lwów” ganz bewusst und dezidiert sein eigenes Leben mit der Stadt verbindet, woraus implizit ein Teil der Legitimation abgeleitet wird, die Stadt erinnernd und aus subjektiver Perspektive beschreiben zu dürfen. Nach dem ersten einleitenden Kapitel wird dieser Anspruch zu Beginn des zweiten Kapitels instaliert und gerechtfertigt mit den Worten:

“Mój Lwów! Mój, chociaż wcale się tam nie urodziłem. Z dokładnych obliczeń wynika, że wszystkiego spędziłem we Lwowie osiemnaście lat. Nie tak wiele, jak na człowieka, który słusznie czy niesłusznie uchodzi za lwowianina i sam się tym chlubi. Co prawda, były to lata chłopięce i lata pierwszej młodości, a więc decydujące o całym póżniejszym życiu.”[7]

Wie man sehen kann, schreibt hier der Erzähler der Stadt eine bestimmende Rolle zu. Zum einen charakterisiert er die Jahre, die er in Lwów verbracht hat, als prägend für sein Leben und seine Selbstidentifikation. Zum anderen verleiht ihm die organische Verbindung seines Schicksals mit der Stadt die Berechtigung auch von sich selbst zu sprechen, während er sich an Lwów erinnert.

Einige Seiten weiter gibt der Erzähler einige Daten und Fakten seines Lebens an, wiederum in Verbindung mit Lwów. Er verankert dadurch die Stadt und damit auch sein eigenes Leben in der historischen Zeit. Der Erzähler spricht zunächst davon, dass er im Jahre 1922 Lwów verließ.[8] Dieses Datum stellt eine Verbindung zwischen dem realen Autor Wittlin und dem Erzähler von “Mój Lwów” dar - denn ersterer verließ Lwów tatsächlich 1922, um nach Łódź zu gehen. Es bindet die Erzählung an die Realität des Autors.[9] Gleich darauf gelingt es dem Erzähler mit zwei Sätzen das Zeitfenster seiner gesamten Erzählung aufzumachen, es historisch aufzuladen, die Stadt Lwów und sein eigenes Leben darin einzubetten und dadurch wiederum seine persönliche Geschichte mit der der Stadt Lwów zu verbinden:

“Czyli że “mój Lwów” był głównie Lwowem z czasów zaboru austriackiego, stolicą “Królestwa Galicji i Lodomerii z Wielkim Księstwem Krakowskim, Księstwami Zatorskim i Oświęcimskim”. Co? Tak jest - Oświęcimskim. (Czarno się robi dziś przed oczyma na dźwięk tego słowa.)”[10]

Als semantischen Fernhorizont ruft der Erzähler mit diesen zwei Sätzen die gesamte europäische Geschichte der letzten 250 Jahre auf. Als semantischer Nahhorizont wird durch die offizielle k.u.k. Bezeichnung des österreich-galizischen Königreiches und durch das darin enthaltene Wort “Ausch-witz” die europäische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfaltet und durch den Kommentar des Erzählers emotional aufgeladen. Gleichzeitig ordnet der Erzähler Lwów in die assoziativ aufgerufenen geschichtliche Verläufe ein, evoziert aber auch die historisch exemplarische individuelle Biographie der realen Person Wittlins - und damit auch seine eigene. Eine weitere historische Einbettung der eigenen Biographie und des erinnerten Lwów erfolgt durch die darauffolgende Erwähnung des polnisch-ukrainischen Bürgerkrieges und der ersten Jahre der polnischen Unabhängigkeit.

Einer der Effekte dieser historischen Verankerung sowohl Lwóws als auch der eigenen Biographie ist der Gewinn an Glaubwürdigkeit, der sich an die Existenz einer realen Person an einem realen Ort knüpft. Der real existierende individuelle Autor, der hinter dem Erzähler einer Autobiographie steht, bedeutet die Bürgschaft der Wahrhaftigkeit des im Text angebotenen Diskurses.[11] Transportiert wird diese reale Existenz zum einen durch die historische Belegbarkeit und zum anderen durch die authentisch dargestellte Individualität des Autors, die sich im Erzähler widerspiegelt und die in dem von ihm produzierten Diskurs immer wieder aufscheint.

2.2 Individueller Diskurs im objektivierten Raum

Die Stadt Lwów, an die sich die subjektive Wahrnehmung und Erinnerung des Erzählers von “Mój Lwów” knüpft, wird in Wittlins Text nicht nur historisch eingeordnet und damit zeitlich objektiviert. Auch räumlich erfährt das vom Erzähler individuell erinnerte Lwów eine Objektivierung, denn die Stadt erscheint in seiner Erinnerung als historisch-kultureller Raum.

