Egon Ranshofen-Wertheimer – Chronologie eines bewegten Lebens


Studienarbeit, 2008
51 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zusammenfassung

2 Das Landgut Ranshofen und die Familie Wertheimer
2.1 Ferdinand Wertheimer
2.2 Philipp und Julius Wertheimer

3 Unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit

4 Studienzeit, Kriegsdienst und revolutionäre Aufbruchstimmung
4.1 Student auf Wanderschaft und Kriegsfreiwilliger
4.2 Überzeugter Kriegsgegner und Revolutionärer Hochschulrat

5 Künstlerkreis, Freundschaften und Eheschließung

6 Studentischer Zirkel, Promotion und Journalistische Aktivitäten
6.1 Heidelberger Studienzeit und „magna cum laude“
6.2 Korrespondent und Buchautor

7 Völkerbund und Flucht ins Exil

8 Universität Washington D.C. und die Vereinten Nationen

9 Elder Statesmen und letzte Heimkehr

10 Schlussbemerkung

11 Literaturverzeichnis

12 Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Deckblatt Egon Ranshofen-Wertheimer-Chronologie eines bewegten Lebens“ Erstellt in Photoshop CS. Manfred Rachbauer , Braunau, Juni 2007.

Vorwort

„Daheim, nicht in der Fremde, möchte ich eines guten Todes sterben oder, wenn es sein muss, eines bösen.

Aber sterben möchte ich daheim, nicht in der Fremde.“

Egon Ranshofen-Wertheimer, „Die Heimkehr (1946)“

Diese Seminararbeit entstand während meines Studiums an der Mediadesign Hochschule für Design und Informatik in München. Ich möchte mich recht herzlich bei Dr. Isa Ogbomo und Prof. Dr.-Ing. Axel Hoppe dafür bedanken, dass ich am Modul „Wissenschaftliches Arbeiten“ teilnehmen durfte.

Für die Hilfe bei der Beschaffung von Informationen, ohne die diese „Chronik“ kaum zustande gekommen wäre, möchte ich mich bei folgenden Personen bedanken:

Bei Gerald Lehner, österreichischer Journalist und Autor, dessen Unterkapitel „Egon Ranshofen-Wertheimer“ in „Die Biographie des Philosophen und Ökonomen Leopold Kohr“, Ausgangspunkt meiner Wertheimer-Recherchen war.

Bei meinem Vater, der mir seine umfangreiche Wertheimersammlung zur Verfügung gestellt hat.

Mag. Hermine Aigner, Redaktion Braunauer Rundschau / Stadt Braunau

Dr. Susanne Buchinger, Carl-Zuckmayer-Gesellschaft

ADIR. Renate Domnanich, Österreichisches Staatsarchiv, Abteilung: Kriegsarchiv

Mag. Wolf-Erich Eckstein, Israelitische Kultusgemeinde Wien

Eike Fess, Archiv, Arnold Schönberg Center

Prof. Dr. Madeleine Herren, Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften. Historisches Seminar der Universität Heidelberg

Herbert Hillebrand, Kustos Bezirksmuseum Braunau

Elisabeth Hunerlach, Archivamtfrau, Universitätsarchiv Heidelberg

Gerti Kratzer, Forschungsinstitut Brenner-Archiv

Dr. Andreas Maislinger, Wissenschaftliche Leitung, Verein für Zeitgeschichte

Thomas Maisel, Archiv der Universität Wien

Prof. Mag. Erwin Niese, Akademisches Gymnasium Salzburg

FOI Christine Renner, Bundesgymnasium Ried im Innkreis

Evelyn Rosivatz, Bleistiftzeichnungen von Ranshofen

Franz Salaberger, Television Austria, Braunau am Inn

Monika Schmidt, Schulleitung Volksschule Ranshofen

Madeleine Schulze, Stadtarchiv Augsburg

Dr. phil. Claudius Stein, M.A., Ludwig-Maximilians-Universität, Universitätsarchiv München

Dr. Heinzpeter Stucki, Universität Zürich

Verein für Zeitgeschichte Braunau am Inn

1 Zusammenfassung

In der vorliegenden Seminararbeit werden das Leben und das politische Wirken von Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer, einen in Österreich fast gänzlich in Vergessenheit geratenen Diplomaten, Journalisten, Rechts- und Staatswissenschaftler, dokumentiert.

