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Die Kunst, Geschichte zu schreiben - Peter Handke und die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre

Title: Die Kunst, Geschichte zu schreiben - Peter Handke und die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre

Thesis (M.A.) , 2001 , 148 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: M.A. Roland Schmeltzer (Author)

German Studies - Miscellaneous
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Summary Excerpt Details

Peter Handkes vordergründig eindeutige Parteinahme für Serbien ("Gerechtigkeit für Serbien") sorgte wie kein anderer Beitrag eines Intellektuellen zu den Balkankriegen im letzten Jahrzehnt für erregte Debatten im europäischen Feuilleton. Von Anfang an verließ die öffentliche Diskussion um Handke und seine konträre Sicht des Zerfalls Jugoslawiens die Bahn seriöser, um Aufklärung
bemühter Aufarbeitung. Der bei aller Kritikwürdigkeit der angreifbaren Darstellung Handkes von ihm initiierte Denkanstoß, Bilder und Ansichten vom Krieg kritisch zu hinterfragen, wurde nicht aufgegriffen. Im Gegenteil: Handke geriet in einen Krieg der Kritik, dessen Kreuzfeuer vor allem auf den Autor persönlich gerichtet war.
Die Magisterarbeit hingegen, die den zu einfachen Vorwurf, Handke sei "serbophil", entkräften kann, rekonstruiert ausführlich in einer Kritik "ohne Kritik" (J. Derrida) das Engagement Handkes vor dem Hintergrund seiner Biografie, seines Werkes, seiner Poetik und seiner Geschichtsauffassung. Ideologiekritisch und literaturwissenschaftlich fundiert werden die zentralen Texte des Schriftstellers zu den Jugoslawienkriegen, drei Reiseberichte und ein Theaterstück, interpretiert.
Die Arbeit schafft so, jenseits des alle Ambivalenzen negierenden und oft nur denunziatorischen Mediendiskurses, die Voraussetzung für eine differenzierte (und damit gerechtere?) Beurteilung der nahezu unentwirrbaren Causa Handke - eine Beurteilung, die natürlich auch das Problematische und die Aporien der Handkeschen Darstellung und politischen Haltung klar benennt. Das Buch lädt dazu ein, Handkes Beiträge zu Jugoslawien und seine Werke vor der Folie des Gezeigten erneut und neu zu lesen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. TEIL: Im Rausch(en) der Medien

1. Einleitung: „Kritik ohne Krieg“ (J. Derrida)

2. Einerseits: Peter Handke im Krieg der Kritik

II. TEIL: Andererseits ...

3. Biographische Begründungen

4. Die antitotalitäre, offene Poetik Peter Handkes

4.1 Frühe Konfessionen: Wider eine „engagierte“ Literatur (Sartre), für die Autonomie einer sprach- und erkenntniskritischen Literatur

4.2 Drei Bausteine einer Poetik des Peripheren als Essenz

4.2.1 Erster Baustein: Das „unschuldige Sehen“ des „poetischen Denkens“ im Gefolge von Kleists Über das Marionettentheater

4.2.2 Zweiter Baustein: Phänomenologische Beschreibung der Welt (Husserl), „Realisieren“ einer Schriftlandschaft (Die Lehre der Sainte-Victoire, 1980)

4.2.3 Dritter Baustein: Das Postulat einer „anderen Geschichte“, Überlegungen mit Nietzsche und Benjamin

4.3 Intertextualität als Erinnerungspraxis im Modus der „Wiederholung“

4.4 Den „Elfenbeinturm“ durchstreichen: Politische, gesellschaftskritische und ethische Implikationen im „Neuen Subjektivismus“ Handkes

5. Die Anwendung der Poetik im Werk: Das Slowenien-Epos Die Wiederholung (1986)

DREHPUNKT: Die „Fiktion des Faktischen“ (H. White), zur Geschichtsschreibung in Handkes „letztem Buch“ Noch einmal für Thukydides (1990/95)

III. TEIL: Peter Handke in Serbien: Kontinuitätslinien

6. Historia als (Er-)Fahren: Drei Reiseerzählungen zu Serbien (1996/2000) als Gegen-Geschichten

7. Ankunft in der Postmoderne: Das Ende der Geschichte in Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg (1999)

8. Rückkehr an den Anfang: „Publikumsbeschimpfung“ – die (rebellische) Kritik Handkes an den Medien und der Interventionspolitik des Westens

SCHLUSS

9. Aporien: Die Wege Handkes als „Abwege“ (?)

10. Die Unabschließbarkeit denken

Zielsetzung & Themen

Diese Magisterarbeit untersucht Peter Handkes literarische Auseinandersetzung mit den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre, um aufzuzeigen, wie seine Poetik – entgegen der medialen Wahrnehmung – nicht als faschistische Parteinahme, sondern als Versuch einer antitotalitären Geschichtsschreibung zu verstehen ist, die durch die Dekonstruktion gängiger Täter-Opfer-Schemata eine „andere Geschichte“ jenseits der medialen Bilderstarre anstrebt.

