Intersubjektivität der Erkenntnis bei Alexius Meinong und dem frühen Rudolf Carnap


Doktorarbeit / Dissertation, 2008

228 Seiten, Note: 2.25


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung
(1.1) Versionen des Intersubjektivitätsproblems seit René Descartes
(1.2) Die scheinbare Aussichtslosigkeit des Projekts externalistischer Erkenntnisbegründung

TEIL I: Die Gewinnung empirischer Erkenntnis bei Franz Brentano und Alexius Meinong
Abschnitt (A): Brentano und Meinongs neues Programm des Erkenntniszugangs
(2.1) Eine Kritik von Brentanos erkenntnistheoretischem Internalismus
(2.2) Eine Analyse der Programmschrift Meinongs: „Über Gegenstandstheorie“ (1904)
Abschnitt (B): Ist die Durchführung von Meinongs Programm erfolgreich?
(2.3) Meinongs Wahrnehmungstheorie: Erfolg und Niederlage auf dem Weg zwischen
Erkenntnissubjektivismus und erkenntnistheoretischem Skeptizismus
(2.4) Die Berechtigung des Psychologismusvorwurfs gegen Meinong: Die Ausweglosigkeit der Konzeption des epistemischen Zugangs zu Wirklichkeit

TEIL II: Die Transformation der Erkenntnisbegründung beim frühen Rudolf Carnap
Abschnitt (A) : Die anfänglichen Versuche der Erkenntnisbegründung
(3.1) Carnaps Dissertation „Der Raum“ (1922): Erkenntnisbegründung durch ein synthetisches Apriori
(3.2) Die Grundrelation (Er) in Der Logische Aufbau der Welt
(3.3) Funktioniert Strukturanalyse? Evaluierung der Beschreibungsmethode Carnaps von 1928
(3.4) Die Diskussion um die neukantianische Interpretation von Der Logische Aufbau der Welt
Abschnitt (B): Das epistemische Subjekt als das Hindernis für eine erfolgreiche Begründungsstrategie
(4.1) Der gescheiterte Zugang zu anderen Erkenntnissubjekten
(4.2) Keine Lösung des Erkenntnisproblems auf dem Weg von Phänomenalismus zu Physikalismus
(4.3) Keine Lösung des Erkenntnisproblems durch den radikalen Konventionalismus der Sprachen
Abschnitt (C) : Die neue transformierte Erkenntnistheorie
(5.1) Bedingungen und konkrete Ausgestaltung einer erfolgreichen externalistischen Strategie für die Begründung des Intersubjektivitätsanspruchs
(5.2) Beispiele transformierter Erkenntnistheorie
Abschnitt (D) : Bibliographie
(6.1) Primärliteratur
(6.2) Sekundärliteratur
(6.3) Abstract der Dissertation in englischer Sprache

Einleitung (1)

(1.1) Versionen des Intersubjektivitätsproblems seit René Descartes

(Sektionen 1.1.0 – 1.1.3)

(1.1.0) Die „Entsubjektivierung“ der Natur:

Erst der Naturbegriff René Descartes zerstört das antike Verständnis von physis, dem zufolge der Mensch eine Ganzheit mit der Natur bildet.1 Die Methode der neuzeitlichen Naturwissenschaften, d.h. die mechanische Naturerklärung, wird als einzig erfolgreiche Erkenntnismethode in die Naturphilosophie übernommen. Die Bewegung von physischen Körpern durch Raum und Zeit wird nun ausschließlich durch eine äußere Einwirkung von bewegten physischen Körpern auf andere physische Körper erklärt. Die Galileischen Experimente dienen als frühes Beispiel. Allgemein gesprochen: die Bewegung von Raum und Zeit wird entteleologisiert.

Diese Erklärungsart greift auch auf den Bereich der Biologie über. Die in der Aristotelischen Tradition immer mit Rückgriff auf teleologische Prinzipien ausgerichtete Erklärung belebter Körper wird nun ersetzt durch die Theorie des Organismus als Maschine. Die Bewegung der Teile eines Organismus wird in den fortschrittsorientierten Naturwissenschaften nun nicht mehr als Funktionszusammenhang zugunsten eines jenseits der bewegten Materie eingerichteten Prinzips angesehen. Der Unterschied zwischen einem toten und einem lebenden Körper ist den cartesianischen Leidenschaften der Seele zufolge nur noch der Unterschied zwischen einer funktionierenden und einer zerbrochenen, d.h. nicht mehr funktionierenden, Maschine.2

Der neue Trend in der Naturerklärung hatte die Auswirkung, daß auch das Seinsverständnis der erkennbaren Natur einer Vereinseitigung unterlag. So hatte Vittorio Hösle vor wenigen Jahren schon bemerkt, daß wir von einer „Entteleologisierung“ und einer „Entsubjektivierung“ in den neuzeitlichen Naturkonzeptionen sprechen müssen. Durch die Entleerung der Natur von ihrem Seinsgehalt wird die empirische Welt nun durch den erkennenden Menschen in gewisser Weise „mitkonstituiert“. Der Seinsgehalt der Welt wird nun „konstituiert“, d.h. „hergestellt“ durch das menschliche Erfassen der Welt:

In gewissem Sinne läßt sich Descartes als der Höhepunkt der im Wesen des Menschen angelegten Entwicklung verstehen, die Subjektivität immer radikaler aus der Welt herauszureflektieren. Mit Descartes gelingt es der Subjektivität, sich in einer Weise zu verabsolutieren, die weltgeschichtlich einmalig ist. Daß sich die Subjektivität zum archimedeischen Punkt der Welt macht, hat zur notwendigen Folge die Abwertung der drei anderen Sphären des Seins: Gottes, der Natur, der intersubjektiven Welt.3

Der Natur als ein Gegenüber des Menschen kann auch kein eigener Wert mehr zukommen. Wir können mit Hösle von einer „ontologischen Depotenzierung“ sprechen.4 Das kann auch dahingehend erläutert werden, daß die Naturgesetze nun nichts anderes mehr als Beschreibungen vom Standpunkt des Menschen aus darstellen. Wenn wir die Erscheinungen durch die Naturgesetze erklären können, dann haben wir alles getan, was wir tun können, um Natur zu verstehen. Das Verstehen gründet nicht mehr in einem unmittelbaren Erkenntniszugang zu einem Ganzen des Seins.

Dieses neue „Verstehen durch erklären können“ trifft auch auf die Beschreibung des Menschen selbst zu, sofern er als res extensa verstanden wird, also als ein Gegenstand der Naturbetrachtung genommen wird, wie zum Beispiel in der Physiologie oder Biologie.

Die Radikalität dieses neuen Ansatzes auch für die Beschreibung des Menschen als Naturwesen kann anhand eines Beispiels verdeutlicht werden: Bei Descartes werden nicht nur die physischen Körper, sondern u. a. auch die starken Gefühlsregungen zur Gänze durch die Beziehungen zwischen dem inneren Mechanismus des menschlichen Organismus und den effizienten Ursachen, die aus seiner Umwelt auf ihn einwirken, erklärt. Es handelt sich hierbei immer nur um Erklärung durch Wirkursächlichkeit, d.h. causa efficiens. Dieser neue Ansatz einer Ausweitung der Naturmechanik auf das menschliche Innenleben hatte schon im direkten Anschluß an Descartes zu heftigen Gegenreaktionen geführt. In Entgegnung zu Abschnitt 50 der von Descartes verfaßten Leidenschaften der Seele bestreitet Baruch Spinoza in seiner Ethik dieses rein mechanische Verknüpfungsverhältnis zwischen den heterogenen mechanischen Systemen von innerem und äußerem Mechanismus.5 Der von den Spinozisten vertretene psycho-physische Kompatibilismus sieht das neu auftretende Problem eines kausalen Übergangs von der res cogitans zur res extensa gar nicht. Sie vertreten vielmehr eine doppelte Erklärungsart, wobei nur eine der zwei Erklärungsweisen auf den Mechanismus zurückgreift, während die andere Art auf eine Verknüpfung der Ideen untereinander rekuriert. Es handelt sich hier also um eine Hintergehung des neuzeitlichen Rationalismus. Sowohl der Mechanismus der Wirkursachen, wie auch die im Verstand vor sich gehende Verknüpfung der bloßen Ideen, sind für den Kompatibilismus vertretbare Naturerklärungen.

Der Kompatibilismus dieser zwei Erklärungsweisen setzte sich jedoch trotz seiner Renaissance mit Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling insgesamt in der wissenschaftlichen Philosophie des 19. Jahrhunderts nicht durch.

(1.1.1) Die Verabsolutierung des Menschen:

Mit Descartes geschieht darüberhinaus auch eine Wandlung der Konzeption dessen, wie objektive Erkenntnis zustandekommt. Die Zerstörung des homogenen Seinsbereichs der physis geht Hand in Hand mit der Verabsolutierung des Menschen, der Natur zwar nicht schaffen kann, aber dessen Erkenntnis davon abhängt, daß er in den empirischen Naturwissenschaften Naturvorgänge verstehen, d.h. unter künstlich eingeschränkten Bedingungen nachvollziehen kann.6 Hösle spricht zutreffend davon, daß es nun zur Aufgabe des Naturforschers wurde, durch das Experiment den göttlichen Schöpfungsakt nachzuvollziehen:

Im Experiment wird ein Teil der Natur nachgeschaffen – und zwar, gerade durch die Abstraktion von Störfaktoren, in einer Reinheit, die an den göttlichen Schöpfungsakt erinnert;7

Durch die Verabsolutierung des erkennenden Menschen gilt es nun erst die richtige Strategie zu entwickeln, um den epistemischen Anspruch auf intersubjektive Geltung unter den gegebenen neuen Umständen zu rechtfertigen. Wenn die Objektivität des Wissens durch nichts anderes als durch kohärente Rechtfertigungsstrategien des Erkenntniszugangs sichergestellt werden kann, so kann dies doch auf zweierlei Weise geschehen: Einerseits kann es sich (1) um einen Geltungsanspruch ausschließlich zwischen erkennenden Subjekten handeln. Andrerseits (2) kann es sich durchaus um einen Geltungsanspruch durch eine Konzeption des epistemischen Zugangs zu Gegenständen in einem subjektlosen und daher objektiven physischen Raum handeln. Dieses Erfassen im subjektlosen Raum scheint jedoch jetzt nur unter der Bedingung möglich zu sein, daß der physische Raum als Erkenntnisgegenstand konstruktivistisch verstanden wird, es sich also um Konstitution von Räumlichkeit durch den erfassenden menschlichen Verstand handelt.

In jedem dieser zwei Fälle geht der Erkenntnisaufbau vom wahrnehmenden einzelnen Individuum aus, wobei er von einer subjektiven und epistemisch nicht mehr hinterfragbaren Basis zu einem intersubjektiven Erkenntnisanspruch fortschreitet. Während empirischer wie auch spekulativer Idealismus vom Faktum der Intersubjektivität der philosophischen Erkenntnis im Standpunkt des Absoluten (also dem sekularisierten Standpunkt Gottes) ausgingen, ist die mit Ernst Machs Analyse der Empfindungen (1886) eingeleitete und durch Rudolf Carnaps Logische Syntax der Sprache (1934) beendete wahrnehmungsbasierte empiristisch-naturwissenschaftliche Tradition zunächst auf die subjektive Wahrnehmung des Individuums eingeengt, für deren intersubjektiven Geltungsanspruch dann Argumente gefunden werden müssen, wie z.B. das Argument der physikalischen Natur des Wahrnehmungsprozesses.

(1.1.2) Drei Typen in der Begründungsstrategie:

In einem Aufriß des Erkenntnisbegründungsproblems seit Descartes sind drei Begründungstypen zu unterscheiden: Am Anfang stehen Begründungsversuche durch ausschließlich internale Erkenntniskriterien (TYP 1): Hier unterscheiden wir drei Grundmodelle (Solipsismus, empirischen Idealismus und Kants Transzendentalphilosophie).

Als ein zweiter Typus (TYP 2) können wir diejenigen Theorien mit internalen Erkenntniskriterien bezeichnen, denen gemäß die als psychisch charakterisierten Vorgänge nicht als ein Gegenstand der Naturwissenschaften im strengen Sinne untersucht werden können (besonders sind hier Wilhelm Dilthey und Franz Brentano zu nennen). Bei Brentano und seiner Schule ist der Erkenntnisgegenstand der physischen Körperwelt als erkenntnistranszendent erkannt und wird daher aus der Erkenntnistheorie ausgeschlossen (Brentano vertritt einen immanenten Realismus, im Gegensatz zu einem erkenntnistheoretischen Realismus).

Schließlich kennen wir eine dritte Art von Rechtfertigungsstrategie objektiver Erkenntnis (TYP 3), bei welchem Erkenntnis durch ausschließlich externale Erkenntniskriterien einer intersubjektiven Welt ausgezeichnet wird. Die intersubjektive Welt ist dabei jedoch nicht das dem Erkenntnisprozeß schon vorgegebene Erfassungsmaterial. Erkenntnisbegründung basiert hier nicht mehr auf dem transzendenten Gegenstand als empirisch gegebenem Inhalt, welcher der Gegenstand der intellektuellen Bearbeitung wäre, sondern bereits auf dem empirisch fundierten Wissen der Naturwissenschaften, das nicht mehr durch qualitative Inhalte determiniert wird, sondern durch Begriffe, die Umfänge von Gegenstandsgruppen umfassen. Die Wirklichkeitsbeschreibung der empirischen Naturwissenschaften, die sich nicht mehr an qualitativen Inhalten als epistemisch unhinterfragbar Gegebenem orientiert, sondern nur noch an Begriffen unter die diese Inhalte fallen, ist eine Basis des Erkenntniserwerbs, welche uns, wie es scheint, nicht mehr in einen Skeptizismus der Erkenntnis führt. Der Humesche Standpunkt in der Epistemologie wäre mit dem Erfolg dieses dritten Erkenntnistyps überwunden.

Eine Lösung des Intersubjektivitätsproblems aufgrund rein externaler Erkenntniskriterien (Kriterien von transzendenten empirischen Erkenntnisgegenständen) schien lange Zeit nicht durchführbar, weil die Frage des epistemischen Zugangs zu äußerer, noch nicht rein begrifflich gefaßter Wirklichkeit im Empirismus des 18. Jahrhundert letztlich nicht geklärt werden konnte. Die bei John Locke vertretene epistemisch Unzugänglichkeit der Natursubstanzen auf der Basis empirischer Wahrnehmung führte bald zur völligen Skepsis in der Naturerkenntnis durch Wahrnehmung. Dieses unlösbare Problem rein externaler Erkenntniskriterien war ohne Zweifel ein Ausgangspunkt auch für Brentanos erkenntnistheoretischem Neuanfang. Doch wurde im 19. Jahrhundert schon vor ihm an diesem Problem gearbeitet.

Bereits Hermann von Helmholtz hatte erkannt, daß die Idee des erkenntnistheoretischen Externalismus, wie er dem klassischen Empirismus zugrunde lag, einer grundlegenden Umwandlung unterzogen werden muß und wir den Zugang zum Gegenstand naturwissenschaftlicher Erkenntnis nicht ausschließlich durch den direkten sinnlichen Wahrnehmungsprozeß gewinnen können. Obwohl die Gegenstandserfassung empirisch ist, kann bei Helmholtz von einer Gegenstandserfassung nur insofern gesprochen werden, als sie den Charakter einer wissenschaftlichen Hypothese hat. Erst diese Hypothese, und nicht schon die vorhergehenden Wahrnehmungsprozesse selbst, enthält eine realistisch-metaphysische Annahme über die empirische Wirklichkeit. Erst durch diese Annahme als einer aufgestellten Hypothese wird Gegenständlichkeit zu einer Gegenständlichkeit in einem objektiven Sinne, als etwas den epistemischen Prozeß selbst Transzendierendes. Demnach müssen wir zwischen einem direkten epistemischen Zugang zu unserer Wahrnehmung und der nur indirekten Zugänglichkeit zu den Beschaffenheiten des empirischen Raums unterscheiden. Die Beschaffenheiten dieses empirischen Raums sind durch ein induktives Schlußverfahren sicherzustellen:

’Die mit dem Charakter der Wahrnehmung auftretenden Bewußtseinsakte verlaufen so, als ob die von der realistischen Hypothese angenommene Welt der stofflichen Dinge wirklich bestände.’ Aber über dieses ‚als ob’ kommen wir nicht hinweg; für mehr als eine ausgezeichnet brauchbare und präzise Hypothese können wir die realistische Meinung nicht anerkennen; notwendige Wahrheit dürfen wir ihr nicht zuschreiben ...8

Die objektive Raumordnung ist, sofern es um unseren epistemischen Zugang geht, zwar durch Wahrnehmungsprozesse zu verifizieren, doch dies so, daß diese den Status wissenschaftlicher Experimente (also ganz explizit nicht den Status von wahrnehmungsbasierten Beobachtungen) haben.9 Der Gewinn, den wir aus den Helmholtzschen Überlegungen ziehen können, ist, daß wir tatsächlich von externalen (also: empirischen) Kriterien der Erkenntnisbegründung, wie zum Beispiel zuverlässigen Wahrnehmungsprozessen, nur insofern sprechen können, als wir eine konstruktivistisch hergestellte Naturontologie voraussetzen.10 Das ist das Ende einer statisch feststehenden Naturontologie.

Dieser Hypothesencharakter empirischer Wirklichkeit muß bei näherer Betrachtung allen externalistischen Kriterien zugrunde liegen. Auch der Reliabilismus des späten 20. Jahrhunderts gehört in diese Tradition. Er lehrte, daß diejenigen Fakten, die darüber entscheiden, ob unsere Erkenntnisansprüche rechtfertigbar sind, nicht innerlich zugänglich sein können.11 Daß wir auch hier nur mit Hypothesen arbeiten können, geht daraus hervor, daß bei jeder vorgeschlagenen physikalischen Theorie offen bleiben muß, wie gut unser wissenschaftliches Denken funktioniert, d.h. wie gut unser tatsächlicher Zugang zur Wirklichkeit mit den Mitteln, die die empirischen Naturwissenschaften (z.B. die Sinnesphysiologie) bereitstellen, ist. Auch bleibt die Frage offen, ob wir durch den wissenschaftlichen Fortschritt die physikalistisch beschreibbare Wirklichkeit eines Tages gänzlich erkennen können. Um jedoch, wie schon Helmholtz, der realistisch-metaphysischen Vorannahmen im Prozeß der direkten empirischen Gegenstandswahrnehmung entsagen zu können, wurden zunehmend metaphysiklose Beschreibungsmethoden der Wirklichkeit gesucht, die nicht mehr Bezug nehmen auf eine faktisch-empirische, sondern auf eine logische Konzeption des Erkenntnisgegenstandes.

(1.1.2.1) Betreffs Rechtfertigung von Erkenntnis durch ausschließlich interne Erkenntniskriterien: In der Begründungsstrategie Typ 1 wird das Faktum der naturwissenschaftlichen Erkenntnis ganz der Erkenntnisrechtfertigung der konstruierenden Tätigkeit des erkennenden Subjekts untergeordnet. Das erkenntnismäßig Gegebene liegt an der Basis einer epistemischen Ordnung und ist kein vorgegebener Grundbaustein der empirischen Ordnung. Bei George Berkeley ist das am Deutlichsten zu sehen, für den die Konzeptionierung jeder physikalischen Wirklichkeit gänzlich ein Konstrukt der Theorie bleibt. Auch bei John Locke und David Hume, wie später in Rudolf Carnaps Der Logische Aufbau der Welt12, besteht die Erkenntnisbegründungsstrategie in erster Linie in der Erstellung einer solchen epistemischen und eben nicht ontologischen Ordnung. Die Errichtung dieser Ordnung als epistemische Ableitung aus einem Begründungsprinzip ist charakteristisch für cartesianische Erkenntnistheorien.

Bei Descartes besitzen wir einen privilegierten Zugang zur inneren Wirklichkeit, woraus sich eine epistemische Ordnung aller anderen Gegenstandssphären ergibt. Der cartesianischen Strategie zufolge kann das, was wir über unsere eigenen geistigen Zustände als einer primären Gegenstandssphäre wissen, „nicht falsch sein“.13 Die Kehrseite dieses privilegierten epistemischen Zugangs besteht darin, daß man hier zu der Einsicht gelangt ist, daß Erkenntnisbegründung immer nur mit der subjektiven Gewißheit des cartesischen ‚cogito’ verknüpft ist, und daher für die intersubjektive Geltung des Erkenntnisgegenstandes also erst argumentiert werden muß.

In dieser Tradition stellt sich immer der durch Reflexion erworbene Zweifel an der Möglichkeit sicherer Erkenntnis ein. Wir stellen uns also die Frage, inwiefern überhaupt sicheres Wissen über die Wirklichkeit erworben werden kann. In der cartesischen Tradition gibt er verschiedene Strategien zur Lösung dieses Problems. Als Grundmodelle müssen wir nennen:

(1.1.2.1.1) Die Konstruktion aller Wirklichkeit durch eine transzendentale Subjektivität (transzendentaler Idealismus): Es handelt sich hierbei in erster Linie nicht um die Untersuchung über die Beschaffenheit des Seins, sondern um eine transzendale Erkenntnisbegründung. Im Gegensatz zu einem bloß empirischen Ich ist das transzendentale Ich insofern wirklichkeitskonstituierend, als es die Funktion von letztlicher Erkenntnisbegründung ausgehend von der Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis übernimmt.

Statt mit einer Auflösung der Subjekt-Objekt-Dichotomie in einem konsequenten Monismus haben wir es in Begründungstyp 1 jedoch immer mit einseitigen Lösungsversuchen zu tun. Das Problem der Intersubjektivität der Erkenntnis blieb also doch in diesen vorgeschlagenen Lösungsversuchen erhalten. Auch Hegel ist der Vorwurf nicht erspart geblieben, daß seine Theorie der absoluten Subjektivität kein Fundament für eine Intersubjektivitätstheorie enthält und sie daher als mangelhaft gelten muß.14 Intersubjektivität bedarf gerade der Externalisierung von Subjektivität über subjektive Selbstreflexion hinaus.

Man muß zugestehen, daß das Problem eines unüberbrückbaren Spannungsverhältnisses zwischen Subjektivität und Intersubjektivität im deutschen Idealismus durch eine transzendentale und universale Subjektivität gerade als wirklich überwunden galt: Das transzendentale Argument der Suche nach der Möglichkeit von Erkenntnis abstrahiert jedoch von der tatsächlichen empirischen Erfahrung als Grundlage der Naturwissenschaften, statt sie zu begründen. So müssen Hösle zufolge in Hegels eigener Theorie die drei Sphären des Seins auf vier erweitert werden:

Während das Hegelsche System von drei Sphären des Seins ausgeht, muß man in Wahrheit vier solche Sphären zugrunde legen. Die Hegelsche Triade von Idee, Natur und Geist muß differenziert werden in eine Tetrade von Idee, Natur, subjektivem und intersubjektivem Geist.15

Die Korrelation von Psychischem und Physischem werde seit dem logischen Empirismus wieder problematisch und sei eine der Hauptaufgaben des von Hösle vorgeschlagenen intersubjektivitätstheoretisch transformierten Idealismus. Dem empirischen Seienden vorausgehend müsse es dieser Kritik zufolge also eine eigene „ideale“ Sphäre intersubjektiven Seins geben, die ebenso grundlegend wie die anderen Sphären des Seins ist und eine unreduzierbare Bedingung aller Erkenntnis darstellt.

(1.1.2.1.2) In einer zweiten Variante von Begründungstyp 1 erschöpft sich das Sein der Erkenntnisgegenstände im epistemischen Zugang des jeweiligen Erkennenden selbst (Solipsismus). Für den Solipsismus gibt es keinen intersubjektiven Raum, in dem Erkenntnis stattfindet. Er ist die höchste Steigerungsstufe cartesianischer Erkenntnisbegründung. Weder die Realität Gottes, noch das Faktum naturwissenschaftlicher Erkenntnis erfüllen die Aufgabe einer Grenzziehung der Leistung von Subjektivität. Erkenntnis des Fremdpsychischen wie auch Erkenntnis der physischen Körperwelt werden hier auf das Eigenpsychische reduziert. Der Solipsismus mit seiner auf das Individuum beschränkten, nicht-empirischen Erkenntnisbegründung kann nur dann einen Erkenntnisrelativismus vermeiden, wenn die intersubjektive Geltung von Erkenntnis durch einen Garanten, d.h. Gott, hergestellt wird (Okkasionalismus, Parallelismus und empirischer Idealismus). Der Mensch als epistemisches Subjekt ist kein ausreichender Garant, wenn auch hier unumschränkte Subjektivität der einzige Halt in der Vermeidung einer globalen Skepsis ist.

(1.1.2.2) Zu Begründungstyp 2: Brentano wendet sich gegen zwei Trends in der Erkenntnistheorie. Einerseits weiß er, daß die Erkenntnistheorie, wenn sie ausschließlich auf externalen Erkenntniskriterien aufgebaut ist, nicht funktionieren kann, weil externale Kriterien keinen eigenständigen epistemischen Wert haben können. Externale Erkenntniskriterien können nur mittels der Methode der Induktion empirisch verifiziert werden. Sie stellen keine „rein epistemischen“ Erkenntnisbegründungsfundamente dar.

Brentano teilt die Annahme der deutschen Erkenntnistheorie seit dem Materialismusstreit, daß auch die entgegengesetzte These des Cartesianismus nicht zielführend ist. Beibehalten wird bei ihm die Leistungsfähigkeit der nach psychologistischen Gesetzen funktionierenden Subjektivität. Auch die noch innerhalb des Rahmens transzendentalphilosophisch-idealistischer Begründungsversuche fallende Identitätsphilosophie konnte trotz ihres realistisch-idealistischen Vermittlungsversuchs das Scheitern internal-spekulativer Erkenntniskriterien nicht aufhalten. Das Aufkommen des Materialismus als einer Folgeerscheinung romantischer Naturphilosophie konnte das erkenntnistheoretische Problem, daß das epistemisch Gegebene ein erkenntnistranszendenter Gegenstand sein muß, nur steigern, aber in keinem Falle lösen.16

So werden in Franz Brentanos deskriptiver Psychologie interne Erkenntniskriterien mit der Phänomengattung der psychischen Phänomene verknüpft. Diese werden unterschieden von den physischen Phänomenen, deren Seinsstatus unabhängig von den Empfindungen des Subjekts sind.17 Kritisch muß angemerkt werden: Obwohl die Intentionalitätsthese des Bewußtseins die intentionale Beziehung zwischen einem Gegenstand und unserem Bewußtseinsakt des Auf-ihn-Gerichtetseins voraussetzt, kann diese Beziehung des Bewußtseinsaktes nicht durch eine vermittelnde, den Akt transzendierende Instanz garantiert werden. Bei physischen Phänomenen stellt sich im strengen Sinne gar nicht die Frage nach deren Erkenntnis. Nur das Gegenstandskorrelat psychischer Akte, der intentionale Gegenstand, ist der Erkenntnisfrage gegenüber zugänglich. In der Brentanoschule wird man versuchen, das Problem durch das Konzept eines sprachlich (bzw. sprachlich-logisch) verfaßten Wirklichkeitszugangs (wie z.B. in Meinongs Gegenstandsontologie) zu lösen.

(1.1.2.3) Intersubjektive Gültigkeit der Erkenntnis durch externale Erkenntniskriterien (Begründungstyp 3): Außerhalb des Rahmens der cartesischen Tradition der Erkenntnisbegründung ist der Gegenstand intersubjektiver Erkenntnis tatsächlich die äußere empirische Wirklichkeit, die Gegenstand naturwissenschaftlichen Forschens ist. Sie ist das letzte Kriterium der Wissensbegründung für „neuen“ Empirismus und Positivismus. Dabei wird angenommen, daß wir eine Korrespondenz zwischen (a) wissenschaftlichen Aussagen in Elementarsätzen und (b) dem der Wahrnehmung Gegebenen erreichen können.

Im Kontrast zur Humeschen Skepsis ist im logischen Positivismus die Grundlage der Intersubjektivität von Erkenntnis die empirische Nachprüfbarkeit, d.h. die Verifikation von Aussagen. Aussagen, die sich als wissenschaftliche Aussagen qualifizieren wollen, müssen per definitionem verifizierbar sein. Wir können zwei grundlegende Varianten der Verifikation unterscheiden:

- Empiristische Verifizierbarkeit von Aussagen in Elementarsätzen (fundamentalistische Begründung) und
- Verifizierbarkeit auf Grund der Kohärenz von Einzelaussagen mit einem Aussagezusammenhang (holistische Begründung)

Bei der empirischen Verifizierbarkeit wissenschaftlicher Aussagen haben wir grundsätzlich das Problem, daß zwar Erkenntnis auf sinnlicher Wahrnehmung als Erkenntnisquelle beruht, die sprachlich verfaßte Basis von Erkenntnis von der empirischen Wirklichkeit jedoch auf ungeklärte Weise „abgelesen“ wird. Mit dem verifikatorischen „Ablesen“ von der Wirklichkeit durch individuelle Wahrnehmung soll der Begründungsregreß intersubjektiver Wissensansprüche enden. Erkenntnisbegründung mit diesem externalen Kriterium löst aber nicht das Problem, daß nicht rechtfertigbare Vorannahmen über die bewußtseinsunabhängige Außenwelt gemacht werden.

Als Ausweg bot sich das Konzept des Erkenntnisgegenstandes als einer sprachlich verfaßten Wirklichkeit an. Es gab letztlich kein überzeugendes Argument, warum die wahrgenommene Welt ein Abbild der Wirklichkeit sein muß, auch wenn die Wahrnehmung die einzige unverzichtbare Quelle für unser Wissen über die Welt ist. Der Versuch fundamentalistischer Erkenntnisbegründung, gefaßt in die Formel des klassischen Empirismus „Non in intellectu sit, quod non antea in sensu fuerit“ scheiterte. Denn es konnte trotz dem fast ausschließlichen Fokus auf sinnliche Wahrnehmung als einer primären Quelle von Erkenntnis keine Erklärung dafür gegeben werden, wie wir überhaupt Erkenntnisse über die Außenwelt gewinnen können. Dieses Scheitern beruht darauf, daß uns sinnliche Wahrnehmung jedenfalls nur einen beschränkten Einblick in die intersubjektive Wirklichkeit gewährt, während das Bedürfnis der Erkenntnislegitimation, sobald der Anspruch auf intersubjektive Erkenntnis erhoben wird, tatsächlich größer ist als durch die individuelle Wahrnehmungsbasis des empirischen Subjekts erzielt werden kann.

(1.2) Die scheinbare Aussichtslosigkeit des Projekts externalistischer Erkenntnisbegründung

(Sektionen 1.2.0 – 1.2.3)

(1.2.0) Ein Modell zur Auflösung der Subjekt–Objekt-Dichotomie:

Die Subjekt-Objekt-Dichotomie als Grundstruktur der Erkenntnistheorie muß also überwunden werden, um den Zugang zu einer intersubjektiv faßbaren Außenwelt zu garantieren. Seit der Neuzeit konnte jedoch keine Erkenntnistheorie gefunden werden, die nicht auf der Basis der Subjekt-Objekt-Spaltung arbeitet.

Dieses Grundmodell wird erst nach Ernst Mach durch eine Theorie der Wissenschaften ersetzt, die ihren Ausgangspunkt bei dem Studium der Funktionsweisen von natürlichen Sprachen nimmt, genauer gesagt bei der Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem (Bedeutung). Innere und äußere Wirklichkeit ist gleichermaßen sprachlich kodifiziert, so daß eine später noch zu spezifizierende Konzeption von Sprachanalyse ausreicht, um allen philosophischen Aufgaben der Wirklichkeitsanalyse gerecht zu werden.

(1.2.1) Versionen des Realismus:

Aus einer Auswahl von Strategien zur Vermeidung der erkenntnistheoretisch nicht mehr einholbaren statischen ontologischen Annahmen, die in naturwissenschaftlicher Erkenntnis impliziert werden, scheint Carnaps Strategie tatsächlich die leistungsfähigste zu sein. Einige der zur Wahl stehenden Alternativen zur Problemlösung können namhaft gemacht werden:

(1) Immanenter Realismus (Brentano) statt Erkenntnisrealismus
Im Erkenntnisrealismus ist der Gegenstand der Erkenntnis epistemisch faßbar, aber ontologisch transzendent. Der immanente Realismus verneint diese Transzendenz.
(2) Ontologischer Realismus (Meinong) statt Begriffsrealismus
Im Begriffsrealismus ist der Gegenstand der Erkenntnis nominalistisch aufzufassen. Der ontologische Realismus hingegen sieht im Gegenstand etwas ontologisch Unabhängiges.
(3) Internaler Realismus (Carnap) statt metaphysischer Realismus
Für den metaphysischen Realismus ist der Gegenstand der Erkenntnis eine metaphysische Setzung, um einen radikalen Konventionalismus der Ontologien zu vermeiden. Dieser Konventionalismus wird vom internalen Realismus vertreten.
(4) Wissenschaftlicher Realismus (Rescher, Putnam) statt Instrumentalismus

Im Instrumentalismus werden alle Annahmen über den ontologischen Status von Gegenständen einzig aufgrund ihrer Zweckdienlichkeit für den wissenschaftlichen Fortschritt gemacht. Der wissenschftliche Realismus macht diese Annahmen ohne diesen Vorbehalt, um einem Relativismus der Ontologien zu entgehen.

Es gehört zum Rahmenprojekt Carnaps, keinen wissenschaftlichen Realismus zu verfolgen, dem gemäß die ontologische Voraussetzung der Gegenstände für gesichert angenommen wird, für den jedoch der epistemische Zugang der verwendeten wissenschaftlichen Theorien zum letztlich epistemisch Gegebenen fraglich bleiben mußte. Die epistemisch Leistung kann zu Erkenntnis führen, aber kann nicht darin bestehen, das Seiende zu enthüllen. Carnap erkannte früh das Problem, daß unsere externalen Erkenntniskriterien nur unter der Bedingung des Hypothesencharakters der mit der Wirklichkeitsbeschreibung mitgebrachten metaphysischen Voraussetzungen richtig zu verstehen sind. So ist in seinem 1950 entstandenen Aufsatz Empiricism, Semantics, and Ontology 18 auch die Verwendung von abstrakten Gegenständen in physikalischen Theorien abhängig von ihrer Nützlichkeit für den Aufbau der gewählten Wissenschaftssprache. Nur die Nützlichkeit für das Erkenntnisziel der Wissenschaften ist das Kriterium für die Wahl eines bestimmten Vokabulars, einer konkreten Sprache. Der interne Realismus Carnaps unterscheidet sich von einem Instrumentalismus dadurch, daß das Kriterium der Nützlichkeit einer bestimmten Sprache noch interpretationsfähig bleibt. Kriterien, die zur Nützlichkeit führen, können zum Beispiel „Einfachheit“ oder „Erklärungskraft“ einer Sprache sein. Der interne Realismus ist ein breiteres Rahmenkonzept der Wissenschaftstheorie, das Carnap erst seit den frühen 30er Jahren einnimmt.

Wir haben es also bei der Wahl einer neuen Wissenschaftssprache mit einer Transformation zwischen Weltbeschreibungen zu tun, jeweils abhängig von der Nützlichkeit einer zur Beschreibung verwendeten Sprache. Jeder Sprache eignet eine Bedeutungsebene, deren Struktur durch eine formale Analyse, die also nicht auf die inhaltlichen Bedeutungen der Worte Bezug nimmt, erforscht wird.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es demnach zu zeigen, daß nur ein radikaler Konventionalismus der Weltbeschreibung uns die geforderte Dynamisierung bzw. Formalisierung gerade der Gegenstandskonzeption erlaubt. Dies kann durch eine bestimmte Theorie oder eine bestimmte Wissenschaftssprache geschehen. Durch die jeweilig verwendete Sprache werden selbstverständlich ontologische Annahmen vermittelt. Es geht aber gar nicht mehr um die Funktionsweise einzelner Sprachen bzw. einzelner Theorien, also auch nicht mehr um das, was eine Sprache in ihrer Funktionsweise von einer anderen Sprache unterscheidet. Sprachen zur Einlösung des Intersubjektivitätsanspruchs sind im Idealfall ausschließlich formal-logische Sprachen, da sie die allgemeinsten Sprachstrukturen erfassen, also Sprachstrukturen, die auf alle konkreten natürlichen Sprachen Anwendung finden. Formale Sprachen sind immer für Interpretationen offen und insofern für die unterschiedlichen Konventionen in der Funktionsweise einzelner konkreter Sprachen jederzeit empfänglich. Diese neue flexible Analyse dessen, was die eigentliche Natur der sprachlich artikulierten Gegenstände ausmacht, neutralisiert alle vorher in der Gegenstandskonzeption implizierten metaphysischen Annahmen über deren Natur.

Verknüpft mit dieser Entwicklung hin zu einer neuen interpretationsfähigen philosophischen Gegenstandskonzeption ist ein Wandel des erkenntnistheoretischen Interesses. Wenn auch eine Gefahr darin bestehen bleibt, daß die Sprachen zur Beschreibung der Wirklichkeit prinzipiell konventionell gewählt werden können, so führt doch kein Weg mehr von einer semantisch transformierten Erkenntnistheorie, einer Erkenntnistheorie, die sich auf Sprachfunktion und Sprachregelung reduziert, zu einer Philosophie des außersprachlichen Seins zurück.

(1.2.2) Das Scheitern der positivistischen Brentanokritik:

Das Scheitern der positivistischen Brentanokritik des Wiener Kreises läßt Brentanos Position für uns erneut relevant erscheinen. Der Physikalismus, eine von den logischen Positivisten geförderte Sprachform, als Mittel der Beschreibung psychischer Phänomene verwendet, scheitert deshalb, weil Erkenntnis als ein irreduzibler, kognitiver Zugang zu einem inneren Gegenstandsbereich (innerer Wirklichkeit) nicht vollkommen naturalisiert, d.h. durch physikalistische Phänomenbeschreibungen ersetzt werden kann.

In der Erkenntnistheorie haben wir daher ein Problem, wenn wir den Physikalismus als Sprache der Beschreibung gerade auch von psychischen Vorgängen betrachten: Der Physikalismus kann keine umfassende Erkenntnisbegründung leisten, also auch keine rationale Begründungsstrategie anbieten, sondern nur eine umfassende Gegenstands ontologie. Das wiederum heißt eine Setzung von nicht weiter hinterfragbaren Seinsvoraussetzungen zu gestatten, die dem Erkenntnisakt korreliert sind. So geht es auch Carnap, seinen eigenen Angaben zufolge, bei der Verwendung einer physikalistischen Sprache in erster Linie nicht um ein Anliegen der Verwendung einer Sprache, die ein perfektes Abbild der Natur liefert, sondern ausschließlich darum, daß „Metaphysik“ ausgeschaltet wird:

Wird die physikalische Sprache auf Grund ihres Charakters als Universalsprache zur Systemsprache der Wissenschaft gemacht, so wird alle Wissenschaft zu Physik. Die Metaphysik wird als sinnlos ausgeschaltet.19

Es gibt dann nur noch eine Art von Gegenständen in der Wirklichkeitsbeschreibung, nämlich physikalische Vorgänge. Erkenntnistheoretisch ist jedoch der Physikalismus nicht hinreichend, da Sätze über das Gegebene (sogenannte „Protokollsätze“) selbst nicht physikalistische Beschreibungen sind. So operiert zum Beispiel der Protokollsatz „A ist aufgeregt“ mit keinem physikalistischen Vokabular. Carnaps Aufsatz Psychologie in physikalischer Sprache zufolge muß jedoch ein Protokollsatz nicht selbst in physikalistische Sprache gefaßt sein, sondern nur in physikalistische Sprache übersetzbar sein. Die Übersetzung erfolgt durch Definitionen.20 Die in der Sprache mittransportierten ontologischen Voraussetzungen können jedoch nicht definitorisch übersetzt werden. Die vorgeschlagene physikalistische Universalsprache entgeht dieser Kritik nicht. Der Physikalismus erschien Carnap einige Zeit attraktiv, da besonders in dieser Sprachform der leistungsstarke Anspruch besteht, empiristische Erkenntnis durch empirische Nachprüfbarkeit zu erzielen:

... die Nachprüfung eines generellen Satzes geschieht durch Nachprüfung der aus ihm ableitbaren konkreten Sätze. Ein genereller Satz hat Gehalt, soweit und nur soweit die ableitbaren konkreten Sätze Gehalt haben. Auf diese muß sich daher die logische Analyse in erster Linie richten.21

Weil dieser Versuch eines Externalismus als einer Beschreibung des Gegebenen scheitert, scheint sich der Internalismus wieder nahezulegen. Dieser Internalismus mußte so lange vertreten werden, bis der Externalismus in einer neuen transformierten Form wieder Gestalt gewinnen konnte: Dies geschieht erst, wenn er die Gestalt eines epistemischen Zugangs zu semantischen Einheiten, also Bedeutungseinheiten, annimmt. Dabei beziehen sich die semantischen Einheiten nicht mehr auf die tatsächliche Welt, sondern auf mögliche Welten. Es geht also genaugenommen nun um mögliche Referenzgegenstände in möglichen Sprachen. Erst in diesem Augenblick der sprachinternen Zugänglichkeit von Wirklichkeit kann das epistemische Subjekt für das Grundproblem der Erkenntnislegitimation als überflüssig, ja störend, ausgeschaltet werden. Durch das Scheitern der positivistischen Brentanokritik wird die Erkenntnistheorie der Brentanoschule erst in dem Augenblick dieser grundlegenden Transformation des herkömmlichen Verständnisses von externalistischer Erkenntnistheorie obsolet.

(1.2.3) Die Ablösung vom Modell cartesianischer Erkenntnistheorie:

Die cartesianische Erkenntnistheorie wird durch eine grundlegende Transformation des Philosophieverständnisses beim frühen Carnap außer Kraft gesetzt. Retrospektiv spricht unser Autor bereits 1936 von einem „Übergang“ von der Erkenntnistheorie zur Wissenschaftslogik. Durch diesen „Übergang“ werde die Erkenntnistheorie „gereinigt“, aber nicht gänzlich verworfen.22 Es ist mein Anliegen darzustellen, daß dieser „Übergang“ eine notwendige und nicht mehr rückgängig zu machende Entwicklung war.

Schon 1934 beschränkt sich das neue Philosophieverständnis Carnaps ausschließlich auf die Analyse der logischen Syntax der Sprachen. Und das aus gutem Grund: Denn einer Formulierung von 1936 zufolge, der gemäß in der Erkenntnistheorie die Beschreibung nicht nur von dem Objekt abhängt, sondern „wesentlich auch von der Form der Sprache“23 ist tatsächlich eine zu schwache Formulierung des nun vor sich gehenden Wandels der Erkenntnistheorie. Die syntaktischen Begriffe und Regeln sind entweder „Formregeln“ oder „Umformungsregeln“. Die Regeln, die die Funktionsweise der Sprache steuern, ist nun die neue Gestalt des epistemisch unhintergehbar Gegebenen. Das Verhältnis der Analyse der logischen Syntax zu Wortsprachen (wie Deutsch oder Französisch) ist dabei ein Verhältnis, das analog dem Verhältnis zwischen Naturgesetzen und dem mit den Naturgesetzen zu erklärenden empirischen Vorgängen betrachtet wird. Die Syntax erklärt die Funktionsweise auch der natürlichen Wortsprachen, sie ist von diesen aber streng zu unterscheiden. Syntax ist das Explanans, das uns die richtige Verwendung der Wortsprachen erkennen läßt. Die Sätze der Wortsprachen beziehen sich dabei normalerweise immer entweder direkt auf empirische Dinge oder auf Sachverhalte in der Welt:

Das bisher übliche Vorgehen der direkten Analyse der Wortsprachen mußte ebenso scheitern, wie ein Physiker scheitern würde, wenn er von vornherein seine Gesetze auf die vorgefundenen Dinge, Steine, Bäume usw. beziehen wollte. Der Physiker bezieht seine Gesetze zunächst auf einfachste konstruierte Formen: auf einen dünnen, geraden Hebel, auf ein Fadenpendel, auf punktformige Massen u. dgl.; mit Hilfe dieser auf konstruierte Gebilde bezogenen Gesetze ist er dann später imstande, das komplizierte Verhalten der wirklichen Körper in geeignete Faktoren zu zerlegen und dadurch zu beherrschen.24

Wie sich die Naturgesetze auf eine bestimmte Wirklichkeitsebene beziehen, nämlich auf die physikalistisch deutbaren Naturerscheinungen, so muß bei der Syntax immer angegeben werden, auf welche konkrete Sprache sie sich bezieht.25

Carnaps eigenen Angaben zufolge handelt es sich bei der Vorgehensweise der Analyse der Syntax um eine ganz neue Definition dessen, was Philosophieren bedeutet: Nicht nur die Philosophie hat sich von Metaphysik zu Sprachphilosophie gewandelt, sondern, so meine folgenden Ausführungen, insbesondere die Erkenntnistheorie wurde mit dem Erscheinen des Logischen Syntax der Sprache grundlegend transformiert. Erkenntnistheorie wird auf einer zuvor nicht erreichten Ebene philosophischer Reflexion neu ausgearbeitet.

Teil 1: Die Gewinnung empirischer Erkenntnis Bei Franz Brentano und Alexius Meinong

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Abschnitt (A) : Brentano und Meinongs neues Programm des Erkenntniszugangs

(2)

(2.1) Eine Kritik von Brentanos erkenntnistheoretischem Internalismus

(Sektionen 2.1.0 – 2.1.8)

(2.1.0) Die psychologistische Konzeption der Vorstellungen und ihre Auswirkungen auf das Intersubjektivitätsproblem:

Intersubjektivität der Erkenntnis scheint zunächst in einer minimalistischen Konzeption nur Gültigkeit für jedes epistemische Subjekt zu bedeuten. Daß diese Konzeption inadäquat ist liegt daran, daß wir Erkenntnisbegründung eigentlich nur durch ein besseres Verständnis der Naturvorgänge erlangen können, die Begründungssuche also immer durch externale Erkenntniskriterien vonstatten gehen muß.

Es scheint, daß Vorstellungen von Gegenständen das Ausgangsmaterial der Gegenstandserkenntnis bilden. Die Vorstellungskonzeptionen um 1900 dienen gleichzeitig jedoch auch als Ausgangspunkt für den Psychologismusvorwurf. Verdeutlicht wird das durch den Umstand, daß mit Brentano das Repräsentationsmodell der Vorstellungen zwar aufgelöst wird, aber dies in eine Richtung, die keine kohärente Erkenntnistheorie zutage fördern konnte. Denken und Vorstellen sind für ihn verschiedene Tätigkeiten. Während Denken eine diskursive Tätigkeit des Intellekts ist, verstehen wir herkömmlicherweise im Repräsentationsmodell das Vorstellen als ein geistiges Gegenwärtigsein eines „Bildes“ des Gegenstandes. Das Wörterbuch der philosophischen Begriffe definiert Vorstellung folgendermaßen:

[D]as im Bewußtsein auf Grund von vorhergehenden Sinneswahrnehmungen und Empfindungen zustande kommende ‚Bild’ eines Gegenstandes oder Vorgangs der Außenwelt, das auch ohne Gegenwart des Vorgestellten (Erinnerungsvorstellung) als mehr oder weniger vollständig reproduziertes Wahrnehmungsbild oder durch eine subjektive Verbindung von Wahrnehmungsbestandteilen früherer Wahrnehmungen (Phantasievorstellungen) erzeugt werden kann.26

Die Vorstellung als „innerem Bild“ kann auf Sinneswahrnehmungen aufgebaut sein. Soweit wäre Vorstellen mit dem Begriff der sinnlichen Anschauung eng verwandt. Eine Vorstellung ist dementsprechend auch schon definiert worden als eine Anschauung, die unmittelbar von der Gegenwart des Gegenstandes abhängt.27 Als Vorstellungsbasis gibt es neben der Sinnlichkeit jedoch auch nicht-sinnliche Basen, d.h. Phantasievorstellungen und Erinnerungsvorstellungen. Diese traditionelle vorbrentanosche Konzeption versteht das Vorstellen jedenfalls als ein passives Auffassungsvermögen.

Bei Brentano hingegen ist auch jede Vorstellung eine Art Denken, nämlich eine Seelentätigkeit (wenn er dies auch in der Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 73 bestreitet). Diese Kategorisierung der Vorstellungen hängt zusammen mit der Intentionalitätsthese allen Bewußtseins. So unterscheidet sich bei Brentano Urteil und Vorstellung nur dadurch voneinander, daß sich in ihnen das Bewußtsein auf den immanenten Gegenstand jeweils in spezifisch unterschiedlicher Weise richtet. Bei Brentano hat darüberhinaus jedes Urteilen Vorstellungen zu seiner Voraussetzung. Die Vorstellung ist dabei kein bloßes Gewahrwerden eines Gegenstandes, sondern in der Vorstellung wird der Gegenstand „ins Bewußtsein aufgenommen“,28 wie Brentano sagt.

Wir müssen darüberhinaus annehmen, daß der offensichtliche Psychologismus vorwurf gar nicht die Theorie des Urteils betrifft. Denn Urteilen können wir jederzeit als ein psychologisches Erfassen beschreiben. Sondern wir müssen davon ausgehen, daß es sich um die Beschaffenheit des Urteilsgegenstandes handelt, also um einen vorgestellten Gegenstand. Vorstellen ist eine vom Urteilen gattungsmäßig unterschiedene Seelentätigkeit, von der es zunächst jedoch fraglich ist, ob sie ausschließlich psychologistisch gedeutet werden muß. In ihrer historischen Abfolge müssen wir zwei Grundmodelle von Vorstellungen unterscheiden:

(1) Den empirischen Realismus der Abbild- bzw. Repräsentationstheorie.
(2) Den metaphysischen immanenten Realismus Brentanos, der sich mit einem Subjektivismus verbindet.

Grundmodell (2) zufolge ist Vorstellen das Haben eines Bewußtseins von Etwas und insofern immer relativ auf ein epistemisches Subjekt. Brentanos eigenen Angaben zufolge unterliegt sein eigener erkenntnistheoretischer Ansatz keinem Subjektivismus. Unter Subjektivismus ist nämlich nach dem zweiten Band der Psychologie vom empirischen Standpunkt nur zu verstehen, daß die „Allgemeingültigkeit der Erkenntnis bestritten wird“.29 Ein Subjektivismus bzw. ein Relativismus der Wahrheit, bezogen auf das jeweilige Subjekt, sei uns nach Brentano eben auch dann nicht gegeben, wenn außerhalb des Geistes nichts dem entspräche, was für alle Urteilenden eine objektive empirische Wirklichkeit als Erkenntnisbasis darstellt. Intersubjektivität der Erkenntnis wird bei Brentano durch ein inneres Erkenntniskriterium, nämlich Evidenz des Urteils, hergestellt. Dies hält Brentano für ausreichend.

Der Vorwurf des Psychologismus scheint auch beim Vorstellen gerechtfertigt: Das Urteil unterscheidet sich bloß durch den Akt des Anerkennens oder Verwerfens von der bloßen Vorstellung. Die Vorstellung liefert aber nicht einfach die Aktmaterie für das Urteil, sondern ist eine vom Urteil qualitativ verschiedene Aktart. Bewußtseinsimmanent sind beide. So betrifft z.B. die Existenz des Erkenntnisgegenstandes in dieser Erkenntnistheorie nicht das Verhältnis von Vorstellung und empirischer Wirklichkeit, sondern gar nicht die Vorstellung. Auch das Urteil bezieht sich ja nur insofern auf dieses Verhältnis als der Urteilsakt „A“ oder der Urteilsakt „A ist“ mit der Anerkennung von „A“ bereits eine Setzung von A als Existierendem beinhaltet.

Brentanos Unterscheidung von Vorstellung und Urteil ist später von Alexius Meinong und Edmund Husserl übernommen worden. Der Aktgegenstand oder die „Aktmaterie“ des Vorstellens, wie Husserl sagt, also die Art des Gegebenseins von Vorstellungen überhaupt, zeichnet Vorstellungen gegenüber Urteilen aus. Prinzipiell ist also, wie schon für Brentano, so auch für Husserl, das Urteilen keine zur Vorstellung hinzutretende Aktqualität, sondern die Aktart des Urteilens ist eine andere zu nennen. Wenn Urteile auch nicht Akte sind, die auf Vorstellungsakten aufbauen, so sind es bei Husserl gerade Vorstellungen, durch die das intentionale Erlebnis überhaupt erst seine Beziehung auf Gegenständliches gewinnt:

Ein intentionales Erlebnis gewinnt überhaupt seine Beziehung auf ein Gegenständliches nur dadurch, daß in ihm ein Akterlebnis des Vorstellens präsent ist, welches ihm den Gegenstand vorstellig macht. Für das Bewußtsein wäre der Gegenstand nichts, wenn es kein Vorstellen vollzöge, das ihn eben zum Gegenstande machte und es so ermöglichte, daß er nun auch zum Gegenstand eines Fühlens, Begehrens u. dgl. werden kann.30

Vorstellen ist also eine grundlegende Bewußtseinsfunktion ohne die wir keinen epistemischen Zugang zu Gegenständen haben. Vorstellungen sind aber nicht identisch mit der Materie der Urteilsform, sondern sind nur transformierbar zu einer solchen Materie. Daß Vorstellungen „objektivierende Akte“ sind, heißt für Husserl gerade nichts anderes, als daß die Materie einer Urteilsform zu einer bloßen Vorstellung modifiziert werden kann.31 Husserl differenziert in Logische Untersuchungen verschiedene Vorstellungsbegriffe.32 Wenn der rein nominalistische Begriff von Vorstellungen, d.h. Vorstellungen als Zeichen für Dinge in der Welt, jedoch letztlich von Husserl aufgegeben wird, dann wird eine psychologisierende Endkonzeptionierung sehr wahrscheinlich. Wenn Vorstellungen der Ausgangspunkt für jede Art von Gegenstandserkenntnis ist, so bleibt die von Brentano erneut versuchte Lösung des Problems intersubjektiver Geltung von Erkenntnisansprüchen auf diesem Wege sicherlich ungelöst.

(2.1.1) Die Kritik an der Erkenntnistheorie Brentanos:

Moritz Schlick wendet sich gegen Evidenz als Mittel der Erkenntnisgewinnung und argumentiert statt dessen dafür, daß Beobachtungssätze das Fundament der Erkenntnis bilden.33 Im Aufsatz Über das Fundament der Erkenntnis wendet sich Schlick jedoch nicht nur gegen Brentano: Erkenntnisbegründung könne, cartesianisch gesprochen, nicht in der „Existenz von Bewußtseinsinhalten“ gesucht werden. Bewußtseinsinhalte allein könnten schon deshalb kein Erkenntnisfundament darstellen, weil, selbst wenn Übereinstimmung für alle Aussagen vollkommen hergestellt wäre und die Übereinstimmung aller Aussagenden keine Widersprüchlichkeit in sich schließen würde, es dennoch denkbar wäre, daß diese Aussagen mit einem großen Teil unserer Beobachtungssätze unvereinbar sind:

Es könnte sein, daß alle Bücher, die ich lese, und alle Lehrer, die ich höre, unter sich in vollkommener Übereinstimmung sind, daß sie einander nie widersprechen, daß sie aber mit einem großen Teil meiner eigenen Beobachtungssätze schlechthin unvereinbar sind.34

Schlick wendet sich hier gegen die Begründung intersubjektiver Erkenntnis durch Korrespondenz, d.h. Erkenntnisbegründung durch Übereinstimmung der Aussagen mit der Wirklichkeit. Jedoch muß diese Kritik, daß für empirisch-wissenschaftliche Erkenntnis die Brentanosche Erkenntnisbegründung nicht ausreicht, insofern ins Leere gehen, als sich Brentano explizit auf psychologische Erkenntnis beschränkt.

In Schlicks Aufsatz findet sich die Brentanokritik eingebettet in eine breit angelegte Kritik der Kohärenztheorie der Wahrheit. Erkenntnisbegründung sei mit dem ihm zugeordneten Typus von Wahrheitstheorie eng verknüpft: „Für uns versteht es sich von selbst, daß das Problem des Fundamentes aller Erkenntnis nichts anderes ist als die Frage nach dem Kriterium der Wahrheit.“35 Die Kohärenztheorie ist als Erkenntnisbegründung nicht akzeptabel, weil Wahrheit dann nur aus logischer Widerspruchslosigkeit bestünde.36 Seine Kritik formuliert Schlick folgendermaßen:

Ich kann eine grotesk abenteuerliche Welt mit Hilfe der Phantasie ausmalen: der Kohärenzphilosoph muß an die Wahrheit meiner Beschreibung glauben, wenn ich nur für die gegenseitige Verträglichkeit meiner Behauptungen sorge und zur Vorsicht noch jede Kollision mit der gewohnten Weltbeschreibung vermeide, indem ich den Schauplatz meiner Erzählung auf einen entfernten Stern verlege, wo keine Beobachtung mehr möglich ist.37

Es muß jedoch eingewendet werden, daß diese Kritik ungerechtfertigt ist, da Schlick Argumente für den Antifundamentalismus nicht diskutiert und er sich nur darauf konzentriert, einem Erkenntnisfundamentalismus Vorschub zu leisten.

Um dem Antifundamentalismus jedoch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir Brentanos Stärken hervorheben. Sein Ansatz stellt, neben der von ihm bekämpften und auf der Korrespondenztheorie der Wahrheit beruhenden Erkenntnistheorie, tatsächlich eine weitere wissenschaftlich-empiristische Variante der Erkenntnistheorie dar.38 Brentanos Konzeption der Erkenntnis als einer intentionalen Beziehung baut dabei auf dem Gedanken auf, daß das Erkenntnisproblem durch eine Form der Psychologie geklärt werden kann, nämlich durch eine Psychologie, die als empirische Wissenschaft verstanden wird.

Die positivistische Kritik an Brentano erweist sich als argumentativ nicht schlagkräftig. Erst in dem Moment, in dem die externalistische Erkenntnistheorie radikal umgestaltet bzw. transformiert wird, wird es möglich, die Diskussion um das Brentanosche Erkenntnismodell als abgeschlossen zu betrachten. Das geschieht bereits 1922 in Der Raum. Diese Umgestaltung der Erkenntnistheorie wird aber tatsächlich durch Wittgensteins frühes Konzept der Sprache als einem Bild der Wirklichkeit vorbereitet.39

(2.1.2) Deskriptive Psychologie als empirische Wissenschaft:

In der Psychologie vom empirischen Standpunkt von 1874 versteht Brentano die Psychologie nicht als eine Wissenschaft der Seele. Die Seele können wir mit Brentano definieren als der „substantielle Träger von Vorstellungen und anderen Eigenschaften, welche ebenso wie die Vorstellungen nur durch innere Erfahrungen unmittelbar wahrnehmbar sind“.40 Psychologie sei vielmehr eine Wissenschaft ausschließlich der „psychischen Phänomene“. Brentano streitet nicht ab, daß es eine Wechselwirkung zwischen physischen und psychischen Zuständen gibt und daher die Aussonderung des Untersuchungsgegenstandes speziell psychischer Phänomene etwas „Künstliches“ an sich habe. Der Begriff „Phänomen“ wird von ihm nicht als „bloße Erscheinung“ verstanden, die in einem Gegensatz zu dem „wirklich Seienden“ stünde, sondern als Begriff, der sich auf alles erstreckt, was unserem Bewußtsein tatsächlich gegeben ist. So ist auch der epistemische Zugang zu unseren Empfindungsdaten beschränkt auf dezidiert psychische Phänomene als ausschließlichem Untersuchungsbereich.

Genauer formulierte später Anton Marty die Aufgabe der Psychologie als die Lehre von der inneren Erfahrung und unterscheidet diesen Bereich scharf von allen Objekten der Naturwissenschaft. In den Naturwissenschaften wissen wir „von der Existenz der Materie nur durch Schlüsse etwas“.41 Es handelt sich hier also nur um mittelbare Gegenstände der Erfahrung. Demgegenüber wird von Marty der Vorzug der Gegenstände der Psychologie herausgearbeitet: „Wir könnten auch so sagen, die Psychologie handle von dem und nur von dem, was unmittelbar Gegenstand der Erfahrung ist.“42 Diese Gegenstände, die unmittelbar der Erfahrung gegeben sind, nennt Marty intentionale Gegenstände.43

Auch schon seinem Lehrer Brentano zufolge untersucht die Psychologie nicht das Gesehene, Gehörte oder Gefühlte, insofern dieses für eine innere Wahrnehmung transzendente Erkenntnisgegenstände sind. Sondern sie untersucht nur Gegenstände, insofern sie gesehene, gehörte oder gefühlte sind, also von einem psychischen Akt erfaßt werden. Dem Aufsatz Elemente der deskriptiven Psychologie vom Anton Marty zufolge hat die Psychologie zwei Aufgaben zu erfüllen:

Aufgabe (1): Klarheit darüber zu erlangen, was uns die innere Erfahrung zeigt. Das sich Zeigende hat aposteriorischen, also empirisch-kontingenten Charakter. Diese Aufgabe erfülle die deskriptive Psychologie.

Aufgabe (2): Die Lehre von Wechsel und Wandel des Seelischen. Marty spricht auch vom Studium der „Sukzession des Psychischen“. Diese Aufgabe wird von der Disziplin der genetischen Psychologie erfüllt.

Während Aufgabe (1) auf den Erkenntnisgegenstand gerichtet ist, ist Aufgabe (2) auf das Studium der inneren Funktionsweise des psychischen Apparates ausgerichtet. Dabei besteht nur in Aufgabe (1) ein Ableitungsverhältnis zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit:

Wenn ich etwas Weißes sehe, so drängt dieser natürliche Trieb dazu, dieses Weiße für etwas Wirkliches und unabhängig von mir Vorhandenes zu halten, und das ist ein blindes Urteil. Dagegen ist evident das Urteil, daß, wenn ich etwas Rotes oder Weißes sehe, das Rote oder Weiße als Gesehenes existiert, also mir Erscheinendes gegeben ist. Und ein solches Korrelatenpaar, wie Sehendes und Gesehenes, liegt vor uns in jeder unmittelbar evidenten Erfahrung, die uns gegeben ist. Und diese Erfahrungen, wie sie Gegenstand der deskriptiven Psychologie sind, diese Erfahrung[en] von Bewußtseinsbeziehungen und ihren Gegenständen, sind die letzten Grundlagen überhaupt für alles Erfahrungswissen, so auch für unser Wissen von der Außenwelt, von der sogenannten Natur.44

Es bleibt für Brentanos und Martys deskriptive Psychologie darüberhinaus jedoch klar, daß wir mit den Mitteln dieser Disziplin keinen Übergang von der psychischen zur physischen Welt herstellen können. So können wir innerhalb der deskriptiven Psychologie auch nicht durch ein Induktionsverfahren auf die Gegenstände der Außenwelt schließen. Die Welt physischer Phänomene bleibt für das Bewußtsein insofern stets unerschlossen, als uns die Gegenstände äußerer Wahrnehmung aus dem Blickwinkel der Erkenntnistheorie nicht zugänglich sein können. Das erkenntnistheoretisch Gegebene reduziert sich de facto auf das dem Bewußtsein Gegebene. Daher haben wir es in der intentionalen Beziehung auch bei Brentano stets ausschließlich mit immanenten Gegenständen zu tun.

Es muß festgehalten werden, daß diese Lehre von der Beschaffenheit der psychischen Phänomene eine Folge des reflektierten Ernstnehmens des epistemischen Subjekts als einzigem Begründungsprinzip für Erkenntnis ist. Da intentionale Beziehungen ihren Ausgangspunkt immer beim epistemischen Subjekt nehmen, haben wir es ausschließlich mit inneren Begründungskriterien für Erkenntnis zu tun.

Die von Brentano vertretene These einer strikten Trennung von der physischen und psychischen Art von Untersuchungsgegenständen (physischen und psychischen „Phänomenen“) ist dabei die gezogene Konsequenz aus der Unwegbarkeit von David Humes Erkenntnisskeptizismus, der sich ausschließlich auf physische Phänomene bezog. Die in Folge dieses Skeptizismus stattfindende Lehre Kants von den Noumena als epistemisch unerreichbaren Gegenständen, die hinter den Erscheinungen liegen, schienen für die empiristische Tradition ebenso unhaltbar. Die Hoffnung auf eine Erkenntnistheorie, die den epistemischen Zugang zur Welt der physischen, ausgedehnten Körper offenlegt, war also schon im späten 18. Jahrhundert erloschen.

