Identitätsbildung in Hartmanns "Iwein"

Identität in mediävistischen Literaturwissenschaften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – literaturwissenschaftliche Relevanz

2. Identität – Definition und methodischer Zugriff

3. Identitätsbildung im Iwein
3.1 Erste Identitätsgenese: Der Artus- und Minneritter
3.2 Zweite Identitätsgenese: tôre in dem walde und rîter mittem leun
3.3 Dritte Identitätsgenese: der rîter mittem leun wird zu Îwein

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung – literaturwissenschaftliche Relevanz

In den letzten Jahrzehnten ist die Frage nach Identität im Mittelalter in der mediävistischen Literaturwissenschaft vermehrt ins Zentrum des Forschungsinteresses gerückt1, wobei besonders die Identitätskonzepte des höfischen Romans Aufmerksamkeit erhalten.2 Hartmanns zweiter Artusroman Iwein, der auf der altfranzösischen Vorlage Yvain von Chrétien de Troyes basiert, ist im Zusammenhang mit der Identitätsbildung des titelgebenden Protagonisten wiederholt Gegenstand der Literaturwissenschaft gewesen. Dennoch ist die Forschung bis dato zu keinem Konsens in der Beurteilung des um 1200 entstandenen höfischen Romans gekommen.3 Besonders im Hinblick auf Iweins Identitätsbildung bestehen zwei Forschungs-positionen, die entweder für oder gegen Iweins Erlangen von „größerer Vollkommenheit“4 argumentieren. Um einen kurzen Einblick in diese Diskussion zu gewährleisten, werden an dieser Stelle zwei Positionen gegenübergestellt. Der Altgermanist Hubertus Fischer verneint eine Weiterentwicklung seitens Iwein, da s.E. der mittelalterliche Protagonist nicht als Individuum, sondern als Träger von spezifischen gesellschaftlichen Rollen (Artusritter, Ehemann und Landesherr) dargestellt wird.5 Die Literaturwissenschaftlerin Edith Feistner hingegen betont, dass Iweins Liebe zu Laudine einen identitätsstiftenden Wandel im Protagonisten auslöst, der ihn schließlich von anderen Artusrittern und somit von der Gesellschaft unterscheidet.6 Daher ist das Ziel dieser identitätsanalytischen Arbeit zu prüfen, ob und zu welchem Grad Iwein am Ende des Romans eine neue sublimierte Identität aufbaut und annimmt. Um die Identitätsmodifikation vom Protagonisten nachvollziehen und beurteilen zu können, ist eine textnahe Interpretation unabdinglich. Zuvor muss jedoch der Begriff der Identität definiert werden. Da der Held eine fiktive Figur ist, wird dies in der Definition berücksichtigt. Des Weiteren werden Identitätskonzepte im Mittelalter von Identitätskonzepten in der Neuzeit abgegrenzt, um zu verhindern, dass moderne Vorstellungen auf eine vormoderne literarische Figur projiziert werden. Der Großteil dieser Arbeit widmet sich der identitätsanalytischen Interpretation von Hartmanns Werk, welche anhand von drei Identitätsgenesen versucht die Identitätsbildung des Protagonisten nachzuvollziehen und zu beurteilen. In einem abschließenden Schritt wird diskutiert, ob Iwein am Ende des Romans als ehrenvoller Ritter oder als unmoralischer Held zu betrachten ist.

2. Identität – Definition und methodischer Zugriff

Bevor eine für diese Arbeit fruchtbare Definition von Identität aufgezeigt werden kann, muss darauf hingewiesen w erden, dass der Identitätsbegriff in der Forschung kontrovers diskutiert wird und es keine allgemeingültige Definition gibt. Sosna versucht den Begriff im Zusammenhang mit verschiedenen Forschungsdisziplinen zu erläutern: ‚Identität‘ erscheint als Begriff zunächst in der Logik und Philosophie als Prädikat, das der Identifizierung von Übereinstimmungen bzw. Unterscheidungen dient. Sozialpsychologisch hingegen drückt ,Identität‘ das Verhältnis von individuellem Anspruch auf ein bestimmtes Selbstkonzept und dessen sozialer Anerkennung bzw. Realisierung aus. In diesem Sinne kann Identität sowohl als psychisches wie auch als soziales Organisationsprinzip verstanden werden. Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft nimmt dabei graduell verschiedene Ausprägungen an.7

