Die Probleme chinesischer Machtausübung in Tibet


Studienarbeit, 2002
21 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. War Tibet eine Provinz Chinas?

III. Die Besetzung

IV. Der chinesische Völkermord in Tibet und weitere Auswirkungen chinesischer Herrschaft

V. Der Volksaufstand von 1959

VI. Der bewaffnete Widerstand

VII. Die Unterdrückung geht weiter

VIII. Sinisierungspolitik in Tibet

IX. Chinas „Kommunisten“ schütteln die „Goldene Urne“

X. Der chinesische Fortschritt in Tibet

XI. Die Konsequenzen: Wandel durch Versöhnung

I. Einleitung

Konflikte zwischen der chinesischen Staatsmacht und den Tibetern sorgten in der Vergangenheit immer wieder für Schlagzeilen in der Presse. Vorgeworfen wird der chinesischen Seite die Menschrechte zu mißachten und die Tibeter zu einer Minderheit im eigenen Land durch den Zuzug von Han-Chinesen zu machen. Durch die internationale Aufmerksamkeit, die das geistig-politische Oberhaupt der Tibeter, der 14. Dalai Lama als Nobelpreisträger und geschickter Diplomat auf sich zieht, bleibt auch von dieser Seite, der Konflikt in der Weltöffentlichkeit präsent. Das offizielle China hält dagegen, in dem es die Erfolgsbilanz seiner Politik in Tibet präsentiert und Tendenzen des Separatismus beklagt.

Die zentrale Frage dieser Hausarbeit ist: Welche Probleme bereitet die chinesische Machtausübung in Tibet? Dabei soll betrachtet werden wie die Situation der Menschenrechte gegenwärtig eingeschätzt werden kann, beleuchtet werden soll auch der geschichtliche Werdegang der chinesischen Minderheitenpolitik in Tibet. Wie weit reicht die Autonomie, die China Tibet zugesteht? Integral damit verknüpft ist die Frage in wie weit China überhaupt berechtigt ist, Tibet als chinesisches Territorium in Anspruch zu nehmen. Dazu soll als erstes ein kurzer geschichtlicher Abriß der tibetischen Geschichte gegeben werden unter dem Gesichtspunkt, ob China Tibet tatsächlich als Bestanteil des eigenen Territoriums beanspruchen darf oder ob hier kein völkerrechtlicher Titel auf Tibet beansprucht werden kann. Im nächsten Schritt wird zu betrachten sein, wie sich die chinesische Herrschaft seit 1950 auf die Menschrechtssituation in Tibet ausgewirkt hat, bis hin zu den Unruhen Ende der 80-ziger Jahre und in die Gegenwart. Schließlich werden einige Punkte zu nennen sein, wie die Menschenrechtssituation in Tibet verbessert werden könnte, aber auch darüber hinausgehende Faktoren zur politischen Lage erörtert.

II. War Tibet in der Geschichte eine Provinz Chinas?

Tibet wurde im Jahr 127 vor Christus durch die Vereinigung verschiedener Hochlandstämme gegründet. Bis 842 regierten 42 Könige der Yarlung-Dynastie das Land 969 Jahre lang. In dieser Epoche war Tibet eine bedeutende politische und militärische Macht in Zentralasien.[i] 763 eroberten die Machthaber für wenige Tage die chinesische Hauptstadt Xian, damals die größte Stadt der Erde und belagerten sie lange Zeit. Erst im Jahre 821 als das damalige großtibetische Reich seinen Zenit überschritten hatte, schlossen Tibet und China einen Friedensvertrag. Auf einer Stelle vor dem Eingang des Joghang-Tempel in Lhasa steht in einer Abschrift dieses Friedensvertrages zu lesen: „daß Tibet und China in ihren eigenen Grenzen bleiben und keine willkürlichen Kriege, Invasionen oder Gebietsabtrennungen vornehmen sollen.“[ii]