(2.1.3) Brentanos antimetaphysische Einstellung:

David Hume ist für seine These berühmt geworden, daß wir von einer Seele als Entität mit Substanzcharakter nicht sprechen können:

Nie, so oft ich es auch versuche, kann ich meiner selbst habhaft werden ohne eine Vorstellung, und nie kann ich etwas entdecken außer der Vorstellung.45

Trotzdem blieb Humes Erkenntnistheorie dem Grundgedanken verpflichtet, daß die sinnlichen Eindrücke (engl. „impressions“) in uns von einem ausgedehnten Körper verursacht werden. Diese Rahmenkonzeption, daß wir durch die synthetische Funktion des Verstandes zur Erkenntnis der Außenwelt gelangen, konnte auf Dauer nicht gehalten werden. Auch John

Locke hält an dieser Funktion fest, die er bereits in der sinnlichen Wahrnehmung verortet. Die Produktion von Ideen, wie auch deren Verknüpfung untereinander, ist mit dem Wahrnehmungsprozeß aufs Engste verbunden: „ ... where-ever there is Sense, or Perception, there some Idea is actually produced, and present in the Understanding.“46 Der amerikanische Locke-Interpret R.M. Yost hatte auf der Basis dieser Produktion von Ideen einst die These vertreten, daß Lockes Erkenntnisempirismus ein grundlegender Skeptizismus naturwissenschaftlicher Erkenntnis ist, sofern der als Erklärungsprinzip unentbehrliche korpuskulare Mechanismus der Materie durch Wahrnehmung prinzipiell nicht entdeckt werden kann.47 Diese These muß meines Erachtens jedoch zurückgewiesen werden, weil Locke durchaus an den Fortschritt empirischer Erkenntnis glaubt.

Auch Brentano hält eine Übereinstimmung zwischen dem, was der Verstand erfaßt und dem transzendenten Gegenstand nicht für möglich. Nun ging es jedoch bereits darum, den Skeptizismus der empirischen Erkenntnisbegründung durch eine Erneuerung des Rahmenkonzepts zu umgehen. Der deskriptiven Psychologie müsse diese Aufgabe gelingen. Dies ist in der Tat eine weitreichende Änderung des schon seit Bacon und Descartes vertretenen Grundmodells der Erkenntnis, wenn auch kein völliges Aufgeben dieses Modells. In einem ähnlichen Variationsversuch verwirft auch schon vor Brentano Theodor Gustav Fechner in seinem psycho-physischen Parallelismus die substantiellen Träger für psychische wie physische Zustände, weil nach Fechner Materie und Geist sich nur in ihren Erscheinungsformen unterscheiden.48

Nach Fechner ist Brentanos These von der „intentionalen Inexistenz“ des Gegenstandes nur eine weitere Variante der neuen Adjustierung des Verhältnisses von physischen und psychischen Erscheinungen. Diese Adjustierung ist noch aus einem zweiten Grunde wichtig: Es müssen die philosophischen Grundlagen für alle Untersuchungsgegenstände der empirischen Wissenschaften gelegt werden. Innere Erfahrung als Gegenstand der Psychologie bekommt jetzt den Status von eigentlicher philosophischer Erkenntnis, während die Naturwissenschaften zwar als empirische Wissenschaften die Methoden mit der deskriptiven Psychologie teilen, aber eine andere Perspektive auf den Bereich der menschlichen Erfahrung einnehmen und untersuchen. Für die Philosophie ist die deskriptive Psychologie jedoch von größerer Bedeutung. Sie hat, eine wenn auch nur sehr allgemeine, Begründungsfunktion für naturwissenschaftliche Erkenntnis. Anton Marty sagt explizit über die große Leistung der deskriptiven Psychologie für die Erkenntnislehre:

Und die gesamte Lehre von der Existenz der Außenwelt ist zunächst eine Hypothese, welche gebildet ist zur Erklärung der unmittelbar gegebenen Tatsachen der Innenwelt, so daß auch die Naturwissenschaften in letzter Instanz auf der inneren Erfahrung ruhen.49

Die vorsichtige Formulierung muß beachtet werden: Marty spricht nur von einer „in letzter Instanz“ durch innere Tatsachen vollzogenen Begründung der Lehre von der Existenz der Außenwelt. Insofern sie keinen „unmittelbaren Gegenstand der Erfahrung“ darstellen, muß man bei Brentano tatsächlich sagen, daß den Gegenständen der empirischen Naturwissenschaften ontologisch zwar dieselbe Natur wie den Gegenständen der deskriptiven Psychologie eignet. In Bezug auf die rein erkenntnistheoretischen Fragen haben wir es bei beiden Gegenstandsarten jedoch mit nur indirekt erfaßbaren Gegenstandsbereichen zu tun.

(2.1.4) Eine referenztheoretische Bemerkung:

Wenn wir es aber nicht mit den Erkenntnisgegenständen als substanzhaften Entitäten zu tun haben, dann stellt sich die Frage, was genau wir unter psychischen Phänomenen zu verstehen haben. Wie verhalten sich diese Phänomene referenztheoretisch zur physikalistisch beschreibbaren Körperwelt? Folgen wir der Psychologie vom empirischen Standpunkt, dann sind die unserem Bewußtsein erscheinenden Phänomene „Zeichen von etwas Wirklichem“, die durch ihre Einwirkung auf uns Vorstellungen erzeugen. Das heißt, daß wir in der Erkenntnistheorie keine Entsprechung einer Ähnlichkeit zwischen Wirklichkeit und Vorstellung vorauszusetzen brauchen. In dieser Konzeption der Zeichen sind wir nicht darauf angewiesen, daß die Vorstellungen exakte Abbilder oder Abbilder, die der Wirklichkeit nur ähnlich wären, sind. Wenn eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen psychischen Phänomenen und dem Wirklichen hergestellt würde, so könnte es in Brentanos Sinne gar keine direkte Erkenntnis geben, da es sich daher nur um eine bedeutungstheoretische Relation handelt. Das philosophische Interesse richtet sich eben nicht auf den empirischen Gegenstand, sondern auf die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem. So sind Phänomene, z.B. die Phänomene des Lichts, des Schalls und der Wärme etc. zwar Gegenstände intentionaler Akte, dies aber nicht als Wirkliches, sondern sofern sie als Zeichen in einer Beziehung zur Wirklichkeit stehen:

Die Phänomene des Lichtes, des Schalls, der Wärme, des Ortes und der örtlichen Bewegung [...] sind nicht Dinge, die wahrhaft und wirklich bestehen. Sie sind Zeichen von etwas Wirklichem, was durch seine Einwirkung ihre Vorstellung erzeugt. Aber sie sind deshalb kein entsprechendes Bild dieses Wirklichen, und geben von ihm nur in sehr unvollkommenem Sinne Kenntnis.50

An die Stelle der Abbildtheorie tritt daher in der Untersuchung ausschließlich psychischer Phänomene eine andere Theorie, deren genauer Charakter jedoch umstritten ist. Roderick M. Chisholm zufolge stellt die Intentionalität (als ein psychischer Akt) einen Bezug nur auf existierende und nicht existierende Gegenstände her. Existierende Gegenstände wären z.B. mein Schreibtisch, der jedoch nur als psychisches Phänomen epistemisch erfaßt wird. Ein Beispiel für einen nicht existierenden Gegenstand wäre hingegen ein Einhorn oder eine Meerjungfrau. Linda McAlister schematisiert die von Chisholm vorgeschlagene Interpretation der Referenztheorie Brentanos folgendermaßen51:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

McAlister hat kritisch angemerkt, daß die von Chisholm eingeführte Unterscheidung nicht ganz zutreffend sein kann, wenn auch die damit verbundene ontologische Unterscheidung zwischen existierenden und nichtexistierenden Gegenständen die Annahme weiterer Gegenstandsklassen auszuschließen scheint. Tatsächlich müssen wir bedenken, daß beim frühen Brentano eine intentionale Beziehung sowohl auf Reales, wie auf Irreales gerichtet sein kann. Das Irreale ist gleichbedeutend mit allem Nichtdinglichen, z.B. Universalien, Gattungen oder Werte, das Reale hingegen können existierende oder nichtexistierende individuelle Gegenstände sein.

Der Bezug der Intentionalität auf alle Bereiche innerer und äußerer Wirklichkeit besagt jedoch in kritischer Perspektive nur, daß Chisholm von einer Einschränkung des Bezugs intentionaler Gegenstände auf existierende und nicht existierende Gegenstände spricht. Der Bewußtseinsgegenstand, so können wir anmerken, muß aber gar nicht eingeschränkt werden auf existierende und nicht existierende Gegenstände. So gibt es ja auch Gegenstände für das Bewußtsein, die weder existieren, noch nicht existieren, wie z.B. Licht oder Schall, insofern sie als Gegenstände menschlicher Wahrnehmung verstanden werden. Derartige „heimatlose“ Gegenstände sind demnach immer auch Gegenstände für das Bewußtsein. Wir können daher Chisholms Interpretation der Referenz psychischer Phänomene erweitern:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schon bei Brentano wird meines Erachtens ein neues Verständnis der Referenzbeziehung vorbereitet. Der intuitiv vorrangige Referenzbezug auf existierende Gegenstände verliert also schon hier an Bedeutung.

(2.1.5) Zwei Argumente gegen die Korrespondenztheorie der Wahrheit:

Die Gewinnung objektiver Erkenntnis hängt vom jeweilig vertretenen Typus der Wahrheitstheorie ab. Brentano legt zwei Argumente gegen die Korrespondenztheorie der Wahrheit vor. Alle evidenten Urteile sind dennoch Urteile, deren Wahrheit gerade nicht im Sinne der Korrespondenztheorie verstanden werden können. Als Kriterium für die Wahl der Wahrheitstheorie kommen für Brentano nur die evidenten Urteile in Frage, da die Evidenz die einzige epistemische Qualifikation für Wahrheitsansprüche bietet.

(1) Das erste Argument, das sich dagegen richtet, daß die Brentanosche Evidenz des Urteils auf der Korrespondenz der Wahrheit fußt, lautet folgendermaßen: Um die Wahrheit eines Urteils U festzustellen, müßte man nach der Korrespondenztheorie auf ein Urteil U1 rekurrieren, welches U mit der Wirklichkeit vergleicht. Die Wahrheit von U1 bestünde aber ebenfalls in seiner Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, so daß wir auf ein weiteres Urteil U2 rekurrieren müßten etc. ad infinitum.52 Diese Kritik setzt Brentanos Theorie psychischer Phänomene schon voraus, d.h. selbst wenn wir uns mit unserem Urteil auf den wirklichen Urteilsgegenstand beziehen würden, hätten wir keinen epistemischen Zugang zum Gegenstand, außer durch einen weiteren epistemischen Akt. Erkenntnistheoretisch ist jedoch auch ohne einen infiniten Regress eine Korrespondenztheorie nicht vertretbar, weil sich der epistemische Zugang immer bloß auf den intentionalen Gegenstand richten kann, der per se kein transzendenter oder äußerer, sondern eben ein immanenter Gegenstand ist.
(2) Ein zweiter Grund für Brentano, die Korrespondenztheorie abzulehnen, besteht darin, daß sich negative Existentialurteile (von der Form „Gegenstand X existiert nicht“) nicht als Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit der Wirklichkeit deuten lassen.53 Tatsächlich beziehen wir uns intentional auf einen „Gegenstand X“ auch dann, wenn seine Existenz negiert wird. Worin sollte aber die Übereinstimmung des Erkenntnisgegenstands mit der Wirklichkeit bestehen, wenn wir seine Existenz doch verneinen? Die geurteilte Nichtexistenz trifft gar nicht auf die äußere Wirklichkeit zu. Also: Selbst wenn die im Urteil zustandegekommene Zuschreibung von Existenz auf einer korrespondierenden äußeren Wirklichkeit fußen würde, ist das bei der Nichtexistenz des Gegenstandes nicht möglich. Und selbst wenn es möglich wäre, sich auf Nichtexistenzen korrespondenztheoretisch zu beziehen, so argumentiert Brentano, hätten wir es mit einer überflüssigen Metaphysik des Nichtexistenten zu tun, weil wir dann annehmen müßten, daß das Nichtexistente einen ihm eigenen Seinsstatus besäße. Wenn wir also sagen „ein Zentaur ist halb Mensch, halb Pferd“, dann beziehen wir uns nach Brentano mit „Zentaur“ nur auf den Gegenstand des Aktes, und nicht auf ein Sein eines Nichtexistenten.54

(2.1.6) Intersubjektivität als Gültigkeit der Erkenntnis für alle erkennenden Subjekte:

(2.1.6.1) Mit dem evidenztheoretischen Wahrheitsbegriff stellt Brentano ein Konzept bereit, das er gegen die bloße Relativität aller Erkenntnis auf das erkennende empirische Subjekt einsetzt. Urteile beziehen sich auf Gegenstände in zweierlei sehr unterschiedlichen Weisen: (1) Wahrheit kann festgestellt werden aufgrund der empirischen Kontingenz des Urteilsgegenstandes und (2) Wahrheit kann festgestellt werden aufgrund der apodiktischen Gewißheit des Urteilsgegenstandes.

Brentano zufolge können wir dem Relativismus der Erkenntnis für empirische Urteile nicht entkommen. Urteile entgehen einem solchen Relativismus nur dadurch, daß die Evidenz intersubjektiv, d.h. für Brentano: nur durch Übereinstimmung der Evidenz unter den erkennenden Subjekten, hergestellt wird. Die Intersubjektivitätsproblematik stellt sich jedoch in der Perspektive der Unabhängigkeit der Evidenz von der Korrespondenz mit der Wirklichkeit neu. Daran anschließend werden die rein faktisch-empirischen Urteile, die jeweils individuell und deren Wahrheit abhängig von Raum und Zeit sind, neu eingestuft, nämlich als dezidiert nicht-evidente Urteile.

Es gibt also Urteile, bei welchen sich die Wahrheit den empirischen Fakten entsprechend ändern kann (Brentano nennt sie „blinde“ Urteile), und andere Urteile, deren Evidenz unabhängig von Ort und Zeit gleichbleibt. Das ist keine ontologische Aussage, sondern die Unabhängigkeit bezieht sich nur auf die Erkenntnisbegründung. Brentano argumentiert mit dieser Unterscheidung gerade gegen die Position eines Erkenntnisrelativismus. Um die Position des Relativisten zu vertreten, müßte man nach Brentanos Lehre annehmen, daß die Wahrheit aller Urteile von den empirischen Fakten abhängt. Dasselbe Urteil, das heute ein wahres Urteil ist, könnte dann, abhängig von einer Veränderung der empirischen Fakten, morgen ein falsches Urteil sein. Obwohl es diese Urteile, die von kontingenten Fakten der äußeren Wirklichkeit abhängen, gibt, ist jedoch Wahrheit für Brentano (im Gegensatz zu den Korrespondenztheoretikern) mehr als nur eine extrinsische Eigenschaft. Korrespondenztheoretische Wahrheit ist nach Brentano ein Wahrheitsbegriff ohne zureichende epistemische Rechtfertigung. Evidente Urteile hingegen sind eo ipso wahr, sie können also gar nicht aufhören, wahr zu sein. Sie sind auch deshalb wahr, weil der epistemische Zugang zur Evidenz direkt erfolgt, d.h. wir wissen unmittelbar, daß die Urteile wahr sind.

Brentano ist sich wohl bewußt, daß diese Position verwundbar ist. So spricht er von einem möglichen Zirkelschluß, wenn die Übereinstimmung nur unter allen Menschen dazu dienen soll, evidente Urteile zu erzeugen und er bedauert, daß sich Descartes’ Evidenzbegriff nur mit Selbstwahrnehmung auseinandersetzt, so daß der Erkenntnisbezug zur Außenwelt wieder infrage gestellt ist.55 Trotz der Einsicht in diese Kritik hält er jedoch am Evidenzbegriff als Kriterium der Erkenntnis fest.

(2.1.6.2) Intersubjektivität der Erkenntnis wird also hergestellt durch die intersubjektive Gültigkeit des Urteils jedes urteilenden Subjekts: Das Urteil „A ist“ kann nur entweder falsch oder wahr sein. Von zwei Urteilenden, die beide urteilen „A ist“ kann der eine nicht richtig und der andere falsch geurteilt haben. Wenn der eine mit Evidenz urteilt „A ist“ und der zweite ohne Evidenz urteilt „A ist nicht“, so kann es eben nicht sein, daß sich der erstere im Irrtum befindet:

Von denen, welche ein Ding anerkennen oder leugnen, sagt er [welcher sich weigert außer den Dingen auch noch das Sein und Nichtsein von Dingen als Gegenstände von Anerkennung und Verwerfung gelten zu lassen] ja, daß nicht alle es blind, sondern manche mit Evidenz tun, und daß nicht dann jede Möglichkeit eines Irrtums sowie auch jede Möglichkeit ausgeschlossen ist, daß ein anderer, der entgegengesetzt urteilt, sich nicht im Irrtum befindet.56

Von zweien, die beide A mit Evidenz anerkennen, kann nicht der eine richtig und der andere falsch geurteilt haben. So wird Intersubjektivität der Erkenntnis bei Brentano ganz ohne Bezug auf eine korrespondierende, bewußtseinsunabhängige äußere Wirklichkeit hergestellt. Die Erkenntnisbegründung ist zwar eine innere, der Geltungsbereich der Begründung ist aber nicht beschränkt auf innere Wirklichkeit, sondern erstreckt sich gerade auch auf die Erkenntnis der äußeren Wirklichkeit.

Eine mögliche Kritik am Evidenzbegriff ist, daß wir es trotzdem mit einer bloßen Relativität der Wahrheit des Urteils auf den jeweiligen Urteilenden zu tun haben. Sie kommt aber meines Erachtens deshalb nicht zum Tragen, weil wir die Möglichkeit haben, durch Erkenntnisübermittlung die Urteile verschiedener Subjekte miteinander zu vergleichen.

(2.1.7) Strategien zur Abwehr eines Psychologismus:

(2.1.7.1) Erstes Argument gegen den Psychologismusverdacht: Auch z.B. die Farbe Rot, die von mir wahrgenommen wird, ist für Brentano kein Meinongscher „heimatloser“ Gegenstand. Die Rotempfindung wurde ein „heimatloser“ Gegenstand genannt, weil sie weder mit den Mitteln der Physik, noch als eine rein subjektive Wahrnehmung erklärt werden kann. Die Farbe Rot ist mit der intentionalen Beziehung auf diesen Gegenstand ein Gegenstand des Bewußtseins und das ist genug, um sie in ihrer Gegenständlichkeit zu kennzeichnen. Das Bewußtsein wird gleichgesetzt mit dem psychischen Akt.57 Das ist jedenfalls die Position der Psychologie vom empirischen Standpunkt. Für den späten Brentano hingegen gibt es keine Irrealia, d.h. nicht-individuellen Gegenstände der intentionalen Beziehung mehr, geschweige denn, daß man solchen irrealen Gegenständen eine Ontologie zuweisen oder eine eigene Seinsweise zusprechen müßte.

Entgegen dem ersten Anschein verschließt sich jedoch die Position Brentanos zunächst vor dem Vorwurf des Psychologismus: Das Bewußtsein von einem Gegenstand wird zunächst durch bloße Bewußtseinsreflexion erfaßt (jedenfalls nicht durch einen zweiten psychischen Akt, der auf den ersten psychischen Akt gerichtet ist). Brentano selbst spricht nicht von Bewußtseinsreflexion, sondern davon, daß das Bewußtsein von Etwas mit einem sekundären Bewußtsein ausgestattet ist. Dieses Erfassen des Bewußtseins reicht jedoch nicht hin, um Brentano einen Psychologisten zu nennen. Denn wohl ist der eigentliche psychische Akt ein Erfassungsakt des Gegenstandes, das sekundäre Bewußtsein dieses Aktes hingegen ist nur ein Gewahrwerden. Folgen wir der Psychologie vom empirischen Standpunkt, dann gilt das allgemein: Die alle psychischen Phänomene charakterisierende „intentionale Inexistenz“ des dem Bewußtsein gegebenen Gegenstandes wird nur in der Reflexion bewußt.

Durch Reflexion können wir so vom bloßen Erfassen des Gegenstandes abstrahieren und können das „primäre Objekt“ vom „sekundären Objekt“ unterscheiden. So ist zum Beispiel der gehörte Ton das „primäre Objekt“, das Hören (des Tons) ist das „sekundäre Objekt“, wobei mit dem „sekundären Objekt“ der Vorgang des Hörens also selbst zum Inhalt des Bewußtseins wird.58 Wir haben es also mit keiner Stufenleiter psychischer Akte zu tun (z.B. einen sekundären Akt, der den primären Akt zum Gegenstand hat, und einen tertiären Akt, der den sekundären Akt zum Gegenstand hat etc.), sondern mit der Selbstwahrnehmung des den Akt vollziehenden Bewußtseins.59

Das Bewußtsein des psychischen Aktes wird darüberhinaus unterschieden, nicht nur vom psychischen Erfassen, sondern auch vom Beobachten der Naturwissenschaften. Brentano stellt uns das Beobachten als einen Begriff zur Verfügung, der den Zugriff nur zum primären Objekt charakterisiert:

In Wahrheit kann etwas, was nur sekundäres Objekt eines Aktes ist, zwar in ihm bewußt, nicht aber in ihm beobachtet sein; zur Beobachtung gehört vielmehr, daß man sich dem Gegenstande als primärem Objekte zuwende.60

Im Bewußtsein innerer Wahrnehmung fehlt die objektivierende Distanz der Beobachtung. So ist auch für die Psychologie als eigener Disziplin die innere Wahrnehmung (und nicht die Beobachtung), die sie gegenüber den Naturwissenschaften auszeichnende primäre Erkenntnisquelle:61

Ja die innere Wahrnehmung hat das Eigentümliche, daß sie nie innere Beobachtung werden kann. Gegenstände, die man, wie man zu sagen pflegt, äußerlich wahrnimmt, kann man beobachten, man wendet, um die Erscheinung genau aufzufassen, ihr seine volle Aufmerksamkeit zu. Bei Gegenständen, die man innerlich wahrnimmt, ist dies aber vollständig unmöglich. Dies ist insbesondere bei gewissen psychischen Phänomenen, wie z.B. beim Zorne unverkennbar. Denn wer den Zorn, der in ihm glüht, beobachten wollte, bei dem wäre er offenbar bereits gekühlt, und der Gegenstand der Beobachtung verschwunden.62

Eine Beobachtung im Bereich psychischer Phänomene würde den beobachteten Gegenstand mitbeeinflussen, wie in Brentanos Beispiel der Selbstbeobachtung des eigenen Zorns. Der selbst wahrgenommene Zorn kühlt ab und verändert sich so im Prozeß der Wahrnehmung. Wir können daher weder von einer psychologisierenden, noch von einer naturwissenschaftlich objektivierenden Zugangsweise zu psychischen Phänomenen sprechen.

(2.1.7.2) Zweites Argument gegen den Psychologismusverdacht: Die zweite Strategie Brentanos ist negativ. Sie besteht darin zu zeigen, daß wir es in der Korrespondenztheorie nur mit einem sehr schlecht vertretbaren Konzept intersubjektiver Erkenntnis zu tun haben. Das hätte aber noch keine Folgen für die möglicherweise psychologistische Interpretation des intentionalen Aktes. Die „Einheit der Wahrheit für alle“ bestehe diesem Vorwurf zufolge darin, daß dem wahren Urteil etwas „außerhalb des Geistes“ entspräche, was dann für jeden Urteilenden als transzendenter Erkenntisgegenstand objektiv und unveränderlich in der Welt vorgegeben wäre.63 Wir müssen Brentano wohl recht geben, daß das Fehlen dieses Realismus an sich noch kein Verfallen in einen Psychologismus bedeutet.

(2.1.8) Brentanos letztliches Zugeständnis an einen Psychologismus der intentionalen Beziehung:

(2.1.8.1) Brentano macht Zugeständnisse, was das psychische Erfassen der Gegenstände betrifft:64 Erinnern wir uns, daß das Urteil eine der Arten (neben dem Vorstellen) ist, den Gegenstand psychisch zu erfassen. Auch die Logik im Allgemeinen geht für Brentano nicht über Vorgänge des psychischen Erfassens hinaus.65 Ein logisch „richtiges“ Urteil ist kein rein normatives Konstrukt, sondern nichts anderes als ein evidentes Urteil. Evidenz hängt mit dem vollzogenen Urteilsakt zusammen. Folgedessen ist nichts leichter als Brentanos Position als einen Psychologismus anzusehen. Das eigentliche Problem jedoch ist, daß dieser Vorwurf auf der Basis geschieht, daß es intuitiv keine richtige Position sein kann, nur erkenntnisimmanente Erkenntniskriterien anzuerkennen. Mit ausschließlich immanenten Kriterien ist eine hinreichende Erkenntnisbegründung für alle Bereiche empirisch- wissenschaftlicher Erkenntnis schwer durchzuführen. Diese Kritik an der Brentanoschule ist dann im logischen Positivismus, z.B. durch Moritz Schlick, weiterverfolgt und ausgebaut worden.

Ein möglicher Kritikpunkt, der für die Berechtigung der Anschuldigung eines Psychologismus spricht, ist, daß bei Brentano der intentionale Gegenstand mit keiner ontologischen Setzung verbunden ist. Wir beziehen uns nämlich im Urteil nur durch Anerkennung oder Verwerfung auf einen Gegenstand. Durch ein Urteil, das evidentermaßen wahr ist, beziehen wir uns auf einen Gegenstand, ohne daß damit noch eine Aussage über den Wirklichkeitsstatus des Gegenstandes getroffen wäre. So können wir auch nicht von einem bewußtseinsunabhängigen Sein oder Nichtsein des Gegenstandes sprechen. Der Bezug auf psychisch gegebene Gegenstände ist also in keinem Fall ein Bezug auf deren Sein oder Nichtsein. So verhält sich das zum Beispiel auch bei nicht existenden Gegenständen:

Wer sagt, daß das Nichtsein eines Zentauren sei, oder auch die Frage, ob ein Zentaur nicht sei, mit einem ‚so ist es’ beantwortet, will nichts anderes sagen, als daß er den Zentauren mit dem Modus praesens leugne und als Folge davon auch glaube, daß jeder, der einen Zentauren leugne, richtig urteile. Aristoteles sagt darum ganz richtig, jenes ‚so ist es’, wodurch wir einem Urteil beipflichten, besage nichts anderes, als das Urteil sei wahr, und die Wahrheit bestehe nicht außer dem Urteilenden, mit anderen Worten nur in jenem uneigentlichen Sinn, nicht aber eigentlich und in Wirklichkeit.66

Trotz Brentanos ablehnender Haltung gegenüber einer Identität von Gegenstandsbezug und Seinsbezug ist in der späteren Rezeption argumentiert worden, daß wir es trotzdem bei der Referenz der intentionalen Beziehung mit einer Ontologie zu tun haben. Ist nicht der intentionale Gegenstand zwangsläufig mit einer ontologischen Setzung verbunden, da wir uns doch intentional auch auf nicht existierende Gegenstände beziehen können?67 Genau gesagt müssen Gegenstände weder existieren, noch nicht existieren, um Gegenstände einer intentionalen Beziehung zu sein. Andererseits könnte man jedoch auch vermuten, daß bei Brentano dieses Sein des Gegenstandes durch die intentionale Beziehung auf einen Gegenstand gar nicht unabhängig vom Bewußtsein gedacht werden kann. Obwohl also die Existenz oder die Nichtexistenz des Gegenstandes das Sein von Gegenständen nicht voll ausschöpft, lehnt Brentano ein unabhängiges Sein (also: über seine Existenz oder Nichtexistenz hinausgehendes Sein) des Gegenstandes des intentionalen Aktes jedenfalls strikt ab.

(2.1.8.2) Das gilt nicht nur von Gegenständen, insofern sie psychische Inhalte sind, sondern auch dann, wenn man auf die sprachliche Verfaßtheit der Gegenstände acht nimmt. Urteile sind nämlich schon bei Brentano immer sprachlich verfaßte psychische Akte. Man kann von einer psychologischen Bedeutungstheorie sprechen. Reinhard Kamitz unterscheidet im Textbefund eine gegenständliche Variante68 (psychische Prozesse sind hier identisch mit den Bedeutungen sprachlicher Gebilde) und eine nichtgegenständliche Variante69 (in diesem Fall existieren gar keine Bedeutungen, da sie keine Dinge sind) psychologischer Bedeutungstheorie. Brentanos Sprachkritik ist also jederzeit ein Psychologismus.

(2.1.8.3) Nach den obigen Ausführungen haben wir festgestellt, daß es unberechtigt ist, Brentanos Version eines Internalismus in der Erkenntnistheorie schon deswegen zu verwerfen, weil es für ihn ausschließlich internale Erkenntniskriterien gibt, und damit die Voraussetzungen für eine empiristisch-wissenschaftliche Erkenntnisbegründung gar nicht gegeben sein kann, wie Moritz Schlick uns nahelegte. Ganz im Gegenteil argumentiert Brentano recht überzeugend gegen die Korrespondenztheorie und gegen die Abbildtheorie der Erkenntnis.

Wenige Jahre später zeigt Meinong jedoch, wie verwundbar die Brentanosche Konzeption der intentionalen Inexistenz der Gegenstände ist. Die Gefahr des Relativismus der Erkenntnis auf das erkennende Subjekt führt zur Einführung der sogenannten Objektive (Sachverhaltsobjekte), die als eigene Gegenstandsklasse eine nun wirklich bewußtseinsunabhängige Ontologie der Gegenstände ermöglichen soll. Wir müssen jedoch fragen, bis zu welchem Grade auch Meinongs verbesserte Strategie, obwohl sie zweifelsohne einem Relativismus begegnet, einem Psychologismusvorwurf wirklich begegnen kann. Wenn der Psychologismusverdacht nicht vermeidbar ist, dann kann das Problem des Erkenntnisbezugs auf empirische Gegenstände nicht gelöst werden. Wenn dies so ist, dann haben wir es mit dem Scheitern der Brentanoschule mit einer bedeutenden Entwicklung der modernen Philosophiegeschichte zu tun, nämlich die entgültige Kapitulation einer vertretbaren internalistischen Erkenntnistheorie.

(2.2) Eine Analyse der Programmschrift Meinongs: „Über Gegenstandstheorie“ (1904)

(Sektionen 2.2.1 – 2.2.2)

(2.2.1) Das Motiv für die Einführung der Gegenstandstheorie als einer eigenen Wissenschenschaftsdisziplin:

Die Tatsache, daß alle psychischen Geschehnisse immer auf einen Gegenstand gerichtet sind, wirft die Frage nach der Zuständigkeit der theoretischen Bearbeitung dieser Gegenstände aller psychischen Akte auf. Meinong differenziert auf dieser Basis zunächst folgende Gegenstandsarten in Entsprechung des ihnen korrelierten psychischen Geschehens:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als Gegenstände psychischer Akte scheint sich mit den Gegenständen zunächst ausschließlich die Psychologie beschäftigen zu müssen. Vom Standpunkt der Einzeldisziplin Psychologie ist diese Beschäftigung auch sicherlich einsichtig. Während wir uns jedoch in der Einzeldisziplin mit verschiedenen Gegenstandsarten beschäftigen, muß es eine Wissenschaft geben, die sich mit dem „Gegenstand als solchem und in seiner Allgemeinheit“ befaßt. Diese Allgemeinwissenschaft müsse nicht nur auf dem Wissen der Einzeldisziplinen aufbauen, sondern darüberhinaus geht es Meinong darum, den Übergang zwischen heterogenen Wissensgebieten herzustellen. Das „Auseinanderfallen“ von Wissensgebieten ist stets ein Nachteil. Um welche Lücke zwischen Wissensgebieten geht es jedoch in diesem Fall?

(2.2.1.1) Psychologie und Metaphysik: Eine Allgemeinwissenschaft der Gegenstände ist bereits gegeben - die Metaphysik. Sie ist nichts anderes als die Allgemeinwissenschaft vom Wirklichen. Metaphysik ist aber nicht umfassend genug, da es bei Gegenständen im Allgemeinen nicht nur um wirkliche Gegenstände gehen kann:

die Gesamtheit dessen, was existiert, mit Einschluß dessen, was existiert hat und existieren wird, ist unendlich klein im Vergleich mit der Gesamtheit der Erkenntnisgegenstände.70

Gegenstandstheorie beschäftigt sich zwar auch mit Gegenständen im Allgemeinen, aber nicht insofern sie wirklich sind. Die gegenstandstheoretische Klassifikation eines Gegenstandes muß darin bestehen, daß dem Gegenstand weder Sein im engen Sinne (Existenz) noch Bestand (das bloße Sein eines Vorstellungsgegenstandes) zukommt. Es geht also um eine Wissenschaft der Gegenstände, die eine ontologische Klassifizierung der Gegenstände zwischen Existenz und Bestand zuläßt, das Wesen der Gegenständlichkeit also in diesem Zwischenbereich lokalisiert – zwischen Metaphysik und Psychologie.

Die Untersuchung der Wesensstruktur von Gegenständen richtet sich dabei auf die Natur der Erkenntnisgegenstände. Die Gegenstände der Wissenschaft sind immer zuerst Erkenntnisgegenstände:

Gegenstände, zu was für Erlebnissen auch immer sie gehören mögen, sind ganz unfehlbar auch Erkenntnisgegenstände. Wer also die Gegenstände sozusagen vom Standpunkte des Erkennens aus wissenschaftlich zu bearbeiten unternimmt, braucht nicht zu besorgen, er könnte durch diese Stellung der Aufgabe irgendein Gebiet aus der Gesamtheit der Gegenstände ausschließen.71

Der Brentanosche Erkenntnisgegenstand bedarf einer Präzisierung, was den Erkenntnisstatus betrifft. Es war nämlich zunächst nur eine unbegründete Annahme, daß das intentionale Korrelat psychischer Akte existieren oder nicht existieren können. Die Existenzzuschreibung oder Existenzabsprechung des Korrelats psychischer Akte war bei Brentano gar nicht der entscheidende Punkt in der deskriptiven Psychologie. Es tritt jedoch die Schwierigkeit auf, daß es sich aber nun einmal bei der gesuchten Gegenstandsnatur nicht unqualifiziert um Gegenstände des Bewußtseins handeln kann. Das wäre erkenntnistheoretisch vollkommen unbefriedigend.

(2.2.2) Die Abgrenzung der Gegenstandstheorie von anderen Disziplinen:

(2.2.2.1) Die Abgrenzung gegenüber der Psychologie: Meinong streitet in seiner Programmschrift von 1904 die „Bedeutung der Gegenständlichkeit für das psychische Leben“ keineswegs ab. Ganz im Brentanoschen Sinne gesteht Meinong zu, daß es offensichtlich die Psychologie ist, die sich „mit den Gegenständen als solchen werde zu beschäftigen haben.“72 In der Psychologie beschäftigen wir uns aber immer mit besonderen Gegenstandsarten, also mit der Natur der Gegenstände insbesondere, aber nicht mit der Natur der Gegenstände im Allgemeinen.

Die Psychologie beschäftigt sich darüberhinaus mit dem praktischen Erfassen der Gegenstände. Dem theoretischen Erfassen habe die Grammatik bereits vorgearbeitet.73 Es sind jedoch nicht grammatische, sondern erkenntnistheoretische Überlegungen, die uns zu der Einsicht bringen, daß die Natur der Gegenstände nicht durch den semantischen Bezug zur Wortbedeutung charakterisiert werden kann. Der berechtigte Vorbehalt gegen die bedeutungstheoretische Deutung von Gegenständlichkeit wird in Über Gegenstandstheorie am Beispiel der Farben deutlich herausgearbeitet.74 Eine sinnliche Qualität wie eine Farbe kann nicht auf die Wortbedeutung (Rot, Blau, Grün ... etc.) reduziert werden. Farbe inhäriert aber auch nicht der Vorstellung, sondern sie ist ein Gegenstand, der der Vorstellung äußerlich gegenübersteht.

Meinong argumentiert interessanterweise mit einem metaphysischen Argument für die Gegenstandsnatur der Farben als außerhalb der Vorstellung gelegen. „Esse“ kann nicht auf „cogitari“ reduziert werden: Denke ich an ein Weiß, das heller ist als es je ein menschliches Auge gesehen hat, dann kann die Konzeption dieses Ultraweiß nicht eine psychologische Konzeption sein. Dieses Argument gegen den metaphysischen Idealismus und für den metaphysischen Realismus am Beispiel der Farben ist tatsächlich eine für den Fortschrittsgedanken der empirischen Naturwissenschaften unentbehrliche Annahme. Diese Annahme wird in der Programmschrift tatsächlich auch für die Einführung der Gegenstandstheorie gebraucht.

(2.2.2.2) Die Abgrenzung gegenüber der Erkenntnistheorie: Gegenstandstheorie, so Meinong 1904, könne nicht auf Erkenntnistheorie reduziert werden. Dies deshalb, weil die Gegenstandstheorie dazu gedient hat, einen „Platz“ für die Mathematik ausfindig zu machen. Die Gegenstandsthoerie hat also neben ihrer Selbstrechtfertigung die Aufgabe, eine Ordnung des Wissenschaftssystems herzustellen.

Ich hatte oben auf die Tatsache hinzuweisen, daß man im System der Wissenschaften für die Mathematik eigentlich nie einen recht natürlichen Platz hat ausfindig machen können. Irre ich nicht, so hatte das der Hauptsache nach darin seinen Grund, daß der Begriff der Gegenstandstheorie noch nicht gebildet war; die Mathematik aber im wesentlichen ein Stück Gegenstandstheorie ist. Ich sage „im wesentlichen“ und möchte damit, das meinte ich mit den eben berührten Ungeklärtheiten, die Eventualität einer noch irgendwie ganz eigenartigen Differentiation mathematischer Interessen ausdrücklich offengelassen haben. Von derlei abgesehen scheint mir ganz offenbar, daß der Mathematik auf ihrem Gebiete innerliche und äußerliche Momente den Vorzug gesichert haben, zu leisten, was für das Gesamtgebiet der Gegenstände durchzuführen sich die Gegenstandstheorie zur Aufgabe stellen, oder wohl nur als freilich unerreichbares Ideal vor Augen halten muß. Hat es aber damit seine Richtigkeit, dann ist vollends unverkennbar, wie wenig gegenstandstheoretische Interessen, sobald ihnen einigermaßen ins Speziellere hinein Rechnung getragen wird, noch erkenntnistheoretische Interessen sind.75

Einerseits ist in der Erkenntnistheorie der Gegenstand primär existierend. Die Mathematik lehrt hingegen von einer anderen Gegenständlichkeit. Die Gegenstände der Geometrie sind gleichzeitig der konkrete Anlaß, anhand deren die allgemeine Natur der Erkenntnisgegenstände erläutert wird. Anstatt dem Ausgangspunkt verschiedener Gegenstandsarten ist nun der Erkenntniszugang zu den Gegenständen „in allergrößter Allgemeinheit“ zu untersuchen, mathematische und Erkenntnisgegenstände umfassend, weil nur der Erkenntniszugang, und nicht etwa der Zugang zu Gegenständen des Begehrens (also einer praktischen Tätigkeit), die Natur der Gegenständlichkeit selbst aufdecken kann. Worin aber besteht diese Natur?

Kreise und Dreiecke sind Gegenstände, die kein Dasein benötigen. Wir haben es hier immer mit einer „schematisierten Wirklichkeit“ zu tun, einer „Art Ideal, dem die Natur sich mehr oder weniger annähern mag.“76

Die Seinsweise der Gegenstände der Mathematik werden von Meinong später in Über die Stellung der Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften77 näher untersucht. Mathematische Urteile, so führt er dort aus, können keine hypothetischen Urteile sein. Denn dem hypothetischen Urteil zufolge kann man von den nicht existierenden Dingen auch nichts aussagen. Der Satz

„Wenn ein gleichseitiges Dreieck wirklich ist, d.h. wenn es existiert, dann ist es auch gleichwinklig“

scheint tatsächlich die Frage offen zu lassen, was ist, wenn das gleichseitige Dreieck nicht existiert? Und wenn es nicht existiert, ist es dann nicht gleichwinklig?

Urteile über mathematische Gegenstände können in diesem Sinne nicht hypothetische Urteile sein: Es kann nicht in Frage stehen, daß ein gleichseitiges Dreieck immer gleichwinkelig ist. Dieses Urteil ist also völlig unabhängig von der Existenz oder Nichtexistenz des Gegenstandes.

Unabhängig von der Existenz können wir es aber auch nicht mit Vorstellungsgesetzen zu tun haben. Vorstellungsgesetze wären noch Gegenstand der Psychologie. Die Geometrie beschäftigt sich aber nicht mit den Vorstellungsgesetzen, denn auch Sätze über Vorstellungsgesetze sind Sätze über Wirkliches, nämlich psychisch Wirkliches.78 Die Gegenstände der Psychologie sind aber, wie die Gegenstände der Mathematik, als unabhängig von psychischem Geschehen festzuhalten.

(2.2.2.3) Die Gegenstandstheorie als eigene Wissenschaft: Meinong unterscheidet ferner die allgemeine von der speziellen Gegenstandstheorie. Der Gegenstandstheorie kommt nämlich eine doppelte Aufgabe zu. Einerseits tritt sie an die Stelle „sämtlicher einschlägiger Spezialwissenschaften“ als eine Wissenschaft von größter Allgemeinheit. Andererseits beschäftigen sich auch Spezialwissenschaften mit der Natur der Gegenstände. Hier sei die Mathematik „die einzige und in ihrer Eigenart bekannte und anerkannte Spezalwissenschaft.“79

Die Mathematik fällt dabei jedoch nicht bezüglich ihres methodischen Verfahrens, sondern nur betreffs der Einordnung ihrer Gegenstände ins System der Wissenschaften in den Bereich gegenstandstheoretischer Untersuchungen. Insofern findet also durch die Einführung einer Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften sowohl die Mathematik ihren Platz, wie gerade dadurch die Einführung der Gegenstandstheorie selbst legitimiert wird:

Mathematik ist sicher nicht Gegenstandstheorie, sondern nach wie vor eine Wissenschaft für sich; aber ihre Gegenstände liegen im Bereich dessen, das in seiner Totalität die auch ihrerseits eigenberechtigte Gegenstandsthorie zu bearbeiten hat.80

Die tatsächliche Fruchtbarkeit der speziellen Gegenstandstheorie dient also hier als experimentum crucis für die Sinnhaftigkeit der allgemeinen Gegenstandstheorie. Über Gegenstandstheorie geht also von dem Tatbestand der Vorstellungsgegenstände, insbesondere auch den geometrischen Gegenständen aus, sofern sie psychisch erfaßt werden. Meinong betont jedoch gegen Ende der Schrift, daß das Bearbeiten psychischer Erlebnisse in der Gegenstandstheorie nur einen „Vorsprung“ mit Rücksicht auf die Technik der Untersuchung hat. Darin seien sich Metaphysik und Gegenstandstheorie nun wieder einig:

Aus dem Umstande, daß die Metaphysik es zwar auch mit Psychischem, aber nicht nur mit Psychischem, sondern auch mit Physischem zu tun hat, habe ich seinerzeit die Konsequenz gezogen, daß zur Bearbeitung metaphysischer Probleme nicht nur der Vertreter der Wissenschaften des Psychischen, sondern nicht minder der Vertreter der Wissenschaften des Physischen berechtigt und berufen sei. Mir scheint nun in der Tat, daß man nicht umhin können wird, ganz das Nämliche auch in betreff der Gegenstandstheorie einzuräumen. Zwar dürfte hinsichtlich der Forschungstechnik sowohl in der Metaphysik wie in der Gegenstandstheorie derjenige einen gewissen Vorsprung haben, der auf die wissenschaftliche Bearbeitung psychischer Erlebnisse eingeübt ist: speziell in betreff der Gegenstandstheorie spricht die Tatsache, daß man bei ihr mit einer, wie wir wissen, gelegentlich verhängnisvollen Leichtigkeit ins Psychologische hineingerät, eine nicht mißzuverstehende Sprache.
Aber mehr als Rücksichten der Technik sind dies nicht:81

Weil die Metaphysik nicht nur Physisches, sondern auch Psychisches behandelt, steht sie der Gegenstandstheorie letztlich wieder nahe. Was Gegenstandstheorie von einer Wirklichkeitstheorie unterscheidet ist letztlich nur ihr „apriorischer Charakter“. Apriorizität ist hier sehr weit gefaßt als Gegenständlichkeit im Sinne Lockescher transzendenter, empirischer Gegenstände. Dieser Charakter bezieht sich auf die Seinsweise der Gegenstände, genauer ihr nichtempirisches Sein. Die Gegenstände selbst können dabei durchaus empirische sein. In einem Schema können wir daher folgende Untersuchungsfelder der verglichenen Allgemeinwissenschaften festhalten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(2.2.2.4) Unser Autor ging 1904 von der Leistung der speziellen Gegenstandstheorie aus, um für die Einführung der allgemeinen zu argumentieren. Die allgemeine Gegenstandstheorie entwickelt ihre Eigenberechtigung erst in späteren Schriften mit dem Bezug auf die Leistung für die Physik. Meinongs Begriff von Gegenständlichkeit, also schon die allgemeine Gegenstandstheorie, stellt sich als ein wichtiges, geistiges Bindeglied für die naturwissenschaftlichen Disziplinen in ihrem Streben Wirklichkeit zu erfassen dar. Auch die Eigenständigkeit gegenüber der Erkenntnistheorie kommt erst hier wirklich zur Geltung, weil Erkenntnistheorie sich immer auf das Gegebensein von Erkenntnisgegenständen bezieht. 1907 spricht der Autor dezidiert von „heimatlosen Gegenständen“, die zunächst nur vorhandene begriffliche Festlegungen sein können:

Hat aber sonach die Sinnespsychologie und in verwandter Weise die Sinnesphysiologie guten Grund, auch den Empfindungsgegenständen nachzufragen, so ist durch Aufzeigen derselben doch noch durchaus nicht die Frage beantwortet, vor das Forum welcher Wissenschaft diese durch Empfindungen erfassbaren Gegenstände sozusagen um ihrer selbst willen, also zunächst nicht bloss hinsichtlich ihrer Beziehungen zu unserem psychophysischen Leben denn eigentlich gehören. Man könnte etwa vorübergehend an die Physik denken. Aber der Physiker wird auf Farben oder Töne in dieser eigentlichen Wortbedeutung schwerlich Anspruch erheben, da ihn ja gerade seine Wissenschaft darüber belehrt hat, dass dort, wo wir Farben zu sehen, Töne zu hören meinen, weit eher etwas wie Schwingungsvorgänge vorliegt – wobei aber noch sehr wohl möglich wäre, dass auch diese Schwingungen nicht mehr sind als ein hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit zurzeit durch kein anderes überholtes Gleichnis.82

Farben sind solche nicht nur mit psychologischen, sondern gerade mit physikalischen Mitteln noch nicht eindeutig zu klassifizierenden Gegenstände, die erst mit der Meinongschen Konzeption von Gegenständen als Untersuchungsgegenstände greifbar werden. Sie sind aber keine fertigen Erkenntnisgegenstände. Der Anspruch der neuen Theorie wird also nach Über Gegenstandstheorie noch ausgeweitet, und zwar darauf, die Erkenntnisgegenstände zukünftiger naturwissenschaftlicher Forschung zu fixieren bzw. zunächst begrifflich festzulegen, zu umreißen. Meinong hat sicherlich recht, wenn er sagt, daß die Naturwissenschaften in erster Linie „Tatsachenwissenschaften“ sind, also vom Wirklichen ausgehen. Tatsachen seien aber meist nur die Resultate wissenschaftlicher Vorgehensweise.

Die Rahmentheorie für die Vorgehensweise, z.B. die Gegenstände der allgemeinen Gegenstandstheorie, muß also den Tatsachenwissenschaften vorgeordnet sein, wie sie überhaupt begrifflich den zu untersuchenden Gegenstandsbereich der empirischen Forschung in seiner prinzipiellen Beschaffenheit erst bestimmte Eigenschaften zuschreibt und die daraus resultierenden Konsequenzen der weiteren Gegenstandsbestimmungen untersucht.

Abschnitt (B) : Ist die Durchführung von Meinongs Programm erfolgreich?

(2)

(2.3) Meinongs Wahrnehmungstheorie: Erfolg und Niederlage auf dem Weg zwischen

Erkenntnissubjektivismus und erkenntnistheoretischem Skeptizismus

(Sektionen 2.3.0 – 2.3.12)

(2.3.0) Maria E. Reicher hat in einem jüngst veröffentlichten Aufsatz von den zwei geistigen Wurzeln der Grazer Schule gesprochen. Neben Franz Brentanos deskriptiver Psychologie nennt sie meines Erachtens vollkommen richtig den britischen Empirismus als eine zweite Wurzel:83

Das Erbe des klassischen Empirismus ist, wie ich unten ausführen werde, durchaus aus Meinongs erkenntnistheoretischer Problemstellung ersichtlich. David Humes Skepsis nachfolgend mußte eine empiristische Erkenntnistheorie gerade einen dritten Weg zwischen den Extremen von Subjektivismus und Erkenntnisskeptizismus beschreiten. Wie andere empiristisch orientierte Denker, so versucht auch Meinong, immer noch ausgehend von der sinnlichen Wahrnehmung, in einem Aufbau der Erkenntnis einen Weg zu gehen, der diese beiden Extreme vermeidet. Es wird jedoch zu fragen sein, ob sein Aufbau der intersubjektiven (also weder als subjektivistisch, noch als skeptizistisch zu kritisierenden) empirischen Erkenntnis einen überzeugenden Weg zwischen diesen Extremen findet?

Zur Charakterisierung des Weges muß zunächst der Ausgangspunkt auch für das Meinongsche Projekt einer Gegenstandstheorie festgehalten werden. Die grundlegende Erkenntnisbegründungsstrategie ist auch hier die Psychologie als einer empirischen, streng wissenschaftlichen Disziplin. Wie schon bei der Untersuchungsmethode der deskriptiven Psychologie, so liegt auch im Projekt der Gegenstandstheorie der Fokus und Endpunkt der Erkenntnisbegründung auf dem Gebiet der inneren Wahrnehmung. Das wird weiter unten noch auszuführen sein.

Meinong beschäftigt sich zwar mit einer Ontologie kontingenter (also nicht nur apriorischer in dem Sinne von intuitiv erkannter) Erkenntnisgegenstände, da Erkenntnis nur aufgrund des eigenständigen Seins der Gegenstände möglich ist. Er ist durchaus metaphysischer Realist. Wir sprechen jedoch von logischer Kontingenz statt von empirischer Kontingenz. Gleichzeitig ist diese Gegenstandsontologie sprachlich verfaßt, es handelt sich also um Sachverhalte und nicht um die sprachlich unvermittelte empirische Gegenständlichkeit, die allein von Meinong als aposteriorische Gegenständlichkeit anerkannt wird.

Meinong strebt mit diesem - im Vergleich mit Brentano objektivistischen - Grundmodell einen Erkenntnissubjektivismus zu vermeiden, der unausweichlich scheint, wenn objektives Erkennen ausschließlich vom epistemischen Subjekt ausgeht und nur in diesem begründet wird. Wir haben nun zu fragen, inwieweit dieser Versuch einer Verbesserung Brentanos gerade deshalb unbefriedigend bleiben muß, weil, sogar wenn wir bei Meinong von einer außerordentlich leistungsfähigen Wahrnehmung sprechen müssen, bei ihm nur eine durch das erkennende Subjekt selbst hergestellte (also: keine objektive oder rein physikalistisch beschreibbare) Verbindung zwischen Erkennen und empirischem Sein, also der empirischen Existenz von Gegenständen, vorliegt. Subjektivität bleibt die epistemische Grundlage. Damit wird jedoch gleichzeitig, wie ich auszuführen bemüht bin, der Wirklichkeitsbezug der Ontologie in Frage gestellt. Die frühen empirisch-psychologisch, wie auch die späteren nur noch sprachphilosophisch konzipierten Erkenntnisgegenstände können das Hindernis des cartesischen Zweifels, der globalen Skepsis, nicht überwinden. Dieses Scheitern führt uns letztlich zu einer vernichtenden Kritik am Denkweg der Brentanoschule. Vor der Ausformulierung unserer Kritik werden wir jedoch den Problemlösungsversuch Meinongs prüfen müssen. Es wird sich zeigen, daß der von ihm eingeschlagene Weg tatsächlich einem offensichtlichen Erkenntnissubjektivismus entkommt, wenn auch die Konzeption noch entscheidende Fehler enthält.

(2.3.1) Der Primat der inneren Wahrnehmung:

Das Problem der epistemischen Unerreichbarkeit einer empirischen, existierenden Außenwelt kann auch an Hand von Meinongs Begriff von Sinnesempfindung thematisiert werden. So hat Matjaž Potrč in seinem Aufsatz „Sensation according to Meinong and Veber“84 darauf aufmerksam gemacht, daß Empfindung als ein Bestandteil von Wahrnehmungsvorstellungen von Meinong unzureichend charakterisiert wird und er durch seinen Empfindungsbegriff einem Erkenntnissubjektivismus bzw. - relativismus nicht entgehen kann. Potrč bemerkt, daß Meinongs Empfindungen lediglich eine bestimmte Art kognitiver Einheiten („a species of the higher cognitive entities“) sind.85 Er argumentiert dafür, der Empfindung einen eigenen unabhängigen Status zuzugestehen, auf dem Wahrnehmung dann erst aufbauen kann. In Über Begriff und Eigenschaft der Empfindung wird Empfindung folgendermaßen definiert: „Empfindung ist eine einfache Wahrnehmungsvorstellung aus peripherischer Reizung.“86 Empfindung muß sich „vor dem Forum der inneren Wahrnehmung betrachtet“ von der Einbildungsvorstellung unterscheiden, also nicht durch die für Empfindungen charakteristschen Einwirkungen aus der Außenwelt.87 Die Meinongsche Konzeptionierung von Empfindung leistet also überhaupt keinen vorkognitiven direkten Zugang zur Außenwelt, sondern ist selbst schon eine Vorstellungspräsentation, ein Phänomen innerer Wahrnehmung. Potrč hat kritisch daran erinnert, daß eine Sinnesempfindung in nichts anderem bestehen kann als darin, daß der wahrnehmende Organismus eine grundlegende kausale Beziehung zwischen seinem eigenen Körper und dem den Wahrnehmungsreiz auslösenden Gegenstand erfaßt. In diesem Sinne als unmittelbare Reizempfindung verstanden hat Potrč Empfindung als „protoepistemisch“ charakterisiert. Er hat sicherlich recht, wenn er damit zum Ausdruck bringt, daß in der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten Empfindung wohl den höheren epistemischen Fähigkeiten vorausgeht – und damit eben nicht „epistemisch“, sondern „protoepistemisch“ ist.88 Meinongs Wahrnehmungsvorstellung kann genaugenommen diese Einbettung unserer Empfindungsleistung in einen kausalen Kontext nicht leisten, weil die Vorstellungen nur auf Empfindungseindrücke (Töne, Farben, Berührungseindrücke) und nicht auf den äußeren Gegenstand der Empfindung gerichtet ist. In einer kritischen Betrachtung können wir Potrč zustimmen, daß Empfindung eigentlich nichts anderes sein kann, als die für den lebenden Organismus charakteristische epistemische Reaktion auf Reize aus der Umwelt: „Sensation is a rudimentary organism’s epistemic reaction to its surrounding.“89 Grundlegend für den Begriff der Organismus-Umwelt-Beziehung ist jedoch, daß das Kausalverhältnis den Reiz im Organismus auslöst. Die Forderung ist, daß epistemische Beziehungen zugleich als kausale Beziehungen faßbar sein müssen.

Wenn, wie der Begründer der Grazer Schule denkt, die Empfindung nun diese kausale Beziehung und die unmittelbare Wahrnehmung in ihrer notwendigen Verknüpfung mit dieser kausalen Beziehung zwischen Organismus und Umwelt nicht herstellen kann, dann, und auch hier müssen wir Potrč zustimmen, kann das epistemische Subjekt kein sicheres Kriterium haben, um zwischen Halluzinationen und wirklichen Wahrnehmungen zu unterscheiden.90 Innere Erkenntniskriterien müssen unzureichend bleiben. Dieses Problem ist schwerwiegend, da in Ermanglung der Grundlegung der Gegenstandserkenntnis in einer bewußten Kausalbeziehung zwischen Organismus und Umwelt das Rätsel des epistemischen Zugangs zur, vom Subjekt unabhängigen, intersubjektiven bzw. physikalistisch beschreibbaren Wirklichkeit ungelöst bleibt. Wenn wir unsere Gegenstandserkenntnis auf einer Wahrnehmung aufbauen und Wahrnehmung auf Empfindung, dann darf diese nichts anderes als eine unmittelbare Reaktion auf die tatsächliche Kausalbeziehung zur Umwelt sein. Letztere Konzeption von Empfindung ist eine naturwissenschaftlich beschreibbarer, objektiver Bestandteil der intersubjektiv zugänglichen Welt, durch den wir einem drohenden Erkenntnissubjektivismus (oder genauer: „Wahrnehmungssubjektivismus“) begegnen können. Die von uns somit verlangte Kausalbeziehung zwischen dem Träger der Empfindungen und dem Empfundenen vereinigt jedoch, so müssen wir Meinong zugestehen, scheinbar unvereinbare Aspekte: Ein epistemischer Gegenstandsbezug als Kausalbeziehung müßte zwei Bestandteile beinhalten: Einerseits (1) eine subjektive und kognitive Wirklichkeit des Organismus sein und gleichzeitig (2) ein Teil der intersubjektiv zugänglichen, physikalistisch beschreibbaren Wirklichkeit sein. Ein psycho-physischer Kompatibilismus wäre hier als Lösungsmodell naheliegend, kann aber nur in der Metaphysik und nicht innerhalb des Modells der cartesischen Erkenntnistheorie durchgeführt werden.

Meinong subsumiert Empfindungen unter den Wahrnehmungsbegriff. In Die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens deutet er zunächst eine Lösung für das Problem des drohenden Erkenntnissubjektivismus der inneren Wahrnehmung durch eine epistemische Erfassung einer grundlegenden Kausalbeziehung an.

Zu dieser Lösung, so suggeriert er zunächst, sei es nicht unbedingt erforderlich, den Bereich innerer Wahrnehmung (durch die Einführung einer äußeren Wahrnehmung) zu verlassen, solange wir nur willens sind, neben der direkten auch eine indirekte Wahrnehmung der Außenwelt zuzulassen. Mit dieser Konzeption kommen wir aber wieder in Bedrängnis. Zwar ist damit zugestanden, daß es einen Berührungspunkt zwischen Innen- und Außenwelt, zumindest auf der kausalen Ebene, gibt (nämlich: den Reiz), wenn auch der epistemische Zugang zur Außenwelt beschränkt wäre und der Zugang zur Gesamtheit der tatsächlich vorhandenen kausal wirkenden Wirklichkeit unmöglich bliebe. Entscheidend ist, daß der zwar objektiv vorhandene Reiz hier nur aus der Innenperspektive des Subjekts erfaßt werden kann. Einen verhängnisvollen Subjektivismus würde dieser vorläufige Vorschlag Meinongs auf jeden Fall zur Folge haben, vorausgesetzt, daß Subjektivismus die Aufgabe des Gedankens bedeutet, daß die Welt des epistemischen Subjekts (die Welt innerer Wahrnehmung) aus der Perspektive einer objektiven Außenwelt beschreibbar und aus dieser Perspektive aufklärbar ist.

Um diesem Subjektivismus zu entkommen, benötigen wir also einen epistemischen Zugang aus der Dritte-Person-Perspektive auf Gegenstände, die die tatsächlich stattfindenden Akte individueller Wahrnehmung transzendieren. Die Probleme, die aus so einer Konstellation hervorgehenden Erkenntnistranszendenz des Gegenstandes entstehen, sind später noch zu klären.

(2.3.2) Der Erkenntnisskeptizismus:

Neben einem Subjektivismus gibt es die Gefahr des Erkenntnisskeptizismus, die auftritt, sobald wir mit der Gegenstandstranszendenz in allem Erkennen eine prinzipielle und unüberbrückbare Trennung zwischen Erkennen und tatsächlichem Erkenntnisgegenstand akzeptieren. Mit Meinong ist das Erkennen auf die bloße Erscheinung des Gegenstandes gerichtet, nicht aber auf den Gegenstand selbst. Wenn der eigentliche Gegenstand uns also epistemisch unerreichbar ist, dann kann eine herkömmlich empiristisch ausgerichtete Erkenntnistheorie nicht mehr viel leisten. Erkenntnistheorie gelangt zu der Einsicht, daß jeder Versuch Erkenntnisfortschritte zu machen, zwecklos ist. Diese Position ist für Meinong deshalb unhaltbar, weil er nicht nur subjektive Wahrnehmung voraussetzt, sondern Wahrnehmung auf einen intersubjektiv erreichbaren Wirklichkeitsbereich bezieht, der auch tatsächlich erkannt werden kann. Erkenntnisskeptizismus ist für ihn keine ernstzunehmende Position; dennoch muß auch er erst zeigen, wie Skeptizismus vermieden werden soll. Die Transzendenz des Erkenntnisgegenstandes kann jedenfalls keine absolute Transzendenz sein. Meinongs Vermittlungsversuch wird uns noch beschäftigen.

(2.3.3) Der inneren Wahrnehmung wird schon seit der deskriptiven Psychologie Brentanos extreme Leistungsfähigkeit zugeschrieben. Nach der Feststellung des Primats der inneren Wahrnehmung in (2.3.1) müssen wir zunächst klären, wodurch sich innere Wahrnehmung charakterisieren läßt:

Sie bildet ja unseren Zugang zur inneren Wirklichkeit des Menschen, also einen Zugang zu allem psychisch Gegebenen. Das Charakteristikum der inneren Wahrnehmung ist, daß in ihr das Wahrgenommene etwas dem Erkennenden unmittelbar Gegenwärtiges ist: Demnach lesen wir in der Abhandlung über Gegenstände höherer Ordnung von 1899:

Nur dann wird etwas für [innerlich] wahrgenommen gelten dürfen, wenn seine Existenz unmittelbar, d.h. ohne Bezugnahme auf eine andere, in irgendeinem Sinne als Prämisse dienende Erkenntnis erkannt wird, überdies Erkenntnis und Erkanntes wenigstens praktisch gleichzeitig existieren, die Erkenntnis sich sonach auf etwas dem Erkennenden Gegenwärtiges richtet.91

Diese Aussage muß bei genauerer Textanalyse jedoch relativiert werden. Das innerlich Wahrgenommene ist, wie der Vorgang des Wahrnehmens selbst, psychischer Natur. Es nimmt daher nicht Wunder, daß Meinong noch später in Die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens (1906) von einer Identität zwischen Erkenntnisinhalt und Erkenntnisgegenstand spricht.92 Trotzdem liefert innere Wahrnehmung kein inneres Abbild eines Wahrnehmungsgegenstandes. Die Gegenstände der inneren Wahrnehmung sind als psychische Gegenstände ja ganz anders geartet als äußere Gegenstände, die Vorlage eines solchen Abbildes sein könnten. Folgen wir den Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens, so kann auch beim Gegenstand äußerer Wahrnehmung Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung mit dem Gegenstand ausbleiben, zum Beispiel, wenn das Ganze der Wahrnehmungserfassung, wie eine Bewegung oder eine Melodie, nicht mit einer Gleichzeitigkeit des instantan wahrgenommenen Gegenstandes in Einklang zu bringen ist. Bei der inneren Wahrnehmung, so heißt es, kann es jedoch schon prinzipiell keine Gegenwärtigkeit „im strengen Sinne“ geben. Das Gedächtnis dient unserem Autor als ein gutes Beispiel dafür, daß der Gegenstand der inneren Wahrnehmung immer schon Vergangenes, also kein „gleichzeitiger“ Gegenstand, ist. Wir sehen also, daß es entgegen dem ersten Anschein auch beim innerlich Wahrgenommenen (und nicht nur in der äußeren Wahrnehmung) statt einer Gleichzeitigkeit von Wahrnehmung und Wahrgenommenen eine Verschiebung bzw. Transzendenz des Gegenstandes für das ihn erfassende Bewußtsein gibt, zumindest in zeitlicher Hinsicht.

