Situation und Auftrag der Geschichtswissenschaften im "Dritten Reich"


Hausarbeit, 2007
26 Seiten, Note: 1,24

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Situation der Geschichtswissenschaften im „Dritten Reich“
1. Das Verhältnis der Historiker zum Nationalsozialismus
2. Der Stand der Forschung zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“

III. Auftrag der Geschichtswissenschaften im „Dritten Reich“
1. Geschichtsbild, Ost- und Westforschung
2. „Kämpfende“ Geisteswissenschaften und die „Aktion Ritterbusch“

IV. Schluss

V. Anmerkungsverzeichnis

VI. Literaturverzeichnis

VII. Anlagen

I. Einleitung

Deutsche Geschichtswissenschaft im „Dritten Reich“ kann neuen Erkenntnissen entsprechend nicht mehr nur als reine „Legitimationswissenschaft“ abgetan werden. Es gilt daher, die Politisierung und Geisteshaltung der Historiker, sowie deren Mobilisierung und Selbstmobilisierung zu erforschen, ebenso den tatsächlichen Tatbeitrag zu den nationalsozialistischen Verbrechen zu ermitteln[i]. In den Fokus geraten hierbei besonders auch Forscher, die nach dem Zweiten Weltkrieg schnell wieder Einfluss gewonnen hatten und die Geschichtswissenschaften der BRD mitbegründeten, wie Theodor Schieder oder Werner Conze. Über Ersteren ist seit 1992 bekannt, dass er Deportationen für über 100.000 Polen vorschlug und auch die „Entjudung“ Restpolens forderte[ii]. Im Sommer 1997 machte der Historiker Jürgen Kocka die NS-Vergangenheit von Historikern zum Gegenstand einer Tagung in der „Berliner Arbeitsstelle für vergleichende Gesellschaftsgeschichte“. Folgekonferenzen waren der für das Thema äußerst aufschlussreiche Historikertag in Frankfurt am Main im Herbst 1998. Im März des Jahres 1999 folgte eine Tagung, bei welcher von der Heinrich Böll Stiftung zusammen mit der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt an der Oder) ein Kolloquium zum Thema „Historiker und Nationalsozialismus“ veranstaltet wurde[iii]. Anhand der starken Rezeption des Themas in Wissenschaft, Internet[iv] und Presse manifestiert sich auch das öffentliche Interesse, ebenso offenbaren sich aber auch viele Kontroversen und neue Fragen. Die F.A.Z brachte es wie folgt auf den Punkt: „Der laufende Streit bezeugt das Bemühen der Historikerzunft, zur Geschichte ihres Faches und damit zu sich selbst ein Verhältnis zu finden“[v]. Da der Themenkomplex einen beträchtlichen Umfang aufweist, sind auch die meisten Forschungen spezieller Art, d.h. ist gibt nur wenige Arbeiten, welche alle oder wenigstens die wichtigsten Aspekte ganzheitlich umfassen. Genau dies soll mit dieser Arbeit versucht werden. Sie soll einen Einblick in die Situation und den Auftrag der Geschichtswissenschaften im „Dritten Reich“ geben, ohne sich in allzu detaillierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu verlieren, allerdings auch ohne die wichtigsten Thesen zu vernachlässigen. Am Ende sollen eindeutige Aussagen darüber getroffen werden, inwieweit Historiker in die nationalsozialistischen Verbrechen „verstrickt“ bzw. schuldig waren und ob eine Kooperation „vorprogrammiert“ war. Hierzu ist es zunächst notwendig, das geistige Verhältnis der Historiker zum Nationalsozialismus, also deren Beweggründe zur Zusammenarbeit darzustellen, wozu ein Rückblick in die Zeit der Weimarer Republik wichtig ist, was in Kapitel II.1. geschehen soll. Hierauf baut schließlich auch Kapitel II.2. auf, welches den Stand der Forschung zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“ zusammenfasst und somit auch darstellt, in welcher Form der damalige Forschungsstand auf den Nationalsozialismus „vorbereitet“ war und ob er ihn sogar vorbereitet hat. Kapitel III.1. stellt schließlich das nationalsozialistische Geschichtsbild der Zeit dar und erklärt die Eigenheiten und Relevanz der Ost- und Westforschung. Um innerdisziplinäre Divergenzen und spezielle, auf den „Kriegseinsatz“ zugeschnittene Geschichtswissenschaften geht es u.a. in Kapitel III.2.. Der Schluss soll eine Zusammenfassung sowie Wiederaufnahme und Beantwortung der Fragestellung beinhalten. Die beiliegenden Anlagen stellen die Besonderheiten der Geschichtsforschungen außerhalb der Universitäten, namentlich dem „Ahnenerbe“ der SS und dem „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“, sowie fortführend die Frage um den Zeitpunkt der Debatte um das Thema und das Wirken belasteter Historiker in der BRD dar.