Das Kapitel2 beginnt mit einem kleinen historischen Exkurs, der sich mit der Ansiedlung der Familie Wertheimer im Innviertel auseinander setzt und umfasst den Zeitraum vom Kauf des Landgutes Ranshofen 1851 bis zur Beisetzung Julius Wertheimers im Jahr 1917.

Kapitel3 beschäftigt sich mit der Kindheit Egon Wertheimers auf dem Landgut Ranshofen, seiner Schulzeit und seinen ersten schriftstellerischen Aktivitäten.

Im Kapitel4 wird Egon Wertheimers Studienzeit, seine Wandlung vom patriotischen Kriegsfreiwilligen zum überzeugten Kriegsgegner und seine Beteiligung an der „Münchner Revolution“ erläutert.

Die Salzburger Künstlervereinigung „Der Wassermann“, die freundschaftliche Beziehung Egon Wertheimers zu mehreren Mitgliedern aus diesem Künstlerkreis und die Eheschließung mit seiner ersten Frau Mathilde Junger werden im 5.Kapitel beschrieben.

Das 6.Kapitel behandelt Egon Wertheimers Beziehung zur sozialistischen Studentengruppe um Carlo Mierendorff und seinen Studiumsabschluss in Heidelberg mit anschließender Promotion. Seine Tätigkeit als Korrespondent, Redakteur und Buchautor in den 20iger Jahren bilden den Abschluss dieses Kapitels.

Neben Egon Ranshofen-Wertheimers beruflicher Tätigkeit im Völkerbundsekretariat, die aufgrund der weltpolitischen Lage nicht immer unproblematisch verlief, werden im 7.Kapitel auch die Vorbereitungen seiner Emigration und die damit verbundenen Schwierigkeiten erläutert.

Kapitel8 beschreibt Wertheimers Jahre im amerikanischen Exil und seinen beispiellosen Aufstieg vom Universitätsprofessor zum damals einzigen Österreicher im Hauptquartier der Vereinten Nationen.

Die Rückkehr Wertheimers nach Österreich und sein unerwarteter Tod Ende 1957 werden im vorletzten 9.Kapitel beschrieben.

Mit einer Schlussbemerkung wird diese Seminararbeit im Kapitel10 beendet.

2 Das Landgut Ranshofen und die Familie Wertheimer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1 „Stammbaum der Familie Wertheimer“. Sammlung Rachbauer Manfred , Braunau, 2007.

Durch die Franzoseneinfälle im Innviertel verbunden mit der endgültigen Auflösung des Chorherrenstiftes und letztendlich durch großflächige Überschwemmungen im Jahr 1849 war die Ortsgemeinde Ranshofen in eine wirtschaftliche Notlage geraten.

Erst mit der Übernahme des ehemaligen Chorherrenstiftes durch die Familie Wertheimer kehrte der Wohlstand allmählich nach Ranshofen zurück.

2.1 Ferdinand Wertheimer

Ferdinand Wertheimer, geboren am 25. September 1817 in Regensburg, studierte Agrikulturchemie und machte sich mit den Liebigschen Forschungen – Forschungen im Bereich der organischen Chemie – vertraut. Anschließend erweiterte er seine landwirtschaftlichen Kenntnisse durch langjährige Praxisreisen in Deutschland, Frankreich, England, Belgien, Österreich und Ungarn. Durch den Aufenthalt auf bestens bewirtschafteten Gütern dieser Länder lernte er unterschiedliche landwirtschaftliche Arbeitsweisen kennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.1 „Portrait Ferdinand Wertheimer“. Wiener Landwirtschaftliche Zeitung , November 1882.

Ferdinand Wertheimer erwarb im August 1851 das ehemalige Kloster Ranshofen und machte aus dem stark vernachlässigten Anwesen in kurzer Zeit einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb.

Baumgartner schreibt in [Baumgartner 1865] über das Landgut:

„Von den vielen rationell bewirtschafteten Landgütern Oberösterreichs, deren musterhaften Wirtschaftsbetrieb zur Nachfolge aneifert, wählen wir das Landgut Ranshofen. Was die Schönheit des Gutes anbelangt, so war dessen Pflege bis zur Übernahme desselben durch den jetzigen Besitzer, Herrn Ferdinand Wertheimer, einem Landwirthe, der auf die rationellste Weise das Nützliche mit dem Schönen vereint, gänzlich vernachlässigt.“

Sämtliche Bauwerke auf dem Anwesen wurden mit großem Arbeitsaufwand renoviert, und ein prachtvoll gestalteter Park um die Gebäude angelegt. Die veraltete Art der Wiesenbewässerung wurde durch eine große, moderne Bewässerungsanlage ersetzt, und erstmalig kamen auch neuartige, landwirtschaftliche Maschinen aus England in der Bewirtschaftung zum Einsatz.

