Die Darstellung der Frauen in Sebastian Brants "Narrenschiff" von 1494


Hausarbeit, 2021

26 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sebastian Brant: Das Narrenschiff (1494)
2.1 Der soziohistorische Kontext
2.2 Der Wandel im Verhältnis der Geschlechter

3. Die Darstellung der Frau im Narrenschiff
3.1 Klerikale Misogynie durch christliche Tradition
3.2 Die Venus-Symbolik
3.3 Penelope als Gegenpol zur Venus-Symbolik

4. Der Sittenverfall in der beginnenden „Bürgerlichkeit“
4.1 Unzüchtige Kleidung
4.2 Irdische Vergnügen
4.3 Die Rolle der Obrigkeit

5. Die Ehe
5.1 Ehebruch
5.2 Ehe aufgrund materieller Interessen
5.3 Familiäre Hierarchie und Rollenverteilung

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sebastian Brant gilt als Begründer der Narrenliteratur. Er nahm die aus dem hohen Mittelalter stammende Narrentradition wieder auf und seine Moralsatire „Das Narrenschiff“ wurde Sinnbild für die Menschheit, welche durch eigenes Verschulden vom Untergang bedroht wird. Sein Werk gehört zu den städtischen Lehrdichtungen, in welchen der Lehrinhalt in negativer Bedeutung und satirischer oder ironischer Umkehrung dargestellt wird. Der Narr gilt als Repräsentant der Negativität, welche durch die auftretenden Umbruchserscheinungen in sämtlichen Lebensbereichen des späten Mittelalters bis zur Neuzeit hin auftraten. Die Menschen waren auf der Suche nach Erklärungen und die um sich greifende Narrheit rückte ins Zentrum der Vorstellungswelt der Gelehrten.1

Den Frauen widmete die mittelalterliche Gesetzgebung eine ganze Reihe von Rechtsgrundsätzen, die sie zu einem „ehrbaren“ Leben zwingen sollten.2 Die berüchtigte sexuelle Maßlosigkeit der Frauen hatte zu ihrer Dämonisierung geführt, was in Brants Denken eine Sublimierung der Frau auslöste und somit sein Frauenideal erklärte: Die sublimierte Gestalt der Jungfrau Maria. Während seines Aufenthalts in Basel schrieb er eine Reihe von Mariengedichten, welche seine traditionelle Haltung gegenüber Frauen verstärken sollten.3

In dieser Hausarbeit soll untersucht werden, inwieweit das Narrenschiff die damaligen Sitten und Lebenswirklichkeiten der Frauen im späten Mittelalter realistisch wiedergibt und ob dieses Brants Frauenideal entsprach. Die Behandlung der Eheauffassung, Liebe oder Familiensicht Brants ist schwierig, da es keine spezifischen Kapitel darüber gibt. Aus den ausgewählten Kapiteln konnten aber einzelne Äußerungen darüber ausgemacht werden, wobei wenig über die Ehe selbst beschrieben wird.4 Die Kapitel 0 (Vorrede), 4, 6, 12, 13, 19, 22, 26, 32, 33, 49, 50, 51, 52, 60, 61, 62, 64, 77, 82, 90, 92, 98, 106, 107 und 110b sollen in der vorliegenden Arbeit im Zentrum des Interesses stehen und die Frage beantworten, wie Ehe und Familie im Narrenschiff dargestellt werden. Besonders interessant ist dies durch den Übergang zwischen Mittelalter und Neuzeit, in welchem sich die Stellung der Frau und Familie grundlegend ändern sollten.