Seit dem Frankfurter Historikertag 1998 ist das Interesse an der Thematik stark gestiegen, was sich auch in den zahlreichen wichtigen Publikationen[vi] aus der Zeit nach dem Historikertag manifestiert. Diese Publikationswelle flacht seit etwa 2002 wieder ab, obwohl das Themenfeld noch lange nicht „ausgeforscht“ ist. Allerdings ist die Quellenlage auch als lückenhaft einzustufen[vii]. Probleme treten weniger bei der zu erforschenden Materie selbst, als vielmehr bei den darstellenden Historikern auf. Hier ist z.B. Hans-Ulrich Wehler zu nennen, der ein Schüler des nach dem Kriege vom „Volkstumsforscher“ zum Sozialhistoriker konvertierten Theodor Conze war und dem man vorwerfen könnte, seinen Mentor schützen zu wollen. Von diesem Standpunkt aus gesehen, könnten man nun alle Thesen kategorisieren, je nach Verfechter in apologetische oder nicht-apologetische. Da hier aber nicht über eventuelle Absichten der einbezogenen Historikerschaft entschieden werden soll, entfällt diese Kategorisierung hier.

II. Situation der Geschichtswissenschaften im „Dritten Reich“

1. Das Verhältnis der Historiker zum Nationalsozialismus

Dass Historiker an der Neuordnung Europas zu einem „großgermanischen Reich“ nach nationalsozialistischen Vorgaben in der Art beteiligt waren, als dass sie deutsche Herrschaftsansprüche historisch legitimierten oder auch historische Siedlungskarten erstellten, um hieraus Vorschläge für Neu-, Um- und Aussiedlungsmaßnahmen abzuleiten[viii], ist der gegenwärtige wissenschaftliche Konsens. Dieses Kapitel soll das geistige Verhältnis der Historiker zum Nationalsozialismus beleuchten. Die Frage, inwieweit und in welchem Ausmaß, aber auch warum Historiker ihre Dienste dem „Dritten Reich“ zur Verfügung stellten, kann noch nicht eindeutig beantwortet werden, u.a. auch wegen der oft noch lückenhaften Quellenlage[ix]. Es existieren verschiedene Thesen, welche allerdings auf zwei Hauptströmungen reduziert werden können, welche hier kurz vorgestellt werden und bewertet werden sollen.

