Die ukrainische Revolution 1918 - 1921: Inwieweit handelt es sich um eine anarchistische Revolution?


Seminararbeit, 2006
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die ukrainische Revolution 1918 – 1921 und der Anarchismus
2.1 Anarchokommunismus nach Kropotkin
2.2 Historie der Revolution
2.3 Anarchistische Theorie innerhalb der Bewegung
2.4 Die Umsetzung der Ideale in die Praxis
2.5 Involvierung von Anarchisten in die Revolution

3 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit soll die Frage behandelt werden, in wieweit es sich bei der ukrainischen Revolution der Jahre 1918 – 1921 um eine anarchistische Revolution handelte. In der einschlägigen Literatur wird im Zusammenhang mit dieser ukrainischen Revolution häufig von einer anarchistischen Revolution gesprochen, es gibt aber auch gegensätzliche Meinungen, die eine anarchistische Auslegung der Ereignisse für überzogen halten.

„I am a revolutionary first and an anarchist second.“[1]

Ob dieser Ausspruch Nestor Machnos, des Revolutionsführers in der Ukraine während der Jahre 1918-1921, auf die gesamte revolutionäre Bewegung in der Ukraine angewandt werden kann und somit eine allgemeine Aussagekraft besitzt, soll im Folgenden untersucht werden. Ist seine Aussage universal gültig, hatte die Revolution in der Ukraine insgesamt wirklich nur einen „anarchistischen Beigeschmack“? Oder war sie tatsächlich, wie stellenweise behauptet, „eine[..] der größten anarchistischen Bewegungen der Geschichte“?[2]

Um diese Frage beantworten zu können, sollen verschiedene Aspekte geprüft werden, die einen Rückschluss auf eine mögliche anarchistische Prägung der Revolution geben können. In der Arbeit soll untersucht werden, inwiefern die Revolution mit anarchistischem Gedankengut theoretisch fundiert war, bis zu welchem Grad die praktische Durchsetzung der teils anarchistischen Ideale während der Jahre der Revolution gelang und in welchem Ausmaß tatsächliche Anarchisten darin involviert waren.

Um die historische Komponente der Arbeit nicht zu stark in den Vordergrund zu stellen, soll nur kurz auf die geschichtlichen Ereignisse eingegangen werden. Diese Eingrenzung soll es ermöglichen, die ideologische und somit politiktheoretische Betrachtung der Ereignisse in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen.

2 Die ukrainische Revolution 1918 – 1921 und der Anarchismus

2.1 Anarchokommunismus nach Kropotkin

Als theoretischer Hintergrund zur ukrainischen Revolution von 1918 -1921 wird meist der Anarchokommunismus nach Kropotkin genannt, welcher sich seit Anfang der 1880er Jahre mehr und mehr unter den Anarchisten verbreitet hatte. Peter Kropotkin gilt als einer der wichtigsten Theoretiker des Anarchismus und gleichzeitig als führender Vertreter des Anarchokommunismus.[3] Auch Machno selbst war ein Anhänger Kropotkins, weswegen hier die Grundideen des Anarchokommunismus vorgestellt werden sollen.

Peter Kropotkin errichtete seine Theorie des kommunistischen Anarchismus auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe (mutual aid). Überzeugt davon, dass gegenseitige Hilfe der dominante Faktor in der Evolution des Menschen ist, und nicht der gegenseitige Kampf, stellt er seine Kernthese auf: Er behauptet, dass das Naturgesetz kein Gesetz der Aggression, sondern ein Gesetz der friedlichen Kooperation ist. Aus diesem Grund seien auch weder Regierung noch Staat von Nöten, um die Menschen zu leiten. Altruistisches Verhalten bei Menschen sei auf natürliche Instinkte zurückzuführen, die auch bei Tieren zu finden seien. In jedem Menschen und in jedem Tier gäbe es den Instinkt zu gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Dieser Gesellschaftsinstinkt ist laut Kropotkin der Ursprung aller Moral.[4]

Seiner Vorstellung nach besteht die ideale Gesellschaft aus einem Netzwerk solidarischer Verbindungen zwischen allen Menschen. Erreicht werden könne diese Gesellschaft allerdings nur durch eine Kombination aus Wissenschaft und Revolution.[5] Eine Revolution allein ist laut Kropotkin noch nicht ausreichend, es muss zugleich eine Bildungsinitiative unter den arbeitenden Bevölkerungsschichten initiiert werden, um diesen die anarchistischen Grundideen näher zu bringen.