Ferdinand Wertheimer nutzte die achtfeldrige Ackerbau-Fruchtfolge, verwendete aufgrund seiner Erfahrungen in der Agrikulturchemie künstliche Düngemittel und ließ auf seinen Feldern Handelspflanzen wie Raps und Hopfen anbauen.

Durch seine Reformen und Verbesserungen im landwirtschaftlichen Bereich erreichte das Ranshofener Landgut bald einen hohen Stellenwert unter den Landwirten des Innviertels.

Vor allem die Allgäuer Rinderrasse, die er in Oberösterreich eingeführt hatte, fand bei den Viehzüchtern reißenden Absatz und erhielt bei Regional- und Landesausstellungen hohe Auszeichnungen. Die oberösterreichische Landwirtschaftsgesellschaft verlieh Ferdinand Wertheimer für dessen Verdienste um die Hebung der oberösterreichischen Viehzucht die Gesellschaftsmedaille (vergleiche auch [Wiener Landwirtschaftliche Zeitung 1882]).

Auch im öffentlichen Leben spielte Ferdinand Wertheimer eine bedeutende Rolle. So veranstaltete er als Vorstand des landwirtschaftlichen Bezirksvereins im Jahr 1855 die erste Landwirtschaftsausstellung in Braunau am Inn und war erheblich am Zustandekommen der Eisenbahnlinien Braunau-Neumarkt und Braunau-München beteiligt. Von 1867 bis zu seinem Tod 1883 war Ferdinand Wertheimer Landtagsabgeordneter für die liberale Kurie des Großgrundbesitzes (vergleiche auch [Slapnicka 1983]).

Für seine besonderen Verdienste wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Ortsgemeinde Ranshofen sowie der Städte Ried im Innkreis und Braunau am Inn zuerkannt.

Am 20. September 1883 erlitt er im Landtagssitzungssaal in Linz einen Schlaganfall und starb am darauf folgenden Tag (vergleiche auch [Slapnicka 1983]). Er wurde am Montag, den 24.September, in der Familiengruft in Augsburg beigesetzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.2 „Totenbild Ferdinand Wertheimer“. Faksimile 2007, Original in Privatbesitz.

2.2 Philipp und Julius Wertheimer

Nach Ferdinand Wertheimers Tod übernahmen seine Söhne das Landgut Ranshofen und führten den landwirtschaftlichen Betrieb im Sinne ihres Vaters fort. Zum Andenken an ihren verstorbenen Vater stifteten Philipp und Julius Wertheimer einen Betrag von 300 Gulden für humanitäre Zwecke.

Vor allem durch ihre für diese Zeit außergewöhnlich soziale Einstellung erfreute sich die Familie Wertheimer bei der Bevölkerung Ranshofens größter Beliebtheit. In Not geratene Gutsbedienstete und ihre Angehörigen konnten ebenso auf finanzielle Unterstützung zählen wie die Ärmsten der Ortsgemeinde. Auf großen Schulfesten wurden die Schulkinder meist von der Familie Wertheimer kostenlos bewirtet, und jedes Jahr zur Weihnachtszeit erhielten bedürftige Kinder neue Schuhe und Kleidung. Am ungewöhnlichsten für damalige Verhältnisse war aber die jährlich veranstaltete „Betriebsweihnachtsfeier“, bei der alle Bediensteten Geschenke erhielten.

Philipp und Julius Wertheimer galten, wie schon ihr Vater Ferdinand Wertheimer zuvor, als besondere Wohltäter der Ortsgemeinde Ranshofen.

Am 22. Mai 1911 starb Philipp Wertheimer in Wien und wurde am 24. Mai 1911 im Zentralfriedhof, IV. Tor beigesetzt. Philipps Besitzanteil am Landgut Ranshofen wurde zu gleichen Teilen seinen Töchtern Anna Schiff, Emilie Jellinek und Gabriele Weisweiller zugesprochen.

Am 27. Oktober 1914 starb die allseits beliebte Gattin von Julius Wertheimer, Frau Karoline Wertheimer, in Salzburg und wurde am Allerseelentag in Ranshofen beigesetzt.