In einer Passage des zweiten Kapitels schildert der Erzäher einen der Besuche, die er Lwów, nach dem er es 1922 verlassen hatte, mindestens einmal im Jahr abstattete.[12] Er beschreibt seine persönlichen Gefühle bei dem Anblick der Wahrzeichen Lwóws, die er bei der Anfahrt vom Zug aus sehen konnte und die er nacheinder aufzählt. Diese Aufzählung stellt ein wahres Feuerwerk an räumlichen Erkennungs-, Erinnerungs- und damit auch Imaginationssignalen der Stadt Lwów dar. Was Wittlin hier verwendet sind topographische Abrufreize, in der Gedächtnispsychologie retrieval cues genannt. Bei solchen cues kann es sich sowohl um äußere als auch um innerpsychische, z.B. emotioanle oder kognitive, Reize handeln. Ein Abrufreiz sorgt dafür, dass im Bewusstsein des Rezipienten des Reizes eine Gedächtnisspur aktiviert wird, die sich mit dem Abrufreiz zu einem Erinnerungserlebnis verbindet.[13] Indem der Erzähler diese topographisch sehr markanten und auch bekannten Wahrzeichen Lwóws aufzählt, umreißt er einen bestimmten Raumabschnitt, und lässt vor dem inneren Auge des Lesers einen panoramischen Anblick Lwóws erstehen.

Während er diesen Raum in der Imagination heraufbeschwört, lässt der Erzähler darin gleichzei-tig einige verschiedene Diskurse nebeneinander laufen, sich verbinden und einander beeinflussen. Zum einen stellt er Lwów als kulturellen Raum dar, denn was er aufzählt sind nicht persönliche Erkennungsmerkamle, sondern, wie gesagt, kulturelle Wahrzeichen der Stadt Lwów. Der zweite Diskurs ist ein historischer, denn die aufgezählten Wahrzeichen sind nicht nur räumliche, sondern auch geschichtliche Abrufreize Lwóws. Hinzukommend personalisiert der Erzähler den kulturell-historischen Raum der Stadt, indem er seine erinnerten Gefühle beim Anblick der markanten Wahrzeichen schildert. Auf eine interessante Weise lässt er in dem imaginierten Raum Lwóws eine Gleichzei-tigkeit des Ungleichzeitigen, eine Gleichzeitigkeit des Historischen und des Persönlichen und eine Gleichzeitigkeit zweier entgegengesetzter Stimmungen entstehen und sich mit dem Raum verbinden. Zum einen belebt er den persönlichen Augenblick einer Zugfahrt in der Zeit zwischen 1922 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges und charakterisiert ihn, wenn auch etwas ironisierend, durch seine frohe und wehmütige Stimmung eines Heimkehrenden beim Anblick der räumlichen Merkmale Lwóws. Gleichzeitig ruft er damit als Hintergrund die historischen Umstände dieses Zeitabschnitts in dem entworfenen Raumabschnitt auf. Durch die gleichsam ins Off gemachte Bemerkung “(W latach okupacji niemieckiej piaski tej góry wchłonęły krew tysięcy męczeników.)” zu dem unter anderem erwähnten Sandberg, projiziert der autobiographische Erzähler die spätere Zeit des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundene kollektive tragische Stimmung - die jedoch auch seine persönliche ist - auf die zunächst entworfene Zwischenkriegszeit und auf die heitere Stimmung des Heimkehrenden. Für all diese Diskurse dienen die räumlichen Merkmale Lwóws als cue. Als konstruierte bestimmen sie die Erinnerung des Erzählers, während sie beim Rezipienten gleichzeitig Erinnerungen abrufen, imaginierte topographische und zeitliche Räume entstehen lassen und sich in sein Gedächtnis als Eckpunkte eines bestimmten vom Erzähler entworfenen Diskurses einschreiben.

Wie man hier zu Anfang des Textes beobachten kann und wie es im gesamten Text immer wieder vorkommt, entwirft der Erzähler einen objektiv neutralen kulturell-historischen Raum Lwóws - den er auch als solchen markiert - in den er seinen subjektiv-persönlichen Diskurs einschreibt und sich mit ihm verbinden lässt. Als Folge dessen wird einerseits der objektive Raum Lwóws subjektiviert andererseits jedoch der persönliche Diskurs des Erzählers objektiviert, kulturalisiert, historisiert und damit auch kollektivisiert. Der Erzähler entwirft den kulturellen Raum Lwóws als an sich objektiven und macht deutlich, dass er ausschließlich durch seine eigene - des Erzählers - individuelle Sicht, die sich im dargebotenen Diskurs manifestiert, subjektiviert wird. Dadurch wird deutlich dass es sich bei dem Lwów-Diskurs des Erzählers lediglich um eine Variante der möglichen Diskurse, die sich mit dem Raum Lwóws verbinden, handelt.