(2.3.4) Außer durch die vermeinte Gegenwärtigkeit des Erkannten wird innere Wahrnehmung weiter charakterisiert:

Daß Gegenstände höherer Ordnung (z.B. Gleichheit oder Verschiedenheit) wahrgenommen werden können, wie Meinong in Gegenstände höherer Ordnung darlegt, zeugt für die Leistungsfähigkeit der inneren Wahrnehmung. Wir müssen verschiedene Stufen der Wahrnehmung differenzieren. So ist die unmittelbare innere Wahrnehmung selbst wieder Gegenstand, eben ein Gegenstand höherer Ordnung:

...daß auch das Wahrnehmen selbst unter günstigen Umständen innerlich wahrgenommen werden kann, macht mit einen Teil der Charakteristik dieser eigentümlichen Erkenntnisquelle aus.93

Mit den Gegenständen höherer Ordnung zeigt sich die volle Leistungsfähigkeit innerer Wahrnehmung. Vorausgreifend können wir schon hier feststellen, daß die höheren Gegenstände u.a. auch darum wichtig, weil mit ihrer Hilfe die äußere Wahrnehmung vor der Unerkennbarkeit der existierenden Gegenstände gerettet wird, wir also bei Meinong gerade durch die äußere Wahrnehmung vor einem Erkenntnisskeptizismus bewahrt werden.

(2.3.5) Der Referenzbezug im Erkenntnisakt richtet sich in der Gegenstandstheorie als Ansatz des Erkenntniszugangs nicht mehr auf empirische Gegenstände, sondern auf das Worüber des Gesprochenwerdens:

Die durch Meinong neu eingeführte Charakterisitik äußerer Wahrnehmung besteht darin, daß ihre Gegenstände nur durch Vermittlung der Sprache erfaßbar sind. Das ist die eigentliche Neuerung gegenüber Brentano. Wenn das Urteil ein wahres Urteil ist, dann muß der Wirklichkeitsbezug vorausgesetzt werden. Meinong läßt nur das Existenzurteil (das Urteil: „Gegenstand X existiert“) als spezifisches Charakteristikum der äußeren Wahrnehmung zu. Die Einführung des Begriffs einer äußeren Wahrnehmung des Subjekts, über innere Wahrnehmung hinaus, ist deswegen wichtig, weil mit ihm eine Verankerung des empirischen, wahrnehmenden Subjekts in einer objektiven Welt des Seins, die unabhängig von der nur inneren Wirklichkeit vorhanden ist, prinzipiell gegeben ist.

Das Problem, daß das Urteilen selbst ein innerer Akt ist, wird bearbeitet. Die Natur des Seins des sprachlich verfaßten Erkenntnisgegenstandes steht in Frage. Der Referenzgegenstand erschöpft sich in Sprachbedeutungen. Aber welcher Natur sind die Sprachbedeutungen? Sie bestehen in den von Meinong sogenannten Objektiven. Diese zeichnen sich dadurch aus, daß sie stets erfaßte Objektive sind, also immer einen Gegenstand für das Bewußtsein darstellen. Objektive können uns also nicht passiv gegeben sein. Die subjektive Seite des Erfassens ist ein „Meinen“, das über das bloß passive Erfassen einer Vorstellung noch hinausgeht:

Erfassen ist jedenfalls ein Tun [...] wo also ein Gegenstand erfaßt wird, muß zum [passiven] Vorstellen noch ein anderes [aktives] Erlebnis hinzugekommen sein.94

Eine Aktivität des erkennenden Subjekts selbst ist also unverzichtbar bei der Analyse des Erkenntnisgegenstandes. Aus der Einsicht in die Notwendigkeit solcher Aktivität ergab sich schon bei Ernst Mach ein radikaler Subjektivismus zur Lösung des Erkenntnisproblems. Meinong versucht das Problem mangelnder Intersubjektivität der empirisch aufgebauten Erkenntnis gerade durch eine Sezession von Machs radikalem Ansatz zu lösen. Wie wir sehen werden, verliert durch diese Loslösung vom Machismus die traditionelle empiristische Konzeption äußerer Wahrnehmung bei Meinong weiter an Bedeutung, so daß das erkennende Subjekt letztlich gar nicht mehr empirisch verankert werden kann. Mach erzielte nämlich, zumindest programmatisch, eine Lösung der Subjekt-Objekt-Dichotomie der Erkenntnis durch die völlige physikalische Beschreibbarkeit des erkennenden Subjekts selbst. Die Psychologie wird degradiert zu einer Hilfswissenschaft der Physik.95 Meinong hingegen bleibt stehen bei der epistemischen Subjektivität als unhintergehbarer und unerfaßbarer Bedingung aller Erkenntnis. Es fehlt ein durchschlagender Lösungsgedanke für das von ihm durchaus erkannte Problem der Unhintergehbarkeit von Subjektivität.

(2.3.5.1) Der Kausalgedanke versus ontologische Annahmen: Die Idee kausaler Einbettung von Wahrnehmung wird von Meinong nicht gänzlich ignoriert, er sieht darin aber keine Möglichkeit für den Aufbau einer objektiven Erkenntnis der Außenwelt. Durch den erkenntnistheoretisch dominanten Status der empirischen Psychologie in seinem Denken ist es zu erklären, daß er paradoxerweise gerade in der Reizursachenwahrnehmung die Möglichkeit des Verzichts auf äußere Wahrnehmung sieht.

Er versucht plausibel zu machen, daß dieser Verzicht keinen Mangel an Objektivität mit sich bringen muß. Reizwahrnehmung ist für ihn immer innerlich. Innere Wahrnehmung könnte dann, wenn sie die uns einzig mögliche Wahrnehmung wäre, sehr wohl auf die Erkenntnis der äußeren Dinge als Ursachen der tatsächlichen Wahrnehmungsreize abzielen. Dies jedoch nur unter der Bedingung eines vom wahrnehmenden Subjekt selbst ausgeführten „Kausalschlusses“, durch den in der inneren Wahrnehmung eine kausale Beziehung zwischen der Innenwelt des erlebenden Subjekts und der Außenwelt durch den objektiven Reiz hergestellt wird. Der Reiz verbindet zwar durchaus die völlig heterogenen Sphären der inneren und der äußeren Welt, jedoch für unser Erkennen immer nur aus der Innenperspektive.

Es ist dabei richtig, daß bei Meinong der Reiz wohl nicht nur einen konkreten Wahrnehmungsakt benötigt, sondern auch ein als Teil der objektiven Welt feststellbares sogenanntes „Wahrnehmungsforum“, wie zum Beispiel den Sehsinn oder den Tastsinn. Der wahrgenommene äußere Reiz verursacht ja wissenschaftlich-objektiv betrachtet tatsächlich eine innere Wahrnehmung des Reizes. Über die subjektive Wahrnehmung des Reizes hinaus müßte dann, bei dieser von Meinong letztlich doch nicht vertretenen Position des „Kausalschlusses“, die innere Wahrnehmung tatsächlich noch leistungsfähiger sein als sie es seines Erachtens ist, d.h. eine objektive Erkenntnis der wirklichen Ursachen des wahrgenommenen Reizes miteinschließen. Die in der objektiven Wirklichkeit vorhandenen äußeren Ursachen des Reizes könnten so zwar nur indirekt wahrgenommen werden, durch einen Schluß von der Wirkung auf die Ursache. Das wäre dann zwar die Quelle für eine auf die Umwelt des Organismus eingeschränkte Erkenntnis, aber doch eine Erkenntnis eines Bereichs objektiver Wirklichkeit:

Man kann nämlich meinen, zur Erkenntnis der Außenwelt die sogenannte äußere Wahrnehmung gar nicht nötig zu haben, vielmehr durch innere Wahrnehmung und deren Verarbeitung alles Erforderliche leisten zu können. Im Vordergrunde steht dabei der Kausalschluß. Es ist ein geradezu populär gewordener Gedanke, daß wir zur Kenntnis der äußeren Dinge unserer Umgebung dadurch gelangen, daß sie Empfindungen in uns wachrufen, wir aber von den Wirkungen auf deren Ursachen zurückschließen.96

Dieser Sichtweise stimmt Meinong schließlich deshalb nicht zu, weil für einen Realisten äußere Gegenstände doch gerade in einer objektiven Welt jenseits des Wahrnehmungsreizes und unabhängig von unserem Bewußtsein, gegeben sein müssen. Er gibt damit den Kausalgedanken zugunsten einer ontologischen Annahme der Existenz der Außenwelt wieder auf. Die empirischen äußeren Gegenstände müßten auch von unserem kogitiven Vermögen wirklich als Teile der objektiven Welt erfaßt werden - also jenseits des bloßen Induktionsschlusses („Kausalschlusses“) auf die objektiven Ursachen eines Reizes.

Außerdem wissen wir nicht, ob der von uns wahrgenommene Reiz in jedem Fall ein echter Reiz war, er kann auch ein nur subjektiv empfundener sein, ohne eine Entsprechung in der objektiven Welt zu haben, also z.B. eine Halluzination. Da es aber existierende äußere Gegenstände tatsächlich gibt, ganz unabhängig davon, ob die Wahrnehmung trügt oder nicht, so ist die zu wählende Konzeption äußerer Wahrnehmung mit Bezug auf den Gegenstand der Wahrnehmung eben doch grundlegend verschieden von der Konzeption innerer Reizwahrnehmung. Diese muß ergänzt werden, um uns den Zugang zu einer intersubjektiven Welt, jenseits des erkennenden Subjekts, zu erschließen. Das ist ein wichtiger Gedankengang in Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens.

Meinong kann also die äußere Wahrnehmung als grundlegendes Erkenntniskonzept gar nicht aufgeben, wenn er den schmalen Grat zwischen Subjektivismus und Erkenntnisskeptizismus gehen möchte. Der Rückzug in eine ausschließlich innere Wirklichkeit (Subjektivismus) oder die Einsicht in die Unmöglichkeit von gewisser Gegenstandserkenntnis (Skeptizismus), eine dieser beiden Extreme ergibt sich, wenn nicht ein neues Konzept äußerer Wahrnehmung gefunden wird. Wir müssen also gänzlich vom Modell der Wahrnehmung absehen, das mit sinnlichen Qualitäten des Gegenstandes arbeitet, wie das noch in der klassischen Wahrnehmungstheorie John Lockes vertreten wurde.97 Wir werden im Folgenden sehen, wie nun tatsächlich Gegenstände äußerer Wahrnehmung bei Meinong erfaßt werden.

(2.3.5.2) Die neue Charakterisierung der Gegenstände äußerer Wahrnehmung: Daß sich die spezifisch Meinongsche äußere Wahrnehmung nur auf eine Gegenstandsontologie bezieht, heißt, daß es sich um einen Gegenstandsbereich nur möglicher konkreter Wahrnehmung handelt. Wenn wir urteilen, daß ein Gegenstand existiert, wie in der äußeren Wahrnehmung, dann heißt das ja nicht, daß wir, die Welt der existierenden Dinge in Wahrnehmungsreichweite voraussetzend, allein durch deren Gegenwart mit ihnen in ein Wahrnehmungsverhältnis treten können. Die Wahrnehmung des Subjekts ist eben nicht rein passiv gegenüber der Welt der Wahrnehmung ermöglichenden, existierenden Gegenstände. Ein Gegenstand wird für uns sicherlich erst zu einem Gegenstand, indem wir ihn erfassen. Dieses Erfassen ist ein geistiger bzw. psychischer Akt.98 Schon für Brentano war ja äußere Wahrnehmung nichts anderes als ein Urteil.99 Auch hierin zeigte sich wieder die Gefahr der bloßen Subjektivität der Wahrnehmung. Meinong versucht dieses Problem durch eine abgeschwächte Transzendenz der Erkenntnisgegenstände zu lösen. Die existierenden Dinge an sich sind also keine Gegenstände unseres empirischen Wissens, können es auch gar nicht sein, weil ihre tatsächliche, unabhängige Existenz definitorisch gerade nicht empirisch wahrgenommen werden kann und unabhängige Existenz nun einmal nicht erkannt werden kann.

(2.3.6) Objektive sind per definitionem „mögliche Gegenstände“:

Wenn Möglichkeit eine herabgesetzte Wirklichkeit ist, dann bestünde das Charakteristikum der Wirklichkeit nur in einer Eigenschaft von Objekten. In unserem Alltageverständnis ist nämlich Wirklichkeit eine Eigenschaft von Objekten, während Möglichkeit keine Eigenschaft von Objekten ist. Mögliche Objekte sind in dem Sinne nicht wirklich, daß ihr Gegenstand tatsächlich nicht die Beschaffenheit eines empirischen Gegenstandes der Außenwelt hat.

Aus dem Blickwinkel des Gegenstandes des Objektivs ist dem aber nicht so. Für Objektive gilt anderes. In Objektiven bezieht sich Wirklichkeit nicht auf Existenzobjekte, sondern gerade auch auf Bestandsobjekte. Objektiven kommt eine eigene Seinsart zu, nämlich das Möglichsein. In Meinongs reifem Werk trägt sein eigener Möglichkeitsbegriff die wesentliche Eigenschaft des möglichen Seins:

Wer sagt: „möglich ist etwas, das sein kann“, spricht diesem „etwas“ nicht zunächst das Können, sondern das Seinkönnen als Attribut zu, oder, da Können soviel besagt als Möglichkeit, nicht eigentlich eine Möglichkeit, sondern ein Sein, nämlich das mögliche Sein.100

(2.3.7) Möglichkeit und Bestand:

Während also Möglichkeit im Meinongschen Sinne nicht von existierenden Objekten ausgesagt werden kann, ist Möglichkeit doch auch nicht mit Bestand, d.h. der zweiten Seinsform neben Existenz gleichzusetzen. Zunächst scheint es, daß gerade dasjenige, was Bestand hat, auch möglich zu nennen ist. Wenn nämlich Unmöglichkeit notwendiges Nichtsein bedeutet, dann liegt der Verdacht nahe, daß der Möglichkeitsbegriff wie auch der des Bestandes darin übereinkommen, von der Existenz bzw. Nichtexistenz der Gegenstände abzusehen. Währernd aber der Bestand sich seinem Begriffe nach auf das dezidiert Nichtexistierende bezieht, bezieht sich Möglichkeit in Meinongs eigener Sichtweise in gar keiner Weise auf Existenz oder Nichtexistenz:

Nun zeigt aber etwa das Beispiel der Verschiedenheit oder auch des Objektivs zwar ein Sein, aber keine Existenz, indes der Bestand, als der das Sein sich da zu erkennen gibt, mit Unmöglichkeit der Existenz Hand in Hand geht.101

Möglichkeit ist also durchaus etwas Positives, das nicht durch den Mangel an Wirklichkeit definiert werden darf:

Aber gerade wir dürfen im gegenwärtigen Zusammenhange nicht außer acht lassen, daß, wer an Möglichkeit denkt, mindestens in sehr vielen, wahrscheinlich aber in den allermeisten Fällen an etwas denkt, dem man es ansehen kann, daß es keine Negation enthält, nicht eine, und noch weniger deren zwei. Die Möglichkeit ist von Natur etwas Positives.102

Auch eine weitere Unterscheidung zwischen Bestand und Möglichkeit findet sich besonders deutlich in dem Spätwerk Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit herausgearbeitet. Entscheidend ist, daß sich der Bestand immer in irgendeiner Form anschaulich erfassen läßt, während das von der Möglichkeit nicht gesagt werden kann:

Durchaus entbehrlich ist es unter den gegebenen Umständen, sich nun noch ausdrücklich davon Rechenschaft zu geben, ob im Möglichkeitsgedanken auch nur das geringste vom Gedanken an das Vorstellen im allgemeinen und anschaulich Vorstellen im besonderen enthalten sei. Möglichkeit für „veranschaulicht werden können zu nehmen, ist in dieser Hinsicht um nichts weniger gewaltsam als die Identifikation von Existenz mit „wahrgenommen werden können“.103

Anders als der Bestand ist die Möglichkeit nicht an das subjektive Erfassen gebunden. Ein weiterer Grund für die Unterscheidung von Bestand und Möglichkeit wird gegeben: Es gibt Dinge, die Bestand haben, ohne möglich zu sein. „Das gleichschenklige Dreieck“ an sich (also: im Gegensatz zu jedem besonderen gleichschenkeligen Dreieck) besteht, ohne jedoch möglich zu sein, im Sinne des Bezugs auf einen konkreten Gegenstand, z.B als Teil eines Begriffsumfangs ist es nicht möglich, derart allgemeine Gegenstände aufzufassen:

Bestand und Möglichkeit sind wirklich bei der Umfangsbestimmung in sehr vielen Fällen äquivalent. Aber es kommt vor, daß die Möglichkeit versagt, wo der Bestand vorhält. Zur allgemeinen Charakteristik des logischen Umfanges dürfte also der Hinweis auf den Bestand geeigneter sein.104

Darüberhinaus unterscheidet Meinong den „möglichen Bestand“ vom „tatsächlichen Bestand“: Während „möglicher Bestand“ ausschließlich die Möglichkeit des Gegebenseins, also keine Notwendigkeit, ausdrückt, gibt es Bestandsobjektive, der „tatsächliche Bestand“, der Notwendigkeit ausdrückt.

(2.3.8) Die Unterordnung des Tatsächlichkeitsbegriffs unter den Möglichkeitsbegriff:

Möglichkeit ist, wie schon erwähnt, im Vergleich mit Wirklichkeit bei Objektiven kein herabgesetztes Sein.105 Da das Objektiv „Daß A existiert“ sich auf Wirkliches bezieht, kann man von A sagen, daß es wirklich existiert. Insofern zählt dieses Wirkliche auch zum Möglichen. Meinong nennt dieses Mögliche auch das Tatsächliche:

was tatsächlich – man sagt gewöhnlich ‚wirklich’ ist, das ist auch möglich. Es ist eine gleich den sonstigen implizierten Möglichkeiten meist praktisch ziemlich unwichtige Möglichkeit, die hinter der Tatsächlichkeit in besonderem Maße als bloßes Beiwerk zurücktritt. Ein solches Objektiv ist eben ‚auch’ möglich, und das ist eine ganz andere Sachlage, als wenn etwas gar nicht tatsächlich, also ‚nur’ möglich ist.106

Objektive, denen Tatsächlichkeit zukommt, sind „auchmöglich“, während Objektive, denen Möglichkeit statt Tatsächlichkeit zukommt, „nurmöglich“ genannt werden. Meinong spricht von der Tatsächlichkeit der Objektive also in einem anderen Sinne als dem Sinne einer Korrespondenz mit der Wirklichkeit. Nur unbegründete Annahmen (z.B. daß Radioaktivität dasselbe wie Magnetismus sei) werden als untatsächlich charakterisiert.107 Daß die Tatsächlichkeit der Objektive keine Korrespondenz mit der Wirklichkeit aufweist, hängt gerade damit zusammen, daß Erkenntnis vom Erfassen des Objektivs abhängt.

Ein Kennzeichen dieses Erfassens Meinongscher Gegenstände ist das sogenannte „Modalmoment“108: Dem im Fundamentalakt Erfaßten kommt dieses „Modalmoment“ zu. Der Fundamentalakt ist ein „penetratives Treffen“ durch ein „evidentes Urteil“. Er ist die Grundleistung von allem Erkennen, wie Meinong sagt.109 Durch das Vorhandensein bzw. Fehlen dieses „Modalmoments“ kann sich nicht nur richtiges, sondern auch falsches Urteilen auf das Tatsächliche beziehen.

[D]as Erlebnis des Urteilenden unterscheidet sich in nichts von dem, das im Falle falschen Urteilens vorläge.110

Das Sein umfaßt auch das Möglichsein. Die Unterscheidung von Tatsächlichkeit und Sein hat sich schon daraus ergeben, daß es Seiendes (z.B. das runde Viereck) gibt, das nicht tatsächlich ist.

Meinong unterscheidet dementsprechend die „depotenzierte Tatsächlichkeit“111 von der Tatsächlichkeit mit „Modalmoment“. In Findlay’s Terminologie müssen wir die starke Tatsächlichkeit des Objektivs („full-strenght factuality“) von der schwachen Tatsächlichkeit des Objektivs („watered-down factuality“) unterscheiden: Ein Beispiel für starke Tatsächlichkeit ist das Urteil 2 + 2 = 4. Ein Beispiel für schwache Tatsächlichkeit findet sich im Urteil 2 + 2 = 5. Die Tatsächlichkeit des Gegenstandes des Urteils ist gegeben, obwohl das Urteil nicht wirklich ist, d.h. keine objektive Gültigkeit besitzt. An dem Gegenstand findet sich Wirklichkeit nur insoweit, als es überhaupt ein Gegenstand des Erkennenden ist. Sein Sein ist unabhängig von seiner Modalität vorhanden:

There must therefore be a being or rather a being-the-case which even unfactual objectives can possess …112

(2.3.9) Die Ablehnung des naiven Realismus:

Meinong hat zunächst nicht den Subjektivisten bzw. Relativisten, sondern einen ganz anderen Gegner im Auge: Wenn wir mit unserem Erkenntnisakt den existierenden Gegenstand selbst erfassen würden, wie die naiven Realisten annehmen, dann wüßten wir von der Existenz dieser Gegenstände mit absoluter Gewißheit. Wir erkennen sie aber nicht direkt durch den Akt äußerer Wahrnehmung, also auch nicht mit Gewißheit, wir urteilen nur und vermuten, daß sie existieren. Daher haben wir Meinong zufolge mit der äußeren Wahrnehmung nur Vermutungsevidenz für die Existenz der wahrgenommenen Gegenstände. Allein durch den hier vertretenen Mangel an Gewißheit ist schon die Position des naiven Realismus, die Gleichsetzung von subjektiver Wahrnehmung und objektiver Gegenständlichkeit, überwunden. Wenn wir allerdings einen Gegenstand zuerst geistig erfassen und dem erfaßten Gegenstand dann Existenz zusprechen, so machen wir sehr wohl nicht nur eine erkenntnistheoretische Setzung von Erkenntnisgegenständen, sondern mit unserem Urteil geht auch ein Vorverständnis eines ontologischen Seinsbereichs einher. Nicht nur das Erfassen des individuellen Gegenstandes spielt eine Rolle, sondern auch der Zusammenhang des individuellen Gegenstandes mit der Gesamtheit der Gegenstände, die erfaßt werden können. Es handelt sich also immer um den Gegenstand möglicher (wenn auch nicht stattfindender) Wahrnehmung. Der naive Realismus kennt ausschließlich Gegenstände tatsächlich stattfindender Wahrnehmung. Im Gegensatz zu den naiven Realisten nehmen wir mit Meinong daher an, daß hinter den Erscheinungen der Gegenstand (also nicht nur seine wahrgenommene Erscheinung) als solcher existiert, also unabhängig von den konkret wahrgenommenen Eigenschaften. Wir können von einer in jedem Erkenntnisakt sich vollziehenden ontologischen Setzung sprechen.

Dem Problem einer Dopplung der Welt, in eine erkannte phänomenale und eine unerkennbare wirkliche Welt, entgehen wir, wenn, wie bei Meinong, die wahrgenommene Erscheinung mit dem erscheinenden noumenalen Gegenstand verknüpft wird, so daß trotz der begrifflichen Unterscheidung ein obzwar beschränkter kognitiver Zugang zum noumenalen Gegenstand eröffnet wird. Wie aber gestaltet sich dieser kognitive Zugang?

Es scheint richtig zu sagen, daß der äußere, direkt wahrgenommene Gegenstand immer nur der phänomenale Gegenstand sein kann. Meinong sucht einen (wenn auch indirekten) kognitiven Zugang zu den Noumena nicht mit den Mitteln der äußeren Wahrnehmung. Es mag zunächst paradox klingen, aber die letztliche Erkenntnisgrundlage äußerer Wirklichkeit findet in der inneren Wahrnehmung statt.113

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser letztlich innere Zugang zu Gegenständlichkeit findet genauer gesagt durch die Anwendung von Gegenständen höherer Ordnung statt. „Ideale Superiora“, wie Meinong sie nennt. Der einzelne noumenale Gegenstand wird durch ein Vergleichungsurteil mit anderen Noumena als mit dem Verglichenen gleich oder von diesem verschieden erfaßt. Dieser epistemische Zugang kann natürlich nur dann erfolgen, wenn eine notwendige Verknüpfung zwischen dem Phänomenon und dem ihm zugehörigen Noumenon vorausgesetzt wird. Die Relation (der Verschiedenheit oder der Gleichheit), die eigentlich nur zwischen den Erscheinungen besteht, wird aufgrund einer Parallelisierung von ontologischer Voraussetzung und epistemisch Gegebenen auf die Relation zwischen den hinter den Erscheinungen liegenden Noumena übertragen. Die Erkenntnisbedeutung der dezidiert „äußeren Aspekte“, so Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens:

tritt vielmehr erst in jenen angewandten Vergleichungsurteilen hervor, die man, immerhin vielleicht etwas äußerlich, auch als Übertragung der betreffenden Relation von den Phänomenen auf die Noumena bezeichnen kann (Hervorhebung von A.F.).114

Äußerst kunstvoll wird hier durch eine Gratwanderung einer verhängnisvollen Erkenntnistranszendenz des noumenalen Gegenstandes entgegengewirkt. Es ist zwar wahr, daß auch „ideale Superiora“ letztlich den empirischen Gegenstand selbst nicht erfassen. Das ist aber gerade deswegen gar nicht nötig, weil Meinong durch Machs Einfluß nicht mehr an die Zweckdienlichkeit des metaphysischen Substanzcharakters physischer Körper glaubt. Vielmehr findet bei Meinong eine Verlagerung des Seins empirischer Gegenständlichkeit auf die semantische Ebene statt. Der tatsächliche Gegenstand ist eben nichts anderes als die Bedeutung des wahrgenommenen Inhalts. Ist nicht-wahrgenommene subjektunabhängige empirische Wirklichkeit dann aber überhaupt noch als empirische Wirklichkeit zu berücksichtigen? Für Meinongs (wie für Machs) Erkenntnistheorie gerade nicht: Bedeutungen fehlt das metaphysisch Substanzhafte empirischer Körper. Wenn die Substanzhaftigkeit demnach nicht der vorgeschlagenen Konzeption möglicher Gegenstände der Wahrnehmung entspricht, kann sie auch kein Problem für das Modell des Wahrnehmungsprozesses darstellen. Vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus macht es daher keinen Sinn, von einem nicht wahrnehmbaren (und in diesem Sinne unabhängigen) Gegenstand der äußeren empirischen Wahrnehmung zu sprechen.

Die Frage bleibt jedoch bestehen, ob dieser strategisch geschickte, gemäßigte Erfassungsversuch der noumenalen existierenden Gegenstände erfolgreich ist? Wir verstehen Meinongs Zwangslage. Durch den Umweg über „ideale Superiora“, also Gegenstände höherer Ordnung, ist es möglich, daß der noumenale Gegenstand dem Bewußtsein als eines mit seiner Erscheinung verknüpften Gegenstandes gegeben ist und zumindest indirekt nähere Bestimmung erfährt. Vom noumenalen Gegenstand wissen wir zumindest, daß er mit seiner Erscheinung korreliert ist, und daher Urteile über ihn nicht undenkbar sind. Es gibt dezidiert äußere Wahrnehmung und sie ist unreduzierbar.

Wir können dem begründeten Verdacht, daß mit dem Korrelationsverhältnis letztlich doch wieder der Begriff der äußeren Wahrnehmung in die innere vereinnahmt wird, nur dadurch (und auch nur zunächst) entgehen, daß die Struktur äußerer Wahrnehmung ihrer wesentlichen Charakterisierung nach schon eine andere ist als die der inneren: Es ist zwar wahr, daß von einer Gegenwärtigkeit des Gegenstandes äußerer Wahrnehmung im Vergleich zur viel auffälligeren Gegenwärtigkeit des Gegenstandes innerer Wahrnehmung nicht mehr gesprochen werden kann. Damit entschlüsselt sich Meinongs oben erwähnte und zunächst wenig selbstverständliche Äußerung, daß es die Gegenwärtigkeit des Gegenstandes für die innere Wahrnehmung ist, die ihn von der Gegebenheitsweise von Gegenständen äußerer Wahrnehmung unterscheidet. Noumenale Gegenstände sind uns sicher nicht gegenwärtig, wenn wir sie auch durch ihre Erscheinungen zu dem Grade bestimmen können, daß wir Vergleichungsurteile über sie fällen können.

(2.3.10) Die Diskussion um Inhalt und Gegenstand:

Wie die äußere Wahrnehmung wirklich funktioniert, kann man erst verstehen, wenn man Meinongs Vertiefung der Unterscheidung zwischen Inhalt und Gegenstand aufgreift. Das Problem der begrifflichen Erfaßbarkeit dessen, was wir meinen, wenn wir sagen, daß der Gegenstand die Wahrnehmung transzendiert, findet seine Lösung durch diese analytische Unterscheidung. Denn der Inhalt ist das tatsächlich vom Bewußtsein Erfaßte. Die ursprüngliche Unterscheidung zwischen dem vorgestellten immanenten Objekt und der Annahme einer kausalen Verknüpfung mit dem transzendenten Gegenstand ergibt die Möglichkeit, den transzendenten (also nicht immanenten) Gegenstand zumindest indirekt beschreiben zu können. John Findlay unterscheidet ganz deutlich immanente und transzendente Meinongsche Gegenstände und die Verschiedenheit des epistemischen Zugangs zu diesen zwei Gegenstandsklassen:

Behind the immanent object lies the transcendent object, the real thing in itself; of this we can know nothing except that it is the cause, or part of the cause, of the presentation of the immanent object. When a relation such as causality is in some manner given to our thought, and one of its terms, the presentation of the immanent object, is also given, we are able to describe indirectly the other term of this relation, that is the transcendent object or thing in itself.115

Wir müssen demnach zwischen direkter und indirekter äußerer Wahrnehmung unterscheiden. Wie schon oben erwähnt ist die direkte äußere Wahrnehmung des empirischen Gegenstands selbst nicht möglich. Direkte äußere Wahrnehmung dringt immer nur bis zu der Erscheinung des Gegenstandes vor.

Dabei hilft uns die Unterscheidung von Inhalt und Gegenstand, die Wahrnehmungstranszendenz des äußeren Gegenstandes ohne Paradox zu verstehen. Der Inhalt einer Vorstellung ist schon für Twardowski rein geistiger Natur:116 So ist der berühmte goldene Berg weder aus Gold, noch von einer bestimmten Größe, die ihn größer oder kleiner als andere Berge macht. Der goldene Berg ist nur geistig vorhanden. Damit verzichtet Twardowski auf die noch von Alois Höfler vertretene Abbild-Theorie, der gemäß der Inhalt nichts anderes ist als ein geistiges Bild mit einer „photographischen“ Ähnlichkeit zum Gegenstand.117 Bei Twardowski ist schon die Möglichkeit einer Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Inhalt und Gegenstand ausgeschlossen. Der Inhalt „goldener Berg“ hat weder Ausdehnung, noch besteht er aus dem physikalischen Material Gold. Dieses Material hat die Eigenschaften einer bestimmten Farbe, eines bestimmten spezifischen Gewichts, einer gewissen Härte etc. .

Inhalte können sich, Twardowskis Sichtweise zufolge, dennoch auf existierende Gegenstände beziehen, müssen es aber nicht. Es bleibt jedoch offen, ob bei Meinong diese Inhalte geistiger bzw. psychischer Natur dann selbst wieder Gegenstände sein können. Klar ist jedenfalls, daß sich für Meinong ein Inhalt vom Gegenstand dadurch unterscheidet, daß der Gegenstand nichts anderes als die gemeinte Bedeutung der in der Rede verwendeten Worte ist: Das, worüber der Redende reden will, ist das, was die Worte bedeuten, der Gegenstand.118 Inhalte hingegen, als rein psychische Bestandteile von Vorstellungen sind nicht immer so leicht deutlich herauszuarbeiten und können am besten über den Umweg des Gegenstandes verstanden werden. Damit ist wiederum nicht ausgesagt, daß es zur Definition des Gegenstandes (im Gegensatz zum Inhalt) gehören muß, tatsächlich zu existieren, oder auch nur existieren zu können. Meinong unterscheidet durchaus zwischen realen und idealen Gegenständen119, wobei die idealen Gegenstände per definitionem nicht existieren. Der Unterschied von idealem Gegenstand und Inhalt bleibt aber schon dadurch erhalten, daß nur Gegenstände (idealer oder realer Natur) Bedeutungen des im psychischen Akt Gemeinten (Inhalt) sind.

Man könnte zunächst vermuten, daß durch die von Twardowski her verstandene Unabhängigkeit der Inhalte von ihren Gegenständen das Problem eines Erkenntnisskeptizismus akut wird. Findlay sieht das anders, und seiner Darstellung werden wir folgen: Seiner Auffassung zufolge ist für Meinong der Inhalt genau das Mittelglied, das uns ermöglicht, die Gegenstände trotz ihrer Unabhängigkeit vom Bewußtsein erfassen zu können.120 Folgen wir Findlays Einschätzung, dann beinhalten die Vorstellungen des Geistes bzw. Bewußtseins schon einen Bezug zu gewissen Gegenständen, die selbst jedoch nicht Teil der Vorstellung sein können.121 Die Inhalte haben genau die Funktion, diesen Bezug der Vorstellung zum Gegenstand zu ermöglichen.

Damit ist die Erkenntnistranszendenz wieder angesprochen, die uns die Wichtigkeit dezidiert äußerer Wahrnehmung wiederum vor Augen führt. Zu beachten ist, daß nicht nur die existierenden Gegenstände die direkte Wahrnehmung transzendieren. Die Bewußtseinstranszendenz des „realen“ Gegenstandes kann auch eine andere Form annehmen: So spricht Meinong von „realen“ Relationen122, die zwar, wie alle Relationen, selbst nicht existierende Gegenstände sind, aber doch in der räumlich geordneten Welt vorkommen. So wird durch die an verschiedenen Orten wahrgenommene Temperatur eine Relation zwischen diesen Temperaturen und Orten hergestellt, die durchaus „real“, also eine Relation der objektiven Welt ist. Die „realen“ Relationen sind empirisch zufällige Relationen, die durch die Wahrnehmung der Außenwelt hergestellt werden. Auch nicht existierende „reale“ Gegenstände, wie „reale“ Relationen, sind Gegenstände der objektiven Welt. Diese wahrgenommenen Gegenstände weisen eine Transzendenz gegenüber der inneren Wahrnehmung auf, weil sie Verhältnisse der objektiven Welt beschreiben, die wir feststellen. Daß sich die Transzendenz von „realen“ Gegenständen also über den Bereich der für uns existierenden Gegenstände hinaus erstreckt, zeigt uns letztlich nur, daß Meinong einem Immanentismus objektiver Erkenntnis sehr fern stehen möchte und der äußeren Wahrnehmung dann doch eine größere Leistungsfähigkeit zugestehen möchte.

(2.3.11) Unser Autor scheint sich letztlich jedoch zu einem Immanentismus der Erkenntnis gedrängt, wenn auch seine Variante von dem Empfindungs-Immanentismus Machs abweicht:

Unserem epistemischen Zugang nach haben wir auch für Meinong den Vorteil der gewissen Evidenz der inneren Wahrnehmung. Nun hat unser Autor einen sehr weiten Begriff von innerer Wahrnehmung, der nur die Verbindung der inneren Welt des Subjekts zur Welt der existierenden empirischen Gegenstände ausspart, und diese Verbindung wird bloß mittels eines psychischen Aktes, eines Existenzurteils, hergestellt. Der Reiz aus der Außenwelt ist als wahrgenommener Reiz durchaus relevant für die innere Wahrnehmung, doch kann gerade in ihr keine direkte Zuordnung zwischen dem äußerlich wahrgenommenen objektiven (physikalisch beschreibbaren) Reiz und seiner wahrgenommenen Signifikanz für das Subjekt erzeugt werden. So können Urteile des Subjekts über innerlich wahrgenommene Gegenstände aus einer objektiven, äußeren Perspektive auch falsch sein, weil sie nicht den tatsächlichen Gegebenheiten der physikalisch beschreibbaren Wirklichkeit entsprechen.

Meinong lehnt den Gedanken der metaphysischen Setzung einer transzendenten Außenwelt ab. Denn dies führt zu Widersprüchen: So schildert schon Mach in der Analyse der Empfindungen den Fall, daß ein und dieselbe Farbe sowohl als physikalisches wie auch als psychologisches Objekt betrachtet werden kann. Mit diesem Perspektivismus ändere sich nicht der Stoff, sondern nur die Untersuchungsrichtung in der das Objekt, z.B. die Farbe, zu meinem Erkenntnisgegenstand wird. Es kann also, so folgert Mach, nicht richtig sein, eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem Reich der Empfindungen und dem der (physikalischen) Körper anzunehmen.123 Vielmehr, so können wir hinzufügen, kommt diese abzulehnende Kluft durch nichts anderes als durch eine „Metaphysik“ der von unseren Empfindungen völlig unabhängig gesetzten Körperwelt zustande. Statt dessen läge es nahe anzunehmen, daß sich die innere und äußere Welt nur aus Empfindungen zusammensetze.124 Gilbert Ryle wird in Weiterführung der damals eingeleiteten Analyse der Empfindungen später das unmittelbare (objektlose) Empfinden von der Beobachtung äußerer Gegenstände unterscheiden. Letztere fällt bei Ryle eben nicht mehr unter den Begriff des Empfindens.125 Beobachtung bezieht sich auf für das Subjekt ausschließlich externale Gegenstände.

Meinong erkennt das große Problem, daß Machs Versuch, trotz einer programmatischen Minimierung der Rolle des Subjekts („Das Ich ist unrettbar“126 ), durch die Universalisierung des Empfindungsgedankens letztlich zu einem Erkenntnissubjektivismus führen muß, weil nur das jeweilige Subjekt Träger der Empfindungen sein kann, auch wenn dieser Träger selbst nicht thematisiert wird. Die gefürchtete Konsequenz dieser Position ist ein Erkenntnisimmanentismus. Ganz ohne Transzendenz der (äußeren und inneren) Gegenstände kommen wir in Gegensteuerung zu Mach daher nicht aus und können nur so das stärkster Kritik ausgesetzte Empfindungsimmanenzdenken der Erkenntnis bei Mach vermeiden. Unser Autor wendet sich auch offen gegen die Machsche Position:

Insofern alles Erkennen einen Gegenstand hat, der nicht es selbst ist, insofern liegt es in der Natur alles Erkennens, zu transzendieren. Läßt man, wie unvermeidlich, das Erkennen als eine letzte Tatsache gelten, so fehlt jeder Grund, diese Anerkennung nicht auch auf die als Transzendenz bezeichnete Seite der Erkenntnisleistung auszudehnen.127

Trotz der hier zugestandenen Transzendenz der Erkenntnisgegenstände ist die Immanenz des wahrnehmenden Subjekts (also: innere Wahrnehmung) selbst der unverzichtbare Ankerpunkt aller Erkenntnis. In Kenntnis der Paradoxie, daß der transzendente Erkenntnisgegenstand unerkennbar bleiben muß (und daher gar kein Erkenntnisgegenstand ist) gilt es nach Meinong als ein Erfordernis wissenschaftlicher Philosophie „alle Transzendenzversuche zu vermeiden“.128 Damit haben wir wieder eine Sympathiebekundung für die Machschen Sichtweise des Erkenntnisproblems. Das Grundproblem der Überwindung empiristischer Skepsis ist ja auch tatsächlich Mach und Meinong gemeinsam. Machs Universalisierung des Empfindungsgedankens ist jedoch als Position der Wissenschaftstheorie zu radikal: Das wahrnehmende Subjekt wird bei ihm verabsolutiert. Zur Lösung des Problems, so können wir hinzufügen, müßte man vielmehr das epistemische Subjekt zur Gänze eliminieren, was für eine neuzeitliche Erkenntnistheorie nicht einfach zu bewältigen ist.

(2.3.12) Abschließend können wir festhalten, daß Meinong in seinem Versuch einer groben Form des Subjektivismus zu entgehen, sicher nicht gescheitert ist. Seine Ontologie der bewußtseinsunabhängigen empirischen Gegenstände in Verbindung mit seiner Konzeption äußerer Wahrnehmung, die zumindest einen gewissen kognitiven Bezug auf den transzendenten Gegenstand ermöglicht, bietet uns eine zunächst gangbare Variante des Weges von der Immanenz des wahrnehmenden Subjekts zur objektiven, wenn auch epistemisch nicht einholbaren Außenwelt. Das klassisch-empiristische Paradoxon der Erkenntnistranszendenz empirischer Gegenstände ist gelöst.

Meinongs Ansatz bleibt jedoch angreifbar. Die Kritik seines Schülers Franz Weber und Weber nachfolgend von Matjaž Potrč zeigen, daß Meinong wohl einer vor- und protokognitiven Konzeption von sinnlicher Empfindung mehr Aufmerksamkeit hätte schenken sollen, um einer empiristisch-naturwissenschaftlichen Lösung des Erkenntnisproblems näher zu kommen. Weber hatte die richtige Intuition, daß der Meinongsche Bezug auf den mit dem Existenzurteil gemeinten äußeren Gegenstand durch die diese Gegenständlichkeit erst ermöglichende sinnliche Empfindung des Gegenstandes ergänzt werden muß. Denn Empfindung stellt, noch vor aller kognitiven Verarbeitung der Empfindung, einen grundlegenden und direkten Bezug zur Welt der existierenden Dinge her.129

Webers Meinongkritik will aber innerhalb des gegenstandstheoretischen Rahmens bleiben, seine grundlegend richtige Einsicht in die Notwendigkeit des „Treffgedankens“ greift daher zu kurz. Weber wollte mit seiner Kritik die Gegenstandstheorie von Innen verbessern. Auch mit der von Weber vorgeschlagenen, die Gegenständlichkeit begründenden Funktion sinnlicher Empfindung bleibt das Problem schon des klassischen britischen Empirismus weiter bestehen, daß Gegenstandserkenntnis auf einer nur subjektiven, „privaten“ und daher zunächst intersubjektiv unzugänglichen Empfindungsbasis aufgebaut ist. Der mit der Empfindung verbundene „Treffgedanke“ Webers trifft mit der Wahrnehmung des Gesehenen, Gehörten und Getasteten (also: den vermeinten Gegenständen des kognitiven Bezugs selbst) in Wahrheit wieder nur das Gegenstandskorrelat eines Urteilsaktes, gehört als Bestandteil also wieder zum Akt und ist nichts als eine Metapher des Bezugs zu den von unserer geistigen Aktivität gänzlich unabhängigen Dingen der Außenwelt.130

Eine Lektion hat Meinong durch die Überwindung des Skeptizismus des klassischen Empirismus wohl gelernt: Der direkte Bezug zur empirischen, äußeren Existenz durch die klassisch-empiristische Erkenntnistheorie war auf rein empiristischer Basis nicht herstellbar. Die einzige Alternative einer rein epistemischen Charakterisierung äußerer Wahrnehmung bleibt bei Meinong daher erhalten und bleibt auch bei Weber weiterhin ein Kennzeichen des „Treffgedanken“.131 Die Überwindung des Skeptizismus führt durch eine Gegenbewegung das Meinongsche Denken letztlich doch in eine Form des Subjektivismus, der nur durch eine Kritik des ganzen von Brentano herstammenden Ansatzes gehoben werden kann.

Daß die Empfindungen durch beides, ihre Präsentationsfunktion und Treffunktion, eine Leistung auch für die Gegenstandstheorie vollbringen, hat Weber wohl aufgezeigt. Die programmatisch proklamierte Begründungsfunktion von Empfindung für Gegenständlichkeit ist jedoch nicht überzeugend durchgeführt worden. Die Radikalisierung der Kritik Webers am Meinongschen Verständnis äußerer Wahrnehmung geht noch weiter als Weber selbst gehen wollte. Sie führt von der Verbesserung der Gegenstandstheorie, also einer Kritik von Innen, zu einer Kritik von Außen.

Obwohl, wie schon betont, Webers Intuition des „Treffgedanken“ der Empfindung sicher richtig ist, geht er mit dem „Treffgedanken“ jedoch noch in einer zweiten Hinsicht fehl. (Oben erwähnt wurde ja bereits die Kritik an der bloß epistemischen Charakterisierung von äußerer Wahrnehmung, d.h. der Glaube, daß die äußere Realität vorhanden ist.) Intuitiv einsichtig ist: Das gereizte Tier „trifft“ mit seiner unmittelbaren kognitiven Reaktion zweifelsfrei nichts anderes als die Ursache des Reizes. Sobald die Kreuzotter im Gras von mir als solche erkannt wird, mache ich einen weiten Bogen um das Tier. Meine Empfindung richtet sich jedoch dabei nicht auf ein im Gras liegendes Tier, sondern auf die Gefahr von Biß und Schmerz. Das Webersche „Getroffene“ selbst hat also bei näherer Analyse niemals eine Daseinsstruktur, die bloße Struktur eines empfundenen Dinges, das existiert. Genau das scheint uns Weber aber nahezulegen, wenn er sagt, daß Empfindungen eine „Daseinsfunktion“ haben, die Grundfunktion der Empfindungen sei.132 Festzuhalten ist, daß Webers Meinongkritik ein grundlegendes Problem der Wahrnehmungskonzeption anspricht, ohne zu einer Lösung führen zu können.

Eine strenge Kritik der Erkenntnisbegründung durch ein epistemisches Subjekt, wie ich in dieser Arbeit zu zeigen hoffe, führt dazu, daß eine gangbare Theorie intersubjektiver Erkenntnis ihren Ausgang bei der physikalisch beschreibbaren Welt als letztlich einzig gegebener Wirklichkeit nehmen muß. Die innere Wirklichkeit kann am Ende nur ein abgeleitetes Phänomen sein. Auch das erkennende Subjekt muß physikalisch beschreibbar sein, darf aber jedenfalls nicht die Funktion der Erkenntnisbegründung übernehmen. Aufbauend auf dem Diskurs einer schon längst ausformulierten naturalistischen Epistemologie müssen wir letztlich das Modell rein epistemischer Begründungskriterien für das Entstehen von Erkenntnis aufgeben.133 Hier hat Potrč, auf Weber aufbauend, richtig weitergedacht. Meine Kritik an Meinong ist nichts anderes als eine Weiterführung Potrčscher Erwägungen. Wahrnehmung muß auf der mit naturwissenschaftlichen Methoden beschreibbaren Wechselwirkung von Organismus und Umwelt gegründet sein. Ohne diese Integration wird die nachcartesische Wahrnehmungstheorie keinen Erfolg haben, denn Wahrnehmung ist kein rein geistiges Phänomen und auch nicht auf innere Wahrnehmung zu reduzieren. Die Primatstellung innerer Wahrnehmung ist ein vorläufiger Kompromiß. Gleichzeitig darf Wahrnehmung nicht als rein passive Kausaleinwirkung konzipiert werden. Benötigt würde vielmehr eine Erkenntnisbegründung, die Wahrnehmung epistemisch und zugleich kausal konzipiert.

(2.4) Die Berechtigung des Psychologismusvorwurfs gegen Meinong: Die Ausweglosigkeit der Konzeption des epistemischen Zugangs zu Wirklichkeit

(Sektionen 2.4.0 – 2.4.7)

(2.4.0) Die Transformation des Erkenntnisproblems - Objektive als eine neue Klasse von Gegenständen der Erkenntnis:

Das alte Problem der Erkenntnistranszendenz der außerhalb des Bewußtseins existierenden Gegenstände stellt sich für Meinong neu, da bei ihm Gegenstände von Urteilen (Objektive) eine Struktur besitzen, die sie von den Objekten unterscheidet. Meinong leugnet nicht, daß wir uns mit unserem Bewußtsein auch auf Objekte (im Gegensatz zu Objektive) beziehen. Genauer treten Objekte nur als Vorstellungsgegenstände auf. Uns wird aber erst mit der Lehre von den Urteilsgegenständen, der Objektivenlehre, die volle Ausdifferenzierung der Gegebenheitsweisen von Gegenständen offensichtlich.134 Sofern Objektive Erkenntnisgegenstände sind, stellt sich das Problem der Natur der Erkenntnisgegenstände nun als das Problem der Referenz auf Bedeutungen neu. Das vorsemantische Erkenntnismodell des Bezugs des erkennenden Subjekts auf einen transzendenten, empirischen Gegenstand wird aufgegeben.

Um die den Objektiven eigene Struktur zu erläutern, gehen wir zunächst zum Plausibilisierungsversuch für die Einführung der Objektivenlehre in der Programmschrift von 1904 mit dem Titel Über Gegenstandstheorie zurück. Objekte, so wird hier festgehalten, haben Sein oder Nichtsein. Im Gegensatz zum Sein wirft jedoch das Nichtsein eines Gegenstandes ein Problem auf: Der Satz „Blau existiert nicht“, obwohl er die Existenz von Blau negiert, beinhaltet doch durchaus den Gedanken an Blau.135 Damit wäre also auch das Nichtsein eines Gegenstandes (im vorliegenden Fall: „Blau“) als eine Art des Gegebenseins von „Blau“ festzuhalten. Das kann aber nicht sein, denn das Nichtsein ist eben in keinem Sinne ein Sein. Die berühmte, in der Programmschrift formulierte Paradoxie besteht daher darin, daß es Gegenstände gibt, von denen eben gilt, „daß es dergleichen Gegenstände nicht gibt.“136 Diese Paradoxie wird in Über Gegenstandstheorie ganz richtig als ein Problem ausschließlich der Objekte formuliert, sie gilt hingegen nicht von der Gegenstandsklasse der Objektive.

Der Klasse der Objektive eignet also ein eigener Seinsbereich, der weder zurückführbar ist auf das Sein des Objekts, noch in irgendeinem Sinne von diesem abhängig ist.137 Das Meinongsche „Sosein“ der Gegenstände im Objektiv, d.h. die auf der Sachverhaltsebene geschehende Zuschreibung von Eigenschaften zu einem Gegenstand, ist unabhängig von Existenz bzw. Nichtexistenz des betreffenden Gegenstandes. Das Festhalten der Gesetzmäßigkeit nach der dieser eigene Seinsbereich von Gegenständen geordnet ist, führt uns daher zum Studium der von Meinong sogenannten „reinen“ Gegenstände, d.h. Gegenstände sofern sie unabhängig von ihrem Sein oder Nichtsein betrachtet werden. Unmögliche Gegenstände, wie das runde Viereck, sind Gegenstände, denen per se diese Unabhängigkeit von Sein bzw. Nichtsein zukommt. Wenn wir jedoch, wie der Verfasser der Programmschrift, davon ausgehen, daß das Sein im engen Sinne sich in Existenz und Bestehen erschöpft, d.h. wenn ein Gegenstand Sein hat, sofern er entweder existiert oder seine Bedeutung keinen Widerspruch in sich schließt, dann können wir also davon sprechen, daß Gegenständen, die durch Objektive erfaßt werden, gar kein Sein in diesem engeren Sinne zukommt. Meinong selbst stellt ganz zu recht in Zweifel, ob man den „reinen“ Gegenstand als eine Seinsform bezeichnen sollte.138 Die bald beginnende Rezeption bei John Findlay zeigte dann auf, daß ein Beweis für die Unabhängigkeit der Objektive von dem Funktionieren unseres Verstandes darin besteht, daß wir auch Urteile oder Annahmen über Objektive machen können und so Objektive zu Objekten werden:

Now it is perfectly possible for an objective to play the part of an objectum [Objekt] in the sense that we no longer judge or assume it, but make judgments or assumptions about it. To do this has the additional advantage of proving, with the greatest possible clearness, that objectives belong wholly and solely to the realm of objects, and are utterly indifferent to the workings of our minds.139

Daß ich verschiedene Akte auf das Objektiv richten kann, verdeutlicht nur das Meinongsche Modell der Gegenstandserkenntnis, das auf das Erfassen der vom Bewußtsein eben unabhängig konzipierten Bedeutung gerichtet ist. Dieses Modell wurde auch für die Konzeptionierung äußerer Wahrnehmung wichtig. Auch sie beschäftigt sich statt mit der Existenz des Wahrnehmungsgegenstandes, mit dem ontologischen Status von Objektiven. Erinnern wir uns, daß schon für Brentano der Existenzbegriff der inneren und eben nicht der äußeren Erfahrung entspringt, das neue von Brentano herrührende Konzept der äußeren Wahrnehmung löst tatsächlich ein Erkenntnisproblem, indem auf das Konzept eines erkenntnistranszendenten, äußeren, empirischen Gegenstandes als Erkenntnisgegenstand verzichtet wird.140 Beim für die Wahrnehmung charakteristischen Existenzurteil der Form „Gegenstand x existiert“ handelt es sich bei Meinong tatsächlich nicht um die Annahme der Existenz des Gegenstandes, sondern um eine Existenz prädikation.

Man kann vorausgreifend vermuten, daß der immanente Gegenstand als bewußtseinsimmanent konzeptionierter Erkenntnisgegenstand - wie übrigens auch für den frühen Edmund Husserl - zu einem neuen Erkenntnisproblem führt, das einem Psychologismusvorwurf den Weg ebnet. Der Bezug der Bewußtseinsimmanenz zur intersubjektiven Außenwelt müßte bei der Konzeptionierung äußerer Wahrnehmung sicherlich geklärt werden, und der Mangel einer solchen Klärung kann nur zu einer strengen Kritik der Meinongschen Konzeptionierung der Gegenstandserfassung in der Wahrnehmung führen.

Darüberhinaus wurde auch schon bemerkt, daß die Konzeptionierung der Beziehung zwischen Inhalt und Gegenstand bei Meinong nicht ohne Schwierigkeiten gelungen ist. Weil die Erkenntnisgegenstände keine empirischen Gegenstände sind, so scheint insbesondere die eindeutige Zuordnung eines psychischen Inhalts zu seinem Referenten, dem Gegenstand äußerer Wahrnehmung, Probleme zu machen. Wie der Bezug von Psychischem (d.h.: Inhalt) auf Nichtpsychisches hergestellt werden kann, muß letztlich fraglich bleiben.

In diesem Zusammenhang hat Johann Marek jüngst aufgezeigt, daß Inhalte als psychische Tatbestände immer auf das jeweilige Individuum bezogen werden, während die durch sie gemeinten Gegenstände durchaus unabhängig vom Bewußtsein des sie erfassenden Individuums in einer objektiven Raum-Zeit-Stelle gegeben sind.141 So sind die Gegenstände „Heute“ und „Jetzt“, an verschiedenen Tagen ausgesprochen, objektiv betrachtet jeweils verschiedene Gegenstände. „Heute geht meine Uhr“ ist am Sonntag ein anderes Objektiv, hat also eine andere Bedeutung für den Sprecher als am Montag, weil am Montag meine Uhr nicht mehr geht. Wir haben es aber trotz dieser Verschiedenheit der Objektive mit nur einem psychologischen Inhalt zu tun. Ein Inhalt kann also zwei Gegenständen zugeordnet sein. Marek thematisiert das Psychologismusproblem zwar nicht, dieses wäre aber nur eine Fortführung seiner Zuordnungskritik.

Wir halten fest: Wenn der kognitive Zugang zu einer bewußtseinsunabhängigen Welt nicht überzeugend hergestellt werden kann und folglich ein Erkenntnissubjektivismus bzw. - relativismus, wie bereits in Kapitel 2.1 erwähnt, nicht überzeugend ausgeschlossen werden kann, dann scheint das psychologistische Verständnis die einzige Alternative einer kohärenten Erkenntnistheorie zu sein. Dieser Schluß ist aber vorschnell, denn Brentanos Konzeption intersubjektiver Erkenntnis impliziert noch keinen Psychologismus.

(2.4.1) Brentanos Intersubjektivitätskonzeption:

Wenn die Gegenstände „Jetzt“ und „Heute“ nur aus der Perspektive der Ersten Person in ihren Verhältnissen zu den ihnen korrelierten Inhalten eindeutig zu bestimmen sind, dann nehmen wir zugleich an, daß wir die Gegenstände nur „privat“ oder bloß „subjektiv“ eindeutig bestimmen können. Zugestanden muß jedoch werden, daß Meinong Intersubjektivität durchaus herstellen kann, und zwar im Sinne Brentanos, nur mit inneren (im Gegensatz zu externen oder äußeren) Kriterien, nämlich durch Urteilsevidenz für das epistemische Individuum.

Dieser Brentanosche Ansatz kann aber selbst nicht schon als ein Psychologismus in der Erkenntnistheorie gedeutet werden, da wir doch den Unterschied zwischen Psychologismus und einer bei Brentano zur Anwendung kommenden rationalen, d.h. mit rein epistemischen (statt empiristischen) Mittel durchgeführten Erkenntnisbegründung machen müssen. Daß in der deskriptiven Psychologie Erkenntnisbegründung im empirisch beschreibbaren Subjekt durchgeführt wird, bedeutet nicht zwangsläufig, daß eine psychologistische Vorgehensweise vorliegt.

Andererseits muß festgehalten werden, daß die Anschuldigung eines Psychologismus gleichermaßen bei internalen, wie bei externalen Erkenntniskriterien möglich ist. Bei externalen Kriterien ist dies der Fall, wenn sich durch die fehlende tatsächliche Erkennbarkeit ein Skeptizismus gegenüber der Naturerkenntnis einstellt, gleichzeitig aber die Intention der Naturerkenntnis dadurch erreicht wird, daß die Gesetze der Verstandestätigkeit als psychologische Gesetze untersucht werden. David Humes psychologistische Erkenntnistheorie kann so als eine Art des Externalismus interpretiert werden. Angesichts des verweigerten Erkenntniszugangs hätte hier ein Psychologismus eine gewisse Berechtigung.

Der Gedanke, daß vielleicht ein illegitimer Psychologismus vorliegt, drängt sich uns dann aber wieder stärker auf, wenn eine Theorie mit internalen Erkenntniskriterien zur Erkenntnis der intersubjektiven Welt nicht kohärent formuliert werden kann142 und wir fragen müssen, warum sie sich nicht kohärent formulieren läßt?

Erst wenn der kognitive Bezug zu den äußeren bewußtseinsunabhängigen Gegenständen, also der intersubjektiven Welt vorhandener Gegenstände, in einer kohärenten Theorie der Erkenntnis vollkommen geklärt wäre, also statt oder über Ontologie hinaus ein epistemischer Zugang zur empirischen Welt als äußerer Wirklichkeit gegeben werden könnte, d.h. externale Wirklichkeit eine erkenntnisbegründende Funktion erhielte, könnte Meinong hoffen, einem gegen ihn gehegten Psychologismusvorwurf in der Erkenntnistheorie überzeugend zu entkräften.

(2.4.2) Die Polemik gegen den Psychologismus:

Edmund Husserl ist ebenso wie Meinong für seine Psychologismuskritik (gerichtet gegen die Logiken u.a. von Christoph Sigwart und John Stuart Mill) bekannt geworden. Beide hatten jedoch unterschiedliche Motive für ihre Haltung. Meinongs Kritik psychologistischer Vorgehensweise fällt in die Zeit der Entwürfe zur Gegenstandstheorie. Psychologismus bedeutet für ihn eine falsche Anwendung der Psychologie auf nicht unter die Anwendung ihrer Methode fallende Bereiche. Er differenziert verschiedene Arten. So ergäbe sich der Psychologismus in der Erkenntnistheorie zunächst aus dem vorschnellen Schluß, daß der Erkenntnisgegenstand, der nicht außer uns existiert, doch zumindest in uns existieren müsse. In der Erkenntnistheorie, so wird uns deutlich, liegen Subjektivismus und Psychologismusverdacht tatsächlich eng beieinander. Die Anerkennung der von Meinong so genannten „ Doppeltatsache des Erkennens und des Erkannten“, der Doppeltatsache, daß das Erkannte also immer unabhängig gegenüber dem Vorgang des Erkennens sein muß, ist entscheidend zur Abwehr von beidem.143 Diese Doppeltatsache könne aber leicht übersehen werden, wenn wir es mit nichtwirklichen Gegenständen zu tun haben, wie etwa in der Geometrie. Diese Gefahr wird in Über Gegenstandstheorie thematisiert:

Aber dem Erkennen steht das Erkannte gegenüber; das Erkennen ist, wie bereits wiederholt berührt, eine Doppeltatsache. Wer die zweite Seite dieser Tatsache vernachlässigt, also in der Weise Erkenntnistheorie treibt, als gäbe es nur die psychische Seite am Erkennen, oder wer jene zweite Seite unter den Gesichtspunkt des psychischen Geschehnisses zwängen will, dem wird der Vorwurf des Psychologismus nicht zu ersparen sein.144

Sowohl die Vereinnahmung des Erkenntnisobjekts in den Erkenntnisakt, wie auch der Mangel an Ausdifferenzierung der bewußtseinsunabhängigen Seinsweisen des Objektivs, z.B. in Sein, Nichtsein oder Sosein, wenn also Seinsweisen auf Weisen des Gegebenseins reduziert werden, wird der psychologistischen Betrachtungsweise der Weg gebahnt. Das vom Objekt in seiner Struktur völlig unterschiedene Objektiv ist derjenige Erkenntisgegenstand, auf dessen Grundlage sich die Ontologie der Erkenntnisgegenstände vor uns ausbreitet und vom Gegenstandstheoretiker klassifiziert werden kann. Ein Erkenntnisgegenstand, der nicht existiert, müsse also deswegen nicht „in uns“ existierend gedacht werden, da ihm doch ein unabhängiger ,ontologischer Status zukomme. Gegenstände sind gerade auch dann als solche zu klassifizieren, wenn wir sie in der einen oder anderen Weise als seiend erkennen, ohne auf die Frage Bezug nehmen zu müssen, ob sie mit dem Bewußtsein erfaßt werden oder nicht.

Meinong differenziert durchaus die psychologische und die apsychologische145 Untersuchungsart für Gegenstände. Der apsychologische Zugang müsse als ein eigener Bereich weiter erforscht werden, und müsse zu diesem Zweck zunächst freigelegt und abgegrenzt werden. Einschließlich der Frage nach dem erkenntnistheoretischen Zugang zum Gegenstand unterscheidet Meinongs Über die Stellung der Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften von 1907 dreierlei Hinsichten, in denen wir von einem unstatthaften Übergriff der Psychologie sprechen müssen146:

(1) Eine psychologistische Interpretation der Denkgesetze in der Logik.

(2) Ein Psychologismus, der aus der mangelnden Unterscheidung zwischen Gegenstand und Inhalt resultiert.

(3) Ein Psychologismus, der aus der mangelnden Unterscheidung zwischen dem Sein der Gegenstände und dem Wahrgenommenwerdenkönnen äußerer Gegenstände entsteht. Das tatsächlich Wahrgenommene ist mit dem Akt des Wahrnehmens verbunden. Das apsychologisch erfaßbare Sein der Gegenstände kann nach dem vorsemantischen Wahrnehmungsmodell, das nur auf Objekte gerichtet ist, gar nicht thematisch werden.

Bei dieser Aufstellung wird deutlich, wie eng Meinongs Anti-Psychologismus mit dem Projekt einer Gegenstandstheorie als einer apriorischen Wissenschaft der Natur und Beschaffenheit der Gegenstände verbunden ist. Der im Rahmen dieses Projekts verfolgte Angriff auf den Psychologismus ist aber ebenso oberflächlich, wie er auch schärfster Kritik ausgesetzt werden muß. Eine offensichtlich zu übende Kritik ist, daß es bei nicht existierenden Gegenständen ja noch viel fraglicher ist als bei existierenden, ob sie nicht eben doch notwendigerweise von einem Bewußtsein erfaßt werden müssen, also gerade nur psychologistisch verstanden werden können. Für uns ist es intuitiv völlig richtig zu sagen, daß gerade nicht existierenden Gegenständen nur dadurch Sein zugesprochen werden kann, wenn wir sie uns durch einem psychischen Akt erfaßt denken. Man könnte argumentieren, daß es eine völlig unnötige Vervielfältigung von Seinsweisen ist, ihnen ein vom Akt unabhängiges Sein zuzusprechen. Diese Intuition wird von Meinong jedoch nicht geteilt. Für ihn sind Objektive in ihrem Sosein (also der Zuschreibung von Eigenschaften) vor dem psychologistischen Zugriff gesichert. Nur

[w]er die Bedeutung und Eigenart des Objektivs nicht erfaßt hat, wer infolgedessen das jedem Erkennen zugehörige Sein am Objekt sucht, [...], der verfällt dem Psychologismus.147

Macht es sich Meinong aber nicht zu einfach, wenn er behauptet, daß die antipsychologistische Vorgehensweise ihn nicht nur zu der Unterscheidung von Inhalt und Gegenstand, sondern auch zu der Unterscheidung von Objekt und Objektiv inspiriert hat.148 So müssen wir doch feststellen, daß wir uns in einem Zirkel bewegen, wenn mit der programmatischen Unabhängigkeit des Seins der Gegenstände vom psychischen Erfassen die Einführung einer Gegenstandstheorie verteidigt wird, andererseits aber ebenso die Einführung der Gegenstandstheorie dazu dient, uns die apsychologische Zugangsart zu Gegenständen aufzuzeigen? Man könnte außerdem einwenden, daß, wenn das Sein der Gegenstände ein auch nicht notwendig psychologisch Erfaßtes ist, der Zugang zur Gegenständlichkeit sicher psychologistisch deutbar bleibt. Damit hätte Meinong aber schon zuviel zugestanden.