Deutlich wird hier die persönlichkeitskonstituierende Funktion, die dem Begriff innewohnt und der gesellschaftliche Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt. Da die menschliche Identität stark vom kulturhistorischen Kontext geprägt ist,8 ist es notwendig, die temporale Dimension von Identität zu inkludieren und somit zwischen vormodernen und neuzeitlichen Identitäts-konzepten zu unterscheiden. Im Mittelalter konstituiert sich Identität primär über Inklusion, d.h. über Zugehörigkeit zu einer Gruppe, während in modernen Gesellschaften Identität wesentlich über Exklusion bestimmt wird, d.h., besonders die Abgrenzung von anderen Gruppen hat eine identitätsstiftende Funktion.9 Luckmann argumentiert, dass die gesellschaftlichen Rollen-erwartungen und -zuschreibungen im Mittelalter beinahe ausschließlich die persönliche Identität und das Selbstverständnis des Individuums bestimmen.10 Eine essentielle Kategorie zur Bestimmung von mittelalterlichen Identitäten stellt die Unterscheidung in adlige und nicht-adlige Personen dar.11 Wobei der Artusroman eine Adelskonzeption präsentiert, die nicht unbedingt viel mit der mittelalterlichen Realität zu tun hat, die von Feudalgesellschaft und Ständeordnung gekennzeichnet ist, denn auf unterschiedliche Weise präzisiert und modifiziert diese Textgruppe das Adelsverständnis zur spezifisch höfischen Ideologie, in der ritterliche Leistung, eine Dynamik unablässiger Selbstbehauptung und schließlich auch das isoliert handelnde Individuum in den Vordergrund gerückt werden.12

Da es sich bei den Protagonisten des Artusromans um literarische Figuren handelt, wird Sosnas Verständnis von fiktionaler Identität herangezogen. Sie grenzt die Identität einer fiktiven Figur von der eines menschlichen Individuums ab und argumentiert, dass Literatur verschiedene Identitätsmodelle beschreibt und diskutiert. Des Weiteren betont sie die identitäts-konstituierende Rolle von Narrativität und führt Selbsterzählung, Reflexion und Erleben der fiktiven Figur als Beispiele an.13 Es ist kein Zufall, dass die Identitätsproblematik in der höfischen Literatur und im Artusroman immer wieder Gegenstand der mediävistischen Literaturwissenschaft ist, zumal die Kernthemen dieser mittelalterlichen Texte die Identitätskrise, der Identitätsverlust und die Identitätsfindung sind.14 Da die vorliegende Arbeit die Identitätsbildung und die Identitätsänderung von Iwein untersucht, bedarf es einer Definition der beiden Begriffe: Identitätsbildung bezeichnet den Aufbau von Identität in der ontogenetischen Entwicklung des Menschen, Identitätsänderung hingegen die Veränderung bereits vorhandener Identitätsstrukturen und -inhalte durch Erfahrung und Auseinandersetzung. Beide Prozesse erfolgen über die Identifikation mit bzw. die Abgrenzung von Modellen, durch zwischenmenschliche Beziehungen und Reflexion sowie durch Identitätskrisen und die Art ihrer Bewältigung.15

Sosna betont dabei, dass die Krise der ausschlaggebende Faktor für die Identitätsbildung ist und erläutert darüber hinaus, dass die Identitätsgenese den Prozess der Identitätsentwicklung beschreibt. Der gesellschaftliche Aspekt von mittelalterlichen Identitätskonzepten muss an dieser Stelle noch weiter erläutert werden. Das Verhältnis zwischen Gesellschaft und mittelalterlichen Individuen wird in der Forschung mit dem Begriff des ,Typus‘ in Verbindung gebracht.16 Der Begriff beschreibt die Annahme, dass sich die Identität des mittelalterlichen Menschen nicht von den gesellschaftlichen Vorstellungen und Erwartungen unterscheidet und „somit der Einzelne und das Kollektiv zu einem ,Typus‘ verschmelzen, der den Aspekt der Individualität weitgehend zurückdrängt.“17 Dem entgegen steht jedoch die These, dass Individualität ein Charakteristikum des Menschen sei und nicht das Merkmal einer spezifischen Epoche.18 Hier wird deutlich, dass sich in der Forschung zwei Positionen herauskristallisiert haben und weiterhin die Frage besteht, ob und inwiefern man von Individualität und von persönlicher Identität im Mittelalter sprechen kann. Auf der einen Seite steht die Vermutung, dass es nicht möglich sei von Individualität im Mittelalter zu sprechen, da die Identität im Mittelalter ausschließlich von der gesellschaftlichen Rolle und, wie schon aufgezeigt, von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe abhängt.19 Auf der anderen Seite steht die Annahme, dass kein Einzelner [...] mit einem kollektiven Typus identisch [ist] – auch dann nicht, wenn ein Kollektiv und in ihm der Einzelne eine gemeinsame, von allen Mitgliedern geteilte Weltanschauung und Wirklichkeitsordnung hat. Ein Einzelner ist nur mit sich selbst identisch. Und er ist dies, bevor er eine Weltanschauung, eine soziale Typik der Sprache und gesellschaftlichen Realität hat, bzw. in der Sozialisation erlernt hat. Insofern kommt den einzelnen menschlichen Lebewesen persönliche Identität zu, […] [denn] menschliche Individualität ,an sich‘ ist universal, in ihrer Konkretion jedoch immer historisch.20