Anfangs wird ein kurzer Überblick über das Werk Das Narrenschiff gegeben werden, folgend mit einer Einordnung des soziohistorischen Kontexts und dem beginnenden Wandel, welcher sich in den Geschlechtern und deren Verhältnis zueinander abzeichnet. Es folgt die Darstellung der Frauen im Narrenschiff, beginnend mit der klerikalen Misogynie durch christliche Tradition. Darauf wird die Venus-Symbolik und das mythologische Ideal der Penelope als gute Ehefrau interpretiert. Im vierten Teil wird der Sittenverfall der beginnenden „Bürgerlichkeit“ angesprochen, verdeutlicht an den einzelnen Aspekten der unzüchtigen Kleidung, irdischem Vergnügungen und der Rolle der Obrigkeit. Im fünften Abschnitt geht es um die Institution der Ehe und den Ehebruch und im Anschluss um die Ehe aus materiellen Interessen und die familiäre Hierarchie und Rollenverteilung in einer mittelalterlichen Familie.

2. Sebastian Brant: Das Narrenschiff (1494)

Das Narrenschiff, 1494 in der Fastnacht erschienen, ist eine gereimte Moralsatire mit pädagogisch-didaktischem Anspruch. Brant ist humanistisch gebildet und „in beyden rechten doctor“ (Brant 1494: S.107). Er lernte kirchliches und weltliches Recht an der Universität Basel.5 Schon in der Vorrede erwähnt er das Ziel seines Werkes: „Zuo nutz vnd heylsamer ler / verma= // nung vnd ervolgung der wyßheit / ver= // nunfft vnd guter sytten: Ouch zuo ver= // achtung vnd straff der narheyt / blint= // heyt yrrsal vnd dorheit / aller staet / vnd // geschlecht der menschen“ (Brant 1494: S.107) . Sein Werk soll allgemeine Narrheiten aufdecken und den Menschen bewusst machen.

Das Narrenschiff besteht aus paarweise gereimten Versen, die pro Kapitel ein Laster erörtern. Jedes der 112 Kapitel ist durch einen Holzschnitt bildlich dargestellt und mit einem Dreizeiler untertitelt, der sich sowohl auf die Illustration als auch auf den Text bezieht. Durch die Kombination von Bild und Text werden Brants Botschaften in einfache didaktische Einheiten verpackt, die für jede Bevölkerungsschicht leicht verständlich und identifizierbar sind. Während im Text der Kapitel derbe Ausdrücke, Sprichwörter, Redewendungen und Zitate von Figuren und Geschichten aus der Bibel und antiken Mythologie Erwähnung finden, dienen die Holzschnitte, die in der Regel in direktem Bezug zu den Versen stehen, dem Verständnis von Analphabeten. Das Werk handelt von einem Schiff, auf welchem sämtliche Torheiten der Menschheit versammelt sind, während es auf seinen Untergang zusteuert. Eine Rettung sei nur durch bewusstes Abwenden von der Sünde und der Selbsterkenntnis der eigenen Narrheit möglich.6 Die Narrheiten, die Brant nennt, sind „ein negatives Spiegelbild der zeitgenössischen bürgerlichen Ethik, die er als Weisheit definiert“7. Es taucht eine grundlegende Antinomie von Weisheit und Narrheit auf, welche sich durch das gesamte Werk zieht.8 Den folgenden sieben Kardinallastern der mittelalterlichen Moraltheologie wird eine wichtige Stellung zugeschrieben: Hochmut (superbia), Neid (invidia), Zorn (ira), Geiz (avaritia), Wollust (luxuria), Völlerei (gula) und Trägheit (acedia).9 Sie veranschaulichen das Sündige der menschlichen Existenz und die damit verbundene Abkehr von einem gottgefälligen Leben. Neben diesem Sündenkatalog werden auch die Geschlechter in ihrer Sexualität, Ehe und Elternschaft betrachtet, was Rückschlüsse auf die Beziehungen von Frau und Mann und deren Rollen innerhalb der Gesellschaft zulässt.

2.1 Der soziohistorische Kontext

Das Narrenschiff entstand in den Jahren 1492 bis 1494, in der Zeitwende vom späten Mittelalter zur Frühen Neuzeit.10 Mittelalterliche Denkmuster vermischten sich mit reformatorischem und humanistischem Gedankengut, was eine allgemeine Krise auslöste. Wirtschaftliche, politische und soziale Umwälzungen waren Auflösungserscheinungen der alten Ordnung, während eine Neue noch nicht zu erkennen war. Die biblische Apokalypse verkündete das Schreckensbild eines atomaren Holocausts.11 In dieser Zeit wurde die didaktische Literatur zu einer wichtigen literarischen Strömung, die mit einer allgemeinen Zunahme der Schriftlichkeit einherging.