(2.4.3) Eine Evaluierung von Francesca Modenatos These:

Obwohl sich also Gegenstandstheorie als neue Disziplin zumindest programmatisch durch eine definitiv nicht-psychologische Zugangsweise zu Gegenständen auszeichnet,149 so ergibt sich ein erstes Verdachtsmoment ob der strikten Durchführung des Programms schon durch wahrnehmbare Kontinuitäten mit einer psychologisierenden Vorgehensweise (z.B. in der Konzeptionierung äußerer Wahrnehmung) in den frühen Schriften.

Wie Modenato bemerkt, findet sich der Übergang zum Anti-Psychologismus inhaltlich bereits 1899.150 Während der Begriff Gegenstandstheorie erst in den Bemerkungen über den Farbenkörper und das Mischungsgesetz von 1903 erwähnt wird, ergibt sich schon in dem vier Jahre früher veröffentlichtem Aufsatz Über Gegenstände höherer Ordnung eine Diskussion der Seinsweise von Gegenständen höherer Ordnung, wie z.B. Ähnlichkeit, Verschiedenheit oder Gleichheit, also von idealen Gegenständen, die sicher nicht als psychische Erlebnisse falsch verstanden werden können. Auch später in Über die Stellung der Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften von 1907 dienen Meinong insbesondere Gegenstände höherer Ordnung als Beispiele, um die Wichtigkeit einer eigenen Wissenschaft über die Natur der Gegenstände plausibel zu machen.151

Modenato zufolge sind Meinongs Seinsweisen von Gegenständen nichts anderes als Gegebenheitsweisen für ein Bewußtsein. Ohne Gegebensein gibt es keine epistemische Zugangsmöglichkeit zum Sein. Das wird von Modenato nicht rein erkenntnistheoretisch, sondern nur als psychologistisches Gegebensein aufgefaßt. Sie sagt wörtlich:

the distinction of the modes of being goes back to the distinction of the modes by which being appears to a consciousness as its object.152

Um diesen Vorwurf zu evaluieren, müssen wir ihn zunächst weiter spezifizieren. Sollten wir auch bei Modenato nicht eigentlich von einem Erkenntniss ubjektivismus statt von einem Psychologismusvorwurf sprechen? Wenn Seinsweisen nur dadurch ausdifferenziert werden können, daß das Sein auf eine bestimmte Weise erfaßt wird, dann ist Subjektivismus, d.h. Relativismus der Erkenntnis für ein epistemisches Subjekt, tatsächlich der nächstliegende Vorwurf.

Darüberhinaus ist der Begriff des Gegebenseins interpretationsbedürftig: Das einfache epistemische Gegebensein von Gegenständen ist noch keineswegs ein psychologisierendes Gegebensein durch Erfassen in einem psychischen Akt. Modenato geht davon aus, daß die Gegenstandstheorie erkenntnistheoretische Fragen beantworten will, sieht jedoch das Erkennen nur in Erkenntnisakten vollzogen. Modenatos Kritik ist dabei beeinflußt von Husserls nichtpsychologisierender „reinen“ Logik, die auch Meinongs Ideal und das Ziel der Gegestandsontologie sein sollte. Modenato sagt:

Pure logic, therefore, seems to answer in the most adequate way the demands that induce Meinong to elaborate a theory of pure objects: such objects are taken into consideration as to their positivity and possibly founded on equally pure operations of a subject.153

Meinong selbst denkt jedoch weder an ein psychologistisch, noch an ein erkenntnistheoretisch Gegebenes, sondern an den Bereich ontologischer Klassifizierungen, also an Seinsmodi, die wir als Gegebenheitsweisen bezeichnen können. Zusammenfassend können wir festhalten, daß die psychologistische Interpretation der Seinsweisen als Gegebenheitsweisen nur eine der möglichen formulierbaren Kritiken darstellt.

Wir müssen jedoch zunächst Meinongs Strategie der Abwehr des Psychologismus in der Logik untersuchen. Ich werde versuchen, die These der Psychologismusnähe anhand der Modalitäten der Objektive (wir beschränken uns auf die Modalitäten Tatsächlichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit) näher auszuführen. Vorauseilend halten wir zwei wichtige Unterschiede in der Abwehrstrategie im Vergleich mit Husserls Projekt einer „reinen“ Logik fest:

(2.4.3.1) Erstens ist die Logik für Meinong im Gegensatz zu Husserl keine normative Disziplin, die von praktischen Absichten gereinigt ist, sondern theoretisch-praktisch ausgerichtet. Eine normativ ausgerichtete Logik beschäftigt sich in der Tat auch nicht mit der tatsächlich angewandten Methode der Wissenschaften, sondern mit den Regeln nach denen eine Methode angewandt werden soll. Als eine normative Disziplin ist für Husserl Logik zwar durchaus praktisch relevant, weil sie die Regeln für die Anwendung in den Wissenschaften aufstellt, sie ist eine „Kunstlehre“, wie Husserl sagt, ohne jedoch selbst zwingend mit einer Anwendung verknüpft zu sein. Normativität in der Logik wird von Husserl als Argument gegen psychologistisches Vorgehen gedeutet, weil sich nur die Psychologie mit den „Normalgesetzen“ des Denkens beschäftigt, während sich Logik damit auseinandersetzt, wie wissenschaftliches Denken sein soll, obwohl es leider nicht dieser Norm entsprechen muß.

Den Prolegomena zu den Logischen Untersuchungen zufolge hat die Logik darüberhinaus ein Fundament in einer rein theoretischen Wissenschaft. Nur sie wird als „ reine “ Logik bezeichnet. In ihr werden unhintergehbare Denkgesetze formuliert (z.B. der Satz vom Widerspruch oder die Denkgesetze, die der Syllogistik zugrunde liegen), die in der normativen Disziplin ihre Anwendung finden. Letztere greift beim methodischen Vorgehen der Wissenschaften selbst regulierend ein.

(2.4.3.2) Zweitens ist festzuhalten, daß die Denkgesetze bei Meinong nicht ideale Bedeutungen sind. Genau das ist aber Husserls Strategie. Die normative Logik hängt eben von ihrem theoretischen Fundament so ab, daß letzteres als „reine Logik“ in den Bedingungen der Möglichkeit von Wissenschaft überhaupt besteht. Da diese Bedingungen aber nicht nur gelten, insofern wir sie einsehen, sondern sie unabhängig von unserem Erfassungsvermögen gelten, so kann es sich gar nicht um psychologische, sondern nur um ideale Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis handeln.154 Diese idealen Bedingungen können dann wieder zur Kritik der Normierung der Erkenntnis herangezogen werden, wobei jedoch kein Ableitungsverhältnis zwischen ihnen und dem tatsächlichen normativen Urteil vorliegen kann.155 Ein Psychologismus wird durch die ideale Bedeutung der Gesetze von vorneherein ausgeschlossen.

Im Gegensatz dazu sind bei Meinong die logischen Urteile zwar nicht reduzierbar auf ein „inneres Erleben“, aber die Gesetze der von der Logik untersuchten Urteile befassen sich mit den sprachlich verfaßten, geurteilten Objektiven, statt mit Denkgesetzen als ideale Bedeutungen. Denkgesetze sind für Meinong nichts anderes als Urteile, nämlich „begriffartige“ Urteile in Meinongs Terminologie. Denkgesetze, sagt unser Autor 1907, und wohl nicht zufällig in einem direkten Angriff auf Husserls ersten Band der Logischen Untersuchungen, sind gerade leicht psychologistisch zu deuten, und daher sollten wir auf sie als von den tatsächlichen Urteilen abstrahierenden Gesetzen verzichten.156

(2.4.4) Konkretisierungen - Zwei Beispiele für die Nähe zum Psychologismus in der Logik:

(2.4.4.1) Erstes Beispiel: Die Urteilsmodalitäten. Trotz seiner Ablehnung einer „reiner Logik“ wendet sich Meinong doch auch gegen einen Psychologismus in der Logik. Die Gesetze der Logik unterscheiden sich ihm zufolge von den Gesetzen wirklichen Urteilens nur darin, daß sie „wesentlich nur auf die gegenständlichen Bestimmungen der Urteile, d.h. auf die Objektive, Bedacht nehmen.“157 Die Logik soll sich also statt mit dem Urteilsakt mit dem Beurteilten, dem durch das Urteil Gemeinten, beschäftigen.

Das Dilemma ist, daß einerseits das Erfassen des Objektivs zwar unentbehrlich ist, da das Objektiv der kognitiven Verarbeitung zugänglich sein muß. Andererseits bleibt jedoch der vom Bewußtsein unabhängige Bereich ebenso wichtig. Wir müssen beim Urteil als von einem irreduziblen Zusammenspiel zwischen Erfassen und der unabhängigen Struktur des Objektivs ausgehen.

Über Annahmen können wir entnehmen, wie sich für Meinong die Urteilsmodalitäten Tatsächlichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit als Eigenschaften der Objektive konzipieren lassen. Da wir bei der Beschreibung der modalen Eigenschaften der Objektive das bloße mit-dem-Bewußtsein- Erfassen transzendieren, kämen wir anscheinend ohne Psychologismus aus. Ein psychologistisches Vorgehen wäre zunächst, daß es sich bei dem Urteil

„es ist sicher, daß man von Frankreich nach England fliegen könne“

um eine Gewißheit des Erfassens des Objektivs

„daß man von Frankreich nach England fliegen könne“

handeln müsse. Das Erfassen des Urteils wäre gewiß. Die Modalität Gewißheit („es ist sicher“) bezöge sich dann also auf die Art des Erfassens im Akt. Also sprächen wir z.B. von dem möglichen oder tatsächlichen Erfassen des Objektivs oder, wie im vorliegenden Fall, von einem gewissen Erfassen des Objektivs. Wie ein Urteil ein affirmatives oder negatives ist, so könnte es dann eben auch ein gewisses Urteil geben. Hier hätte also nur der Urteilsakt selbst die modale Eigenschaft, sie beträfe also gar nicht den vom Akt unabhängigen Gegenstand des Urteils.

Meinong offeriert angesichts dieser Problemlage eine psychologismusvermeidende Lösung für das Problem: Demgemäß muß das Urteilen zwar mit der modalen Bestimmung verknüpft bleiben, da der Modalfaktor durchaus dem Urteil als Resultat des Urteilens zukommen soll. Es soll uns möglich sein, die Modalitäten, wie Meinong sagt, „vom Urteil her“ zu verstehen, wir müssen jedoch die Modalitäten auch als Eigenschaften von Objektiven unabhängig vom Urteilen selbst begreifen. Alleine die von ihrem Erfassen als unabhängig gedachten Objektive reichen auf der anderen Seite jedoch auch nicht hin, da modales Urteilen letztlich von einer Urteilsqualität nicht zu unterscheiden ist, also nicht ausschließlich den Gegenstand des Urteils betreffen kann. Der Lösungsvorschlag besteht darin, Objektive mit ihren erfaßbaren Urteilsinhalten koordiniert zu denken.

Erinnern wir uns, daß schon die Existenz als Erkenntnisgegenstand im Urteil („Gegenstand X existiert“) bei Brentano wie bei Meinong einen beurteilten Urteils inhalt ausmacht. Existenz wird also durchaus erfaßt, statt ein tatsächliches, bewußtseinsunabhängiges, empirisches Sein des Gegenstandes darzustellen. Der epistemische Zugang besteht nur zum Urteilsinhalt. Was für die Existenz gilt, gilt auch für die Modalitäten der Tatsächlichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit. Bei der Charakterisierung modaler Zuschreibung brauchen wir also über die Objektive hinaus einen epistemischen Zugang zu der modalen Verfaßtheit von Objektiven.158

Das Objektiv, d.h. der Gegenstand im obigen Sinne, wird bei Meinong zwar der Träger der modalen Eigenschaft, während der im Urteil beurteilte Urteilsinhalt eine bestimmte Art von Evidenz aufweist (z.B. (1) rationale Evidenz, (2) Gewißheitsevidenz oder (3) Vermutungsevidenz), die uns die Modalität des Objektivs zu erkennen erlaubt. So läßt uns z.B. ein Urteilsinhalt, dem rationale Evidenz zukommt, d.h. Evidenz ohne alle Hilfe durch Erfahrung, die Notwendigkeit des beurteilten Objektivs erkennen. Wie Notwendigkeit der rationalen Evidenz entspricht, so entspricht Möglichkeit der Vermutungsevidenz und Tatsächlichkeit der Gewißheitsevidenz. Sein und Erkennen werden hier also streng getrennt. Diesen epistemischen Zugang zum Sein der Objektive benötigen wir aber für die Modalitätszuschreibung, auch wenn das Sein selbst von ihm unabhängig ist:

Nicht dahin also geht meine Meinung, als ob es unstatthaft wäre, Begriffe von den modalen Eigenschaften der Objektive auf den Umweg über Eigenschaften des Urteils zu bilden. Das kann vielmehr in ganz korrekter und auch ganz nützlicher Weise geschehen. Wichtig scheint mir aber, dass wir auf diesen Umweg nicht jedesmal angewiesen sind, dass vielmehr auch hier letzte fundamentale Momente an den Objektiven unter günstigen Umständen unserem Erfassen offen stehen.159

Dieser Kompromiß, daß man das Erkennen von Modalität von der Eigenschaft des Objektivs unterscheiden kann, ist wenig überzeugend. Einen selbständigen Gegenstand von einem Gegenstand, sofern er epistemisch erfaßt wird, zu unterscheiden, scheint eine unnötige Komplikation der Urteilstheorie. Man könnte einwenden, daß, wie schon bei Brentano, Urteilsevidenz bzw. eine Modifikation dieser Evidenz nicht vom psychologischen Vorgang unabhängig ist und das im Urteil beurteilte Objektiv dem Bewußtsein auf jeden Fall nur durch eine Weise des Gegebenseins zugänglich ist. Die von Meinong vorgeschlagene Trennung von Erkennen und Sein löst weder das Problem eines psychologisierenden Erkenntniszugangs, noch überzeugt die proklamierte Unabhängigkeit der Seinsweisen vom Erkennen. Von einer überzeugenden Strategie kann man also nicht sprechen.

(2.4.4.2) Ein zweites Beispiel für die Nähe zum Psychologismus - die Begriffsbildung: Logik beschäftigt sich nach Meinong unter anderem (also außer mit Urteilen und Schlüssen) mit Begriffen und Begriffe sind für ihn näher charakterisiert als „unvollständig bestimmte Gegenstände“ (abkürzend spricht Meinong auch von „unvollständigen Gegenständen“).160

Zunächst ist es sinnvoll die Unterscheidung zwischen Gegenständen und Begriffen deutlich zu machen, wobei sich Begriffe auf konkrete Gegenstände als ihre Exemplifizierungen beziehen.161 Im Vergleich mit dem individuellen Gegenstand kommt einem Begriff Allgemeinheit zu. Viele individuelle Gegenstände können unter ihn fallen, wie auch der Begriff seinerseits wieder von einer Vorstellung erfaßt werden kann, womit er zu einem neuen Gegenstand, nämlich zu einem unvollständigen Gegenstand der Erkenntnis wird.162 Unvollständig ist der Gegenstand, weil er nicht in der ganzen ihm zukommenden Bestimmtheit erfaßt wird. So verbinden wir, wenn wir die Vorstellung des von einem Violoncello hervorgebrachte Tones „großes C“ haben, mit dem Ton nicht die Vorstellung einer bestimmten Tonstärke, obwohl jedem hervorgebrachten Ton, der uns zum Gegenstand wird, natürlich eine bestimmte Tonstärke zueigen sein muß:

Denkt man sonach in Wahrheit sozusagen an ein stärkeloses C? Das wird man womöglich noch sicherer ablehnen, als dass im C-Gedanken bereits schon ein Stärkedatum enthalten gewesen wäre. Insofern hat dieses ‚abstrakte’ C also die sehr merkwürdige Eigenschaft, dass ihm Stärke weder zukommt noch fehlt. Man denkt einfach nicht an Stärke, was eben schon in sich schliesst, dass man nicht etwa denkt, dem Gegenstande, mit dem man sich beschäftigt, fehle die Stärke. Der Gegenstand ist hinsichtlich des Stärkemoments nicht bestimmt. Man kann ihn daraufhin nicht etwa kurzweg unbestimmt nennen, wohl aber unvollständig bestimmt, oder vielleicht kürzer ‚unvollständig’.163

Wie Modenato anmerkt, begeht Meinong den Fehler, nicht klar zwischen einer einfachen Abstraktion von einem konkreten, vollständig bestimmten individuellen Gegenstand (also einem erfaßten unvollständigen Gegenstand) und der Allgemeinheit der Begriffe zu unterscheiden.164 Es ist unbedenklich, Prädikation nicht nur auf individuelle Gegenstände zu beschränken, sondern ihr auch auf der Ebene der Begriffe stattzugeben. Auf der begrifflichen Ebene kann so ein allgemeines Prädikat, z.B. die Farbe Rot, als Prädikat für alle Individuen des Begriffsumfangs von „roter Gegenstand“ dienen. Dann aber, so hat Modenato zurecht kritisiert, können wir nicht, wie Meinong es tut, von einem Begriff als einem Erlebnis sprechen165 - nämlich von Erlebnissen, bei denen die psychologische Betrachtungsweise außer Acht gelassen wird. Modenato sagt wörtlich in ihrer Kritik:

... the concept as an incomplete object is an ‘object’ in quite an improper sense. As a matter of fact, it is an Erlebnis, in which we leave out of consideration its psychological side and only take into account its ‘other side’. Such an operation does not lead us directly in view of an object in its autonomous positivity; it still occurs within the bounds of psychology.166

Weit entfernt von der Vermeidung des Verdachts psychologischer Vorgehensweise macht sich Meinong letztlich seine eigene, vom Individuellen abstrahierende Begriffskonzeption nicht zunutze.

Zusammenfassend können wir festhalten, daß Meinong von Husserls Strategie zur Vermeidung des Psychologismus keinen Gebrauch macht. Darüberhinaus scheint die Abgrenzung des Bereichs des Gegenständlichen von Erkenntnistheorie und Logik, in einem Vergleich mit Husserls Bemühungen zur Abgrenzung der Logik, nicht hinreichend bzw. sogar mangelhaft ausgeführt. Meinong stellt bei der Unterscheidung von Logik und Gegenstandstheorie gleichzeitig den deutlichen Bezug zwischen beiden Disziplinen her. Logik sei eine Theorie der Begriffe und Urteile. Da die Begriffe sich auf die unter sie fallenden Gegenstände beziehen, ergibt sich eine Verwandtschaft zwischen Logik und Gegenstandstheorie. Begriffe wie auch Gegenstände haben weiterhin gemeinsam, daß ihre Diskussion scheinbar den psychologischen Urteilsakt nicht betrifft. Meinong wendet sich aber gegen Husserl und bezichtigt ihn der Disziplinenvermengung: Nur wenn die Lehre vom Gegenständlichen als Teil der Logik genommen werde, so Meinong, führe das zu einer Husserlschen „reinen“ Logik.167 Dieser Schritt sei aber illegitim, da sich die Logik nicht mit der Natur der Gegenstände beschäftige.

(2.4.5) Zwei Erweiterungen von Francesca Modenatos Kritik:

(2.4.5.1) Erste Erweiterung: Die extreme epistemische Leistungsfähigkeit des empirischen Subjekts bei Meinong: Die Möglichkeit des psychischen Untersuchungszugangs hängt auch damit zusammen, daß Meinongs Konzeption von Subjektivität eine empirische Konzeption ist und er Subjektivität nicht transzendental auffaßt. Die vom Menschen subjektiv erlebte Wirklichkeit ist bei Meinong eindeutig irreduzibel, sie ist vielmehr in den frühen, wie auch in den gegenstandstheoretischen Schriften der eigentliche Untersuchungsgegenstand.

(2.4.5.1.1) Entscheidend ist, daß empirische Subjekthaftigkeit, im Gegensatz zur transzendentalen Subjekthaftigkeit, prinzipiell psychologistisch deutbar bleibt. Die transzendentale Subjektivität, wie z.B. beim späten Husserl, kann gar nicht psychologisierend, sondern nur erkenntnistheoretisch angelegt sein, da sie sich mit Subjektivität in ihrer Funktion als Konstitutionsprinzip auseinandersetzt (Beispiele hierzu finden sich auch in der Logik: Vgl. Husserl: Transzendentale und Formale Logik). Hingegen wird durch die Meinongsche „Daseinsfreiheit“ des Erkenntnisgegenstandes eine psychologistische Untersuchung der subjekthaften Erkenntnis nicht gehindert, sondern noch unterstützt. Ein Gegenstand kann auch ohne zu existieren Eigenschaften haben, z.B. kommt auch einem fiktiven Objekt „mein Schreibtisch“ ein bestimmtes Sosein zu. Wie sollen wir dann aber diese Eigenschaftszuschreibungen bei fiktiven Gegenständen auffassen, wenn nicht als psychische Vorgänge?

Richtig ist freilich, dass, wenn ich gar keinen Schreibtisch habe, „mein Schreibtisch“ also gar nicht existiert, ich auch kein Recht haben werde, ihn als viereckig zu bezeichnen. Aber doch aus keinem anderen Grunde, als weil ich mit „mein Schreibtisch“ nach gewöhnlichem Sprachgebrauch nur etwas Wirkliches meine; existiert das betreffende Objekt gar nicht, dann hat ein auf Wirklichkeit gerichtetes Urteil über Eigenschaften dieses Objektes keinen Boden. Seine Eigenschaften aber, sein Sosein, hat das Objekt gleichwohl: es ist, was es, resp. wie es ist, wenn es auch nicht existiert ...168

Als Erklärung dafür, daß dem fiktiven Gegenstand „mein Schreibtisch“ Eigenschaften zugeschrieben werden, stünde freilich die Leistungsfähigkeit von empirischer Subjektivität als innerem Konstitutionsprinzip, für den ganzen Bereich des psychisch Gegebenen, zur Verfügung. Die Untersuchung empirischer Subjekthaftigkeit erlaubt uns prinzipiell, das Erkenntnisproblem als rein psychologisches Problem zu behandeln.

(2.4.5.1.2) Darüberhinaus ist die Rolle des Sprachträgers entscheidend. Sonst hätten wir nicht das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Inhalten und den ihnen zugeordneten Gegenständen: Gegenstände als Bedeutungen sind daher immer abhängig von einem Bedeutung erfassenden Subjekt.169

Erinnern wir uns, daß für Meinong die Wirklichkeit der bewußtseinsunabhängigen physischen Körper kein selbständiger Bedeutungsträger ist. Schon Ernst Mach hatte ja in seiner Erneuerung des Empirismus der Welt der physischen Körper einen metaphysischen Substanzcharakter abgesprochen.

Die Unreduzierbarkeit des Innenbereichs menschlicher Wirklichkeit ist als eine Unreduzierbarkeit der psychologistisch erfaßbaren Wirklichkeit zu verstehen, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Diese Wirklichkeit kann nicht aus der Außenperspektive der objektiven, physikalistisch beschreibbaren Welt verständlich gemacht werden. Faktum ist, wie schon für Brentano, daß das epistemische Subjekt erkenntnisbegründende Funktion hat. Das Subjekt konstituiert aber nicht die Wirklichkeit für den Menschen, sondern wird von der nicht-subjektiven Seinswirklichkeit kontextuiert. In einer kritischen Betrachtung zeigt sich jedoch bald, daß diese Ontologie nur aus der Perspektive der Gegenstandstheorie leistungsfähig ist. Aus der Perspektive einer Erkenntnistheorie wird die Ontologie der Gegenstände hingegen uninteressant, da das Sein des Gegenstandes (also die ontologisch bestimmten Entitäten) nicht die eigentlichen Erkenntnisgegenstände ersetzen können. Aus traditioneller erkenntnistheoretischer Perspektive ist die Gegenstandstheorie sehr verwundbar.

Erwähnenswert ist auch, daß, insofern epistemische Subjekthaftigkeit als Konstitutionsprinzip äußerer, intersubjektiver Wirklichkeit verstanden wird, Subjektivität bei Meinong nur sehr gering leistungsfähig ist. Mit dieser geringen Leistungsfähigkeit wird die Position sowohl eines subjektiven Idealismus (hier hätten wir einen Reduktionismus allen Seins auf Gegenstände innerer Wahrnehmung), wie die des transzendentalen Idealismus (objektive Wirklichkeit ist nicht reduzierbar, aber zurückführbar einzig auf die Leistung des erkennenden Subjekts), oder die Position der transzendentalen Phänomenologie gleichermaßen überwunden. Zunächst scheint es daher, daß bei Meinong zwischen der Perspektive der Subjektivität und dem intersubjektiv erfaßbaren Gegenstand der Erkenntnis, also dem subjektivitätslosen, bewußtseinsunabhängigen Gegenstand, keine Vermittlung möglich ist. Wir müssen also die erkenntnistheoretische Eignung der Ontologie der Gegenstände infrage stellen.

(2.4.5.2) Die zweite Erweiterung von Francesca Modenatos These:

(2.4.5.2.1) Bei Franz Brentano ergibt sich in der Herstellung von intersubjektiver Erkenntnis keine andere Möglichkeit des Zugangs zu äußerer Wirklichkeit als den psychischen Zugriff auf Gegebenes, bzw. auf eine Gegenständlichkeit mittels des erfassenden Bewußtseins. Wir sprechen daher bei ihm völlig zurecht von immanenten Gegenständen. Insoweit Brentano an der Lösung erkenntnistheoretischer Grundprobleme des klassischen Empirismus arbeitet, können wir bei Brentano und Meinong aber trotzdem von einem empiristischen Ansatz in einem weiten Sinne sprechen.

Für die Meinongschen Gegenstände äußerer empirischer Wahrnehmung gilt, was für Erkenntnisgegenstände im Allgemeinen gilt: Die Überwindung der bloß subjektiven, privaten Welt gelingt uns erst durch ein Erfassen der Bedeutung, z.B. ein Erfassen, das durch den Urteilsakt des Existenz-Zuurteilens zustande kommt. Meinong ist sich durchaus bewußt, daß bei einem Existenzurteil beides vorausgesetzt ist, die Existenz des Subjekts und die Welt der existierenden Dinge, sodaß beim Zusammentreffen beider es zur tatsächlichen äußeren Wahrnehmung kommt:

Wirklich kann, wer von Wahrnehmungsmöglichkeit redet, nicht wohl etwas anderes meinen, als daß ein wahrnehmungsfähiges Subjekt existiert, und auch das Wahrzunehmende selbst da ist, so daß etwa nur ein Zusammentreffen beider erforderlich wäre, um es zu einer Wahrnehmung kommen zu lassen.170

Auch das Subjekt funktioniert also erst richtig durch seine Bezugnahme auf eine objektive (reale oder ideale) Wirklichkeit, die nicht erst durch unsere psychologische Zugangsmöglichkeit einen Wirklichkeitscharakter gewinnt. Die Unabhängigkeit des Erkenntnisgegenstandes vom Bewußtsein ist für den Empiristen zentral, auch wenn, wie in unserem Fall, eine Setzung des Bereichs der Ontologie den empirischen Gegenstand ersetzen soll.

Traditionell empiristisch ist darüberhinaus, daß wir einen empirisch-faktischen Wirklichkeitszugang und einen apriorischen Zugang zur Wirklichkeit der Erkenntnisgegenstände unterscheiden können, wenn sich auch die Gegenstandstheorie in erster Linie mit apriorischen Strukturen beschäftigt.

(2.4.5.2.2) Die Ablehnung der Leibnizschen Wahrnehmungstheorie ist ein Aspekt des Meinongschen Empirismus: Die Wahrnehmung der empirischen Welt ist bei Meinong nicht als eine metaphysische Beziehung zwischen Subjekt und Welt konzipiert, wie bei Leibniz, sondern empirische Wahrnehmung findet auf der Grundlage der empirischen Welt statt, die als unabhängig von unserem kognitiven Zugang vorausgesetzt werden kann. Es ist jedenfalls festzuhalten, daß wir nicht von einem direkten epistemischen Zugang zur empirischen Welt sprechen können, sondern nur von einem indirekten, d.h. wir können genaugenommen nur von Phänomenen als Gegenständen des Bewußtseins sprechen.

Im Gegensatz zu Leibnizens Metaphysik der Monaden wird bei Meinong nicht das gesamte Universum vom empirischen Subjekt wahrgenommen. Wenn wir hingegen bei Meinong auch von keiner direkten Wahrnehmung der empirischen Welt sprechen können, so macht er doch deutlich, daß äußere Wahrnehmung davon abhängt, daß eine Gleichzeitigkeit von tatsächlichem Wahrnehmen und empirisch Wahrgenommenem besteht. Die empirische Welt in ihrer Gesamtheit ist in all ihren Teilen prinzipiell empirisch wahrnehmbar. Diese prinzipielle Wahrnehmbarkeit ist begrifflich festgelegt als Möglichkeit von stattfindender empirischer Wahrnehmung. Abgesehen von den Unähnlichkeiten, was die Konzeptionierung von äußerer Wahrnehmung betrifft, sind die Ähnlichkeiten mit Leibnizens Möglichkeitsbegriff jedoch wieder frapierend. Meinong erweitert jedoch den Bereich der Leibnizschen möglichen Gegenstände. Erinnern wir uns, daß es neben der wirklichen Welt bei Leibniz auch das „Nurmögliche“ gibt, das nicht verwirklicht ist, obwohl es zur Verwirklichung drängt.171 Unmögliche, nicht existierende Gegenstände, wie das runde Viereck, kommen bei Meinong noch hinzu. Hans Burkhard hat diese Erweiterung des Möglichkeitsbegriffs formalisiert.172 (Jx) steht als Existenzquantor für einen beliebigen Gegenstand, dem nachfolgend bestimmte Eigenschaften, z.B. die Möglichkeit M, zugeordnet werden. Neben

(1.) (Jx) Mx ^ Ex wirkliche existierende Gegenstände

und

(2.) (Jx) Mx ^ ¬ Ex mögliche, nicht existierende Gegenstände (z.B. der goldene Berg)

umfaßt der Bereich möglicher Gegenstände bei Meinong also noch

(3.) (Jx) ¬ Mx ^ ¬ Ex unmögliche, nicht existierende Gegenstände

Wie die Gegenstandstheorie programmatisch von einem Begriff der Möglichkeit Gebrauch macht, der nicht von der Widerspruchsfreiheit von Eigenschaften ausgeht (wie zum Beispiel das runde Viereck), so könnte sie sich gar nicht der empirischen Erkenntnis zuwenden, bei der Widerspruchsfreiheit gefordert ist, sondern befaßt sich ausschließlich mit dem Apriori, das einen ontologisch reichhaltigeren Bereich umfaßt. In Über Gegenstandstheorie heißt es zu dieser Trennung der Wissenschaftsbereiche:

Es gibt dann eben einfach zwei allgemeinste Wissenschaften, eine apriorische, die alles Gegebene betrifft, und eine aposteriorische, die vom Gegebenen so viel in Untersuchung zieht, als für empirisches Erkennen eben in Betracht kommen kann, die gesamte Wirklichkeit nämlich: diese letztere Wissenschaft ist die Metaphysik, jene erstere die Gegenstandstheorie.173

Diese apriorische Deutung einer Theorie der Gegenstände ist nicht unproblematisch, weil mit ihr kein Aufbau einer epistemischen Ordnung, ausgehend von elementaren Sinnesdaten, verbunden sein kann. Wir müssen uns fragen, wie die so gegebenen ontologischen Befunde zu intersubjektiven Erkenntnissen werden sollen. Bei Meinong gibt es zwar eine Stufenleiter der Gegenstände ausgehend von Objekten, die jedoch nicht mit Gegenständen sinnlicher Erfahrung verwechselt werden dürfen.174 Daß jede Konzeption epistemischen Gegebenseins ohne empirische Wissensbegründung unzureichend sein muß, wäre immerhin ein hier anzubringender Kritikpunkt.

(2.4.6) Die Brentanosche Erkenntniskonzeption muß nicht psychologistisch gedeutet werden:

In Brentanos Konzept der intersubjektiven Erkenntnis verstehen wir unter Intersubjektivität nichts anderes als Geltung für jedes einzelne erkennende Subjekt. Neben der Interpretation des Erfassens des Erkenntnisgegenstandes (1) als einem Psychologismus ist aber auch die Interpretation des Erfassens als (2) Reflexivität des Bewußtseins möglich. Kritisch ist jedoch zu bemerken, daß der Zugang zum Sein, sofern er nicht psychologisch, sondern reflexiv gedeutet wird, offensichtlich nichts anderes als eine Abstraktion vom Erfassensakt ist, der Erfassungsakt selbst also nicht reduziert oder übergangen werden kann.

Zu bemerken ist ferner, daß von einem Empirismus im strikten Sinne bei Meinong nicht mehr gesprochen werden kann, weil die Gegenstandsontologie zwar auf äußerer und innerer Wahrnehmung aufbaut, aber zur Vermeidung des Verdachts des Erkenntnisrelativismus fehlt letztlich nichts Geringeres als die Betrachtung des Erkenntnisprozesses als eines fortschreitenden Prozesses wissenschaftlicher Erkenntnis, z.B. innerhalb des Rahmens eines wissenschaftlichen Realismus oder eines Instrumentalismus.

(2.4.7) Zusammenfassende Bemerkung:

Wir können festhalten, daß Meinongs Anti-Psychologismus in erster Linie ein programmatisches Manöver ist und zu dem Zweck einer Klassifizierung der Gegenstandstheorie im „System der Wissenschaften“ dient. Auch die Gegenstandstheorie ist jedoch in ihrem Kern gefährdet, wenn sich herausstellt, daß sie ihre Grundlage tatsächlich in psychologisch Gegebenem hat, welches sich spezifiziert durch die unserem Bewußtsein zugänglichen, verschiedenen Seinsbereiche. Es hat große Plausibilität für sich, daß, unabhängig von unserem Bewußtsein, das Sein der Gegenstände gar nicht erfaßt werden kann. „Heimatlosen Gegenständen“, wie z.B. Farben, kann zwar als Wahrnehmungsgegenständen objektive Existenz abgesprochen werden. Aber das kann nicht gleichzeitig bedeuten, daß sie allen Ernstes einen unabhängigen Seinsstatus haben. Meinong indessen leugnet die Möglichkeit der psychologischen Deutbarkeit der Zugangsweise zu diesen Gegenständen gar nicht ab.

Dennoch müssen wir es mit einer Gefährdung bewenden lassen. Daß Meinongsche Objektive tatsächlich ontologisch und nicht psychologisch erfaßbare Gegenstände sind, kann man schwerlich bestreiten. So schreibt Meinong völlig überzeugend in seiner Selbstdarstellung:

Den Gegenständen ist es nicht wesentlich, erfaßt zu werden, wohl aber erfaßt werden zu können. [...] Das Erfassen ist natürlich ein Letztes, Undefinierbares. Ihm gegenüber ist das zu Erfassende, der Gegenstand, jederzeit das logisch Frühere; sein Vorgegebensein muß übrigens nicht in Existenz oder Bestand liegen, da beides fehlen und durch bloßes Außersein vertreten sein kann.175

Daß zum Beispiel ohne internale Erkenntniskriterien die Rede von der Seinsweise des „Soseins“ sinnlos, ja unmöglich ist, muß nicht unbedingt von einem Psychologismus herrühren. Die Seinsart des „Soseins“ kann auch durch den modalen Charakter der Objektive verstanden werden.

Der von Brentano entworfene Rahmen, wie wir Gegenständlichkeit zu verstehen haben, erlaubt uns zwar vom Problem einer empirischen Gegenstandstranszendenz abzusehen, da schon bei Brentano das epistemisch Gegebene vom empirisch Gegebenen strikt getrennt wird. Unsere Einsicht, auch was die Diskussion eines möglichen Psychologismus angeht, geht nun einmal nicht weiter als bis dahin, daß der Vorwurf eine „self-fulfilling prophecy“ ist. Das rein epistemische Gegebensein kann im Gegensatz zum empirischen Gegebensein des Erkenntnisgegenstandes sehr unterschiedlich interpretiert werden. Beim Psychologismusvorwurf gilt daher, daß, wenn er nicht von vorneherein verunmöglicht wird, man jederzeit dasjenige aus dem Text wieder herauspräparieren kann, was man zuvor hineingelesen hatte.

Teil 2 Die Transformation der Erkenntnisbegründung beim frühen RUDOLF Carnap

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Abschnitt (A) : Die anfänglichen Versuche der Erkenntnisbegründung

(3)

(3.1) Carnaps Dissertation Der Raum (1922): Erkenntnisbegründung durch ein synthetisches Apriori

(Sektionen 3.1.0 – 3.1.3)

(3.1.0) Die „transzendentale Funktion des Raums“:176

(3.1.0.1) Wie in Kants Kritik der reinen Vernunft die Anschauungsformen von Raum und Zeit der transzendentalen Analytik vorausgehen, so wird bei Carnap noch radikaler der „absolute Nullpunkt“ der Begründung intersubjektiver Erkenntnis in einer Raumkonzeption gesucht. Im 1922 entstandenen Der Raum können wir bei der Begründung durch ein synthetisches Apriori von einer transzendentalen Letztbegründung aller empirischen Erkenntnis sprechen.

Für eine Letztbegründung im Sinne Karl-Otto Apels ist entscheidend, daß sie die Bedingung der Möglichkeit und Gültigkeit von Konventionen (Übereinkünften) gibt.177 Sie stellt kein Prinzip auf, sondern leistet eine Begründung von ersten Prinzipien, sie steht also jenseits einer Deduktion von Theoremen aus den ihnen zugehörigen Axiomen. Näher gesehen, können wir nicht mehr vom epistemisch Gegebenen als unhinterfragbar Vorausgesetztes ausgehen. Alles scheinbar unhinterfraglich Gegebene wird, ausgehend von der bestmöglichen Legitimationsstrategie für intersubjektive Erkenntnis, erst nach der Letztbegründung als Gegebenes aufgestellt. Die Letztbegründung gibt die Bedingungen an, unter denen Erkenntnisgewinn überhaupt möglich ist, sie abstrahiert also vom eigentlichen Erkenntnisprozeß und der prozeßinternen Rechtfertigungsgrundlage. Letztere ist entweder dogmatisch oder führt in einen unendlichen Begründungsregreß. Bei Carnap liegt daher eine Letztbegründung empirischer Erkenntnis durch die allgemeinste Form des Anschauungsraums vor.

(3.1.0.2) Gesucht wird nicht mehr nur, wie noch bei Kant, die aller konkreten Raumerfahrung vorhergehende Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, sondern auch die Herstellung einer angemessenen Ordnung der Theorien über den Raum, sofern sie als Bedingungen möglicher Erfahrung verstanden werden. Der Raum ist nichts in der Erfahrung unmittelbar Gegebenes, sondern ein leistungsfähiges Erklärungsprinzip kognitiver Natur. Zur Verfügung stehen die Konzeptionen des formalen Raums, des Anschauungsraums und des physischen Raums. Carnap stellt die Frage, welche dieser Theorien am besten die Funktion der Bedingung möglicher Erfahrung erfüllt. Durch die nun gestellte Begründungsfrage wird das Verhältnis der Raumkonzeptionen zueinander in der herzustellenden Ordnung nicht deduktiv angegeben, sondern die Raumarten werden nach ihrem Status in der erkenntnistheoretischen Begründung vor- bzw. nachgeordnet.

(3.1.1) Die erkenntnistheoretische Ordnung der Raumkonzeptionen:

(3.1.1.1) Schon in Kants kritischer Philosophie konnte der Raum keine Eigenschaft der Dinge mehr sein, weil die Erkenntnisbegründung der Gegenstände in Raum und Zeit sonst nur empirischer Zufälligkeit zugeschrieben werden kann, wie noch bei Descartes und Leibniz.178 Erkenntnisbegründung durch die Räumlichkeit der Welt wird nicht durch eine Festlegung der Seinsweise der Außenwelt erzielt, sondern durch ein rein erkenntnistheoretisches Anliegen, das in kantischer Sicht keinen Bezug auf die Außenwelt nehmen kann, also nur durch gesteigerte internale Erkenntniskriterien charakterisiert werden kann.

In Der Raum ist die Klärung des Status des physischen Raums von besonderer Bedeutung, d.h. der Raum der empirischen Gegenstände. Der physische Raum liefert die Grundlage aposteriorischer Erkenntnis. Er ist von denjenigen Raumkonzeptionen zu unterscheiden, in denen apriorische Erkenntnis gewonnen wird. Folgende Hierarchie der Raumkonzeptionen wird entworfen, angefangen vom formalen Raum:

Formaler Raum

- topologischer formaler Raum
- projektiver formaler Raum

Anschauungsraum

- topologischer Anschauungsraum
- projektiver Anschauungsraum
- metrischer Anschauungsraum

Physischer Raum

- topologischer physischer Raum
- projektiver physischer Raum
- metrischer physischer Raum

Ausgehend vom Faktum der Erfahrung ist innerhalb der Konzeptionen physischer, also aposteriorisch erkannter Räume der topologische physische Raum in der epistemischen Ordnung zu bevorzugen, weil er gegenüber dem metrischen und projektiven physischen Räumen das in der Erfahrung Vorliegende eindeutig wiedergibt. Alle menschlichen Erfahrungswerte können vom topologischen physischen Raum erfaßt werden. Die topologische Raumordnung erstellt nur „Nachbarschafts- und Zusammenhangsverhältnisse“, also eine sehr allgemeine Ordnung des Raums ohne Bezug auf bestimmtere, z.B. metrische Raumeigenschaften.179

Der projektive physische Raum hingegen stimmt mit den tatsächlichen Erfahrungswerten nicht überein, weil bei ihm der vermeinte Gesamtraum der Erfahrung aus den zunächst unvollständig vorliegenden Begriffen und Gegenständen erst ausgearbeitet werden muß. Der metrische physische Raum entspricht ebenfalls nicht den Erfahrungswerten. Je nach Bedarf können wir bei ihm verschiedene Maßsetzungen als Konventionen annehmen. Dem entsprechend stellt Carnap fest, daß die Tatsachen der bloßen Erfahrung uns nicht dazu zwingen können, eine bestimmte Maßsetzung zwischen Punkten im physischen Raum anzunehmen. Andererseits steht jedoch, wie unser Autor ausführt, auch jede konventionelle Maßsetzung mit keinen Erfahrungstatsachen in einem Widerspruch:

Aber wie können die erheblichen ‚tatsächlichen’ Gestaltveränderungen von C geleugnet werden? Sie sind nicht ‚tatsächlich’, wenn sie nicht feststellbar sind. Und sie sind feststellbar nur durch Abmessen mit einem anderen Körper, etwa einem eisernen Maßstab D. Diesen können wir aber nur dann als zur Messung tauglich ansehen, wenn wir in einer frei gewählten Maßsetzung den Abstand der beiden Maßpunkte auf D als unveränderlich erklären; die Tatsachen zwingen uns, wie wir gesehen haben, nicht hierzu.180

Jede bestimmte Konzeption eines physischen Raums ist also schon eine Interpretation des in der Erfahrung Gegebenen. Wie schon für Hermann von Helmholtz entsteht auch für Carnap der physische Raum durch Hypothesenbildung: „Schließlich sind die Sätze über den physischen Raum ebenfalls synthetisch, aber sicherlich nicht apriori, sondern a posteriori, nämlich auf Induktion beruhend.“181 Aus der epistemischen Sichtweise sind die zu verschiedenen Zwecken benutzten jeweiligen Maßsetzungen nicht weiter begündbar. Der physische Raum muß daher in einen Zusammenhang mit den anderen, erkenntnistheoretisch grundlegenderen Konzeptionen gebracht werden. Mit dem begründungstheoretischen Nachgeordnetsein des physischen Raums wird der Externalismus, d.h. die Erkenntnisbegründung durch eine Ontologie empirischer Gegenständlichkeit, von Carnap zunächst für gescheitert erklärt.

(3.1.1.2) Trotz der Einsicht in die geringe epistemische Relevanz des physischen Raumes sucht unser Autor die philosophische Aufklärung des kognitiven Zugangs zu empirischer Wirklichkeit. Da (1) alle Erfahrung empirisch ist und (2) die transzendentale Funktion des Raums nur eine apriorische Funktion sein kann, muß es sich bei Carnap, wie bei Kant, bei der gesuchten Funktion um eine bestimmte synthetische Bewußtseinsfunktion handeln, die als transzendentale Begründung fungiert.182 Während die transzendentale Funktion des Raums von Kant entdeckt wurde, muß nun nach der Ausdifferenzierung verschiedener Konzeptionen der Vorzug einer bestimmten Raumkonzeption erst begründet werden. Als letzte Bedingung möglicher Erfahrung und damit auch als letzte Bedingung möglicher empirischer Erkenntnis kommt nur diejenige Konzeption in Frage, die mathematische Raum umbildungen (Transformationen zwischen den Raumkonzeptionen) insofern zuläßt, als sie alle anderen Konzeptionen umfaßt, also die allgemeinste Konzeption ist. Alle möglichen Arten von Raumgefüge werden hierarchisch geordnet, d.h. begrifflich der allgemeinsten Art untergeordnet, die daher alle partikularere Räumlichkeitsbegriffe unter sich einschließt, wenn auch nicht in der Form einer deduktiven Ableitung.

Es ist die These von Der Raum, daß der topologische Anschaungsraum die begrifflich allgemeinste und umfassendste Konzeption ist. Dies daher, weil er auf die Grundbegriffe Gerade und Ebene verzichtet, und statt dessen nur die Begriffe Linie und Fläche verwendet.183

Es gibt zwei Klassen von Ableitungsverhältnissen zwischen den Raumarten: Es nimmt entweder das Verhältnis der Einsetzung oder das Verhältnis der Unterordnung an. Zwischen dem formalen Raum und dem Anschauungsraum findet sich das Verhältnis der Einsetzung: die Einschränkung der begrifflich-allgemeinen Regel auf einen Sonderfall. Für eine Funktion mit Variablen werden Zahlen für alle Variablen eingesetzt.

Anders verhält es sich bei der Unterordnung. Nur der physische Raum ist dem Anschauungsraum untergeordnet, als ein bereits nicht mehr rein logisches Verhältnis mit bestimmten quantitativen Fakten. Carnap verwendet als Beispiel für solche qualitative Fakten das folgende Verhältnis: Es gibt gleich viele Kugeln in beiden Fällen: (1) Drei Kästen, in denen sich je vier Kugeln befinden und (2) vier Kästen, in denen sich je drei Kugeln befinden. Dieses Verhältnis kann nur als faktisches Verhältnis charakterisiert werden. Es bildet einen Einzelfall der Wirklichkeit und entspricht daher einer bestimmten Konzeption des physischen Raums.184

(3.1.1.3) Die zentrale Rolle des formalen Raums in der epistemischen Ordnung: Ein formaler Raum wird von Carnap definiert als eine stetige Reihe dritter bzw. n-ter Stufe (also: als eine Reihe von Reihen etc. ) von drei bzw. n Abmessungen (Dimensionen). Eine Reihe wird dabei definiert als nichts anderes als eine reihenbildende Beziehung, also eine „ungleichseitige, übergreifende Beziehung“ wie zum Beispiel „älter als“, und zwar derart, „daß irgend zwei dieser Gegenstände entweder in dieser Beziehung oder in ihrer Umkehrung zueinander stehen.“185 „a ist älter als b“ und „b ist älter als a“ ist ein Beispiel für die Ungleichseitigkeit der Reihzenbeziehung. „a ist älter als b“ und „b ist älter als c“ ist ein Beispiel für übergreifende Beziehungen.

Obwohl ein Anschauungsraum den formalen Raum für seine Konstruktion voraussetzt durch ein Einsetzungsverhältnis186, sind Räume sinnlicher Anschauung insofern grundlegender, als ihre Grundsätze nicht von rein logischen Grundsätzen abgeleitet werden können. Logische Aussagen sind wahr oder falsch, unabhängig von unserer Erfahrung. Sie sind analytische Aussagen, d.h. „Tautologien“, die sich nicht dazu eignen, Erfahrungswissen zu begründen. Der formale Raum besteht nur aus solchen „Tautologien“. Er hat jedoch bei Carnap die zentrale Aufgabe, den qualitativen Inhalt der Anschauung, also nicht die Anschauung selbst, zu ersetzen.

Aus dem formalen topologischen Raum, der aus stetigen Reihen besteht, wird durch „engere Bedingungen“ der formale projektive Raum gewonnen: Ausgehend von den als rein mathematische Struktur gegebenen Reihen n-ter Stufe ergibt sich der formale projektive Raum durch Definitionen, wobei der Ausgang nicht von an sich in ihrer Anwendung unbeschränkten, mathematischen Strukturen genommen wird, sondern von dem Verhältnis zwischen zunächst beschränkten, gegebenen Begriffen und Gegenständen, die durch Definitionen über das zunächst Gegebene hinaus erweitert werden. So gilt für den formalen projektiven Raum folgendes: Unter jeden g-Begriff (Gerade: g1, g2, g3 ... etc.) fallen dabei mindestens drei P-Gegenstände (Punkte). Dies geschieht so, daß es definitorisch für die gegebenen P-Gegenstände P1, P2’ und P3 (die unter g1 fallen) und für P1’, P2 und P3 (die unter g2 fallen) einen weiteren Gegenstand P4 gibt, der unter den gemeinsamen g-Begriff von P1, P1’, P2 und P2’ fällt. Folgende Konstruktion wird also erweitert:

Abbildung 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Erweiterung sieht folgendermaßen aus:

Abbildung 2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Damit sind uns also zunächst (Abbildung 1) weniger P-Gegenstände gegeben als unter die tatsächlichen g-Begriffe fallen (der per definitionem mindestens drei Gegenstände hat). Darüberhinaus gibt es in diesem Raumgefüge einen weiteren g-Begriff g3, der mindestens einen der bereits gegebenen P-Gegenstände, z.B. P1 , aber keinen P-Gegenstand der unter g2 fällt, umfaßt. Diese kontinuierliche Erweiterung ist das Charakteristikum dieses Raumgefüges.187

(3.1.1.4) Das Verhältnis von formalem Raum und Anschauungsraum: Der Anschauungsraum hat einen Inhalt, der paradoxerweise in nichts anderem als der Struktur des formalen Raums bestehen kann. Der Anschauungsraum, wie Carnap sagt „findet in dem formalen Raum die reine Form seines Gefüges vorgebildet“.188

Die Paradoxie der Konzeptionierung des Inhalts, der in nichts anderem als in formalen Bestimmungen besteht, hat sich seit den rein mathematischen Raumkonzeptionen des 19. Jahrhunderts entwickelt: Die Euklidische Geometrie bildete zuvor lange Zeit das Beispiel dafür, daß apriorische Grundsätze (die Grundsätze der Euklidischen Geometrie) direkt auf die Erfahrung anwendbar sein müssen. Erst durch die nichteuklidischen Konzeptionen des 19. Jahrhunderts (z.B. der Riemannsche Raum) kann der direkte sinnliche Erfahrungsbezug nicht mehr vorausgesetzt werden.189 Dieser Trend wird im frühen 20. Jahrhundert durch die spezielle Relativitätstheorie Albert Einsteins fortgesetzt.

So liefert auch der formale Raum Carnaps keine in einem direkten Sinne auf die Erfahrung anwendbaren apriorischen Grundsätze mehr. In Verwendung der veralteten Begrifflichkeit des späten 18. Jahrhunderts kann man sagen, daß der formale Raum nur die Grundsätze einer reinen Anschauung liefert, die ihrer Inhaltsbeschaffenheit nach von der empirisch-qualitativen Anschauung zu unterscheiden ist. Aus kantianischer Perspektive ist es bei der Wahl zwischen verschiedenen Raumkonzeptionen mit Hinblick auf eine bestmögliche Erkenntnisbegründung auch durchaus einleuchtend, daß das synthetische Apriori des Anschauungsraums für Erfahrungswissen relevanter ist als ein analytisches Apriori des formalen Raums. Trotz der vollkommenen Übernahme und der detailierten Ausarbeitung von Kants Erkenntnisbegründungsversuch erkennt Carnap jedoch durchaus schon 1922 die Schwachstelle der Konzeption des synthetischen Apriori, die sich in ihrem Kern seit der Kritik der reinen Vernunft unverändert erhalten hat.

(3.1.2) Das entscheidende Konstruktionsproblem:

Das Konstruktionsproblem liegt darin, daß zu klären ist, wie die epistemische Leistung des synthetischen Apriori tatsächlich vollzogen werden kann. Es ist durchaus innerhalb des Programms von Der Raum, in einer philosophischen Meta-reflexion die Beziehung zwischen dem rezeptiven Vermögen als einem kognitiven Vermögen und der Natur des sinnlich angeschauten Gegenstandes zu untersuchen.

Schon in der Kritik der reinen Vernunft wird bewußt die Frage gestellt, ob eine sinnlich qualitative Erkenntnisquelle tatsächlich ein haltbares Konzept ist. Der prinzipielle Zweifel daran dient ja als Grundlage für das transzendentale Begründungsprojekt in seiner Gesamtheit: Das hergebrachte Konzept empirischer Anschauung ist für Kant jederzeit aposteriorisch und kann keine Begründung mittels synthetischer Sätze leisten:

... empirische Begriffe, imgleichen das, worauf sie sich gründen, die empirische Anschauung, können keinen synthetischen Satz geben, als nur einen solchen, der aus bloß empirisch, d.i. ein Erfahrungssatz ist, mithin niemals Notwendigkeit und absolute Allgemeinheit enthalten kann, dergleichen doch das Charakeristische aller Sätze der Geometrie ist.190

Die empirische Anschauung beruht auf der wirklichen Wahrnehmung, die empirischer Erkenntnis zu Grunde liegen muß. Andererseits spricht Kant jedoch gerade von einer empirischen Anschauung, die nur als „Idealität“ des äußeren Sinnes zu verstehen ist. In der ersten Vernunftkritik entsteht demnach ein neues Konzept von Sinnlichkeit als eine innere Wahrnehmung des Mannigfaltigen. Das Mannigfaltige ist nicht etwas, was dem Subjekt gegenübersteht, sondern ist im Bewußtsein gegeben, aber doch als etwas Passives, etwas der Tätigkeit des Bewußtseins Entgegenstehendes. Die Kritik der reinen Vernunft verknüpft innere Wahrnehmung mit Sinnlichkeit:

Im Menschen erfordert dieses Bewußtsein [seiner selbst] innere Wahrnehmung von dem Mannigfaltigen, was im Subjekte vorher gegeben wird, und die Art, wie dieses ohne Spontaneität im Gemüte gegeben wird, muß, um dieses Unterschieds willen, Sinnlichkeit heißen.191

Dieses neue Konzept der Sinnlichkeit ist nur noch eine Form des empirischen Seins. Sie ist die Basis der synthetischen Erkenntnisleistung. Der damit einhergehende epistemische Bezug auf Erscheinungen statt auf Objekte deutet zunächst nur den unlösbaren Konflikt des transzendentalen Ansatzes mit der inhaltlich-qualitativen Anschauungsart an.

Die kantische Sichtweise, der zufolge nur die Form der Anschauung bei der als transzendental zu charakterisierenden Erkenntnisbegründung eine Rolle spielt, war schon in der sogleich einsetzenden deutschen Rezeptionsgeschichte nicht einleuchtend. Schon Johann Gottlieb Fichte arbeitete ja unmittelbar im Anschluß an das Erscheinen des kritischen Werkes an der Rettung transzendentalphilosophischer Erkenntnisbegründung, und zwar mittels einer Inflation der produktiven Leistungskraft des Erkenntnisprinzips.

Das transzendentale Begründungsvorhaben wurde also verschiedentlich weitergeführt, mußte aber auf jeden Fall zur Problemlösung einer Transformation unterzogen werden. Die Verlegenheit, die aus der Irrelevanz der empirisch-qualitativen Erkenntnisquelle entsprang, bleibt auch im 20. Jahrhundert weiterhin eine Schwierigkeit für den Neukantianismus. In einer Radikalisierung des Begründungsvorhabens der Kritik der reinen Vernunft wird in Der Raum das sinnlich Gegebene durch den kognitiven Bezug, der zwischen logisch erfaßbaren Relationen zueinander aufgestellt wird, neu definiert.192 Mit zunächst nur programmatischer Weiterführung des transzendentalphilosophischen Ansatzes wird schon hier die Sinnlichkeit nicht nur als transzendentale Form, sondern als intelligible Struktur dargestellt. Das angedeutete Konstruktionsproblem erfährt dadurch nur noch eine weitere Steigerung.

Die Grundtendenz transzendentaler Erkenntnisbegründung tritt durch diese Steigerung jedoch immer deutlicher zutage: Eine dezidiert rationale Erkenntnisbegründung bezieht sich nur noch auf mögliche (also nicht tatsächliche inhaltlich-qualitative) Anschauungen, wie schon von Anfang an von Kant, obzwar nur in einem ersten vagen Entwurf, nahelegt wurde.

(3.1.3) Evaluierung: Die formale Struktur der Wirklichkeitsbeschreibung führt zum Scheitern der transzendentalen Erkenntnisbegründung:

(3.1.3.1) Abschließend muß festgehalten werden, daß der in Der Raum vertretene, von der inhaltlich-qualitativen Seite der Anschauung befreite konstruktivistische Begründungsansatz unbefriedigend bleiben muß. Die synthetische Leistung muß eine Leistung des erkennenden Subjekts bleiben. Alles erfaßbare Sein muß tendenziell daher als bewußtseinsabhängiges Sein konzipiert werden, da die formale Struktur nicht den ontologischen Status der empirischen Gegenständlichkeit besitzt. Anschauliche „Wesenserschauung“193 wird kombiniert mit rein formalen „Inhalten“.

Unter Betrachtung der unabdingbaren Miteinbeziehung des Faktums naturwissenschaftlicher Erkenntnis als einer gegen Skeptizismus relativ abgesicherten Erkenntnisart ist in der Erkenntnistheorie diese Tendenz der Bewußtseinsabhängigkeit des Erkenntnisgegenstands nicht mehr vertretbar. Der auch vom frühen Carnap vorgeschlagene konsequente Internalismus eines synthetischen Apriori ist schon deshalb letztlich nicht haltbar, weil die Erkenntnisbegründung zwar den Bezug auf menschliche Alltagserfahrung oder auf intellektuell Angeschautes, z.B. die Gegenstände der Mathematik, nicht aber den Bezug auf Gegenstände der empirischen Wissenschaft herstellt. Daß epistemisch Gegebenes letztlich inhaltlich-qualitativ Gegebenes ist, scheint in den empirischen Wissenschaften unverzichtbar. Gleichzeitig kann die Grundfunktion der Euklidischen Geometrie, die in ihrer direkten Anwendbarkeit auf die Erfahrung besteht, nun nicht mehr eingeholt werden.

(3.1.3.2) Obwohl also die Letztbegründung durch ein synthetisches Apriori scheitert, wäre die zunächst einzige Alternative ein erkenntnistheoretischer Externalismus. Diese Alternative scheint jedoch bei der Konzeption des Raums als letztlich Gegebenem von vorneherein ausgeschlossen, weil die Variabilität der physikalischen Maßsetzungen in der Beschreibung der äußeren Wirklichkeit nicht mit der Erfahrungsgrundlage unserer Naturerkenntnis in Übereinstimmung zu bringen ist. Die Konzeptionen des physischen Raums beinhalten konventionelle Aspekte, die erkenntnistheoretisch verhängnisvoll sind. Nicht nur unterschiedliche Metriken, sondern alle von den jeweiligen Raumtheorien verlangten Festsetzungen bzw. Invarianten, sind auszuschließen. Das Modell apriorischer Begründung bleibt daher auch für den späteren Carnap fundamental. Der „Aufbau der Physik“ kann sich nicht auf die Versuchsergebnisse allein stützen, sondern muß „nichterfahrungsmäßige Grundsätze“ verwenden, wie es in Über die Aufgabe der Physik von 1923 heißt.194

(3.1.3.3) Aufgrund dieser unüberbrückbaren Probleme können wir nach 1929 von einer Transformation der Erkenntnistheorie sprechen: Erkenntnistheorische Begründung wird nun auf eine semantische Ebene gehoben, um dieselbe Funktion wie das synthetische Apriori auszuführen. Ein wichtiger Unterschied zwischen dem vorsemantischen und dem späteren semantischen Erkenntnismodell muß jedoch von vorneherein festgehalten werden: Der Raum versucht auf ein einfaches, letztes, transzendentales Erkenntnisschema mit universaler Geltung zurückzugehen. Das ist im semantischen Modell nicht mehr möglich. Trotz zunehmender Komplexität der Begründungsstruktur wird die Ausarbeitung eines Ersatzes, der die Funktion des synthetischen Apriori erfüllt, zum entscheidenden Programmpunkt des weiteren Vorgehens: Erkenntnis wird nach § 15 des Aufbau neu konzeptioniert als eine eindeutige Zuordnung zweier Mengen zueinander, sodaß die Elemente der einen Menge durch die der anderen definiert werden.195 Die tatsächliche Veränderung des Erkenntnisbegriffs im Aufbau von 1928 ist der erste erfolgreiche Schritt in eine Richtung, die uns die Loslösung vom Modell der Bewußtseinsfunktion erlaubt, ohne daß jedoch schon hier eine gangbare Vermittlung von Struktur bzw. Form und Inhalt gefunden wäre. Auch der Aufbau bleibt ein „Werk des Übergangs“.196

(3.2) Die Grundrelation (Er) in Der Logische Aufbau der Welt

(Sektionen 3.2.1 – 3.2.2)

(3.2.1) Der Aufbau des Konstitutionssystems: In § 64 des Aufbau nennt Carnap zwei gewichtige Gründe für die Wahl einer eigenpsychischen Basis:

(3.2.1.1) Die Herstellung einer erkenntnismäßigen Ordnung der Gegenstände: Der Ausgang dieser Ordnung vom Gegebenen wird vorausgesetzt. Aber welcher Natur ist das Gegebene? Diese Ordnung kann einerseits nicht durch das Physiche hergestellt werden. Denn dann müßte das Eigenpsychische vom Physischen abgeleitet werden, was nicht möglich ist: Zuerst kommt in der epistemischen Ordnung immer die eigenpsychische Fähigkeit zu Erkennen, danach der physische Gegenstand. Andererseits kann diese Ordnung auch nicht im Allgemeinpsychischen beginnen, da die Sphäre des Fremdpsychischen nicht durch das Allgemeinpsychische erschlossen werden kann. Carnap sieht ganz richtig, daß das Fremdpsychische in einem auf die empirischen Wissenschaften aufgebauten System nicht einmal ohne Vermittlung des Erkennens des Physischen möglich ist.197 Zwar lassen sich psychische Gegenstände auf physische zurückführen, doch gilt das auch umgekehrt. Es ist jedoch kennzeichnend für die eigenpsychischen Vorgänge, daß sie keiner Vermittlung durch die Erkenntnis physischer Gegenstände bedürfen.

(3.2.1.2) Die Konstruktion des Gesamtsystems der Konstitution auf der engsten Basis: Je enger die Basis ist, desto besser funktioniert die Begründung aller anderen Fakten. Alle ableitbaren Fakten haben den Vorteil, daß sie innerhalb des Systems definiert werden können. Brentanosche allgemeinpsychische Fakten sind empirische, nicht logische Fakten und eignen sich daher besonders schlecht als Basis. Statt Grundlage eines logischen Aufbaus zu sein, würde eine allgemeinpsychische Basis zu einem Reduktionismus aller Gegenstandsarten auf allgemeinpsychische Gegenstände führen.

(3.2.2) Die Grundrelation als Basis des Konstitutionssystems:

(3.2.2.1) Das Verhältnis zwischen Grundelementen und Grundrelationen:

In § 67 des Aufbau unterscheidet Carnap zwischen (1) Grundelementen und (2) Grundrelationen.

