Reziprozität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursprung

3. Definition

4. Reziprozität und Funktionalismus

5. Reziprozität beeinflussende Faktoren

6. Ein Extremfall: Das Ausbeutungsproblem

7. Malinowskis Reziprozität

8. Reziprozität als Teil einer Kultur

9. Egoismus und soziale Interaktion

10. Reziprozität als Startmechanismus eines sozialen Systems

11. Nutzbarmachung des Prinzips
i. Effects of a Favor and Liking on Compliance
ii. Die “Door-in-the-Face” Technik
iii. Die “That’s-not-all” Technik

12. Fazit.

Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Wirtschaft scheint logisch. Das Studium eines Ökonoms besteht größtenteils darin, sich mit technischen Fertigkeiten und Werkzeugen auszustatten, um schließlich auf dem effizientesten Weg zum Gleichgewicht zu gelangen. Nutzenmaximierung, Rationalität, die optimale Menge, Erstausstattungen und Allokationen sind Fachbegriffe, die uns bereits aus dem Grundstudium geläufig sind. Besonders das Nutzenmaximierungsverhalten homogener Agenten war und ist ein Steckenpferd der ökonomischen Sicht, das sich aufgrund erfolgreicher Vorhersagemöglichkeiten bis heute durchgesetzt hat. Jedoch können nur zutreffende Ergebnisse aus standardisierten Modellen auf vollständigen Märkten gefolgert werden[1].

Diese oft zwanghaft erscheinende, von der Realität entfremdete Kallibrierung von Modellen fiel Adam Smith bereits im Jahre 1759 auf. Smith, nicht nur Ökonom, sondern auch bedeutender Moralphilosoph, wies darauf hin, dass sich der Nutzen eines Individuums nicht nur durch Abbildung seiner eigenen Präferenzen darstellen ließe. Vielmehr strich er heraus, dass das Wohlbefinden von sozialer Interaktion abhängt und somit erheblichen Einfluss auf dessen wirtschaftliches Handeln hat. Die Sympathie mit den Mitmenschen unterstellte er als Grundlage der Moral und als Triebfeder menschlichen Handelns.[2]

Das Auftreten von Phänomenen wie unvollständigen Märkten, Finanzmarkträtseln wie dem Risikoprämienrätsel oder einfachen Allokationsproblemen zeugen von der Tatsache, dass ökonomische Grundmodelle an ihre Grenzen stoßen. Um auch weiche Faktoren, wie beispielsweise Heterogenität, in Nutzentheorien berücksichtigen zu können, ist es nötig, psychologische und moralische Konzepte zu verstehen und in wirtschaftliche Denkstrukturen aufzunehmen und umzusetzen. Seit den 80er Jahren hat dieser Sinneswandel in der Ökonomie Einzug erhalten, so dass sozialpsychologische Ansätze wie Fairness und Reziprozität mehr und mehr in wirtschaftliche Modelle eingebettet werden.

Diese Arbeit soll das Konzept der Reziprozität, also das gegenseitige Austauschen von Gefälligkeiten, aus dem sozialpsychologischen Blickwinkel beleuchten, von anderen psychologischen Verhaltensweisen abgrenzen und schließlich ökonomische Implikationen dieser Grundmoral andeuten. Als Rahmen dient hier der Artikel „The Norm of Reciprocity: A Preliminary Statement“ von Alvin W. Gouldner.

Nach Vermittlung der Norm aus sozialpsychologischer Sicht wird anhand von Experimenten die Nutzbarmachung des Prinzips veranschaulicht.

2. Ursprung

Reziprozität, vom Lateinischen „reciprocere“ (=zurücknehmen) abstammend, lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen[3]. Schon Homer, dessen Epen auf etwa 700 v. Chr. datiert werden und somit als Geburtsstunde europäischer Kultur- und Geistesgeschichte gelten, beschreibt die griechische Polis als Aufeinandertreffen reziproker Handlungsweisen. Das Prinzip des Geben und Nehmens, stark von religiösen Einflüssen geprägt, konnte in Form von Opferritualen oder Rachefeldzügen bis zum Tod führen[4].

