Auseinandersetzung mit Anselms Gottesbeweis. Analyse und Kritik


Essay, 2014

9 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Auseinandersetzung mit Anselms Gottesbeweis
2.1 Erläuterung des Beweises
2.2 Die Kritik an Anselms Gottesbeweis

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Neque enim qauero intelligere ut credam, sed credo ut intelligam. Nam et hoc credo: quia
"nisi credidero, non intelligam".1

Mit diesen Worten beendet Anselm von Canterbury das erste Kapitel des Proslogion und leitet so seinen ontologischen Gottesbeweis ein. In der Philosophie wird die Ontologie als die Lehre vom Sein bezeichnet. Indem Canterbury die Existenz oder auch „das Sein“ Gottes beweisen möchte, kann sein Gottesbeweis als ontologisch klassifiziert werden. Das Proslogion zieht noch heute große Aufmerksamkeit auf sich: Anselms Gottesbeweis und seine Nachfolger erzielten wohl die größte Wirkung in der Geschichte der Gottesbeweise, da er nicht a posteriori von empirischen Fakten abhängig ist, sondern a priori von dem Begriff Gottes.2

Anselm kann als Vater der Scholastik bezeichnet werden, da sein Proslogion Glaube ist, der nach Einsicht sucht (fides quaerens intellectum). Er sagt, dass er glaube, um zu erkennen (Credo, ut intelligam).3 Im Proslogion will Anselm mit Hilfe seiner vorherigen Schrift Monologion einen möglichst voraussetzungslosen und schlechthin zwingenden Gottesbeweis anführen. Er will die Existenz Gottes ohne Beziehung auf die Außenwelt aus bloßem Denken heraus beweisen. Anselm ist der festen Überzeugung, dass die Vernunft einen solchen Beweis aus sich selbst heraus erbringen kann.4

Sowohl Philosophen als auch Theologen analysierten, kritisierten und nutzten die Überlegungen Anselms, um ihre eigenen Argumentationen darzustellen. Dazu zählen Denker wie Immanuel Kant, Bonaventura, Thomas von Aquin oder auch Descartes. Diese umfassend kritische Auseinandersetzung mit Anselms Werk wirft unter anderem die Frage auf, ob Anselm tatsächlich einen Beweis für Gottes Existenz finden wollte oder ob er lediglich zu demonstrieren versuchte, wie Gott gedacht werden müsse.

In diesem Essay soll zunächst auf die Struktur des anselmischen Gottesbeweises eingegangen werden und infolgedessen die Kritik an ihm dargestellt werden. Die ausgeführte Kritik wird einerseits von Seiten wichtiger philosophischer/theologischer Denker näher beleuchtet, andererseits aber findet meine eigene Kritik an gesonderter Stelle Platz. Am Ende des Essays werden alle wichtigen Argumente zusammenfassend dargestellt.

2. Auseinandersetzung mit Anselms Gottesbeweis

2.1 Erläuterung des Beweises

Sowohl im Monologion als auch geringfügig im Proslogion stützt sich Anselm auf platonisch- augustinische Traditionen: Da es Gutes, Wahres und Schönes auf der Welt gibt, schließt er daraus, dass ein Maximum an diesen guten, wahren und schönen Verhältnissen existiert. Der Begriff des Maximums an Größe und Wert wird hier relativ auf alle anderen Seienden (Wesen) formuliert. Das relative Maximum scheint durch Steigerung empirischer Eigenschaften gedacht werden zu können, das absolute Maximum dagegen nicht.5

Anselm versucht somit ein Argument a priori, also vor jeglicher Erfahrung, für die Existenz Gottes zu finden, da das Proslogion Glaube ist, der nach Einsicht sucht. So sucht Anselm nach dem unum argumentum, aufgrund der größeren Überzeugungs- und Einleuchtungskraft. Dieses Argument bewegt sich in einem Kontext einer Rückkehr zu Gott. Auch ist solch ein Argument philosophisch interessanter und dessen Einfachheit und quasi logischer Charakter spiegeln die Einheit und Absolutheit Gottes wider. Das ontologische Argument zeigt also auf, dass der Glaube eine Orientierung geben soll, man selbst sollte jedoch philosophische Argumente geben. So geht es von einer Beschreibung und Erklärung dessen aus, woran wir glauben.