Grundelemente sind die konkreten Elementarerlebnisse des Bewußtseinsstroms, die keine „Abstraktion“ vom Gegebenen darstellt. Es kann sich daher auch nicht um Sinnesdaten handeln, die weder von physischer, noch von psychischer Natur sind. Vielmehr, so Carnap, kann es sich nur um den „Erlebnisstrom selbst in seiner Totalität und geschlossenen Einheit“ handeln.198

Grundelemente sind das „Gegebene“, auf dem der Erkenntnisgewinn aufbaut. Kennzeichnend für dieses „Gegebene“ ist seine Unzerlegbarkeit. Die Unzerlegbarkeit macht ein analytisches Verfahren unmöglich. Wie aber nähern wir uns dann epistemisch den unzerlegbaren Einheiten? An die Stelle der Analyse muß ein synthetisches Verfahren treten.

Nur die Leistung des Verstandes Klassen von Gegenständen zu verknüpfen ist synthetisch. Da dieses Verfahren aber nicht als Bestandteile der Synthese die Grundelemente betrifft, sondern nur die Grundrelation, wird dieses Verfahren von Carnap auch „Quasianalyse“ genannt.199

Die von Carnap sogenannten „Urerlebnisse“ selbst können also weder konstituiert (also auch nicht synthetisch hergestellt), noch erfaßt werden. Nur in Klassen können diese Erlebnisse erfaßt werden. Und hier wiederum, genaugesprochen, nur in den Relationen zwischen Klassen. Im Gegensatz zu dem, was nach Carnaps Anschauung das letztlich „Gegebene“ der Erkenntnisordnung ausmacht, ist hier also durchaus wieder von Abstraktion zu sprechen.

(3.2.2.2) Die Grundrelation:

(3.2.2.2.1) Die Bildung von „Ähnlichkeitskreisen“: Zur allgemeinen Natur der Grundbeziehungen eines Konstituitionssystems kann gesagt werden, daß diese nur als logische Relationen gegeben sind. Die Grundbeziehung ist § 69 des Aufbau zufolge identisch mit den Grundbegriffen des Systems. Genau gesagt haben wir es mit Begriffsextensionen zu tun. Die Grundbeziehungen werden also nicht durch ein empirisches Verfahren, sondern apriorisch hergestellt. In § 106 streitet Carnap jedoch ab, ein synthetisches Apriori zu verwenden. Die Lehrsätze der Konstitutionstheorie sind ausschließlich entweder analytische oder empirische Lehrsätze. Synthetische Urteile apriori im Sinne Kants kommen hingegen in der Konstitutionstheorie nicht vor:

In Kantischer Ausdrucksweise sind die analytischen Lehrsätze analytische Urteile a priori, die empirischen Lehrsätze synthetische Urteile a posteriori. Die für die Problemstellung der Kantischen Erkenntnistheorie grundlegenden ‚synthetischen Urteile a priori’ kommen nach der Auffassung der Konstitutionstheorie überhaupt nicht vor.200

Dies erscheint zunächst merkwürdig angesichts von Carnaps Einführung der Synthese als logischer Grundoperation. Apriori ist die Grundbeziehung auf jeden Fall, jedoch nur die Anwendung der Grundbeziehung auf das epistemische Fundament, d.h. die Interpretation der Synthese als einer besonderen Bewußtseinsfunktion ( - dem Vorschlag Carnaps zufolge die Ähnlichkeitserinnerung - ), beinhaltet ein synthetisch-inhaltliches Moment. Die Synthesis bestimmter Inhalte im Bewußtsein wird in der logischen Analyse vorausgesetzt. Nur die Form, die in der synthetischen Verbindung von Gegenstands klassen im Allgemeinen besteht, wird als logisches Modell der Grundrelation beibehalten. Mit der Grundrelation des Aufbau treffen wir also auf die Basis eines semantischen, und zwar eines bereits interpretierten semantischen Systems. Das Designatum des semantischen Systems ist die Ähnlichkeitserinnerung als der psychologischen Grundfunktion des Bewußtseins.

Die wesentliche Funktion des Bewußtseins, die den Weg zur Herstellung von Erkenntnis darstellt, besteht dabei in der Erfassung von Inhalten in der Zeitlichkeit. Der Charakter der Zeitlichkeit wird in Begriffen der Konstitutionstheorie faßbar durch folgende logische Struktur: Ähnlichkeitskreise konkretisieren den Begriff der Grundrelation. Die Relation besteht in der Übereinstimmung in mindestens einem Bestandteil:

Ist also eine Relationsbeschreibung gegeben, deren Relation die Übereinstimmung in (mindestens) einem Bestandteil bedeutet, so besteht das Verfahren der eigentlichen
Analyse darin, daß die ‚Ähnlichkeitskreise’ in bezug auf die Relation gebildet werden, d.h. diejenigen Klassen, die die beiden folgenden Eigenschaften haben: jedes Elementepaar einer solchen Klasse ist ein Paar jener Relation; kein Element außerhalb einer solchen Klasse steht zu jenem Element der Klasse in jener Relation. Die so aufgestellten Klassen werden dann den zu ihnen gehörenden Elementen als Bestandteile (oder Merkmale) zugeschrieben.201

Der Ausgangspunkt für die Bildung von „Ähnlichkeitskreisen“ ist die Erstellung von Dingklassen. Solche Dingklassen sind z.B. Farbklassen (Klassen derjenigen Dinge, die eine bestimmte Farbe gemeinsam haben). Die Klasse der roten Dinge umfaßt dabei sowohl „auch-rote“, wie auch „nur-rote“ Dinge. Diese Klassen können in einem Diagramm folgendermaßen dargestellt werden:

KLASSEN VON DINGEN:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

R = Dinge mit der Eigenschaft „rot“

B = Dinge mit der Eigenschaft „blau“

RB = Dinge mit der Eigenschaft „rot“ und „blau“

Elemente der vorliegenden Dingklasse „Rote Dinge“: RB, R, R

Elemente der vorliegenden Dingklasse „Blaue Dinge“: RB, RB, B, B

Alle Dinge der Klasse „Rote Dinge“ und alle Dinge der Klasse „Blaue Dinge“ können von uns zunächst „farbverwandt“ genannt werden. Der Begriff der „Farbverwandtschaft“ wird später noch zu präzisieren sein. Diese Präzisierung ist aber nur dadurch möglich, daß wir für ein Erfassen des Begriffs von „Farbverwandtschaft“ von Dingklassen absehen und uns nur noch mit Klassen von solchen Klassen, nämlich mit Eigenschaftsklassen, beschäftigen.

Die hier aufgestellten Dingklassen müssen also von den Farbklassen im strengen Sinne unterschieden werden. Zur Farbklasse „Rot“im strengen Sinne gehören auch alle diejenigen Dinge, die „blau“und „rot“ sind. Die Dinge, die „blau“ und „rot“ sind, stellen also tatsächlich eine Untergruppe der Farbklasse „rot“ dar. In einem Diagramm kann der Begriff der Farbklassen folgendermaßen dargestellt werden. Die Farbklasse „rot“ zum Beispiel, ist wie jede andere Farbklasse eine Klasse von Dingklassen:

FARBKLASSE „ROT“:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rα - Rα

Der Pfeil symbolisiert den Farbverwandtschaftskreis der roten Dinge. Die Klasse aller roten Dinge kann also neu definiert werden durch die vollständige und exakte Auflistung derjenigen Farbklassen, die „farbverwandt“ sind: Farbverwandt sind

- Farbklasse „Rot“
- Farbklasse „Rot – Blau“
- Farbklasse „Blau“

Die Klasse der blauen Dinge (Dingklasse „Blau“) ist also insofern mit der Farbklasse „Rot“ „farbverwandt“, als es eine Klasse der blauen Dinge gibt, die auch rot sind. Da ein rotes Ding in der Dingklasse „Rot“ dadurch definiert wurde, daß es auch zugleich („begleitend“) blau sein kann, ist auch das rote Ding der Dingklasse „Rot“ (= Klasse a) mit der Farbklasse „Blau“ „farbverwandt“. Daher spricht Carnap von „Verwandtschafts kreisen “ und nicht von tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnissen.

In unserem Beispiel ist die tatsächliche „Farbverwandtschaft“ der Farbklasse „Rot“ im strengen Sinne in den Farbklassen „Rot“ und „Rot – Blau“ erschöpft, was durch die Auflistung der Paare dargestellt werden kann. Zu den „farbverwandten“ „Ähnlichkeitskreisen“ (Ähnlichkeit mit der Farbklasse „Rot“) zählen bei der tatsächlichen Farbverwandtschaft nur Paarliste (1) und (2). Es gibt also zunächst nur zwei Ähnlichkeitskreise. Die Paarlisten für unser obiges Beispiel lauten folgendermaßen:

„Farbverwandtschaft“ der Farbklasse „Rot“:

Paarliste (1) Farbklasse „Rot“:

RBa - RBβ

RBa - RBβ

RBα - Rα

RBα - Rα

Rα - RBa

Rα - RBa

Rα - Rα

Rα - Rα

Rα - RBb

Rα - RBb

Rα - RBb

Rα - RBb

Paarliste (2) Farbklasse „Rot – Blau“:

enthält zusätzlich zu Paarliste (1) folgende Paare:

RBa - Bβ

RBa - Bβ

Rα - Bβ

Rα - Bβ

Rα - Bβ

Rα - Bβ

Hinzu kommt in dem Ähnlichkeitsverhältnis „farbverwandt“ mit der Farbklasse „Rot“ noch eine dritte Farbklasse „Blau“, weil alle roten Dinge in der Dingklasse „Blau“ „begleitend“ auch rot sein können. Das lag in der Definition der Dingklasse „Blau“, die neben der Eigenschaft B („blau“) auch die Eigenschaft RB („rot“ und zugleich „blau“) zuließ. Wenn wir nicht von den tatsächlichen Elementen, sondern von der Definition der Dingklasse „Blau“ ausgehen, dann ergibt sich neben den Eigenschaften B „blau“ und RB „rotblau“ auch die Eigenschaft „rot“, weil RB aus den unterscheidbaren Eigenschaften „rot“ und „blau“ besteht. Als logische Eigenschaften der Dingklasse „Blau“ haben wir also:

R („Rot“) v B („Blau“) v RB („Rot und Blau“)

Die dritte Paarliste bzw. der dritte Ähnlichkeitskreis der „Farbverwandtschaft“ mit „Rot“ umfaßt also folgende Elemente für die gegebenen Dingklassen „Rot“ und „Blau“:

Paarliste (3) Farbklasse „Blau“:

enthält zusätzlich zu Paarlisten (1) und (2) folgende Paare:

Bb - Bb

RBb - RBb

Bb - RBb

Bb - RBb

Bb - RBb

Bb - RBb

Alle Paarlisten der Relationen sind symmetrische Relationen. Die Symmetrie einer Beziehung wird dadurch definiert, daß sie bei Umkehrung („Konversion“) identisch bleibt:202 Statt RBa - RBβ können wir also auch RBβ - RBa schreiben, ohne daß sich die Bedeutung der Beziehung verändert. Ein geläufiges Beispiel für eine symmetrische Relation ist die zweistellige Beziehung „Bruder von“.

Wir haben es im vorgegebenen Beispiel der Dingklassen “Rot“ und „Blau“ mit drei Klassen („Ähnlichkeitskreisen“) zu tun gehabt, die „farbverwandt“ mit der Farbklasse „Rot“ sind. Durch dieses Ergebnis von „Ähnlichkeitskreisen“ über die gegebenen Dingklassen hinaus erweist sich der Begriff der „Teilähnlichkeit“ als fruchtbar, da die Ähnlichkeit der Grundelemente bzw. Dinge selbst immer nur Teile der Elemente bzw. Dinge betrifft, also immer nur bestimmte Eigenschaften der Dinge. So auch bei den Elementarerlebnissen, die das Fundament der Grundrelation des Konstitutionssystems bilden.

(3.2.2.2.2) Teilähnlichkeit von Elementarerlebnissen als verwendete Ähnlichkeitsbeziehung: Elementarerlebnisse sind qualitativ voneinander zu unterscheiden. Bloße Quantität ist nicht hinreichend als Unterscheidungsmerkmal. Die Beziehungen zwischen Empfindungsqualitäten können aber auf keinen Fall Ähnlichkeitsbeziehungen sein, sondern nur Teilähnlichkeitsbeziehungen. Grundlegend ist hier Carnaps Einsicht, daß nur den Qualitätseigenschaften Ähnlichkeit zugesprochen werden kann:

Zwei Elementarerlebnisse x und y heißen also dann und nur dann ‚teilähnlich’, wenn ein Erlebnisbestandteil (z.B. eine Empfindung) a von x und ein Erlebnisbestandteil b von y in ihren Bestimmungsstücken (Qualität im engeren Sinne, Intensität, Lokalzeichen) annähernd oder vollständig übereinstimmen.203

Empfindungen sind also zu diesem Zeitpunkt bei Carnap noch inhaltlich-qualitativ bestimmt, was zurückfällt hinter die Errungenschaften des Neukantianismus. Nur Lockesche Ideen und Kantische Anschauungen sind noch ähnlich qualitative Entitäten.

(3.2.2.2.3) Die Ähnlichkeitserinnerung (Er) als bevorzugte, wenn nicht einzig mögliche Grundrelation: Daß die Zeitlichkeit des Bewußtseins und nicht die Räumlichkeit der Außenwelt entscheidend ist für den Erkenntniszugang, bleibt ein Erbe der Brentanoschule. Mit der deskriptiven Psychologie hatten wir das Primat der inneren Wahrnehmung für den Erkenntnisprozess festgestellt. Die innere Wahrnehmung jedoch handelt von einer Synthesis des Gegenstandes im Verstand und in der Zeit. Erinnerung ist tatsächlich der intuitiv naheliegende Synthesevorgang des Bewußtseins auf dem Weg von der Wahrnehmung zur objektiven Erkenntnis.

Dabei läßt Carnap offen, ob das Konstitutionssystem auf eigenpsychischer Basis mit der Grundrelation Ähnlichkeitserinnerung (Er) auskommt. Es wäre ja denkbar, daß Farbähnlichkeit oder Gestalteigenschaften auch als Grundrelationen dienen. Farbähnlichkeit oder Gestalteigenschaften beziehen sich aber wieder auf konkrete inhaltliche Bestimmungen. Jedenfalls scheint z.B. Farbähnlichkeit bereits eine Interpetation bzw. Deutung der allgemeineren Ähnlichkeitserinnerung (Er) zu sein, die eine wesentlichere Eigenschaft der synthetischen Bewußtseinsleistung darstellt. Carnaps explizit ausgesprochenes Bestreben, sich auf die logischen (nicht: inhaltlichen) Probleme der Konstitutionstheorie zu beschränken, zwingt ihn jedoch keineswegs dazu, diese einzige Grundrelation (Er) für eine eigenpsychische Basis anzuerkennen:

Da wir uns in erster Linie die Behandlung der logischen, nicht der inhaltlichen Probleme des Konstitutionssystems zur Aufgabe gemacht haben, so stellt die spätere Darstellung des Konstitutionssystems nur einen Entwurf dar, dessen Hauptzweck darin besteht, die praktische Anwendung der verschiedenen formalen Prinzipien und der ganzen konstitutionalen Methode durch eine bespielsweise Durchführung zu zeigen. Daher kann es auch nicht als bestimmte Behauptung, sondern nur als Vermutung ausgesprochen werden, daß ein Konstitutionssystem auf eigenpsychischer Basis mit der Grundrelation der Ähnlichkeitserinnerung (Er) allein auskommen kann. Immerhin zeigen aber die Untersuchungen, daß jedenfalls eine recht kleine Anzahl von Grundrelationen genügt und daß als Grundrelationen nur Relationen zwischen Elementarerlebnissen, nicht solche höherer Stufe nötig sind.204

§83 des Aufbau zufolge kann ausgehend vom Tatbestand der Gestalterlebnisse menschlichen Bewußtseins neben einer Erinnerungsrelation auch die Reihenrelation der mit den Sinnen wahrgenommenen Intensitätsreihen treten, oder die Teilgleichheit, oder ähnliche Ordnungsstrukturen des Erlebnisstroms. Carnap nennt diese Ordnungsstrukturen auch Kategorien: Sie werden definiert als „die Formen der Synthese des Mannigfaltigen der Anschauung zur Einheit des Gegenstandes“.205 Kategorien führen vom epistemisch unmittelbar Gegebenen zum Gegenstand. Es ist mit Carnap durchaus plausibel (Er) als eine Grundrelation der Funktionsweise menschlichen Bewußtseins aufzufassen. Erfahrung hat tatsächlich eine zeitliche Struktur und Erinnerung bzw. Wiedererinnerung ist wesentlich für alle Gegenstandserkenntnis.

Da es andere Konstitutionssysteme als das im Aufbau vorgelegte gibt, muß es jedoch offenbleiben, wie viele Kategorien es tatsächlich gibt. In einem früheren Entwurf eines Konstitutionssystems spricht Carnap von fünf „hinreichenden Grundrelationen“: (1) Teilgleichheit, (2) Teilähnlichkeit, (3) die Reihenrelation der Intensitätsreihen, (4) die Erinnerungsrelation und (5) die Nachbarschaft im Sinnenfeld.206

Im Aufbau wird durch die ihm eigene Betonung der Zeitlichkeit als einer essentiellen Struktur des Bewußtseins die Basis (Er) gewählt, die von ihrem Typus her ein ausschließlich internales letztes empiristisches Kriterium für den Aufbau von Erkenntnis ist. Die unlösbaren Probleme internaler Erkenntnisbegründung, die charakteristisch für die cartesische Tradition insgesamt sind, können so jedoch nicht umgangen werden.

(3.3) Funktioniert Strukturanalyse? Evaluierung der Beschreibungsmethode Carnaps von 1928

(Sektionen 3.3.0 – 3.3.6)

(3.3.0) Die Strukturanalyse als Mittel der Beschreibung von Wirklichkeit:

(3.3.0.1) Versionen des Projekts der vollständigen Beschreibung menschlicher Wirklichkeit: Sowohl das Projekt der Einheitswissenschaft auf phänomenalistischer Basis, wie auch das einheitswissenschaftliche Projekt des Physikalismus als Universalsprache, zielen auf die Vereinheitlichung der verschiedenen Methoden (des Zugangs zu Gegenständlichkeit in den verwendeten Sprachen), also hin zu einer einheitlichen Erfassungsmethode sprachlich verfaßter Wirklichkeit. Wie überhaupt Sprache unser Mittel ist, menschliche Wirklichkeit zu erfassen, so muß die als Sprache konzipierte Erfassungsmethode mit den Erkenntnisergebnissen aller einzelnen Wirklichkeitswissenschaften kompatibel sein. Deren Erkenntnisse müssen in diese einheitliche Sprache übersetzbar sein.

Eine möglichst umfassende Wirklichkeitsbeschreibung in dem Projekt der Einheitswissenschaft macht es daher auch notwendig, eine Umdeutung bzw. Übersetzung der „metaphysischen“ und theologischen Aussagen vorzunehmen. Es kann sich, wie bei Neurath, nur um eine Umdeutung „metaphysischer“ Aussagen handeln, wie zum Beispiel die Umdeutung von Aussagen über Gott, in Aussagen, die sich aus empirischen Gegebenheiten verständlich machen lassen:

Und dann zeigt es sich, daß es eine scharfe Grenze gibt zwischen zwei Arten von Aussagen. Zu der einen gehören die Aussagen, wie sie in der empirischen Wissenschaft gemacht werden; ihr Sinn läßt sich feststellen durch logische Analyse, genauer: durch Rückführung auf einfachste Aussagen über empirisch Gegebenes. Die anderen Aussagen, zu denen die vorhin genannten gehören, erweisen sich als völlig bedeutungsleer, wenn man sie so nimmt, wie der Metaphysiker sie meint. Man kann sie freilich häufig in empirische Aussagen umdeuten; dann verlieren sie aber den Gefühlsgehalt, der dem Metaphysiker meist gerade wesentlich ist.207

Der programmatische Anspruch des Wiener Kreises ist hier, die Wirklichkeit mit einer Methode zu studieren, d.h. dezidiert mit einer von „metaphysischem“ Unterbau der Sprachbedeutungen einzelner Sprachen unabhängigen Sprache, ohne jedoch die geistigen und sozialen Welten aus dieser Beschreibung auszusparen.

Diese „metaphysikfreien“, von „Gefühlsgehalt“ gereinigten Aussagen sind in ihrem ontologischen Gehalt nur als Rekonstruktionen der Wirklichkeit zu verstehen. In diesem Sinne ist also die vorgeschlagene Beschreibungsart als eine konstruktivistische zu verstehen.

(3.3.0.2) Die neue Rolle der Naturwissenschaften gegenüber der Psychologie: Sie ist entscheidend für ein Verständnis des Projekts der Einheitswissenschaft. So betont auch die Programmschrift „Die wissenschaftliche Weltauffassung“ (1929), daß zunächst die logische Analyse der Einheitswissenschaft nur auf das empirische Material gerichtet ist. Gemeint ist, daß in der Beschreibungsmethode alle anderen Wirklichkeitsphänomene (auch die psychologischen) auf eine fundamentalistische Basis gestellt werden können:

Da der Sinn jeder Aussage der Wissenschaft sich angeben lassen muß durch Zurückführung auf eine Aussage über das Gegebene, so muß auch der Sinn eines jeden Begriffs, zu welchem Wissenschaftszweige er immer gehören mag, sich angeben lassen durch eine schrittweise Rückführung auf andere Begriffe, bis hinab zu den Begriffen niedrigster Stufe, die sich auf das Gegebene selbst beziehen.208

Es ist also die Zuversicht erstarkt, daß die Erkenntnisleistung naturwissenschaftlicher Erkenntnis den festen ontologischen Kern unseres Wissens bildet, auf dem die Wirklichkeitsbeschreibung stattfindet. In der Einheitswissenschaft wird das ganze Gegenstandskonzept der Wissenschaftssprache auf dieser Basis vereinheitlicht.209 Es ist für das westliche Denken ja auch intuitiv ganz richtig, daß nur eine empirisch-wissenschaftliche und keine alchemistische oder magische Weltinterpretation die Grundlage einer unseren pragmatischen Zwecken angemessenen Weltbeschreibung sein kann. Warum also nicht die Gegenstandsontologie in dieser Hinsicht vereinheitlichen?

Zunächst ist festzuhalten, daß das Neurathsche Konzept auch für die Konstitutionstheorie Carnaps gilt. Zu der Zeit der Entstehung des Aufbau hatte er, wie gleichzeitig die einheitswissenschaftlichen Bestrebungen Neuraths, die Einsicht gewonnen, daß die empirischen Naturwissenschaften alleine nur eine eingeengte Basis zur Weltbeschreibung im Vergleich mit dem Reichtum unserer alltäglichen Lebenswelten bietet, und daher keine hinreichende Erkenntnisrechtfertigung von den empirischen Naturwissenschaften alleine ausgehen kann. Auch hier ist wieder die grundlegende Strategie die, daß das gute Funktionieren der Naturwissenschaften der Garant zur Vermeidung eines Erkenntnisskeptizismus ist. Darüberhinaus wird jedoch auch hier eine Erweiterung des Bereichs der Gegenstände der Wirklichkeitsbeschreibung durch die Vereinheitlichung aller Gegenstände in einer Wissenschaftssprache vertreten. An die Stelle eines empirisch-faktischen Reduktionismus tritt jedoch nun ganz offen ein logischer Pluralismus von Gegenstandsklassen, also geradezu eine der Neurathschen Vereinheitlichung der Sprache entgegengesetzte Vorgehensweise.

In der Konstitutionstheorie handelt es sich jetzt jedoch um ein Ableitungsverhältnis bedeutungstheoretisch differenzierbarer Gegenstandsklassen, und zwar eines der nicht-empirisch faßbaren Gegenstandsklassen durch Gebrauchsdefinitionen. Gegenständlichkeit wird also hier nicht mehr als ein uniformer empirischer Begriff verstanden. Festzuhalten ist vorerst nur der in der Carnapschen Konstitutionstheorie, gegenüber einem wissenschaftstheoretischen Reduktionismus erweiterte Erkenntnisbereich, der sich durch immer weiterführende Definitionen neuer und ontologisch heterogener Gegenstandsklassen auf alle lebensweltlich vorhandenen Gegenstandsarten ausbreitet.

(3.3.1) Die Bedeutung von Freges „drittem Reich“ als einem Ausgangspunkt der nichtempiristischen Erkenntnisbegründung:

(3.3.1.1) Um Carnaps Transformation der Erkenntnistheorie zu verstehen, gilt es zunächst den theoretischen Boden zu erforschen, auf dem diese Theorie entstehen konnte. Dieser Boden findet sich in Freges Konzept des „drittes Reichs“. Hier finden wir die ursprüngliche Abweichung vom Modell klassisch-empiristischer Erkenntnistheorie: Die Bezeichnungen der Worte beziehen sich nach Frege weder auf einen Inhalt im Bewußtsein (Vorstellungen), noch auf Dinge in der Außenwelt. Auch noch bei Hermann Lotze waren Bedeutungen nur als Bewußtseinsinhalte faßbar. „Wahr“ oder „falsch“ kann nur noch der Gedanke, d.h. der Sinn eines Satzes, sein:

Wenn jemand die Gedanken für Vorstellungen hält, so ist das, was er damit als wahr anerkennt, nach seiner eigenen Meinung Inhalt seines Bewußtseins und geht andere eigentlich gar nichts an. Und wenn er von mir die Meinung hörte, der Gedanke wäre nicht Vorstellung, so könnte er das nicht bestreiten; denn das ginge ihn ja nun wieder nichts an. So scheint das Ergebnis zu sein: Die Gedanken sind weder Dinge der Außenwelt noch Vorstellungen. Ein drittes Reich muß anerkannt werden. Was zu diesem gehört, stimmt mit den Vorstellungen darin überein, daß es nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, mit den Dingen aber darin, daß es keines Trägers bedarf, zu dessen Bewußtseinsinhalte es gehört.210

Durch den Gedanken wird ein Bezug auf das Bedeutete hergestellt. Die Wahrheit des Gedanken wird durch ein Urteil als entweder wahr oder falsch anerkannt. Insofern handelt es sich um die Wahrheit als einer „zeitlosen Wahrheit“. Das empirisch-individualistische Wahrheitskriterium Machs wird also schon vor Meinong abgelehnt.

Trotzdem führt auch hier der Erkenntnisweg von der sinnlichen Wahrnehmung zur Begriffsbildung. So auch in Carnaps Physikalische Begriffsbildung (1926): Die physikalische (wahrnehmbare) Welt transzendiert die direkte Wahrnehmung. Sie kann nur erschlossen oder durch Induktion festgestellt werden. Die Ermittlung der Eigenschaften eines Dings kann nicht mehr durch sinnliche Wahrnehmung erfolgen:

Aus der Beobachtung einmaliger Eigenschaften (‚jetzt reflektiert der Körper rotes Licht’) wird auf dauernde Eigenschaften des Dinges geschlossen (‚dieser Körper ist rot’). Dies ist der erste Schritt in der Reihe von Schritten, die zu immer höheren Stufen der Begriffsbildung führen.211

Das Grundmodell ist hier, daß im Gegensatz zu Freges Interesse an rein logischen Fragen, die wissenschaftliche Philosophie in ihrem Erkenntnisaufbau nicht in Analogie, sondern vielmehr genau so wie naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinnung funktioniert. Nur durch das Verfolgen der empirisch-naturwissenschaftlichen Methode kann der Übergang von einer bloß subjektiven Welt der Sinneserfahrungen zur intersubjektiven Welt hergestellt werden.

Demgegenüber ist jedoch die Frage, wie Wahrheitsansprüche gerechtfertigt werden können, auf dieser Basis noch nicht geklärt. Also schon früh erkennt Carnap, daß die Begründung von Wahrheitsansprüchen nicht von der Rückführbarkeit auf empirische Fakten abhängt. Dies ist ganz im Sinne Freges.

(3.3.1.2) So funktioniert auch das Konstitutionssystem prinzipiell ohne empirische Basis:212 Gerade die Konstitutionstheorie geht von der Idee des Fregeschen „dritten Reichs“ aus. Kompliziert wird die Sache dadurch, daß das Konstitutionssystem nur prinzipiell unabhängig von einer empiristischen Basis ist. Das scheint außer im Aufbau in Carnaps Schriften von 1930 gänzlich unmöglich zu sein. So finden wir in Die alte und die neue Logik, daß die Aufgabe der Philosophie in nichts anderem besteht als in der Klärung der Sätze der Wissenschaft:

Es gibt keine Philosophie als Theorie, als System eigener Sätze neben denen der Wissenschaft. Philosophie betreiben bedeutet nichts anderes als: die Begriffe und Sätze der Wissenschaft durch logische Analyse klären.213

Gerade die logische Analyse führt uns auf die Wurzelbegriffe der Wissenschaften zurück:

Bei der Analyse der wissenschaftlichen Begriffe hat sich ergeben, daß alle Begriffe, mögen sie nun nach üblicher Einteilung zu dem Gebiet der Naturwissenschaften, der Psychologie oder der Sozialwissenschaften gehören, auf eine gemeinsame Basis zurückgehen: sie lassen sich auf Wurzelbegriffe zurückführen, die sich auf das ‚Gegebene’, die unmittelbaren Erlebnisinhalte, beziehen.214

Für das Projekt einer Konstitutionstheorie ist ein Bezug auf eine sich auf die empirische Wirklichkeit beziehende Sprache nicht mehr notwendig. Durch den konkreten Vorschlag des Aufbau ergibt sich zwar ein empirischer Ausgangspunkt, der aber nach Vollendung der Konstruktion wieder verlassen bzw. eingeholt werden soll. Ein entscheidender Kritikpunkt ist, daß Carnap nicht zeigt, wie es für das Konstitutionssystem an sich möglich sein soll, auf eine empirische Basis zu verzichten. Auch Werner Sauer differenziert den programmatischen Anspruch des Konstitutionssystems von der andersgearteten tatsächlichen Durchführung im Aufbau:

Von einer erlebnismäßigen oder einer physischen Basis eines Konstitutionssystems kann also nur in einem externen Sinn gesprochen werden, nach welchem das Aufbau -System eine Erlebnisbasis hat, weil sich Er nach vollzogenem Systemaufbau als die Extension des Prädikats ‚Exy’, das selbst nicht zum System gehört, erweist (bzw. erweisen sollte). Diese Eigenheit im Begriff eines Konstitutionssystems gegenüber den das Einheitswissenschaftskonzept umrahmenden Vorstellungen einer phänomenalistischen und einer physikalistischen Sprache, die es auch als eher unangemessen erscheinen läßt, das Aufbau -System als phänomenalistisch zu bezeichnen, ist aber nur der eine, in sich vielleicht weniger wichtig erscheinende Aspekt ein- und derselben Sache.215

Der programmatische Anspruch der Konstitutionstheorie besteht darin, daß von einer Basis, mag diese nun physisch oder eigenpsychisch sein, nur in einem „externen Sinne“ gesprochen werden kann.

(3.3.1.3) Dieser systeminterne Begründungsanspruch führt zu einer Erweiterung des Bereichs der Erkenntnisgegenstände. Dabei ist die grundlegende empiristisch-verifikationistische Referenz der logischen Beschreibung nur dadurch möglich, daß eine spezielle Sprachkonzeption vertreten wird. Das grundlegende Konzept ist auch hier schon, daß die Fundierung der Wirklichkeitsbeschreibung als einer Ontologie der empirischen Gegenstände unabhängig von der auf diese Gegenständlichkeit bezugnehmenden Beschreibung ist. Ich gehe im Weiteren davon aus, daß die Strukturbeschreibung, wie jede Beschreibung, die Leistung einer Sprache im eigentlichen Sinne ist, also den Bezug auf ein Worüber des Sprachausdrucks einschließt. Zu erörtern ist, ob diese Voraussetzung mit der Methode der Konstitutionstheorie in Einklang zu bringen ist. Zunächst befinden wir uns mit dieser Voraussetzung in einem offensichtlichen Gegensatz zu § 12 des Aufbau, demzufolge es sich bei der Strukturbeschreibung nur um eine Theorie logischer Relationen handelt. Strukturbeschreibungen stellen nur „die höchste Stufe der Formalisierung und Entmaterialisierung“ dar.

Abgesehen von den logischen Eigenschaften der Relationentheorie, die in Russells Principia Mathematica ausgearbeitet wurden216, müssen wir zunächst festhalten, daß die Grundbausteine der Strukturbeschreibung Fregesche Aussagefunktionen sind, und daher die Beschreibung durch derartige Funktionen per se keine Referenzbeziehung auf Außersprachliches beinhaltet.217 Aussagefunktionen sind Funktionen der folgenden Art:

5 + x = 8

Dabei kann die Variable „x“ durch verschiedene Ausdrücke (z.B. 3, 9/3, 18/6) ersetzt werden, wobei die Aussage bei all diesen Einsetzungen ihre Wahrheit behält. Der Aussagesatz (z.B. „Der Mond leuchtet hell“) wird bei Frege als Funktion eines Prädikats aufgefaßt. 1892 definiert er einen „Begriff“ als eine Klasse von Aussagesätzen. Während der Gegenstandsname, als Bezeichnung für ein empirisches Ding, nicht als grammatisches Prädikat gebraucht werden kann, ist der Begriff per definitionem prädikativ. „Begriff ist Bedeutung eines Prädikates, Gegenstand ist, was nie die ganze Bedeutung eines Prädikates, wohl aber Bedeutung eines Subjekts sein kann.“218 Gegenständen werden Eigenschaften zugeschrieben. Diese Zuschreibung von Eigenschaften erzeugt den Begriff. So ist also in unserem Beispiel „x leuchtet hell“ ein Begriff gegeben, unter den der Gegenstand „Mond“ fällt.

Erst Carnap spricht in diesem Zusammenhang explizit von Aussagefunktionen, wobei er einstellige Aussagefunktionen (d.h. Eigenschaften) von mehrstelligen Aussagefunktionen (d.h. Beziehungen) unterscheidet:

Eine Aussagefunktion mit nur einer Argumentstelle nennen wir eine „Eigenschaft“ oder einen „Eigenschaftsbegriff“. Die diese Funktion befriedigenden Gegenstände ‚haben’ die Eigenschaft oder ‚fallen unter’ den (Eigenschafts-) Begriff. Eine Aussagefunktion mit zwei oder mehr Argumentstellen nennen wir eine (‚zweigliedrige’ bzw. ‚mehrgliedrige’) ‚Beziehung’ oder einen ‚Beziehungsbegriff’.219

Fregesche Begriffe, wie auch Carnapsche Aussagefunktionen, sind „ungesättigt“ in dem Sinne, daß sich durch sie der sprachliche Ausdruck nicht mehr auf einen bestimmten Gegenstand bezieht. Der eigentliche Aufbau geschieht ausschließlich durch Relationen. Wir müssen festhalten, daß diese Relationen an sich noch keine im Fregeschen Sinne „ungesättigten Zeichen“ sind. Für die Beschreibung ist entscheidend, daß Carnaps Klassenbegriff einen Bezug zu Freges ungesättigten Zeichen herstellt. So lesen wir im Aufbau § 33, daß Klassen ungesättigte Zeichen sind. Die Begriffsumfänge der ungesättigten Zeichen bestehen aus Klassen von Gegenständen. Wenn wir also von Klassen sprechen, dann sprechen wir immer auch von Gegenständen, die nach bestimmten Merkmalen zu Mengen zusammengefaßt sind. „Das Zeichen einer Klasse repräsentiert also gewissermaßen das diesen Gegenständen, ihren Elementen, Gemeinsame.“220 Dieser Bezug auf Gegenstände muß aber letztlich als inkonsistent entlarvt werden, da Klassen doch nicht die letzten ontologischen Einheiten bilden können.

Die Regeln der Sprache, die sich mit der Zuschreibung von Eigenschaften beschäftigt, sind nicht abhängig vom empirischen Wirklichkeitsbezug, sondern von den durch die Sprache selbst hergestellten Regeln, denen sie immer schon, also a priori, folgt.221 Diese Konzeptionierung der Sprachfunktion kristallisiert sich am Deutlichsten in dem erst 1931 eingeführten Begriff einer logischen Syntax. Kuno Lorenz beschreibt treffend das auch hier aufzufindende prinzipielle Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit, das grundsätzlich schon im Aufbau entwickelt wurde:

Die Idealsprache erlaubt keine Rückschlüsse mehr auf die Beschaffenheit der nichtsprachlichen Wirklichkeit, es wird vielmehr nur noch eine ‚structural correspondence between the world of the system and the world of presystematic language’ verlangt. An die Stelle der Welt ist die Sprache getreten.222

Alle ontologische Determination einer Sprache ist demnach rein hypothetisch. Gegenständlichkeit wird hier also in einem phänomenologischen statt in einem empiristischen Sinne verstanden, ohne daß eine realistische Wirklichkeitsmetaphysik zwangsläufig impliziert wäre. Carnap ist in diesem Sinne auch kein empirischer Realist. Der Realismus wird erst dann zu einer für den Zweck der Systemkonstruktion zwingenden Hypothese, wenn manche Gegenstandsklassen (z.B. Gegenstandsklassen aus den Bereichen Religion und Kunst) im Aufbau der Erkenntnis nur dadurch erkenntnistheoretisch gerechtfertigt werden können, daß sie von anderen fundamentaleren Gegenstandsklassen mit ontologischem Status, abgeleitet werden. Im Alltagsbewußtsein, wie auch in einer systemunabhängigen Beschreibung, sind diese im Konstitutitonssystem erkenntnistheoretisch abgeleiteten Gegenstandsklassen ihrem Sein nach durchaus selbständig. Unabhängige Aussagefunktionen können über die verschiedensten Gegenstandsarten formuliert werden. Nur für das Konstitutionssystem geschieht eine Ableitung von Gegenständen, die ausschließlich durch das Verhältnis zwischen Gegenstands klassen charakterisiert ist.

(3.3.2) Die logische Syntax als eine Form der Sprache, die von ontologischen Vorannahmen frei ist:

(3.3.2.1) Lothar Krauth vertrat einst die These, daß in der logischen Syntax der Sprache methodologisch von den inhaltlichen Bedeutungen abgesehen wird. In der Syntaxsprache würden die Wörter wie Schachfiguren

... zusammengestellt und umgestellt unter Beobachtung bestimmter festgelegter Regeln. Damit wird nicht behauptet, daß die Wörter und Sätze nicht auch eine inhaltliche Bedeutung hätten; es wird lediglich methodisch davon abgesehen, sie wird ausgeklammert.223

Diese „Ausklammerung“ muß jedoch näher spezifiziert werden. Ich denke, daß schärfer formuliert werden muß: Die Sprachfunktion wird als syntaktische Funktion definiert. Die Sprachregeln sind syntaktische Regeln. Ich vertrete daher die These, daß die Metaphysikkritik Carnaps224 sich schon früh nicht gegen „theologische, metaphysische und mythologische Aussagen“ als sinnlose Aussagen richtet (wie unser Autor selbst gelegentlich suggeriert), sondern eigentlich gegen alle ontologischen (in Carnaps Terminologie: „metaphysischen“) Voraussetzungen, die beim Verstehen einer bestimmten Sprache immer mitverstanden werden. Wenn aber die von Carnap bevorzugte Sprachform diejenige ist, die keine Wirklichkeitsinterpretation mehr impliziert, so gilt es zunächst die Möglichkeit einer solchen ontologiefreien Sprachform überhaupt erst einsichtig zu machen.

Zunächst müssen wir nämlich davon ausgehen, daß schon jede bestimmte Theorie, die sich mit Wirklichkeitserfassung beschäftigt (was man mit einer Wissenschaftssprache gleichsetzen kann, die Wirklichkeit beschreiben will) eine Interpretation von Wirklichkeit impliziert, wenn auch in verschiedenen Variationen. Wie könnte also eine Sprache ein Mittel der Erkenntnisgewinnung sein und diese Voraussetzung nicht machen? Carnaps Kritik richtet sich offensichtlich gegen empiristische Beschreibungsmethoden in der Philosophie, die den Gegenstand der Beschreibung theoretisch vorbelasten. Diese Kritik findet sich nicht nur im Aufbau. In Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache heißt es sogar, daß in der Philosophie jede „metaphysische Richtung“ das Urteil der Sinnlosigkeit trifft, wobei der Metaphysikbegriff alle ontologischen Vorannahmen wissenschaftlicher Theorien umfaßt:

Das Urteil der Sinnlosigkeit trifft schließlich auch jene metaphysischen Richtungen, die man unzutreffend als erkenntnistheoretische Richtungen zu bezeichnen pflegt, nämlich den Realismus (sofern er mehr besagen will als den empirischen Befund, daß die Vorgänge eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen, wodurch die Möglichkeit zur Anwendung der induktiven Methode gegeben ist) und seine Gegner: subjektiven Idealismus, Solipsismus, Phänomenalismus, Positivismus ... .225

Daß es Sprachen geben soll, denen alle jene Eigenschaften einer Sprache zukommen, die zur Beschreibung der Welt dienen, aber durch die Beschreibung keine sprachspezifische Wirklichkeitsinterpretation importiert, erscheint paradox.

Die Möglichkeit einer Beschreibung ohne solch eine Interpretation wird für uns erst greifbar, wenn man eine von Carnap vollzogene Änderung in der prinzipiellen Funktionsweise einer Sprache zugesteht. Normalerweise können wir sinnvolle von sinnlosen Sätzen dadurch unterscheiden, daß wir sagen, daß dem, was der Satz bedeutet, Wirklichkeit korrespondiert oder nicht korrespondiert. In Carnaps Konzeption ist die Unterscheidung zwischen sinnvollen und sinnlosen Sätzen jedoch unabhängig von einer Korrespondenz des sprachlichen Ausdrucks mit der Wirklichkeit. Wenn er von sinnlosen Sätzen spricht, dann ist diese Sinnlosigkeit keine These des fehlenden Wirklichkeitsbezugs (in direkter oder abgeleiteter Form), sondern, wie ich darzustellen bemüht bin, auch schon im Frühwerk vor Logische Syntax der Sprache (1934) ein ausschließlich sprachinternes Problem. Der Bedeutungsbezug wird für die philosophische Betrachtung der Funktion der Sprache entbehrlich. Sprachstruktur wird ein eigenständiges Problem, die Sprache folgt ihren eigenen Regeln. So ist auch die Systemform des Konstitutionssystems des Aufbau eine solche rein sprachinterne Funktion, die die Gestalt der Systemsprache (die Art der logischen Relationen) beeinflußt.

(3.3.2.2) Diese strukturelle Umdeutung der Sprachfunktion ist aus den frühen Texten jedoch nicht unmittelbar ersichtlich. Wenn wir dem Aufsatz Die Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache folgen, dann ist ein Satz genau dann sinnlos, wenn er keine Bedeutung hat. Ein Wort ist aber genau dann bedeutungslos, wenn man keinen Weg zu seiner Verifikation angeben kann. Dieser Aufsatz hat einen sehr weiten Begriff der Rechtfertigung von Wahrheitsansprüchen. „a“ sei irgendein Wort und „S(a)“ der Elementarsatz, in dem es auftritt. Die folgenden Formulierungen seien diesem Aufsatz gemäß bedeutungsäquivalent mit der Verifikation eines Wortes, wobei sowohl das Wort, wie auch der Elementarsatz mit einem direkten Referenzbezug auf den Gegenstand ausgestattet auftreten:

(1) Die empirischen Kennzeichen für „a“ sind bekannt.
(2) Es steht fest, aus was für Protokollsätzen S(a) abgeleitet werden kann.
(3) Die Wahrheitsbedingungen für S(a) liegen fest.
(4) Der Weg zur Verifikation von S(a) ist bekannt.226

Thomas Mormann hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Gleichsetzung der Bedeutung dieser vier Formulierungen unhaltbar ist.227 Darüberhinaus tritt die Oberflächlichkeit eines empiristischen Verifikationsbemühens durch Elementarsätze hier deutlich zutage. Meines Erachtens soll uns die Gleichsetzung dieser unterschiedlichen Vorgehensweisen der Verifikation nur zeigen, daß all dies irreführende Möglichkeiten sind, um Bedeutungslosigkeit sprachlicher Ausdrücke zu definieren. Daß Worte verifikationistisch existierende Gegenstände bezeichnen, kann kein Kriterium für Sprachbedeutung sein, denn es geht bei der Sinnlosigkeit des Wortes nicht um den Widerstreit mit der Erfahrung, sondern um den Widerstreit in der Logik.228

Zur Erfassung dessen, wie Sprache funktioniert, wird es nun wichtig, daß sich die Logik in erster Linie mit der Bedeutung von Sätzen beschäftigt. Richtiger ist es also von sinnlosen Sätzen zu sagen, daß die einzelnen Wörter zwar Bedeutungen haben (wobei Bedeutungen nicht mehr vom direkten verifizierenden Referenzbezug zum Gegenstand abgeleitet werden), daß diese Bedeutungen aber in syntaxwidriger Weise zusammengestellt sind, so daß die vollständigen Sätze keinen Sinn innerhalb der verwendeten Sprache ergeben.229 Neben der Möglichkeit, daß ein „metaphysisches“ Wort keinen Gegenstand als Referenten hat, besteht die für Carnap maßgeblichere Interpretation von Sinnlosigkeit darin, daß Bedeutung dann fehlt, wenn die logische Syntax nicht befolgt wird.

In der Analyse wird also der Wirklichkeitsbezug der Sätze insofern vergegenwärtigt, als wir durch sie tatsächlich eine Unterscheidung zwischen richtiger oder falscher Syntax machen zu können. Ein Beispiel für einen Verstoß gegen die logische Syntax ist die von Carnap sogenannte „Sphärenvermengung“, in der Zeichen mit nichtprädikativer Bedeutung wie Prädikate verwendet werden. Als Beispiel dient die Aussage: „Cäsar ist eine Primzahl“. Das ist „Sphärenvermengung“, da Personennamen und Zahlwörter verschiedenen logischen Sphären angehören, die in der Prädikation nicht miteinander kompatibel sind.230 Nur aufgrund des falschen Syntax haben wir es hier mit einem sinnlosen Satz zu tun. Empirische Verifikation ist nicht mehr notwendig.

(3.3.3) Das Konstitutionssystem impliziert die Wahl einer bestimmten Strategie zur Rechtferigung von Erkenntnisansprüchen:

(3.3.3.1) Sprachen können zwecks Erkenntnisgewinn referentiell auf andere Sprachen verweisen, so daß nur durch die referentiell unterlegte Sprache (die Objektsprache) ein direkter Wirklichkeitsbezug hergestellt wird. Das ist auch schon die im Aufbau propagierte Weise, durch die von Strukturbeschreibungen gesagt werden kann, daß sie eine logische Struktur aufweisen, die, wenn sie eine korrekte Beschreibung darstellt, uns eine vollständige und systematische Ordnung der tatsächlichen Welt menschlicher Wirklichkeit gibt. Der Aufbau spricht noch nicht von logischem Syntax, die für die Ausarbeitung des Syntax notwendigen Grundideen sind aber schon vorhanden: (1) Die Idee der ausschließlich logischen Bestandteile der Wirklichkeitsbeschreibung, wie auch (2) die Konzeption der sprachinternen Erkenntniskriterien (Erkenntnis, die hergestellt wird durch den Verweis einer Metasprache auf eine Objektsprache). Nicht aufgegeben wird jedoch, daß die Basis des Konstituitonssystems vorlogisch ist. Carnap vertritt hier noch die Ansicht, daß es möglich ist, „ ... vom individuellen Erlebnisstrom ausgehend Objektives zu konstituieren“.231 Die logische Sprache muß sich in ihrem Referenzbezug zumindest an einem Punkt auf die empirische Wirklichkeit beziehen. Das entpuppt sich als entscheidender Fehler der Erkenntnistheorie. Das empirische Fundament der Erkenntnis kann im logischen System nicht aufgearbeitet werden. Da das logische System als unabhängiges System erkenntnislegitimierende Funktion hat, kann das empirische Erkenntnisfundament diese Funktion nur schwächen. „[A]lle Erkenntnisgegenstände [sind] nicht Inhalt, sondern Form“, wie es in § 66 des Aufbau heißt. Näherhin wird ja schon in einem früheren Abschnitt Erkenntnis durch eine Zuordnung zweier Mengen definiert.232 Dieses Programm kann aber noch nicht durchgeführt werden. Das in der Durchführung erscheinende und zum eigentlichen unüberwindbaren Problem reifende erkenntnistheoretische Grundmodell des Aufbau ist tatsächlich älter und findet sich auch in der Kantischen Unterscheidung zweier unhintergehbar getrennter Erkenntnisquellen, Sinnlichkeit und Verstand, wieder. Die Sinnlichkeit als unhintergehbares Erkenntnisfundament kann hier noch nicht aufgegeben werden.

(3.3.3.2) Durchaus positiv zu bewerten ist, daß das Konstitutionssystem einen engeren Begriff der Rechtferigung von Erkenntnis erweitert: Zunächst müssen wir uns dem Ausgangspunkt widmen, von dem aus Carnap zu einer Pluralität der Wirklichkeitsbereiche emporsteigt. Die Wirklichkeitsbeschreibung kann mittels unterschiedlicher Sprachen geschehen, die verschiedene Wirklichkeitsinterpretationen beinhalten. Der Physikalismus oder der Phänomenalismus können also als Objektsprachen sehr wohl als Basis für die logische Analyse dienen und tun das auch als Sprachen der empirischen Wissenschaften. Sie eignen sich als Basis für den logischen Aufbau besonders gut, weil es seit dem Tod Hegels und den Anfängen des Neukantianismus als unumstößliches Postulat gilt, daß die logische Analyse nicht nur naturwissenschaftliche Erkenntnis epistemisch rechtfertigen muß, sondern auch auf dieser Erkenntnisbasis aufbauen muß. Naturwissenschaftliche Erkenntnis ist ein unentbehrlicher Faktor für die Einlösung unserer Erkenntnisrechtfertigungsansprüche. Dennoch ist der Physikalismus nicht die einzige Sprache, in der das System aller unserer Erkenntnis gefaßt werden soll. Für das Projekt des Aufbau liegt die Stärke des möglichen Gebrauchs einer physiklistischen Sprache auf einer Stufe unterhalb der Systemkonstruktion. Die Naturwissenschaften liefern die Basissprachen (unentbehrliche Sprachen empirischer Erkenntnis) für die ideale Sprache der Logik, wobei das Konstitutionssystem durch die Basissprachen epistemisch verankert wird.

Die eigentliche, schon hier vertretene Metaphysikfreiheitsthese ist nicht die, daß die bevorzugte Sprache in Fällen ihrer Anwendung keine außerlogische Bedeutungskomponente hätte. Sondern die eigentliche These der Metaphysikfreiheit besteht darin, daß die Beschreibung eine rein logische ist, daß also auf „metaphysische“ bzw. ontologische Voraussetzungen der beschriebenen Gegenstände, wie z. B. gerade die Voraussetzungen der physikalistischen Sprache, letztlich verzichtet werden kann.

Festzuhalten ist, daß sich die Konstitutionstheorie also gar nicht mehr mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis zur Lösung des philosophischen Problems der Legitimation für Erkenntnisansprüche beschäftigt. Die Naturwissenschaften sind noch das paradigmatische Modell der empirischen Erkenntnis, aber die philosophische Reflexion greift durch das Instrumentarium der Logik über diesen Bereich hinaus. Sprache und Wirklichkeit werden durch die Naturwissenschaften besonders effektiv zu unseren praktischen Zwecken vermittelt. Wir müssen in der Charakterisierung des philosophischen Unternehmens des Aufbau dennoch unterscheiden zwischen dem engeren Bereich

(1) eines wissenschaftstheoretischen Vorhabens und dem weiteren Bereich
(2) eines konstitutionstheoretischen Vorhabens

Der Vollständigkeitsanspruch der Konstitutionstheorie übersteigt auch dann die Aufgabe der Wissenschaftstheorie, wenn wissenschaftliche Theorien der Weltinterpretation, z.B. die Relativitätstheorie, als Sprachen der Weltinterpretation verstanden werden, weil die Konstitutionstheorie mit ihrer idealen Sprache nicht eine Wahl aus einer Vielzahl möglicher Sprachen ist, die nach gewissen Kriterien, z.B. Einfachheit, Kohärenz oder Erklärungskraft, ausgewählt würde.

(3.3.3.3) Der von Carnap vertretene erweiterte Begriff der Legitimation von Erkenntnis: Mit dem Versuch der Rekonstruktion möglicher Erkenntnis macht der Aufbau jedoch den weiterführenden Anspruch, durch die logische Rekonstruktion selbst wissenschaftliche Aussagen zu erzeugen, wobei „wissenschaftliche Aussage“ ein weiter gefaßter Begriff ist als „naturwissenschaftliche Aussage“. Die Anwendung der idealen logischen Sprache beschäftigt sich auf einer Metaebene mit den Gegenständen der Sätze der Normalsprachen (die teilweise Sprachen naturwissenschaftlicher Fachgebiete sind). Die Gegenständlichkeit der Normalsprachen werden transformiert zu Begriffen, die selbst wiederum eine eigene Art von Gegenständen nur innerhalb des Konstitutionssystems selbst darstellen. Im Konstitutionssystem werden die so transformierten Gegenstände (es handelt sich um Gegenstandsklassen) an ihren Ort im logischen Raum, das logische Universum der Klassen aller sprachlich verfaßten Gegenstände, gestellt.

Dieser Anspruch läuft in seiner Umfassendheit in der Legitimation aller Wirklichkeitserkenntnis in Analogie zu einer transzendentalen Begründungsstrategie. Objektivitätserzeugend ist in der transzendentalen Begründung eigentlich nur die durch das System, also die vollständige Rekonstruktion von Erkenntnis, gewonnene prinzipielle Aufzeigung der Möglichkeit aller (apriorischen oder aposteriorischen) Erkenntnis . In einem transzendentalphilosophischen Begründungsstreben dient jedoch über dem Systemanspruch hinaus die konstruierende Eigentätigkeit des Ich als produktivem Prinzip als letztliche Erkenntnislegitimation. Diese Legitimation geschieht sowohl für apriorisches Wissen (analytische Erkenntnisse), wie auch als Festlegung der Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung (Bedingungen synthetischer, d.h. empirischer Erkenntnisse).

Diese Leistung wird auch vom Konstitutionssystem erbracht: Die Rekonstruktion der Erkenntnis im Konstitutionssystem erfolgt auf zweierlei Weise: (1) Die logische Struktur bietet uns eine Vollständigkeit beanspruchende apriorische Wirklichkeitserkenntnis. Die Rekonstruktion der Erkenntnis erfolgt darüberhinaus (2) mittels eines Begründungsprinzips, insofern dieses eine Begründung des Bereiches möglicher Erfahrung leistet. Nur liegt jetzt die Begründungsleistung möglicher Erfahrung nicht mehr in einem transzendentalen Prinzip, sondern in der Legitimation der Erkenntnisansprüche durch das ganze Konstitutionssystem als einer Beschreibung, die den tatsächlichen Aufbau menschlicher Erkenntnis darstellt, vom Faktum der empirischen Erkenntnis ausgehend.

Die tatsächliche Logisierbarkeit aller Wirklichkeitsbereiche ausgehend von den Grundelementen, aus denen sich menschliches Erkennen aufbaut, leistet eine allgemeine Rechtfertigung für alle individuellen Vorgänge von Gegenstandserkenntnis.

(3.3.4) Aussagesätze als Bausteine der Strukturanalyse:

(3.3.4.1) Damit haben wir zunächst den Sprung gewagt, über die semantische Funktion von Sätzen der Alltagssprache hinauszugehen. Strukturaussagen sind solche Aussagen, die keine Aussagen über gezeigte Gegenstände sind. Wie der Wirklichkeitsbezug prinzipiell unabhängig ist von den empirischen Inhalten, so ist auch der systeminterne Aufbau der Gegenstandsklassen bei Meinong und Carnap unabhängig vom empirisch Gegebenen. Dieser Aufbau ist das nächste Niveau in der Analyse der Gegenstände, ausgehend von der Analyse der Natur der Gegenstände.

Allgemein können wir drei Betrachtungsweisen von Gegenständen unterscheiden: (1) individuelle Gegenstände, denen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden (Referenzbezug natürlicher Sprachen), (2) Gegenstände, sofern sie dadurch charakterisiert sind, daß durch die Sprache ein semantischer Bezug zur Wirklichkeit hergestellt wird (Meinongs Gegenstandstheorie) und aufbauend darauf (3) Gegenstände, die kontextuell bestimmt werden, insofern die Wirklichkeitsbeschreibung auf die Erstellung eines systematischen Zusammenhangs der Gegenstandsklassen hinausläuft (Das Konzept von Gegenständlichkeit im Aufbau).

(3.3.4.2) Von der Aussagefunktion zu Strukturaussagen: Wie werden propositionale Aussagen zu Strukturaussagen spezifiziert? Aussagefunktionen sind solche Aussagen, bei denen wir per definitionem nicht mit einer bestimmten Einsetzung für eine Variable zu tun haben. Eine bestimmte Einsetzung nennt Carnap ein „Argument“. Aussagesätze mit „Argumenten“ sind also selber alles andere als Strukturaussagen. Wenn wir davon ausgehen, daß die Gesamtheit aller Aussagen über die Wirklichkeit eine vollständige Beschreibung der Wirklichkeit darstellt, dann ist die vollständige Beschreibung also nur von dem einzulösenden Anspruch abhängig, eine Gesamtheit der Aussagen über Wirklichkeit zu liefern. Dieser Anspruch alle beschreibenden Aussagen zu umfassen, kann jedoch durch eine geringere Anzahl von Aussage funktionen zusammengefaßt werden.

In der Konstitutitonstheorie geschieht der logische Aufbau aber durch die mit den Aussagen konstituierten Klassen von Gegenständen. Die Gegenstandsklassen erzeugen sich aus der Extension der Aussagen. Das Ableitungsverhältnis innerhalb des Gegenstandsaufbaus im Konstitutionssystem ist eines zwischen Klassen, die von Carnap selbst daher nicht mehr als Gegenstände, sondern als Quasigegenstände bezeichnet werden.

(3.3.5) Die Signifikanz der Satzsemantik für die Durchführung der Strukturanalyse:

(3.3.5.1) Der semantisch verwendete Zeichenbegriff bezieht sich also immer nur auf Aussagesätze als Träger der Bedeutung:

Im strengen Sinne haben nur diejenigen Zeichen, die eine Aussage bezeichnen, also die Sätze, eine selbständige Bedeutung.233

Satzbedeutungen werden aber nur insofern erfaßt, als sie ganze Bedeutungsextensionen der betreffenden Argumentstellen aufzuweisen haben. Also auch der Bedeutungsbegriff wird verändert: Bedeutungen (Referenz) sind keine Bedeutungen von individuellen Gegenständen, sondern sind stets synonym mit bestimmten Gegenstandsklassen. Dabei ist immer im Auge zu behalten, daß der Gegenstand eines Satzes identisch mit der Bedeutung eines Satzes ist, der Gegenstand also keine eigenständige ontologische Kategorie jenseits der Satzbedeutung darstellt.

Daß die Gegenstände nur als eine propositionale Struktur erfaßt werden können, heißt aber noch nicht, daß wir es mit einer inhaltslosen Struktur zu tun haben. Aussagesätze haben durchaus einen Inhalt. Als solche bieten sich zunächst die Bedeutungsextensionen der Aussagefunktionen an. Sie sind als kognitive Korrelate der beschriebenen, individuellen Wirklichkeiten auch Denkinhalte. Wie komme ich aber von der propositionalen Struktur der Gegenstände zur reinen Strukturaussage über Wirklichkeit?

Der Übergang zur reinen und also inhaltslosen Strukturbeschreibung gelingt erst durch den Aufbau des Systems, durch das die Gegenstandsklassen nur noch durch ihre gegenseitige Beziehung zueinander definiert werden. Die Gegenstandsklassen werden somit selbst als Relationen interpretiert, und haben keine andere Bedeutung mehr als die Bedeutung von Relationen.

(3.3.5.2) Systembau: Das Konstitutionssystem besteht näherhin aus Konstitutionsstufen: Im Aufbau des Systems haben wir es mit einander sphärenfremden Gebieten zu tun, von denen jede Sphäre ein Gebiet von Quasigegenständen in Bezug auf die im Aufbau vorhergehende Sphäre darstellt. Die Aussagen der einen Sphäre dienen im Konstitutionsaufbau dazu, Gegenstände der nächsten Sphäre zu definieren. Dies kann aber nur dadurch geschehen, daß die Erkenntnis der Gegenstände der höheren Konstitutionssphäre durch die Gegenstände der niedereren Konstitutionssphäre vermittelt ist. Ein Beispiel ist die Manifestation von geistigen Gegenständen durch psychische Gegenstände.234 Obwohl sich also nicht jeder geistige Gegenstand in einem psychischen Gegenstand manifestieren muß, wird durch das Aufzeigen der Möglichkeit des Erkenntniszugang anderer Sphären der rekonstruktive Erkenntnisaufbau gerechtfertigt. Im Gegensatz zu expliziten Definitionen, die einen neuen Begriff kontextlos definieren, wird der Zugang zur nächsten Gegenstandssphäre durch Gebrauchsdefinitionen eröffnet. Dies geschieht so, daß eine Aussagefunktion die hinreichende und notwendige Bedingung für das Definiendum, das wiederum eine Aussagefunktion ist, darstellt. Die Definition erfolgt durch die Gleichsetzung umfangsgleicher Aussagefunktionen, wobei nur in einer der Aussagenfunktionen ein Zeichen mehr vorkommt:

... die Gegenüberstellung zweier umfangsgleicher Aussagefunktionen, von denen die erste außer den Variablen nur ein Zeichen enthält, das auf der anderen Seite nicht vorkommt, kann als Definition dieses Zeichens aufgefaßt werden, und zwar als Gebrauchsdefinition.235

Die Verbindung zwischen den Gegenstandssphären wird durch sphärenübergreifende Definierbarkeit einzelner Begriffe ausgehend von der niederen Sphäre hergestellt. Durch Definitionen „bestimmt“ so zum Beispiel das sinnlich Wahrgenommene die Gegenstandssphäre des ästhetischen Sinngehalts. Diese Definition von sphärenfremden Gegenständen kann zugestanden werden, da der logische Gehalt einer definierenden Sprache nicht auf eine bestimmte Zuordnung zu einer ontologischen Festsetzung der Bedeutungen beschränkt werden muß.

(3.3.6) Evaluierung der Strukturanalyse und ihre Weiterentwicklung nach dem Aufbau:

Die Strategie der Strukturanalyse ist eine ideale Beschreibungsform sprachlich verfaßter Wirklichkeit, die als Metasprache der Wissenschaftssprachen nicht von vornherein von der Hand zu weisen ist. Strukturbeschreibung klammert Epistemologie mit ihrem Bezug auf Gegenstände als epistemisch Gegebenes, wie es herkömmlich verstanden wird, aus. Genauer gesagt wird seit dem Aufbau (1928) dieser epistemische Bezug vollkommen uminterpretiert. Insofern die Beschreibung von Bedeutung in einem nicht-ontologischen Sinne spricht, kann die Art der Gegenstandserfassung in der Strukturanalyse als sprachlich-phänomenologische Zugangsweise zu Wirklichkeit interpretiert werden.

Kritikpunkt (1): Ein bedeutungstheoretisch relevanter metaphysischer Realismus wird durch die Strukturanalyse wohl vermieden. Das wird im Aufbau suggeriert, ist aber tatsächlich eine Übertreibung. Tatsächlich haben wir es in dem „metaphysischen“ Vorannahmen mit Hypothesen zu tun, die wir zu unseren Zwecken der Erkenntnisfundierung einsetzen können, aber auch wirklich zusätzlich zu der verwendeten Wirklichkeit rekonstruierenden Sprache mitverwendet werden müssen. Sonst kämen wir zu keinem bestimmten Konstitutionssystem. Auch wenn also die Wahl der Interpretationen frei ist, so bleibt doch eine bestimmte Wirklichkeitsinterpretation die versteckte Voraussetzung für den rekonstruktiven Systembau. Dies mag ein methodischer Solipsismus (für den linguisitschen Phänomenalismus), ein Realismus (für die physikalistische Sprache) oder ein transzendentaler Idealismus ( für Sprachen mit konstruktivistischer Funktion) sein.

Kritikpunkt (2): Die Strukturanalyse funktioniert tatsächlich nur mit diesem Plus an Ontologie, wenn mit ihr ein umfassender epistemischer Anspruch verknüpft sein soll. Aus der logischen Analyse ergibt sich, ihrem Anspruch nach, eine rein holistische Erkenntnisgewinnung. Das Ziel der tatsächlichen „Metaphysiklosigkeit“ ist jedoch gescheitert, wenn wir aus einem epistemischen Begründungszwang heraus den Anfang des Systems aus einem vorlogisch Gegebenen (das epistemisch letztlich und unhintergehbar Gegebene) herleiten, wie das im Aufbau der Fall ist.