Cicero, einer der berühmtesten Redner Roms und Konsul im Jahre 63 v. Chr., behauptete: „…keine Pflicht ist unabkömmlicher als die, einer Gefälligkeit nachzukommen. Ein Nichterwidern des Verhältnisses hätte unweigerlich den Vertrauensverlust zur Folge“.[5] Das moralische Konzept eines äquivalenten Leistungsaustausches besteht also seit Menschen Gedenken. Die Frage wird im Folgenden sein, inwiefern sich diese Grundmoral entwickelt hat und inwieweit sie auf die heutige Zeit übertragbar und in dieser anwendbar ist.

3. Definition

Wie bereits oben angedeutet, versteht man unter Reziprozität einen gegenseitigen Austausch von Gefälligkeiten zwischen zwei oder mehreren Objekten. Dabei lässt sich keine Aussage treffen über die Quantität der ausgetauschten Leistungen; diese können entweder identisch oder ähnlich sein. Natürlich kann auch das Extrem, nämlich das Nichterwidern eines Geschenks eintreten, was jedoch in sozialen Systemen eher seltener der Fall ist und im Laufe dieser Arbeit noch näher beleuchtet werden wird[6].

Doch was unterscheidet nun ein reziprokes Handlungsmuster von einem Geschäft des täglichen Lebens? Mit oben genannter Definition könnte schließlich jeder Kaufvertrag als reziprok bezeichnet werden. Der entscheidende Abgrenzungsfaktor liegt im Faktum der Ungewissheit. Ein reziproker Akt ist unsicher bezüglich Quantität und Zeitrahmen. Diese unbestimmten Komponenten werden fixiert durch die soziale, moralische Beziehung, die zwischen den verwickelten Individuen herrscht. Diese Ebene zu verstehen und zu analysieren ist Aufgabe der Sozialpsychologie, die im weitesten Sinne Auswirkungen sozialer Interaktion auf Gedanken, Gefühle und Verhalten des Individuums erforscht.

Schon Howard Becker, als renommierter Sozialphilosoph, hielt es nicht für möglich, eine formale, generalisierte Definition von Reziprozität zu geben; vielmehr solle jeder anhand der eigenen Moralvorstellungen seine Erwartungen abstecken.[7]

4. Reziprozität und Funktionalismus

Ein möglicher Theorieansatz der Soziologie und Ethnologie ist der Funktionalismus, der die Funktion sozialer Phänomene für die betreffende Gesellschaft zu erklären versucht. Empirische Daten aus Beobachtungen werden hinsichtlich Funktionen und Dysfunktionen eines Systems analysiert. Anschließend werden Strukturen und Prozesse abgeleitet, die menschliche Verhaltensmuster sowie dynamische Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft oder Gruppe identifizieren sollen. Somit ist man in der Lage, Konsequenzen sozialen Verhaltens auch für komplexe gesellschaftliche Systeme strukturiert darzustellen[8].

Jedoch steht der Theorieansatz des Strukturfunktionalismus in einem Wettstreit mit dem „Survival“-Konzept. Eine Survivalhandlung hat ein Muster, das durch Zuordnung von Funktion oder Nutzen nicht erklärbar ist, also eben kein Muster. Einer Handlung wird gewissermaßen das Attribut funktionslos attestiert, was keine sinnvolle Eingliederung in ein soziales Muster erlaubt.