Bereits in den Sechziger Jahren entwickelten zwei Historiker[x] einen Lösungsansatz. Dieser besagt, dass die personelle und institutionelle sowie ideologische Verflechtung zwischen Historikern und dem Regime eher gering war und dass Historiker nur so lange den staatlichen „Wünschen“ folgten, wie sie es mit ihren eigenen politischen Interessen vereinen konnten. Zudem soll die personelle Ausrichtung innerhalb der Geschichtswissenschaften auf die nationalsozialistische Ideologie und den sich hieraus entwickelten Vorgaben durchaus nicht homogen gewesen sein[xi]. Auch „moderne“ Historiker entwickelten und vertreten diesen Ansatz weiter. So hätten viele Geschichtswissenschaftler dem Nationalsozialismus als politische Linie nicht sehr nahe gestanden und ihre Dienste nur zur Verfügung gestellt, weil sie sich unter diesem Dach die Verwirklichung ihrer eigenen z.B. völkischen und ständestaatlichen Ideen erhofften. Oder sie hätten erst unter dem Eindruck der ersten Kriegserfolge kollaboriert[xii]. Um dieses Verhalten zu verstehen, muss man die Geisteshaltung der Geschichtswissenschaftler etwas weiter Nachverfolgen. Mehrheitlich wurde das Ende des Kaiserreichs von den Historikern bedauert, der Weimarer Republik ablehnend gegenübergestanden (hier laufen beide Lösungsansätze nahezu konform, siehe unten), und die Parteien als Sonderinteressensgruppen gesehen, welche im Gegensatz zu ihnen selbst, den Vertretern der Wissenschaft, nicht dem nationalen Ganzen dienten. Somit erklärt sich der Selbstanspruch der Historiker, unpolitisch und objektiv zu sein[xiii]. Ein Großteil der Historiker hing nämlich dem traditionalistischen Wissenschaftsverständnis aus der Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert an, sie glaubten an die allgemeingültige Wahrheitsfindung durch ihr wissenschaftliches Arbeiten und hielten die Wissenschaft der Politik für vorrangig. Somit widersprach ihre Auffassung von Wissenschaft in starkem Maße der nationalsozialistischen Vorgabe, nach der die Wissenschaften ideologisiert werden sollten[xiv]. Um diese Argumentation zu verstärken, sollen einige Zahlen angeführt werden, nach deren Betrachtung von einem geschlossenen „Überlaufen“ der Geschichtswissenschaftler zum Nationalsozialismus keine Rede mehr sein kann. So waren 31 der insgesamt 147 Lehrstühle (21%) von Entlassungen oder Frühpensionierungen oder Emeritierungen aus rassischen bzw. aus Gründen der Gegnerschaft zum NS-System betroffen. Somit blieben immerhin aber auch 79% der Lehrstühle erhalten, woraufhin sich die Frage stellt, ob diese Wissenschaftler alle treue Nationalsozialisten bzw. Kollaborateure waren[xv]. Man kann sie nicht pauschal beantworten, denn neben den Getreuen und einigen Opportunisten gab es Kritiker, die allerdings aufgrund der drohenden Inhaftierung etc. nicht in einen offenen Widerstand übergingen[xvi]. Andererseits sollen aber auch Sympathisanten nicht vor Kritik zurückgeschreckt sein, wenn die Partei versuchte, die unantastbaren Regeln der Wissenschaft ideologisch zu beeinflussen[xvii]. Dieses Kritisieren war keine Einbahnstraße, denn die Systemkonformität gerade jüngerer Historiker wurde von NS-Ideologen durchaus als heikel bewertet, da deren wissenschaftliche Erkenntnisse oft nicht den Vorstellungen der NS-Ideologie entsprachen. Auch gab es viele Klagen von NS-Dienststellen, die sich über die ideologische Bedeutungslosigkeit historischer Arbeiten beklagten und daraus eine Inkompatibilität der Geschichtswissenschaften mit der nationalsozialistischen Geschichtsauffassung ableiteten[xviii]. Unter Berücksichtigung der oben getroffenen Aussagen ist das Verhältnis der Mehrzahl der Historiker zur NSDAP vor der „Machtergreifung“ also als „wohlwollend distanziert“ zu beschreiben[xix].