  • Analyse der Poetik Peter Handkes und ihrer Entwicklung vom „Neuen Subjektivismus“ hin zur „Ästhetik des Heils“.
  • Untersuchung der Rolle von Biographie, Erinnerung und Intertextualität in Handkes Reiseberichten.
  • Kritische Aufarbeitung der „Causa Handke“ und der von ihm diagnostizierten Medienkritik sowie des Begriffs des „sanften Totalitarismus“.
  • Vergleich von Handkes Geschichtsschreibung mit philosophischen Ansätzen (u.a. Derrida, Foucault, Nietzsche, Benjamin, Hayden White).
  • Analyse der narrativen Strategien in den Werken „Die Wiederholung“, „Noch einmal für Thukydides“ und den Jugoslawien-Reiseberichten.

Auszug aus dem Buch

1. Einleitung: Kritik „ohne Krieg“ (J. Derrida)

Peter Handkes scheinbar eindeutige Parteinahme für Serbien, die sich in drei Reiseberichten, einem Theaterstück und zahlreichen Interviews niederschlug, sorgte wie kein anderer Beitrag zu den Balkankriegen im letzten Jahrzehnt für erregte Debatten im europäischen Feuilleton. Die intellektuelle Öffentlichkeit befremdete die unorthodoxe Art der Darstellung der Reiseberichte, die zwischen medienkritischem Essay und phänomenologischer Erzählung von Land und Leuten in Serbien angesiedelt ist. Zudem stellte Handke eingefahrene Denkmuster zum Jugoslawienkonflikt auf den Kopf: Das gängige Täter-Opfer-Schema, das die Täter einseitig in den Reihen der Serben ortete, wurde von ihm umgedreht. Die harsche Medienkritik, schrill von Handke vorgetragen, der den westlichen Medien eine einseitige antiserbische Berichterstattung vorwarf, irritierte Journalisten und Schriftstellerkollegen gleichermaßen – sie schlugen erbittert zurück. Von Anfang an verließ die öffentliche Diskussion um Handke und seine Sicht der Dinge als Korrektiv zur allgemein verbreiteten Wahrheit die Bahn seriöser, um Aufklärung bemühter Aufarbeitung. Der bei aller Kritikwürdigkeit der angreifbaren Darstellung Handkes von ihm initiierte Denkanstoß, Bilder und Ansichten vom Krieg kritisch zu hinterfragen, wurde größtenteils nicht wahrgenommen. Im Gegenteil: Handke geriet in einen Krieg der Kritik, dessen Kreuzfeuer vor an den Autor persönlich gerichteten Invektiven nicht halt machte. Der monoton vorgetragene Vorwurf der „Serbophilie“, der unreflektiert als Schimpfwort, das keinen Widerspruch zuließ, eingesetzt wurde, nimmt sich noch harmlos aus. Thomas Deichmann faßt die affektbesetzten Reaktionen wie folgt zusammen: „Die Entgegnungen [...] waren von Rechtfertigungsdrang, Entrüstungen und zynischen Unterstellungen geprägt. Handke erntete Reaktionen, die mitunter allein darauf abzielten, seine persönliche und schriftstellerische Integrität in Frage zu stellen.“ Die Ausgangsthese dieser Magisterarbeit ist, daß Handke dadurch systematisch vom rationalen, öffentlichen Diskurs ausgeschlossen werden sollte.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: „Kritik ohne Krieg“ (J. Derrida): Diese Einleitung skizziert die heftige mediale Kontroverse um Handkes Serbien-Engagement und legt die These dar, dass Handke systematisch aus dem rationalen Diskurs ausgeschlossen wurde.

2. Einerseits: Peter Handke im Krieg der Kritik: Das Kapitel analysiert die konkreten Mechanismen der medialen Vorverurteilung von Handke und ordnet diese als „Kritik im Krieg“ ein.

3. Biographische Begründungen: Hier werden die biografischen Hintergründe Handkes, insbesondere seine slowenische Herkunft, beleuchtet und als Ausgangspunkt für seine Auseinandersetzung mit Identität und Geschichte identifiziert.

4. Die antitotalitäre, offene Poetik Peter Handkes: Dieses Hauptkapitel entfaltet Handkes poetologische Grundlagen, die sich durch Sprachkritik, Phänomenologie und das Postulat einer „anderen Geschichte“ auszeichnen.