Alvin W. Gouldner, dessen Artikel „The Norm of Reciprocity: A Preliminary Statement” im Folgenden als Leitfaden für diese Arbeit dienen soll, stellt Funktionalisten vor die Wahl, entweder die Existenz sämtlicher funktionsloser Handlungsmuster zu leugnen und somit allem sozialen Geschehen Erklärbarkeit zu unterstellen, oder aber das Auftreten gewisser Lücken im Funktionalismus einzugestehen und somit Survival-Handlungen anzuerkennen. Wählt man letzteren Fall, ist eine Weiterentwicklung der Grundannahmen der funktionalen Theorie erforderlich. Laut Gouldner besteht diese Entwicklung im Erkennen des Konzepts der Reziprozität.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Betrachtet wird eine Beziehung zwischen zwei Objekten A und B. Ein Austausch von Leistungen wird aber nur dann stattfinden, wenn sich zwei bedingende Annahmen erfüllen. Erstens erwartet A, dass seine Leistung von B erwidert wird und zweitens impliziert B’s Antwort, dass die Leistung von A eine positive Funktion auf B hatte. Somit wurde bereits in die Basis der funktionalen Theorie ein reziprokes Konzept eingeschmuggelt, ohne das ein Austausch von Leistungen bzw. die Stabilität der Beziehung nicht gewährt wäre[9].

Es bleibt festzuhalten, dass hinter fast allen stabilen, sozialen Geflechten reziproke Muster zu finden sind.

5. Reziprozität beeinflussende Faktoren

Generell lässt sich behaupten, dass jedes Individuum aufgrund eigener Erwartungen seine sozialen Bindungen gestaltet und dementsprechend mehr oder weniger gibt oder retourniert. Doch lassen sich auch ganz offensichtlich Bedingungen konstatieren, die zu nicht äquivalentem Austausch von Leistungen führen können.

Zunächst wird die Machtkonstellation eines sozialen Gefüges erheblichen Einfluss auf die Stabilität der Beziehung ausüben. Ein Individuum in mächtigerer Position wird eher geneigt sein, die erbrachte Leistung eines anderen nicht in gleichem Maße zu erwidern. Dieses soziale Arrangement wird weniger stabil sein, da dem Unterlegenen die Motivation fehlen wird, noch weitere Dienste zu erbringen[10].

Ein weiterer Umstand, der zu einer ]Machtverschiebung führen kann und somit eine Gefährdung für reziproke Beziehungen darstellt, ist die Auswahl aus nur begrenzten Alternativen. Im Extremfall hat die eine der in Beziehung zueinander stehenden Parteien nur eine Auswahlmöglichkeit, die andere hingegen ist in der komfortablen Lage, aus mehreren Parteien mit ähnlicher Leistung auswählen zu können. Bezogen auf wirtschaftliche Themen ist hier beispielsweise an Monopole, Monopsone oder beschränktem Zugang zu Ressourcen zu denken. In all diesen Fällen besteht ein Mangel an Reziprozität.

Neben Machtdisparitäten, die im Extremfall auch zum Zwang des Gegenübers führen, gibt es auch kulturelle Phänomene oder Hindernisse, die reziprokes Verhalten vorschreiben, aber dennoch nicht erklären können. Hier ist zum Beispiel an das aus dem Christentum stammende Prinzip „turning the other cheek“ zu denken[11].

6. Ein Extremfall: Das Ausbeutungsproblem

Egal, ob im Bereich der Wirtschaft, der Religion oder der Sexualität, das Wort Ausbeutung ist in jedem Bereich pejorativ und bedeutet soviel wie rücksichtslose Ausnutzung[12].

Gerade die Untersuchung der Sexualität ist zwar ein heikles, aber auch sehr anschauliches Themengebiet, das die Soziologie aufgreift. Besonders klar lassen sich Ungleichgewichte in Inzestbeziehungen zwischen Vater und Tochter oder in sexuellen Liaisons zwischen Männern und rangniedrigeren Frauen beobachten. Wiederum liegt keine äquivalente Machtverteilung vor, was zur Exploitation einer Partei führt. Legitime sexuelle Beziehungen zwischen gleichberechtigten Partnern beinhalten somit reziproke Züge.[13]

Solche Ausbeutungsschemen spiegeln sich in vielen Situationen wieder, beispielsweise ist hier an die Beziehung zwischen Student und Professor, Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder Patient und Arzt zu denken.