Soweit die erste Hauptströmung der Thesen. Der zweite Ansatz verbreitet sich seit den frühen 1990er Jahren und scheint anhand von Quellen ebenfalls belegbar. Er konstatiert den Historikern ein Einschwenken auf voller Linie, sogar die „Selbstgleichschaltung“ zugehöriger Institutionen[xx], was auch eine Neubewertung der Rolle der Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus bedeutet[xxi]. Weiterhin geht es bei diesem Lösungsansatz nicht mehr nur um einige bekannte Fanatiker, sondern um alle Historiker, vom Professor bis zum Schullehrer, gerade auch um die Jüngeren und deren alltäglichen Dienste fürs Regime[xxii]. Somit wird die Frage weitergeführt, die auch Ian Kershaw in seinem Werk „Hitler 1889-1945“ (Stuttgart 1998) stellte, nämlich wie Intellektuelle „sich bereit fanden, unkritisch einem Autodidakten zu gehorchen, dessen einzige unumstrittene Begabung darin Bestand, die niedrigen Empfindungen der Massen aufzupeitschen“. Sie kann auf der affektiven Ebene auch mit der Attraktivität des Gemeinschaftsbegriffes beantwortet werden, der im Zuge der „Kampf- und Leidengemeinschaft“ des Ersten Weltkriegs und der Folgejahre der Weimarer Republik auch mit dem Kampf gegen Republik und Demokratie assoziiert wurde, was die Nationalsozialisten durch die inflationäre Verwendung des Begriffs förderten[xxiii]. Dieser höchst dehnbare Begriff selbst lebte von negativer Ausgrenzung, initiierte aber auch ein Verlangen nach Partizipation an den verschiedenartigsten, aber immer ehrenvollen „Gesellschaften“[xxiv]. Gerade die in den 1880ern geborenen Wissenschaftler lebten und wirkten im Wandel von vier unterschiedlichen Systemen (Kaiserreich, Weimarer Republik, „Drittes Reich“, BRD), die meisten ohne wesentliche Identifikationsproblemen und ohne eine erkennbare Änderung oder Modifizierung ihrer Arbeitsweise. Dieses Verhalten lässt auf eine tiefe Überzeugung der eigenen Grundeinstellung sowie fachlicher Gebräuche schließen[xxv]. Diese Grundeinstellung hatte, zumindest was das Politische betraf, in akademischen Kreisen keine einheitliche Hauptstoßrichtung, sie war jedoch fast immer radikal-revisionistisch. Klar war nur, was man nicht wollte, nämlich eine Republik[xxvi]. Ebenfalls wurde auf breiter Front gegen die „Kriegsschuldlüge“ (§ 231 im Versailler Vertrag) agiert[xxvii]. Dieser akademischen Rechten (der These nach das Gros der Historiker) bot der Nationalsozialismus also eine „Projektionsfläche“, die man mit allen Hoffnungen und Wünschen ausfüllen konnte[xxviii]. Die NSDAP hatte auch bewusst diese für antidemokratisch Denkende attraktiven Rahmen gewählt. Die Forscher selbst glaubten oftmals vor der „Machtergreifung“ noch, diesen Rahmen mit eigener Ideologie füllen zu können. Als sich zeigte, dass die NSDAP-Führung diesen Rahmen sehr wohl selbst bestimmte, waren die außenpolitischen „Erfolge“ der Ära der Hauptgrund für viele Wissenschaftler, nicht mit der Partei zu brechen. Hier sei der „Anschluss“ Österreichs, die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren und das „Generalgouvernement“ zu nennen. Allein diese Aktionen erfüllten schon viele der Forderungen, die Historiker gestellt hatten[xxix].

Man erkennt also, dass die Argumentationen stets in der Weimarer Republik ansetzen und hier auch Einigkeit darüber herrscht, zumindest darüber, dass die Sozialisation der Historiker für deren „Hang“ zum Nationalsozialismus verantwortlich ist. Streitapfel ist nun das Ausmaß und die Intensität der Kooperation. Die Verfechter der ersten These argumentieren mit Statistiken und mit dem angeblich durch wissenschaftliche Tradition hervorgerufenen Selbstbewusstsein, auch gegenüber den Nationalsozialisten. Sie attestieren den Historikern also eine gewisse Sympathie, die aber aufgrund des Massencharakters der NSDAP[xxx] auch kühl blieb und schließen so auf eine geringe geistige Verflechtung und somit auch eine geringere Mitschuld an den Verbrechen des Regimes. Die zweite These bezieht einen breiteren Personenkreis mit in die Untersuchungen ein und will, u.a. basierend auf Sichtungen der SS-Akten vieler Historiker eine wesentlich großflächigere Verflechtung, auch der jüngeren Historiker aufdecken. Als Gründe für die aktive Mitarbeit und Mitschuld wird die stärkere Assoziation mit der NSDAP bereits zu Zeiten der Weimarer Republik genannt.