Im folgenden soll allerdings gezeigt werden, dass der Erzähler seinen eigenen mit Lwów verbundenen subjektiven Diskurs vor anderen subjektiven Lwów-Diskursen als privilegiert ansieht. Der Grund dafür ist neben einem langjährigen Leben in der Stadt der Zugang des Erzählers zu Lwów als einem objektivierten kulturellen Raum, der ihm eine Art Deutungshoheit dieses Raumes gibt und damit auch eine Einschreibungshoheit seiner persönlichen Deutung wiederum in diesen kulturellen Raum.

2.3 Objektivierende Kriterien des individuellen Diskurses

Die nach einem assoziativen Verfahren gegliederte Erzählung in “Mój Lwów” folgt nur scheinbar spontanen Impulsen der individuellen Eingebung des Erzählers. Bei näherem Hinsehen kann man zwei parallel verlaufende einander entgegengesetzte semantische Stränge entdecken, die sich durch den gesamten Text ziehen. Das distinktive Merkmal dieser beiden Diskursstränge ist die individuelle Fähigkeit zur Reflexion und Abstraktion und die sich daraus ergebende Fähigkeit, kulturelle Zeichen zu interpretieren, worauf wiederum das individuelle Vermögen gründet, eigene kulturelle Zeichen zu produzieren. Das Vorhandensein oder die Abwesenheit dieser Fähigkeiten bestimmt wiederum das Potential des Individuums den kulturell-kollektiven Diskurs maßgeblich zu beeinflussen.

Der Zusammenhang zwischen Individualität und Kollektivität, zwischen Persönlichem und Kulturellem, zwischen Subjektivität und Objektivität zieht sich auf allen Ebenen durch den Text von “Mój Lwów”. Dies beginnt bei der Spannung zwischen der Gattung des Textes, seinem Inhalt und den Kriterien, nach denen er aufgebaut ist. Da es sich bei dem Text um einen autobiographischen individualisierten Diskurs handelt, erscheint er als Ausdruck eines persönlich-subjektiven Anliegens und damit auch der individuellen Eigenschaften des autobiographischen Erzählers. Der kulturelle Raum Lwóws als Objekt des individuellen Diskurses und die Kriterien der Reflexivität und der Abstraktion, die als Voraussetzung von Kultur dargestellt werden und die der Text als Richtlinien für einen kulturell und kollektiv wertvollen Diskurs veranschlagt und gleichzeitig auch umsetzt, objektivieren den subjektiv-individuellen Diskurs des autobiographischen Erzählers von “Mój Lwów”

Damit nutzt der Text zum einen die Vorteile einer authentifizierenden und damit auch verifizierenden Gattung, die sich auf die sich im autobiographischen Erzähler widerspiegelnde Individualität des Autors als reale Person und damit auch auf seinen subjektiven Diskurs stützt. Zum anderen geht von der Objektiviertheit des kulturellen Raumes Lwóws, den der autobiographische Erzähler jedoch selbst erlebt hat, und den Kriterien der Reflexivität und Abstraktion, nach denen allerdings wiederum auch der individuelle Diskurs des Erzählers aufgebaut ist, eine kulturell und kollektiv wirksame Autorität aus, die Dank des individuellen Diskurses, in dem sich diese beiden objektivierenden Merkmale manifestieren, als die persönliche Autorität des autobiographischen Erzählers erscheint.

[...]


[1] Lejeune, Philippe: Le pacte autobiographique. Paris. 1975.

In dieser Arbeit wird die deutsche Übersetzung von “Le pacte autobiographique” zitiert:

Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. Frankfurt a.M..1994.

[2] Lejeune: Der autobiographische Pakt. S. 14.

[3] Hilmes, Carola: Das inventarische und das inventorische Ich. Grenzfälle des Autobiographischen. Heidelberg. 2000. S. 386.

[4] Lejeune: S. 15.

[5] vgl. dazu das Kapitel “Der Lektürevertrag” In Lejeune: S. 49-51.

[6] Wittlin: S. 45.

[7] Wittlin: S. 10.

[8] Wittlin: S. 13.

[9] vgl. dazu auch die weiter oben angeführte Definition von Carola Hilmes.

[10] Wittlin: S. 13.

[11] vgl. dazu Lejeune: S. 23-24. und Hilmes: S. 24 / S. 391.

[12] Wittlin: S. 13-14.

[13] vgl. dazu Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart / Weimar. 2005. S. 84. / S. 138-139.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Erinnerung an einen kulturellen Raum im autobiographischen Text "Mój Lwów" von Józef Wittlin
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Slavisches Seminar )
Veranstaltung
Proseminar II: Topographie und Narrative Mitteleuropas
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V113452
ISBN (eBook)
9783640138029
ISBN (Buch)
9783640138067
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnerung, Raum, Text, Lwów, Józef, Wittlin, Proseminar, Topographie, Narrative, Mitteleuropas
Arbeit zitieren
Katharina Friesen (Autor), 2007, Erinnerung an einen kulturellen Raum im autobiographischen Text "Mój Lwów" von Józef Wittlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113452

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