Blickt man in der Geschichte etwas zurück, so wurde ein ähnliches reziprokes Ungleichgewicht innerhalb der Gesellschaft bereits Anfang des 18. Jahrhunderts in zwei konvergenten Traditionen beobachtet. Einerseits die Tradition des Soziologen Comte, andererseits die des Ökonomen Marx.

Beide scheinen zunächst konträr, beruhen aber auf gleicher reziproker Grundannahme: Der Arbeiter soll für seine erbrachte Leistung gerecht entlohnt werden. Laut Marx ist der Lohnarbeiter "…frei in dem Doppelsinn, dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, dass er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen."[14] Die Exploitation beruht im Kapitalismus in der Aneignung des Mehrwerts, was die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zur Folge hat.

Ähnlich verhält es sich in der comteischen Tradition. Stabilität und Zusammenhalt innerhalb der sozialen Schicht der Arbeiterschaft sind eigentlich gewährt durch Arbeitsteilung, was hier dem reziproken Muster entspricht. Jedoch existiert keine homogene Masse an Arbeitern, vielmehr gibt es soziale Unterschiede. Es entstehen Schichten innerhalb der Gemeinschaft, die einen reibungslosen Austausch von Leistungen behindern. Moralische Erwartungen werden enttäuscht, soziale Spannungen entstehen, die sich schließlich in Arbeitskämpfen entladen. Ein Mangel an Reziprozität führt die industrialisierte Gesellschaft zur Ausbeutung.[15]

[...]


[1] E. Fehr und Klaus M. Schmidt: „Theories of Fairness and Reciprocity – Evidence and economic Applications“, Working Paper No. 403, Dezember 2003, S. 1

[2] Adam Smith: „Die Theorie der moralischen Empfindungen“, 1759

[3] Wörterbuch Latein / Deutsch: http://wernersindex.de/lr.htm, aufgerufen am 30.3.2006

[4] Richard Seaford: „Reciprocity and Ritual “, Clarendon Press – Oxford, 1994, S. 74-143

[5] Alvin W. Gouldner: „The Norm of Reciprocity. A Preliminary Statement”, American Sociological Review 25: S. 161

[6] Alvin W. Gouldner: „The Norm of Reciprocity. A Preliminary Statement”, American Sociological Review 25: S. 165

[7] Howard Becker: „Man in Reciprocity“, New York: Prager, 1956, S. 1

[8] Alvin W. Gouldner: „The Norm of Reciprocity. A Preliminary Statement”, American Sociological Review 25: S. 161 - 165

siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Funktionalismus_%28Gesellschaft%29, aufgerufen am 24.03.2006.

[9] Alvin W. Gouldner: „The Norm of Reciprocity. A Preliminary Statement”, American Sociological Review 25: S. 163 - 165

[10] Alvin W. Gouldner: „The Norm of Reciprocity. A Preliminary Statement”, American Sociological Review 25: S. 164

[11] Alvin W. Gouldner: „The Norm of Reciprocity. A Preliminary Statement”, American Sociological Review 25: S. 164

[12] siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Ausbeutung, aufgerufen am 24.3.2006.

[13] Davis Kingsley: „Human Society “, New York: Macmillan, 1949, S. 403.

[14] Karl Marx: "Das Kapital", Berlin/DDR 1962, S. 183

[15] Emile Durkheim: „Professional Ethics and Civic Morals “, übersetzt von C. Brookfield, Glencoe, I11.: Free Press, 1958, S. 209-214.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Reziprozität
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Seminar für Theorie und Politik der Einkommensverteilung)
Veranstaltung
Psychologie und Ökonomie
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V113655
ISBN (eBook)
9783640150069
ISBN (Buch)
9783640150397
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reziprozität, Psychologie
Arbeit zitieren
Thomas Weingartner (Autor), 2006, Reziprozität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113655

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