Nach der Yarlung-Dynastie zersplitterte das Land und wurde erst 1247 unter den Sakya Lamas wieder vereint. Sie übten mit Hilfe der Mongolen, die zu dieser Zeit China unterworfen hatten, ihre politische uns religiöse Macht in einer Linie von 20 Lamakönigen aus.[iii] Die Tibeter hatten sich dem mächtigen Mongolenreich untergeordnet, was aber im Lande kaum Auswirkungen hatte, man zahlte lediglich Tribute. Jedoch übten die Tibeter einen wachsenden Einfluß auf das Mongolenreich durch den tibetischen Buddhismus aus, der dort 1267 zur Staatsreligion erhoben wurde. Er blieb zunächst eine Angelegenheit der Elite. Dies wird sich mit Sonam Gyatso ändern. Als Mönch der Gelupa-Schule zeichnete er sich durch eine hohe Gelehrsamkeit aus. Die Mongolen erfuhren davon und ihr Oberhaupt Altan Khan holte ihn 1577 an seinen Hof, um die Missionierung seiner Untertanen zu verbessern. Sonam Gyatsos Missionierung war viel erfolgreicher als die vorhergehenden Versuche. Die Mehrheit der Bevölkerung folgte seinen Lehren. Von den Mongolen wird er dafür zum Dalai Lama ernannt, was übersetzt in etwa „Meer des Wissens“ heißt. Weil zwei Mongolenmissionaren posthum dieser Titel verliehen wurde, gilt er heute als 3. Dalai Lama. Durch den 5. Dalai Lama erhielt diese Institution? auch eine führende Rolle bei der Ausübung der weltlichen Macht in Tibet, die bis 1950 andauern wird. Um einer zu starken Abhängigkeit der mongolischen Schutzherren zu entgehen, suchte der 5. Dalai Lama Kontakt zu den chinesischen Mandschus, die 1644 an die Macht gekommen waren, besuchte deren Hof als hochgeehrter Staatsgast.[iv]

Bis hierher können wir im Ablauf der Geschichte sehen, China hatte keinerlei politischen Einfluß auf Tibet. Zu Zeiten der größten machtpolitischen Ausdehnung Tibets im ersten Jahrtausend wird jedoch Tibet erhebliche Teile von China militärisch unterwerfen. Nachvollziehbarer wäre also eher, wenn die Mongolei Ansprüche auf das tibetische Staatsgebiet stellen würde.

1706 setzten die Khoshot-Mongolen den 6. Dalai Lama ab und töteten ihn, um einen ihnen ergebenen Herrscher einzusetzen. 1717 drangen die rivalisierenden Dschungaren aus der westlichen Mongolei in Tibet ein und verdrängten die Khoshot-Mongolen. Die Dschungaren waren jedoch rücksichtslose Eroberer und Plünderer. So rief der tibetische Titularkönig Lhazang Khan, den Mandschukaiser in China um Hilfe. 1720 vertrieb eine chinesische Streitmacht die Dschungaren aus Tibet. Dies geschah jedoch nicht ganz uneigennützig. Zwei Ambane, kaiserliche Gesandte, vertraten in Lhasa die Interessen des Pekinger Hofes. Dazu blieben mit kurzer Unterbrechung auch einige chinesische Soldaten vor Ort bis zum Zusammenbruch des chinesischen Kaiserreiches am Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf das Leben der Menschen in Tibet hatte das jedoch so gut wie keinen Einfluß.[v] Die Macht ging vom Dalai Lama und seiner Theokratie aus.

1890 verhandelte die englische Kolonialmacht, die Indien besetzt hielt, mit China über den Grenzverlauf zwischen Tibet und Sikkim. Die tibetische Regierung unter dem 13. Dalai Lama, die das Land stark nach außen abgeschottet, erklärte den Vertrag für ungültig, schon 1878 hatte die tibetische Regierung die Einreise einer britischen Forschungsexpedition mit militärischen Charakter verweigert. Die Engländer kamen zu dem Schuß, daß die chinesische Suzeränität (Oberherrschaft) über Tibet faktisch nicht existiert und nur vorgetäuscht ist.[vi] 1904 marschieren englische Truppen in Lhasa ein. Die Konsequenz ist, es wird ein Vertrag mit den Engländern unterschrieben mit der tibetischen Regierung, daß Tibet keine territorialen und politischen Zugeständnisse an andere Mächte zuläßt, ohne das Einverständnis der Briten. Die Chinesen wollen das Problem militärisch lösen und marschieren 1910 ein. Doch mit dem Sturz der Manschu-Dynastie und die Errichtung der chinesischen Republik wandelt sich Situation grundsätzlich.[vii] Die tibetische Armee vertrieb die Chinesen samt ihrer Ambane aus dem Land.