Egon Ranshofen-Wertheimer schreibt in [Wertheimer 1954] über das Begräbnis:

„Hier, wo der Feldweg zum Schloß abzweigt, hatten wir an jenem verhangenen Allerseelentag des Jahres 1914 den Wagen erwartet, der den Sarg mit meiner geliebten Mutter zur Beisetzung auf heimatlichem Boden aus Salzburg brachte.

Endlos, monoton läuteten vom nahen Kirchlein die Allerseelenglocken. Der Leichenzug bewegte sich, mit dem Pfarrer an der Spitze, im aschgrauen, nebelumflorten November-Vormittag an unseren Feldern entlang, die meine Mutter so geliebt hatte. Als wir die Mutter an der Friedhofsmauer in die Erde senkten, da funkelten auf allen Gräbern Hunderte und aber Hunderte von Allerseelenlichtern. Der eigenen Toten eingedenk, nahm das ganze Dorf an unserer großen Trauer teil. Mehr als wir anderen Mitglieder der Familie hat meine Mutter zu diesen Menschen gehört. Mehr als wir anderen hatte sie ihnen bedeutet.“

Am 3. Juli 1917 starb der Landwirtschaftsexperte und Ortsschulinspektor Julius Wertheimer und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 5. Juli in Ranshofen beigesetzt. Julius’ Besitzanteil am Landgut Ranshofen wurde zu gleichen Teilen zwischen seinen Söhnen Otto und Egon Wertheimer aufgeteilt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.1 „Partezettel Karoline und Julius Wertheimer“. Faksimile 2007, Original in Privatbesitz .

3 Unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit

Egon Wertheimer wurde am 4. September 1894 als Sohn des liberalen Großgrundbesitzers Julius Wertheimer und seiner Frau Karoline, geborene Bartosch, auf dem Landgut Ranshofen geboren. In dieser landwirtschaftlich geprägten Umgebung verbrachte Egon eine unbeschwerte und glückliche Kindheit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 „Bleistiftzeichnung Schlosshof Ranshofen 1964“. Mit freundlicher Genehmigung von Evelyn Rosivatz.

Egon Ranshofen-Wertheimer schreibt in [Wertheimer 1954] über seine Kindheit:

„Die Tür zum ersten Stock, wo ich zur Welt gekommen war, wo meine Eltern den größten Teil ihres Lebens verbracht hatten, war versperrt. Aber die holzgeschnitzte Tür zum zweiten Stock stand halb offen, und wir traten auf den Korridor. Dieser Stock hatte mir gehört, war unzertrennbar mit meiner Existenz verbunden. Hier hatte ich mir seit meinen Knabenjahren meine eigene Welt aufgebaut. Hier hatte ich mein geliebtes, schwarzes Zimmer gehabt, in dem ich als Knabe die große Entdeckungsfahrt in die Weltliteratur und über Bücher ins Leben angetreten hatte. Schlaflos war ich hier, erregt und überhell, über Büchern gesessen. Hatte ich mir die Augen Wund gelesen, so trat ich ans Fenster und schaute über die Kronen der großen Lindenbäume in die Dämmerung des werdenden Tages oder auf die aufsteigenden Inn-Nebel, während das Haus in tiefer Stille lag. Nur von Zeit zu Zeit rieselte es geheimnisvoll hinter den Tapeten. Bis die Hähne zu krähen begannen, die Vögel schrille Rufe zusandten, das schwere Schlosstor, vom Nachtwächter geöffnet, in den Angeln knirschte, und die ersten Arbeiter aus dem Dorf mit schweren Schritten über den Kies durch den Schlosshof zum Wirtschaftsgebäude stampften.“

Die Datensammlung zur Kindheit und Jugend Egon Wertheimers weist leider einige Lücken auf. So waren weder in der Schulchronik Ranshofen noch in den alten Klassenbüchern Einträge zum Volksschulbesuch Egons in Ranshofen vorhanden.

Erste Informationen zur Einschulung fanden sich im Archiv des Bundes- und Bundesrealgymnasium Ried im Innkreis. Im Zeugnis der ersten Klasse des K.u.K. Staatsgymnasiums Ried im Innkreis vom Schuljahr 1904/05 war Egon Wertheimer als zahlender Privatist[1] eingetragen. Nach Abschluss der ersten Klasse wechselte Egon die Schule und trat im Schuljahr 1905/06 in die zweite Klasse des K.u.K. Staatsgymnasiums zu Salzburg ein. Die nachfolgenden Klassen wurden bis zum Schuljahr 1911/12 ohne Wiederholung absolviert (siehe [Gymnasium Salzburg 2007]).