Die Arbeit wird untersuchen, ob man Iwein persönliche Identität zuschreiben kann oder ob er als starre Schablone seiner gesellschaftlichen Rolle zu verstehen ist, dem jegliche Individualität und Persönlichkeit fehlt. Da es in Hartmanns Artusroman eine Diskrepanz zwischen von außen herangetragenen Identitätszuschreibungen und eigenen Identitätszuschreibungen gibt, unterscheide ich zwischen einer Außen- und Innenperspektive, wobei die Außenperspektive die sozial zugeschriebene Identität beschreibt und die Innenperspektive Identität als Selbsterfahrung bezeichnet.21 Im Folgenden wird der Prozess der Identitätsbildung von Iwein anhand von drei Genesen nachvollzogen.

3. Identitätsbildung im Iwein

Hartmanns Iwein bietet viele Anhaltspunkte für eine identitätsanalytische Interpretation. Im Laufe des höfischen Romans wird Iwein als Artusritter, Wahnsinniger, Löwenritter, Landesherr und Ehemann dargestellt.

3.1 Erste Identitätsgenese: Der Artus- und Minneritter

Iweins Identität ist zu Beginn des Romans durch seine Zugehörigkeit zum höfisch-ideologisch aufgeladenen Artushof bestimmt. Der Prolog beginnt mit einer Eingangssentenz, die leitmotivisch den arturischen Normhorizont festlegt: „ swer an rehte güete wendet sîn gemüete, dem volget sœlde und êre “ (V. 1-3). Im Verlauf des Textes wird deutlich, wie sehr höfische Identität von êre bestimmt wird. Da bekanntermaßen Erinnerung und Gedächtnis nicht nur substanzielle Themen im Iwein, sondern auch Faktoren für die Genese und Modifikation von Identität sind,22 ist es nicht verwunderlich, dass die Erzählung mit einer Rückerinnerung von Iweins Vetter Kalogrenant beginnt. Kalogrenant berichtet von seiner misslungenen Brunnen- âventiure, woraufhin Iwein die Absicht verkündet, seine Schmach zu rächen und die selbige âventiure aufzusuchen (vgl. V. 259-809). Der zuhtlôse Keiî (V. 90) verspottet Iwein: „ sô diu katze gevrizzet vil, zehant sô hebet sî ir spil: herre Îwein, alsô tuot ir “ (V. 823-825). Wandhoff erläutert, dass Iwein somit nicht körperlich verletzt worden, aber an einer ebenso verletzlichen Stelle getroffen ist – nämlich in seiner Identität als Artusritter und in seinem guten Ruf.23 Dieser Vorwurf im Initialkonflikt, dass Iwein sein Wort nicht halten kann, wird auch im weiteren Verlauf der Erzählung von Bedeutung sein. Iweins Problematik wird in Form eines Gedankenmonologs geschildert. Angestachelt durch Keie, sieht Iwein keinen anderen Ausweg als schnell zur âventiure aufzubrechen, bevor es ein anderer tut und möglicherweise êre akkumuliert (vgl. V. 908-948). Fischer nennt folgende förmlich geforderten Handlungsmotive für Iweins heimlichen Ausritt zum Brunnen: d[ie] Rache für die Schmach, die dem Verwandten angetan wurde, ei[n] nie bezweifelte[r] Rechtsgrund für eine Fehdehandlung, und de[r] jedem höfischen Ritter innewohnende Drang, Ansehen zu gewinnen.24