Der anselmische Gottesbeweis kann als analytischer Satz gesehen werden. So ist das Prädikat bereits im Subjekt enthalten. Anselm beschreibt in seinem Beweis Gott als etwas, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann: Et quidem credimus te esse aliquid quo nihil maius cogitari possit (II, 2)6. Mit dieser Definition entfernt sich Anselm in seinem Proslogion von der bloßen Theologie und rückt der philosophischen Überlegung näher.7 In seinem Gottesbeweis vermeidet Anselm den Umweg über die sichtbare Schöpfung. Ohne Beziehung zur Außenwelt will er die Existenz Gottes aus bloßem philosophischen Denken heraus beweisen.8

Diese anselmsche Formel ist insofern sehr wichtig, weil sein ganzer Gottesbeweis sich auf sie stützt. Sie vermeidet eine trivialisierende und anthropomorphische Auffassung des Theismus und ist etwas, das selbst der insipiens, der hier mit Tor übersetzt wird, in den Grundpfeilern erfassen und damit operieren kann. Gerade weil selbst der Tor sie denken kann, wird er erst in die Lage versetzt, sich ihr abwehrend gegenüberzustellen und sie zu bestreiten. So lautet auch die Argumentationsweise von Anselm. Denn selbst der Tor hat eine Vorstellung von einem Wesen, über das nichts Größeres gedacht werden kann, sobald er auf jenes angesprochen wird:

An ergo non est aliqua talis natura, quia dixit insipiens in corde suo: "non est deus"? Sed certe ipse idem insipiens, cum audit hoc ipsum quod dico: "aliquid quo maius nihil cogitari potest", intelligit quod audit; et quod intelligit in intellectu eius est, etiam si non intelligat illud esse.

(II, 3f.)

An dieser Stelle des Proslogion erschließt sich, dass Anselm für seinen Beweis unbedingt die Position des Toren benötigt. Denn nur unter dieser Bedingung allein kann gesagt werden, dass das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, ein Sein im Intellekt hat. Gäbe es nicht den Intellekt mindestens eines über Gott Urteilenden (hier negativ Urteilenden), dann könnte nicht von Denk- und Urteilsinhalten gesprochen werden und die Argumentation Anselms wäre ungenügend. Das Argument hat somit die Besonderheit nicht in dem Sinne a priori zu sein, dass es ausschließlich ontologische All-Sätze enthält, von denen beansprucht werden könnte, dass sie vernünftig als wahr eingesehen werden, sondern es enthält auch eine Existenz-Behauptung, nämlich dass es mindestens ein Subjekt gibt, das Gott denkt. So wird in dieser Argumentation eine Beziehung zwischen metaphysischen Sätzen und der empirischen Realität hergestellt.9

Nun geht Anselm darauf ein, dass das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, nicht allein im Verstand sein kann. Denn wäre es nur im Verstand, könnte man denken, es sei auch in Wirklichkeit, was natürlich größer wäre. Da Gott jedoch als etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, definiert wurde, entsteht so ein Widerspruch, was jedoch nicht der Fall sein kann. So sagt Anselm: Existit ergo procul dubio aliqui quo maius cogitari non valet, et in intellectu et in re (II, 13), denn es ist mehr, notwendig zu existieren als schlechthin zu existieren. Der Begriff des unüberbietbaren Großen schließt also nach Anselm nicht nur das Sein, sondern auch das notwendige Sein ein. Laut Anselm ist es ihm mit diesem Beweis gelungen, sich von den empirischen Prämissen des Monologion zu entfernen und Gottes Existenz unabhängig von Tatsachenaussagen zu beweisen.10 Ersteres lässt sich nicht bestreiten, da Anselm in seinem Beweis a priori vorgeht.

[...]


1 Vgl. Anselm von Canterbury. Proslogion; Anrede, Übersetz., Anm. und Nachwort von Robert Theis (Hrsg.), Stuttgart 2013, S. 20.

2 Vgl. Wolfgang Röd. Der Gott der reinen Vernunft; Ontologischer Gottesbeweis und rationalistische Philosophie, München 1992, S. 8.

3 Vgl. Quirin Huonder: Die Gottesbeweise; Geschichte und Schicksal, Stuttgart 1968, S. 41.

4 Vgl. Röd (1992), S. 23.

5 Röd (1992), S. 24.

6 Alle lateinischen Zitate beziehen sich auf die Ausgabe: Anselm von Canterbury. Proslogion; Anrede, Übersetz., Anm. und Nachwort von Robert Theis (Hrsg.), Stuttgart 2013.

7 Röd (1992), S. 27.

8 Huonder (1968), S. 43.

9 Vgl. Röd (1992), S. 31.

10 Vgl. ebenda, S. 28-30.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Auseinandersetzung mit Anselms Gottesbeweis. Analyse und Kritik
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
9
Katalognummer
V1134839
ISBN (eBook)
9783346505842
ISBN (Buch)
9783346505859
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auseinandersetzung, anselms, gottesbeweis, analyse, kritik
Arbeit zitieren
Ahmad Sadik Saqqar (Autor:in), 2014, Auseinandersetzung mit Anselms Gottesbeweis. Analyse und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1134839

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