Laut Katalog der VIII. Klasse des Salzburger Staatsgymnasiums wurde Egon am 9. Juli 1912 für „reif mit Stimmeneinhelligkeit“ erklärt.

In der Mozartstadt Salzburg wurde auch das Interesse an Musik und Literatur im jungen Wertheimer geweckt. Vor allem einer seiner damaligen Lehrer am Staatsgymnasium zu Salzburg, der Komponist und Mitbegründer der Literatur- und Kunstgesellschaft „Pan“, August Brunetti-Pisano[2] hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Dieser war laut Rechercheergebnis von Renate Ebeling-Winkler[3] mehrmals auf dem Landgut Ranshofen zu Gast und hatte Egon Wertheimer dort Musikunterricht erteilt.

Egon Wertheimer schreibt am 10. Jänner 1912 in einem Brief an Ludwig von Ficker[4]:

„Sehr verehrter Herr v. Ficker

Der Komponist August Brunetti-Pisano, der frühere Vorstand des hiesigen, literarischen Vereins „Pan“, hat mich ermuntert und aufgefordert, Ihnen beiliegendes Gedicht „Der Sieger, ein moderner Mythos“ zu senden; es würde mich sehr freuen, wenn Sie es im „Brenner“ veröffentlichen würden. Auch einen kleinen Vierzeiler „Der Skalde“ lege ich bei.

Hochachtungsvoll

Egon Wertheimer

Salzburg, Schwarzstraße 29“ (siehe [Wertheimer 1912]).

Trotz intensiver Recherchen in verschiedenen Archiven und Bibliotheken konnte keines der erwähnten Gedichte in den dort vorhandenen Ausgaben der Zeitschrift „Der Brenner“ gefunden werden.

Im Frühjahr 1913 erschien in „Salzburg Ein literarisches Sammelwerk“ eine leidenschaftliche Studie Wertheimers über August Brunetti-Pisano.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 „Buchumschlag Salzburg Ein literarisches Sammelwerk 1913“. Original in Privatbesitz.

Egon Ranshofen-Wertheimer schreibt in [Wertheimer 1913] über August Brunetti-Pisano:

„In diesen Tagen, da der einsame, dem diese Zeilen gewidmet sind, in seinem „Liebesopfer“ das dritte große Werk vollendet hat, soll der Versuch unternommen werden, die Kunst dieses Neuen mit älterer und zeitgenössischer Produktion zu vergleichen. Vom Standpunkte des auf diese Weise gewonnen Resultates aus, als dem natürlichen Ergebnis aus der Wesenheit seiner Werke und seiner Menschlichkeit, soll das Bild einer Persönlichkeit gezeichnet werden, deren Reichtum, selbst neben erlauchteste Vorbilder gestellt, nichts von jener Fülle einzubüßen vermag, die uns so bewundernswert erscheint. Den ersten Versuch einer Einreihung und Umgrenzung will diese Darstellung bieten, ohne sich indes anzumaßen, ein Abschließendes oder Endgültiges zu bringen.“

4 Studienzeit, Kriegsdienst und revolutionäre Aufbruchstimmung

4.1 Student auf Wanderschaft und Kriegsfreiwilliger

Egon Wertheimer schrieb sich zunächst in der Philosophischen Fakultät für das Wintersemester 1912/13 an der Universität Wien ein. Danach belegte er im Sommersemester 1913 den Studiengang „Phil. I Germanistik“ an der Universität Zürich und beendete das Semester mit einem Abgangszeugnis am 26. Juli 1913 (siehe [Universität Zürich 2007]).

Nach diesem kurzen Studienaufenthalt in der Schweiz ging Egon Wertheimer nach Deutschland und belegte hier das Wintersemester 1913/14 im Studiengang Kunstgeschichte an der Universität Berlin. Am 4. Mai 1914 immatrikulierte er zwar noch an der Universität München, wurde aber, wie viele andere Jugendliche, von der patriotischen Begeisterung angesteckt und trat laut „Landsturmmusterungsschein des Landwehr-Ergänzungsbezirkskommandos Salzburg“ am 13. Oktober 1914 als einjähriger Kriegsfreiwilliger ins Heer ein.

Durch zahlreiche Unterlagen aus den Beständen des österreichischen Kriegsarchivs in [Kriegsarchiv2007] lässt sich seine Militärlaufbahn sehr gut dokumentieren.