Iwein findet die selben Begebenheiten auf dieser Muster- âventiure wie Kalogrenant vor (vgl. V. 978-1007) und trifft auch auf den wilden waltman, der „ einem môre gelîch “ (V. 427). Dieser stellt eine bewusste Antithese zur geordneten höfischen Welt dar, sodass Kalogrenant ihm eine normative âventiure -Definition bietet: ich heize ein riter und hân den sin daz ich suochende rîte einen man der mit mir strîte, der gewâfent sî als ich. daz prîset in, und sleht er mich: gesige aber ich im an, sô hât man mich vür einen man, und wirde werder danne ich sî. (V. 530-537).

Hierin wird die gesellschaftliche Funktion der âventiure deutlich, die im Falle eines Sieges den ritterlichen Status durch Zugewinn von êre erhöhen kann. Iweins Kampf mit dem Brunnenhüter Askalon, der Sieger im Kampf gegen Kalogrenant, ist in der Forschung unterschiedlich bewertet worden.25 Iwein fügt Askalon eine tödliche Wunde zu und jagt ihn bis zu seiner Burg, wo er ihn schließlich tötet (vgl. V. 1001-1125). Einige Germanisten urteilen moralisch über Iwein und sehen ihn als Usurpator an.26 Da diese Arbeit schon zu Beginn die Notwendigkeit einer sozialhistorischen Perspektive betont hat, darf man diese Handlung nicht unter ahistorischen Gesichtspunkten bewerten. Artusritter reagieren üblicherweise mit Waffen auf Ehrverletzungen27 und auch Leibinnes argumentiert, dass es überinterpretiert wäre, von einer moralischen Schuld seitens Iwein zu sprechen, da Iwein s.E. keine andere Möglichkeit hat, als Askalon zu verfolgen und zu töten. Ansonsten hätte es keinen Zeugen über diesen Kampf und Askalons notwendige Flucht gegeben und Iwein hätte seine êre nicht akkumulieren können.28 Des Weiteren darf nicht außer Acht gelassen werden, dass im Mittelalter derjenige zur Rache berechtigt ist, der dem Geschädigten, in dem Falle Kalogrenant, „ ein êrloser man “ (V. 767), am nächsten steht.29 Da es sich vielmehr um einen Rechtsbrauch als um eine moralische Verfehlung handelt, wird diese Handlung nicht als solche im Rahmen dieser Untersuchung gewertet. Iwein ist in der Burg des toten Burgherrn eingeschlossen und befindet sich in einer scheinbar aussichtslosen Lage, denn als Mörder des Herrschers ist er nicht sicher vor dem wütenden und trauernden Gesinde. Lunete erkennt und identifiziert Iwein als Königssohn und als Mitglied des Artushofes: „ herre, ich erkenn iuch wol: iuwer vater was, deist mir erkant, der kiinec Urjên genant “ (V. 1198-1200). Sie schenkt ihm daraufhin einen Zauberring, der unsichtbar macht und Iwein vorerst versteckt. Hier lässt sich erkennen, welche Rolle Genealogie im Iwein spielt und welche Vorteile eine adelige Abstammung mit sich bringt. Iweins Identität als adeliger und höfischer Artusritter ist in erster Linie durch seine Geburt bestimmt. Unsichtbar beobachtet Iwein die unverhofft verwitwete Landesherrscherin: ein wîp, daz er nie wîbes lîp alsô schœnen gesach. von jâmer sî vürder brach ir hâr und diu cleider. [...] ez erzeicten ir gebœrde ir herzen beswœrde [...] . swâ ir der lîp blôzer schein, da ersach sî der her Îwein: dâ was ir hâr und ir lîch sô gar dem wunsche gelîch daz im ir minne verkêrten die sinne, daz er sîn selbes gar vergaz […]. im tete der kumber alsô wê an dem schœnen wîbe daz erz an sînem lîbe gerner hœte vertragen. (V. 1307-1347)