Da sich beide Ansätze auf Fakten stützen, kann man keinen mit „richtig“ oder „falsch“ bewerten, wobei man sagen kann, dass sich die Quellenlage zugunsten des zweiten Ansatzes verschiebt, den ersten deshalb aber nicht widerlegt. Wie so oft in der Geschichtswissenschaft, erkennt man auch hier, dass Probleme oft komplexer sind als angenommen und für diesen Fall die Geisteshaltung und Schuldfrage der Historiker differenziert betrachtet werden muss, bevor man eindeutige Urteile fällen darf. Trotzdem kann man noch auf einige neuartige Ergebnisse hoffen, da noch eine große Menge Quellen zum Thema gesichtet und ausgewertet werden muss.

2. Der Stand der Forschung zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“

Nachdem die Fragen um das Verhältnis der Historiker zum „Dritten Reich“ und dessen Ideologie und Politik im obigen Kapitel behandelt wurden, soll dieser Abschnitt auch anhand von Beispielen den Stand der Forschung zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“ und dessen Bedeutung für die späteren Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus klären.

Durch verschiedene Studien und wissenschaftliche Arbeiten weiß man heute besser, dass die Geschichtswissenschaften ein umfangreiches Instrumentarium „für das zentrale Problem des jetzigen Krieges und der bevorstehenden Neuordnung Europas“ (Theodor Mayer, Walther Platzhoff 1941)[xxxi] bereithielten, schon lange vor der „Machtergreifung“. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen und standen hierbei neben einzelnen Arbeiten und Ausstellungen vor allem die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“, sog. „Frontuniversitäten“ (Straßburg, Prag, Königsberg und Posen), auch das „Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums“. Belegt ist, dass die Zahl der freiwilligen Helfer, die nicht nur sympathisierten, sondern durch ihre wissenschaftliche Arbeit diskriminierten, legitimierten und die NS-Ideologie mitprägten in die Tausende ging[xxxii]. Die Geschichtswissenschaften passten sich nach der „Machtergreifung“ besonders gut an die nationalsozialistische „Volkstumswissenschaft“ an, die zur Realisierung des NS-Lebensraumgedankens so wichtig war, denn ein ähnliches Konzept wurde bereits in den 20er Jahren entwickelt, als es darum ging, die nach dem Ersten Weltkrieg im Zuge der Pariser Vorortverträge entstandenen Probleme deutscher Minderheiten[xxxiii] zu lösen, für welche das Deutsche Reich eine Art „Fürsorgepflicht“ empfand. Manche Historiker gingen mit ihren Überlegungen über die reine Fürsorge hinaus und wollten die Existenz dieser Minderheiten als Legitimation für eine Machterweiterung des Deutschen Reiches nutzen[xxxiv]. Die Wiedervereinigung deutscher Volksgruppen innerhalb eines neuen Zentraleuropa unter deutscher Führung war also Gegenstand der Volkstumsforschung der zwanziger Jahre, was im Angesicht der Auseinandersetzungen zwischen der neugegründeten Tschechoslowakische Republik und Polen[xxxv] wohl vielen Deutschen sinnvoll erschien. Aus genau diesem Grunde stellte also auch die NSDAP, welche in ihrem Parteiprogramm weitgehend diese Forderungen aufgriff, die einzige Möglichkeit auf dem Parteienfeld der Weimarer Republik für politisch engagierte Historiker dar, auch wenn es oftmals Divergenzen auf dem Gebiet der Rassenfrage gab. Zur Realisierung dieser Ziele wurde von „konservativ-revolutionären“ Antidemokraten u.a. auch die Zeitschrift: „Volk und Reich“ gegründet[xxxvi]. Die Volkstumsforschung kann somit nicht als Kind des Nationalsozialismus deklariert werden, sondern muss als ein Produkt antidemokratischer Forscher zur Zeit der Weimarer Republik gesehen werden[xxxvii]. Jedoch war die Volksgeschichte auch eine Konstante, denn der bisher so konstante Faktor, der „starke Staat“ existierte in den Augen der Wissenschaftler nicht mehr[xxxviii]. Auch die Einführung des Rassebegriffs in die Geschichtswissenschaft war keine nationalsozialistische Erfindung gewesen, sondern hatte wiederum ihre Wurzeln in den Zwanzigern. Ein Novum war damals die Darstellung der Geschichte als Geschichte von „rassischen“ Auseinandersetzungen. Hierbei war die vor dem Hintergrund der „völkischen Rassenlehre“ gezogene Verbindung von Germanen zu „Ariern“ bis hinein ins 20. Jahrhundert ein stets wiederkehrender Parameter. „Es gehört zu den üblichen historischen Vergewisserungen und Artikulationen nationaler Identität, den Ursprung des eigenen Volkes möglichst weit zurückzuwissen“[xxxix]. Hierbei besteht eine Parallele von dem erklärten Alter der Vorfahren zur Wirkungsstärke des Nationalbewusstseins. Das propagieren eines germanisch-urdeutschen Wesens baute u.a. auf Richtungen der Philosophie, Geschichtswissenschaft und „Rassenkunde“ auf und wurde von den Nazis wirkungsvoll zur Aufwertung des Nationalbewusstseins genutzt. Hauptvertreter diese Ideologie war aber weniger Hitler, als vielmehr Rosenberg und Himmler, welche diesem Germanentum auch die kulturstiftende Wirkung und die Überlegenheitskomponente zusprachen[xl]. Der bekannte Gegensatz hierzu war eben die „kulturzerstörende“ und „minderwertige jüdische Rasse“[xli].