Egon Wertheimer war nach militärärztlicher Untersuchung für „diensttauglich“ befunden und nach kurzer Grundausbildung als Kanonier am 26. Oktober 1914 der Ersatzbatterie des K.u.K. Feldkanonenregiments 41 zugewiesen worden. Am 10. Juni 1915 wurde er zum Zugsführer befördert und kurze Zeit später zur 7. Marschkompanie des K.u.K. Festungsartillerieregiments Nr.4 abkommandiert. Anfang November 1915 wurde Wertheimer zum Kadetten in der Reserve ernannt, und gut acht Monate später am 10. Juli 1916 erfolgte dann seine Ernennung zum Fähnrich in der Reserve.

Egon Wertheimer unterbrach vom 15. bis 30. Juli 1916 seinen Frontdienst, um in Wien eine „Ballonbeobachterausbildung“ zu absolvieren. Kurz darauf, am 1. August 1916, wurde er in den Rang eines Leutnants in der Reserve erhoben und am 21. Oktober desselben Jahres zur Ballonabteilung Nr. 22 der K.u.K. Luftfahrttruppen nach Russland abkommandiert. Für sein tapferes und kaltblütiges Verhalten im Fronteinsatz erhielt er unter anderem die silberne Tapferkeitsmedaille 1.Klasse und das Militärverdienstkreuz 3.Klasse.

Im Offiziersbelohnungsantrag vom 11. September 1917 des österreichischen Kriegsarchivs in [Kriegsarchiv2007] ist folgendes eingetragen:

„Tapferes und kaltblütiges Verhalten als Ballonführer vor dem Feinde!

Hat während des Angriffes eines feindlichen Fliegers auf den Ballon in 800 m Höhe bei Mielniea am 1. September 1917 durch seine besonnene Kaltblütigkeit in den wenigen Sekunden, die nach erfolgtem Angriffe des Fliegers bis zum Absturze des Ballons verstrichen, ermöglicht, daß das Leben des Beobachters und sein eigenes durch rechtzeitigen Absprung mit dem Fallschirm aus dem brennenden Ballon gerettet wurde. Er hat bei 108 Aufstiegen im Fesselballon vor dem Feinde sich als tapferer, besonders erfolgreicher Beobachter bewährt.“

4.2 Überzeugter Kriegsgegner und Revolutionärer Hochschulrat

Am Ende des Jahres 1917, Wertheimer war inzwischen von der Ballonabteilung zur Fliegerkompanie überstellt worden, begann er immer öfter daran zu zweifeln, noch für eine gerechte Sache zu kämpfen. Die unbeschreiblichen Grauen des Krieges, das sinnlose Sterben für ein paar Meter Raumgewinn und die verlogene Durchhaltepropaganda der Militärobrigkeit machten aus dem draufgängerischen Soldaten Wertheimer nach und nach einen überzeugten Kriegsgegner.

In seinem autobiografischen Aufsatz „Nachtwache am Kamin“ wird dieser Sinneswandel deutlich erkennbar. Egon Ranshofen-Wertheimer schreibt in [Wertheimer 1953] über seine Kriegserlebnisse:

„Heute fühlst du, dass die Frage nach deiner Pflicht im Leben nicht vom Wunsch diktiert ist, alldem zu entgehen, dem Gewerbe des Tötens, der eigenen Todesgefahr. Du fühlst, dass sie von ungeheurer Bedeutung ist. Du hast begriffen, dass morgen Aufgaben von unfassbarer Größe aufstehen werden, die gelöst werden müssen. Du warst Zeuge, wie Millionen geopfert werden. Wofür? Wozu? Nie war Größeres einer Generation aufgegeben, als der deinen zufallen wird. Soll das Schlachten weitergehen? Sollen die, die nach dir kommen, wieder in den Moloch des Krieges getrieben werden? Eine bessere Welt ist aufzubauen und du – wirst du dabei sein? Wirst du mithelfen? Ist es wichtiger, dass du in dieser späten Stunde des Krieges dich einer Pflicht opferst, die dir sinnlos und inhaltsleer geworden ist? Der kategorische Imperativ? Pflicht steht hier gegen Pflicht. Niemand als du selbst kann die Frage beantworten.“

Im Februar 1918 wurde Wertheimer nach München beurlaubt, wo er traumatisiert durch die Fronterlebnisse, schließlich zusammenbrach und ins Lazarett gebracht wurde. Hier, im Umfeld der Kriegsopfer und Verwundeten, verfasste er ein Manifest gegen den Militarismus, das aber niemals veröffentlicht wurde. Weitere Informationen über seinen Aufenthalt im Lazarett konnten nicht gefunden werden, da laut Bayrischem Hauptstaatsarchiv, Abteilung Kriegsarchiv, das Schriftgut der Bayrischen Lazarette im Zweiten Weltkrieg durch Kriegseinwirkung vernichtet worden war.