Iweins Minne zu Laudine lässt sich nicht nur auf ihre unvergleichliche Schönheit zurückführen, sondern auch auf ihre moralische Auszeichnung, denn sie trauert sehr stark um ihren Ehegatten und repräsentiert somit den höfischen Wert der triuwe, der wohl wichtigste Wert im Text. Iweins Schmerz, den er fühlt als er Laudine leiden sieht, markiert eine neue Identitätsebene neben seiner gesellschaftlichen Rolle als Artusritter, die nicht von der Herkunft bestimmt ist: die Dimension der Liebe und Empathie.30 Es herrscht ein innerer Konflikt in Iwein, der in seinem Gedankenmonolog deutlich wird (vgl. V. 1609-1690). Auf der einen Seite muss er als Artusritter Beweise für seine gelungene âventiure liefern und auf der anderen Seite versucht er als Minneritter die Gunst der Landesherrscherin zu gewinnen. Mit der Hilfe von der Zofe Lunete versucht er Laudine für sich zu gewinnen, wobei es hier wichtig ist zu erwähnen, dass er Lunete rücksichtslos anlügt und ihr vorgaukelt, dass ihm das Wohl des Volkes am Herzen liege: mit listen sprach er alsô ‘ouwê, diz volc ist starke unvrô: mir gât ze herzen ir clage nâher danne ich iemen sage.‘ [...] Die rede meinder niender sô: wan ern gœbe drumbe niht ein strô, ob sî mit glîchem valle dâ zehant alle lœgen ûf der bâren, die dâ gesinde wâren [...]. (V. 1431-1444)

Hier besteht wie schon zu Beginn des Romans immer noch eine Diskrepanz zwischen Iweins Wort und Tat. Iwein wird somit auch vom Erzähler als nicht vertrauenswürdig eingestuft und seine Figurenrede wird als strategischer Rede deklariert. Lunete führt Laudine vor Augen, dass sie ohne einen Ehegatten, der den Brunnen verteidigen kann, ihre Ehre und ihr Land verlieren wird und dass Iwein, der Sieger über Askalon, eine gute Wahl wäre (vgl. V. 1786-2105). Auch Laudine ist der Name Iwein und der damit verbundene Ruf ein Begirff: „ deiswâr, jâ ist mir kunt sîn name nû vor maneger stunt: er ist sun des künec Urjênes. [...] und wirt er mir, sô hân ich heil.“ (V. 2109-2114) Schließlich führen Lunetes Überredungskunst, Laudines politischer Zweckrationalismus, Iweins Renommee und Laudines Minne, nachdem „ des tôten ist vergezzen “ (V. 2435), zur Vermählung. Die Eheschließung hat für Iweins Identitätsgenese weitreichende Folgen.31 Als Landesherrscher erhöht sich nicht nur sein gesellschaftlicher Status, sondern auch die âventiure geht somit für Iwein positiv aus und er kann die êre seines Vetters wiederherstellen und seine eigene steigern. Nach der Eheschließung zieht das Artusheer wie geplant ein, um den Brunnen anzugreifen (vgl V. 2467 f.). Als Landesherrscher (und folglich Brunnenhüter) verteidigt Iwein, der durch seine neue Rüstung unkenntlich für die Artusritter ist, erfolgreich den Brunnen gegen Keie. Wandhoff beschreibt die Szene wie folgendermaßen:

Durch sein Inkognito bringt Iwein in den nachfolgenden Kampf daher nur seine körperlich-visuelle Identität als ritterlicher Landesherr ein, wohingegen seine personale Identität völlig ausgeblendet bleibt. [...] Iweins Renommee, das durch Keies Worte lädiert worden ist, wird nun durch den Einsatz seines Körpers wiederhergestellt – und zwar bei gleichzeitiger Ausblendung seines Namens.32

Erst nachdem seine êre wiederhergestellt ist, nennt der Held seinen Namen: „ ich bin es Îwein “ (V. 2611). Hier wird nicht nur deutlich, dass Identität vor allem eine Frage des Ehrbegriffs ist, sondern auch die zweigeteilte Konzeption von Iweins ritterlich-höfischer Identität, bestehend aus seinem ritterlichen Körper und das höfische Renommee, das an seinem Namen haftet.33 Schließlich war sein Name und die damit verbundene Identität der ausschlaggebende Grund, warum er Landesherrscher und Ehegatte von Laudine wurde. Gawein, ein höfischer Muster-ritter und ein guter Freund von Iwein, rät Iwein mit dem Artusheer auf Turnierfahrt auszuziehen, um seine êre weiterhin unter Beweis zu stellen und um seine rîterschaft nicht zu verlieren (vgl. V. 2854-2904). Da Iwein aber nicht nur Artusritter, sondern auch Landesherr ist, entsteht eine Spannung zwischen seinen zwei Identitätsebenen – und damit auch ein Konflikt zwischen den zwei identitätsstiftenden Bereichen minne und âventiure. Indem Iwein verspricht für nur ein Jahr fortzugehen, um seinen Ritterruhm zu maximieren, versucht er eine Balance zwischen seinen zwei Identitäten zu finden: zwischen seiner gesellschaftlichen Rolle als Artusritter und seiner persönlicheren, selbstgewählten Identität als Ehegatte und Landesherr. Die mutuelle Liebe der beiden wird nicht nur durch die Metapher vom Herzenstausch deutlich (vgl. V. 2990-2994), sondern auch dadurch, dass Iwein „ hete geweinet benamen, wan daz er sich muose schamen “ (vgl. V. 2967-2968). Damit endet der erste Handlungszyklus und der vorläufige Höhepunkt des Protagonisten.