Die Konferenz von Simla (1913-14) versuchte den völkerrechtlichen Status Tibets festzuschreiben. Die Engländer billigten Tibet zwar keine Souveränität, aber eine Suzeränität zu, was eine innere Selbstverwaltung bei außenpolitischer Abhängigkeit bedeutet. Die Konferenz scheitert, weil China den daraus resultierenden Vertrag nicht unterschreibt.[viii]

Ohnehin erklärte der 13. Dalai Lama der neuen chinesischen Regierung unter Sun Yatsen, Tibet betrachte sich als völlig unabhängiges Land. Der weltliche und religiöse Führer sorgte bis 1933 zu seinem Tod dafür, daß jeder chinesische Einfluß beseitigt wurde und wies sein Volk in seinem Testament auf die Gefahr eines erneuten chinesischen Angriffes hin. Als ein sehr gravierendes Problem wird sich später herausstellen, daß der 13. Dalai Lama nicht versucht hat, die Souveränität Tibets völkerrechtlich verbindlich abzusichern und international dafür Verbündete zu suchen. Stattdessen versuchte er Tibet so gut wie möglich nach außen abzuschotten.[ix] Allerdings wurde ein Büro für auswärtige Angelegenheiten eingerichtet und tibetische Pässe als Reisedokumente ausgegeben. Tibet verfügte über eine eigene Währung, einen eigenen Telegraphen- und Postdienst, eine Verwaltung, einen Zolldienst und eine Armee.[x]

Die chinesischer Seite behauptet: „Tibet gehört China seit dem 13. Jahrhundert und steht seither direkt unter der Verwaltung durch die Zentralregierung.“[xi] Es fragt sich nur, warum in der gesamten Literatur dafür keinerlei Belege zu finden sind. Aber der Aufbau des zitierten Satzes ist an sich schon verräterisch genug. Natürlich geht es darum die völkerrechtswidrige Besetzung Tibets durch China propagandistisch zu schönen.

Am 7. Oktober 1950 marschierte die Volksrepublik China in Tibet ein und annektierte es. Der wissenschaftliche Fachdienst des Deutschen Bundestages geht davon aus, daß China keinen völkerrechtlich wirksamen Titel für die Staatsgebietsaneignung erworben hat. Der Vertrag vom 25. Mai 1951, in dem Tibet eine gewisse Autonomie zugesichert wurde, kann diesen nicht begründen, weil er auf der militärischen Niederlage Tibets beruhte und gegen dessen Willen zustande kam. Nach Artikel 52 der Wiener Konvention über das Recht der Verträge ist ein unter Zwang abgeschlossener Vertrag, der eine Besetzung bestätigt, ungültig.[xii] Zudem wurde von chinesischer Seite ein gefälschtes Siegel des Dalai Lama zum Einsatz gebracht und die im Vertrag zugestandene Autonomie im Verlauf der nächsten Jahre faktisch nicht gewährt. So kommt es im Gefolge der Flucht des amtierenden Dalai Lama nach Indien und des Aufstandes gegen die chinesische Fremdherrschaft zu einer erneuten Proklamierung der Unabhängigkeit Tibets durch die Regierung und der öffentlichen Kündigung des 17-Punkte-Vertrages von 1951 am 11. März 1959. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes wird das Land restlos, der chinesischen Verwaltung unterstellt.[xiii]

III. Der chinesische Völkermord in Tibet

Die politischen Eskapaden der politischen Führung der Volksrepublik China forderte von allen Teilen des Landes einen hohen Preis. Insbesondere „Der große Sprung nach vorn“ und die „Kulturrevolution“, zwei Perioden, die in besonderer Weise von Mao Zedong zu verantworten sind, zeigen besonders tragische Kapitel an. Zwischen 1947 und 1987 soll es über 35 Millionen Opfer staatlicher Willkür gegeben haben, dazu 27 Millionen Hungertote allein zwischen 1959 und 1961.[xiv] In diesem Kontext muß auch der ungeheure Zerstörungsdrang in Tibet gesehen werden. Ohne die despotische Ausübung von Herrschaft im pseudokommunistischen China ist diese kaum nachvollziehbar. Die Tibeter, gerade mal ein Volk von ungefähr 6 Millionen Menschen, verloren im Zuge der chinesischen Fremdherrschaft ungefähr 1,2 Millionen Menschen. Darunter finden sich mehr als 156.750 Hinrichtungen und 343.000 Hungertote, viele Tote durch den bewaffneten Guir..Krieg. 173.221 Tibeter wurden in Arbeitslager verschleppt.[xv] Zwischen 10 und 15% der Bevölkerung Tibets sperrte man in die Gefängnisse. Etwa die Hälfte der Menschen kam in den Gefängnissen um. Unzählige Massakrierungen wurden nach Angaben des zehnten Panchen Lama verübt, sehr oft auch an völlig unschuldigen Menschen, die an keinen aufständischen Aktivitäten teilgenommen haben.[xvi]