Zu den gesellschaftlichen Problemen des Spätmittelalters zählte unter anderem das Verhältnis von Groß-/ und Kleinfamilien in der Stadt und auf dem Land: Das Spannungsverhältnis eines weitgreifenden Verwandschaftsbewusstseins korrelierte mit dem einer typischen kleinen Stadtfamilie.12 Um 1500 gab es rund 300 städtische Siedlungen im Heiligen Römischen Reich, von denen nur etwa 200 mehr als 1000 Einwohner besaßen. Brants Heimatstadt Straßburg war mit 17.000-18.000 Einwohnern eine der größten Städte Europas, Basel war halb so groß. In Krisenzeiten dienten sie als Fluchtburg und Verteidigungsanlage. Ansonsten waren sie Stätten der Arbeit und Gelehrsamkeit, besaßen ein komplexes Gemeinwesen und boten Lebensraum für die verschiedensten Stände und Einkommensschichten. Die Ausbildung des Städtewesens verlief regional unterschiedlich. Im Spätmittelalter bestand eine agrarisch geprägte Wirtschaftsstruktur.13

Im 14. Jahrhundert hatte die Pest ein großes Sterben in der Bevölkerung ausgelöst, weswegen ein Drittel bis die Hälfte der Stadtbevölkerung verstarb und das Heiratsalter anstieg.14 Da viele Männer außerdem durch Kriege und Arbeit die Stadt verließen, kam es dort zu einem Frauenüberschuss15 und generell zur Landflucht, da Arbeitskräfte durch höhere Löhne in die Städte gelockt wurden. Besonders für Frauen eröffneten sich durch dieses Situation neue rechtliche Vorteile und wirtschaftliche Möglichkeiten.16 So galt die mittelalterliche Stadt als Freiraum für soziale Aufsteiger aus allen Unterschichten ebenso wie für Frauen, welche Berufe wie Handwerkerinnen, Kauffrauen, Ärztinnen oder Hebammen ausüben konnten. Sie hatten freie Berufswahl, solange sie körperlich dazu in der Lage waren. Aus den meisten Berufen wurden sie jedoch am Ende des Mittelalters wieder verdrängt.17 Zwar gehörte fast jeder Stadtbewohner einer Zunft oder patrizischen Stube an, aber nicht alle Einwohner besaßen das Bürgerrecht. Der Bürgerstatus galt als Privileg.18 Die Zünfte wachten über Anstand und Sitte und die meisten Berufe waren zünftig und anderweitig nicht ausführbar. Frauen wurden oft zum Eintritt gedrängt, um sie besser kontrollieren zu können.19 Die Bedingung für die Aufnahme war nach dem Hannoveraner Statut von 1481 entweder eine eheliche oder „ehrliche“ Geburt, der Erwerb des Bürgerrechts oder ein formgerechter Antrag an die Meister.20 Es gab sogar reine Frauenzünfte21 , welche jedoch in Konkurrenz zu den restriktiv organisierten Männerzünften standen und daher gegen Anfang der frühen Neuzeit aufgelöst wurden.22 Frauen waren keine vollberechtigten Mitglieder wie Männer. Viele Zünfte kannten bloß das Witwenrecht. Sie durften keine Leistungsfunktion ausführen, sondern bestenfalls Vor-/ oder Nebenarbeiten und nicht in den Rat entsandt werden, konnten sich nach Ketsch jedoch in die Zunft als eine Art Bruderschaft einkaufen.23