Der Kern dieser Kritik liegt darin, daß die Strukturanalyse ihrem Anspruch nach keinen semantischen Bezug der Beschreibung auf die Gegenstände im Sinne der natürlichen Sprachen mehr herstellen kann. Da sich die logische Metasprache nur noch mit Klassen beschäftigt, insofern sie Bestandteile von Relationen höherer Stufe sind, wird die Sprachform zugunsten der logischen Systemform aufgegeben. Der zu Ende gedachte Systemgedanke des Konstitutionssystems hebt, streng genommen, die Wirklichkeitsreferenz des Systems auf. Es gibt den allen Sprachen eigenen Referenzbezug der beschreibenden Zeichen nicht mehr. Strukturanalyse ist zu idealisierend, um die ihr gestellte Aufgabe zu bewältigen. Auch das in § 3 des Aufbau in Aussicht gestellte Programm der „Zurückführung der ‚Wirklichkeit’ auf das ‚Gegebene’“ kann nicht durchgeführt werden, weil die Strukturanalyse ihren Bezug zum Gegenstandsbereich der Beschreibung verloren hat.

Carnap verbessert jedoch sein Konzept von Sprachanalyse nach diesem ersten epistemologisch orientierten Versuch. Ab 1931 arbeitet auch die logische Syntax mit der richtigen logischen Einordnung der einzelnen Satzteile in den Zusammenhang des ganzen Satzes. Dieser Einordnung folgend können Regeln erstellt werden, aufgrund deren wir logisch richtige von logisch falscher Einordnung und Anwendung der Satzteile unterscheiden können. Die natürlichen Sprachen, die ihrer wesentlichen Funktion nach für die Sprechenden Wirklichkeit enkapsulieren, wird nun durch die Konstruktion künstlicher Sprachen (die nichts anderes als Sprachregeln für Sprachen niedrigerer Stufe darstellen) ihrem Inhalte nach analysiert. Sprachen, insofern sie hier nur noch formale Sprachsysteme darstellen, bestehen in nichts anderem als Syntaxregeln. Das Projekt der Strukturanalyse als einer, wie wir gesehen haben, im strengen Sinne nichtsprachlichen Rekonstruktion der Wirklichkeit, d.h. eine Rekonstruktion der Wirklichkeit, die nicht an der Funktionsweise natürlicher Sprachen orientiert ist, wird aufgegeben.

Der Bedeutungsbezug ist aber auch in Logische Syntax nicht der der empirischen Wirklichkeit, selbst als sprachlich verfaßte Wirklichkeit. So müssen wir es richtig verstehen, wenn Carnap sagt, daß obwohl Syntaxsprachen mathematische Sprachen sein können, wir besonderes Gewicht auf die syntaktische Behandlung empirischer Sätze legen müssen:

Wir legen sogar besonderes Gewicht auf die syntaktische Behandlung der synthetischen (nicht rein logisch-mathematischen) Sätze , die in der modernen Logik meist vernachlässigt werden. Die mathematischen Sätze sind, vom Gesichtspunkt der Gesamtsprache betrachtet, nur Hilfsmittel zum Operieren mit empirischen, also nicht-mathematischen Sätzen.236

Wenn Carnap von „Beschreibung“ als einer Funktion der Sprache spricht, so ist das auch hier nicht als eine Beschreibung der empirischen Welt durch Sprache zu verstehen. Die Beschreibung bezieht sich vielmehr auf die nächsthöhere Ebene einer Sprachbeschreibung. Sie befaßt sich also mit der Struktur der Sprache. Beschreibung ist Struktur, die selbst erst in der möglichen Anwendung auf die Wissenschaftssprachen wieder einen Bezug zur Bedeutungsebene empirischer Wirklichkeit herstellen kann. Diese Anwendung auf Sprachen mit empirischer Bedeutung unterscheidet sie aber doch von der reinen Strukturbeschreibung, die (1) weder selbst eine Sprache im strengen Sinne genannt werden kann, noch (2) sich auf eine Wirklichkeit beschreibende Sprache bezieht.

(3.4) Die Diskussion um die neukantianische Interpretation von Der Logische Aufbau der Welt

(Sektionen 3.4.0 – 3.4.6)

(3.4.0.1) Niemand bestreitet, daß Rudolf Carnaps Der Logische Aufbau der Welt einer der Klassiker des logischen Positivismus ist. Die bekannteste Kritik erhielt sein darin vertretenes Programm wohl 1951 in W.V.O. Quines Two Dogmas of Empiricism. Das eine von Quine kritisierte Dogma des Empirizismus, nämlich der empiristische Reduktionismus, besagt, daß jede bedeutungsvolle wissenschaftliche Aussage letztlich auf unmittelbarer Erfahrung beruht. Erfahrung, so Quine, sei sicherlich nicht der Ausgangspunkt und nicht das letzte Kriterium aller wissenschaftlichen Aussagen. Quine sagt, daß nicht jede naturwissenschaftliche Aussage letztlich empirisch verifiziert oder falsifiziert werden kann, sondern daß nur die Gebäude der Wissenschaft in ihrer Ganzheit unserer empirischen Grundlage entweder entsprechen oder eben modifiziert werden müssen. Jedenfalls hängt die Gestalt des jeweilig in Frage stehenden Wissenschaftsgebäudes nicht alleine von der empirischen Überprüfbarkeit ab. Der Aufbau des gesamten Wissenschaftssystems, oder, in Carnaps Fall, des gesamten wissenschaftlichen Begriffssystems, einzig auf der Basis sinnlicher Erfahrung, oder auf Elementarerlebnissen, ist für Quine nicht möglich. Quine vertritt kein positivistisches Konzept davon, wie Wissenschaften funktionieren. So lesen wir in Two Dogmas of Empiricism:

The totality of our so-called knowledge or beliefs, from the most casual matters of geography and history to the profoundest laws of atomic physics or even of pure mathematics and logic, is a man-made fabric which impinges on experience only along the edges. Or, to change the figure, the total science is like a field of force whose boundary conditions are experience.237

Dieses Wissenschaftskonzept führt zur Zurückweisung des empiristischen Reduktionismus, den Quine auch in Carnaps Werk vertreten sieht.

(3.4.0.2) Schon seit einiger Zeit besteht jedoch Zweifel daran, ob diese Kritik Quines an einem ausschließlich empirischen Fundament und Verifikationskriteriums des Wissenschaftsgebäudes wirklich ihr Ziel traf, oder ob sie nicht wesentliche Aspekte des positivistischen Wissenschaftskonzeptes, und insbesondere von Carnaps Programm, unterschlägt. Ist der Reduktionismus in der Rechtfertigung des wissenschaftlichen Begriffssystems durch Erfahrungswissen das eigentliche Kernstück des Aufbau ? Carnap zufolge kann tatsächlich das ganze wissenschaftliche Begriffssystem auf einer eigenpsychischen Basis aufgebaut werden. Ist das aber notwendigerweise der von Quine hart kritisierte empiristische Reduktionismus? Oder gibt es hier andere Interpretationsmöglichkeiten dieses Werkes?

(3.4.0.3) Susan Haacks Beitrag „Carnap’s Aufbau: Some Kantian Reflexions“238 hat erstmals eine Verbindung zwischen Kants und Carnaps Epistemologie hergestellt. Dies hat seither als Anregung für viele Historiker der analytischen Philosophie gedient, obwohl der direkte Bezug auf Kant wegen des zu großen Zeitabstand zwischen beiden Denkern bei der weiteren Diskussion nicht im Zentrum stehen konnte. Naheliegender für die jüngere Diskussion seit den frühen 80er Jahren war der Bezug auf die unmittelbare, intellektuelle Umgebung von Carnap selbst, der Neukantianismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere in seiner Ausprägung der Marburger Schule (insbesondere Herman Cohen, Paul Natorp und Ernst Cassirer). Besonderes Interesse erlangte das 1910 entstandene Substanzbegriff und Funktionsbegriff, das mittlerweile auch schon als einer der bedeutenden Einflüsse auf den frühen Carnap anerkannt wurde; so z.B. von Alan W. Richardson oder von Werner Sauer in seinem „Carnaps ‚Aufbau’ in Kantianischer Sicht“.239

Michael Friedman führt das Feld einer revisionistischen-neukantianischen Interpretation des logischen Positivismus an und bringt m. E. auch die diskussionsfähigsten Thesen hervor, wie wir noch sehen werden. Dabei beschränkt sich die Suche Friedmans nach kantianischen Motiven keineswegs auf Carnap, sondern erstreckt sich auch auf Moritz Schlick und den frühen Hans Reichenbach.

Das Motiv für diese Reinterpretation Carnaps dürfte die Rettung der Relevanz von Carnaps Frühwerk als Ikone der analytischen Philosophie in dem neueren Trend holistischer Erkenntnisbegründung sein. Es geht also darum, Quines vernichtendes Urteil abzuschwächen oder gar zu revidieren. Es wird sich zeigen, daß es sich nur um eine Abschwächung seines Urteils handeln kann. Es ging, so denke ich, nie darum zu zeigen, daß Carnap nicht als „radikaler“ Empirist interpretiert werden kann, sondern nur darum, eine alternative Lesart aufzuzeigen, die bisher wenig beachtete Aspekte des Werkes beleuchtet.

Wir werden uns auch kurz Alan W. Richardsons Interpretation des Carnapschen Konventionalismus als einem synthetischen Apriori zuwenden. Richardson nimmt eine extreme Position in der Kantianismusdebatte um Der Logische Aufbau der Welt ein und wir werden seiner Carnapinterpretation nicht folgen können.

Es ist eine historische Tatsache, daß der „radikale“ Empirimus bzw. Positivismus des frühen 20. Jahrhunderts, die Zurückführung aller wissenschaftlichen Begriffe auf eine Basis der empirischen Wahrnehmung, gescheitert ist und aufgegeben wurde. Der Aufbau ist vielleicht nicht eindeutig als „radikal“ empiristisch zu klassifizieren. Wie neuere Beiträge zeigen, ist aber auch der neukantinischen Interpretation Grenzen zu setzen. Das Auftreten von miteinander nicht kompatiblen Interpretationsrichtungen und die daraus entstehende Uneindeutigkeit in der Einordnung des Werkes sind jedenfalls ein Indikator dafür, daß das Projekt dieses Frühwerks mit gravierenden Mängeln behaftet ist. Insofern hatte Quine mit seinem Urteil des Scheiterns von Carnaps Vorhaben sicherlich recht. Vielleicht ist darüberhinaus der Anspruch des Werkes zu groß, wenn es auch ein faszinierendes Unterfangen ist, sowohl (1) eine epistemologische Fundierung des ganzen Begriffssystems der Wissenschaften und (2) ein vollständiges, wissenschaftliches Begriffssystem selbst anzuzeigen oder skizzieren zu wollen. Ein interessantes Detail ist das relativ späte Auftreten der neukantianischen Sichtweise und die damit verbundene späte Transformation unseres Bildes von diesem wichtigen Werk: Aus einem „radikal“ empiristischen Werk wurde ein „radikal“ empiristisch interpretierbares Werk. Dieses neue Bild scheint der eigentliche Beitrag der neueren Kantianismusdebatte zu sein.

(3.4.1) Was genau ist die Bedeutung des Neukantianismus im Kontext der Carnapschen Konstitutionstheorie?

(3.4.1.0) Das Programm des Aufbau wurde oft als phänomenalistisch und eben auch als reduktionistisch gekennzeichnet. Reduktionismus muß aber hier in einem ganz bestimmten Sinne genommen werden, nämlich in dem Sinne, daß das konstruierte System der exakten Begriffe einer formalen Sprache seinen epistemischen Ausgang in Erfahrungsdaten nimmt.

Der Übergang vom Subjektiven zum Objektiven wird anders aufgebaut als bei Bertrand Russell, für den die Kluft zwischen diesen beiden Seinsbereichen noch größer ist. Ein Aufbau von Erfahrungswissen kann für Russell in On Our Knowledge of the External World im Gegensatz zu den die Subjekt-Objekt-Dichotomie grundsätzlich überbrückenden Carnapschen Elementarerlebnissen, noch von direkt wahrnehmbaren Sinnesdaten, den „hard data“, erfolgen. Die Konstruktionsfähigkeit der selbst nicht direkt wahrgenommenen, wenn auch wahrnehmbaren Außenwelt ist dabei schon für Russell entscheidend. Der Übergang von den für ihn letztlich nur privaten Sinnesdaten zur Außenwelt wird bei Russell dadurch zustandegebracht, daß schon die Sinnesdaten objektiv und nicht subjektiv sind. Zur Konstruktion der intersubjektiven Welt müssen jedoch zu den direkt wahrgenommenen Daten auch die vom einzelnen Individuum nicht direkt wahrgenommenen Daten hinzukommen. Über die plausible Annahme anderer wahrnehmenden Subjekte (also einer Vielzahl von wahrnehmenden Subjekten) gelangt Russell zur Konstruktion eines intersubjektiven Raumes („perspective space“). Dieser objektive Raum, die wahrnehmbare Außenwelt, wird aufgrund eines Induktionsschlußes („inference“) des Wahrnehmenden erkannt. Bei Carnap haben wir es im Gegensatz dazu nicht mit objektiven, wenn auch nur einen kleinen Ausschnitt einer Welt beschreibenden Daten, zu tun. Carnaps Elementarerlebnisse schließen auch die subjektive d.h. hier die psychologische Innenseite des Menschen mit ein.

(3.4.1.1) Was ist aber der Beitrag des Neukantianismus zum Projekt einer Rekonstruktion der objektiven Welt auf der Basis von privaten Elementarerlebnissen? Das Interesse Carnaps am Neukantinismus muß bei den Alternativen zu der „radikal“ empiristischen Erkenntnisbegründung einsetzen. Schon Ernst Cassirers Erfahrungsbegriff, wie sich noch im Folgenden ergeben wird, ist mindestens ebenso leistungsfähig wie Russells Sinnesdatentheorie für die Rekonstruktion der lebensweltlich immer schon gegebenen intersubjektiven Welt. Der Erfahrungsbegriff von Substanzbegriff und Funktionsbegriff muß demnach zunächst untersucht werden:

Statt von individueller Anschauung und den ihr vorausgehenden Anschauungsformen von Raum und Zeit geht Cassirer von einer umfassenden strukturellen Gliederung des Erlebnisstromes aus, die uns die Einführung von Begriffen und auch die Füllung der Begriffe mit konkreten Begriffsinhalten ermöglicht. Erfahrung konstituiert sich durch Begriffsbildung, also dem Entstehen von Begriffen und dem Inbeziehungsetzen von Begriffen und Begriffsinhalten. Die Kantische strikte Trennung von Anschauungen und Begriffen wird von Cassirer jedoch nicht beibehalten. Kant hatte ja eine strenge Trennung und gleichzeitig eine gegenseitige Angewiesenheit von Anschauungen und Begriffen vertreten. Erinnern Sie sich an Formulierungen wie:

Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf eigene Art korrespondierende Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe, ein Erkenntnis abgeben können.240

Für Cassirers Erkenntniskritik gibt es jedoch keinen unabhängig gegebenen, angeschauten Inhalt mehr. Das Mannigfaltige der Sinnlichkeit ist nicht selbst Gegenstand der begrifflichen Synthese, sondern es handelt sich beim Gegenstand nur um eine funktionelle Form, die nun selbst zum einzigen sinnlichen Inhalt wird. Inhalt wird zu Form transformiert: „Der reale Inhalt des Gedachten, zu dem die Erkenntnis durchdringt, entspricht [...] in der Tat genau der aktiven Form des Denkens überhaupt.“241

Sicherlich wird von ihm nicht abgestritten, daß es „vorkognitive“ und subjektive sinnliche Anschauungen als Inhalte gibt. Diese werden aber eben in der Konstitution der Erfahrung in funktionelle Bedeutungen aufgelöst, die selbst in den Begriffsbildungsprozeß einbezogen sind. Der vor der Kognition gegebene sinnliche Inhalt ist nicht objektiv greifbar, und entzieht sich dem Geltungsbereich der „objektiv notwendigen Beziehungen“, welche die Bausteine der Erfahrung sind. Die subjektiven und in der Zeit vergänglichen, sinnlichen Inhalte gewinnen erst durch ihre Fassung in Relationen, ihre kognitiv verarbeitbare Form, den Charakter der Objektivität und Notwendigkeit.

Wodurch unterscheidet sich diese funktionale Begriffsbildung Cassirers von der traditionellen Art der Begriffsbildung? Die neue Begriffsbildung ist für uns wichtig, weil sie von Cassirer vom Gebiet der Mathematik auch auf das Gebiet der Naturerkenntnis ausgeweitet wird. Angeschaute Inhalte werden nicht mehr verglichen und dann durch ihre Identität oder Teilidentität miteinander verknüpft und zu Begriffen zusammengefaßt. Die ausschließlich relationale Identifikation der Denkinhalte wird dabei nicht durch eine Abstraktion von dem konkret angeschauten Inhalt gewonnen. Cassirers Projekt ist darüberhinaus aber sowieso weiter angelegt als eine bloße Interpretation sinnlicher Inhalte: Die Kritik am traditionellen Modell der Begriffsbildung (= Begriffsbildung durch genus proximum und differentia specifica) konzentriert sich an dem ihm angelasteten abstrahierenden Denken. Cassirers Kritik: Das Aufsteigen in der Begriffspyramide von besonderen zu allgemeineren Begriffen ist mit den traditionellen Begriffen ein Prozess der zunehmenden Abstraktion von Inhalten, bis letztlich, an der Spitze der Pyramide, eine inhaltliche Leere eintritt:

Die ‚Begriffspyramide’, die wir kraft dieses Verfahrens [der Begriffsbildung] aufbauen, endet nach oben hin in der abstrakten Vorstellung des ‚Etwas’, einer Vorstellung, die eben in ihrem allumfassenden Sein, kraft dessen jeglicher beliebige Denkinhalt unter sie fällt, zugleich von jeder spezifischen Bedeutung gänzlich entleert ist.242

Die zweite Kritik Cassirers, neben der steigenden Abstraktion der Allgemeinbegriffe, ist, daß sich die klassische Begriffslehre selbst auf reale Substanzen oder Wesenheiten bezieht. Damit wird auch die Auflösung des traditionellen Substanzbegriffs für Cassirer wichtig, was dann weitreichende Folgen hat, z.B. die Auflösung der Unterscheidung von Denken und Wirklichkeit als völlig eigenständige, voneinander unabhängige Entitäten.

(3.4.2) Wird der Logische Idealismus Cassirers auch von Carnap vertreten?

(3.4.2.1) Alan W. Richardson definiert den Begriff des logischen Idealismus folgendermaßen: “Logical idealism […] sees a conceptual element in experience itself, i.e., that only by virtue of having certain logical forms does experience first yield matters of fact.”243 Erfahrung, die zu wissenschaftlichen Erkentnissen führt, ist in einer logisch erfaßbaren Form der Erfahrungs gegenstände gegründet. Dem stimmt die Carnapsche Konstruktionstheorie prinzipiell zu. Nur ist die Carnapsche rationale Rekonstruktion der wissenschaftlich erfaßbaren Wirklichkeit eben nicht der ausschließliche Gegenstand der Erkenntniskritik Cassirers: Für Cassirer geht es um die Struktur von Erfahrung überhaupt. Objektive Erkenntnis kann für ihn eben nicht nur in einer idealisierten und begrifflich „exakten“ Wissenschaftssprache erreicht werden.

Carnap scheint uns aber genau das nahezulegen. Die objektive Welt ist ausschließlich die mit wissenschaftlicher Methode untersuchbare Welt. Sie ist aufgebaut aus den „exakten“ Begriffen, mit deren Hilfe wir die Wirklichkeit beschreiben können. Ob das Carnapsche Objektivitätskonzept kantianisch ist, kann daher aus gutem Grund bezweifelt werden. Die Wirklichkeitsbeschreibung durch rationale Rekonstruktion ist jedenfalls ein viel engeres Konzept als der neukantianische Begriff der Erkenntnis herstellenden Erfahrung.

(3.4.2.2) Darüberhinaus ist im Gegensatz zu Cassirer für Carnap die logische Konstruktion eine grundlegende Abstraktion von dem eigenpsychisch unmittelbar Gegebenen, dem Elementarerlebnis. Diese abweichende Haltung Carnaps zur Abstraktionsfrage der logischen Konstrukte bringt Schwierigkeiten mit sich, die er selbst zunächst nicht deutlich wahrzunehmen schien. Daß die Wahl einer eigenpsychischen Basis des Konstruktionssystems offensichtlich problematisch ist, wird jedenfalls nicht direkt thematisiert. Carnap versucht vielmehr die Vorzüge dieser Basis hervorzuheben (Aufbau, § 67). Eine physische Basis des Systems, also die Basis im Erkenntnisgegenstand, wäre zweifelsohne einfacher als die eigenpsychische, aber Einfachheit ist für Carnap nicht das einzige Kriterium. Die eigenpsychische Basis wird bevorzugt, weil sie den Aufbau der Erkenntnis besser darlegt. Vorausgesetzt wird, daß der Erkenntnisprozeß immer aus zwei Polen besteht, Subjekt und Objekt der Erkenntnis. Als ursprünglicher Titel des Aufbau war ja Erkenntnislogik oder Der logische Aufbau der Erkenntnis geplant. Bei weiterer Lektüre des Aufbau wird deutlich, daß es sich bei der Grundbeziehung (Er), die Ausgangspunkt des Konstruktionssystems ist, eben um eine Aussage über Bestandteile des Erlebnisstromes handelt. Die Aussageebene findet sich so neben der Gegenstandsebene. Diese Aussagen gewinnen den Charakter der rationalen Struktur der Welt. Für das von Carnap entworfene System dieser rationalen Struktur mit seinen ausschließlich definiten Beschreibungen ist gerade der alltägliche Erfahrungsstrom und die aus unserem alltäglichen Umgang mit der Welt heraus gebildeten Begriffe nicht direkt relevant. Die rationale Wissenschaft verzichtet auf einen entscheidenden Beitrag unserer vorwissenschaftlichen „unexakten“ Begriffsbildung. Das ist jedoch aus dem Text nicht völlig klar ersichtlich. So müssen wir fragen, ob nicht doch wissenschaftliche Erkenntnis durch vorwissenschaftliche Erkenntnis ermöglicht wird? Wissenschaftliche Erkenntnis ist überhaupt erst auf der Basis einer logisch-mathematischen Form (von Klassen und Relationen) möglich. Die rationale Rekonstruktion hat mit unserer lebensweltlich immer schon vorhandenen Erfahrung zwar einen Bezugspunkt, den die Rekonstruktion selbst jedoch nicht wieder einholen oder konstruieren kann. Das wissenschaftliche Begriffssystem ist Carnaps Anspruch zufolge wohl unbeschränkt: „Die Wissenschaft, das System wissenschaftlicher Erkenntnis, hat keine Grenzen.“244 So wird in § 153 auch eine Konstruktion der vorlogischen Grundrelation (Er) versucht. Das Verhalten von Gegenständen könnte selbst wieder „auf höherer Stufe“ als Grundrelation gefaßt werden. Carnaps Versuch erinnert an Cassirer. Ob eine „Eliminierung“ der Grundrelation gelingt, kann jedoch bezweifelt werden, da damit der epistemologisch fundamentalistische Aspekt des Werkes untergraben würde. Diese „Eliminierung“ wäre ein Aufgeben der empiristischen Fundierung zugunsten einer kohärenztheoretischen Konstruktion.

(3.4.3) Wie stark ist wirklich der neukantianische Einfluß auf Carnap?

(3.4.3.1) Michael Friedman betonte immer wieder, daß Carnaps Aufbau im Gegensatz zu Cassirer kein synthetisches Apriori mehr verwendet.245 Wir stimmen Michael Friedman’s gemäßigter These zu, daß es Grenzen der kantianischen Interpretation gibt. So spricht Carnap selbst in § 106 davon, daß es in einem Konstruktionssystem analytische Lehrsätze (die allein aus den Definitionen deduziert werden können) und empirische Lehrsätze gibt. Im selben Paragraphen erwähnt Carnap, daß synthetische Urteile a priori im Konstruktionssystem fehl am Platz sind. Richardson übergeht diese Feststellung unter Hinweis auf das synthetische Apriori in noch früheren Schriften Carnaps (z.B. in Der Raum), die in einer Kontinuität mit dem Aufbau gesehen werden müßten. Richardsons These beruht darauf, daß die Bedingung für Erfahrungswissen eine synthetische Leistung des epistemischen Subjekts ist: „Indeed the constitution of reality from experience by the formal conditions of the mind is the heart and soul of Kantianism”.246

Es ist richtig, daß Carnap in § 177 des Aufbau davon spricht, daß Konstitutionstheorie und transzendentaler Idealismus eine gemeinsame Auffassung bezüglich der Gegenstände der Erkenntnis teilen:

Konstitutionstheorie und transzendentaler Idealismus vertreten übereinstimmend die Auffassung: alle Gegenstände der Erkenntnis werden konstituiert (in idealistischer Sprache: „im Denken erzeugt“); und zwar sind die konstituierten Gegenstände nur als logische Formen, die in bestimmter Weise aufgebaut sind, Objekte der begrifflichen Erkenntnis. Das gilt schließlich auch von den Grundelementen des Konstitutionssystems.247

Die Frage ist dann aber, was die eigentliche Basis für intersubjektive Erkenntnis darstellt. Sind die Elementarerlebnisse als Konstrukte des epistemischen Subjekts aufzufassen? Richardson merkt an, daß das Projekt des Aufbau dem frühen Konventionalismus entgegensteht. Die Elementarerlebnisse eröffnen also einen nicht konventionellen intersubjektiven Raum. Gleichzeitig optiert jedoch Richardson in Übereinstimmung mit einem transzendentalen Idealismus dafür, daß intersubjektive Erkenntnis von der Konstruktion der physikalischen Welt durch die Übereinstimmung der privaten physikalischen Welten in den einzelnen epistemischen Subjekten („epistemic agent“) abhängt:

The idea is that each epistemic agent constructs for herself both a private perceptual world of sense qualities and then a private physical world of physical state magnitudes applied to each point of space-time. The construction of the private physical world is necessary here because these assignments are such that each epistemic agent can transform via continuous one-one coordinates her private physical world into that of any other epistemic agent’s world in such a way that she can find a certain physical object in her own world that corresponds to a physical object in the other agent’s world.248

Die Übereinstimmung zwischen den Konstruktionen der Subjekte würde Intersubjektivität garantieren. Diese Interpretation ist jedoch zu gewagt und beruht auf dem Grundfehler der hegelianisierenden Kantinterpretation. Ich glaube nicht, daß Richardson recht hat in Bezug auf den reinen Konstruktivismus der Kantianischen Tradition. Auch die synthetische Konstitution des Raumes der Erfahrung ist nicht die Konstitution der Wirklichkeit.

Noch weniger hat er m. E. recht mit Bezug auf Carnap. Der Carnapsche Konventionalismus, demzufolge die wissenschaftlichen Begriffe je nach ihrer methodischen Angemessenheit zum Fortschritt der Wissenschaften konstruiert (also konventionell festgelegt) werden, eignet sich zugegebenermaßen besonders gut zur Annahme einer solchen synthetischen Bewußtseinsleistung. Die physikalische Welt hat dieser Ansicht nach kein anderes Sein als in der konstruierenden Leistung von jedem epistemischen Subjekt. Richardsons Betonung der unumschränkten Rolle des epistemischen Subjekts läßt jeden primär empiristisch ausgerichteten Ansatz unbeachtet. Das in diesem Abschnitt auch betrachtete Problem der Intersubjektivität der Erkenntnis entsteht bei Richardson in der von uns vorgeschlagenen Form gar nicht, weil ein empirizistisches Modell der Wahrnehmung (z.B. die Sinnesdatentheorie oder Elementarerlebnisse als das epistemische Fundament) für Richardson eben nicht Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis sein kann. Die Betonung der Rolle des epistemischen Subjekts führt dabei letztlich zur Relativität der privaten Welten.

Cassirer sieht dieses Problem auch und führt deshalb eine Invariantentheorie der Erfahrung ein. Solche Invarianten, die den für alle Erfahrung gesetzgebenden Status von Kants Kategorien haben, sind Raum, Zeit und konstante physikalische Größe. Diese Invarianten bilden ein universales synthetisches Apriori, das durch alle konventionellen Begriffsbildungen hindurch gleich bleibt. Auch Carnaps Konventionalismus könnte auf diesem Apriori basieren, als Lösung des Problems privater Wahrnehmung.

Es muß jedoch festgehalten werden, daß das synthetische Apriori, welcher Form auch immer, zweifelsohne letztlich in die Hände eines transzendentalen Idealismus spielt und daß es in einer Interpretation der Carnapschen Konstitutionstheorie gut umgangen werden kann. Es ist ein durchaus plausibler Einwand, daß ein synthetisches Apriori eine willkürliche Annahme ist, die nicht die Carnapsche Lösung des problematischen Konventionalismus der Begriffe ist.

Neben dem erkenntnistheoretischen Solipsismus ist der transzendentale Idealismus jedoch nur eine andere Extremposition der Carnapinterpretation, der wir nicht folgen müssen. Richardson bekennt sich außerdem nicht explizit zu solch einer Extremposition. Ich denke, daß Richardsons Ausgangspunkt, der Konventionalismus der Begriffe, auch durch einen (kantianischen) Bedeutungsholismus erklärt werden kann, der selbst nicht Theorieteil eines transzendentalen Idealismus ist, d.h. ohne die wirklichkeitskonstituierende Funktion des epistemischen Subjekts. Dazu später mehr.

(3.4.3.2) Friedman hat in A Parting of the Ways darauf aufmerksam gemacht, daß es eine grundlegende Nichtübereinstimmung zwischen den definiten Beschreibungen des Konstitutionssystems und einem „genetischen“ (Gegenstände konstituierenden) Verständnis von Erkenntnis gibt.249 Man kann sagen, daß das Begriffssystem des logischen Aufbau deduktiv aufgebaut ist (wie die Ordnung der Gegenstandstypen: eigenpsychische, dann physische, fremdpsychische und geistige Gegenstände) und das ist ähnlich der Konstitution der Erfahrung durch die reinen Verstandesbegriffe in Kants Kritik der reinen Vernunft. Es geht auch bei Kant um die begriffliche Konstitution der Erfahrung und nicht um die Konstitution der Wirklichkeit. Nicht die Wirklichkeit (und bei Carnap auch nicht: die Erfahrung) soll konstruiert werden, sondern das wissenschaftliche Begriffssystem, „the tools of scientific activity“, wie Friedman sagt.

Nicht Wirklichkeit wird konstruiert, sondern Begriffe, die die Wirklichkeit erfassen. Soweit findet sich Carnap in einer Übereinstimmung mit Cassirers Neukantianismus. Davon zu unterscheiden ist die Frage, ob es eine von den Begriffen unabhängige Wirklichkeit gibt. Letzteres wird wohl auch von Cassirer nicht bestritten, wenn die Funktion dieser unabhängigen Wirklichkeit auch nur darin besteht, die Grenze des Erfahrbaren festzulegen.

(3.4.4) Die grundlegende Komplikation von Der Raum findet sich auch im Aufbau:

Die epistemische Ordnung des Aufbau ist darauf angewiesen, daß sie ihren Ausgang von einem erkennenden Subjekt nimmt. Die Sprache (und auch die logisch-mathematische Sprachform) geht immer vom sprechenden Subjekt aus. So sind Bedeutungen immer Bedeutungen für jemanden, für ein sprechendes Individuum. Diese Kritik trifft gerade die empiristische Interpretation des Aufbau. Die epistemische (nicht die empiristische) Rechtfertigung des rationalen Begriffsystems ist zumindest ein wichtiger Teil der Carnapschen Rechtfertigungsstrategie der konstruierten Begriffe, wie jüngst Jonathan Tsou gezeigt hat.250

Das in der empirischen Rechtfertigung implizierte epistemologische Grundverständnis ist, daß Sprache (und auch logische Konstruktionen) eine Vermittlungsfunktion zwischen Subjekt und Welt hat. Eine deutliche Betonung des wahrnehmenden und erkennenden Subjekts ist das Erbe auch des frühen Carnap, das in die Konstruktionstheorie eingeführt wird, um eine epistemische Begründung der Konstruktion vertreten zu können. Dieses epistemische Element bleibt aber, eben der empiristischen Interpretation zufolge, nicht die von Carnap intendierte Oberflächenstruktur, die nur als Leitfaden der eigentlichen strukturellen Konstruktion dient. Ein radikaleres Sprachdenken, bei dem wissenschaftliche Sprache eine ausschließlich logisch-mathematische Struktur hat, verzichtet auf die epistemische Begründungsfunktion des Subjekts. Der mögliche Verzicht wird im Aufbau zwar angedeutet durch die Proklamation der freien Wahl der Konstruktionsbasis (neben der eigenpsychischen Basis gibt er noch die physische und die allgemeinpsychische), aber der Verzicht wird dann eben doch nicht durchgeführt. Das epistemische Subjekt ist zwar entbehrlich, aber die intuitive Einsicht in die epistemische Ordnung der Konstruktion (der Aufbau der Gegenstandstypen: eigenpsychische, physische, heteropsychische und geistige Gegenstände) legt eine eigenpsychische Konstruktionsbasis intuitiv nahe. Die angestrebte Verzichtbarkeit wird deutlich unterstrichen. Carnap sieht jedoch kein Problem mit der von ihm gewählten Basis: Eine eigenpsychische, wie auch jede andere Basis der Konstruktion, kann für ihn nur dann intersubjektive Gültigkeit der Begriffe erzeugen, wenn die Vorgehensweise sich ausschließlich mit deskriptiven Beschreibungen, im Gegensatz zu hinweisenden Beschreibungen, beschäftigt.251

Wenn Carnap tatsächlich einen “radikalen“ Empirismus vertreten sollte, dann involviert dieser jedoch mehr als mathematisch-logische Strukturen. Die Erfahrung beruht auf Wahrnehmung, und die ist immer individuell – ist nur für je einzelne Individuen zu haben. Aber nicht nur die Interpretationsrichtung des „radikalen“ Empirismus braucht offensichtlich doch die Epistemologie auf der Basis eines erkennenden Subjekts bzw. Individuums. Wir brauchen ein Individuum, das Erfahrungen macht. Auch die neukantianische Interpretationsrichtung lebt von der grundlegenden Konzeption der Zwei-Schichten-Struktur, weil die konstruierten wissenschaftlichen Begriffe zwar von der lebensweltlichen Erfahrung verschieden sind, aber doch beide in eine umfassende Theorie der Konstitution von Erfahrung eingegliedert werden müssen. Der neukantianische Erfahrungsaufbau umfaßt beide Sphären. Wenn die neukantianische Interpretation richtig ist, dann strebt Carnap vielleicht schon im Aufbau ein einheitliches System und keine Zwei-Schichten-Struktur von Erkenntnis mehr an? Es scheint so, als ob mit der Einführung der neukantianischen Sichtweise dann gerade ein Problem der „radikal“ empiristischen Interpretation beseitigt werden könnte, nämlich das Problem der unüberbrückbaren Kluft zwischen der privaten und der objektiven Welt.

(3.4.5) Sowohl die These eines „radikalen“ Empirismus, wie auch die These des Neukantianismus sind fragwürdig:

(3.4.5.1) Es mag gegenwärtig noch eine provokante These sein, daß in der Zeit der Ausarbeitung des Aufbau eine letztendliche Trennung von beidem, dem „radikal“ empiristischen und dem neukantianischen Erbe von Carnap erwünscht, ja beabsichtigt ist. Die Konzeption der autopsychologischen Basis dieses Werks ist nicht unproblematisch. Das System bricht gerade an der Konstruktion des Fremdpsychischen zusammen, weil andere Subjekte ebenso system externe Basen für das System sein müssen, diese Basen durch die Konstruktion jedoch nicht eingeholt werden können. In Scheinprobleme diskutiert Carnap den Zugang zum Fremdpsychischen. Seine These ist hier, daß nur die Wahrnehmung von Physischem zum Kern der Erkenntnis des Fremdpsychischen zählen kann. So ist der Begriff der Einfühlung gänzlich verschieden von dem Begriff objektiver Erkenntnis:

Einfühlung ist nicht Erkenntnis, gibt nichts an theoretischem Gehalt, nichts Aussagbares; sie ist ein Tun, nicht ein Erkennen, und zwar ein Tun, das eine Fühlung mit einem Anderen herstellt und dadurch zu einer anderen praktischen Einstellung führen kann und als Folge davon auch zu anderem äußeren Handeln.252

Verglichen mit der Wahrnehmung des Physischen sei das genuin Fremdpsychische erkenntnismäßig sekundär und abgeleitet. Diese Antwort auf die Frage einer epistemischen Begründung des intersubjektiven Wissens, ausgehend von der eigenen empiristisch zu deutenden Wahrnehmng, ist ein nicht nur vom Neukantianismus erkanntes Problem. Das soll aber nicht zur Einführung des Begriffs der Einfühlung führen, sondern nur das damit verbundene Problem der privaten Wahrnehmung thematisieren.

(3.4.5.2) Fast zeitgleich mit dem Aufbau ist auch für Clarence I. Lewis’s Mind and World Order von 1929 das sinnlich Wahrgenommene zunächst privat. Wie für Carnap sind lediglich die Begriffe („concepts“) intersubjektiv zugänglich. Bei Lewis verhält es sich anders als bei den Neukantianern. Die Dichotomie zwischen (subjektiver) sinnlicher Wahrnehmung und den (intersubjektiven) Begriffen ist bei ihm prinzipiell unüberbrückbar. Aus Lewisschen sinnlichen „qualia“ kann auf direktem Wege keine Erkenntnis entstehen, obwohl die „qualia“ die Grundbausteine der Erfahrung sind. „Qualia“ sind in der Erfahrung das “X, I don’t know what” des hinter den Erscheinungen liegenden Gegenstandes bei John Locke. Auch Lewis sagt diesen Bausteinen der Erfahrung epistemische Unerreichbarkeit zu:

such an all-pervasive ingredient of experience could never become articulate, because it would lack the ground of any possible discrimination and relation. No language could express it;253

Die privaten und sinnlichen „qualia“ von Lewis sind zwar nicht wie die Carnapschen unzerlegbaren Elementarerlebnisse in der Zeitlichkeit gegebene psychische Einheiten, jedoch bedürfen auch sie der Interpretation und erst mit ihrer begrifflich gefaßten Interpretation wird die Privatheit des Gegebenen überwunden. Lewis (wie übrigens auch Bertrand Russell) ist sich klarer darüber, daß wir eines Induktionsschlusses (einer „inference“), ausgehend von dem unmittelbar Wahrgenommenen, bedürfen, um intersubjektives Wissen zu erzeugen. Wie die „qualia“ ist auch die Carnapsche eigenpsychische Basis uneinholbar für die wissenschaftliche Begriffsbildung. Das wird ein verhängnisvolles Konstruktionsproblem. Die „radikal“ empristische Interpretationsrichtung des Aufbau scheitert an einem Übergang von subjektiver zu intersubjektiver Gültigkeit. Ein einmal unterstellter „radikaler“ Empirismus scheitert an der Nichtherstellbarkeit von intersubjektiver Gültigkeit der Beobachtungssätze – sie sind auf nur subjekiven Daten fundiert. Subjektive Gültigkeit wird hergestellt, aber der private Phänomenalismus kann, wie schon früher bei Ernst Mach, letztlich nicht überwunden werden. Carnap sieht das Problem sehr wohl, daß die Elementarerlebnisse als private und eigene Erlebnisse zur Erlangung intersujektiver Begriffe überwunden bzw. reinterpretiert werden müssen:

...jede wissenschaftliche Aussage [kann] grundsätzlich so umgeformt werden [...], daß sie nur noch eine Strukturaussage ist. Diese Umformung ist aber nicht nur möglich, sondern gefordert. Denn alle Wissenschaft will vom Objektiven sprechen; alles jedoch, was nicht zur Struktur, sondern zum Materialen gehört, alles, was konkret aufgewiesen wird, ist letzten Endes subjektiv.254

Carnap nimmt nach dem Aufbau das Problem, daß empirische Wahrnehmung immer individuell ist, deutlich wahr. Intersubjektivität kann ausgehend von der noch radikaleren Devise Machs: „Bodies do not produce sensations, but complexes of elements (complexes of sensations) make up bodies“255 auch nicht überzeugend hergestellt werden, weil niemand garantiert, daß diese, wenn auch sehr leistungsfähige Wahrnehmung für jeden anderen als den wahrnehmenden Beobachter gültige Aussagen erzeugt. Wie bei Berkeley können Wahrnehmungen dem wahrnehmenden Subjekt selbst durch ein metaphysisches Rahmenwerk intersubjektiv zugänglich scheinen. Bei der Konstruktion der intersubjektiven Welt kommen wir ohne sekundäre Ursachen aus. Jedoch nur durch die metaphysisch-realistische Setzung der physischen und intersubjektiv zugänglichen Wirklichkeit können wir gewiß sein, daß die wahrnehmenden Individuen in keinen nur perzipierten Berkeleyschen Welten leben. Die Möglichkeit, daß es nur eine innere Wirklichkeit gibt, muß ausgeschlossen werden.

Trotz der Schwierigkeit, daß wir ohne eine überzeugende externalistische Erkenntnisbegründung nicht ausschließen können, nur in Berkeleyschen Welten zu leben, hat der in der Rezeptionsgeschichte verbreitete Mythos von Carnaps Versuch eines „radikalen“ Empirismus durchaus eine gewisse Plausibilität. Unsere Intuition bei der Konstitution des Wissenschaftssystems spricht nämlich für einen „radikalen“ Empirismus: Intersubjektive Gültigkeit der Erkenntnis scheint optimal nur auf der Basis empirischer Beobachtung herstellbar. Das eigentliche Problem ist, daß die tatsächliche Privatheit der Wahrnehmungen mit der prinzipiellen empirischen Verifizierbarkeit von Aussagen durchaus verträglich ist.

In einer kritischen Perspektive zeigt sich uns jedoch, daß ein Phänomenalismus der Sinnesdaten (z.B. bei Berkeley und Mach) für objektive Erkenntnis unzureichend ist. Es scheint offensichtlich, daß eine realistische Metaphysik eingeführt werden muß. Metaphysik will Carnap aber gerade nicht betreiben, sondern nur eine angemessene Sprachform wählen, um die wissenschaftlich faßbare Wirklichkeit beschreiben zu können. Seine Abneigung gegen jede Metaphysik treibt Carnap über das Projekt des Aufbau hinaus zu einer radikalen Ablehnung der Thematisierung von außersprachlichen Entitäten.

Die neukantianische Interpretation hingegen scheint zwar zunächst das Loch objektiver bzw. intersubjektiver Erkenntnis durch einen Konstruktivismus empirischer Begriffe, ausgehend von erkennenden und wirklichkeitsgestaltenden erlebenden Subjekten, zu füllen, findet jedoch trotzdem keine Lösung für das Problem, weil Gültigkeit für alle Beobachter eben nicht von einem Subjekt konstruiert werden kann. Wir erkennen: Das „radikal“ empirizistische Konzept von Subjektivität der Wahrnehmung führt nicht nur zum Scheitern der empirizistischen Deutung Carnaps, sondern behindert auch das neukantianische erfahrende Subjekt, das auch die empirische Wahrnehmung zum Ausgangspunkt hat, wie bei Cassirers Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Die Frage, ob unter dem Gesichtspunkt der privaten empirischen Wahrnehmung der idealistisch-empiristische Berkeleyanismus dem Kantischen Subjektivismus der Begriffsbildung vorzuziehen ist, ist leider nicht entscheidbar. Zwingt uns das aber nicht gerade zu einem Verzicht auf beide Interpretationsrichtungen? Dieses Dilemma zwischen zwei schlechten Alternativen wählen zu müssen, hat vielleicht schon Carnap selbst beschäftigt. Jedenfalls scheint das Dilemma seine letztliche Auflösung in einem semantischen Konstruktionsverständnis zu haben. Sprache bezieht sich ausschließlich auf Sprachformen anderer Ebenen und auf nichts anderes mehr. Alfred Tarski arbeitet nicht zufällig zur selben Zeit an einer Beseitigung des Korrespondenzmodells von Wahrheit. Dieser immer deutlicher hervortretende Trend des Verzichtes auf die Thematisierung von außersprachlichen Entitäten scheint die letzte Konsequenz der radikalen Metaphysikkritik zu sein, die sich exemplarisch in Carnaps Aufsatz zur „Überwindung der Metaphysik“ von 1932 ausgeführt findet. Das ist keine vereinzelte Interpretation von Carnaps Aufsatz. So zieht auch Michael Friedman in Zweifel, daß die Metaphysikkritik sich in der Entgegensetzung von traditioneller Metaphysik und einem undogmatischen empirizstischen Denken erschöpft.256 Für Friedman liegt Carnaps Anliegen gerade darin, daß die Metaphysik durch ein wissenschftliches, aber eben nicht unbedingt „radikal“ empiristisches Denken ersetzt werden muß.

(3.4.6) Resümee:

Vielleicht ist auch schon Der Logische Aufbau der Welt als eine Analyse im Sinne von Logischer Syntax der Sprache interpretierbar, wie uns von Michael Friedman bereits 1987 nahegelegt wurde. Die rein strukturellen definiten Beschreibungen des Konstruktionssystems, die jede Art von hinweisenden Beschreibungen ausschließen, ließen eine derartige Interpretation durchaus zu. Aus kritischer Sicht wäre dann die Existenz einer eigenpsychischen Konstruktionsbasis als Ausgangspunkt des Systems das eigentliche Problem, das es noch zu beseitigen gälte.

Wenn wir auch dem Vorschlag Friedmans folgen und annehmen, daß es Carnap um keinen „radikalen“ Empirismus geht, so können wir doch fragen, ob wir dann wirklich den Neukantianismus für eine alternative Sichtweise brauchen? Der Schluß, daß der Aufbau der neukantianischen Interpretationsrichtung nicht zugerechnet werden muß, wäre voreilig, denn der Neukantianismus kann uns helfen, einer bedeutungsholistischen Sicht des Carnapschen Konstruktionssystems Vorschub zu leisten. Michael Friedman folgend können wir, so denke ich, im Aufbau von einem mit gewissen Einschränkungen angetretenen Kantischen Erbe sprechen. Der Friedmansche Kantianismus reduziert sich auf die holistische Struktur der Konstruktion eines einzigen zusammenhängenden Systems wissenschaftlicher Begriffe. Friedman besteht darauf, daß gerade dieser Holismus das Kantische Element ist:

...it is of the utmost importance that Carnap’s conception of knowledge and meaning is Kantian - and in fact quite opposed to traditional empiricism – in that it is ‚holistic’ rather than ‚atomistic’. Concepts do not derive their meaning ‘from below’ – from ostensive contact with the given. Indeed, such merely ostensive contact with the given is the very antithesis of truly objective meaning and knowledge; for objective meaning can only be derived ‘from above’ – from formal or structural relations within the entire system of knowledge.257

Friedman spricht (1) von einem holistischen Konzept von Erkenntnis und (2) von einem holistischen Konzept von Bedeutung. Der „atomistische“ Aufbau der Erkenntnis vollzieht sich von den Erlebnissen des wahrnehmenden Subjekts ausgehend, wobei die empirische Wahrnehmung die einzige Basis ist, mit der wir unser Gebäude von wissenschaftlichen Begriffen verifizieren können. Bei einem auf das Erkennen gemünzten Holismus, der auch empirisch fundiert sein kann, spielt im Gegensatz zur „atomistisch“ begründeten Erkenntnis die systeminterne Kohärenz die ausschlaggebende Rolle. Die Akeptanz einzelner Begriffe oder die Akzeptanz von Teilsystemen von Begriffssystemen hat so eine andere als „atomistische“ Grundlage. Eine wissenschaftliche Theorie kann eben entweder „radikal“ empirisch verifiziert werden oder nach holistischen Gesichtspunkten angenommen, beziehungsweise abgelehnt werden. Diese zwei Interpretationsrichtungen wissenschaftlichen Denkens schließen sich tatsächlich gegenseitig aus.

Trotz der neueren Polemik gegen die „radikale“ Empirismus-Interpretation drängt sich der Verdacht auf, daß wir den Kantianismus, oder gar Kant selbst, nur bemühen müssen, um bisher wenig beachtete Aspekte des Werkes zu beleuchten. Ein Aspekt mag auch die Uneindeutigkeit des von Carnap Gesagten sein. Warum sprechen wir also nicht gleich von einer in der Rezeptionsgeschichte erst relativ spät entdeckten Kompatibilität des Aufbau mit einem anti-fundamentalistischen Erkenntniskonzept. Doch auch das war nicht das letzte Wort: Die Tendenz der gegenwärtigen Rezeption bei Jonathan Tsou geht dahin zu zeigen, daß Carnap in seiner Strategie der Begründung von wissenschaftlichem Wissen sowohl Empirist als auch Neukantianer war. Diese Synthese zweier scheinbar unvereinbarer Sichtwesen ist auch tatsächlich möglich, weil Tsous Aufsatz den Begriff empirische Begründung neu definiert. In der Tat kann hier von einem „radikalen“ Empirismus keine Rede mehr sein. Die Wahrheit der Aussagen über die wissenschaftlichen Begriffe hat bei Tsou empiristische Kriterien. Das wäre alles, worin der Empirismus Carnaps bestünde. Empirische Inhalte dienten also in keiner Weise mehr als Erkenntnisbasis.

Mein Einwand gegen Tsou ist, daß Carnaps Empirismus aber sicher nicht auf empirische Wahrheitskriterien reduziert werden kann. Anders als Tsou möchte ich bei der Verwendung des Begriffs Empirismus auf ein fundamentlistisches Erkenntniskonzept auf der Basis von individueller Wahrnehmung rekurrieren.

Zu unterscheiden von einer auf einem Fundament beruhenden Begründung wissenschaftlicher Erkenntnis ist dann noch der auch von Friedman im obigen Zitat angesprochene Bedeutungsholismus, wobei die Bedeutung des einzelnen wissenschaftlichen Begriffs kontextuell nur aus der Gesamtheit der konkret verwendeten bestimmten Sprache ersichtlich wird. Leider wird dieser Holismus des Aufbau erst aus einer Kantianischen Interpretationsalternative sichtbar. Die „radikal“ empiristische Interpretation der Grundrelation erlaubt uns diese holistische Alternative nicht. Mit Cassirers kritischem Erfahrungsbegriff hingegen hätten wir zweifelsfrei ein bedeutungsholistisches System vor uns. Bedeutung wird bei Cassirer erst durch die Computierbarkeit des Erfahrungsinhalts als rational erfaßbarer Struktur greifbar.

Bei unserer neukantianischen Interpretation stellt sich jedoch dann die Frage, wo die Grenzen der Interpretierbarkeit Carnaps zu ziehen sind und ob Alan W. Richardson diese Grenze letztlich überschritten hat? Carnaps Beeinflußbarkeit durch den in seiner Zeit sicherlich sehr einflußreichen Neukantianismus macht ihn jedoch nicht zu einem Sympathisanten eines synthetischen Apriori, beziehungsweise zum Sympathisanten eines transzendentalen Idealismus.

Ich denke, daß kein Zweifel besteht, daß der Carnap unterstellte Kantianimus (mit der Ausnahme von Richardsons Interpretation) einzig zur Aktualisierung des Programms des logischen Positivismus dient. Denn wenn auch ein unterstellter „radikaler“ Empirismus in der Tradition der szientifisch-empristischen Philosophie zum Scheitern verurteilt war, so rückt uns eine bedeutungsholistische Interpretation Carnap doch näher an das Gegenwartsdenken heran. Der sogenannte Kantianismus Carnaps ist das Mittel, das uns dazu verhilft erneut die Frage stellen zu können, ob das Programm des logischen Positivismus und insbesondere das Programm von Der Logische Aufbau der Welt ganz oder teilweise als widerlegt zu gelten hat.

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Abschnitt (B) : Das epistemische Subjekt als Hindernis für eine erfolgreiche Begründungsstrategie

(4)

(4.1) Der gescheiterte Zugang zu anderen Erkenntnissubjekten

(Sektionen 4.1.0 – 4.1.3)

(4.1.0) Die Wirklichkeitsbereiche:

Der Anspruch intersubjektiver Geltung von Erkenntnis erstreckt sich über den Bereich der gesamten Wirklichkeit. Es ist für jede Theorie intuitiv einsichtig, daß alle Wirklichkeit intersubjektiv zugänglich sein muß. Eine Methode der Wirklichkeitserfassung kann also nur dann als erfolgreich klassifiziert werden, wenn dieser Anspruch auch erfüllt werden kann.

Der umfassende Bereich herzustellender intersubjektiver Geltung kann unterteilt werden in drei Unterbereiche, deren vollkommene Begründung für eine Theorie der Erkenntnisrechtfertigung unentbehrlich ist. Diese Unterbereiche bestehen in drei zu unterscheidenden Wirklichkeitssphären, (1) der Innenwelt, (2) der Außenwelt und (3) dem Fremdpsychischen. Graphsich kann man die ontologische Gleichberechtigung der Unterbereiche wie folgt darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(4.1.1) Die Aufgabe der Erkenntistheorie in Scheinprobleme:

In Scheinprobleme (1929) findet sich eine Theorie, die diesem Begründungsanspruch gerecht zu werden versucht. Carnap vertritt damals noch einen Antireduktionismus bezüglich des Explanandums fremdpsychischer Wirklichkeit, bei gleichzeitigem Reduktionismus der Methode der Erkenntnisgewinnung, d.h. einem Reduktionismus der Erkenntnismethode durch Analyse in logischen Bestandteilen.

Das Projekt von Scheinprobleme ist jedoch tatsächlich weiter gefaßt: Es geht um eine angemessene Charakterisierung der „Aufgabe der Erkenntnistheorie“ im Allgemeinen, also um den Erkenntniszugang mit Bezug auf alle drei genannten Unterbereiche. Statt mit Begriffsbildung auf der Basis von Einzelempfindungen wird nun die Gültigkeit von „Setzungen“ aus der angenommenen Gültigkeit von anderen „Setzungen“ erschlossen. Wir haben es also im Erkenntnisprozeß nicht mit Begriffsbildung durch eine Rückführung auf Gegebenes zu tun, sondern nur mit einer „Umordnung“ der Begriffe. Carnap nennt diese „Umordnung“ eine „rationale Nachkonstruktion“.258 So sind uns zum Beispiel die Eigenschaften eines physischen Körpers (Gewicht, Farbe, Härte etc.) erkenntnismäßig nicht mittels sinnlicher Wahrnehmung bekannt.

Logik und Erkenntnistheorie unterscheiden sich in Scheinprobleme in ihrem Zugriff auf den Erkenntnisgegenstand jedoch durch ein Verhältnis der Unterordnung des Allgemeinen (Logik) zum Besonderen (Erkenntnistheorie). So ist die logische Zerlegung des Gehalts eines Erlebnisses der allgemeine Fall, während die erkenntnistheoretische Zerlegung einen „Sonderfall“ darstellt:

Von der logischen Zerlegung des erkenntnismäßigen Gehaltes eines Erlebnisses (in einen hinreichenden Bestandteil und einen in Bezug auf jenen entbehrlichen Bestandteil) unterscheiden wir die erkenntnistheoretische Zerlegung in ‚Kern’ und ‚Nebenteil’. Diese Zerlegung ist ein Sonderfall von jener;259

Nur in der erkenntnismäßigen Zerlegung können wir zwischen dem „erkenntnismäßig Primären“ und dem „erkenntnismäßig Sekundären“ unterscheiden, das auf ersteres erkenntnismäßig zurückgeführt wird. Als Beispiel kann die Zurückführung der Sehgestalt eines Schlüssels auf die erkenntnismäßig primäre Tastgestalt desselben Schlüssels dienen. In anderen Worten: Die sekundären Qualitäten eines Gegenstandes werden im Erkenntnisprozeß auf die primären Qualitäten zurückgeführt.

(4.1.2) Der Vorschlag des Zugangs zum Frempsychischen in Scheinprobleme:

Der besondere Augenmerk liegt in dieser Schrift auf der Erkenntnis des Fremdpsychischen als einem eigenen Wirklichkeitsbereich. Auch die Realität des Fremdpsychischen kann nur durch die Zerlegung des Erkenntnisgehaltes von Erlebnissen erfolgen. Carnap unterscheidet im Zugang zu Fremdpsychischem zwei logische Bestandteile. Nur einem der logischen Bestandteile kommt ein direkter epistemischer Zugang zu. Dieser „Kern“ der Erkenntnis von Fremdpsychischen besteht in der Wahrnehmung von Physischem. Sie bildet das einzige dem epistemischen Akt vorgegebene Fundament der Erkenntnis des Fremdpsychischen:

Unsere Überlegungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß jede Erkenntnis von Fremdpsychischem auf Erkenntnis von Physischem zurückgeht; was besagen soll: jede Erkenntnis von Fremdpsychischem hat als erkenntnistheoretischen Kern Wahrnehmungen von Physischem. Diesen Sachverhalt drücken wir auch so aus: die fremdpsychischen Gegenstände sind ‚erkenntnistheoretisch sekundär’ gegenüber den physischen, diese ‚primär’ gegenüber jenen.260

Die Erkenntnis von Fremdpsychischem ist empirisch grundgelegt, sie transzendiert jedoch den Bereich empirischer Gegenstände durch die Verknüpfung von (1) und (2):

(1) = Die Wahrnehmung von Physischem. Sie bildet für das Erkennen den unentbehrlichen Bestandteil (den sogenannten „Kern“).
(2) = Die Wahrnehmung von Fremdpsychischem (z.B. Freude, Schmerz etc.). Sie bildet den entbehrlichen Bestandteil in der Erkenntnisleistung (den sogenannten „Nebenteil“).

Der „entbehrliche Bestandteil“ („Nebenteil“) ist zwar isoliert betrachtet epistemisch nicht grundgelegt, er ist aber für die Erkenntnis des Fremdpsychischen ein durchaus unentbehrlicher Bestandteil. Er ist gar nichts dem epistemischen Akt Gegebenes, sondern er gewinnt seinen Status als Erkenntisgegenstand erst durch Induktion.

Die Wahrnehmung des Physischen reicht nicht aus, um fremdpsychische Vorgänge erklären zu können. Carnap spricht davon, daß (2) logisch abhängig von (1) ist. Dies ist aber nicht in der unmittelbaren Weise zu verstehen, daß schon in der Verknüpfung (1) und (2)

(a) ^ (b)

der „Kern“ den „Nebenteil“impliziert. Das Lächeln als körperlicher Geste [also: (1)] läßt in direkter Weise keinen Schluß auf die fremdpsychische Freunde [also: (2)] zu. Die Erkenntnis fremdpsychischer Freude kann also nicht auf dem „Kern“ allein beruhen. Vielmehr ist die Erkenntnis des Fremdpsychischen das Paradebeispiel dafür, daß Erkenntnis erst das Resultat aus „Schlüssen“261, genauer aus der Induktion der wiederholten Erfahrung sein kann. Die wiederholte Erfahrung besteht in der Feststellung, daß Bestandteil (1) mit Bestandteil (2) verknüpft ist.

(4.1.3) In Scheinprobleme bleibt der Zugang zum Frempsychischen problematisch:

Auch A.J. Ayer zufolge nimmt Scheinprobleme eine schwächere Position ein als einen Reduktionismus des Fremdpsychischen auf das Physische. Ayer spricht auch von einem psycho-physischen Parallelismus262: „The logical independence of the two ‚components’ appears to be assumed throughout.“263 Können wir aber von der logischen Unabhängigkeit des (fremd-)psychischen Bestandteils (2) auf die ontologische Unabhängigkeit dieses Bestandteils schließen?

In der Ausdifferenzierung der Wirklichkeitsbereiche der physischen Gegenstände und der Gegenstände der eigenen Erfahrung können letztlich auch hier in der Erkenntnisbegründung intuitiv immer folgende zwei Bereiche als äquivalent gesetzt werden:

Erkenntnisbezug auf physische Gegenstände ≡ Erkenntnisbezug auf die eigenen Erfahrungen

Diese Äquivalentsetzung ist in der Erkenntnistheorie als eine plausible Hypothese durchführbar. Nicht jedoch die Gleichsetzung der eigenen Erfahrung mit der Erfahrung des Fremdpsychischen. Letztere kann, wenn sie den Status von Erkenntnis beansprucht, allem Anschein nach tatsächlich nur abgeleitet sein. Auch von der Möglichkeit einer Übersetzung der fremdpsychischen Aussagen in Aussagen über physische Gegenstände kann daher auf der Grundlage des unsicheren Status des Fremdpsychischen noch keine Rede sein. Dies ist jedenfalls noch der Standpunkt von Scheinprobleme.

Für eine solche mögliche Übersetzung, Carnaps spätere Position, bräuchte er zumindest die Denkmöglichkeit eines ontologischen Reduktionismus des Fremdpsychischen auf das Physische. Dies ist jedoch eine Denkmöglichkeit, die ihm 1929 noch fehlt.

Wir haben es also in Scheinprobleme zwar schon mit einer epistemischen Ableitung des Fremdpsychischen zu tun. Diese erinnert jedoch noch an die epistemische Ordnung des Aufbau. Die epistemische Ableitung der Erkenntnis bereiche geschieht in beiden Werken nach dem Schema:

Eigenpsychisches Physisches Fremdpsychisches

Dieser epistemisch durchaus intuitiv einleuchtenden Ordnung, die auch in einem Ableitungsverhältnis nachgewiesen werden kann (was die Funktion eines Konstitutionssystems wäre), entspricht aber nicht unbedingt eine Ordnung des Seins. Die vorgeschlagene Behandlung des Fremdpsychischen als Bestandteil („Nebenteil“) einer logischen Entität (sh. 4.1.1) scheitert deshalb, weil das Fremdpsychische gar nicht als eigenständige ontologische Ebene durch angemessene Argumente ausgewiesen werden kann, obwohl gleichzeitig auch die Option einer Reduktion nicht besteht.

Ayer formuliert das Problem anders. Er spricht davon, daß die von Carnap angestrebte Verbindung von Erfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnis in der Hinsicht auf das Frempsychische nicht durchgeführt werden kann. Die in Scheinprobleme nicht gelöste Schwierigkeit besteht darin, daß durch die Anerkennung des epistemischen Bereichs des Fremdpsychischen ein Zugang zu diesem Bereich vorausgesetzt wird. Jeder Bereich der Wirklichkeit ist prinzipiell erschließbar. Dieser Zugang kann aber im Fall des Fremdpsychischen nicht nachgewiesen werden. Die Frage, ob die Rede von Fremdpsychischem in der philosophischen Terminologie überhaupt gerechtfertigt werden kann, muß daher zunächst offen bleiben:

And if, as is commonly assumed, it is necessary that I should be another person in order to enjoy his experiences, then it is inconceivable that I should enjoy his experiences. But it is only if I can enjoy his experiences that I can directly verify the statements which describe them. Consequently, these statements are unverifiable, so far as I am concerned, in a way in which statements about events which are remote from me in space or time are not.264

Das Fremdpsychische als einem eigenständigen, ontologischen Bereich scheint nicht unabhängig oder abhängig, sondern tatsächlich vollkommen unzugänglich zu sein. Sollte man nicht eher von einer metaphysischen und daher wissenschaftstheoretisch hinfälligen Setzung sprechen?

Im Vergleich dazu erscheint die Annahme des epistemischen Zugangs zu unbeobachteter aber beobachtbarer empirischer Natur noch vertretbarer. Ayer bemerkt völlig richtig, daß während in der Psychologie das Thema des Innenlebens anderer Subjekte zwar durchaus in einer behavoristischen Terminologie und Methode studiert werden kann,265 in der Philosophie jedoch zu diesem Zeitpunkt noch keine Problemlösung gefunden ist, die es erlauben würde, einen Reduktionismus des Innenlebens fremder Psychen auf Physisches zu rechtfertigen. Dazu mußte erst das Modell des Fremdpsychischen als epistemisch abgeleitetem, aber ontologisch unabhängigem Erkenntnisbereich durch ein neues Modell abgelöst werden, das mit einem eingeengten statt mit einem reichhaltigen Verständnis einer Ontologie der Erkenntnisgegenstände operiert.

(4.2) Keine Lösung des Erkenntnisproblems auf dem Weg von Phänomenalismus zu Physikalismus

(Sektionen 4.2.0 – 4.2.7)

(4.2.0) Was ist der Phänomenalismus?