[...]


[i] Schulze, Winfried/ Helm, Gerd/ Ott, Thomas: Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Beobachtungen und Überlegungen zu einer Debatte, in: Schulze, Winfried/ Oexle, Otto Gerhard (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 31.

[ii] Aly, Götz: Theodor Schieder, Werner Conze oder die Vorstufen der physischen Vernichtung, in: Schulze, Winfried/ Oexle, Otto Gerhard (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 163.

[iii] Schulze/ Helm/ Ott: Deutsche Historiker,S. 31.

[iv] Siehe hierzu z.B. die Website http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.

[v] Wehler, Hans-Ulrich: In den Fußtapfen der kämpfenden Wissenschaft
Braune Erde an den Schuhen: Haben Historiker wie Theodor Schieder sich nach dem Krieg von ihrer Vergangenheit ganz verabschiedet?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. Januar 1999, Nr. 2, S. 48.

[vi] Als Standardwerke sind einzuordnen: Haar, Ingo: Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten, Göttingen, Zürich 2000. Dieses umfangreiche Werk ist Standard für jeden, der sich mit den personellen und institutionellen Verflechtungen der Historiker sowie näher mit der Ostforschung beschäftigen will. In Referatform auch in dem unten genannten Werk von Schulze/Oexle enthalten. Weiterhin: Hausmann, Frank Rutger: „Deutsche Geisteswissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Aktion Ritterbusch“ (1940-1945), Dresden, München 2002 (Schriften zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte Bd. 1). Hausmann ist Fachmann für die Erforschung der „Aktion Ritterbusch“. Allerdings behandelt dieses Werk die Geisteswissenschaften allgemein. Eine kurze Abhandlung seiner Ergebnisse über die Geschichtswissenschaften ist allerdings in Referatform auch in dem unten genannten Werk von Schulze/Oexle enthalten. Weiterhin: Schönwälder, Karen: Geschichte und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 1992. Nahezu alle neueren Werke greifen die Ergebnisse dieser frühen Studie von Schönwälder auf und entwickeln sie weiter, weshalb diese basale Arbeit von Bedeutung ist. Weiterhin: Schöttler, Peter (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1999. In diesem Werk wurden verschiedenen Aufsätze von größtenteils renommierten Historikern zusammengefasst, welche schon längere Zeit an dem Thema arbeiten und hierzu bereits selbst publizierten. Weiterhin: Schulze, Winfried/ Oexle, Otto Gerhard (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1999. Dieser Band umfasst die überarbeitenden Referate des 42. Historikertags in Frankfurt, von ebenfalls renommierten und themenkundigen Wissenschaftlern.