Im Herbst 1918 befand sich Egon Wertheimer bei den demonstrierenden Menschen um Kurt Eisner, die am 7. November 1918 in München das Ende der bayrischen Monarchie herbeiführten. Der bayrische König Ludwig III flüchtete aus der Landeshauptstadt, und in der Nacht zum 8. November 1918 wurde nach der ersten konstituierenden Versammlung der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte die bayrische Republik ausgerufen.

Bereits am 8. November 1918 bildete sich eine Revolutionsregierung aus Mitgliedern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands USPD und der Mehrheitssozialdemokratischen Partei Deutschlands MSPD mit Kurt Eisner als Ministerpräsident. Egon Wertheimer wurde Privatsekretär des neu ernannten, bayrischen Finanzministers, Professor Edgar Jaffe, und war in dieser Eigenschaft mehr als drei Monate ehrenamtlich im Finanzministerium tätig. Die Ermordung Kurt Eisners am 21. Februar 1919 löste in der jungen Republik eine radikalere Phase der Revolution aus.

Nach wochenlangen Wirren und endlosen Diskussionen erfolgte in der Nacht vom 6. auf den 7.April 1919 die offizielle Ausrufung der „Münchner Räterepublik“ mit Ernst Toller und Gustav Landauer in führenden Positionen. Während dieser Räterepublik übernahm ein aus Studenten gebildeter „Revolutionärer Hochschulrat“, dem auch Wertheimer angehörte, die Leitung der Universität München.

In einem Verteidigungsschreiben an das Rektorat der Universität München vom Dezember 1919 berichtet Egon Wertheimer in [Wertheimer 1919] unter anderem über sein Mitwirken im Revolutionären Hochschulrat:

„Träger der Aktion war der Revolutionäre Hochschulrat, für dessen Handlungen ich als Mitglied des Sechser-Rates mitverantwortlich bin. Die Einzeltatsachen sind dem Senat bekannt; im Allgemeinen fällt in diesen Abschnitt der vergebliche Versuch, mit Dozenten und Studenten gemeinsam die Umformung der Hochschule einzuläuten, fällt der schließliche Abbruch der Verhandlungen. Meine Mitwirkung ist durchaus zentral bestimmt und lässt nach gesagtem die Deutung als einmalige Verirrung nicht zu. Als nach dem Sturze Landauers die Führung im Zentralrat an Levien überging, wurde die Hochschulrevolution näher, als es meiner Auffassung von ihrer Aufgabe entsprach, an die politische Sphäre herangetragen. Ich zog die Konsequenzen und schied am 12. oder 13. April 1919 aus dem Revolutionären Hochschulrat aus.“

Egon Wertheimer belegte im Kriegsnothalbjahr 1919 zwar noch die Studiengänge Phil. Germanistik, Kunstgeschichte und Staatswissenschaften an der Universität München, musste aber Ende April 1919 aufgrund seiner Mitgliedschaft im Revolutionären Hochschulrat Bayern verlassen.

Laut dem Sitzungsprotokoll des Akademischen Senats der Universität München vom 20. Dezember 1919 wurde neben dem Consilium Abeundi[5] beschlossen, Wertheimer kein Semester/Halbjahr abzuerkennen.

5 Künstlerkreis, Freundschaften und Eheschließung

Im traditionsreichen Salzburger Hotel Bristol wurde Jänner 1919 die Künstlervereinigung „Der Wassermann“ gegründet. Der Vereinsname leitete sich vermutlich vom astrologischen Zeitpunkt der Gründung ab. Der Schriftsteller Oskar A. H. Schmitz, die Maler Felix Albrecht Harter, Aloys Wach und Anton Faistauer, aber auch Bernhard Paumgartner, der Direktor des Konservatoriums Mozarteum, Ludwig Prachauser, Lehrer und Kunstkritiker, sowie Egon Wertheimer gehörten diesem progressiven Künstlerkreis an. Durch den Schriftsteller Oskar A. H. Schmitz lernte Wertheimer Stefan und Friderike Zweig kennen und war bald gern gesehener Gast in ihrer Villa am Kapuzinerberg. Mit Friderike Zweig war Wertheimer Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden. Dies lässt sich anhand von Briefen dokumentieren, die später in Buchform veröffentlicht wurden.