Durch den Zuwachs der Städte wurde eine Instanz nötig, die auf die Einhaltung von Regeln und Gesetzen plädierte und das Bedürfnis nach Rechtsgleichheit, Ordnung und Sicherheit stillte. Neue Prestige- und Wertevorstellungen waren Sparsamkeit, Bescheidenheit und Kleiderordnung, doch durch den beginnenden Einfluss der Renaissance entwickelten sich neue Bedürfnisse nach Lebensfreude und Genuss, welche im Gegensatz zu den traditionellen christlich-puritanischen Wertvorstellungen standen. Dieser Entwicklung, die sich in vielen alltäglichen Bereichen des Lebens bemerkbar macht, steht Brant sehr kritisch gegenüber; er appelliert an die Vernunft und Einsicht seiner Zeitgenossen und hat dabei nicht bloß Männer im Auge, sondern in gleichem Maße auch Frauen, denn auch das Verhältnis der Geschlechter ist diesem Wandel unterworfen. Auf diese Weise übt er Gleichberechtigung aus, denn Narren gibt es geschlechtsübergreifend, ebenso unter den Frauen und Mädchen: „Sunder findt man ouch naerrin vil“ (Brant 1494: S.111, Z.111).

2.2 Der Wandel im Verhältnis der Geschlechter

Vorherrschend waren im 15./16. Jahrhundert zwei idealtypische Formen der Lebensgestaltung von Frauen: Ein kontemplatives Leben in geistiger Zurückgezogenheit oder ein weltliches Leben als Ehefrau und Mutter.24 Im Spätmittelalter wurde „die Ehe als einzig legitime Form einer geschlechtlichen Beziehung zwischen Mann und Frau befürwortet und als Institution zur legitimen Zeugung von Kindern als unersetzlich angesehen“25. Dieses öffentliche Interesse an der Erscheinungsform der Ehe propagierte die Unterordnung jeder Frau als Ehefrau unter die Herrschaft ihres Ehemanns, wodurch das Geschlechterverhältnis stabilisiert werden sollte.26 Die Lebensgestaltung der Frauen war von ihrem Stand und ihrer Funktion abhängig, welcher über ihre Möglichkeiten und Grenzen entschied. Die soziale Stellung hing immer vom Elternhaus und der Stellung der Ehemanns ab.27

[...]


1 vgl. Mohrland 2013: S.170

2 vgl. Harksen 1974: S.9

3 vgl. Lafond 1995: S.68

4 vgl. Lafond 1995: S.66

5 vgl. Brant 1494: S.11

6 vgl. Mohrland 2013: S.171

7 Aker, 1990: S.167

8 vgl. Lafond 1995: S.61

9 vgl. Aker 1990: S.167

10 vgl. Brant 1494: S.19

11 vgl. Aker, 1990: S.31

12 vgl. Ennen 1994: S.134

13 vgl. Aker 1990: S.169-172, vgl. Ketsch 1986: S.137

14 vgl. Harksen 1974: S.18, vgl. Bock 2000: S.31

15 vgl. Harksen 1974: S.9, S.23

16 vgl. Ennen, 1994: S.221

17 vgl. Aker 1990: S.182

18 vgl. Aker 1990: S.178

19 vgl. Aker 1990: S.183

20 vgl. Aker 1990: S.179f., vgl. Ketsch 1986: S.137

21 vgl. Ennen 1994: S.136

22 vgl. Zey 1996: 568, vgl. Harksen 1974: S.11

23 vgl. Ketsch 1986: S.137, vgl. Aker S.182f.

24 vgl. Mohrland 2013: S.39

25 Mohrland 2013: S.40

26 vgl. Mohrland 2013: S.41

27 vgl. Goetz 1991: S.177

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Frauen in Sebastian Brants "Narrenschiff" von 1494
Hochschule
Universität Leipzig  (Philologisches Institut)
Note
1.0
Autor
Jahr
2021
Seiten
26
Katalognummer
V1139565
ISBN (eBook)
9783346526816
ISBN (Buch)
9783346526823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sebastian Brant, Narrenschiff, Geschlechterwandel, Misogynie, Venus-Symbolik
Arbeit zitieren
Marie Gründer (Autor:in), 2021, Die Darstellung der Frauen in Sebastian Brants "Narrenschiff" von 1494, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1139565

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