Einen sehr hohen Stellenwert bei Kropotkin hat die Freiheit, und zwar Freiheit im Sinne der moralischen Selbstbestimmung. Menschliche Perfektion ist die positive Definition des Begriffes „Freiheit“ bei Kropotkin, ebenso wie bei Bakunin. Kropotkin geht noch weiter, indem er die Individualität eines jeden Menschen anerkennt und erklärt, dass die persönlichen Fähigkeiten eines Menschen der Gesellschaft als soziales Kapital zugute kommen können.[6] Soziale Ungleichheiten, wie Wohlstand, sozialer Status und die Einteilung in Besitzer- und Arbeiterklasse verdecken die eigentliche Gleichheit aller Menschen und verhindern so die natürliche soziale Solidarität unter ihnen. Der Staat wird von Kropotkin als Hindernis zur sozialen Revolution gesehen, als das, was der Geburt einer Gesellschaft, aufgebaut auf Freiheit und Gleichheit, entgegensteht.[7] Er unterstützt die sozialen Ungleichheiten unter den Menschen. Hierbei ist jedoch nicht von Bedeutung, um welche Art von Staat es sich handelt. Im Jahr 1883 in der „Anarchist Declaration“ niedergeschrieben, ist es die Überzeugung Kropotkins, dass jegliche Machtausübung durch Andere zu einer Unterdrückung der Freiheit aller führt.[8] Auch ein sozialistischer Staat wird hier nicht ausgenommen.

Nötig ist daher die absolute Enteignung der besitzenden Klasse, alle Produktionsmittel sollen kollektiviert werden, um den Wiederaufbau der alten Ordnung unmöglich zu machen.[9] Wichtig ist für Kropotkin vor allem, dass die revolutionäre Bewegung aus der Masse heraus entsteht, er will keine neuen Revolutionseliten, die die Führung über die Bauern und Arbeiter übernehmen. Stattdessen will er durch Propagandaarbeit für den nötigen Rückhalt der anarchistischen Revolution in der Arbeiterschicht sorgen.[10]

Die Revolution wird von Kropotkin als notwendiges Übel angesehen. Die Massenbewegung muss seiner Meinung nach stattfinden, um die soziale Revolution durchzusetzen, auch wenn ihm der Widerspruch zwischen individueller Freiheit und gewaltsamer Revolution durchaus bewusst ist. Er spricht sich gegen die Anwendung reiner Gewalt aus, diese sei nur in Verbindung mit „economic terrorism“ zulässig. Dieser Begriff meint den Angriff auf die finanziellen und anderweitigen Besitztümer der Bourgeoisie. Außerdem plädiert er dafür, die Gewerkschaftsbewegungen in die Revolution zu integrieren, aufgrund des großen revolutionären Potentials das diesen innewohne.[11]

Wäre die Revolution schließlich vollbracht, so solle jeder das erhalten, was er braucht, die Bedürfnisse eines jeden sollen zum Ausgangspunkt der Verteilung der Produkte und Nahrungsmittel werden. Bedeutsam sind nach Kropotkin nicht die Leistungen eines Einzelnen, sondern seine Bedürfnisse, die von der solidarischen Gemeinschaft erfüllt werden können, wenn diese erst in moralischer Selbstbestimmung existiere. Auch Alte und Kranke haben so eine Daseinsberechtigung im Weltbild Kropotkins.

[...]


[1] In: Palij, Michael: The Anarchism of Nestor Machno, 1918-1921. An Aspect of the Ukrainian Revolution. London: University of Washington Press, 1976, S. 61.

[2] Stowasser, Horst: Leben ohne Chef und Staat. Träume und Wirklichkeit der Anarchisten. Berlin: Karin Kramer Verlag, 1993, S. 21.

[3] Vgl. Cahm, Caroline: Kropotkin and the Rise of revolutionary Anarchism 1872 – 1886. Cambridge: Cambridge University Press, 1989, S. 61.

[4] Vgl. Crowder, George: Classical Anarchism. The political Thought of Godwin, Proudhon, Bakunin, and Kropotkin. Oxford: Clarendon Press, 1991, S. 163ff.

[5] Vgl. Crowder: Classical Anarchism, S. 119.

[6] Vgl. Crowder: Classical Anarchism, S. 124f.

[7] Vgl. Crowder: Classical Anarchism, S. 130.

[8] Vgl. Cahm: Kropotkin and the rise of revolutionary Anarchism, S. 63.

[9] Vgl. Cahm: Kropotkin and the rise of revolutionary Anarchism, S. 62.

[10] Vgl. Cahm: Kropotkin and the rise of revolutionary Anarchism, S. 97.

[11] Vgl. Crowder: Classical Anarchism, S. 149.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die ukrainische Revolution 1918 - 1921: Inwieweit handelt es sich um eine anarchistische Revolution?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut)
Veranstaltung
Übung: Politische Theorien - Anarchismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V114636
ISBN (eBook)
9783640153541
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Revolution, Inwieweit, Politische, Theorien, Anarchismus
Arbeit zitieren
Kathrin Aldenhoff (Autor), 2006, Die ukrainische Revolution 1918 - 1921: Inwieweit handelt es sich um eine anarchistische Revolution?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114636

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die ukrainische Revolution 1918 - 1921: Inwieweit handelt es sich um eine anarchistische Revolution?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden