Das glückliche Paar

Die Ehefindung und –schließung in Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Der Gesellschaftsroman
2.1 Die Rolle der Frau im Gesellschaftsroman
2.2 Der Gesellschaftsroman und die Frauen bei Theodor Fontane

3 Die Situation der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

4 Gender-orientierte Betrachtung der Hauptfiguren
4.1 Die Frauen des „Stechlins“
4.1.1 Gräfin Melusine von Barby
4.1.2 Komtesse Armgard von Barby
4.2 Der junge Woldemar von Stechlin und sein Weg zum „Glück“

5 Der Vergleich des Frauen- und damit verbundenen Ehebildes des 19. Jahrhunderts mit dem des „Stechlins“

6 Literaturverzeichnis

1 Vorwort

„Wichtiger sind doch zuletzt immer die Damen, die Gräfin und die Komtesse. Welche wird es? Ich glaube, wir haben schon mal darüber gesprochen […]. Viel Vertrauen zu Freund Woldemars richtigem Frauenverständnis hab ich eigentlich nicht, aber ich sage trotzdem: Melusine.“ „Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es im Stillen auch.“[1]

Diese Mutmaßung von Czako, dem Freund des Protagonisten Woldemars, möchte ich gern ganz an den Anfang meiner Ausführungen stellen, da sie genau den Konflikt beinhaltet, der den Schwerpunkt dieser Arbeit darstellen soll. Auf den folgenden Seiten möchte ich mein Interesse auf das Liebesverhältnis Armgards zu dem jungen Stechlin sowie auf die Rolle der Gräfin Melusine in dieser Beziehung richten.

Theodor Fontane selbst beschreibt in einem Brief an seinen Zeitschriftenverleger den Inhalt seines Romanes „Der Stechlin“ wie folgt: „Zum Schluss stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“[2] Ich möchte gern im Zuge meiner Hausarbeit versuchen, einen anderen Blickwinkel auf den Roman zu entwickeln, den Weg zur Eheschließung in den Vordergrund zu stellen und mit der Realität des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu vergleichen, zu dessen Zeitpunkt sich gerade eine neue Auffassung von Ehe herausbildete. Heiratsgründe waren nun nicht mehr vordergründig Geld und Standesmäßigkeit, sondern auch Liebe und Zuneigung wurden zur offiziellen Rechtfertigung der Ehegründung.

Um diese Thesen auf den „Stechlin“ von Theodor Fontane beziehen zu können, muss auf den folgenden Seiten eine Betrachtung der soziokulturellen Frauen- und Ehebilder des 19. Jahrhunderts Erwähnung finden, denn das Grundrecht der Frau sowie das allgemeine Leben der Bürgerinnen und Adligen spielt eine wichtige Rolle im Vergleichsprozess mit dem literarischen Werk Theodor Fontanes.

Der soziokulturelle Schnittpunkt soll folglich Betrachtung in der gender-orientierten Analyse finden, und es soll sich herauskristallisieren, dass es sich bei dem vorliegenden Roman um einen Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts handelt.

Im Mittelpunkt steht das Gender als ideologisches und soziokulturelles Konstrukt - Geschlecht meint hier also das Wissen, das die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau mit Bedeutung belegt sind.[3]

2 Der Gesellschaftsroman

Der Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts behandelt vor allem gesellschaftliche Strukturen. Er beschreibt verschiedene soziale Schichten (bevorzugt Groß- und Kleinbürgertum sowie das Proletariat) durch präzise Millieuzeichnungen. Gesellschaftskritik wird nicht direkt, sondern durch Arrangement der ausgewählten Wirklichkeitsausschnitte geübt – sie erschließt sich also aus unterschiedlichsten Schilderungen im Roman.[4]

Im Mittelpunkt dieses Romangenres steht folglich die Frage nach generellen gesellschaftlichen Veränderungen – tradierte Strukturen und Denkweisen der Gesellschaft werden in Frage gestellt, und soziale Probleme werden zum Hauptgegenstand des Gesellschaftsromans.

Der Handlungsablauf erfolgt nicht nach dem Prinzip der Steigerung sondern vielmehr nach dem Prinzip ausführlicher Darstellung gleichzeitig ablaufender Handlungsstränge. So findet man im „Stechlin“ drei bedeutsame gleichzeitig ablaufende Plots vor – die Lebensgeschichte des Dubslavs Stechlin, die Partnerwahl seines Sohnes sowie das gesellschaftliche und politische Leben der Freunde Woldemars.

Um die gesamte Breite der gesellschaftlichen Realität und damit verbundenen Problemen abzubilden, kehrt sich der Gesellschaftsroman vom Individuellen ab. Das Kollektive steht im Vordergrund – so auch im „Stechlin“, in dem beispielsweise Diskussionen und Gespräche zwischen mehreren Protagonisten das Gesamtgeschehen dominieren.[5]

Da die Realität Abbildung im Gesellschaftsroman findet, kommt auch der Darstellung der Frau eine größere Bedeutung zu.

2.1 Die Rolle der Frau im Gesellschaftsroman

Vielseitige wirtschaftliche, soziokulturelle und politische Veränderungen des 19. Jahrhunderts führen dazu, dass unter anderem die Selbstverständlichkeit der Rolle der Frau in Frage gestellt wird.

Frauenverächter wie die Philosophen Nietzsche, Schopenhauer und Weininger versuchen Bevormundung und Unterdrückung der Frauen ideologisch zu fördern. Doch es regt sich Widerstand. Nach der Revolution von 1848 entwickelt sich in Deutschland eine Frauenbewegung, die Gleichbehandlung bei der Scheidung und politische Gleichberechtigung fordert. 1865 wird der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ gegründet.

So findet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Status der Frau, ihre Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit in der Literatur Einklang – die Frauenproblematik dieser Zeit wird im „Frauenroman“ bearbeitet, in der Unterhaltungsliteratur ebenso wie von den großen Autoren des europäischen Genres der Ehebruchromane wie etwa von Gustave Flaubert („Madame Bovary“, 1856), Lev Tolstoj („Anna Karenina“, 1875-1877) und Fontane mit „Effi Briest“, seinem populärsten Roman.[6]

Noch bis hin zum Realismus werden Frauen stereotyp dargestellt ohne große Ausdifferenzierung der Persönlichkeit und als Objekte des Mannes. Doch im 19. Jahrhundert ändert sich diese versteifte Abbildung, und es werden in der Literatur eine Vielzahl von verschiedenen Frauencharakteren präsentiert – leidenschaftliche, pflichtbewusste Frauen, liebende Gattinnen…

Im Mittelpunkt der Autoren steht zunehmend die Darstellung der Ehe. Die Ehefindung als Konflikt oder Problem wird thematisiert, denn hier handelt es sich um ein gesellschaftliches Problem, dass im Gesellschaftsroman Erwähnung finden muss.

2.2 Der Gesellschaftsroman und die Frauen bei Theodor Fontane

Für viele literarische Frauenfiguren des 19. Jahrhunderts ist die Abhängigkeit von Männern in der männerdominierten Welt bittere Wirklichkeit. Doch nicht bei Fontane – in seinen Romanen nehmen weibliche Handlungsträger einen großen Stellenwert ein. Zweierlei ist dabei bemerkenswert. Einerseits sind die Frauen in seinen Romanen keineswegs bloß „Abziehbilder traditioneller Rollenzuschreibungen, durchaus nicht Opfer der Männergesellschaft“.[7] Sie wehren sich zuweilen vehement gegen die Zumutungen eines männerorientierten Systems, was ich in Kapitel drei noch genauer ausführen möchte.

Andererseits profiliert sich Fontane in seinen Schriften und Briefen nicht als Streiter für die Rechte und die Emanzipation der Frau[8].

Am 6. Mai 1870 äußert sich Fontane flapsig in einem Brief an seine Frau zur Debatte über das Frauenstimmrecht: „Man kann allen diesen Dingen gegenüber sagen: ,warum nicht!’ aber doch noch mit größerem Recht: ,wozu?’.“[9] Trotzdem wettert er beinahe leidenschaftlich gegen Schopenhauers haarsträubende Frauenfeindlichkeit – aber das bleibt eine Ausnahme. Er „schwärme für Frauen“[10], so Fontane in einem Brief vom 6. Dezember 1894. Höchst aufmerksam registriert er in seinen Briefen und Tagebüchern hübsche Frauen, die er bei Gesellschaften antrifft. Wenn Fontane Frauen ganz in den Mittelpunkt der meisten seiner erzählerischen Arbeiten rückt, so wohl deshalb, weil sich an Frauenfiguren seiner Zeit der Konflikt individueller Bedürfnisse und Sehnsüchte mit gesellschaftlichen Normen besonders eindrucksvoll zeigen lässt. Im freien Raum der Fiktion kann Fontane auch eigene Wünsche, Phantasien und Erfahrungen ausleben und verarbeiten, auf bestimmte Personen projizieren, wie zum Beispiel die ebenso geistvolle wie erotische Gräfin Melusine im „Stechlin“.[11]

3 Die Situation der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

Mit dem Aufkommen des Bürgertums im 18. / 19. Jahrhundert verschlechterte sich die rechtliche und soziale Stellung der Frau zunehmend – Frauen wurden mehr und mehr in die private, familiäre Sphäre abgedrängt und in ihrer Freiheit und Selbstständigkeit immens eingeschränkt.

Die preußisch-deutsche Gesellschaft, die den historischen Hintergrund der Fontaneschen Romane bildet, war absolut patriarchalisch strukturiert. Das „Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten“ (gültig bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900) und vergleichbare Rechtsvorschriften in den anderen deutschen Ländern, machten den Mann zum Vormund der Frau. Ohne seine Genehmigung durfte die Frau keine Rechtsgeschäfte tätigen noch einen Beruf ausüben.[12]

Die Ehe war ein „Normalzustand“ im 19. Jahrhundert.

Bis zur Eheschließung unterlag die Tochter der Autorität des Vaters – mangelhafte Bildungsmöglichkeiten erschwerten eine wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau. Außerdem war Arbeit als Broterwerb für eine bürgerliche oder adlige Dame unstatthaft.

Weiterhin hatte sich eine Frau an strikte Verhaltensregeln zu halten.

Auch wenn sich im 19. Jahrhundert mehr und mehr die Liebesehe durchsetzte, benutzte der Adel die Ehe allgemein weiterhin als „politisches Instrument eigener Machtansprüche oder als ökonomische Sicherung von Ländereien, in der eine Zuneigung zwischen Ehepartnern nicht der entscheidende Faktor ist.“[13] Die Vernunftehe blieb also weiterhin bestehen und in dieser lag das Gewicht nicht auf Sinnlichkeit oder Sexualität, sondern bildete ein

„generalstabsmäßig geplantes Unternehmen mit klar definierten Zwecken und Aufgaben.“[14]

Die Ehe war im Adel und Bürgertum einfach die „natürliche“ Bestimmung des Mädchens, während der Mann auch als Junggeselle gesellschaftliche Anerkennung erfuhr. Die bürgerliche unverheiratete oder gar geschiedene Frau wurde sozial nicht akzeptiert und war wirtschaftlich nicht überlebensfähig und somit abhängig von Verwandten und Bekannten. Häufig kam es zu dieser Zeit auch zu einer elterlichen Bevormundung bei der Wahl des Ehepartners, um dieser wirtschaftlichen Not aus dem Weg zu gehen.[15]

Das Allgemein Landrecht sah den Hauptzweck der Ehe in der Erzeugung, Sicherung und Erziehung der Nachkommen, um das Geschlecht aufrecht zu erhalten.

„Der Wirkungsbereich der Frau war einzig und allein auf das Haus beschränkt. Von Kind an wurde sie für dieses Dasein erzogen. Ihre Pflichten bestanden lediglich darin, für die Nachkommen zu sorgen, eine heitere Atmosphäre zu schaffen, eine gute Repräsentantin des Hauses zu sein und auf Festivitäten reizend auszusehen.“[16]

Opferbereitschaft und Unterordnungswille waren Wesensbestandteile der weiblichen Natur und die sicherste Quelle ihres Glücks.[17]

Eheliche Treue war für eine Frau selbstverständlich einzuhalten und wurde bei Missachtung hart geahndet.