[vii] Ursachen für das Forschungsdefizit sind u.a. die nur oberflächliche Untersuchung der Historiker, d.h. man durchsuchte ihre Veröffentlichungen auf kritisches Material. An den Veröffentlichungen diverser Nazi-Größen gemessen, schienen die Funde in den meisten Fällen eher harmlos und offenbarten lediglich einen Mitläufercharakter. Nur eine genaue Analyse der Partei- oder SS-Akten der Historiker brachte deren wahre Verstrickung zum Vorschein, z.B. anhand der geknüpften „Seilschaften“ mit eindeutig nazistischen Institutionen (z.B. den „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“). Diese Archivrecherche war außerdem sehr unangenehm, da eventuell das Fortwirken der Betroffenen in der Bundesrepublik zu erklären gewesen wäre. Zudem wurden noch bei weitem nicht alle Ost-Archive überprüft (Schöttler, Peter: Von der rheinischen Landesgeschichte zur nazistischen Volksgeschichte oder Die „unhörbare Stimme des Blutes“, in: Schulze, Winfried/ Oexle, Otto Gerhard (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 90.)

[viii] Elvert, Jürgen: Geschichtswissenschaft, in: Hausmann, Frank-Rutger (Hg): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945. Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 53, München 2002, S. 91.

[ix] Siehe Einleitung.

[x] Siehe Anlage 2

[xi] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 93.

[xii] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 95

[xiii] Fausser, Katja: Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Geschichte der Historischen Institute der Universität Münster 1933-1945, Münster 2000 (Zeitgeschichte – Zeitverständnis Bd. 8), S. 81. Nach Fausser sei dies ein Gegensatz, denn man würde die Historiker aus heutiger Sicht als durchaus politisch, nationalistisch-rückwärtsgewandt und antidemokratisch klassifizieren.

[xiv] Fausser, Geschichtswissenschaft, S 80.

[xv] Unter den 51 Hochschullehrern, die sich am 26. Juli 1932 öffentlich zum Nationalsozialismus bekannten, waren lediglich drei Historiker. Auch das vor den Wahlen vom 12. November 1933 von 960 Professoren unterschriebene Bekenntnis zu Adolf Hitler unterschrieben nur 14 von 183 Ordinarien und planmäßigen Extraordinarien (Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 113).

[xvi] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 113.

[xvii] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 120.

[xviii] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 92.

[xix] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 119.

[xx] Faulenbach, Bernd: Tendenzen der Geschichtswissenschaft im „Dritten Reich“, in: Knigge-Tesche, Renate (Hg.): Berater der braunen Macht, Frankfurt a. M. 1999, S. 27.

[xxi] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 93.

[xxii] Schöttler, Von der rheinischen Landesgeschichte, S. 89.

[xxiii] Der Gesellschaftsbegriff gehört zu jenen, die im Nationalsozialismus und nochmals in den Geisteswissenschaften einen veränderten Sinn sowie auch immer eine affektive Komponente besaßen. Die Selbstmobilisierung der Wissenschaftler gründete sich also nicht nur in karriereorientiertem Opportunismus, sondern auch in dem Wunsch nach bewusster Beteiligung bei der Erschaffung einer neuen Ordnung (Oexle, Otto Gerhard: Die Frage der Emigranten, in: Schulze, Winfried/ Oexle, Otto Gerhard (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 54). Die Frustration und somit auch höhere Bereitschaft zur Kooperation erwuchs vielleicht auch, weil diesem Wunsch durch die Niederlage des Kaiserreichs und die Gründung der WR zweimal nicht entsprochen wurde. Wer sich tiefgehender mit dem Thema der Begriffsverfremdung und –umdeutung befassen möchte, sollte auf die „Lingua Tertii Imperii“ von Victor Klemperer zurückgreifen.