[...]


1 Vgl. Sosna, Anette: Fiktionale Identität im höfischen Roman um 1200: Erec, Iwein, Parzival, Tristan, S. 11.

2 Vgl. Mohr, Jan: Logisches Ich und epistemisches Ich. Noch einmal: Identitätskonzepte in Hartmanns Iwein, S. 143.

3 Vgl. Speckenbach, Klaus: Rîter – geselle – herre. Überlegungen zu Iweins Identität, S. 115.

4 Speckenbach, S. 115.

5 Vgl. Otero Villena, Almudena: Zeitauffasung und Figurenidentität im Daniel von dem Blühenden Tal und Gauriel von Muntabel, S. 24.

6 Otero Villena, S. 25.

7 Sosna, S. 17.

8 Vgl. Klinger, Judith: Möglichkeiten und Strategien der Subjekt-Reflexion im höfischen Roman. Tristan und Lancelot, S. 130.

9 Vgl. Mohr, S. 143.

10 Vgl. Speckenbach, S. 120.

11 Vgl. Klinger, S. 131.

12 Klinger, S. 131.

13 Vgl. Sosna, S. 28-30.

14 Vgl. Sosna, S. 36.

15 Sosna, S. 23.

16 Vgl. Sosna, S. 17.

17 Sosna, S. 17.

18 Vgl. Otero Villena, S. 9.

19 Vgl. Otero Villena, S. 7.

20 Soeffner, Hans-Georg: „Typus und Individualität“ oder „Typen der Individualität“? – Entdeckungsreisen in das Land, in dem man zuhause ist, S. 14-16.

21 Vgl. Sosna, S. 19.

22 Vgl. Sosna, S. 101.

23 Vgl. Wandhoff, Haiko: Iweins guter Name. Zur medialen Konstruktion von adliger Ehre und Identität in den Artusromanen Hartmanns von Aue, S. 115.

24 Fischer, Hubertus: Ehre, Hof und Abenteuer in Hartmanns >>Iwein<<. Vorarbeiten zu einer historischen Poetik des höfischen Epos, S. 23.

25 Leibinnes, Christian: Die Problematik von Schuld und Läuterung in der Epik Hartmanns von Aue, S. 17.

26 Vgl. Fischer, S. 9.

27 Vgl. Fischer, S. 10.

28 Vgl. Leibinnes, S. 17.

29 Vgl. Kuske, Lisa: Wie der Held wird, was er ist. Identitätskonstruktion in Hartmanns von Aue „Iwein“ und Wolframs von Eschenbach „Parzival“, S. 19.

30 Vgl. Otero Villena, S. 28.

31 Vgl. Sosna, S. 114.

32 Wandhoff, S. 116.

33 Vgl. Wandhoff, S. 116-117.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Identitätsbildung in Hartmanns "Iwein"
Untertitel
Identität in mediävistischen Literaturwissenschaften
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophische Fakultät - Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Der Höfische Roman im 12. und 13. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
24
Katalognummer
V1139472
ISBN (eBook)
9783346504043
ISBN (Buch)
9783346504050
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Mediävistik, Identitätsbildung, Identität, Ältere Deutsche Literaturwissenschaft, Iwein, Hartmann, Artusroman, Mittelalter, Protagonistenidentität, Höfischer Roman, Fiktionale Identität, Identitätsmodell, Heldenepos, Mittelhochdeutsch, Identitätskonzeption
Arbeit zitieren
Jella Delzer (Autor:in), 2021, Identitätsbildung in Hartmanns "Iwein", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1139472

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