Während also der Mann in der Familie die dominierende Verfügungsgewalt inne hatte, hatte die Frau ihm weitestgehend Gehorsam zu leisten. Die Frau galt förmlich als Marionette in der Gesellschaftsstruktur des 19. Jahrhunderts, hatte sich unterzuordnen und zu gehorchen.

Im Adel jedoch verlief diese Wandlung etwas anders. Adlige Frauen konnten sich finanziell meist abgesichert fühlen und daher war die Abhängigkeit - außer mit gesellschaftlicher Ächtung - nicht mit immensen wirtschaftlichen Einbussen verbunden. Doch waren die Aufgaben der adligen Frau genauso verteilt wie die der bürgerlichen – sie war förmlich „Spielzeug eines Mannes“ – freiwillig oder auch unfreiwillig. Hier ist es nun spannend, Fontanes Frauenfiguren entgegenzusetzen und im Folgenden möchte ich gern erläutern, wie der Romanautor Gesellschaftskritik übt, indem er die Frauenfiguren im „Stechlin“ fast konträr

zur Realität zeichnet.

[...]


[1] Fontane, Theodor: Der Stechlin. Husum / Nordsee, Hamburger Lesehefte Verlag 2005, S. 178 / 179

[2] Pelster, Theodor: Literaturwissen. Theodor Fontane. Ditzingen, Reclam 2002, S. 78

[3] vgl. Harnisch, Antje: Keller, Raabe, Fontane. Geschlecht, Sexualität und Familie im bürgerlichen Realismus. Frankfurt am Main, Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften 1994, S. 11

[4] vgl. Beintmann, Cord: Theodor Fontane. München, Deutscher Taschenbuch Verlag 1998, S. 95

[5] vgl. Müller-Seidel, Walter: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. Stuttgart / Weimar, Verlag J.B. Metzler 1994, S. 22-25

[6] vgl. Beintmann, Cord: Theodor Fontane. München, Deutscher Taschenbuch Verlag 1998, S. 110-114

[7] Beintmann, Cord: Theodor Fontane. München, Deutscher Taschenbuch Verlag 1998, S. 109

[8] vgl. Beintmann, Cord: Theodor Fontane. München, Deutscher Taschenbuch Verlag 1998, S. 109 - 111

[9] Beintmann, Cord: Theodor Fontane. München, Deutscher Taschenbuch Verlag 1998, S. 113

[10] Beintmann, Cord: Theodor Fontane. München, Deutscher Taschenbuch Verlag 1998, S. 113

[11] vgl. Beintmann, Cord: Theodor Fontane. München, Deutscher Taschenbuch Verlag 1998, S. 114

[12] vgl. Beintmann, Cord: Theodor Fontane. München, Deutscher Taschenbuch Verlag 1998, S. 110

[13] Do, Ki-Sook: Ehe und Ehebruch in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Gutzkow, Stifter, Büchner und Fontane. Berlin, Mensch & Buch Verlag 2003, S. 18

[14] Do, Ki-Sook: Ehe und Ehebruch in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Gutzkow, Stifter, Büchner und Fontane. Berlin, Mensch & Buch Verlag 2003, S. 20

[15] vgl. Harnisch, Antje: Keller, Raabe, Fontane. Geschlecht, Sexualität und Familie im bürgerlichen Realismus. Frankfurt am Main, Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften 1994, S. 19

[16] Platritis, Christos: Die Darstellung der Frau in der Literatur des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts: eine Untersuchung des Frauenbildes im Werk von Theodor Fontane, Hermann Hesse und Nikos Kazantzakis. Frankfurt am Main, Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften 2005, S. 25

[17] vgl. Do, Ki-Sook: Ehe und Ehebruch in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Gutzkow, Stifter, Büchner und Fontane. Berlin, Mensch & Buch Verlag 2003, S. 38

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das glückliche Paar
Untertitel
Die Ehefindung und –schließung in Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Theodor Fontane: ,Vor dem Sturm’ und ,Der Stechlin’ – zwei Romane im Vergleich
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V114677
ISBN (eBook)
9783640166862
ISBN (Buch)
9783640166879
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paar, Theodor, Fontane, Sturm’, Stechlin’, Romane, Vergleich
Arbeit zitieren
Katharina Giers (Autor), 2007, Das glückliche Paar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114677

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