Seit Interpreten und Kritiker der kantischen Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Phänomenalismus als wissenschaftstheoretische Auffassung einführten, bezeichnet er eine Theorie, der zufolge sich „alle legitime Erkenntnisbemühung [...] auf die Beschreibung von Phänomenen und die Feststellung der zwischen ihnen bestehenden Zusammenhänge beschränken müsse.“266

Das entscheidende Argument für die Einführung des Phänomenalismus in die Wissenschaftstheorie war, daß es in der Quantenmechanik mehr als eine einzige wahre Beschreibung beobachteter Gegenstände gibt. Masseteilchen werden durch ihre Beobachtung in einer nicht voraussagbaren Weise gestört. So können auch die Gesetze der Physik von uns als sich ändernd gedacht werden, abhängig von Beobachtung oder Nichtbeobachtung des jeweiligen Naturgegenstandes. Mit veränderten Naturgesetzen gäbe es also gleichwertige Beschreibungen, die den gleichen Anspruch darauf erheben können, objektive Beschreibungen des Gegenstandes zu sein.

Daß die Position eines naiven Realismus nicht funktioniert, ist hingegen, für sich alleine betrachtet, kein starkes Argument für den Phänomenalismus: Die Welt der Gegenstände ist vorhanden, selbst wenn sie nicht wahrgenommen wird. Daraus ergibt sich das Problem für den ausschließlich auf Wahrnehmung fokusierten naiven Realisten, daß die Gegenstände selbst nicht die Funktion einer Erkenntnisbegründung übernehmen können. Darüber hinaus funktioniert auch ein gegenüber dem naiven weiter verfeinerter Realismus nicht, der wie in Reichenbachs Philosophische Grundlagen der Quantenmechanik 267, mit dem Begriff des Interphänomens operiert. Interphänomene sind Prozesse, die sich zwischen den Phänomenen abspielen, also unbeobachtet bleiben. Dementsprechend kann die Wirklichkeit nicht auf der Grundlage der Phänomene allein interpretiert werden.268

Die phänomenalistische Theorie erlaubt es uns, die Erkenntnisbasis tatsächlich auf die Erkenntnis der möglichen Sinneserfahrung zu reduzieren. Das löst das obige Problem der verschiedenen gleichwertigen Beschreibungen physikalischer Wirklichkeit. Der linguistische Phänomenalismus geht noch einen Schritt weiter als eine Fundierung im raum-zeitlich den Sinnen unmittelbar Gegebenen zu verlangen. Durch seine Beobachtungssätze ist es gerade möglich, Dingaussagen in Sätze über „mögliche Beobachtungen“ zu übersetzen. Ein phänomenalistisches Postulat lautet, daß Aussagen über unbeobachtete Objekte möglich sein müssen, wenn auch mit der Einschränkung, daß sie in Aussagen über mögliche Beobachtungen umformuliert werden können.

Daß wir die physischen Körper nur in ihren Erscheinungen erkennen können, heißt noch nicht, daß wir uns nicht im Rahmen einer realistischen Weltauffassung befinden, also die Existenz einer von unserem Bewußtsein unabhängigen Wirklichkeit annehmen, die Gegenstand der Naturerforschung ist. Nur ist diese Wirklichkeit in der Erkenntnisbegründung des Phänomenalisten irrelevant. Diese Begründungsstrategie mag umstritten sein. Wissenschaftstheoretisch jedoch durchaus vertretbar ist die phänomenalistische These, daß nur die Sinneserfahrungen und nicht die physischen Körper selbst e pistemisch verifiziert werden können.

(4.2.1) Der Phänomenalismus als eine Position, die einem Erkenntnisskeptizismus entgegenwirkt:

Wir müssen zunächst zwei Arten von Skeptizismus unterscheiden. Sowohl apriori Erkenntnisse wie auch aposteriori Erkenntnisse können kein sicheres Wissen herstellen. Die phänomenalistische Erkenntnistheorie wendet sich als ein erkenntnistheoretischer Fundamentalismus zunächst gegen beide Spielarten des Skeptizismus:

(4.2.1.1) Der Skeptizismus apriorischer Erkenntnis widerlegt die cartesische Erkenntnisbegründung: Dieser Begründung zufolge ist das cogito nicht nur gewiß ohne für die Erzeugung von Gewißheit einen Bezug auf die tatsächlichen, empirischen Gegebenheitsweisen oder Umstände nehmen zu müssen. Darüber hinaus ist auf dieser einzig gewissen Basis der darauf folgende Aufbau von Wissen seiner Begründung nach unabhängig von dem empirisch Gegebenen. Daß diese rationale Erkenntnisbegründung bei Descartes jedoch fehlschlagen muß, erkennen wir, wenn wir die Möglichkeit eines bösen Dämons einräumen, der unsere sinnlichen Wahrnehmungen manipuliert. Das berühmte „evil demon scenario“ der modernen Erkenntnistheorie lautet: Selbst wenn die Gewißheit der eigenen Existenz tatsächlich durch das cogito festgestellt würde, so könnte, auf der Basis des cogito uns dennoch ein böser Dämon in unserem vermeintlichen Aufbau aller anderen Erkenntnisse betrügen. Wenn auch das cogito allem Zweifel enthoben ist, so kann dennoch unser Glaube oder unsere Wahrnehmung uns täuschen. Das vermeintliche Wissen der äußeren Wirklichkeit kann auch gar kein Fundament haben, womit die erkenntnisbegründende Funktion des Begründungsprinzips zunichte wird. Wenn wir von der Existenz Gottes als Garanten unserer Erkenntnis absehen, dann ist das cartesische Begründungsprinzip alleine zur Herstellung objektiver Geltungsansprüche nicht zureichend.269

Mit diesem Skeptizismus apriorischer Erkenntnisse ist ein Sinnesdaten-Phänomenalismus durchaus kompatibel. Der Skeptizismus richtet sich ja nur gegen die Gewißheit des Glaubens an den erkenntnisgenerierenden Status von Wahrnehmungen. Das ist aber nur ein Problem der Leistungsfähigkeit des Erkenntnisbegründungsprinzips. Der Phänomenalismus hingegen beschäftigt sich nicht mit dieser epistemischen Art der Erkenntnisbegründung, der notwendigen Rückführung aller Erkenntnisse auf eine unerschütterlich gewisse Basis, die empiristisch nicht überprüfbar ist. Vielmehr beschäftigt sich der Phänomenalismus mit den bloßen Erscheinungen, insofern sie das empirische Fundament aller Erkenntnisse bilden. Das ist zwar keine die Gesamtheit des Wissens umspannende apriorische Erkenntnisrechtfertigung, wie sie durch das caresische Begründungsprinzip erzielt wird. Sie ist vielmehr regional, bezogen nur auf jeweilige Phänomenklassen, die das Fundament einzelner Bereiche naturwissenschaftlichen Wissens darstellen. Beim Phänomenalismus geht es letztlich darum, daß zumindest prinzipiell die Gesamtheit möglicher Sinnesdaten als das Erkenntnisfundament naturwissenschaftlichen Wissens durchaus zureicht. Dadurch wird ein Skeptizismus tatsächlich wirkungsvoll vermieden, während in der cartesischen Erkenntnisrechtfertigung hingegen das Wissensgebäude auf einem einzigen Punkte aufbaut, der aus der Sicht einer empiristisch-naturwissenschaftlichen Begründungsstrategie ganz deutlich infrage gestellt werden muß.

(4.2.1.2) Der Skeptizismus beschäftigt sich fernerhin auch mit dem Scheitern von a posteriorischer Erkenntnis: Dieser Position zufolge ist die Beweiskraft der Sinne für eine hinreichende Wissensbegründung nicht ausreichend. Dieser Skeptizismus scheint auch auf die phänomenalistische Basis von Erkenntnis durchaus anwendbar. Wir können nicht sagen, warum der Glaube an die Wirklichkeit einer lebhaften Halluzination nicht genau so gerechtfertigt ist, wie der Glaube an die tatsächlich existierende Wirklichkeit. Erinnern wir uns, daß schon für Berkeley das Problem bestand, daß wir in der Wahrnehmung kein überzeugendes Kriterium haben, um zwischen Halluzination und Wirklichkeit zu unterscheiden. In Berkeleys empirischem Idealismus ist das tatsächlich nur eine Schwäche des Ansatzes, die aber noch zu keinem Skeptizismus führen muß.

Beide Positionen, sowohl die Skepsis gegenüber apriorischer Erkenntnis, wie auch die zweite Position des Skeptizismus aposteriorischer Erkenntnis, sind als lokale Skeptizismen zu bezeichnen, die einem globalen Skeptizismus gegenüberzustellen sind.270 Auch der globale Skeptizismus, der in der gänzlichen Leugnung der Möglichkeit von Wissen besteht, also der Leugnung des Zugangs zu Wirklichkeit, ist einer Rettung zumindest der erscheinenden Welt gegenüberzustellen.

(4.2.2) Die private Basis der Erkenntnisbegründung als ein Problem des Phänomenalismus:

(4.2.2.1) Der Mangel des objektiven Erkenntniskriteriums trifft den Phänomenalismus kaum: Der Cartesianismus kann als eine Erkenntnisbegründung definiert werden, die einen durch ausschließlich innere Erkenntniskriterien hergestellten Fundamentalismus darstellt, wobei das Fundament eine apriorische Struktur ist. Gewißheit kann so nur durch den Rückgriff auf diese apriorische Struktur gegeben werden. Ein Skeptizismus kann so zwar prinzipiell vermieden werden, doch dies um den Preis, daß das grundlegende Problem für die Herstellung von Objektivität der Erkenntnis darin bestehen bleibt, daß die Gewißheit der Erkenntnis nur auf einem metaphysischen Fundament der Erkenntnis beruht. Das cartesische Cogito ist kein Erkenntnisgegenstand der empirisch-objektiven Welt. Diese in der Neuzeit entwickelte problematische Begründungsstruktur ist tatsächlich eine Struktur, die für sämtliche Erkenntnistheorien mit internalen Erkenntniskriterien bis in die Gegenwart bestehen blieb.

Auch der Phänomenalismus arbeitet mit internen Erkenntniskriterien. Das ist gerade das Ergebnis der Wendung hin zur Analyse der Erscheinungen in der Physik. Diese Wendung beruht auf der Einsicht, daß das System der empiristisch-naturwissenschaftlichen Begriffe auf keiner unumstößlichen externen Erkenntnisbasis beruhen kann. Denn auch das Wissenschaftsgebäude ist in seiner Entwicklung Veränderungen unterworfen und die vermeintlichen Erkenntnisse der Naturwissenschaften entpuppen sich so in der philosophischen Reflexion als letztlich nicht rechtfertigbar. Wenn das Fundament der Erkenntnis aber auf einer Phänomenanalyse beruht, dann ist die Erfahrung und die daraus resultierende Konstruktion der hinter den Phänomenen liegenden Gesetzmäßigkeiten der einzige Garant für die Verbesserung naturwissenschaftlicher Erkenntnis.

(4.2.2.2) Der Phänomenalismus entgeht nicht dem Problem der privaten Basis der Erkenntnisbegründung. Die Sinnesdaten bieten uns diese private Basis dar. Das Problem der bloßen Subjektivität von Sinneswahrnehmungen besteht darin, daß die Sinnesdaten immer nur auf das jeweilige wahrnehmende bzw. erkennende Individuum bezogen sind. Es ist jedoch wenig sinnvoll, einen Begründungsversuch objektiver Gültigkeit an der Individuengebundenheit der Sinneswahrnehmung scheitern zu lassen. Der Hiatus zwischen subjektiver Erkenntnisbasis und objektiver Geltung ist ja auch schon in der empiristischen und rationalistischen Erkenntnistheorie der Neuzeit immer wieder durch eine Objektivität generierende Leistung des erkennenden Subjekts zu überbrücken versucht worden.

Vielversprechender bei der Analyse des Problems scheint mir jedoch eine Untersuchung der Eigenart der epistemischen Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Diese Eigenart besteht darin, daß sie als eine subjektive Beziehung objektivitätserzeugend sein soll. Mit dem Problem der bloßen Subjektivität der Erkenntnisbasis haben wir es daher tatsächlich mit einem epistemischen Begründungsproblem für objektive Erkenntnis zu tun. Wenn wir nämlich den Aufbau der Erkenntnis ausgehend von der sinnlichen Wahrnehmung konzipieren, dann muß die Erkenntnisbasis selbst auch ein objektiv Gegebenes sein. Das ist aber nicht der Fall, wenn wir von Wahrnehmung ausgehen, in der das epistemische Moment seinen Bezugsgegenstand umschließt. In dieser Konzeptionierung von Wahrnehmung hat das Gegebensein einen ähnlichen epistemischen Status wie das cartesische Begründungsprinzip. Das Gegebene selbst, weil das epistemische Moment an ihm das eigentlich unentbehrliche Moment am Gegebensein ist (ohne epistemischem Bezug gibt es kein epistemisch Gegebenes) und weil es nicht jenseits der Erfaßbarkeit durch die Sinne liegt, kann gar kein hinreichendes Kriterium für die Erzeugung objektiver Geltung von Erkenntnis sein. Die Konzeption des epistemischen Zugangs zum Gegebenen mündet bei einem Fundierungsversuch entweder in einen infiniten Regreß der epistemischen Begründung, dem gemäß wir den objektivitätsgenerierenden Gegenstand der epistemischen Beziehung nie erreichen können. Oder er mündet in einen Zirkel der Begründung, da trotz der Unterscheidung verschiedener Ebenen der Bereich des Epistemischen nie verlassen wird. Durch beides, sowohl den infiniten Regress, wie auch durch die angesprochene Zirkularität, ist jedenfalls ausgeschlossen, daß der Begründungsversuch Erfolg hat.

(4.2.3) Projekte eines vollständigen Erkenntnisaufbaus der Wirklichkeit:

Der Erkenntnisaufbau ist angesichts der Gesamtheit der Gegenstände möglicher Erkenntnis eigentlich immer unvollständig, da es keine einheitliche Methode zum Studium aller Wirklichkeitsbereiche gibt. Zur Zeit des frühen Carnap stand der psychologischen Methode zum Studium der inneren Wirklichkeit die Methode naturwissenschaftlicher Beschreibung gegenüber.

Um menschliche Erkenntnis als eine Ganzheit zu behandeln und um zu einem vollständigen Erkenntnisaufbau zu gelangen, brauchen wir erstens eine einheitliche Untersuchungsmethode. Zweitens müssen wir auch den gesamten Bereich von Wirklichkeit, der unserer möglichen Erkenntnis zugrunde liegt, als unabhängig von seiner vollständigen oder partialen Erkenntnis, immer schon voraussetzen. Die Erkenntnisbegründung muß also die gesamte Wirklichkeit als eigentlichen Gegenstand der Erkenntnis prä-epistemisch voraussetzen. Das kann auf verschiedene Weise geschehen. Ich möchte zwei Lösungsversuche unterscheiden, durch die wir zu einem vollständigen Erkenntnisaufbau, alle Bereiche des epistemisch Zugänglichen umfassend, gelangen können:

(4.2.3.1) Der Physikalismus sucht eine Lösung für das Problem der Unvereinbarkeit der Beschreibungsmethoden von innerer und äußerer Wirklichkeit. Angesichts der Psychologie als einer eigenen Methode der Erkenntnisgewinnung, kann für eine einheitliche Beschreibung aller Wirklichkeitsbereiche argumentiert werden. Carnap spricht davon, daß eine Universalsprache in den Wissenschaften erstrebenswert ist. In der Psychologie des Fremdpsychischen oder in der introspektiven Psychologie würde gewöhnlich ein eigener, nichtempirischer Untersuchungsgegenstand angenommen:

neben oder hinter einem Zustand, dessen Vorliegen empirisch nachprüfbar ist, wird noch eine ‚parallele’Wesenheit angenommen, deren Vorliegen nicht nachprüfbar ist.271

Der Physikalismus als einheitliche Beschreibungsmethode erlaubt hingegen einen prinzipiell unbeschränkten Erkenntniszugang zum Bereich des Wirklichlichen. Das ist Carnap zufolge möglich, weil eine Entsprechung zwischen dem Physikalismus als Systemsprache der Wissenschaft und den zu beschreibenden Vorgängen, nämlich physikalischen Vorgängen, angenommen wird.272 Das Begründungsproblem objektiver Erkenntnis wird dadurch gelöst, daß wir die Sätze einer Protokollsprache und einer Systemsprache unterscheiden. Entscheidend ist, daß schon die Aussagen der Protokollsprache physikalistisch interpretiert werden können.

Aber erst auf der Ebene der Systemsprache ergibt sich die Möglichkeit eine universale Wissenschaftssprache einzuführen. Die physikalistische Sprache als Universalsprache würde durch ihre Begründungsleistung aus Protokollsätzen, die in physikalistische Sprache übersetzbar sind, nicht nur universal, sondern auch intersubjektiv gültig sein. Dabei stellt es kein unüberwindbares Problem dar, daß die Übersetzung, von z.B. emotionalen Zustandsbestimmungen in physikalistische Sprache, aufgrund unserer Unkenntnis der Mikrovorgänge des Zentralnervensystems, nicht gänzlich durchgeführt werden kann. Die Abgeschlossenheit des Untersuchungsgegenstandes kann ohne Weiteres eine Projektion in die Zukunft bleiben.

(4.2.3.2) Der vollständige Aufbau der Erkenntnis kann jedoch auch durch eine andere extreme Lösung vonstatten gehen: Indem wir die empirischen Wissenschaften als Ausgangspunkt des Aufbaus von philosophischer Erkenntnis konsequent ignorieren und nur von Gott als alleinigen Garanten, nicht nur der Möglichkeit von Erkenntnis, sondern auch aller tatsächlich stattfindenden Einzelerkenntnisse ausgehen. Der Berkeleyanismus, zwar nicht in seiner metaphysischen Variante der Leugnung einer Außenwelt, wohl aber als eine erkenntnistheoretische Position der Begründung von Erkenntnisansprüchen, hat den Vorteil einen Ausweg aus den Schwierigkeiten der empiristischen Konzeption von Naturerkenntnis gefunden zu haben. Ohne der Annahme einer vom Bewußtsein unabhängigen res extensa erübrigt sich in radikaler Weise das Problem des erkenntistheoretischen Zugangs zur Natur. Zwei wichtige Nachteile dieser Position sind, daß es (1) keinen guten Grund gibt, warum Gott dem menschlichen Verstand keine vollkommene Naturerkenntnis gegeben hat, d.h. ein Fortschritt der Naturerkenntnis wäre eine für Berkeleys Erkenntnistheorie nicht zu rechtfertigende zusätzliche Annahme. Zweitens (2) ist in dieser nur nach innen gekehrten Erkenntnistheorie die Unterscheidung zwischen dem Gegebensein der Naturgegenstände und dem Gegebensein von Produkten der Einbildungskraft nicht hinreichend bestimmt. Es gibt nur einen Intensitätsunterschied zwischen diesen zwei Gegenstandsklassen. Alle Wahrnehmung wird reduziert zu ausschließlich innerer Wahrnehmung.

Es ist A.J. Ayers Anschauung, daß der Berkeleyanismus ein reiner Empirismus ist, der als ein horizontales Schlußverfahren, Erkenntnis ausgehend von Sinnesdaten, erlaubt, während der Physikalismus sich auf das gesamte Gebäude der empirischen Wissenschaften stützt, also vertikal von Erkenntnisstufe zu Erkenntnisstufe verfährt:

Vertical extrapolation [...] is a form of inference in which you move from one level to another, concluding with entities which are held to be manifested by (and therefore of a different type from) those with which you start.273

Anschließend an Ayer ist in einem weiteren kritischen Schritt anzuführen, daß der Physikalismus dieser Konzeption zirkulär ist. Er setzt die Erkenntnisbasis voraus, die eigentlich bewiesen werden sollte. Das Wissenschaftsgebäude in physikalistischer Sprache hat also den Charakter eines selbstrechtfertigenden Faktums.

(4.2.4) Raum und Zeit als Bedingungen physikalistischer Beschreibung der Wirklichkeit:

Da aber die empiristisch-naturwissenschaftliche Philosophie den Weg des Berkeleyanismus nicht gehen kann, findet der Aufbau der Erkenntnis in den empirischen Wissenschaften, als dem für die Erzeugung von intersubjektiv gültigen Erkenntnissen über die Natur heute bedeutendsten Wissensgebäude, statt. Die empirischen Wissenschaften, im Gegensatz zu den apriorischen Wissenschaften, wie z.B. die Mathematik oder die Platonische Ideenlehre, gehen von elementaren Beobachtungssätzen aus, die das Fundament des Erkenntnisaufbaus darstellen. Der Aufbau der empirischen Wissenschaften auf dieser Grundlage ist aber nicht identisch mit der Grundlage des Aufbaus der wissenschaftlichen Philosophie.

Das richtige Funktionieren der empirischen Wissenschaften wird bei der Akkumulierung von Erkenntnissen in der Philosophie vielmehr schon vorausgesetzt. Die Carnapsche Wissenschaftslogik beschäftigt sich in ihrer praktischen Ausrichtung mit den Leitlinien zur Optimierung der in den Wissenschaften betriebenen Wirklichkeitserkenntnis. Darüberhinaus entwirft sie in theoretischer Hinsicht aber auch den Rahmen für die bestmögliche bzw. bestfundierte Beschreibung von Wirklichkeit.

Raum und Zeit bilden für Carnap den äußeren Rahmen für die physikalistische Beschreibung von Wirklichkeit. Hierbei haben wir es aber mit einer Entwicklung zu tun. Zunächst konstruiert Carnap raum-zeitliche Wirklichkeit in Anlehnung an die schon bei Kant vorhandene Priorität der Zeit als einer Form der Anschauung. Im Hinblick auf die Ablehnung des Begriffs des absoluten Raumes durch die spezielle Relativitätstheorie, konstruiert Carnap den Raum in seiner Abhängigkeit von der Zeitordnung. Carnap gibt zwei Grundrelationen zwischen Weltpunkten an, aus denen der Aufbau der Raum- und Zeittopologie vonstatten geht: (1) Raum-zeitliches Zusammenfallen und (2) zeitliche Sukzession.274 Carnap konzediert aber durchaus schon in Über die Abhängigkeit des Raumes von der Zeit, daß Wirkungsverknüpftheit auch von der Raumordnung aus konstruiert werden kann.

In anderen frühen Schriften Carnaps, wie in Über die Aufgabe der Physik275, verbindet sich ein von Poincaré eingeführter Konventionalismus mit den Festsetzungen zum Aufbau der Physik. So kann zum Beispiel ein Raumsystem prinzipiell frei gewählt werden. Das bevorzugte System kann jedenfalls nicht empirisch gewählt werden. Das ist einer kantischen Interpretation von Raum und Zeit noch relativ nahestehend. Auch hier wird der Raum als Voraussetzung des epistemischen Zugangs zur Welt konstruiert. Das von Carnap vorgeschlagene Kriterium der Einfachstheit des gewählten Systems entspricht auch dem kantischen, epistemischen Begründungsstreben in der Naturerkenntnis.

In späteren Schriften haben wir es eindeutiger mit der Priorität des Raumes vor der Zeit zu tun. Darüber legt die Debatte von der Rolle der Protokollsätze für das Wissenschaftssystem ein Zeugnis ab. Insbesondere die These der Gleichsetzung von Systemsprache und Protokollsprache geht zurück auf die Annahme, daß wir äußere Wirklichkeit prinzipiell vollständig beschreiben können. Die Priorität des Raumes zeigt sich auch darin, daß diese Beschreibbarkeit des Raumes universal und niemals partiell ist, wie zeitliche Wirklichkeit.

Die Vollständigkeit der Wirklichkeitsbeschreibung schließt dabei auch ein, daß das erkennende Subjekt selbst im Physikalismus (als in Raum und Zeit sich befindend) beschreibbar sein muß.

(4.2.5) Von der Erkenntnistheorie zur Analyse der „Sprachform“:

(4.2.5.1) Die Rückführung der Erkenntnis auf elementar Gegebenes wird auch vom frühen Carnap beibehalten, wenn diese Rückführung auch der Interpretation bedürftig bleibt. Hier haben wir es zunächst mit einer Transformation von einer epistemischen Rückführbarkeit, also einer Erkenntnisbegründung durch das unmittelbar Gegebene, d.h. einer Inhaltsqualität, zu einer Rückführbarkeit auf „letzte Sätze“. Ohne diese Transformation vom epistemischen zum semantischen Bezug auf die elementaren Elemente ist es nicht möglich, sich zu der Konzeption einer logischen Analyse als Erkenntnisbegründung vorzuarbeiten. Diese Konzeption enthält auch ein epistemisches Moment, doch nun geht es Carnap nur noch um eine Analyse der logischen Form, die schon Wittgensteins Traktatus als eine Form der Wirklichkeitsabbildung verstanden hatte.276 In Von der Erkenntnistheorie zur Wissenschaftslogik sagt Carnap:

Die Untersuchung der Fakten ist die Aufgabe der realwissenschaftlichen, empirischen Forschung, die der Sprachformen ist die Aufgabe der logischen, syntaktischen Analyse. Wir finden keinen dritten Gegenstandsbereich neben dem empirischen und dem logischen.277

Wir können also durchaus von einer Erkenntnisgewinnung durch logische Analyse sprechen. Bei Carnap hängt aber die Gestalt der Beschreibung von der gewählten Sprachform ab. Die Analyse und auch die Erkenntnisgewinnung geht durch Definitionen von statten. Das herkömliche Konzept einer Erkenntnisbegründung wird also aufgegeben.

Das ist eine Transformation, die teilweise schon in den Naturwissenschaften, nämlich in ihrem mathematisch ausgerichteten Zweig, geleistet wird. Die Begriffe, die das System der Naturwissenschaft darstellen, werden im Projekt der logischen Analyse der Begriffe nur exakter gefaßt. Wissensbegründung findet auch in den Naturwissenschaften einerseits durch empiristisch-wissenschaftliche Erkenntnis, andererseits durch mathematisch erfaßbare Strukturen statt.

Auch die philosophische Erkenntnis, die einen rein logischen Aufbau ausgehend von Grundbausteinen aufzuweisen hat, beschäftigt sich mit der logischen Rechtfertigung für Erkenntnisansprüche in den Naturwissenschaften. Wir haben es also sehr wohl mit einer ganz bestimmten Strategie der Rechtfertigung der wissenschaftlichen Erkenntnis zu tun. Das können wir nur in einem von der Philosophie hergestellten System, d.h. durch den Aufbau der wissenschaftlichen Erkenntnis, insbesondere in einer philosophischen Schau des gesamten Wissenschaftsgebäudes. Die Systemkonstruktionen von Leibniz und Hegel traten mit einem ähnlichen Anspruch auf. Die Erkenntnisbasis des Systems ist, wie diese Systeme zeigten, zwar keine logische, sicherlich aber eine holistische, im Vergleich mit einer empirisch-atomistischen Basis.

Die dem Aufbau auf epistemisch Gegebenes zugrundeliegende Metaphysik hat sich jedoch im Frühwerk Carnaps unter dem Einfluß Otto Neuraths historisch gewandelt, von einem methodischen Solipsismus, demzufolge Intersubjektivität ausgehend von einer eigenpsychologischen Basis erst aufgebaut werden muß, zu einem Objektivismus, bei dem die objektive Welt als gleiche für alle Individuen schon vorausgesetzt wird. Carnap bemerkt diesbezüglich selbstkritisch in einer unveröffentlichten Notiz betreffend Neuraths Kritik an seiner Habilitationsschrift, datiert auf den 21. 11. 1926:

Meine Darstellung sei leider mehr gegen Realismus als gegen Idealismus gewendet. Zu starke Betonung des methodischen Solipsismus. Das klinge zu individualistisch. Mehr den ‚Objektivismus’ betonen. Gleich zu Anfang sagen, daß das Ziel eine objektivistische Welt, die gleiche für alle Individuen, sei.278

Carnap hat sich den Rat einer Abwendung vom Solipsismus wohl zu Herzen genommen, obwohl der von ihm aufgrund der empirischen Erkenntnisbasis vorgeschlagene methodische Solipsismus ein Konzept war, das einem Realismus nicht entgegen stand.279 Die objektivistische Alternative ist für Neurath der Physikalismus. Zur besseren Lösung des Intersubjektivitätsproblems handeln wir uns jedoch damit gleichzeitig einen metaphysischen Begriff der Wirklichkeit ein. Auch mit diesem Lösungsversuch des Intersubjektivitätsproblems ist der Übergang von der Erkenntnisbasis der Phänomene zu den Beobachtungssätzen gegeben.

(4.2.5.2) Die Bedeutung des linguistischen Phänomenalismus für die Wissenschaftslogik: Während jedoch die Phänomene als Grundbausteine der Erkenntnis in den empirischen Naturwissenschaften als qualitative Inhalte gegeben sind, die dann durch Erfahrung und durch Experiment zu Erkenntnissen verarbeitet werden, beschäftigen wir uns auf linguistischer Ebene nicht mit den qualitativen Inhalten. Nicht nur verwendet die empiristisch-naturwissenschaftliche Philosophie eine Sprachform, die das Gegebene nur noch als Bedeutungen wahrnimmt, sondern durch die Sprachlichkeit ist der Bezug der Form zur Welt darüberhinaus prinzipiell konventionell. Eine Sprachform die Carnap zunächst vorschlägt, ist die phänomenalistische Sprache. Entscheidend für die Anwendbarkeit dieser Sprache ist die Übersetzbarkeit aller Aussagen über Dinge in Aussagen über Sinnesdaten:

Wenn man nach dem Vorschlag Carnaps statt der inhaltlichen die formale Redeweise gebraucht, so wird sofort ersichtlich, daß es sich nicht um eine Theorie über die Welt, sondern höchstens um eine Übersetzungstheorie handelt. In der formalen Redeweise nämlich besagt die phänomenalistische These: Alle Aussagen über die Dinge (und Prozesse an Dingen) sind zurückführbar auf Aussagen über Sinnesdaten.280

Die Reduktion einer wissenschaftlichen Gesamtsprache auf eine Dingsprache, nämlich eine Sprache über Dingerscheinungen, ist eine mögliche phänomenalistische Sprache. Alle Sätze dieser Gesamtsprache können dann tatsächlich in Sätze der phänomenalistischen Teilsprache übersetzt werden. Auch phänomenalistisch nicht gegebene Gegenstände der Dingsprache sind ja erfaßbar, wenn auch nur als theoretische bzw. erschlossene Entitäten.

Eine Art von Konventionalismus der Sprache ist uns darüberhinaus schon dadurch gegeben, daß die Sinnesdaten in dieser Erkenntnistheorie ohne ihren tatsächlich vorhandenen, wenn auch in der phänomenalistischen Sprache nicht thematisierten, Bezug auf die hinter den Erscheinungen liegenden Dinge noch keinen objektiven Geltungsanspruch haben. So kann es auch vorkommen, daß zwei Phänomene auf ein und denselben Ursprung in der Wirklichkeit zurückführbar sind, also nur einem einzigen wirklichen Gegenstand entsprechen. Eindeutigkeit könnte hier nur dann produziert werden, wenn wir es mit Definitionen durch Hinweis (ostensive Definitionen) zu tun hätten. Ein selbst undefiniertes Element wird so in die Sprache aufgenommen. Wenn wir aber keine explizite Definition aufweisen können, dann gibt es Raum für mögliche Mißverständnisse. Nur wenn das unmittelbar Gegebene definiert werden könnte, würden die Definitionen eindeutig sein.

(4.2.6) Der Konventionalismus der Sprachform:

In Von der Erkenntnistheorie zur Wissenschaftslogik beschreibt Carnap den Konventionalismus einer Wissenschaftssprache folgendermaßen:

Dadurch wird uns dann klar, daß es letzten Endes eine Frage der Konvention ist, welche Struktur wir den elementaren Sätzen unserer Sprache geben. (Damit ist keineswegs gesagt, dass es gleichgültig sei, welche Struktur wir wählen. Denn die verschiedenen möglichen Konventionen in bezug auf die Form der Sprache können sich ja in praktischer Durchführbarkeit und Fruchtbarkeit sehr erheblich unterscheiden).281

Für die Erkenntnistheorie, die also auf den Phänomenen in irgendeiner Form aufbauen muß, sagt Carnap, daß das Objekt die Struktur der Phänomene nicht vollständig bestimmt, sondern die Beschreibung der Wirklichkeit auch von der gewählten Sprachform abhängt.282 Genauer müßte man sagen, daß das hinter den Phänomenen liegende Objekt nur insofern die Struktur der Phänomene bestimmt, als dieses selbst unerkannte Objekt das letzte Kriterium sein muß, das die praktische Durchführbarkeit und Fruchtbarkeit der Konventionen bestimmt. Die Fruchtbarkeit einer Wissenschaftssprache erlaubt einen Rückschluß auf das an sich unerkennbare Objekt. Eine wenig fruchtbare Sprache wird deshalb in der Wissenschaftsgeschichte nicht bestehen können, weil ihre Unfruchtbarkeit andeutet, daß ihr Zugriff auf die Wirklichkeit nicht ausreichend war.

(4.2.7) Resümee:

Abschließend müssen wir anmerken, daß eine phänomenalistische Sprache in erkenntnistheoretischer Hinsicht mit einer physikalistischen Sprache keineswegs gleichrangig ist. Nur der Phänomenalismus ist eine Strategie zur fundamentalistischen Erkenntnisbegründung in etwas unmittelbar Gegebenen, wie Wolfgang Stegmüller andeutet:

Der Phänomenalist behauptet, daß nur phänomenale Einheiten wie Sinnesdaten das Unmittelbare – d.h. die reine Erfahrung nach Abzug aller theoretischen Interpretationen – ausmachen, während Dinge und Prozesse nachträgliche theoretische Konstruktionen aus diesen Daten seien; eine adäquate philosophische Analyse müsse daher alles, auch physikalische Begriffe, auf das Phänomenale zurückführen.283

Die phänomenalistische Sprache ist aus dem Blickwinkel erkenntnistheoretischer Nutzbarkeit ein guter Kandidat im Vergleich mit anderen möglichen Sprachformen. In der heutigen Terminologie der Wissenschaftstheorie entspricht sie einem Instrumentalismus, der zum Zweck der Theoriekonstruktion nur auf das phänomenal Gegebenen zurückzugehen beansprucht. Stegmüller beschreibt diesen Vorzug einer Minimierung der vorausgesetzten ontologischen Interpretation von Wirklichkeit durch den Phänomenalismus folgendermaßen:

Physiker sind bereits seit langem geneigt, ihre theoretischen Aussagen nicht als Behauptungen über eine an sich seiende metaphysische Realität aufzufassen, sondern als Instrumente, um auf Grund vergangener Erfahrungen künftige Erfahrungen vorauszusagen.284

Im Phänomenalismus beginnt die Naturinterpretation bzw. die Konstruktion von Gesetzmäßigkeiten in der Natur mit dem Sammeln von Erfahrungen, nicht mit der Erkenntnis von Entitäten von ontologischem Gewicht. Die Sprache des Physikalismus hingegen beruht in ihrer Beschreibung der Wirklichkeit auf einer bestimmten Naturinterpretation, die also feststehende Naturgesetze ontologisch, wenn auch nicht epistemisch, voraussetzt. Sie ist insofern von Anfang an eine Sprache, die von der Richtigkeit einer bestimmten Theorie der Naturinterpretation ausgeht. Das belastet den Anspruch des Physikalismus, das Gegebene so zu beschreiben, wie es uns unmittelbar gegeben bzw. zugänglich ist.

Das Kriterium für die Wahl einer physikalistischen Sprache kann jedoch nicht die Einfachheit des Wissenssystems durch eine einheitliche Sprache sein. Nach diesem Kriterium stünden prinzipiell auch andere Sprachen mit ähnlicher Qualifikation zur Verfügung. Die Unleugbarkeit des Faktums der schon vorhandenen naturwissenschaftlichen Erkenntnis verschafft jedoch speziell dem Physikalismus einen gewichtigen epistemischen Anspruch darauf, empirische Erkenntnis zu begründen.

Sowohl der phänomenalistische, wie der physikalistische Typ der Konzeptionierung von Erkenntnisgegenständen ist im Sinne einer möglichst umfassenden und flexiblen Erkenntnistheorie nicht zu gebrauchen. Eine Letztbegründung im Sinne Karl-Otto Apels scheitert auf der Basis solcher ontologischer Verpflichtungen, die lediglich eine Richtlinie für das Vorgehen in der Praxis der Naturwissenschaften bietet. Um den Ansprüchen einer philosophischen Letztbegründung gerecht zu werden, müßte eine Erkenntnisbegründung jenseits einer bestimmten Ontologie der Erkenntnisgegenstände stattfinden.

(4.3) Keine Lösung des Erkenntnisproblems durch den radikalen Konventionalismus der Sprachen

(Sektionen 4.3.1 – 4.3.2)

(4.3.1) Ein gemäßigter Konventionalismus wird vom Empirismus impliziert:

(4.3.1.1) Die Ablösung vom Phänomenalismus hin zum radikalen Konventionalismus („ideal constructions“): Es ist richtig, daß man von einem „Dualismus“, von einer gleichzeitigen Verwendung eines Phänomenalismus und eines Konventionalismus der Sprachform, in Carnaps Frühwerk sprechen könnte.285 Tatsächlich muß jedoch die Zweckhaftigkeit der Interpretation eines „Dualismus“ immer deutlicher infrage gestellt werden. Der Phänomenalismus Machscher Prägung wird erst langsam von einem gemäßigten Konventionalismus abgelöst. So muß auch erwähnt werden, daß das Carnapsche Konstitutionssystem von 1928 keinen Konventionalismus zuläßt, außer an seiner Basis. Die Rekonstruktion der Wirklichkeit entspricht der Rekonstruktion durch unser intuitives Wissen von Gegenständen:

Das Konstitutionssystem ist eine rationale Nachkonstruktion des gesamten, in der Erkenntnis vorwiegend intuitiv vollzogenen Aufbaues der Wirklichkeit.286

Man kann von einer übergeordneten Ebene philosophischer Reflexion aus sagen, daß der Gegenstandstyp der Phänomene als Basis von Erkenntnis konventionell gewählt ist. Bei dieser konventionellen Wahl haben die Phänomene selbst in der Epistemologie nicht mehr die Funktion von Sinnesdaten, die ein unwiderrufbar, letztlich epistemisch und elementar Gegebenes darstellen. Phänomene können je nach dem verwendeten Theoriegebäude auf ganz verschiedenen Wirklichkeitsebenen gefunden werden. Auch die Entdeckung immer weiterer Wirklichkeitsebenen im Prozeß des wissenschaftlichen Fortschritts und damit die Entdeckung immer weiterer Phänomene kann nicht ausgeschlossen werden.

Den Kampf zwischen den Anschauungen eines gewählten Phänomenalismus und eines radikaleren Konventionalismus der Konstruktionsprinzipien finden wir in Der Raum und in Dreidimensionalität des Raumes und Kausalität. Der Raum geht von den Konventionen des topologischen, physischen Raumes aus, und zwar als notwendige Konventionen, die eine Anwendung finden auf verschiedene metrische physikalische Räume.

Ernst Machs Einfluß auf Carnap bleibt jedoch nur bestehen bis zu Der Logische Aufbau der Welt. So haben wir es schon in diesem Werk in erster Linie nicht mit phänomenalen Elementen zu tun, sondern vielmehr mit phänomenalen Relationen. Runggaldier bemerkt diesbezüglich richtig:

In fact, at the beginning of his phenomenalistic system Carnap places not phenomenal elements or classes of such elements but phenomenal relations. These basic relations take precedence over the basic elements which are understood to be their members.287

Auch nach 1928 können wir noch nicht von einem radikalen Konventionalismus der Sprachen reden. Der nach 1928 vertretene Physikalismus ist sicherlich kein reiner Konventionalismus. Die physikalistische Basis eines Konstitutionssystems beinhaltet immer noch Eigenschaftsbeschreibungen („property descriptions“) als Kern des beschriebenen Gegenstandes an der Basis des Systems, statt Beziehungsbeschreibungen („relation descriptions“).

Das geht zurück auf das Erbe der Gestalttheorie, das sich im Aufbau findet: Nicht nur die Teile von Ganzheiten (z.B. die Töne einer Melodie) haben Eigenschaften, sondern auch die Ganzheiten haben nur ihnen eigene Eigenschaften (Wertheimer nennt sie „Gestaltqualitäten“288 ). Menschen beziehen sich mit ihrem psychischen Apparat immer nur auf die Ganzheiten, nicht aber auf die Teile. Der empirische Ausgang muß bei der Alltagswelt gesucht werden - „the world of everyday events“, wie Wertheimer sagt.289 Wir müssen vom individuellen Strom der Erfahrung ausgehen und der ist niemals atomistisch zusammengesetzt. Diesen Ausgang bei Eigenschaften von Ganzheiten müssen wir auch dann wählen, wenn die logische Analyse bei den phänomenalen Relationen ansetzt, wie zum Beispiel der Ähnlichkeitserinnerung.

(4.3.1.2) Erst durch die Strukturbeschreibungen haben wir es mit einer Art von Beschreibungen zu tun, die an sich noch uninterpretiert sind, die aber stets eine Interpretation benötigen. Carnap übernimmt dabei Bertrand Russells Definition von Struktur: Einer eins-zu-eins-Korrespondenz zwischen Beziehungen. Derselbe Beschreibungsgegenstand der Beschreibung trifft auf („maps onto“) zwei unterschiedliche Relationen zu. Welche der zwei Relationen in einem konkreten Fall der Anwendung auf Ereignisse zur Beschreibung gewählt wird, bleibt dann eine Frage der Konvention.

(4.3.2) Der radikale Konventionalismus der Sprachen führt zu keiner Lösung des Begründungsproblems:

Ein radikaler Konventionalismus, wie er Carnap vor 1934 als letztliche Lösung vorschweben mußte, scheint in einen Erkenntnisrelativismus führen zu müssen. Während also ein Konventionalismus einem Fundamentalismus der Erkenntnisbegründung entgegenwirkt, haben wir es zwischen 1922 und 1934 noch nicht mit einer kohärenten Konzeption anti-fundamentalistischer Begründung zu tun. Ein radikaler Konventionalismus scheint angesichts des offensichtlichen Wandels der ontologischen Annahmen der Wissenschaftssprachen unvermeidbar. Er ist jedoch keine konstruktivistische Erkenntnisbegründung mehr. Der Konventionalismus geht von dem Faktum aus, daß die verschiedenen Sprachen einen Referenzbezug auf die empirische Welt haben. Verschiedene Sprachen können dabei mehr oder weniger adäquate Mittel zur Beschreibung der Wirklichkeit sein. Der radikale Konventionalismus der Sprachen ist immer auf externale Erkenntniskriterien hin ausgerichtet. Eine konstruktivistische Erkenntnisbegründung ist hingegen in der wissenschaftlichen Philosophie programmatisch verworfen worden. Ungelöst bleibt bei einem Externalismus jedoch zunächst die Frage, wie ein radikaler Konventionalismus ohne Skepsis möglich ist.

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Abschnitt (C) : Die neue transformierte Erkenntnistheorie

(5)

(5.1) Bedingungen und konkrete Ausgestaltung einer erfolgreichen externalistischen Strategie für die Begründung des Intersubjektivitätsanspruchs

(Sektionen 5.1.0 – 5.1.4)

(5.1.0) Ein erkenntnistheoretischer Fundamentalismus, der Rückgang auf das den empirischen Wissenschaften Gegebene (das nicht-sprachliche, empirisch Gegebene, oder das sprachlich verfaßte empirisch Gegebene), schien zunächst das einzige Lösungsmodell für das Problem des cartesischen Subjektivismus der Erkenntnisbegründung zu sein. Der Subjektivismusverdacht findet sich wie oben (Kapitel 2) gezeigt wurde, auch in der Meinongschen Gegenstandstheorie, trotz der semantischen Gegebenheitsweise von Gegenständen: Die innere Wahrnehmung ist auch hier letztlich der Prüfstein für das epistemologische Grundproblem des Gegebenseins empirischer Gegenstände. Auch als Sprachphilosophie entgeht die Meinongsche Version des Bezugs auf empirische Gegenstände diesem Subjektivismusverdacht letztlich nicht. Als Gegenbewegung setzte hier der im Wiener Kreis entstehende Verifikationismus ein. Das sprachlich Gegebene wurde nun durch seinen Bezug zu vorsprachlich Gegebenem (das empirisch Gegebene) in seinem Erkenntnisstatus bestätigt. Durch diesen neuen Rahmen gelangen wir, in Carnaps Terminologie von 1932, zu einem „Absolutismus der Ursätze“, d.h. zu einer Rückführung aller Erkenntnis auf Protokollsätze. Moritz Schlick als ein Hauptvertreter des Verifikationismus spricht davon, daß, wenn es uns gelingt

die rohen Tatsachen völlig rein in ‚Protokollsätze’ wiederzugeben, so scheinen diese die absolut unzweifelhaften Ausgangspunkte aller Erkenntnis zu sein.290

Schlicks „Konstatierungen“ erfüllen diese Funktion, die „unerschütterlichen Berührungspunkte von Erkenntnis und Wirklichkeit“ zu sein. Dem liegt die Intuition zugrunde, daß in einem subjektivismusfreien Ansatz Sprachformen erkenntnistheoreitsch hintergehbar bleiben müssen.

Wir nehmen immer schon an, daß sich die Sätze einer sinnvollen Sprache auf die Wirklichkeit beziehen, können diese Voraussetzung aber nicht durch eine rationale Begründung einholen. Wegen dieser Ausweglosigkeit in der Suche nach einem derartigen Fundamentalismus der „Ursätze“ plädiert Carnap schon 1932 für die Zulassung verschiedener Methoden zum Aufbau der Wissenschaftssprache. Nicht nur gibt es keine absoluten Anfangssätze für den Aufbau der Wissenschaft, sondern Protokollsätze können außerhalb und innerhalb der Systemsprache (z.B. des Physikalismus) stehen. Geschehnisse in der Welt können zum Beispiel in unserem Protokoll als Ziffern eingehen, wenn wir folgende Wörterbucheinträge aufstellen:

„1“ bedeutet es regnet
„2“ bedeutet es schneit
„3“ bedeutet es hagelt
„4“ bedeutet schwach
„5“ bedeutet stark

„1, 4“ bedeutet dann „es regnet schwach“ und „3, 5“ „es hagelt stark“. Hier bedarf es erst einer Übersetzung dieser Protokollsätze. Die Protokollsprache kann mit der Systemsprache jedoch auch identisch sein. Auf jeden Fall müssen alle Protokollsätze in die Systemsprache der empirischen Wissenschaften übersetz bar sein.291

Tatsächlich haben wir es auch bei den Resultaten der Protokollsatzdiskussion mit einer weitreichenden Veränderung in der Konzeptionierung des Erkenntniszugangs zur Wirklichkeit zu tun. Auch der Protokollsatz „Es regnet heute“ ist kein erkenntnisbegründender, empirischer Satz. An seine Stelle tritt ein Holismus eigener Art. Letztlich ist nur noch die sprachinterne Erkenntnisgewinnung möglich, ohne in einen Internalismus einzumünden. Von den offensichtlichen und unmittelbaren sprachexternen Kriterien muß dabei abgesehen werden. Die Ontologie des Erkenntnisgegenstandes wird erkenntnistheoretisch nur noch durch das sprachinterne Eingeschriebensein des mit den sprachlichen Ausdrücken Gemeinten gehandhabt. Alle anders konzeptionierte Ontologie der Gegenstände wird aufgegeben. Den Erkenntnisgewinn aus „Es regnet heute“ beziehen wir - im Carnapschen Sinne Wissenschaftslogik treibend - nicht mehr aus dem empirischen Faktum, daß es heute regnet. Vielmehr beruht der Erkenntnisgewinn aus diesem Satz auf den von der jeweilig verwendeten Wissenschaftssprache gemachten Festsetzungen des verwendeten Raum-Zeit-Gefüges, das immer ein besonderes Konzept bzw. eine besondere Theoriebildung ist. Das Erkenntnisstreben der Wissenschaftslogik geht in diesem Sinne in keiner Weise mehr über das rein Sprachliche hinaus. Sprache wird hier offensichtlich in einem sehr weiten Sinne verstanden. Alle wissenschaftlichen Theorien, die der Weltbeschreibung dienen, sind in diesem Sinne Sprachen. Geistige Gegenstände sind daher von psychischen und empirischen Gegenstandsklassen nur dadurch unterschieden, daß sie sprachlich besonders „reine“ Gegenstände sind. Geistige Gegenstände sind in diesem Sinne wie die abstrakten Gegenstände der Physik, Gegenstände, deren Sein ausschließlich (also: „rein“) in der verwendeten Sprache lokalisiert werden können. Der epistemische und ontologische Status bei abstrakten und geistigen Gegenständen fällt zusammen.

(5.1.1) Ein alternativer Lösungsversuch des Intersubjektivitätsproblems wurde zunächst auch von Carnap nicht verworfen - die Herstellung intersubjektiver Geltung durch geistige Gegenstände:

So kann Der Logische Aufbau der Welt auch als ein Anti-Empirismus ausgelegt werden. Die Bedeutungsebene von Worten und Sätzen ist nicht mehr das, worauf Erkenntnisgewinn aufgebaut ist. An seine Stelle tritt das Vertrauen in die empirische Adäquatheit der Wissenschaftssprachen als Ganzheiten, d.h. das Vertrauen in die Welterklärungsmodelle, die durch ihre Erklärungskraft erkenntnisbegründend sind.

Als ein Zwischenresultat kann betrachtet werden, daß die „geistigen Gegenstände“ den eigentlichen Lösungsversuch des Erkenntisproblems des Aufbau darstellen: Es ist dies aber nur eine vorübergehende Einsicht Carnaps, daß weder Erkenntnistheorie (der gegebene Erkenntnisgegenstand), noch Wissenschaftslogik (Protokollsätze) in einem engen Sinne Intersubjektivität erzeugen können. Die empiristischen Erkenntnisbegründungen sind immer zu schwach, wenn es nicht nur um die Einlösung des Erkenntnisbegründungsanspruchs in einem Regreß, sondern gerade um die Rechtfertigung des Intersubjektivitätsanspruches geht. Geistige Gegenstände können Intersubjektivität erzeugen, und zwar unabhängig vom empirischen Subjekt. Sie stellen ein überindividuelles Gemeinsames dar, das sich in psychischen Gegenständen manifestiert, deren Manifestationen wiederum mit naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden können. Wenn also hier zwar irgendein Subjekt als Träger gebraucht wird, ist andererseits jeder einzelne Träger auch entbehrlich:

Die geistigen Gegenstände stimmen zwar mit den psychischen darin überein, daß auch sie subjektgebunden sind: ihre ‚Träger’ sind jeweils die Personen eines bestimmten Kreises. Aber im scharfen Gegensatz zu den psychischen Gegenständen können die Träger wechseln: ein Staat, eine Sitte kann bestehen bleiben, während die tragenden Subjekte vergehen und andere an ihre Stelle treten. Die geistigen Gegenstände sind auch nicht aus psychischen (oder etwa physischen) zusammengesetzt. Es handelt sich um völlig disparate Gegenstandsarten; die geistigen Gegenstände gehören anderen ‚Gegenstandssphären’ an als die physischen und die psychischen Gegenstände.292

Auch die objektivierende Leistung geistiger Gegenstände deutete jedoch zunächst nur die Suche nach einem neuen Ausgangspunkt in der wissenschaftlichen Philosophie an.

(5.1.2) Stärken eines minimalistischen Konzepts des wissenschaftlichen Realismus:

(5.1.2.1) Was spricht für den wissenschaftlichen Realismus? Der wissenschaftliche Realismus teilt mit dem Instrumentalismus, dem zufolge wissenschaftliche Theorien wahr sind, sofern sie dem Zweck der Naturerkenntnis dienen, die Annahme, daß die Naturwissenschaften für unsere praktischen Zwecke gut funktionieren. Beide Anschauungen teilen die Auffassung, daß die jeweilige wissenschaftliche Theorie einen Vorhersageerfolg haben muß, um als erfolgreiche Theorie gelten zu können. Spezifisch für den Realismus ist jedoch, daß der Voraussageerfolg auf den ontologischen Annahmen über die Wirklichkeit beruht. Das sogenannte „Wunderargument“293 spricht jedoch nur noch für den wissenschaftlichen Realismus alleine: Die Vorhersagekraft einer erfolgreichen Theorie wäre nicht anders zu erklären als durch ein „Wunder“, wenn die Theorie nicht der empirischen Wirklichkeit entsprechen würde und daher die ontologischen Annahmen gerechtfertigt wären. Daß, wie hier, eine erfolgreiche Theorie auch eine Naturontologie impliziert, ist nicht unbedingt verfänglich: Das theorienumfassende Argument für den wissenschaftlichen Realismus ist, daß er trotz des Paradigmenwechsels zwischen Theorien in der Wissenschaftsgeschichte eine vollkommene Relativierung der Naturontologie verhindern kann.

Diese vollkommene Relativierung ergäbe sich Nicholas Rescher zufolge aus einer Meta-Induktion, ausgehend von der Beobachtung, daß Entitäten, die in einer Vorläufertheorie als existierend angenommen wurden, in der Nachfolgertheorie oftmals nicht mehr als existent angesehen werden. Hilary Putnam spricht von dieser Relativierung als einem „realist’s nightmare“:

What if all the theoretical entities postulated by one generation (molecules, genes, etc. as well as electrons) invariably ‚don’t exist’ from the standpoint of later science? ... One reason this is a serious worry is that eventually the following meta-induction becomes compelling: just as no term used in the science of more than 50 (or whatever) years ago referred, so it will turn out that no term used now (except maybe observation-terms if there are such) refers.294

(5.1.2.2) Reschers Realismus geht von zwei unterschiedlichen Fakten aus: (1) erstens von dem Faktum der Naturwissenschaften (epistemisches Faktum) und (2) zweitens von dem Faktum der Natur (ontologisches Faktum). Das ontologische Faktum der Natur ist ein Faktum, das wir nicht erst mit den empirischen Wissenschaften annehmen, sondern viel grundlegender aufstellen als ein Seinsfaktum, unabhängig vom Gegenstand des menschlichen Wahrnehmungsprozesses.

Sein und Erkennen müssen also getrennt werden, hängen aus der Perspektive der Zugänglichkeit für den wissenschafttreibenden Menschen aber dennoch aufs Engste zusammen. Das Faktum der Natur ist also keine statische, ontologische Voraussetzung, sondern eine Ontologie, die sich ständig erweitert, da auch die Entdeckung von weiterem epistemisch Gegebenen sich mit dem Fortschritt der Wissenschaften vermehrt. Je weiter die Theorie fortschreitet, desto mehr Fakten werden entdeckt. Auf jeder Stufe der Wissenschaftsentwicklung bietet sich ein neuer Wirklichkeitsbereich, den es innerhalb des neuen Theorierahmens zunächst nur vermeinter Wirklichkeit durch den wissenschaftlichen Fortschritt erst konkret und im Detail zu entdecken gilt:

We arrive therefore at a situation of technological escalation. The need for new data forces us to look further and further from man’s familiar ‘home-base’ in the parametric space of nature. Thus, while scientific progress is in principle always possible – there being no absolute or intrinsic limits to significant scientific discovery – the realization of this ongoing prospect demands a continual enhancement in the technological state-of-the-art of data extraction or exploitation.295

Prinzipiell kann der Horizont der Entdeckungen der Naturwissenschaften durch den Rahmen eines wissenschaftlichen Realismus nicht vorgegeben werden. Während also wissenschaftlicher Fortschritt als möglich angesehen wird, muß der Fortschritt in der Entdeckung immer weiterer Daten nicht dazu führen, daß der wissenschaftliche Prozeß tatsächlich mit der Wirklichkeit konvergent ist.296 So wird oft die Ethertheorie des 18. und 19. Jahrhunderts als Bespiel dafür herangezogen, daß es erfolgreiche (erklärungskräftige) Theorien gibt, die keinen Referenzbezug auf die Wirklichkeit haben. Rescher hat richtig bemerkt, daß zwar die Systematisierung der Theorien ein wichtiges Ziel der Wissenschaften ist, es aber für uns keinen guten Grund gibt anzunehmen, daß der Prozeß wissenschaftlicher Revolutionen jemals zu einem Ende kommt.297 Mit jeder erfolgreichen Theorie entdecken wir mehr Wirklichkeit. Wir kommen aber zu keinem letzlich Gegebenen, das einen besonderen epistemischen Status, d.h. den Status unveränderlicher Wahrheit, hätte, der vollkommen unabhängig von der wissenschaftlichen Theorie ist, in der das Gegebene sein Vorkommen hat.

Das ontologische Gewicht des wissenschaftlichen Realismus muß demnach immer auf Wissenschaft als einem idealen Konstrukt ausgerichtet sein („ideal-science realism“).298 Die ontologischen Setzungen tatsächlicher erfolgreicher Theorien sind keine Setzungen absoluter Wahrheiten (es handelt sich nur um „our purported truth“), insofern sie unabhängig sind von der Wahrheit, wie sie wirklich ist („the real truth itself“). Rescher bemerkt richtig, daß es nach diesem Konzept nicht möglich ist, bei wissenschaftlichen Erkenntnissen von definitiven Wahrheiten zu sprechen:

In scientific matters we are never in a position to claim definitive truth with dogmatic certainty. The most we can ever realistically do is to claim what we do have as being the very best that one can possibly obtain in the circumstances. Scientific progress is not of the character that encourages us to reity (hypothesize) the theory-objects of science as presently conceived – regardless of the date the calendar may show.299

Der wissenschaftliche Fortschritt hat also das Ziel der idealen Wissenschaft und arbeitet darauf hin: Diese ideale Wissenschaft ist per se jedoch kein in der Wissenschaftsgeschichte erreichbares Ziel, sondern ist nur eine Projektion, die aufgrund der Wissenschaftsfortschritte vorstellbar wird. Sie scheint darüberhinaus jedoch eine notwendige Annahme zu sein, um die Dynamik der Theorienbildung hin zu immer größeren Erklärungserfolgen verständlich machen zu können. Wie wir noch sehen werden ist für die Erkenntnistheorie jedoch auch dieses voraussetzungsarme Konzept nicht haltbar.

(5.1.2.3) Die Projektion, der zufolge ein Wissenschaftsgebäude möglich ist, das der Wirklichkeit vollkommen entspricht, stellt eine aus gutem Grund durchgeführte Minimalisierung ontologischer Ansprüche dar:300

With respect to ideal science we can be realistic, but with respect to real science we must be idealists. The world-world-picture of current natural science need certainly not characterize reality and cannot validly be presumed to do so. Its world – the world it envisions as it envisions it – may well lie only in the minds of the beholders and must, in fact, be presumed to do so. In this regard too, then our realism has an idealistic mien.301

Dieser ontologische Minimalismus scheint tatsächlich auch der leistungsfähigste Realismus zu sein. Er ist ausreichend, um zu erklären, warum die in den Wissenschaften entdeckten Phänomene so sind, wie sie sind. Eine gewisse epistemologische Begründungsfunktion der, wenn auch nur in einer idealen Wissenschaftssituation völlig legitimierbaren, nur noch projektiv geforderten, ontologischen Setzungen ist also durchaus vorhanden.

Da wir es also mit der Entdeckung immer neuer Fakten in immer neuen Wirklichkeitsbereichen zu tun haben, so können wir nicht von einer Ganzheit des Seins sprechen, das ontologisch zwar völlig unabhängig wäre, aber doch im Fortschreiten wissenschaftlicher Erkenntnis Stück für Stück weiter enthüllt würde.

Es geht also von vorneherein nicht mehr darum, daß eine Theorie tatsächlich wahr sein muß, um ihre Erklärungskraft verstehen zu können. Auch die Annahme, daß der Erklärungserfolg mit der bloß wahrscheinlichen Wahrheit einer Theorie zusammenhängt, muß in einer kritischen Perspektive auf Nicholas Reschers Vorschlag bezweifelt werden. Selbst die Annahme, daß eine Theorie annäherungsweise wahr ist, wenn ihr Inhalt wahrer Sätze größer ist als ihr Inhalt falscher Sätze, kann nicht gerechtfertigt werden. Betrachten wir die von Larry Laudan aufgestellte Formel302:

CtT(T1) >> CtF(T1)

Die Menge (Ct) wahrer Sätze, die durch die Theorie T1 impliziert werden, also CtT(T1), sei größer als die Menge (Ct) falscher Sätze, die durch die Theorie T1 impliziert werden. Vorausgesetzt, daß diese Formel eine Definition von der annäherungsweisen Wahrheit einer Theorie darstellt, so folgt aus ihr nicht logisch, daß die aus der annäherungsweise wahren Theorie folgenden Konsequenzen wahr sind. Noch folgt aus der überwiegenden Menge wahren Konsequenzen, daß die Theorie annähernd wahr ist.

(5.1.2.4) Auch der Instrumentalismus Bas C. van Fraassens stimmt mit der eben erwähnten ontologischen Indeterminiertheit gegenwärtiger Wissenschaft überein, will sich aber empirischer als Reschers Realismus zeigen. Die beobachtbaren Daten der Wissenschaft (also: nicht die tatsächlich beobachteten Daten) haben bei van Fraassen den Charakter von Hypothesen der jeweiligen Theorie: „Empirisch adäquat“303 nennt er eine Theorie genau dann, wenn sie voraussagt, was wir beobachten würden, wenn wir vor Ort wären. Die ontologischen Annahmen, die mit dem tatsächlichen Wahrnehmungsprozeß empirischer Wirklichkeit normalerweise gemacht werden, sind, wie in Reschers Konzeption eines minimalen wissenschaftlichen Realismus, auch für van Fraassen nicht notwendig, um den Glauben an den Fortschritt der empirischen Wissenschaften legitimieren zu können. Die gegenwärtige Diskussion der Wissenschaftstheorie bringt uns also zurück zu einer längst erfolgten Lösung des Problems des epistemischen Zugangs zu Wirklichkeit. Der frühe Carnap führte also eine Transformation der Erkenntnistheorie durch, die bis heute ihre Aktualität behalten hat.

(5.1.3) Die gelungene Lösung einer neuen Epistemologie:

(5.1.3.1) Es war eine entscheidende Einsicht, daß Erkenntnislegitimatoren, die eine feststehende, unveränderliche Basis für Erkenntnis abgeben, nur die Regeln des Sprachgebrachs sein können. Diese Regeln stehen tatsächlich immer schon unveränderlich fest (selbst dann, wenn sie noch nicht entdeckt sind). Insofern handelt es sich um ideale Entitäten, die Ontologien festlegen. Sie haben also einen Seinsstatus unabhängig von ihrem Erkanntsein. Sie sind aber keine apriorischen Strukturen im herkömmlichen Sinne. Herkömmlich sind apriorische Strukturen intuitiv erfaßbare Verknüpfungen. Die Regeln des Sprachgebrauchs sind aber normalerweise von der vorgegebenen Sprache abhängig. Es gibt Definitionen allgemeiner Art, die für alle Sprachen gelten. Solche sind zum Beispiel Definitionen über Nachfolger und Summenbildung:304

Def. 1: nf (x) = x’

Def. 2: 1. sum (0, y) = y

2. sum (x’, y) = nf (sum (x, y))

Die meisten Sprachregeln sind jedoch sprachspezifisch. Carnap unterscheidet zunächst nur den arithmetischen und deskriptiven Syntax: So gibt es in der deskriptiven Syntax (Sprache I) nur definite Prädikate, d.h. solche Prädikate über deren Vorliegen nach einem festen Verfahren entschieden werden kann. Solche Prädikate sind zum Beispiel:

„Blau“ in „Die Kugel ist blau“

„Wärmer“ in „Der Körper a ist wärmer als der Körper b“

Die einmal entdeckten Gebrauchsregeln einer bestimmten Sprache, z.B. daß Prädikate definit sein müssen, können jederzeit als Entscheidungskriterium des richtigen oder falschen Gebrauchs auf alle individuelle Sätze der ihnen zugrundeliegenden Objektsprache angewandt werden.305 Das Verständnis von „Ontologie“ ändert sich in der transformierten Erkenntnistheorie. „Ontologie“ wird nun als ein ihrer Entdeckung vorhergehendes Sein der Sprachregeln verstanden, nicht mehr als ein Sein der Erkenntnisgegenstände.