5. Die Anwendung der Poetik im Werk: Das Slowenien-Epos Die Wiederholung (1986): Die Untersuchung zeigt, wie Handke seine theoretische Poetik in seinem Slowenien-Roman narrativ umsetzt und mythisiert.

DREHPUNKT: Die „Fiktion des Faktischen“ (H. White), zur Geschichtsschreibung in Handkes „letztem Buch“ Noch einmal für Thukydides (1990/95): Dieses Kapitel dient als theoretisches Bindeglied und verdeutlicht Handkes Auseinandersetzung mit der literarischen Konstruktion von Geschichte.

6. Historia als (Er-)Fahren: Drei Reiseerzählungen zu Serbien (1996/2000) als Gegen-Geschichten: Eine detaillierte Lektüre der Serbien-Reiseberichte, die Handkes poetische „Gegen-Geschichten“ zur offiziellen Berichterstattung analysiert.

7. Ankunft in der Postmoderne: Das Ende der Geschichte in Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg (1999): Dieses Kapitel interpretiert Handkes Theaterstück als Auseinandersetzung mit dem Postmoderne-Diskurs und der Unmöglichkeit einer großen Metaerzählung über den Krieg.

8. Rückkehr an den Anfang: „Publikumsbeschimpfung“ – die (rebellische) Kritik Handkes an den Medien und der Interventionspolitik des Westens: Die abschließende Analyse der Medienkritik Handkes, die Parallelen zu seinem frühen Theaterskandal zieht.

9. Aporien: Die Wege Handkes als „Abwege“ (?): Zusammenfassende Betrachtung der Widersprüche in Handkes Engagement und der Unmöglichkeit einer abschließenden Bewertung durch die Kritik.

10. Die Unabschließbarkeit denken: Ein Ausblick auf die Dekonstruktion als notwendiges Verfahren zur Lektüre von Handkes Werk angesichts seiner Unabschließbarkeit.

Schlüsselwörter

Peter Handke, Jugoslawienkriege, Serbien, Poetik, Geschichtsschreibung, Dekonstruktion, Medienkritik, sanfter Totalitarismus, Intertextualität, Ästhetik des Heils, Postmoderne, „andere Geschichte“, „Wiederholung“, „Einerseits-Andererseits“, Literaturwissenschaft

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das literarische und essayistische Engagement von Peter Handke während der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre und hinterfragt die einseitige mediale Kritik an seiner Person.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind Handkes Poetik, sein Verhältnis zur Geschichtsschreibung, der politische Missbrauch von Literatur sowie die ethischen Implikationen seiner Reiseberichte aus Serbien.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Handkes Texte keine plumpe Parteinahme oder faschistische Affirmation darstellen, sondern eine komplexe, antitotalitäre literarische Antwort auf die mediale „Bilderstarre“ sind.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analyseansätze, ergänzt um dekonstruktivistische Methoden (nach Derrida) und geschichtstheoretische Perspektiven (u.a. Hayden White, Reinhart Koselleck).

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung von Handkes Poetik, die Analyse seiner Serbien-Reiseberichte und die Untersuchung seiner Auseinandersetzung mit der „Geschichtsschreibung“ in ausgewählten Werken.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den wichtigsten Begriffen zählen: Peter Handke, Poetik, Jugoslawienkriege, Dekonstruktion, Medienkritik, „Ästhetik des Heils“, „andere Geschichte“ und „Wiederholung“.

Inwiefern spielt der Begriff des „sanften Totalitarismus“ eine Rolle?

Der Begriff beschreibt laut Deichmann und Reul die mediale Atmosphäre der Handke-Debatte, in der durch moralische Fürsorge und „Opfer“-Narrative ein Diskurs erzwungen wird, der Handkes kritische Gegenstimmen als pathologisch ausschließt.

Wie bewertet der Autor Handkes spätere Texte zum Kosovo-Krieg?

Die Arbeit bewertet die späteren Aufzeichnungen („Unter Tränen fragend“) kritischer als die ersten Berichte; der Autor konstatiert hier eine Entstellung der Poetik ins Karikaturhafte und eine Abkehr von differenzierenden Prinzipien.

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Details

Title
Die Kunst, Geschichte zu schreiben - Peter Handke und die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre
College
LMU Munich  (Institut für Deutsche Philologie)
Grade
1,0
Author
M.A. Roland Schmeltzer (Author)
Publication Year
2001
Pages
148
Catalog Number
V114489
ISBN (eBook)
9783640145393
Language
German
Tags
Kunst Geschichte Peter Handke Jugoslawienkriege Jahre
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
M.A. Roland Schmeltzer (Author), 2001, Die Kunst, Geschichte zu schreiben - Peter Handke und die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114489
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