[xxiv] Oexle, Otto Gerhard: Die Frage der Emigranten, in: Schulze, Winfried/ Oexle, Otto Gerhard (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 53.

[xxv] Hausmann, Frank-Rutger: Der „Kriegseinsatz“ der Deutschen Geisteswissenschaften im Zweiten Weltkrieg (1940-1945), in: Schulze, Winfried/ Oexle, Otto Gerhard (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 64. [xxvi] Faulenbach, Tendenzen, S. 28. Präziser gesagt wurde dass von Woodrow Wilson geforderte Prinzip der nationalen Selbstbestimmung abgelehnt, weil dies auf ethnischen und sprachlichen Gegebenheiten basieren sollte, also ein bloßer Vorwand, um die Ostprovinzen aus dem Reichverband auszulösen (Mommsen, Wolfgang J.: Vom „Volkstumskampf“ zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in Osteuropa. Zur Rolle der deutschen Historiker unter dem Nationalsozialismus, in: Schulze, Winfried/ Oexle, Otto Gerhard (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 184).

[xxvii] Mommsen, Vom „Volkstumskampf“, S. 184.

[xxviii] Oexle, Die Frage, S.55.

[xxix] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 118.

[xxx] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 119.

[xxxi] Zitiert nach: Schöttler, Peter: Einleitende Bemerkungen, in: Schöttler, Peter (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1999, S. 8.

[xxxii] Schulze/ Helm/ Ott: Deutsche Historiker, S. 16.

[xxxiii] Es waren durch Gebietsabtrennungen Minderheiten im südlichen Ermland, im nordöstlichen Ostpreußen, Hinterpommern, in der Ober- und Niederlausitz sowie den Masuren und Oberschleßien im Osten sowie in Elsaß und Lothringen im Westen entstanden, um nur die Wichtigsten zu nennen (Kossert, Andreas: „Grenzlandpolitik“ und Ostforschung an der Peripherie des Reiches, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Ausgabe 2, 2003, S. 118).

[xxxiv] Hier ist „Weimarer Revisionismus“ ein Stichwort, welcher als politische Strömung die Rückgewinnung verlorener Gebiete verlangte und sich auf den gesellschaftlichen Konsens der Zeit stützen konnte (Kossert, „Grenzlandpolitik“, S. 123).

[xxxv] Mommsen, Vom „Volkstumskampf“, S. 184.

[xxxvi] „Volk und Reich“ hatte sich der politischen Neugliederung des europäischen Raumes, der Befriedung des mitteleuropäischen Raumes nach allgemeingültigen Rechtsgrundsätzen, der Eingliederung der deutschen Wirtschaft in die mitteleuropäische durch Schaffung eines geschlossenen mitteleuropäischen Binnenmarktes, der Pflege der deutschen Sprache als mitteleuropäische Verkehrssprache, der Erhaltung und dem Schutz der deutschen Volksgruppen in Mitteleuropa, als Vermittler deutscher Kultur sowie der Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Technik verschrieben (Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 116).

[xxxvii] Elvert, Geschichtswissenschaft, S. 116-117.

[xxxviii] Wehler, In den Fußtapfen, S. 48.

[xxxix] Zitiert nach Fausser, Geschichtswissenschaft, S.16.

[xl] Siehe hierzu auch Kapitel III.1.

[xli] Fausser, Geschichtswissenschaft, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Situation und Auftrag der Geschichtswissenschaften im "Dritten Reich"
Veranstaltung
Militärgeschichtsunterricht an der Offizierschule der Luftwaffe
Note
1,24
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V114843
ISBN (eBook)
9783640162338
ISBN (Buch)
9783640171989
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit dieser Hausarbeit gewann der Autor den Bestpreis des Landes Bayern, übereicht durch Staatsminister Goppel.
Schlagworte
Situation, Auftrag, Geschichtswissenschaften, Dritten, Reich, Militärgeschichtsunterricht, Offizierschule, Luftwaffe
Arbeit zitieren
Christian Hauck (Autor), 2007, Situation und Auftrag der Geschichtswissenschaften im "Dritten Reich", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114843

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