(5.1.3.2) Tatsächlich hat sich auch in der späteren Entwicklung der Wissenschaftstheorie dieser Wandel des Verständnisses unseres Zugangs zum Seins als richtig herausgestellt. Der minimalistisch verstandene wissenschaftliche Realismus, der also noch von einem Sein (einer Ontologie) der empirischen Gegenstände ausgeht, unterliegt harter Kritik. Es erweist sich als ein unüberwindbares Problem, daß bei ihm die Wissensbegründung rein projektiv ist, also den sich historisch vollziehenden Wissenschaftsprozeß als einen Prozeß kontinuierlich zunehmender Erkenntnis nicht mehr begründen kann. Das Skeptizismusproblem auch gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Erkenntnis kann durch ihn, wie letztlich durch jede Gegenstandsontologie, nicht überzeugend gelöst werden. Anstatt der Projektion einer idealen Wissenschaft müssen wir nach Fakten suchen, die in der Wissensbegründung als letzte Fakten anerkannt werden können und so für uns einen unhintergehbaren Bereich von Erkenntnisgegenständen abgeben. Die erste Frage muß sein, welche Form das Faktum hat (welche Beschaffenheit der Erkenntnisgegenstand hat) von dem wir in einer Legitimation unseres Anspruchs auf Erkenntnis ausgehen können.

Die Wahl einer neugearteten Gegenstandsnatur, also ein neues Verständnis von der Beschaffenheit der Gegenstände der Erkenntnis, beginnt mit der Infragestellung der bis dahin als unumstößlich geltenden empiristischen Konzeptionierung der Erkenntnisbasis. Von da ab befinden wir uns mit der Wahl der semantischen Verfaßtheit von gegenständlichem Sein auf einem vielversprechenden Lösungsweg.

(5.1.3.3) Aus philosophischer Perspektive kann keine gegenwärtige wirklichkeitsbeschreibende, naturwissenschaftliche Theorie bzw. „Sprache“ rein immanent erforscht werden. Die Natur des Zugangs einer Sprache zu Wirklichkeit muß immer von einer höheren Reflexionsstufe aus, d.h. einer metasprachlichen Ebene aus (die in derselben Sprache wie die Ding- oder Objektsprache verfaßt sein kann), ermöglicht werden.

Beachtenswert ist, welcher Aspekt der Funktion natürlicher Sprachen angesprochen wird. Die neue sprachanalytische Vorgehensweise vertritt keinen bottom-up Ansatz mehr, der die nächstliegende Intuition der Funktion natürlicher Sprachen darstellt: Der Erkenntnisweg führt nicht vom empirischen Referenzgegenstand zu einer konkreten Sprache als einem System der Wirklichkeitserfassung. Das war schon bei Meinong so, wenn das auch noch nicht besonders betont wurde: Der epistemische Status einer Meinongschen Gegenstandsontologie hängt nicht von der Verifikation durch sinnliche Wahrnehmung ab. Durch den Verzicht auf die erkenntnistheoretische Bedeutung der Referenzebene der natürlichen Sprachen spricht die neue Wissenschaftslogik von Rudolf Carnap ganz explizit nur noch von „Pseudoobjektfragen“ und nicht mehr von Objektfragen in dem Sinne von empirischen Gegenständen:

Im folgenden soll der Charakter der Fragen der Wissenschaftslogik in dem angedeuteten weiten Sinne, also einschließlich der sogenannten philosophischen Grundlagenprobleme der einzelnen Wissenschaften, untersucht werden. Es wird sich herausstellen, daß diese Fragen Fragen der Syntax sind. Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, muß gezeigt werden, daß die in der Wissenschaftslogik vorkommenden Objektfragen (z.B. über die Zahlen, die Dinge, über Raum und Zeit, über die Beziehungen zwischen Psychischem und Physischem u. dgl.) nur Pseudo-Objektfragen sind, Fragen, die sich infolge irreführender Formulierungen auf Objekte zu beziehen scheinen, während sie sich in Wirklichkeit auf Sätze, Begriffe, Satzgebäude u. dgl. beziehen, also eigentlich logische Fragen sind.306

(5.1.4) Die Überwindung der statischen Lösung:

(5.1.4.1) Aus dem Blickwinkel des Bezugs jeder Sprache auf eine Ontologie der Gegenstände löste Carnaps transformierte Erkenntnistheorie ein Problem, das sich bereits in Brentano und Meinong als ein unlösbares Problem internalistischer Erkenntnistheorie gestellt hatte. Die sprachphilosophische Grundlage der Gegenstandstheorie, die Objektivenlehre, konnte nur eine statische Lösung der Konzeptionierung der Erkenntnisgegenstände anbieten. Nun jedoch, einen Schritt weiter und mit der vollzogenen Unterscheidung zwischen philosophisch relevanten und irrelevanten Funktionen von Sprache, beschäftigen wir uns nicht mehr mit dem Problem der Erfaßbarkeit von Gegenständlichem. Gegenstandsontologien, die in einer Sprache enkapsuliert sind, werden nur mittransportiert, sind aber selbst im neuen philosophischen Diskurs nicht mehr als wahr oder falsch zu klassifizieren. Das ist eine sehr zeitgemäße Philosophie. Denn das Faktum der tatsächlichen Pluralität der erfolgten Wirklichkeitsbeschreibungsmodelle alleine in der Physik, zwingt uns in der Philosophie immer nur von möglichen Sprachsystemen bzw. Theoriesystemen, aber nicht mehr von der Wahrheit oder Falschheit der mittransportierten Ontologien zu sprechen.

(5.1.4.2) Durch unseren Ausgang von einer Pluralität möglicher Ontologien ist eine fundamentalistische Strategie der Rechtfertigung von Erkenntnis nach der durch Carnap ausgelösten Denkrevolution nicht mehr haltbar. Erinnern wir uns, daß in einem Fundamentalismus die Erkenntnisbegründung auf einem unmittelbar gerechtfertigten Glauben („immediately justified belief“), d.h. auf einem Glauben, der auf einem epistemisch Gegebenen beruht, aufgebaut ist.

Auch eine bloß minimalistische Konzeption des Fundamentalismus ist angesichts einer nicht mehr von vorneherein festlegbaren Pluralität von Ontologien unhaltbar geworden, insofern jede fundamentalistische Basis unabhängig von einer Begründung ist und keine Rechtfertigung durch eine Begründung erhalten kann. William Alston definiert minimalistischen Erkenntnisfundamentalismus dadurch, daß der mittelbar gerechtfertigte Glaube letztlich durch einen unmittelbar gerechtfertigten Glauben fundiert wird:

Every mediately justified belief stands at the base of a (more or less) multiply branching tree structure at the tip of each branch of which is an immediately justified belief.307

Diese Fundierung des Wissens ist unabdingbar. Während jedoch in den Standardversionen des Fundamentalismus die Unkorrigierbarkeit der Erkenntnisbasis ein unverzichtbarer Punkt bestehen bleibt, hätten wir es im minimalistischen Fundamentalismuskonzept nur mit dem geringeren Anspruch zu tun, daß die minimale Basis keiner weiteren Rechtfertigung bedarf.308 Dieser Anspruch kann jedoch nicht eingelöst werden, weil sich der Begriff des epistemisch Gegebenen nicht mehr auf empirische Gegenstände der Außenwelt bezieht.

Dennoch müssen wir bei Carnap von einer Erkenntnisbegründung durch äußere Kriterien sprechen. Wie der Internalismus von einem neuen Typus des Externalismus abgelöst wird, so wird der Fundamentalismus von der ihm entgegengesetzten Begründungsart, nämlich einem Erkenntnisholismus abgelöst. Mit einem Holismus haben wir es deshalb zu tun, weil Erkenntnisrechtfertigung immer nur in einem Bezug auf die jeweiligen Kontexte, in denen Wissen erzeugt wird, geschehen kann. Eine zu überwindende Schwierigkeit bestand darin, daß es im nachcartesianischen, neuen Externalismus keinen Standpunkt des absoluten Wissens mehr gibt, dessen zukünftige Erlangung das Ziel des Erkenntnisprozesses wäre. Diese prinzipielle Schwierigkeit beruht darauf, daß Erkenntnisbegründung jetzt immer und ausschließlich mit den Gründen zusammenhängt, die gefunden werden können, um eine Erkenntnis als solche zu rechtfertigen. Es gibt kein unmittelbar gerechtfertigtes Gegebenes mehr. Die Suche nach einem kohärenten und zeitgemäßen Externalismus konnte also gar nicht durch den logischen Positivismus oder durch andere Versionen des traditionellen Empirismus zu einer erfolgreichen Lösung gebracht werden.

(5.1.4.3) Da sich der Bestand der Gegenstandsontologien heute in einem ständigen Wandel befindet, scheint sich zunächst ein konstruktivistisches Verständnis der entworfenen Gegenstandswelten nahezulegen. Konstruktivismus ist jedoch immer ein Typ internalistischer Erkentnisbegründung. Der Theorienwandel und damit der Wandel der Gegenstandsontologien geschieht demgegenüber immer aus dem Blickwinkel der Verbesserungsmöglichkeit der Gegenstandsfassung in der Weltbeschreibung. Der externale Charakter der Erkenntniskriterien wird eigentlich immer vorausgesetzt. So scheint ein wissenschaftlicher Realismus intuitiv die richtige Position zu sein. Der Metaphysikvorwurf trifft jedoch auch dieses Konzept. Hand in Hand mit der semantischen Transformation der Erkenntnistheorie geht jedoch auch der Trend zu einer Naturalisierung in der Erkenntnisbegründung.

Die Tatsache, daß der erkenntnistheoretische Externalismus lange Zeit nicht durchführbar war, stellte einen entscheidenden Hemmschuh für die Anwendung der Methoden der Naturwissenschaften in der Philosophie dar. Besonders schmerzlich wurde dieser Mangel seit dem philosophischen Begründungsbedürfnis der empirischen Naturwissenschaften nach Hegels Tod empfunden.

Das Ende der cartesianischen Erkenntnistheorie beginnt eigentlich erst mit der Überwindung der „kopernikanischen Drehung“ von Kants kritischer Philosophie, also erst mit dem Ende des Neukantianismus am Anfang des 20. Jahrhunderts. Erst durch die Entwicklung der modernen Logik konnte sich eine neue Erkenntnistheorie der Aufstellung derjenigen Kriterien zuwenden, die es uns ermöglichen, nicht mehr von wahr und falsch, sondern von richtiger und falscher Regelanwendung zu sprechen. Obwohl Erkennen also sicherlich nicht mehr fundamentalistisch begründet werden kann, haben wir nun ein neues Instrumentarium an der Hand, das es uns erlaubt, wirkliches Erkennen von nur scheinbarem, d.h. nur subjektivem Erkennen zu unterscheiden. Alle Aussagen über die Welt sind von nun an nur insofern als zunächst nur subjektive Aussagen zu kennzeichnen, solange die Sprachregeln von uns noch nicht entdeckt wurden, unter deren Zuhilfenahme diese Aussagen als intersubjektiv gültige Aussagen gerechtfertigt werden können. Mit dem Übergang zu einem erfolgreichen Externalismus der Erkenntnisbegründung wandelt sich daher auch die Konzeption vom „bloß Subjektiven“: Bloß „subjektive“ Geltung bezieht sich nun nicht mehr, wie bisher, auf einen Akt des Individuums, die Bedeutung des Übergangs von subjektiver zu intersubjektiver Geltung wird neu definiert. Subjektive Geltung ist jederzeit eine mögliche intersubjektive Geltung, für welchen Anspruch nur noch keine Begründung gefunden ist.

(5.2) Beispiele transformierter Erkenntnistheorie

(Sektionen 5.2.1 – 5.2.3)

(5.2.1) Das Verhältnis zwischen Syntax und Semantik:

Die Ausdifferenzierung von Syntax und Semantik einer Sprache hat den Sinn, unterscheidbare Bereiche der Sprachanalyse im eben skizzieren Sinne zu benennen. Syntax und Semantik sind beide Bestandteile der neuen transformierten Erkenntnistheorie.

Die Syntax bezieht sich ausschließlich auf die Erstellung der Regeln, nach denen die Sprache funktioniert. Genauer gesagt bestehen die syntaktischen Regeln in nichts anderem als in den Kohärenzregeln bestimmter logischer Systeme. Die Aufgabe der syntaktischen Analyse liegt daher darin, logische Kohärenz festzustellen bzw. logische Widersprüchlichkeiten in dem untersuchten logischen System auszuschalten. Wolfgang Stegmüller unterscheidet folgende Arten syntaktischer Regeln:309

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hinzunehmen müssen wir noch die Formregeln:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das von Carnap angeführte Paradebeispiel für den Verstoß gegen syntaktische Regeln ist die sogenannte Russellsche Antinomie.310 Es handelt sich hierbei um eine Bezeichnungsregel, die die Zuordnung der Prädikate zu einem logischen Typus regelt.

Diese Antinomie bezieht sich auf die falsche logische Kategorisierung von Prädikaten: Von Prädikaten, wie von allen anderen syntaktischen Bausteinen, muß jederzeit gesagt werden können, ob sie sich selbst zukommen können oder nicht. Prädikate als logische Entitäten werden dabei bestimmt durch ihre Definition. Für das Prädikat imprädikabel zu sein (Impr), gilt folgende allgemeine Definition, die daher auch für den Fall der Selbstprädikation gelten müßte. Die Selbstprädikation wäre ja nur ein spezieller Anwendungsfall dieser allgemeinen Definition. F sei dabei zunächst eine Individualvariable für die gilt, daß für sie alles (also auch Prädikate) eingesetzt werden kann. Auch das Prädikat imprädikabel zu sein (Impr) müßte für F eingesetzt werden können:

(1) Impr (F) ≡ ~ F (F)

Diese allgemeine Definition des Prädikates „Imprädikabel“ scheint unumstößlich in allen Anwendungsfällen Geltung zu besitzen, auch wenn für die Variable F das Prädikat „Imprädikabel“ (Impr) selbst eingesetzt wird. In diesem Fall der Einsetzung ergäbe sich folgende Satzformel:

(2) Impr (Impr) ≡ ~ Impr (Impr)

Diese Satzformel ist aber logisch falsch, da die Satzformel Impr (Impr) nicht mit ihrer Negation äquivalent sein kann. (1) zufolge kommt durch die Prädikation (Impr) die Eigenschaft imprädikabel zu sein sich selbst zu, während (2) zufolge sie sich nicht selbst zukommt. Der allgemeine Ausdruck

F(F)

kann also nicht unqualifiziert als eine Satzformel (oder als Teil davon) zugelassen werden. Bei Einsetzung von Prädikaten kann dieser Ausdruck zu einem Widerspruch führen. Prädikate verhalten sich bei Einsetzung also anders als Individualausdrücke. Demnach muß zur Vermeidung des Widerspruchs als einer syntaktischen Regel eingeführt werden, daß Prädikate einen anderen logischen Typus haben als Individualausdrücke. Aus diesem Beispiel, das eines der Anstöße für die Entwicklung der Typentheorie wurde, wird ersichtlich, daß bei der Einsetzung für Variable unterschiedliche Ausdrücksarten unterschiedlichen logische Typen zugehören und daher anderen logischen Regeln folgen. Individualvariable haben den niedrigsten logischen Typus, dem alle anderen Typen übergeordnet sind. Bereits zusammengesetzte Argumentausdrücke gehören zu übergeordneten Typen. Eine Regel speziell für Prädikatausdrücke ist: Ein Prädikatausdruck kann stets nur Argumente eines logischen Typus haben, d.h. Argumente vom Typus der Individualvariablen.

(5.2.2) Der Begriff der Semantik:

Während sich demnach die Syntax nur mit der Aufstellung von Regeln für spezifizierte logische Systeme befaßt, bezieht sich die semantische Betrachtungsweise hingegen immer auf die Designata der verwendeten Sprache.311 Das muß näher erläutert werden: Das Verhältnis zwischen Zeichen und Zeichenbedeutung wird in semantischer Analyse philosophisch reflektiert. Dabei ist es ein Charakteristikum jedes konkreten Sprachsystems in der semantischen Perspektive stets deutbar zu sein. Jedes bestimmte logische Sprachsystem muß sogar gedeutet werden, um einen konkreten Inhalt zu bekommen.

Wenn es um die Erkenntnis des Gegenstandes geht, so müssen wir uns klar machen, daß mit der Deutbarkeit zugleich eine Spezifizierung von der semantischen zur syntaktischen Ebene der Sprachanalyse vorliegt. In ein und demselben semantischen System können unterschiedliche syntaktische Systeme ausgebildet werden. So sind auch nicht alle L-wahren Sätze eines semantischen Systems in einem entsprechenden syntaktischen Kalkül beweisbar. Während umgekehrt jeder L-wahre Satz, der nur Individualvariable enthält (also bereits interpretiert ist), im entsprechenden syntaktischen System beweisbar ist.

Ein Carnapsches Designatum bezieht sich dabei jedoch niemals auf die faktischen empirischen Gegebenheiten, sondern besteht entweder in einem Begriff (Intension eines Begriffes), oder in einem Begriffsumfang (Extension eines Begriffes). Entscheidend für Carnap ist, daß wir es also bei den Designata immer mit logischen statt mit faktischen Gegebenheiten zu tun haben.

Was der Satz besagt ist unabhängig von der Beobachtung der Übereinstimmung des Satzes mit den Fakten. Der Sinn des Satzes bestimmt nur „welche Fakten in Betracht kommen“, aber nicht, ob die Fakten so sind, wie der Satz es besagt:

Wenn ein Verfahren sich allein auf [...] die Sinnanalyse gründet, ohne den zweiten Schritt, Beobachtungen von Fakten, zu benötigen, so wollen wir es als logisch bezeichnen; wenn es den zweiten Schritt benötigt, so nennen wir es nicht-logisch, synthetisch, empirisch. Die Sinnanalyse bezeichnen wir daher auch als ‚logische Analyse’. Ebenso nennen wir alle Begriffe, deren Vorliegen aufgrund des ersten Schrittes alleine feststellbar ist, logische Begriffe;312

(5.2.3) Die Semantik hat die spezielle Aufgabe die traditionellen Begriffe, die die Beziehung zwischen logischen Zeichen und bezeichnetem Gegenstand betreffen, umzudeuten:

Ein neuer semantischer Wahrheitsbegriff in der Erkenntnistheorie wird entworfen, der auf der Grundlage des relationalen Erkenntnisbegriffs schon des Aufbau zu verstehen ist. So wird in Einführung in die symbolische Logik die Wahrheit eines Atomsatzes wie folgt definiert:

Ein einstelliger Atomsatz ai (aj) ist dann und nur dann wahr, wenn das Individuum, das die Extension von aj ist, zu der Klasse gehört, die die Extension von ai ist, mit anderen Worten, wenn dieses Individuum die durch ai bezeichneten Eigenschaften hat.313

Die Feststellung der Zugehörigkeit der Eigenschaft eines bestimmten Individuums zu einer Klasse stellt hier das Kriterium der Wahrheit dar. Diese Zugehörigkeit kann nur durch eine vieler möglicher Interpretationen von ai (aj) geschehen, die das Individuum und seine in Frage stehende Eigenschaft erkennen läßt. Es geht also nur noch um die richtige oder falsche Zuordnung von Individuen zu Klassen, die selbst wieder die semantischen Gegenstände der Sätze sind.

In diesem Sinne „semantisch“ ist bereits die Wahrheitswertanalyse der Sprache A der Einführung in die symbolische Logik. Die Wahrheitswerttafel drückt nämlich nichts anderes als die Wahrheitsbedingungen aus. Dies ist schon in der Analyse der Wahrheitsbedingungen für „A“ und „~ A“ gegeben:

Wahrheitswerttafel a

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für einen Satz benötigen wir mehr als zwei mögliche Bewertungen, wenn das Designatum für einen Satz „wahr“ „falsch“, oder „unentschieden“ sein kann. Es gibt aber auch nicht mehr als diese drei Bewertungsmöglichkeiten. So ist zum Beispiel für den folgenden Satz die Bewertung stets wahr, gleichgültig mit welchen Wahrheitswerten die individuellen Variablen versehen werden:

Wahrheitswerttafel b

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Satzformel ist in jedem der möglichen Fälle wahr. Die Bewertung in den vier möglichen Fällen der Bewertung lautet hier: „w w w w„. Für die Bewertung einer Satzformel als Ganzes gilt prinzipiell: Alle Möglichkeiten der Gesamtbewertung einer Satzformel sind erschöpft in den drei folgenden Schemata der Bewertungsmöglichkeiten von Sätzen:

Möglichkeit (1): WWWWWWWWWWWWWWWWW ... (wahr)

Möglichkeit (2): FFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFF ... (falsch)

Möglichkeit (3): WFFWFWFWWWWFFFWWWWWW ... (unentschieden)

Den Status von unentschiedenen Wahrheitswertbedingungen bzw. Designata in diesem Sinne stellen wieder Klassen bzw. „Extensionen der Ausdrücke“ dar.

Es ist daher der Einwand des Platonismus erhoben worden.314 Dieser besteht darin, daß der semantische Wahrheitsbegriff von der tatsächlichen Wahrheit von Aussagen in dieser Welt abstrahiert und Semantik ein „zeitlos-ideales Sein als bestehend voraussetzt.“315 Wahrheit ist kein vollkommen relativer Begriff, aber eine systemimmanente Eigenschaft. Es gibt nicht einen Begriff „wahr“, sondern der Wahrheitsbegriff hängt von dem gewählten semantischen System ab:

Innerhalb der Semantik kann von der Frage, ob eine Klärung von Begriffen ohne Aufweis der psychologischen Grundlagen möglich ist oder nicht, vollkommen abgesehen werden, denn ihr Standpunkt ist der, daß die semantischen Begriffe wie „wahr“, „erfüllt“, „bezeichnet“ im Rahmen der Metasprache definiert werden können ... .316

Nach welchem Kriterium werden aber adäquate von inadäquaten Wahrheitsbegriffen unterschieden? Die konkrete Verwendung des Begriffs „wahr“ findet nur aufgrund der Fruchtbarkeit des Begriffs für das Erkenntnisziel statt.

Daß auch Bedeutungen nur aufgrund der Wahrheitsregeln verliehen werden, findet sich besonders gut in Empiricism, Semantics and Ontology von 1950 herausgearbeitet. Auch in der Semantik, so Carnaps Ausführungen, bedeutet Empirizismus nicht, daß wir nur Sprachen verwenden können, in denen wir auf den Bezug auf abstrakte (also empirisch nicht faßbare) Gegenstände verzichten müssen. Ein empirizistisches Verständnis von Wahrheit bedeutet nicht, daß der Gegenstand, dem Wahrheit zugesprochen wird, ein empirischer Gegenstand ist. Die Sprache der Dingwelt („the world of things“) ist nicht der unhinterfragbare Rahmen der empirischen Weltbeschreibung. Es ist die Aufgabe des Philosophen (statt des Wissenschaftlers) letztlich den Rahmen dafür festzulegen, was für eine konkrete Sprache in den Wissenschaften verwendet werden soll, also auch die Selektion und Akzeptanz derjenigen Entitäten, über die in dieser Sprache gesprochen wird. Theoretisches Interesse (also auch das Interesse der Wissenschaften) hat jedoch durchaus auch Einfluß auf die Akzeptanz einer Sprache. Wissenschaftliches und logisches Interesse verbinden sich hierbei, z.B. in den von Carnap in diesem Zusammenhang aufgezählten Interessen: (1) Effizienz („efficiency“), (2) Brauchbarkeit („fruitfulness“) und (3) Einfachheit („simplicity“).317

Die Objektivenlehre Meinongs tat nur den ersten Schritt durch die von der Paradoxie cartesischer Denkmuster ernötigte Abstraktion der Sprachbedeutungen von den empirischen Fakten. Auch hier schon wird, wenn auch nur implizite, eigentlich nur noch von durch die semantischen Regeln gegebenen Carnapschen Wahrheitsbedingungen gesprochen. Der Bezug auf Wahrheitsbedingungen ist aber bei Meinong die noch nicht konsequent begründete Struktur der Sachverhaltslogik. Meinongsche Objektive sind nichts anderes als semantisch transformierte Erkenntnisgegenstände. Die Rede vom ontologischen Gehalt des Erkannten wird hier neu definiert, jedoch, wie ich bemüht war zu zeigen, erst Jahrzehnte später, in den frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, wird sie hinreichend begründet.

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Abschnitt (D) : Bibliographie:

(6)

(6.1) Primärliteratur:

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Abstract of the dissertation:

Until today there are attempts to strengthen the significance of the epistemic subject (epistemic agent) in the empiricist-scientific tradition in philosophy. The strategy of epistemic justification relies on this unquestionable Cartesian principle of all knowledge. It has become clear, however, ever since the time of classical empiricism that this strategy can only have paradoxical results rather than being coherent. David Hume’s scepticism was the endpoint of the attempt to establish a coherent empiricist theory of knowledge.

It was a break-through when the epistemic subject (epistemic agent) was declared irrelevant by the early Rudolf Carnap. This development which culminated in the publication of Logische Syntax der Sprache (1934) had become possible in the context of non-reductionist theories of knowledge which tried to reconciliate radical empiricism (positivism) with a concept of the epistemic subject as the bearer of knowledge. Austrian philosophy (Ernst Mach and Alexius Meinong among them) prepared the ground for such a significant development in philosophy. At the centre stood the quest for an adequate solution to the problem of intersubjective knowledge. Out of this quest the new areas of semantic and syntactic language philosophy grew and became important areas in philosophy.

The problem of intersubjective knowledge was the ultimate reason for this development and the reason for Rudolf Carnap’s abandonment of the traditional way of doing epistemology.

This thesis will contribute to an evaluation of the strategies of epistemic justification. Tracking the historical development will help us to appreciate the reasons for letting go the traditional concept of theory of knowledge back in the 1930ies. We will make these reasons useful for a discussion of contemporary theories in the philosophy of science.

[...]


1 Vittorio Hösle bemerkte in seinem Buch Philosophie der ökologischen Krise von 1994, daß die cartesische Entleerung der Natur von Sein seine Vorprägung durch das Christentum erhalten hat. Die Natur wird schon hier dem transzendenten Gott gegenüber seinsmäßig depotenziert, sie ist schon hier nichts „Aus-Sich-Seiendes“ mehr, „sondern Prinzipiat, dessen Sein von der Relation zum unendlichen Schöpfer abhängt.“ Hösle: Philosophie der ökologischen Krise (1994), 53.

2 Descartes: Leidenschaften der Seele (1984), Teil 1, Artikel 6.

3 Hösle: Philosophie der ökologischen Krise (1994), 53.

4 Hösle: Philosophie der ökologischen Krise (1994), 52.

5 Spinoza: Ethik V, Vorrede.

6 Schon Francis Bacon (1561-1626) spricht davon, daß menschliche Erkenntnis auf Reproduzierbarkeit von Naturvorgängen hinausläuft. Mit Descartes bekommt dieses Konzept nur seine erkenntistheoretische Grundlage: „Human knowledge and human power meet in one; for where the cause is not known the effect cannot be produced. Nature to be commanded must be obeyed; and that which in contemplation is as the cause is in operation as the rule.” Bacon: The New Organon, Book 1, § 3.

7 Hösle: Philosophie der ökologischen Krise (1994), 58.

8 Helmholtz: Philosophische Vorträge und Aufsätze (1971), 273.

9 „Jede unserer willkürlichen Bewegungen, durch die wir die Erscheinungsweise der Objekte abändern, ist als ein Experiment zu betrachten, durch welches wir prüfen, ob wir das gesetzliche Verhalten der vorliegenden Erscheinung, dh. ihr vorausgesetztes Bestehen in bestimmter Raumordnung, richtig aufgefaßt haben.“ Helmholtz: Philosophische Vorträge und Aufsätze (1971), 271.

10 In diesem Zusammenhang hat der Neukantianismus einen wichtigen Beitrag geleistet: Die Fischer-Trendelenburg-Debatte legt ein frühes Zeugnis dafür ab. Hier ging es zunächst um die richtige Auslegung von Raum und Zeit als Anschauungsformen. Diese Debatte hatte nicht nur große Öffentlichkeitswirksamkeit, sondern auch weitreichende Konsequenzen, da durch sie offensichtlich wurde, daß sowohl idealistische, wie auch realistische Interpretationen Kants für den transzendentalen Rahmen der Erkenntnisbegründung naturwissenschaftlicher Erkenntnis fruchtbar gemacht werden können. So streitet auf der realistischen Seite Friedrich Adolf Trendelenburg zwar eine rein objektivistische Interpretation von Raum und Zeit ab. Objektivität ist nicht reduzierbar auf empirische Objektivität, sondern vereinigt sich mit der Apriorität des Denkens dadurch, daß wir in der Erkenntnisbegründung nur von der formalen Beschaffenheit der Sinnlichkeit sprechen können („Idealrealismus“). Kuno Fischer bezieht hingegen die Position, daß Raum und Zeit „subjektivistisch“ aufzufassen sind. Gegenstand der Philosophie ist Fischer zufolge im strengen Sinne nur das reine Denken. Damit wandelt sich bei Fischer auch die Rolle der sinnlichen Anschauung: „Denn es sei doch wohl das Denken eine ‚notwendige’ Bedingung für die Anschauung und keineswegs, wie Trendelenburg wollte, die Anschauung eine Bedingung für das Denken ... .“ (Köhnke: Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus (1986), 264.) Es war jedoch erst Hermann Cohen in seiner Schrift „Zur Kontroverse zwischen Trendelenburg und Kuno Fischer“ (1871), der festhielt, daß auch der Konstruktivismus als konzeptualer Interpretation des sinnlich Gegebenen durchaus in den zeitgemäßen Naturwissenschaften vertretbar ist.

11 Cole: The Theory of Knowledge (2002), 47. So kann zum Beispiel Erkenntnis ausschließlich auf einem Kausalprozess beruhen. Der Glaube daß p der Fall ist, kann demnach nicht durch das herkömmliche Verständnis von Induktion gerechtfertigt werden, sondern nur durch die Ursachen von p. Darüberhinaus vertritt Goldman die These, daß auch der Prozess der Induktion nicht aus einem Beibringen von rechtfertigenden Gründen besteht, sondern aus kausalen Zusammenhängen. Goldman: A Causal Theory of Knowing (1993), 9.

12 Dieses Frühwerk Carnaps wird im Folgenden abgekürzt als Aufbau.

13 Alston: Varieties of Privileged Access (1971), 226. Wie William Alston gezeigt hat, kann das epistemische Privileg in nichts anderem bestehen als darin, daß kein Grund für Zweifel besteht. Alston wendet gegen die psychologische Unmöglichkeit einen Zweifel zu hegen ein, daß das zwar ein privilegierter Zugang ist, aber kein epistemisches Privileg.

14 Hösle: Hegels System, Bd. 1 (1988), 271.

15 Hösle: Die Krise der Gegenwart (1990), 214.

16 Für die Darstellung des Übergangs von der Naturphilosophie zu einem wissenschaftlichen Materialismus (z.B. Moleschott, Büchner und Czolbe) siehe Rueger: Conceptions of the Natural World (1790-1870) (2007), 22 ff.

17 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1 (1973), 119.

18 Carnap: ESO (1950), 39.

19 Carnap: PPS (1932/33), 108.

20 Carnap: PPS (1932/33), 108 f.

21 Carnap: PPS (1932/33), 108.

22 Carnap: VEW (1936), 36.

23 Carnap: VEW (1936), 39.

24 Carnap: LSS (1968), 8.

25 Carnap: LSS (1968), 225.

26 Hoffmeister (Hg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1955), Artikel: „Vorstellung“.

27 Eisler: Kant Lexikon (1989), Artikel: „Vorstellung“.

28 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 42.

29 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 180.

30 Husserl: Logische Untersuchungen, Bd. 2, Abschnitt 5, § 23.

31 Husserl: Logische Untersuchungen, Bd. 2, Abschnitt 5, § 37.

32 Husserl: Logische Untersuchungen, Bd. 2, Abschnitt 5, § 32 ff.

33 Vgl. Smith: Austrian Philosophy (1994), 33.

34 Schlick: Über das Fundament der Erkenntnis (1934), 90.

35 Schlick: Über das Fundament der Erkenntnis (1934), 84.

36 Schlick: Über das Fundament der Erkenntnis (1934), 85.

37 Schlick: Über das Fundament der Erkenntnis (1934), 86.

38 Albertazzi diskutierte jüngst weiterführend die These, ob Brentano ein Vorläufer der analytischen Tradition ist. Albertazzi: Immanent Realism (2006), 315.

39 Wittgenstein: Traktatus logico-philosophicus (1984), 2.0212 – 3.01.

40 Brentano: Psychologie vom empirischen.Standpunkt, Bd. 1 (1973), 8.

41 Marty: Elemente der deskriptiven Psychologie (1987), 50.

42 Marty: Elemente der deskriptiven Psychologie (1987), 50.

43 Marty: Elemente der deskriptiven Psychologie (1987), 51.

44 Marty: Elemente der deskriptiven Psychologie (1987), 57.

45 Hume: A Treatise of Human Nature (2000), Abschnitt 1.4.6. Vgl. auch Brentanos Paraphrasierung Humes in Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1 (1973), 24.

46 Lo>

47 Yost: Locke’s Rejection of Hypotheses about Sub-microscopic Events (1951), 111 ff.

48 Wentscher: Fechner und Lotze (1924), 47.

49 Marty: Elemente der deskriptiven Psychologie (1987), 55.

50 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1 (1973), 28.

51 McAlister: Chisholm and Brentano on Intentionality (1973), 153.

52 Brentano: Wahrheit und Evidenz (1974), 140; dasselbe Argument findet sich in der Darstellung von Reinhard Kamitz: Wahrheit und Evidenz (1983), 186.

53 Vgl. Kamitz: Wahrheit und Evidenz (1983), 186 f.

54 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 158 ff.

55 Brentano: Wahrheit und Evidenz (1974), 143.

56 Brentano: Wahrheit und Evidenz (1974), 125.

57 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1 (1973), 142.

58 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1 (1973), 180.

59 Brentano spricht auch von einer Vervielfältigung der Beziehung zu etwas als Objekt: Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 138 f.

60 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1 (1973), 181.

61 Es gibt aber einen Ersatz, der die Unmöglichkeit direkter innerer Beobachtung ausgleicht: So sind im Gedächtnis erinnerte Phänomene uns bewußt und insofern beobachtete Phänomene. Sh. Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1 (1973), 48.

62 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1 (1973), 41.

63 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 180.

64 Sh. z.B. Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 181 f.

65 Vgl. auch Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 181 f.

66 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 160.

67 Vgl. Chrudzimski: Intentionalität, Zeitbewußtsein und Intersubjektivität (2005), 17.

68 Kamitz: Deskriptive Psychologie (1987), 177.

69 Kamitz: Deskriptive Psychologie (1987), 178.

70 Meinong: ÜG (1904), 5.

71 Meinong: ÜG (1904), 20.

72 Meinong: ÜG (1904), 14.

73 Meinong: ÜG (1904), 15.

74 Meinong: ÜG (1904), 16.

75 Meinong: ÜG (1904), 27.

76 Meinong: ÜG (1904), 41.

77 Meinong: GA V, 197 - 366.

78 Meinong: GA V, 248.

79 Meinong: ÜG (1904), 28.

80 Meinong: ÜG (1904), 28.

81 Meinong: ÜG (1904), 44 f.

82 Meinong: SG, GA V, 215.

83 „Die Philosophie der Grazer Schule hat zwei Wurzeln: einerseits den britischen Empirismus und andererseits Franz Brentanos deskriptive Psychologie.“ Reicher: Die Grazer Schule (2001), 176.

84 In: Grazer Philosophische Studien 50 (1995), 573-590.

85 Potrč: Sensation according to Meinong and Veber (1995), 589.

86 Meinong: BEE, GA I, 182.

87 Meinong: BEE, GA I, 145.

88 „Sensation is protoepistemic because developmentally it has preceded the appearance of the higher epistemic. Sensation forms the basis of the higher epistemic, with which it is not identical.” Potrč: Sensation according to Meinong and Veber (1995), 574.

89 Potrč: Sensation according to Meinong and Veber (1995), 576.

90 Wie Potrč sagt, ist es auch so, daß abgesehen von der Perspektive des betreffenden Subjekts die Kausalbeziehung aus der Dritte-Person-Perspektive zugänglich sein muß: „A third party should be able to justifiedly recognize such a [causal] link.“ Potrč: Sensation according to Meinong and Veber (1995), 588.

91 Meinong: GHO, GA II, 408.

92 Meinong: EW, GA V, 432.

93 Meinong: GHO, GA II, 409.

94 Meinong: ÜA, 235.

95 Mach: Analyse der Empfindungen (1906), 278: „Die Psychologie ist Hilfswissenschaft der Physik. Beide Gebiete stützen sich gegenseitig und bilden nur in ihrer Verbindung eine vollständige Wissenschaft. Der Gegensatz von Subjekt und Objekt (im gewöhnlichen Sinne) besteht auf unserem Standpunkte nicht.“

96 Meinong: EW, GA V, 456.

97 Locke zufolge sind die sinnlichen Qualitäten der Gegenstände nicht in den physikalischen Körpern selbst lokalisiert, sondern haben ihre Eigenschaften nur für den Wahrnehmenden. Die „secondary qualities“ (Farben, Geruch- und Geschmackseindrücke, Töne etc.), die nur in der sinnlichen Wahrnehmung Bestand haben, hängen jedoch von den „primary qualities“, die Qualitäten sind, die sich in den physikalischen Körpern finden, ab. Für Locke bleibt aber das genaue Verhältnis zwischen „primary“ und „secondary qualities“ epistemisch nicht erfaßbar: „Besides this ignorance of the primary qualities of the insensible parts of bodies, on which depend all their secondary qualities, there is yet another and more incurable part of ignorance, which sets us more remote from a certain knowledge of the co-existence, or inco-existence (if I may say so) of different ideas in the same subject; and that is, that there is no discoverable connection between any secondary quality, and those primary qualities that it depends on.” Lo>

98 Rollinger hat über die geistige Aktnatur hinaus die propositionale Struktur der Wahrnehmung bei Meinong betont und gefolgert, daß der Meinongsche Wahrnehmungsgegenstand weder existiert noch besteht, sondern „zeitloses“ Sein hat. Rollinger: Meinong on Perception (1995), 453.

99 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 50.

100 Meinong: MW, GA VI, 89.

101 Meinong: MW, GA VI, 64; vgl. auch Meinong: MW, GA VI, 62.

102 Meinong: MW, GA VI, 60.

103 Meinong: MW, GA VI, 75.

104 Meinong: MW, GA VI, 71.

105 Meinong: MW, GA VI, 105.

106 Meinong: MW, GA VI, 99.

107 Meinong: MW, GA VI, 91.

108 Meinong: MW, GA VI, 266.

109 Meinong: MW, GA VI, 264.

110 Meinong: MW, GA VI, 264.

111 Meinong: MW, GA VI, 291.

112 Findlay: Meinong’s Theory of Objects and Values (1963), 103.

113 Schubert-Kalsi hat schon bemerkt, daß äußere Wahrnehmung nur mit Hilfe der inneren Wahrnehmung erklärt werden kann. Schubert-Kalsi: Meinong’s Theory of Knowledge (1987), 37.

114 Meinong: EW, GA V, 466.

115 Findlay: Meinong’s Theory of Objects and Values (1963), 7 f.

116 Findlay: Meinong’s Theory of Objects and Values (1963), 11.

117 Findlay: Meinong’s Theory of Objects and Values (1963), 13.

118 Meinong: GHO, GA II, 385.

119 Siehe z.B. Meinong: GHO, GA II, 394 ff.

120 Findlay: Meinong’s Theory of Objects and Values (1963), 22.

121 Findlay: Meinong’s Theory of Objects and Values (1963), 24 f.

122 Meinong: GHO, GA II, 395.

123 Mach: Analyse der Empfindungen (1906), 14.

124 Mach: Analyse der Empfindungen (1906), 17.

125 Ryle: Begriff des Geistes (1969), 281 ff.

126 Mach: Analyse der Empfindungen (1906), 20.

127 Meinong: EW, GA V, 453.

128 Meinong: EW, GA V, 451.

129 Eine kurze Darstellung Franz Webers als Hauptvertreter des slowenischen Zweigs der Grazer Schule findet sich in: Gombocz: Ende und kein Ende der Tradition der „Grazer Schule“ (2001).

130 Das hat auch Potrč festgestellt in: Sensation according to Meinong and Veber (1995), 587.

131 Sajama hat darauf aufmerksam gemacht, daß echte Erfahrung für Meinong darin besteht, daß an die Existenz des Gegenstands geglaubt wird, also durch ein rein epistemisches Kriterium von unechter Erfahrung unterschieden wird. Sajama: Hitting Reality (1995), 565 f.

132 Weber: Empfindungsgrundlagen (1987), 84.

133 Am Rande sei bemerkt, daß Jaegwon Kim richtig anmerkt, daß das Projekt des Aufbaus von Erkenntnis durch rein epistemische Begründungskriterien nicht nur von Descartes, sondern auch von den englischen Empiristen geteilt wurde (Kim: What is „Naturalized Epistemology“ (1994), 36).

134 Sh. Meinong: ÜG (1904).

135 Meinong: ÜG (1904), 10.

136 Meinong: ÜG (1904), 9.

137 Meinong: ÜG (1904), 12: „das Sein des Objektivs [ist] keineswegs allgemein auf das Sein seines Objektes angewiesen.“

138 Meinong: ÜG (1904), 11: „Ein Sein, dem prinzipiell kein Nichtsein gegenüberstände, wird man das überhaupt noch ein Sein nennen können?“ Vgl. die Darstellung des „Außerseins“, dem keine ontologische Determination mehr zukommt von Alessandro Salice (2005), 102ff. Salice verteidigt diese Interpretation als Meinongs ursprüngliche Lehrmeinung gegenüber Maria Reicher, die als einer möglichen Interpretation Meinongs im „Außersein“ eine Seinsweise sieht (sh. Reicher: Die Grazer Schule (2001), 183).

139 Findlay: Meinong’s Theory of Objects and Values (1963), 69.

140 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2 (1971), 52.

141 Marek konkretisiert das Problem der Zuordnung von Inhalt und Gegenstand: (1) das Problem, wie der Inhalt seinem nächsten Gegenstand zugeordnet ist, und (2) das Problem, wie einem Erlebnis ein vollständig bestimmter Gegenstand entsprechen kann, wenn doch Erlebnisinhalten immer nur unvollständige Gegenstände zugeordnet werden können (Marek: Zwei Gegenstände und ein Inhalt (1995), 352 ff).

142 Das hat Johann Marek bei Meinong gezeigt in seinem Aufsatz über Zwei Gegenstände und ein Inhalt (1995).

143 In der programmatischen Schrift Über Gegenstandstheorie (1904) findet sich gleich zu Anfang der Bezug auf diese Doppeltatsache, GA II, 485.

144 Meinong: ÜG (1904), 23 f.

145 Meinong: ÜA, 60.

146 Meinong: SG, GA V, 351 f.

147 Meinong: ÜG (1904), 25.

148 Meinong: ÜG (1904), 22.

149 Meinong: ÜG (1904), 15 f.

150 Modenato: Meinong’s Theory of Objects (1995), 99.

151 Meinong: SG, GA V, 143.

152 Modenato: Meinong’s Theory of Objects (1995), 109.

153 Modenato: Meinong’s Theory of Objects (1995), 108.

154 Husserl: Logische Untersuchungen, Bd. 1, 238.

155 Husserl: Logische Untersuchungen, Bd. 1, 71.

156 Meinong: SG, GA V, 148.

157 Meinong: GA V, 333.

158 Meinong: ÜA, GA IV, 49: Meinong spricht auch davon, daß wir das „Urteilserlebnis“ von seinem „Gegenstand“ unterscheiden müssen.

159 Meinong: ÜA, GA IV, 84.

160 Meinong: SG, GA V, 327.

161 Meinong: GA V, 329.

162 Meinong: GA V, 328.

163 Meinong: SG, in GA V, 327.

164 Modenato: Meinong’s Theory of Objects (1995), 102.

165 Meinong tut das in SG, GA V, 329.

166 Modenato: Meinong’s Theory of Objects (1995), 102.

167 Meinong: GA V, 333.

168 Meinong: SG, GA V, 251 f.

169 Siehe für die Abhängigkeit der Bedeutung vom empirischen Subjekt z.B.: Meinong: ÜA, 24-29.

170 Meinong: GA V, 455.

171 Für die Theorie des Drangs nach Existenz siehe z.B. Leibniz: On the Ultimate Origination of Things (1989), 150 f.

172 Burkhardt: Das Vorurteil zugunsten des Aktualen (1989), 163.

173 Meinong: ÜG (1904), 40 f.

174 Man kann durchaus von einer aufsteigenden Stufenleiter der Gegenstände (von den Objekten zu den Objekten höherer Ordnung und den Objektiven) sprechen (vgl. Salice: Urteile und Sachverhalte, 137), nicht jedoch von einer Erkenntnisbegründung durch Sinnesdaten aus der äußeren Wahrnehmung.

175 Meinong: SD, 22 f.

176 Carnap selbst verwendet diesen Ausdruck in: DR (1922), 66.

177 Vgl. Hösle: Die Krise der Gegenwart (1990), 125.

178 Der Raum muß eine Vorstellung sein und stellt keine Form der Dinge dar: „Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an sich, oder sie in ihrem Verhältnis aufeinander vor, d.i. keine Bestimmung derselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe, wenn man auch von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung abstrahierte. Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können vor dem Dasein der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori angeschaut werden.“ Kant: Kritik der reinen Vernunft, B 42.

179 Sh. Carnap: AER (1925), 332.

180 Carnap: DR (1922), 37.

181 Carnap: DR (1922), 63; 64.

182 Diese Position der Letztbegründung durch synthetische Sätze apriori ist auch heute nicht gänzlich veraltet. Jüngst ist sie wieder von Vittorio Hösle vertreten worden: „Synthetische Sätze a priori sind das Spezifikum der Philosophie, im Gegensatz zu den aposteriorischen Sätzen der empirischen Wissenschaften und den analytischen Sätzen der Mathematik.“Die Krise der Gegenwart (1990), Fußnote zu 223.

183 Carnap: DR (1922), 31.

184 Carnap: DR (1922), 60.

185 Carnap: DR (1922), 12.

186 Carnap: DR (1922), 60.

187 Carnap: DR (1922), 15 f.

188 Carnap: DR (1922), 6.

189 Für eine kurze Darstellung der Denkrevolution durch den Riemannschen Raum vgl. z.B. Kreck: Was ist ein Raum? In: www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca2_2001/kreck.html.

190 Kant: Kritik der reinen Vernunft, B 64.

191 Kant: Kritik der reinen Vernunft, B 68.

192 Carnap: DR (1922) folgt damit der Strategie von Ernst Cassirers Substanzbegriff und Funktionsbegriff von 1910.

193 Carnap: DR (1922), 23.

194 Carnap: ÜAP (1923), 90.

195 Carnap: LA (1979), § 15.

196 Mormann: Rudolf Carnap (2000), 84.

197 Carnap: LA, § 64.

198 Carnap: LA, § 67.

199 Carnap: LA, § 69.

200 Carnap: LA, § 106.

201 Carnap: LA, § 70.

202 Für eine Definition von Symmetie einer Beziehung siehe Carnap: LA, § 11.

203 Carnap: LA, § 77.

204 Carnap: LA, § 82.

205 Carnap: LA, § 83.

206 Carnap: LA, § 83.

207 Neurath: Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis (1981), 306.

208 Neurath: Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis (1981), 307 f.

209 Sauer hat die Einheitswissenschaft in ihrem Reduktionismus auf eine wissenschaftliche Methode weiter charakterisiert durch die damit verbundene historische „Frontstellung gegen die in der deutschen Philosophie ... verbreitete Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften einer- und Geisteswissenschaften (bzw. Kultur- und Geschichtswissenschaften) andererseits“. Sauer: Carnaps Konstitutionstheorie und das Programm der Einheitswissenschaft des Wiener Kreises (1987), 239.

210 Frege: Der Gedanke (1986), 43.

211 Carnap: PB (1926), 7.

212 Schon Werner Sauer bemerkte, daß der epistemische Bezug auf die „unmittelbaren Elementarerlebnisse“ der Bezug auf etwas Gegebenes ist, der jedoch eher für die Einheitswissenschaft als für das Konstitutionssystem charakterisitisch ist (vgl. Sauer: Carnaps Konstitutionstheorie (1987)).

213 Carnap: ANL (1930), 26.

214 Carnap: ANL (1930), 24.

215 Sauer: Carnaps Konstitutionstheorie (1987), 238.

216 Bei Russell haben Relationen über die Funktion von Propositonalfunktionen hinaus beschreibende Funktionen. Propositionalfunktionen haben per definitionem immer einen mehrdeutigen Wert, denn Propositionalfunktionen bestimmen nur Klassen. Relationen sind darüberhinaus noch leistungsfähiger: Russell & Whitehead: Principia Mathematica, Übers. Hans Mokre, 26; 48 ff. Der Aufbau folgt dieser Auffassung durch seine Unterscheidung von Klassen und Relationen: Während Klassen Extensionen von Aussagefunktionen mit nur einer Argumentstelle sind, sind Relationen Extensionen von Aussagefunktionen mit mehreren Argumentstellen. Sie sind daher als Beschreibungsmittel aussagekräftiger: „Aus der Unterscheidung der Argumentstellen entspringt die Fähigkeit der Relationen, Ordnung zu stiften; daher die Bedeutung der Relationstheorie zur Darstellung der Ordnung auf irgend einem Gebiet.“Aufbau, § 34. Auf höherer Stufe sind Relationen dann auch Klassen, nämlich Klassen von Paaren, wie schon Russell und Whitehead bemerken: Principia Mathematica, Übers. Hans Mokre, 41.

217 Gottlob Frege bestimmte den Wahrheitswert als den ausschließlichen Referenten eines Satzes. Wahrheit ist für Frege dabei keine Eigenschaft eines Dinges, sondern die Eigenschaft eines Gedankens (Frege: Der Gedanke, In: Logische Untersuchungen (1986), 34). In Anlehnung an Michael Dummetts These, daß Freges Kontextprinzip der Bedeutung die Referenzbeziehung betrifft und unter der weiteren von Dummett gemachten Voraussetzung , daß Frege metaphysischer Realist war, können wir jedoch trotzdem davon sprechen, daß Freges Bedeutungstheorie zwischen (1) der Referenz auf empirische Gegenstände und (2) der Referenz, die durch den Wahrheitswert eines Satzes definiert ist, unterscheidet, wenn auch (2) die eigentliche Referenzbeziehung ist. Die Referenz auf empirische Gegenstände ist gegeben, weil die Bedeutung zwar einerseits nicht von Raum und Zeit des Trägers einer Vorstellung abhängen. Andererseits ist die Wahrheit zeitlos und unabhängig von ihrer Entdeckung. Frege: Der Gedanke (1983), 42; 50.

218 Frege: Über Begriff und Gegenstand (1892), 198.

219 Carnap: LA, § 28.

220 Carnap: LA, § 33.

221 Quine spricht von einer historisch neuen Konzeptionierung der logischen Gewißheit, die nicht allein von Faktualität, sondern von tautologischem Sprachgebrauch (im Carnapschen Sinne) ausgeht: „Brutus tötete Cäsar“ ist nicht nur wegen dem Akt des Tötens wahr, sondern gleichermaßen wegen unserem Gebrauch der Satzteile. Quine: Carnap and Logical Truth (1963), 386.

222 Lorenz: Elemente der Sprachkritik (1970), 56.

223 Krauth: Die Philosophie Carnaps (1970), 19.

224 Exemplarisch formuliert in: Carnap: ÜM (1931).

225 Carnap: ÜM (1931), 237.

226 Carnap: Erkenntnis 2 (1931), 224.

227 Mormann: Rudolf Carnap (2000), 72.

228 Carnap: ÜM (1931), 232.

229 Carnap: ÜM (1931), 225.

230 Carnap: ÜM (1931), 235.

231 Carnap: LA, § 66.

232 Carnap: LA, § 15.

233 Carnap: LA, § 27.

234 Carnap: LA, § 55.

235 Carnap: LA, § 48.

236 Carnap: LSS (1968), 10.

237 Quine: Two Dogmas of Empiricism (1963), 42.

238 In: Ratio 19 (1977), 170-176.

239 In: Grazer Philosophische Studien 23 (1985).

240 Kant: Kritik der reinen Vernunft, B 74.

241 Cassirer: Substanzbegriff und Fuktionsbegriff (2000), 349.

242 Cassirer: Substanzbegriff und Funktiosbegriff (2000), 4.

243 Richardson: Logical Idealism and Carnap’s Construction of the World (1992), 67.

244 Carnap: LA, § 180.

245 Vgl. Friedman: A Parting of the Ways (2000), 121 und Friedman: Carnap’s Aufbau Reconsidered (1987), 529.

246 Richardson: Logical Idealism and Carnap’s Construction of the World (1992), 60.

247 Carnap: LA, § 177.

248 Richardson: Logical Idealism and Carnap’s Construction of the World (1992), 82.

249 Friedman: A Parting of the Ways (2000), 120: „ ... unlike Schlick, he (Carnap) then has no problem at all of relating the formal system of signs constituting scientific knowledge to an extrinsic realm of ‘reality’ lying wholly outside of this system. And this is one important respect, as we also saw in chr. 5, in which Carnap’s view is in fact closely analogous to that of the Marburg School. As we have also seen, however, Carnap’s use of purely structural definite descriptions involves, at the same time, a fundamental disagreement with the ‘genetic’ conception of knowledge. For, as is clearly indicated in the above quotation, purely structural definite descriptions suffice fully to define or ‘constitute’ their objects at definite finite stages of Carnap’s constitutional procedure. … ”.

250 Tsou: Justification of Concepts in Carnaps “Aufbau” (2003), 680 f.

251 Carnap: LA, § 66.

252 Carnap: SP (1966), 71.

253 Lewis: Mind and World Order (1956), 128.

254 Carnap: LA, § 16.

255 Mach: Analysis of Sensations (1906), 29.

256 Friedman: Carnap’s Aufbau Reconsidered (1987), 525.

257 Friedman: Carnap’s Aufbau Reconsidered (1987), 529.

258 Carnap: SP, § 2.

259 Carnap: SP, § 3.

260 Carnap: SP, § 6.

261 Carnap: SP, § 4.

262 Ayer: Carnap’s Treatment of the Problem of Other Minds (1963), 270.

263 Ayer: Carnap’s Treatment of the Problem of Other Minds (1963), 271.

264 Ayer: Carnap’s Treatment of the Problem of Other Minds (1963), 277.

265 Ayer: Carnap’s Treatment of the Problem of Other Minds (1963), 281.

266 Halbfass: Artikel „Phänomenalismus“. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 7 (1989), 484.

267 Der Begriff des Interphänomens wird in Reichenbachs Philosophische Grundlagen der Quantenmechanik (Erster Teil, § 6) erklärt. Demnach sind z.B. Bewegungen von Elektronen vor Zusammenprall mit anderer Materie Interphänomene, also eine Art von Phänomenen, die durch komplizierte Schlußketten eingeführt werden.

268 Stegmüller: Der Phänomenalismus und seine Schwierigkeiten (1968), 7 f.

269 Eine kurze Darstellung des “evil demon scenario” findet sich in Cole: The Theory of Knowledge (2002), 21; 23. René Descartes versuchte dieser vernichtenden Kritik des „cogito ergo sum“ Arguments durch den Beweis der Existenz Gottes entgegenzuwirken. Dies geschieht in den 1641 publizierten Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, genauer in letzten drei Paragraphen der fünften „Meditation“: „Denn ich kann mir einreden, ich sei von der Natur so geschaffen, daß ich mich bisweilen selbst in dem täusche, was ich am klarsten einzusehen meine, zumal ich mich entsinne, häufig vieles für wahr und gewiß gehalten zu haben, von dem ich dann in der Folge durch andere Gründe bestimmt wurde zu urteilen, es sei falsch.

Weil ich aber zugleich mit der Existenz Gottes auch einsehe, daß alles übrige von ihm abhängt und daß er kein Betrüger ist, und weil ich daraus schließe, daß alles, was ich klar und deutlich erfasse, notwendig wahr ist, selbst wenn ich nicht weiter auf die Gründe achte, aus denen ich geurteilt habe, daß es wahr sei, sondern mich nur entsinne, es klar und deutlich durchschaut zu haben, so läßt sich anschließend kein Gegengrund mehr beibringen, der mich zum Zweifel verleiten könnte, sondern ich besitze hiervon ein wahres und sicheres Wissen. Und das nicht nur hiervon, sondern auch von allem übrigen, das ich mich entsinne, früher einmal bewiesen zu haben, so von der Geometrie und dergleichen. Denn was will man mir jetzt entgegnen? Etwa ich sei so geschaffen, daß ich mich häufig täusche? Aber ich weiß bereits, daß ich mich in dem, was ich deutlich einsehe, nicht täuschen kann. [...] Und so sehe ich ganz klar, daß die Gewißheit und die Wahrheit jeder Wissenschaft einzig von der Erkenntnis des wahren Gottes abhängt, so sehr, daß ich, bevor ich ihn nicht erkannte, nichts über irgendeine andere Sache vollkommen wissen konnte.“ Descartes: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie (1959), 127 f. Innere Evidenz soll unter der Voraussetzung der Existenz Gottes ein hinreichendes Kriterium sein, um die Gewißheit der Erkenntnis herzustellen. Wie Peter Cole in The Theory of Knowledge bemerkt, ist dieses Argument zur Rettung internaler Erkenntniskriterien jedoch in der modernen Erkenntnistheorie mehrheitlich nicht akzeptiert worden (Cole: The Theory of Knowledge (2002), 23).

270 Ein globaler Skeptizismus wurde z.B. von Keith Lehrer vertreten in: Why Not Scepticism? (1993) Hilary Putnam hat in seinem Vernunft, Wahrheit und Geschichte (1981), 21 den globalen Skeptizismus illustrierend das Experiment angestellt, daß wir unser Gehirn in einem Behälter aufbewahrt vorstellen und es elektrisch so stimuliert wird, daß wir die scheinbare, aber nicht die wirkliche Erfahrung haben, mit der wir vertraut sind. Dementsprechend wären aber über einen Erkenntnisskeptizismus hinaus unsere Erfahrungen keine Erfahrungen der wirklichen Welt und wir bezögen uns mit unseren Worten nicht auf die Dinge, auf die wir uns beziehen.

271 Carnap: PPS (1932/33), 116.

272 Carnap: PPS (1932/33), 108.

273 Ayer: The Meaning of Life and Other Essays (1990), 90.

274 Carnap: AER (1925), 336.

275 In: Kant-Studien 28 (1923), 90-107.

276 Wittgenstein: Traktatus logico-philosophicus (1984), 2.18.

277 Carnap: VEW (1936), 40.

278 Rudolf Carnap, am 21. 11. 1926: Archives for Scientific Philosophy, University of Pittsburgh Libraries, Rudolf Carnap Collection. Archivnummer 029-19-03.

279 Vgl. Manninens Darstellung des Übergangs vom Solipsismus zum Physikalismus: „Wie entstand der Physikalismus?“ In: Nachrichten. Forschungsstelle und Dokumentationszentrum für Österreichische Philosophie 10 (2002), 37.

280 Stegmüller: Der Phänomenalismus und seine Schwierigkeiten (1968), 14.

281 Carnap: VEW (1936), 39.

282 Carnap: VEW (1936), 39.

283 Stegmüller: Der Phänomenalismus und seine Schwierigkeiten (1968), 28.

284 Stegmüller: Der Phänomenalismus und seine Schwierigkeiten (1968), 26.

285 Ernst Mach’s Vienna (2001), 162.

286 Carnap: LA, § 100.

287 Runggaldier: Carnap’s Early Conventionalism (1984), 71.

288 Wertheimer: Gestalt Theory (2001), 4.

289 Wertheimer: Gestalt Theory (2001), 1.

290 Schlick: Über das Fundament der Erkenntnis (1934), 80.

291 Carnap: ÜP (1932/33), 227 f.

292 Carnap: LA, § 30.

293 Carrier: Artikel „Realismus, wissenschaftlicher“. In: Jürgen Mittelstraß (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 3 (1995), 507.

294 Putnam: What is Realism? (1984), 145.

295 Rescher: Scientific Realism (1987), 14.

296 Konvergenz mit der Wirklichkeit wird auch von Larry Laudan und Hilary Putnam abgelehnt. Hilary Putnam lehnt Konvergenz durch einen veränderten Wahrheitsbegriff ab. Wahrheit wird nicht durch Korrespondenz, sondern durch Beweisbarkeit definiert. Sh. Putnam: What is Realism? (1984), 148. Laudan sagt, daß empirisch erfolgreiche Theorien keinen Referenzbezug haben müssen: „The realist’s claim that we should expect referring theories to be empirically successful is simply false.“ Laudan: Confutation of Convergent Realism (1984), 223.

297 Rescher: Scientific Realism (1987), 20 f.

298 Rescher: Scientific Realism (1987), 26 ff.

299 Rescher: Scientific Realism (1987), 29.

300 McMullin spricht davon, daß im Realismus Wahrheit als Korrespondenz aufgefaßt wird, wenn auch nur in einer idealen Wissenschaft, die eine Grenze der erreichbaren Wirklichkeitserkenntnis darstellt. Der Realismus bestreite die Doktrin, daß selbst die ideale Wissenschaft falsch sein könnte, in dem Sinne einer Korrespondenz mit der Außenwelt. McMullin: A Case for Scientific Realism (1984), 23.

301 Rescher: Scientific Realism (1987), 148.

302 In: Laudan: Confutation of Convergent Realism (1984), 229.

303 van Fraassen: The Scientific Image (1980), 19.

304 Carnap: Logische Syntax der Sprache (1934), 51.

305 Daß der Sprachgebrauch die Lösung des Intersubjektivitätsproblems bringt, ist auch schon vom späten Ludwig Wittgenstein erkannt worden. Philosophische Untersuchungen, 3. Teil. Diese nur sehr allgemeine Einsicht, so meine These, hat schon beim frühen Carnap weitreichende Konsequenzen gehabt und führt bei ihm schon vor den Philosophischen Untersuchungen zu einer Transformation der Erkenntnistheorie.

306 Carnap: LSS (1968), 207.

307 Alston: Has Foundationalism been refuted? (1993), 44.

308 Alston: Has Foundationalism been refuted? (1993), 45.

309 Stegmüller: Das Wahrheitsproblem und die Idee der Semantik (1957), 175 f.

310 Carnap: Einführung in die symbolische Logik (1954) 74 f.

311 Stegmüller kennzeichnet die Semantik als Vorgehensweise philosophischen Denkens folgendermaßen: „Die Untersuchungen in der Semantik sind dadurch gekennzeichnet, daß keine Beschränkung auf die Analyse der sprachlichen Ausdrücke als solcher und ihrer Relationen zueinander erfolgt, sondern dasjenige mitberücksichtigt wird, worüber in den Sätzen der Objektsprache gesprochen wird. Ob nun die Methode der Bezeichnungsrelation oder die Methode der Extensionen und Intensionen gewählt wird, immer wird hier der Bereich jener Gegenstände mit in Betracht gezogen, auf den sich die Ausdrücke der Objektsprache beziehen. Alle spezifisch semantischen Prädikate wie ‚bezeichnet’, ‚L-bezeichnet’, ‚erfüllt’, ‚wahr’ usw. bringen direkt oder indirekt (...) die Beziehungen zwischen sprachlichen Ausdrücken und ihren Bedeutungen zur Geltung.“ Stegmüller: Das Wahrheitsproblem und die Idee der Semantik (1957), 174.

312 Carnap: Einführung in die symbolische Logik (1954), 15.

313 Carnap: Einführung in die symbolische Logik (1954), 89.

314 Stegmüller: Das Wahrheitsproblem und die Idee der Semantik (1957), 216 ff.

315 Stegmüller: Das Wahrheitsproblem und die Idee der Semantik (1957), 216.

316 Stegmüller: Das Wahrheitsproblem und die Idee der Semantik (1957), 224.

317 Carnap: ESO, 23.

228 von 228 Seiten

Details

Titel
Intersubjektivität der Erkenntnis bei Alexius Meinong und dem frühen Rudolf Carnap
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
2.25
Autor
Jahr
2008
Seiten
228
Katalognummer
V1146675
ISBN (eBook)
9783346534057
ISBN (Buch)
9783346534064
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erkenntnistheorie, erkenntnistheoretischer Internalismus, erkenntnistheoretischer Externalismus, Geschichte der Logik
Arbeit zitieren
Aaron Fellbaum (Autor:in), 2008, Intersubjektivität der Erkenntnis bei Alexius Meinong und dem frühen Rudolf Carnap, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146675

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