Darüber hinaus unternahmen die chinesischen Machthaber den Versuch, den tibetischen Buddhismus als Religion vollständig auszurotten. 6254 Klöster und Tempel wurden insbesondere durch die roten Garden in der Kulturrevolution zerstört. Ganze 13 Stätten waren danach noch übrig.[xvii] Buddhastatuen wurden zertrümmert, Fresken aus den Wänden gerissen, Gräber und Altäre gesprengt. Wertvolle Manuskripte und ihre Druckstöcke verbrannten. Goldene Tempeldächer und Bronzestandbilder gelangten in Fabriken zur Abfallverwertung. Noch in den achtziger Jahren mußte ein Erlaß des Staatsrates 800 Tonnen wertvollen Kulturgutes vor dem Weg in die Schmelze retten, der vormals Recyclingbetrieben für 900 Jüan als „religiöser Schott“ verkauft wurde.[xviii]

[...]


[i] Gyaltsen Gyaltag; Das Recht auf Selbstbestimmung aus historischer Sicht; in: Klemens Ludwig (Hg.); Perspektiven für Tibet. Auf dem Weg zu einer Zukunft in Freiheit und Selbstbestimmung, München, 2000, S.51

[ii] Ludwig Witzani; Chinas Schatten über dem Dach der Welt, Die Zeit Nr.35 1997

[iii] Gyaltsen Gyaltag; Das Recht auf Selbstbestimmung aus historischer Sicht; in: Klemens Ludwig (Hg.); Perspektiven für Tibet. Auf dem Weg zu einer Zukunft in Freiheit und Selbstbestimmung, München, 2000, S.51

[iv] Klemens Ludwig; Tibet, München, 2000, S.48 ff.; Ludwig Witzani; Chinas Schatten über dem Dach der Welt, Die Zeit Nr.35 1997

[v] Klemens Ludwig; Tibet, München, 2000, S.58 f.

[vi] ebenda, S.53

[vii] Gyaltsen Gyaltag; Das Recht auf Selbstbestimmung aus historischer Sicht; in: Klemens Ludwig (Hg.); Perspektiven für Tibet. Auf dem Weg zu einer Zukunft in Freiheit und Selbstbestimmung, München, 2000, S.53 f.

[viii] Klemens Ludwig; Tibet, München, 2000, S.69 f.

[ix] ebenda, S.61 ff.

[x] Tenzin Gyatso (14. Dalai Lama); Mein Leben und mein Volk. Die Tragödie Tibets, München, 1982, S.214

[xi] http://www.china-botschaft.de/ger/10730.html, 1.3.2002

[xii] Ministerialrat Hienstorfer; Studie des wissenschaftlichen Fachdienstes des Deutschen Bundestages; in: Petra Kelly, Gert Bastian, Klemens Ludwig (Hrsg.); Tibet klagt an. Zur Lage in einem besetzten Land, Wuppertal, 1992, S.72

[xiii] ebenda, S.73

[xiv] Helwig Schmidt-Glintzer; Das neue China. Von den Opiumkriegen bis heute, München, 1999, S.15

[xv] Menschrechtsverletzungen in Tibet. Dokumentation der tibetischen Gemeinden in Europa, in: Petra K. Kelly, Gerd Bastian (Hrsg.) Tibet – ein vergewaltigtes Land. Berichte vom Dach der Welt, Hamburg, 1988, S.104

[xvi] Panchen Lama; Ihr Chinesen habt in Tibet eine Menge Fehler gemacht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.9.1993

[xvii] Menschrechtsverletzungen in Tibet. Dokumentation der tibetischen Gemeinden in Europa, in: Petra K. Kelly, Gerd Bastian (Hrsg.) Tibet – ein vergewaltigtes Land. Berichte vom Dach der Welt, Hamburg, 1988, S.103

[xviii] Stefan Simonis; „Dalai Lama picture?“ fragten die Novizen, in: Petra K. Kelly, Gerd Bastian (Hrsg.) Tibet – ein vergewaltigtes Land. Berichte vom Dach der Welt, Hamburg, 1988, S.133

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Probleme chinesischer Machtausübung in Tibet
Hochschule
Freie Universität Berlin  (OSI)
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V11360
ISBN (eBook)
9783638175395
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tibet, China, Menschenrechte, Dalai Lama, Krieg, Religion
Arbeit zitieren
Marko Ferst (Autor), 2002, Die Probleme chinesischer Machtausübung in Tibet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11360

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