So schreibt Egon Ranshofen-Wertheimer in [Zohn 1952] Friderike Zweig zu ihrem 70. Geburtstag:

„Diesen nächsten Krieg müssen wir verhindern – er würde niemanden verschonen, überall hinreichen und die Menschheit in all ihren Grundlagen bedrohen, vielleicht die menschliche Zivilisation zerstören. Wenn es irgendeines Beweises bedürfte, so möchte ich nur einen nennen: zum ersten Male in der menschlichen Geschichte sind die Generäle der Welt gegen den Krieg. Sie, liebe Friderike, sind immer ein guter Verbündeter in diesem großen Bemühen gewesen.

In alter Anhänglichkeit und Freundschaft Egon Ranshofen-Wertheimer“

Auch Friderike Zweigs Freundin, Josefine Junger, und ihre Tochter Mathilde waren oft im Hause Zweig zu Besuch. Egon Wertheimer verliebte sich in die junge, exzentrische Künstlerin und ehelichte seine „Thilde“ kurze Zeit später, am 20. Oktober 1919, in Wien.

Eines der Hochzeitsgeschenke, ein großformatiges Ölgemälde, zeigt den Stammsitz der Wertheimers, das ehemalige Kloster Ranshofen. Der Name des Malers – Aloys Wach.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5.1 „Aloys Wach, Kloster Ranshofen, Öl auf Leinwand, 1919“. Abbildung aus dem Katalog des OÖ. Landesmuseums „Aloys Wach. 1892–1940“.

Aloys Wach, den Wertheimer bereits während des Ersten Weltkrieges durch Karl Schoßleitner[6] im Wiener Kriegspressequartier kennen gelernt hatte, war mit anderen Künstlern und Intellektuellen ebenfalls an der Münchner Revolution beteiligt. Er gehörte dem Kulturrat der Münchner Räterepublik an, welcher sich für ein autonomes Kulturleben einsetzte. Einige seiner von der Revolution inspirierten expressionistischen Holzschnitte wurden in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, wie z.B. in den „Münchner Neueste Nachrichten“, in der „Süddeutschen Freiheit“ und im „Bayrischen Kurier“, veröffentlicht.

[...]


[1] Privatist: externer Schüler, der ohne Teilnahme am regulären Unterricht des Gymnasiums die Prüfungen ablegen durfte.

[2] August Brunetti-Pisano: Salzburger Komponist und Mitbegründer der Literatur- und Kunstgesellschaft „Pan“.

[3] Renate Ebeling-Winkler betreute von 1994 bis 1998 als Bibliothekarin/Kustodin den Brunetti-Nachlass im Salzburger Museum Carolino Augusteum und arbeitet zurzeit als freie Mitarbeiterin an einem Begleitkatalog für eine im Salzburg Museum und im Heimatkundlichen Museum St. Gilgen geplante Ausstellung über August Brunetti Pisano.

[4] Ludwig von Ficker: Schriftsteller und Publizist. Herausgeber der Zeitschrift „Der Brenner“, die ein breites Spektrum an dichterischen, philosophischen und theologischen Beiträgen enthielt.

[5] Das consilium abeundi wurde bei schweren Verstößen ausgesprochen und bedeutete einen Verweis aus der Stadt oder auch die Zusicherung, die Stadt beim nächsten Verstoß verlassen zu müssen.

[6] Der Schriftsteller Karl Schoßleitner schrieb zum 60. Geburtstag Egon Wertheimers in der Neuen Warte am Inn vom 23. September 1954 eine Skizze mit dem Titel „Beispielloser Weg eines Österreichers“.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Egon Ranshofen-Wertheimer – Chronologie eines bewegten Lebens
Hochschule
Mediadesign Hochschule für Design und Informatik GmbH München
Veranstaltung
Wissenschaftliches Arbeiten
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
51
Katalognummer
V114269
ISBN (eBook)
9783640152469
ISBN (Buch)
9783640154593
Dateigröße
2418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Egon, Ranshofen-Wertheimer, Chronologie, Lebens, Wissenschaftliches, Arbeiten, Egon Ranshofen-Wertheimer, Egon Ranshofen-Wertheimer Buch, Egon Ranshofen Wertheimer
Arbeit zitieren
Tamara Rachbauer (Autor), 2008, Egon Ranshofen-Wertheimer – Chronologie eines bewegten Lebens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114269

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